Unterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 193. Donnerstag den 12. Oktober. 1911 (Nlichdrilck verboten.) SM Vor dem Sturm. Roman von M. E. delleGrazie. Als das Mädchen auf die Straße hinaustrat, schlug die Turmuhr gerade die vierte Nachmittagsstunde.„Ilm fünft kann i zcb'n sein." überlegte Nosala.„'leicht begegnet j' via a schon unterwegs.. Sie lief, was sie laufen konnte. Der Frühlingshimmel lachte blau und wolkenlos auf sie herab. Fluren und Saaten grünten. Alles lag so hell, so licht, so selbstverständlich da! Warum sollte gerade der Anna- liese etwas gescheh'n sein? Wie die Nosala seht so zuversichtlich in den leuchtenden Gottessrieden hineinlief, konnte sie selbst nicht begreifen, was ihr früher das Herz so schwor ge- macht. Die Mutter hatte doch nicht ganz unrecht mit ihrem „Gepenz"! Aus halbem Wege sah sie den gräflichen Leibjäger. Er kam von der Oeduug her und trug ein Stück zusammen- gerolltes Zeug in der Hand.„Wo hob' i so wos Blobs nur schon g'seh'n?" dachte die Rosala ganz nebenbei und ohne jedes Arg. Als der Jäger aber näherkam und merkte, daß ihr Blick an dem Zeug hing, ließ er es mit einem fast scheuen Ruck in seiner Jagdtasche verschwinden.„Wird a Flonk'n für sei' Liabste g'west sein," dachte Rosala.„No. i nniaß ja nix g'seh'n hob'n!" Nur nach der Annaliese hätte sie ihn gerne gefragt! Er kam ja von dort her, wenigstens der Rich- tnng nach. Gerade nur ein Acker trennte sie noch von ihm. Er ging längs des Waldsaumes dahin, sie lief über die Wiesen her. „Heiner!" rief sie und winkte ihm, stehen zu bleiben. Er hatte wohl nicht gehört, denn plötzlich trat er wieder in den Wald zurück und verschwand hinter dem dichten Buschwerk. „No an Schnaß wird er moch'n woll'u." tröstete sich die Ro- sala.„Und do hob'n f's nit gern, wonn eahna wer über'n Weg rennt No—" sie kam ja auch allein weiter. Ter Heiner aber hatte die Nosala wohl bemerkt und als er sie winken sah. blieb ihm ordentlich das Herz steh'u. Denn er wußte ja sofort, um wen sie fragen wollte! Und den Bescheid könnt er ihr nicht geben: er nicht! Dazu fühlte sich der Heiner nicht„kurafchiert" genug, wenn er auch ei» Mann war. Denn was er da in seiner Tasche heimtrug— und sonst noch geseh'n an dem Ort. an dem er das Zeug ge- sunden.... Ein Schauer lief ihm über den Rücken, wenn es auch ein Rücken war. der sich ebenso tief als geschmeidig krümmen konnte. Die Gänsehaut hatte er sich noch nicht ab- gewöhnt. Und einen Nest Gewissen hatte er auch noch, der Heiner, so viel er auch bisher beim gnädigen Herrn gesehen und mitangchört. Er war eben noch immer nicht„perfekt", wie der Mexikaner von folchen Toniestiken zu sagen pflegte. Nicht ganz auf der idealen Höhe, von der die Leibtrabanten eines großen Herrn noch verächtlicher auf die gemeinen Leute herabsahen, als die großen Herren selbst. Der dumme Kerl konnte es nämlich»och immer nicht vergessen, daß er selbst gemeiner Leute Kind war. Manches hatte er allerdings schon gelernt, nnd er hätte kein armer Teufel sein müssen, wenn ihn die Karriere deS Mexikaners nicht geblendet hätte. Gar so hoch verstieg er sich freilich nicht in seinen ehrgeizigen Träumen. Wenn er es so weit brachte wie der Predal, war es ja noch immer schön genug! Ter Predal hatte auch mit dem„Zutreiben" begonnen Nun saß er im Fett bis an die Ohren, hatte Feld und Hof und Schank. Weiter reichte anch der Ehrgeiz des Heiner nicht. Und weil er das eine wollte, durfte er eben auch das andere nicht scheuen. Das„Zutreiben" machte ihn also schon lange nicht mehr rot. Aber— aber... wenn es ein solches Ende nahm! Und plötzlich schüttelte sich der Leib- säger Seiner Gnaden und rannte, rannte, was er nur rennen konnte. Bloß um endlich den Wald hinter sich zu haben und das unselige Zeug aus der Tasche.„Was der Mexikaner für ein Gesicht machen wird?" dachte er dabei. Aber seltsam! Nicht einmal die Schadenfreude, die in dem hintersten Winkel der Bedicntenseelcn so oft einen großen Tag sciert— nicht einmal sie half ihm über dieses seltsame Grauen hinweg, das immer nnd immer wieder in seiner Seele emporstieg und ihm das zeigte, was er mit angststarren Augen gesehen— dort, am Wasser. Und plötzlich fing er wieder zu laufen an und lief, lief, bis er den Turmhahn des Lorowitzer Schlosses von der Höhe funkeln sah. Der Mexikaner saß um diese Stunde gewöhnlich beim Wein, bei seinem„Speziellen", wie er das Tröpfchen nannte, das ihm der Kellermeister Tag für Tag zur selben Stunde auf den Tisch setzte. Schlecht war er nicht, dieser Tropfen. Denn auch der Kellermeister war in der Schule des Meri- kaners klug und weltkundig geworden, und ein dankbares Gemüt hatte er auch. Ließ sein Amt und die Laune des gnädigen Herrn ihm etwas Zeit, setzte er sich wohl für ein Stündchen mit seinem eigenen Glas in die Stube des Mexi- kaners und dann begann es dort zu„wildeln". wie die Tiener sagten. Sie hatten so vieles erlebt, die beiden Ehren- männer! Und was noch zu erleben ihnen Gesundheit und Alter nicht mehr gestatteten, dafür hielten sie ihre„Erinne- rungen" schadlos.„Heut' läut'n s' wieder das Antoniglöckl!" pflegte der Kastellan zu sagen, der neben der Stube des Mexi- kaners sein„Gnadenbrot" aß. Er war noch im Dienst der „Gräfin selig" gestanden und selbst ein„beteter Mann". Nun mußte er in hohen Jahren lernen, mit dem Teufel Tür an Türe zu hausen. Es war keine leichte Ausgabe. Die Stube des Mexikaners füllte das Erdgeschoß des Turmes aus. der nach Norden das Schloß flankierte. Efeu und wilder Wein kletterten hoch über die Fenster empor und ließen ihre flatternde» Ranken lustig im Winde spielen. Die Mauern hatten hier die Ticke einer Armlänge. So blieb es im Winter warm und im Sommer hübsch kühl und beides konnte der Mexikaner brauchen. Er war gichtisch und schlag- fällig. Aber noch einen Vorzug hatte diese Stube. Von ihren Fenstern konnte man den ganzen Schloßhof überblicken. Jeden seh'n, der kam oder ging. Das war auch ein Vergnügen und meist sogar eines, das noch Geld trug. Denn wer hier kam, hatte meist ein Anliegen, und wer ging, eine Sache, die er halb und halb verloren gab. Wenn sich der Mexikaner aber einer solchen Bitte annahm oder eine solche Sache begutachtete. ging in der Regel alles merkwürdig rasch und glatt. So saß er wie eine alte, träge Spinne in seinem Turmloch und harrte der Beute, die ihm von selbst ins Netz flog. Und es waren nicht die dümmsten Leute, die sich von ihm eine gute Stunde beim gnädigen Herrn erkauften. Heute war der gnädige Herr in bester Laune heimgekehrt. lind die gute Laune des Gebieters hatte sich auch für ihn bereits gelohnt. Zwei Bauern, deren Angelegenheit er gegen den Justitiär befürwortet, kamen mit heiler Haut und ohne Buße davon. Sic hatten es ihm reichlich zu Tank gewußt. Nun saß er da und ließ sich den„Speziellen" noch einmal so gut munden. Nicht daß der Graf ihm deshalb„aufgesessen" wäre. Der wußte sehr gut um die Sporte!, die seinem Ver- trauten bei einem solchen Handel in die Tasche fielen. Auch der Justitiär, dem der Mexikaner das eigene Geschäft ver- darb, hatte„diesbezüglich" schon manches unwillige Wort fallen lassen. Aber Seine Gnaden blieben„diesbezüglich" :aub für jede Klage der entrüsteten Justiz. Ja, noch mehr... Seine Gnaden hatten von Zeit zu Zeit sogar einen„Mord- spaß" an den Gallenkoliken der also um ihr Teil verkürzten Gerechtigkeit und trugen die, für das eigene„Haben" angc- drohten Schäden mir einer Art komischer Wehmut. Ter Mexikaner war eben klüger als der Justitiär. wenngleich er niemals ein Kolleg über„praktische Philosophie" gehört hatte. Da war nun cinmal nichts zu machen. Er vermochte eben mehr, weil er— mehr wußte. Ter Wein mundete ihm also vortresslich, und da sein Nachbar, der Kastellan, an einer schweren Lungenentzündung erkrankt war, fehlte nichts zu seinem Wohlbehagen. Wie lauge könnt' es der«alte Kerl noch machen? Höchstens drei Tage! Dann war der letzte draußen," der ihn von Zeit zu Zeit noch die Verachtung fühlen ließ, mit der ihn die„Frau Gräfin selig" behandelt. Ja, es konnte jetzt noch cinmal so gemütlich hier werden! Da klopfte der Heiner. „Wer ist's?" grollte der Mexikaner. Er liebte es nicht. um diese Stunde gestört zu werden, und daß es nicht sein Freund, der Kellermeister, war, wußte er heute. Langsam össnete sich die Tür.„Schau, der Heiner!" Er machte eine Pause und blieb sitzen, um dem Leibjäger '--tM■-•■■■■... Zeit zu lassen, erst sein»Ist's erlaubt?" anzubringen. In solchen Dingen hielt er auf„Distance". Aber seltsam! Der Heiner machte heute so gar keine Umstände, vergaß sogar, die Kappe abzunehmen. „Oho!" dachte der Mexikaner. Aber da stand der lange Kerl schon vor ihm— todbleich, und legte eine blaue Weiber- schürze und ein rotes Kopftuch auf seinen Tisch nieder: ohne ein Wort zu sagen. „No— 0?" machte der Mexikaner. Seine Hand fuhr unwillkürlich nach dem Zeug.„Ist ja ganz naß," rief er ärgerlich,„Pfui Teufel!" «Weil's auf dem Teich rumg'schwommen ist!" gab der Heiner langsam zurück. Er keuchte noch immer von dem raschen Lauf und die Hand, die auf dem Gewehrriemen lag, bebte. „Und was soll denn ich damit?" fuhr der Mexikaner auf. Die seltsmne Haltung des Kerls begann ihn allmählich zu reizen. Aber der Heiner ließ sich heute nicht imponieren, absolut nicht. Und während er dem Unwirschen das dümmste Bauern- gesicht entgegenhielt, das dieser seit langem gesehen zu haben meinte, erwiderte er lakonisch:„I ch kann dös doch nicht dem Herrn Grafen sagen!" „Was kann er dem Grafen nicht sagen?" Das kam schon um vieles vorsichtiger heraus und leiser. Und ein Un- behagen, das plötzlich aus den dunklen Tiefen seines Innern emporstieg, machte ihn noch vorsichtiger. Weibersachen, da konnte man ja nie wissen... Der Heiner sah noch einmal zurück, ob die Tür auch wohl geschlossen wäre. Und nachdem er aufs neue tief Atem geholt, murmelte er verstört:„No, daß sich Jillys Annalies ertränkt hat!" Der Mexikaner war sonst heikel auf seine Beine: denn wie gesagt, er hatte die Gicht drin und weil die gerade im Frühling immer besonders arg kam, mußte er sich bei jeder Bewegung gar sehr in Acht nehmen. Diesmal aber fuhr er mit beiden Füßen zugleich empor.„Hol's der Teufel!" brüllte er gleich darauf vor Schmerz und sah den Heiner an, als ob der ihm nun aus Mitleid etwas anderes sagen sollte? Doch der Heiner verzog keine Miene und nahm auch nicht ein Wort zurück. Also schien die Sache wahr. tFortsetzung folgt.). lNachdruck DerbuleiU 28] Die jMelftenn. Von A u g u st Friedrich Krause. ..'s Nesthäkek is sie, die Anna, na gell?" fragte sie, als sie der Gelähmten gegenüber Platz genommen hatte. „Wir haben sie nicht asu gehalten, der selige Krimke und ich!" „Hat sie schon ans Heiraten gedacht?" „Ach je, dodermiete hat's noch Zeit. Angeboten haben sich ihr schon genung; aber Du weiß ja, wic's geht: amal paßt das nich und amal jenes!" Die Rotheru nickte. „Wie alt is sie denn?" .Dreiundzwanzig wird sie auf Johanni!" „Da war sie nich zu alt für mein'» Paule!" Nur kurz und von der Seite her ließ die Bäuerin ihren auf- inerksamen Blick über das Gesicht der andern gleiten, tat aber, als wäre in der Bemerkung nichts Besonderes: „Zu alt grade nich," wich sie aus. „Hätt'st Du sonst was dagegen?" Auf diese direkte Frage sah die Gelähmte ihr offen in die Augen: „'s war' schon manches!" „Was wär' denn das?" „A bisse! jung zum Heiraten is er noch, der Paule!" ..Ich kann nich warten, bis er älter is!" entgegnete Frau Rothcr rauh. „Warum pressiert Dir'sch denn asu?" „Mir sitzt der Tod auf'm Nacken!" „Jeses, Rothern," rief die Bäuerin erschreckt und haschte, sich vorbeugend, mit ihrer gesunden Linken nach den lässig im Schoß ruhenden Händen der Meisterin. Fest, aber mit ruhigem Blick, sah die ihr in die Augen: „Ock das eine Hab' ich noch in die Richte zu bringen, dann kann ich gern sr-rben." Die BäueiSn, auch schon vom Tode gezeichnet, starrte, den Schreck im Herzen, die andere entsetzt an. Sie wollte noch nicht sterben, sie noch nicht! Sic hatte noch viel zu richten auf Erden! „Sieh ock. Krimken," fuhr die Meisterin fort für ihren Sohn zu werben, als hätte sie Eile, ihr Vorhaben zu Ende zu bringen, „der Paul hat viel von sc'Ncui Vater. Wenn der nicht eine harte Hand kriegt, da wird er schlecht. Dein Mädel, die war' die rechte für'n, glaub ich. Die weiß, was sie will und kann was sie will. Die hat die rechte Hand für'n und's rechte Herze auch." Noch immer ganz verstört, nickte die Gelähmte zu allem: „Ju, ju. ju! Du hast ju recht!" „Hätt'ste sonst noch was gegen a Paule?" „Nee, nee, suste nischt!" wehrte die Bäuerin und mußte immer nur, Tränen in den Augen, die dem Tode Geweihte ansehen, so erschüttert hatte sie, was sie vernommen. Und ganz vergessen war, daß ihr vor/itx viel mehr auf dem Herzen gelegen, als die Jugend des Burschen. „Wärste da einverstanden?" fragte die Rothern aufatmend. „Wenn die Anna will!" „Die können wir ja fragen!" Ehe sie aber die Haustochter rief, legte sie der Krimke-Bäuerin ihre Geld- und Geschäftsverhältnisse bis ins einzelne vor und ließ sich berichten, was die Braut mit in die Ehe bringen würde. „Es muß alles seine Richtigkeit haben," erklärte sie, und damit war auch die Bäuerin einverstanden, die über diesen VerHand- lungeu ihren Schreck wieder vergessen hatte. Als die Mutter dem Mädchen auseinandersetzte, was sie mit der Meisterin besprochen hatte, richtete es die ernsten, klaren Augen fest auf die Werberin. „A Paule?" fragte es zweifelnd. „Ju, a Paule," bestätigte die Gelähmte. Da schüttelte die Anna langsam den Kopf. „Ich mag der Glück-Gretc nich ins Gehege kommen." Die Mienen der Frau Rother umfinsterten sich. „Das hat a Ende," stieß sie hart hervor,„ein für allemal!" Aber der Jungen blieben die Zweifel. „Ich Hab die beiden amal gesehn mit'nander," berichtete sie mit leiserer Stimme, und eine feine Röte stieg ihr ins Gesicht bei der Erinnerung,„da mag ich mich nich dazwischen drängen." Fest preßten sich die schmalen Lippen der Meisterin aufcin- ander, und ihre Augen bekamen dunkleren, härteren Glanz. „Wenns doch nu aber a Ende hat," redete die Gelähmte zu. „Das Ende hat bloß die Mutter gemacht, nicht der Paul!" Da quoll jäh die Angst in der vielgequälten Frau über, daß die Anna auf ihrer Weigerung beharren könnte, und die schlaff herabhängende Hand der Jungen fassend, flehte sie, ihrer selbst kaum mächtig: „Tu mir das nicht an, Anna, daß Du nein sagst! Um Gottes willen, tu mir das nicht an!" Und ein kurzes, hartes Aufschluchzen, wild und verzweifelt, würgte sich aus ihrer Kehle. Erschreckt, fast befremdet von dem Ausbruch der Kalten, Ver- schlossenen trat das Mädchen einen Schritt zurück. Aber schon hatte die Meisterin sich wieder in der Gewalt. Ihre Mienen, über die noch soeben die Angst geflammt, waren schon wieder so kalt und unbeweglich wie immer. Sie stand auf, und in ihrer ganzen Haltung war derbe Eni- schlossenheit: „Er soll selber kommen zu Dir und sagen, daß's a Ende hat mit der Grete." Ganz dicht trat sie vor daS Mädchen hin und sah ihm fest in die Augen: „Willst'n dann nehmen?" Die Anna aber schlug den Blick nicht nieder, wie alle sonst taten, die das Auge der Meisterin so bannte, und ein paar Sekunden standen die beiden Frauen sich schweigend gegenüber, jede tief in der Seele der anderen grabend, bis das Mädchen endlich die Ant- wort fand: „Dann ja!" Die Mutter sah ihre Tochter verwundert an:� Die hat ja denselben harten Ton in der Stimme wie die Rothcr», dachte sie. 1!. Am Abend desselben Tages noch, an dem die Meisterin bei der Krimke-Bäuerin gewesen und für ihren Sohn um die jüngste Tochter geworben, hatte sie eine Unterredung mit deni Paul. Der war wie aus den Wolken gefallen, als er hörte, welchen Gang die Mutter am Nachmittag für ihn unternommen. „Die Krimkc-Anna?" fragte er und war dabei totenblaß im Gesicht. „'s is a gut Mädel," lobte die Mutter,„und tüchtig is sei. Die wird Dir a Hausstand gut in Ordnung halten!" Und sie erzählte, wie sie auf dem Krimke-Hofe alles so blitz- sauber und ordentlich gefunden habe, keinen Fleck auf den Dielen, kein Stäubchen auf den Möbeln. Und alles habe die Anna zu schaffen; die alte Bäuerin könne doch nichts mehr tun, und der jungen, der Frau vom Sohne, läge die Viehwirtschaft genug auf, daß sie um das Hauswesen sich nicht kümmern könnc.� Eine schöne Ausstattung bekäme die Anna auch und ein gut Stück Geld noch obendrein. „Ich Heirat' noch nich!" stieß der Paul plötzlich hervor, ohne dabei die Mutter anzusehen, und die Blässe seines Gesichts wechselte jäh mit tiefer Räte, die bis in den Nacken hinabstrahlte. Auch die Mutter wußte, woran er dachte. „In einem Vierteljahr oder schon eher bist Tu alleine, da brauchst Du eine Frau, die Dir Dein bisse!.Gelumpe zusammen- hält!." Erschrocken, daß auch sie es wußte, die er ahnungslos wähnte, sah der Paul auf. .Alleine?" fragte er mit zitternder Stimme. „Ja. dann bin ich nicht mehr!" Und sie sah ihn an mit einem stillen, tiefernsten Blick, der ihm in die Seele drang. Ein würgendes Schluchzen stieg ihm in die Kehle, und sich tief nach vorn überbeugend, stützte er die Ellbogen auf die Knie und barg das Gesicht in beiden Händen. „Ich kann nich, Mutter!" Dumpf und gepreßt wie verhaltene Schreie quollen die Worte zwischen den Fingern hervor und suchten den Weg zum Herzen der Mutter. Den fanden sie auch; aber die harte Frau ließ sich nichts merken, nur die Augen wurden dunkler, als wären Tränen darüber gegangen. „Warum nicht?" fragte sie härter, als sie wollte. Da brach es mit der Kraft der Verzweiflung aus ihm heraus: „Die Grete will ich!" schrie er auf und schüttelte wie im Krampf die Fäuste.„Ock die Grete will ich. sonst keine!" Und seine Augen glühten im düsteren Feuer eines leidenschaftlichen Schmerzes. Die Kranke schwieg und preßte die Lippen fest aufeinander, daß kein unbedachtes, törichtes Wort aus dem wehen Herzen ent- schlüpfen konnte, und aller Kampf, so unsäglich schwer er auch war, spielte sich völlig im verborgensten Innern ihrer Seele ab. Das unbewegliche Gesicht der Mutter wühlte in dem Burschen vollends allen Schmerz auf. Zu ihren Füßen warf es ihn nieder; den Kopf in ihrem Schoß bergend, schluchzte er auf in ver- zweifeltem Weh. Leise und zag, als schäme sie sich dieses Tuns, strich sie dem Sohne über das Haar, und heimlich glomm dabei in ihren Augen ein heißes Leuchten auf, und ihr Blick verlor sich in fernste Fernen. Wieder und wieder ging scheu die harte Mutterhand über das weiche Haar, und in dieser Berührung, die ihm so unsäglich wohl tat, daß sein Schluchzen zum Weinen wurde und alle Wildheit verlor, strömte die große Liebe dieses verschlossenen Mutterherzens in ihn über, beruhigte und milderte seinen Schmerz. In dieser Stunde erzählte sie ihm ihr Leben, was sie gelitten und was sie gekämpft, einzig für ihn, und redete auch von dem, was der Schuster ihr angetan und warum sie Todfeinde geworden. Es war, als ob sich bei diesem Erzählen zum ersten Male ihr Herz ganz zn öffnen vermöchte: in ihren schlichten, von einer leisen, ruhigen Stimme gesprochenen Worten schwang ein feiner Unterton mit, der den: in tiefster Seele Aufgewühlten eindring- licher machte, wie bitter sie gelitten hatte, als alle Miorte je ver- macht hätten. Alle Erinnerungen seiner Jugend lebten bei ihrem Erzählen wieder in ihm auf; Erlebnisse, die er hingenommen und behalten, weil sie ihm weh getan oder sonstwie Eindruck auf ihn gemacht hatten, bekamen ihm nun erst Sinn, und manches lernte er deuten, was bisher ihm dunkel geblieben war. Auch von der Mutter selbst bekam er ein anderes Bild, das ihm in einem neuen Glänze: in dem verklärenden Schimmer ihrer Liebe strahlte. tFortsetzung folgt.> )Zus freund Lampee Lebern Von C. Schenkling. Menschen, Hunde. Wölfe, Lüchse, Katzen, Marder, Wiesel, Füchse, Adler, Uhu, Raben Krähen, Jeder Habicht, den wir sehen, Elstern auch nicht zu vergessen: Alles, alles will ihn fressen— den Hasen nämlich. Die Zeit hat begönne», in der die Grünröcke und Sonntagsjäger hinausziehen, diesem bekanntesten unter den jagdbare» Tieren nachzustellen, und— da» weiß Meister Lampe ganz genau. Wenn die Ernte in vollem Gange ist und die Hasen von einem noch mit Frucht bestandenen Acker zum anderen getrieben werden, rücken sie mit wenigen Ausnahmen in den Busch. Erst bei ein- getretener Ruhe, im Oktober, trifft man sie auf dem Sturzacker wieder an, und weniger der Laubfall in Wald und Hain, als vielmehr die Neignng, den Ort, wo sie ge- boren, wieder aufzusuchen, führt sie dahin. Es ist wohl als sicher anzunehmen, daß ein jede? einigermaßen höher angelegte und mit freiem Willen bis zu einem gewissen Grade begabte Tier ein Heimatsgefühl, eine mehr oder ininder große Anhänglichkeit an die Stätte seiner Geburt hat. Wie rührend! wird ei» empfindsam Gemüt sagen. Emvjindlichkeit kennt die Natur aber nicht, und wenn es bisweilen auch so scheint, so braucht man nur näher hinzusehen und toird finden, daß ganz andere Dinge dahinter stecken. So auch in diesem Falle. An dem Orte, wo das Häschen geboren wurde und aufwuchs, da ivurde es unbewußt und spielend gewissermaßen vertraut nnl den umgebenden Verhältnissen, in die cS durch die kluge Wahl der Alten gesetzt wurde. Könnte eS hier bleiben, so hätte es nicht nöüg, mühselig neue Erfahrungen zu sammeln und sich in neue Verhältnisie zu schicken, was doch immer mit größeren und kleinerer. Unbequemlichkeiten verbunden ist, die ein jedes Lebewesen nach Kräften zu umgehen strebt— soweit dies eben mög-> lich. Solch gemütliche Zustände, wie sie uns Gustav Schwab in seinem bekannten Gedicht schilderr, gibt's längst nicht mehr. Das Kind weilt nur in den seltensten Fällen mit der Urahne unter einem Dach; die Familie wird zersplittert. So ist's auch der Hasenfamilie ergangen. Ein Teil, und zwar der weitaus größeste, hat seinen Sitz im fteien Felde beibehalten, ein zweiter ist in die an ausgedehnten Feldbreiten grenzende Gehölze gezogen und ein dritter hat im Walde Unter- sch'upf gesucht und gefunden, daher man die Hasen nach ihrem Aufenthaltsorte in Feld-, Busch- und Waldhasen unterscheidet. Diese Eiuteilnng ist allerdings nickt ganz zutreffend, wiewohl in aus- gedehnten Waldungen Hasen leben, die nie das Feld aufsuchen und als sogenannte Holzhasen eine größere Statur erreichen. Als eigentliche Heimat des Hasen möchte Deutschland zu be- trachten sein; außer diesem vielleicht Ungarn und die unteren Douauländer. Hier bevorzugt der Hase die Ebenen, in welchen Ackenbau und Viehzuckt betrieben werden und es an Verstecken, Gebüschen und Feldhölzern nicht fehlt. Die hasenreichste Gegend Deutschlands ist das Gebiet der unteren Saale und mittleren Elbe, für Oesterreich wäre als solche Böhmen anzusehen. Nächst diesen Landschaften sind ihres Reichtums an Hasen wegen zu nennen: Anhalt, Schwaben, das Königreich Sachsen, die sächsischen Herzog- tümer, die Provinzen Schlesien und Sachsen und das König- reich Bayern. Sonst ist der beliebte Nager über alle europäischen Länder de» MiltelmeerbeckcnS verbreitet.[In vorwiegend bewaldeten Gegenden tritt er spärlicher auf, in ausgedehnte» Waldkomplexen nur selten. Welliges Hügel- terrain bewohnt er gern, in höheren Lagen kommt er dagegen kaum mehr vor. Obwohl er im Kaukasus bei 2000 Meter und in den Alpen bei 1600 MeVe Höhe noch lebt, ist er im bayerischen Obcrlande doch sckon bei 1000 Meter nur ausnahmsweise anzutreffen und weicht über diese Grenze gar bald seinem weißröckigen Vetter. dem Schneehasen. Der Hase ist der Galan der Wildbahn. Wohl hat ihm Mutter Natur als Wonnemenat den Februar zugedacht, aber das kümmert unfern Bonvivant blutwenig. Solange des Winters strenges Regiment ihm nicht das Mütchen kühlt, ist er jederzeit bereit, der Raiur ein Schnippchen zu schlagen, und wenn er gute Aesung an Winterrapö und Klee findet, beginnen seine Liebeleien bereits anfangs Januar. Wenn auch die Furckt der Hauptcharaklerzug der Hasen ist — aus welchem Grunde ihn Vater Linnö timiäus, d. i. der Furcht- same nannte—, so ändert sich das Bild, sobald die Minnezeit da ist. Hat sick ein Pärchen zusammengefunden, so beginnt eine ver- liebte Neckerei ohne Ende mit Streicheln und Küssen, mit drolligem Wettlauf und Hakenschlag in. Bald findet sich ein Nebenbuhler ein, und vier, fünf Rivalen fahren aufeinander los, purzeln übereinander, machen Kegel und Männchen, beginnen von neuem den Kampf und be- teiligcn sich daran mit so kräftigen Ohrfeigen, daß[nach der land- läufigen Redensart) die Haare fliegen. Ganz harmlos verlaufen aller- ding» diese Kämpfe nicht immer. Der Jägerwelt sind zahlreiche Fälle bekannt, daß sich nicht nur die Rammler ernstlich gefährder hatten(Verlust der Seher usw.), sondern auch die Umworbene das Opfer der Raufereien wurde. Nach vierwöchiger Tragzeit setzt die Häsin in ein mit Wolle, Laub und Gras ausgepolstertes Lager ein bis zwei Junge; das zweitemal sind e» drei bis sünf, das drittemal zwei bis drei, das vicrtemal zwei. Selten erfolgt im September noch ein fünfter Satz. Die Häsin ist zwar keine zärtliche Mutter, doch ist sie mitunter auch der Aufopferung für ihre Jungen fähig. Nicht nur die lüsternen Krähe» und den listigen Fuchs vertreibt sie; sie wagt sich sogar an den Menschen. Der bekannte Jagdschriststeller v. Thüngcn erzählt darüber folgendes:„Beim Mäbeir eines Gersten- feldes fanden die Schnitter ein Junghäschen. Einer der Arbeiter bückte sich nieder und ergriff das Tierchen bei den Löffeln, um es aufzunehmen. Da fuhr aus der noch ungemähtcn Gerste die Häsin, sprang und warf sick wiederholt an den Mann, um ihn an- scheinend zn veranlassen, das Junge freizugeben. Ans Zurus des Besitzers ließ der Scknitter das Häschen los und kaum war dies geschehen, als die Häsin auf da» Kleine zusprang, es mit den Zähnen im Nacken packle und in rasender Eile davonlief." Und wenn der Leichtsinn der Mutler wirklich so groß wäre, wie vermöchten dann die kleinen, ganz hililosen Tierchen, die man gleich jungen Vögelckeu im Neste nebeneinander sitzen sieht, ihr Leben zu fristen? Oft erblicken sie zn einer Zeit das Licht der Welt, Ivo lvcil und breit noch ke'n grünes Hälmcken sproßt, das zart genug wäre, um von ihnen verzehrt' werden zu können. In dieser Hinsicht bedarf noch ein Punkt der Aufklärung: Es hat nämlich bisher nock keinem Waidmann und keinem Naturforsckcr gelingen wollen, genau festzustellen, wie lange da» Junghäschen sich an der Mutter- milch labt. Es ist hier Ivohl die geeignetste Stelle, einige» über die bei Hasen so häufig vorkommenden Abnormitäten und Mißgeburten zn sagen. Diese sind namcntl ch FäibungS- und Zahnbildnngsabnormitälen. In jene Gruppe gehören schwarze Hasen(eine nur höchst selten vor- kommende Varietät), rötliche Hasen(die namentlich im Darm- städtischen vorkommen und vereinzelt rote Pupillen haben), grau- und weißgeschcckle Hasen, solche mit weißer Blässe und weiße Hasen, die wiedernni seltene Erscheinungen sind. Von diesen hellen Ab- weichungen, Lencismen uc»»t sie die Wissenschaft, enthält die Sammlung der Forsiakademie Eberswalde �wei Stück, ein semmel- gelbes und ein weiggetbes, wahrend Tharaud ein vollständig rein- weihe? Exemplar besitzt. Mihgcburten, besonders solche mit abnormer Zahnbildung, kommen nicht selten vor; es sind dann die Schneidezähne außerordentlich entwickelt und stehen gleich den Fängen des Hundes aus dem Geäse heraus. Hasen mit zwei Köpfen, drei, fünf oder mehr Läusen bezw. Laufstumpfen sind keine Seltenheiten. In einer Konditorei der märkischen Stadt Gransee ist ein ausgestopfter Hase zu sehen, auf besten außerordentlich starkem Kopie drei Löffel stehen, der außerdem zwei Hinterleiber, sechs Läufe auf dein Rücken und an der Stelle, an welchem sich die beiden Hinterleiber trennen, noch zwei weitere Läufe und zwei Löffel hat. Das Naturalienkabinetr der Ebers- walder Forstakademie enthält ein Exemplar mit einein außer- ordentlich großen Seher iu der Mitte des Kopfes lZyklopenange). vier Löffeln und sieben Läufen. Gelegenilich wurde einmal auf einem Acker von einem Arbeiter aus Versehen ein Iunghäschen totgetreten, das eigentlich aus zwei Individuen bestand, die gleich den siamesischen Zwillingen dtirch das Brustbein miteinander verbunden warem �.Gehörnte Haien" aber gehören in das Reich der Fabel und wenn Riedingcr in seinen Kupferstichen(Augsburg 1704) Darstellungen solcher bringt, so geschah dies eben im Aberglauben seiner Zeit Die damals herrschende Begierde»ach Seltenheilen ließ unreelle Spekulanten solche Machwerke herstellen, indem sie normalen Hasen- schädeln Spießcrgebörne, wohl auch abnorme Rehgehörne aufsetzten und höchstwahrscheinlich mit einem ansehnlichen Gewinn an den Mann brachten. Die den Objekten hin und wieder mitgegebenen Urkunden sind natürlich ebenso echt wie die Köpfe selbst und werden wohl von sonst redlichen, ober selbst getäuschten Zeugen ausgestellt worden sein. Der junge Hase entfernt sich, selbst wenn er schon mehr als halbe Größe'erreicht hat. selten weit von seinem Geburtsort und kommt, von Hunden verfolgt, immer wieder dahin zurück. Ueberaus belustigend sind die Sprünge, die man ihn ausführen sieht, wenn er. schon etwa? älter, abends mit seinesgleichen am Feldrande spielt. Diese Sprünge, die mit Kreisläufen und Wälzen abwechseln, scheinen Aeußerungen des Wohlbehagens zu sein, und an ihnen berauscht sich da? Tier oft so. daß es seinen schlimmsten Feind, den Fuchs, über- sieht. Da? ganz junge Häschen nennt der Weidmann„Ouarthase": ist die zweite Hälfte des Wachstum? erreicht, so ist der Hase.halb- wüchsig"! dann wird er zum.Dreiläufer", zuletzt zum.Rammler" und«Setzhasen". Am Abend verläßt der Hase sein„Lager" und ..rückt ins Feld",„um sich zu äsen"! morgens„rückt er inS Holz". Wird er verfolgt, so„schlägt er Haken". Während er„Weide nimmt", macht er oft„einen Kegel" oder„ein Männchen". Ist ein Raubtier hinter ihm her oder ist er krank geschossen, so„klagt" er. Hat er sich durchs Getreidefeld einen Gang gebissen— er tut dies, um nicht vom Tau durchnäßt zu werden— so nennt man diese Spur„Hexen- stiege", der abergläubische Bauersmann schreibt das Werk einem Rilmenschnitter zu. einem nächtlichen, clbischen Wesen. Zufolge der Streckenberichte müssen, wie bereit" angedeutet. in einzelnen bevorzugten Jagdrevieren geradezu Unmengen von Hasen vorkommen. Es werden dortselbst an manchen Jagdtagen mindestens 1000 Stück zur Strecke gebracht, in einzelnen Revieren sogar das doppelte. Trotz alledem würde es noch weit mehr Hasen geben, wenn die Feinde des armen Lampe nicht Legion wären Der unvergeßliche Wildungen hat sie in einem Verschen so schön zusammen- zustellen gewußt, daß ich mir nicht versagen konnte, es diesem Bei- trag vorauszuschicken._ Kleines feiiilleton. Literarisches. Alle„wahrhaften Teutschen" müssen sich doch aufrichtig an Rudolf Franz erfreuen, nur weil er„Die sch ö n st e n Märchen für die nationale Kinderwelt" im Sinne de? ivahrheitS- liebenden Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie bearbeitet und das Buch mit entsprechenden Zeichnungen von Rein- hold Pfeiffer geradeswegs im— i o z i i ch e n Verlag von G. Birk u. Eo. in München herausgebracht hat. Den„sozial- demokratischen Historikern" Jakob und Wilhelm Grimm geschah es recht daniit: aber»och rechter den„Roten" selbst. JedeS Patrioten- gemüt muß cS mit Genugtuung erfüllen, hier schwarz auf weiß bestätigt zu sehen, wie verworfen diese„Genossen", wie hochedel hin- gegen der teutscbe Bürger ist. der zu Gott und seinem angestammten Herrscherhause Treue im keuschen Buien bewahrt. Mit diesem Franzscheu Märchenbuch in der Hand wird cS dem ReichSberband ohne weiteres gelingen, die rote Flut zu vertreiben Im gleichen Maße aber sollten auch die so bittcrbös veihohniepelten Sozi da? Büchlein lese». Daß sie. die so aller„anständigen" Tugenden im Sinne der Reichsverbändler bar sind, sich giften werden, ist leider nichi zu befürchten. Eher da? Gegenteils— sie werden ein homerisches Gelächter anheben von Sonnenausgsnz bis zum Sonnen- Niedergang. c. k. Physiologisches. Alkohol und Tuberkulose stehen in einem sehr 5e- achtenswerten Zusammenhang, wie Pres. Dr. Taav. Lail-.nen verantw. Redatteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: aus Helsingfors in den„Beiträgen zur pathologischen Anatomie" nachweist. Er gelangt hier zu dem Schluß, daß der Genuß von Al« kohol die Entwickelung der Tuberkulose im tierischen Organismus merklich begünstigt, da die mit Alkohol versorgten Tiere der In» fektion viel leichter erlagen als solche, die statt Alkohol Wasicr be- kommen hatten. Schon im Jahre 1910 hatte Kern festgestellt, daß der Alkohol eine schädigende Wirkung auf die Nachkommenschaft ausübe, indem er ihre Lebensfähigkeit vermindert und den Ver-' lauf einer Tuberkuloscinfektion in ungünstigein Sinne beeinflußte. Die in dieser Hinsicht gleichzeitig am Menschen angestellten Ver- suche, die in den Statistiken der einzelnen Länder verarbeitet wor- den sind, ergaben dasselbe Resultat. Die nur von einigen wenigen Autoren vertretene Anschauung, daß der Alkohol die Tuberkulose nicht direkt begünstige, sondern durch die von ihm verursachten sozialen Mißstände, wie Armut und schlechte Wohnungen, erst mittelbar die größere Jnsektionsmöglichkeit und damit die Verbreitung der Tuberkulose bewirke, steht zwar nur vereinzelt da, hat aber doch sehr viel für sich. Laitcnen studierte»un besonders die Wirkung der klei- n e n. allgemein für„unschuldig" gehaltenen Alkoholmengeu auf Versuchstiere und ihre Nachkommenschaft, die er an dreißig Kanin- chen und vicrundzwanzig Meerschweinchen ausprobierte. Von den Ticren. die Alkohol bekamen, sind trotz der relativ geringen einverleibten Mengen während der Bcobachtuugszeit mehr Jndi- viducn der Tuberkulose zum Opjcr gefallen als von denen, an die statt Alkohol Wasser verfüttert worden war. Am Ende des Ver- suchs waren bei den Kaninchen von den Alkoholtieren nur noch 20 Proz am Leben, von den.abstinenten" dagegen noch SO Proz. Bei den Meerschwcincken war das Ergebnis 06 zu 8? Proz lieber- lebender. Was die Wirkung des Alkohols aus die Nachkommen- schaft betrifft, so waren von de» Jungen der Alkoholkaninchen am Ende des Versuchs nur 20 Proz., von den Jungen der mit Wasicr versorgten dagegen 50 Proz. am Leben. Von den Jungen der Alkoholmeerschweinchen starben während der Versuchszcit 25 Proz., von den anderen nur 6 Proz. Was die zweite Generation an- langt, so waren die Nachkommen der Alkoholtiere bei der Geburt kleiner und entwickelten sich in den ersten Monaten langsanier als die zweite Generation der„Wassertiere". Diese beiden Verjuck>s- serien sprechen dafür, daß der Alkohol selbst in kleinen Gaben die Nachkommenschaft schädlich beeinflußt und die Widerstands- kraft gegen die Tuberkulose schwächt. Physikalisches. Die Wärme von R. Geige l.(Bücher der Naturwisscn- schaft. 10. Band. Nr. 5321—23 von Rcclams Universal- Bibliothek. Preis 0,60 M.) Wie in der von uns seinerzeit(Unter- haltungsblatt 1910. Nr. 119) hervorgehobenen Abhandlung über „L'cht und Farbe", bewährt sich auch in vorliegender Arbeit der inzwischen leider verstorbene Verfasser als ein Popularisator von seltener Fähigkeit: die schwierigsten Probleme der ihcoretischen Physik werden in faßlicher und dennoch nicht verflachter Form vor- getragen. Wie er das gesamte Gebiet der Wärmelehre von den einfachsten Erscheinungen der Ausdehnung bis zu den schwierigsten Sätzen der Thermodynamik auf weniger als 200 Seiten eines Reclambändchens unter Anwendung einfachster Mittel klar und erschöpfend auseinandersetzt, das macht ihm so leicht keiner nach. Das Werk, dem leider hier und da die letzte Feile fehlt, da dem Verfasser selbst nicht vergönnt war. das Manuskript für den Druck endgültig zu bearbeiten, ist in acht Kapitel gegliedert. Die vier ersten Kapitel über: Temperatur. Wärincmcrige. Aendermig des Aggregatzustandes und Ausbreitung der Wärme bilden das engere Gebiet der Wärmelehre. Hier werden die wichtigsten Erscheinungs- formen der Wärme behandelt, ihre Wirkungsweise unter mannig- faltigsten Umständen in der Natur und im täglichen Leben unter- sucht. Das 5. Kapitel: Wärme und Arbeit enthält die Theorie der Wärme nebst ihren Anwendungen auf den Maschinenbau. Die zwei Hauptsätze der Thermodynamik, deren Entdeckung entschieden die bedeutendste wissenschaftliche Tat des versloffenen Jahrhunderts auf dem Gebiete der Naturwissenschaften war, werden hier in einer Form vorgetragen, die ihre klare Erfassung für einen jeden ermöglicht, der nur über elementare mathematische Vorkenntnisse verfügt. Zwei weitere Kapitel über Erzeugung von Wärme und über Kosmische Wärme legen die Zusammenhänge zwischen Wärmeerscheinungen und anderen Naturkräften dar, während in der Schlußbetrachtung die Möglichkeit der Anwendung der ge« wonnencn Resultate auf das gesamte Weltall untersucht wird. Dem Verfaffer ist vorzüglich gelungen, die Verwendung der in der theoretischen Physik einmal unentbehrlichen mathematischen Zeichensprache auf das kleinste Maß zu beschränken. Hohes Lob verdient auch die Sprachgcnxindtheit. mit der sogar derartig schwie. rige Kapitel der Wärmelehre wie der Kreisprozeß Carnot oder di« Kinetik der Gase leicht faßlich behandelt werden. Ein weiterer Vorzug des Werkes, den es mit den meisten übrigen Vcröffent- lichungen derselben Sammlung teilt, ist sein systematischer Charakter. Da-Z Werk gibt sich als ein kleines Lehrbuch aus und kann daher allen denen besonders empfohlen werden, die auf ihre stistematifchz Durchbildung in Sachen der Naturwisienschaft größeren Wert legen. Tie Darstellung wird durch mehrere Text- Zeichnungen.-1 Tafeln und ein ausführliches Namen- und Sach- register nicht unwesentlich unterstützt._ V. Tli. VcrwärtsLuchdrnckerciu.VeclagDanstalt Paul S!iigerScEo.,Beriin SVV..