Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 2lX). Stmtmbett� den 14. DftoBer. 1911 lNachdruS verSoten.) 32] Vor dem Sturm» Roman von M. E. d e I l e G r a z i e. 6. Hochsommer. Wenn der hochwürdige Dechant von Schönbach Lange- weile hatte, lud er den Schulmeister und den Förster zu einem „Spieletterl" ein. War man der Karten müde, tat man sich an einem Schmaus gütlich. Während der Verdauung wurde der Dorftratsch aufgenommen. Und gab auch der keine An- regung mehr, schlief man zu Drttt ein. Wer zuerst erwachte, schlich sich fort: sacht und leise, damit die anderen nicht gestört würden. So geschah es, daß der hochwürdige Herr Graf fast immer allein war, wenn er erwachte. Und das war ihm gerade recht. Er fand es nett, auch von seinen Gästen so wenig als möglich molestiert zu werden. Der Förster pflegte sich wie auf Kommando einzustellen. Der Schulmeister liest zuweilen auf sich warten. Er hatte eine Art Pflichtbegriff, der dem hochwürdigen Herrn nicht recht mit dem zu stimmen schien, was er„den Respekt vor der geist- lichen Obrigkeit" nannte. Der gute Bastl war nämlich der Meinung, dast er die zwei Stunden des nachmittägigen Unter- richtes auch wirklich einzuhalten habe: besonders während des Sommers, um welche Zeit der Vormittagsunterricht häufig geschwänzt wurde. Die Bauern fanden die Schnitt- fcrien zu kurz, da sie selbst erst ernten durften, nachdem sie der gnädigen Herrschaft„Hand- und Spann-Dienste" geleistet. Bastl aber wollte doch seinen„Lehrplan aufarbeiten". Seine Hochwürden fanden das geradezu albern. Was bekam denn der Bastl dafür? Die Bauern blieben das Schul- geld meist jahrelang schuldig. Und das Wenige, das ihm die Gemeinde gab...! Die Hauptsache blieb, dost die Kinder den Katechismus kannten. Alles andere war überflüssig nach der Meinung des Herrn Grafen: wenigstens für„diese Leute". Und war der Schullehrer nicht ihm unterstellt? Der Herr Dechant hatte also absolut kein Verständnis für den Eifer des guten Mannes.„Das ist G'schaftelhuberei," pflegte er zu sagen. Und in nervöseir Stunden reizte ihn die Empfindung, dast der Schulmeister ihm auf seine Art eine„Lektion" er- teilen wolle. Denn Seine Hochwürden vergasten zuweilen auch auf den„Katechismus", so wichtig er war. Konnte ein Graf Gallenberg sich das gefallen lassen? Er betrachtete es als seine Pflicht, die lächerliche Pedanterie dieses„mediokren Menschen" eines besseren zu belehren. Kam also Bastl nicht zu der Stunde, die Seiner Hochwiirdcn behagte, riefen Seine Hochwürden ihn einfach vom Unterricht weg, wie einen Knecht von der Arbeit. Seine Hochwürden hatten es in dieser Hin- ficht recht leicht. Die Schule stand dem Psarrhof gerade gegen- über, klein, niedrig, strohgedeckt, mit ewig blinden Scheiben: so recht eine demütige Magd der Kirche. Wenn der Herr Graf also ein„Spieletterl" wünschte, brauchte er blast über die Straste hinüberzurufen. So ein Schulmeister hatte da- mals noch gar feine Ohren. Der Förster saß schon die längste Zeit vor dem Spiel- tisch. Wenn es der Bauer„am gnadigsten" hotte, konnte der Grünrock seine Zeit noch spazieren tragen. Erst gegen Ende des Schnittes gab es wieder zu tun: aber auch da nicht viel. Das gnädige Fräulein von Schönbach war keine Jagdlieb- lmberin. So gab es nur selten Gäste. Und ob mehr oder weniger Wild angeschossen wurde, ihm konnte es gleich sein. Aecker und Gärten der Bauern sorgten dafür, daß die liebe Kreatur nicht zu kurz kam. „He— Bastel!" Seine Hochwürden lmtten es schon zum zweitenmal über die Straste hinübergerufen. Endlich hörte man das Schluß- gebet der Kinder— eintönig und schläfrig„herabgeleiert", als könnten all die Buben und Mädel kaum mehr zwei zählen vor Müdigkeit. Gleich darauf aber fuhr die liebe Jugend auf die Straste heraus, dast es wie ein Knäuel anzuseh'n war, den weder Gott, noch der Pfarrer, noch der Schulmeister ent- wirren konnten. Der Herr Graf hatten immer seine Freude, wenn er das sah. Freilich... wozu brauchten die eine Schule? Ordentlich raufen konnten sie schon jetzt. Und so- wie sie den Herrn Dechant am Fenster sahen, schnappte auch der Ungebärdigste zu einem devoten Buckerl zusammen. Mehr zu können und zu wissen, war für ihresgleichen von Uebel. Wenigstens nach der Meinung Seiner Hochwürden. Die Sonne stand hoch und der Sommerwind strich leis' und wie verträumt durch die breitschattcndcn Linden, die über den Psarrhof rauschten und leise, leise ihre Blüten zur Erde fallen ließen. Hochsommer war's! Schon klang die Sichel im Feld. „Heist ist's!" sagte der hochwürdige Herr Graf, als er die Beruhigung hatte, dast Bastl min jeden Augenblick er- scheinen müsse. Der Förster nickte und griff nach den Karten.„Ich kann ja derweil mischen?" „Misch' er nur!" Draußen wurde der schüchterne Schritt des Schulmeisters hörbar. Er suchte sich immer noch einmal so leicht zu machen, als er ohnedies war, und versäumte es nie. sich auf der Treppe die Schuhe abzustäuben, wenn sie auch noch so blitzblank schienen. Endlich trat er ein. „Gerade zum Abheben!" rief der Förster und schob ihm die Karten hin. Unter vielen Bücklingen trat Bastl an den Tisch. „Heist ist's!" sagte Seine Hochwürden. Der Förster und Bastl nickten eifrig. Die Karten fielen toeitcr. Der Schulmeister wagte endlich, Platz zu nehmen. Der Herr Graf machte sich einen Fächer zurecht, zog die Stirn in die Höhe, die Mundwinkel herab. Sein Blatt war nicht gut gefallen. Der Förster sah es und machte einen servilen Buckel:„Ich hab's besser gemeint!" Seine Hochwiirdcn überhörten es, schielten aber mit einem etwas ungnädigen Blick nach dem Schulmeister, der trotz der schuldigen Devotion eine gewisse zappelige Genug- tuung zeigte. „Der hat's!" hüstelte der Herr Graf. „Freilich," lachte der Förster. Er legt ja förmlich die Löffel zurück vor Vergnügen!" Seine Hochwürden hatten die ersten Karten bekommen, mußten aber ein resigniertes„Weiter!" sagen. Run meldete sich der Schullehrer. Als er den Talon hob, spitzten Dechant und Förster die Lippen. So ein Talon konnte immerhin noch etwas verderben! Aber nein! Auch die„gekauften" Karten steckte Bastl nach der„Tarokseitc". „Hat der Kerl ein Rostglückl" knurrten Seine Hoch- würden. Der Schullehrer bemühte sich vergeblich, sein Entzücken zu verbergen.„Valat!" sagte er so bescheiden als möglich. „Höllisches Gogrinse!" brummte der Förster. Er meinre auch diesmckl Bastls Antlitz, der in dem Eifer, seine Genug- tuung und Freude zu verbergen, seine Gesichtsmuskeln zu einer abscheulichen Grimasse verzog. „Wieviel„Batzen" gibt er denn seinen Buben, wenn sie so drcinschau'n?" lachte der Herr Graf. Er war noch immer etwas„aigriert", fand aber diese„Visage" doch höchst komisch. Bastl errötete. Im Innersten seiner Schulmeisterseele saß das letzte Stückchen Mann, das sich in ihm noch wehrre und zuweilen auch schämte. Weil die Kirche ihn aber in Obe- dienz hielt, kam es immer bloß zu diesem Erröten. Es war die letzte Notwehr und eine ganz ungefährliche dazu, denn Seine Hochwürden, der Herr Graf, hielten auch dieses Er- röten für einen Teil der schuldigen Devotion, und weil Bastl genau wußte, dast ein von ihm angesagter„Valat" von dem geistlichen Herrn fast wie eine Demütigung empfunden wurde. versäumte er nie, sofort nach der Ansage ein„Buckerl" zu machen und ein ergebenes„Pardon!" hinzuzufügen. „Nun?" machten der Herr Graf. „Pardon," wiederholte Bastl,„aber Euer Gnaden haben die Vorhand!" Der Graf schmtst eine Karte auf den Tisch. Das Spiel begann. Draußen ging der Sommerwind noch immer durch die blühenden Linden. Ganze Duflwellcn trug er durch die offc- neu Fenster herein und blähte dabei die weißen Spitzen- gardincn auf. Kein Laut kam von der Straste, so still und verträumt lag draußen das Dorf, und wenn man durch das Schiveigen lauschte, konnte man das Geknarr des Wetter- hahns hören, der sich auf dem Schlostturm von Schönbach drehte, und das tiefe Gesumm der zahllosen Bienen, die in Pcft Linden ab und zu schwirrten. Auch die Stille in der Stube Seiner Hochwürdcn wurde durch kein Wort unter- Krochen.?!ur die Karten fielen immer rascher, die Hände, die sie hinwarfen, wurden immer nervöser. Die krampfhafte Bemühung Bastls, seinen Triumph soviel als möglich zu verbergen, trieb ihm die hellen SelMeisitropfen auf die Stirne. Stich um Stich fiel nach seiner Seite. Die beiden Partner sahen immer mißvergnügter drein. Endlich die letzte Karte. „Valai!" „Pardon," sagte Basti gleich darauf. Und während er sich den Schweiß von der Stirne wischte:„Heiß ist's!" Die Verlustträger notierten niit verbissenem Aerger ihre Schadenszisfern. Seine Hochwürden nahm schweigend die Karten. Der Förster erholte sich zuerst. Wer weiß, wie das Blatt jetzt fiel? Und dann... Er begann mik' einiger Unruhe hin- und her- zurücken. Wie immer, wenn ihn eine„Neuigkeit" drückte. „Sitzt er nicht gut?" fragte der Dechant. Er gab lang- sam, geziert, mit einer Bewegung der blassen Rechten, die nicht nur die wohlgeformte Hand, sondern auch den Siegel- ring mit dem alten Wappen der Gailenberg immer ins rechte Licht zu setzen wußte. Ter Förster räusperte sich— halb verlegen, halb un- geduldig, endlich seine Sache vorzubringen.„Pian hat eben auch seine Sorgen!" Seine Hochrvürden sah'n einen Augenblick auf.„Laß' er sich auslffchen!" „Doch! Ein Wild'rcr geht um!" „Wird der Birron sein!" rief Bastl, erschrak aber sofort und schielte mit einem ängstlichen Blick nach dem Förstes. Der alte Zuchthäusler tauchte oft wie ein Schrtten auf: war über- all und nirgends, und der verschüchterte Schulmeister war der letzte, sich einen solchen Feind zu wünschen. Der Förster blähte wie witternd die Nasenflügel auf. „Nein," sagte er bedeutsam—„diesmal trägt er einen Herr- schaftlichen Rock!" Seine Hochwürden hielten einen Augenblick ein. Der Schullehrer vergaß seine Karten aufzuheben.„Wer könnte denn das sein?" „Wer?" lachte der Förster. Seine Hochwürden schienen aufmerksam. Dem Schul» meister begann etwas zu dämmern. Weil er sich aber in keiner Weise als Wissender zeigen mochte, nahm er rasch eine Prise. „Er kennt ihn also?" forschte der Graf. „So gut, daß ich mir den Kerl am hellen Tag zu stellen traue!" rief der Förster. „So stell' er ihn!" Ter Grünrock schnitt eine Grimasse und schielte nach dem Schulmeister. Der aber sah in sein Blatt und zog seine Prste so hoch als möglich in die Nase hinauf. Wenn das Niesen zur rechten Zeit kam, brauchte er überhaupt nichts zu sagen. „Nun ja," setzten seine Hochwürden etwas ungeduldig hinzu.„Wenn man so einen Lumpen kennt, ist's ja leicht." Der Förster zog die Schultern hoch.„Das Leben würd' es mich nicht kosten. Dazu schießt er zu schlecht, aber viel- leicht das Brot." Der Dechant, der eben seine Karten ausnahm, ließ sie wieder auf den Tisch zurückfallen. So befremdlich klang ihm, was der Förster da vorbrachte.„Wie— so?" fragte er endlich und sein Blick ging vom Förster zum Schulmeister, vom Schulmeister wieder zum Förster zurück. „Na," lachte der Förster endlich leise.„Weil der Unter- weger schön einen Naefstolger hat." „Einen— Nachfolger?" In diesem Augenblick kam dem Schulmeister das Niesen. Es war ein gesundes, mächtiges Niesen, wie es alte Schnupfer lieben und oft mit allerlei Kniffen herbeizuführen pflegen. Auch Bosil segnete sich's in diesem Augenblick. Es gab ihm Gelegenheit, sein Antlitz hinter dem großen blauen Baum- Wolltuch verschwinden zu lassen, dessen. Zipfel immer aus seiner Rocktasche hervorlugte. l&ortfcpur.g folgt.) lNachdriili verbo!en.> so] Die Meisterin. Von August Friedrich Krause. Einen Augenblick hatte der Schuster seinen Besuch verblüfft an- gestarrt, dann stieß er rauh hervor: .So, wegen'm Vater?'s wird Zeit, daß sich von seinen Leuten «mal jemand umsieht nach'ml" „IS er schon lange hier im Dorfe?" „A Vierteljahr!" übertrieb der Kleine mit Absicht, um die Herz, losigkcit seiner Mutter dem Paul recht zu Gemüte zu führen. „Ju, a Vierteljahr wirds bahle sein!" „Ich hab's nicht gewußt!" wies der Bursche ruhig und fest den Vorwurf zurück. „Aber Ihre Mutter Hat'S gewußt!" schrie der Schuster, plötzlich in Wut geratend und wurde braunrot im Gesicht dabei. „Sie wissen ja selber, warum die Mutter das tun mußte. Sie am besten!" Da merkte der Mann, daß die Mutter dem Sohne alles gesagt und damit ihm die letzte Waffe aus der Hand genommen hatte. Ilm seinen aufwallenden Aerger zu verbergen, schrie cr nach der Tochter, und als die, den Paul erkennend, erschrocken und glühendrot geworden, in der offenen Tür stehen blieb, rief er ihr zu: „'s kommt endlich amal ecns aus'm Tischlerhause, sich nach 'm Roiher umsehn. Geh, bring a Paul zu feinem Vater. Lange genug hat der alte Mann um a Sohn gejammert!" Die Grete aber hörte kaum etwas von dem, waS der Vater sie hieß: ihre brennenden Augen suchten den Blick des Geliebten, der, das Gesicht von fahler Blässe überzogen, die Lippen fest ausein- andervreßte und eS vermied, sie anzusehen. „Mach, mach, mach!" trieb der Bater, der die beiden jungen Leute scharf beobachtete.„Der Paul hat's eklig. Nich amal gesetzt hat er sich, so pressierts ihm!" Die Grete riß sich auf: „Komm!" sagte sie, und ihre Stimme klang heiser, als wäre ihr die Kehle zugeschnürt. Im dunkeln Hausflur faßte sie seine Hand und schmiegte sich dicht an ihn: „Paul," flüsterte sie, als verriete sie ein Geheimnis,„ich Hab 'n gepflegt, asu gut ich konnte, als wenn's mein eigener Vater war'." Der Bursche nickte und wehrte sie nicht von sich ab. Das machte ihr Mut und sie schmiegte nun auch den Kopf an seinen Arm. „Ich Hab ihm einen eisernen Ofen ins Stübcl gestellt, weil er immer asu frieren tut, und Betten habe ich ihm gegeben, asu viel ich übrig hatte im Hause; aber's hat nich viel genutzt. Manchmal friert er noch unter a Betten, daß ihm die Zähne aus'naader schla- gen. Und dann wieder kriegt er asu'ne glühnige Hitze, und da fängt er an zu phantasieren, daß einem angst und bange werden könnte. Asu treibt er's nu schon bahle acht Tage!" „Kran! is er?" stieß der Bursche erschrocken hervor, und sie fühlte an dem jähen Druck seiner Hand, wie hart ihn diese Nach- richt traf. Beglückt, daß er sie nicht von sich stieß, drängte sie sich noch dichter an ihn, während sie mit leiser süßer Stimme seine Sorge zu beschwichtigen suchte: „'s wird ja nischt Schlimmes sein! Ock a bisse! verkühlt wird er sich haben, wenn er sich asu rumtrieb im Manschwetter. Wenn's nich bald besser wird, will der Vater a Heinrichaüer Doktor holen!" „Seit wann liegt er denn im Bette?" .So a fünf Tage wird's sein, daß er sich legte?" .Und vorher, eh er krank wurde?" „Da ging er auf die Dörfer. Tag für Tag, und die Bettel- Pfennige, die er gekriegt hatte, die bracht' er mir immer. Für's Essen und für's Nachtquartier, meint er. Viel war's ja nich. was cr sich zusammengebettelt hatte,.fünfzehn, zwanzig Pfennige, einmal dreiundvierzig. Das war aber's meiste. Wenn ich» nick nehmen wollte, da wurd' er arg bicse und da kam er a paar Tage nich wieder. Da tat ich'm den Gefallen. Ich Hab das Geld alles uffgehoben, soll ich Dir's geben?" Der Paul preßte die Zähne so fest aufeinander, daß die Kinn- laden in den Wangen sich abzeichneten, so weh tat ihm, was das Mädchen ihm erzählte. Die Schande vor den Leuten, wenn die erfuhren, wer der Bettler war, der sie so oft heimsuchte! An dem Zittern, das seinen Körper durckilief,_fuhlte die Grete, wie sehr es ihn packte. In heiß aufbrennendem Mitleid die Arme uui ihn schlingend, bettelte sie: „Paul, sei ock gut! Sei ock gut. Paul!'S wird ja besser mit ihm werden. Und dann läßte ihn njch mehr nff'n Bettel gehn, da nimmst'« zu Dir, na gell?� Da wird er's gut toben bei Dir,, na gell? Da wird er alles vergessen, was er ScbwereS bat dnrckrniacben müssen. Du glaubst ja gar nich, wie sehr er an Dir hängt! Wie sehr er sich nach Dir sehnt.„Paule", das is immer's dritte SBimt bei'm.„Wenn ich doch bloß amal meinen Paule wiedersrhn könnte!" Asu red' cr hundertmal am Tage!" Häh riß der Buriche sich au» den Armen des MädchcnS. „Wo ist er!" schrie cr hol» schluchzend. Da führte sie ihn die geländerlose, tvecklige Holztreppe hinauf in das enge Gicbelstübchen. In dem niedrigen, kallgeweißien Räume war eine dumpfe, muffige Luft, dazu sprüht« das Oefchen, dessen Rohr durch die Wand in den Schornstein geleitet war, eine glühende Hitze aus und machte einen längeren Aufenthalt in dem Stübel fast zur Un- Möglichkeit. Dennoch war der Kranke mit Betten bis an das Kinn dicht zu- gedeckt, so daß nur das von wirrem grauen Haar umrahmte und von großen Bartstoppeln bedeckte Gesicht zu sehen war, da« in Fieberröte glühte. Röchelnd sog die entzündete Lunge die Luft ein und stieß sie pfeifend wieder aus. Das Mädchen beugte sich über den Alten: „Vater Rother," rief eS,«Sie kriegen Besuch!" � „Besuch?" quäkte eine nörgelich-weinerliche Stimme.„Wer jclld ock zu mir uff Besuch kommen?" «Ter wird Sie freuen,' der Besuch!" „Wer is's denn, hä?" „Der Paule kommt zu Ihnen'" „Was für a Paule?" «Nu... Ihr Sohn!" Tos warf den Kranken au,. „Jefes, je'eS." jammerte er,„der Paule kommt zu mir! Der Paule! Nee, nee, nee, ihr Leute was wird der ock sagKi. Nee, nee, nee, ich will a nich sehn! Ich will raus! Ich mach furt! Nee, nee, nee!" Ter alte Mann, vielleicht geängstigt von Fieberphantasien, bielleicht auch gequält von der Angst, der Sohn, nach dem er sich so gesehnt hatte, könnte ihm Vorwürfe wegen seines Lebenswandels machen, wollte aus den, Bett hinaus. Ta trat der Paul rasch hinzu und wehrte ihm: „Bleib ock liegen Vater, gelt?" Mißtrauisch betrachtete der Kranke den jungen Burschen und konnte den Blick nicht losreißen von seinem Gesicht. Doch immer ungewisser, immer ängstlicher, immer abwehrender wurde der Aus- druck in seinen Mienen. «Wer sein denn Sie?" fragte er und zog sich scheu an die Wand zurück. „Ich bin doch der Paule!" „Was für a Paule?" „Dein Schul" „Nee, nee. nee," wehrte der Alte,„mein Sshn fein Sie nich! Der sah andersch aus!" «Aber Vater Rothe?," redete nun auch das Mädchen ihm zu, „wie Sie weg machten von Wirrwitz, da war der Paul doch noch a Junge und jetzt is er agroßer Mensch. Da sieht eens doch andersch aus!" „DaS weesi ich fchuntk Nee, nee, ich bin nich asu tumm. Das Weeg ich schunt! Aber mein Paule sieht andersch aus. Sein Sie vielleicht a Bruder von der Rother-Tischlern?" „Das is doch meine Mutter!" „Nee, nee, nee." wunderte sich der Kranke.„Ta muß sie noch a'n andern Sohn haben. Mein Sohn sein Sie nich!" Alles Zureden half nichts. Das Leben mit der Mutter und in der Mutter, in ihrem Fühlen und Wollen, hatte dem äutzcren Gesicht des Sohnes allmählich ihre Züge aufgeprägt, vollends seitdem in seine Mienen dieselbe Starr- beit gekommen lvar, die auch ihre Züge trugen. Nun konnte der Vater, dessen Einfluh über ein Jahrzehnt ganz ans der Entwicke- lung des Sohnes ausgeschaltet war, sein Mld nicht mehr in dem Gesicht des eigenen Kindes entdecken, das Gesicht, das er vor sich gesehen hatte in mehr als zwölf Fahren der Not und Sehnsucht, und er wollte ihn nicht mehr als sein Kind anerkennen. Auch nach Hause und zu seiner Frau mochte er nicht, als dar Paul ihm davon sprach. „Nee, nee, nee!" wehrte er ängstlich.„Die will mich bloß ins Zuchthaus bringen lassen, die kenn' ich sckon. Lutzt mich ock dohier, do lieg ich ganz gut. To will ich sterben!" Als der Paul nach Hause kam und der Mutter berichtete, wo er gewesen und was er ausgerichtet hatte, wußte sie sofort, was sie zu tun hatte. So blieb ihr also doch auch das Schwerste nicht er- spart: der Gang ins Schusterhaus. Noch währeud sie sich ankleidete, schickte sie den Sohn nach Alt» Seinrichau zu Sanitätsrat Härtung. Den Berg hinauf bis ans Häusel sollte die Anna sie begleiten; hinein wollte sie allein. Bei dem Krantcn war das Fieber, vielleicht, auch infolge der Aufregung, noch gestiegen, und seltsam standen die heißen/ glän- zendcn Augen in dem verwilderten Gesicht/ Aber die Frau erkannte er doch aus de» ersten Blick. Was die beiden miteinander geredet, hat nie jemand erfahren: Frau Rother verschloß es im tiefsten Innern und legte sieben Siegel darüber, der Mund d:S Mannes abc: verstummte gar bald für immer. In.sein Hauz in der kleinen Dorfstraße fand er den Weg nicht mehr zurück; nach töause aber kam er doch. Drei Tage, nachdem seine Frau bei ihm gewesen, starb er. sFortsetzuiig folgt.) Ocdicieen. Wenn wir uns einmal mit der artenreichen Familie der Orctudecn— der zweitgrößten im ganzen Pflanzenreiche, zählt sie doch 6000—1000» Arten— beschäftigen wollen, so geschieht eS nicht desbalb. daß sie vielleicht im ganzen oder wenigstens teilweise Wirt- schaftlich von Wichtigkeit wäre, sondern weil wir da auf ganz u n« gewöhnliche DasemSformen stoben. Wer kennt nun diese Pflanzen. wer hat ihre Blüten schon ge- sehen?— In un'ercn botanischen Gärten, aber auch in großen Blumengeschäften sind die oft sehr prachtvollen, eigenartig geformten Blüieiigebilde der Orchidee zu finden. Die Blüten mancher Arten nehmen die Formell kleiner Insekten, Schmetterlinge, ja sogar die Gestalt von kleinen Vögeln mit ausgebreiteten Flügeln an. Die Orchidee ist meist ein Kind der Tropen. Den wenigen in Europa und zwar bis nach Finnland hinauf vorkommenden Arten schenkt man wenig Beachtung. So unendlich verschieden die Formen und Farben der Orchideen blühen, ist auch ihr sonstiges Aussehen. Ihr ganzer HabituS ist den jeweiligen Ejificnz* bedingungen auf das peinlichste angepaßt. Wir unterscheiden da eine erdbewohnende und eine r i n d e n bewohnende Gruppe. In der elfteren haben wir Formen, die nicht grün und ferner blattlos sind; sie nähren sich von o r g a n i s ch e n Substanzen des Wald- Humus. Andere erdbewohnende Formen, mit grünem Laub. bezieben Wasser und a n organische Stoffs aus dem Boden, organische auS der Atmosphäre. Die auf den Bäumen respektive auf der Etauimrinde und Kesten lebende zweite Gruppe ist bezüglich der Ernährung auf die Atmosphäre, das ist auf den Staub, Regen, Tau u. a. angewiesen. Außerdem kommen noch die imbedeilleuden Zersetzuugsprodukte der Baunuiude hinzu. Doch sind sie deshalb noch keine eigentlichen Parasiten, die ihre Nahrung un» mittelbar dem Körper ihres Wirtes entnehnien. Tie einfachsten Orchideen unter den er d bewohnenden Arten sind jene, bei denen aus dem HuinuS ein einfacher mit Schuppen besetzter gelblicher oder rötlicher Trieb Hervorlritt, der oben die Blüte bildet; auch eine echte Wurzel ist nicht vorhaudeil. Bei an- deren Arien wandelt sich die Wurzel in Laubtricbe um. Wir sehen da ein Gebiet der unbeschränkten Möglichkeiten vor uns. Noch andere, wie die sZaleola-olbisKims, klettern mit ihrem kaum fingerstarken Stamm bis zu 30 Meter Höhe, in die Gipfel der Bäume, an denen sie sich mit Lirftwurzeln festhalten, währeud oben eine Blüteirriwe den Abschluß bildet. Dutcb die trockenen, weißen und fingerstarken Lustwurzeln— die übrigens durch ihre P o r- z e l l a ii ähnlichkeit der Pflanze ein sonderbares Aussehen geben— ist sie fest mit der Baumrinde verwachsen. Bei manchen Arten hängen die Wurzeln, nachdem sie sich genügend befestigt haben, reich verzweigt herab, um Regen und Tau aufzunehmen. Obwohl viele Arten nur wegen der bizarren Gestaltung ihrer Blüten und der Scllcubcit ihres Vorkommens begehrt und mit fabelhaften Liebhaberpreisen vertonst werden, so sind doch auch die Blüten niauchcr weniger kostbaren Orchidsenarten, wie z. B. die der oft im Blumenbandel vorkommenden Odontoglossum-H�'gamum, von wlinderbarster Schönheit. Mit dem Geruch steht es aller- dings sehr viel anders; denn es gibt einige Arten, die nach— faulem Fleische riechen; eine Einn'chtimg zur Heranlockung der Schmeißfliegen— weil nämlich ohne die Mitwirkung der Insekten bei der Mehrzahl der Orchideenarten eine Befnichniiig unmöglich wäre. Darum ist ihr ganzer Blütenapparat zur Herbeilockung der Insekten eingerichtet: sei eS durch herrlich leuchtende Farben oder durch Gerüche, die jene» Lebewesen angenehm sind. Viele sondern auch an einer bestimmten Stelle ihrer Blüte eine von den Insekten sehr begehrte süße Flüssigkeit sNekiar) ab. Solche Einrichtungen sind ja in der ganzen Pflanzenwelt sehr verbreitet. ES ist daher auch zu verstehen, daß die Blüte so geformt ist, daß sich das heranfliegende Insekt bequem niedcrlasien kann. Bei manchen Orchideenarten kommen sogar Eigenbeweg ungen vor, um das hineinkriechende Tierchen zu zwingen, mit dem ihm anhaftenden Blütenstaub die Stelle zu berühren, die fiir die Befruchtung in Frage kommt. Durch die Art der Befruchtung lvird auch die lange Dauer des Blühens hervorgerufen. Diese Maßregel ist notwendig angesichts der Tatsache, daß die Heimat der meisten Orchideen, der tropische Urwald, verhältnismäßig arm an Insekten ist. Nur bei wenigen Arten verwelkt die Blüte schon nach einigen Tagen; die meisten bleiben jedoch 30 bis 40, ja bis 70 und 30 Tage frisch, ivenii sie nicht befruchtet werden. Sobald das aber geschehen ist. verwelkt die Pracht der Blüte schnell, denn sie ist jetzt ohne Zweck. In der Regel find bei derselben Pflanze zahlreiche Blüten geöffnet; doch kommen auch Ausnahmen vor, wie z. B. bei der �opkiopeckslium, in deren traulngem Blutenstand nur je eine Blüte geöffnet ist, die immer einen Monat frisch bleibt, so daß das ganze Jahr die Möglichkeit der Befruchtung besteht. Der kolossale Ärtenreichtum der Orchideen ist zu einem guten Teil durch die Jnseitenbesruchtuug emstandeu, welche viele Kreuzungen be- günstigt. Tie Frucht der Orchidee ist gewöhnlich eine harte Kapsel. Da eS nun in den Tropen eine dem Pflanzenleben sehr gefährliche Trockenheit gibt, so hat die Natur die Vorsehung getroffen, daß die Reifezeit der Frucht so lange dauert, bis die Dürre vorüber ist. Durch Schleuderhaare u. a. ist dafür gesorgt, das, der Same au» der Frucht sich möglichst weit verteil!. Denn die Sireutäligkeit des Windes spiel: in jene» dichten Urwäldern eine untergeordnete Rolle. Eine weitere Schutzeiiirichlung gegen die Gesahren der tropischen Trockenzeit bilden die Lleserveitossbehälter in Form von knollenarugen Verdickungen am Stamm. Diese Ver- dickuugsn, die est die Größe eines Kinderlopses erreichen, dienen zur Aufbewahrung von Wasser und organischer Substanz. Im allgemeinen erreichen die Orchideen ein hohes Alter. Rur wenige Arten kommen siir dMi Menschen als Nutz pflanzen in Betracht. Die wichtigste ist die Vanille. Von einer anderen Orchrdeenart bereitet mau auf Madagaskar den Fahaintee. In den größeren Dlumenhaudlungeii finden wir nur die Blüten der billigeren Orchideeuarten— der Preis einer Blüte beträgt von 60 Pfennig an aufwärts—; die selteneren, und da« ist die Mehr« heit, bekommen wir nur in den größeren botanischen Gärten. Haupt» — 800 sächlich aber in den großen Orchideenzüchterei'«« zu Gesicht. deren bedeutendsten sich in England und Amerika befinden. Die Orchidee ist so recht die Blume der.oberen Zehntausend'. Ihre Herbeischaffung, ihre Pflege in kostspieligen Warmhäusern, er- fordert namhafte Betriebsmittel. In den Küstenstädten ihrer Heimat, für die der ganze tropische Erdgürtel anzusprechen ist, haben olle grofien Züchtereien ihre Vertreter. Da werden ganze Expeditionen mit tüchtigen Botaniker» und Eingeborenen, sog. Orchideen- j ä g e r n ansgernstet, die 3—6 Monate hindurch die Urwälder de? Hinterlandes durchstreifen, um zu Beginn der Trockenzeit mit ihrer mehr oder weniger reichen Ausbeute am Küstcnplatz wieder zu erscheinen. Der Berus dieser Leute ist sehr gefährlich; winkt ihnen doch der sicherste Gewinn an Orchideen gerade in den von der Malaria durch- feuchten Urwäldern Brasiliens, sowie in den mit gefährlichem Raub- zeug angefüllten Dschungeln Indiens: erst gar nicht der Gefahren zu gedenken, die sie auf Schritt und Tritt im Hochgebirge des Himalaja, da? besonders reich an seltenen Arten ist, umlauern. Und dann milfi noch mit erheblichen Verlusten gerechnet werden. Ueber die Hälfte verfault oft auf dem Transport. Außerdem kann man es vielen 5htollen nicht ansehen, zu welcher Art sie gehören: die Auf- traggeber müssen sich einstweilen an der Aussage des Orchideenjägers genügen lassen, der fie ja blühen sah. Dessenungeachtet kann bei der Befruchtung eine Kreuzung zustande gekommen sein. DaS Streben aller dieser Expeditionen ist: seltene, ja wenn irgend möglich. bisher unbekannte Arten mitzubringen. Für solche werden fabelhafte Summen Geldes gezahlt. Natürlich gibt es auch billigere Arten, die im Preise bis zu ivenige» Mark hinuntergehen. Da aber die Orchideen eine feuchtwarme Luft brauchen, so ist ihre Haltung ohn« Warmhaus nicht gut möglich: ausgenommen hiervon sind einige europäische Arten, die aber dafür auch hinsichtlich der Farbenpracht ihrer Blüten bei einem Vergleich mit ihren Schwestern vom Ganges oder Amazonen- ström sehr schlecht abschneiden. Statten wir nun noch zum Schluß einer größeren Orchideen züchterei eine» Besuch ab. Kiesbestreute Wege führen durch einen schattigen Natnrgarten zu den Eingängen der niederen Warmhäuser, deren' Glasdächer und Wände mit verstellbaren grüngestrichenen Jalousien bedeckt sind, um die Pflanzen vor allzu scharfem, direktem Sonnenlicht, das sie nicht gut vertragen, zu schützen. Wir treten in einen gangartigen Vorraum ein. der durch Türen in mehrere kleinere Abteilungen geschieden ist, damit die kältere Außenluft nicht unmittelbar ins Warmhaus einströmen kann. Auch sind hier starke Heizkörper zum Zwecke deS Vorwärmens aufgestellt. Die letzte Tür öffnet sich, und eine warme und sehr feuchte Temperatur be- nimmt uns fast den Atem. Vor unS steht eine wundervolle Gruppe Prachtvoller Palmen, deren dicht ineinander verschlungene Wedel die Aufgabe haben: jeden durch da» Oeffnen der Tür etwa entstehenden kühleren Lustzug aufzuhalten. Feuchte Schwüle liegt über dem langen saalförmigen Raum. Um eine feuchtwarmc Urwaldtemperatur zu erzeugen, deren Stetigkeit durch zahlreiche Temperatur- und Feuchtigkeitsmesser kontrolliert wird, bedeckt den Boden der Hallen ein etwa metertiefes W a s se r b a s si n. das von Heizungsröhren durchzogen ist. die sich auch überall außerhalb des Wassers vor- finden. Mit Bohlen belegte Brücken gestatten einen Rundgang durch die mächtigen GlaShallen, die untereinander verbunden sind. In der Mitte und an den Seiten jeder Halle befinden sich freitreppeu artige Gerüste, auf dessen Stufen sich eingetopfte Orchideen in langen Reihen dahinziehen, oder auch an Palmen hinaufranken. Die ver- schiedenen Warmhäuser sind den Lebensbedingungen der so mannig- fachen Arte» angepaßt. In Glaskästen und unter Glasglocken werden die zu erwartenden Keimlinge seltener Arten besonders gepflegt. Und Jahre dauert es, ehe man überhaupt etwas von der Pflanze sieht. Wir treten in Abteilungen, in denen fast gar keine blühenden Eremplare sind. Ein sehr großer Prozentsatz der Pflanzen kommt selbst im Warmhaus nicht zum blühen, und wenn schon, so dauert eS oft lange Jahre, ehe sich die erste Blüte bildet: so vergehen bei der Orcbis- ruill tarig L. bis zur Bildung der ersten Blütentrauben acht bis zehn Jahre. Der Dienst der hier arbeitenden Gärtner ist schwer. Besonders die Winter mit den schnellen Uebergängen von der nordi- schen Außenluft in die Tropenschwüle greifen mit der Zeit auch die stärksten Naturen an. Auch sind Hitzschläge nicht selten. Die Obergärtner sind meist Engländer und werden verhältnismäßig gut bezahlt. Zum Betriebe derartiger Orchideengroßzüchtereien gehören be- trächrliche Kapitalien. Sind doch z. B. die Gewächshäuser so mancher Zücht-rei mit einer Mllion Mark und mehr gegen Feuerschaden usw. versichert. Hinzu kommt noch, daß immer hohe Summen sofort flüssig gehalten werden müssen, zwecks Ankauf oder Aufsuchung neuer Arten. Andererseits werden aber auch horrende Summen bei dem Geschäft verdient. Besonders in England und in Nordamerika ist der Orchideenspleen sehr verbreitet, und wer eS irgend kann, hält sich dort seine eigenen Orchtdeenwarmhäuser. Es ist bedauerlich, daß eine an sich so interessante Pflanze, wie «s die Orchidee ist, lediglich zum Objekt einer dabei sehr wenig von «oissenschaftlichen oder ästhetischen Interessen geleiteten Geld- oder Geburtsaristokratie geworden ist. Bedeutende, in die Millionen «ehende volkswirtschaftliche Werte werden hier nutzlos verschleudert, F r. Förster. Sebacb. Unter Leitung von S. Alapin. Troitzki. »dockokf-K M_ Weiß am Zuge macht Remis. Damengambit.') (Karlsbader Turnier 1911.) H. S a l w e. S. A l a p i n. t. 62-64 67— 6S 2. c2— c4 c7— c6 Die Schattenselte dieser Verteldi- gung besteht darin, daß hierdurch dem Lb8 das Feld ob genommen wird. Jedoch bleiben dem Lb8 noch die Felder 67 und a6. Hingegen bei der üblichen Ver- teidigung 1..... e6 wird der Lc8 fast ganz eingesperrt. Um b e i d e n leichten Figuren des Damenflügels volle BewcgnngSsrei- hett zu lassen, kommt nur das Tschi- gorwsche System mit 2..... Sc6 in Bewacht, um aus 3. LoZl niit 3..... e5 fortzusetzen. Wer nach 4.<5X65, 8X64; 5. 54, 56; 6. o3. 853; 7. o4. S5h6!-c. besser steht, ist noch eine unerforschte Frage. 3. s2— o3..... Schwarz drohte mit 6Xo4 nebst event. d7— b5 einen Bauer zu gc- Winnen, z. B.: 3. 853, 6X04; 4. v3, bö; S. ai. Db6!; 6. Se5, 867!; 7. D53, 3X°5; 8. dXc5, Lb7; 9. Dg3, a6; 10. Sc3, e6; 11. e4, Sö7 nebst event. c6— c5 und Se7— c6— 64 2C. Aus 3. Sc3 geht der Baucrngcwinn allerdings nicht, aber Schwarz er- langt ein freies Spiel mit 3.... o5! z. SS.: 4. cX65, 06X65; 5. 6Xe5, 64; 6. Da4+, Scö; 7. Sb5, aGI 8. 853, Lg4; 9. SbXd4?, Lb4t: 10. 1-62, LX62t; 11. KXd2, I-XkZ ic. 3...... Lc8—£51 4. Ddl— b3 1168-07 B. Sbl— c3..... 5. cXda würde die erwähnte -Schattenseile der Verteidigung(2.. c61?) sofort ausheben, z. B.: 5... vX65; 6. 8c3,«6; 7. Ld2, Sc6; 8. 853, 856; 9. Tel, 3671(SS drohte 8051) 10. Lb5,(10. SbB, Db6) 10..... Le7; 11.0-0, 0-0-c. 5......©7— e6 6. Lei— 62 SbB— 67 7. Tal— cl••..• Vidmar spielte hier gegen Alapin 7. 353. Sg56. Aus 8. Tel könnte dann folgen: 8..... Le7; 9. cX65, eXd5; 10.8X65,8X65; 11. DXd5, Le6; 12. Db4, LXa2; 13. 65?, 856 20. 7...... Ta8— c8 8. Sgl—£3..... Hier war folgende höchst interessante Verwickelung möglich. 8. o4X65, 06X651; 9. 8o3— b5(Aus 9. 853 tarnt 9..... a6 folgen. Nicht etwa 9. 353, Sgf6? wegen 10. 8X651, DXclt; 11. I-Xcl, TXclt; 12. Kd2, Tc2t; 13. DXc2. I-Xe2. 14. 8X16+1. gXfö; 15. KXc2 mit Baucrngewinns 9..... Dc7Xclt; 10.Ld2Xcl,Tc8Xcl+; 11. Kol-e2, 1-55—02!; 12. Sb5— c7t, KoS-dS; 13. Db3Xb7, Lc2— dlf; 14. Ke2 —62, TclXc7: 15. I)b7— aSr, Tc7— c8; 16. Da8Xa7, Ldl— h5; 17. L5t— b5, Sg8— 56; 18. Sgl— 53, Lh5— 53; 19. g2Xß, 1.58-66; 20. Kd2— 63, Kd8-e7; 21. e3—«4, Tc8— a8; 22. Da7— b7. Th8-b8; 23. Db7— c6, Ta8Xa2; 24. e4Xd5 (24. e5, I-XoS). 24..... Ta2Xb2 tc., zugunsten von Schwarz. 6...... Sg8—£6 9. Lfl— e2 Dc7-b8 Hiermit hat Schwarz die Schwierig- keilen der Eröffnung überwunden und die Partie gelangt in ein ruhigeres Fahrwasser, in dem keine allzu ge- jährlichen Klippen mehr drohen. (Siehe obige Glossen.) 10. 853— h4 1-55— gS 11.£2—£4 Lf8-e7 12. e4X65 eßXdö 13. 0—0..... Von 13. 55, Lh5 hülle Weiß nicht«, 13...... St6-e4 14. L62— el Se4— 66 14...... LXh4; 15. LXh4, 862 scheitert an 16. Da3. Auch 14...... 55; 15, 8Xg6, hXg<5: 16. SXe4 ist mit Gefahren verbunden. 15. 8b4— 53 57—56 16. 853-62 Lg6—£7 17. 54-55 Lo7— 68 18. Lol— g3 L63— c7 19. Db3— c2 0-0 Sowohl König als Dame stehen bei Schwarz in ganz symmetrischen Rochadestellungcn l 20. e3— e4 21. Sc3X64 22. Lg3Xc7 23. 862 Xe4 24. Se4— c5 25. b2— b3 65X64 866X64 Db8Xo7 867— b6 T53—©8 Tc8— 68 Wegen der Schwäche de? 864 steht Schwarz vielleicht etwa» besser, aber zum Gewinn reicht eS nicht a>i?. ES geschahen noch folgende Züge: 26. Db2, De7; 27. 1-53, 865; 28. 1)52. Dc7; 29. Tfol, Dc8; 30. h3, b6; 31. TXeSf, TXe8; 32. Sei, Td8(32...... vX+b?; 33. 868, Df4; 34. TXc6); 33, g4, Dd7; 34. Tdl, Dc7; 35. Lg2.€14; 36. 8o3, 8Xg2; 37. KXg2, Ld5+> 38. Kgl, 1166; 39. Td2, To8; 40. TeC TXe2; 41. 3Xs2, Do7; 42. 854. I1s4; 43. 3X65. oXd5; 44. Kh2, K58: 45. Kgl und die Partie wurde Remis gegeben. •) Variantenmäßige Ergänzung 1 tischen Betrachtungen der letzten Schachspalte. unserer allgemeinen theore« «erantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u, Verlag: BorwartSBuchdruckereiu.Verlagsanstalt Paul SingerckCo., Berlin 8 W.