Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 201. Dienstag den 17. Oktober. 1911 (JladjStuä verbokm.) 83] Vor dem Sturm» Roman von M. E. delleGrazie, „Wahr ist's!" rief der Förster, dem es darum zu tun war. wenigstens einen Zeugen zu haben. ..Ich Hab' nichts g'sagt," remonstrierte Basti.«Und ich — ich— weiß auch nichts!" Seine Hochwürden begann langsam zu verstehen.„Einen Nachfolger... der Unterwegerl So, so, so— o." „Bestimmtes weiß man natürlich noch nicht," beeilte sich der Förster zu sagen.„Aber wenn an einem Reitknecht so viele Meriten auf einmal entdeckt werden—" Seine Hochwürden schüttelte den Kopf.„Ei— ei— ei!" Er fühlte sich als Seelsorger sozusagen mitbeteiligt, obwohl es ihm schrecklich war, daß gerade eine geborene Gräfin ihm sein Amt in dieser Weise sauer machte. Bastls Kopf steckte noch immer in der blauen Baumwolle. Wenn es gegen die Mächtigen dieser Welt losging, wurde es ihm stets ein bißchen bang und schließlich... Es war ja auch das Brot des gnädigen Fräuleins von Schönbach, das er ob, bezog er doch den größten Teil seines„Deputats" an Korn und Weizen von dem Dominium Schönbach. „Das— wäre schon der zweite," sagte der geistliche Herr. „Eine Gräfin Hartacker und— und ein Reitknecht! Ei, ei, ei! Und wenn ich an ihre Mutter selig denke!" Der Förster zuckte die Achseln.„Wir sind eben nach der väterlichen Seite gefallen. Und wenn ich an den Grasen selig denke.. „BielleHlst sollt' ich doch das Fenster schließen," meinte Bastl diskret. Ein längerer Aufenthalt in dem Baum- wollenen war nicht mehr möglich. So suchte er auf eine andere Art abzulenken. Aber �Seine Hochwürden überhörten es.„Ja, da... ci, ei— da bleibt mir freilich nichts übrig, als wieder einmal ins Schloß zu gehen. Man hat eben doch seine Pflichten!" Der Förster wurde erst rot, dann blaß.„Aber ich darf doch hoffen, daß Euer Hochwürden nicht mich—" „Bleib' er ganz ruhig, lieber Fieber," erwiderte der Gras aufblickend.„Den Wilderern, die im Weingarten des Herrn pirschen— weiß ich schon allein beizukommen. Also— der Reitknecht. Ei— ei— eil" „Mein Spiel!" stieß Bastl endlich hervor. Er hatte wieder ganz unerlaubt gute Karten, und wenn es auch nicht für einen„Balat" reichte— den„Ultimo" hielt er schon jetzt in der Hund. Seine Hochwürden nahmen rasch die einzelnen Karten auf.„Gut, gut!" Di. Sache ging ihm dock nahe, und wie gesagt es war eine Gräfin. D.s räudigste Schaf der Gemeinde und die— Patronatsfr>u dazu! Er spielt, zerstreut, lässig. So geschah es, daß Bastl sein „Pagat Ultimo" machen konnte, ohne daß �oeine Hochwürden es recht bemerkten. Nur der Förster ließ ein mißvergnügtes Knurren hören, als er dem Schulineister das neue Spiel gut- schreiben mußte.„Hat Schwein, der 5tcrl, hat Schwein... freilich." Es lag ihm auf der Zunge etwas hinzuzufügen, doch er verbiß es. Vielleicht hatte er ohnedies heute schon zu- viel geredet. Aber... es war ja wirklich ein Skandal! .„Pardon!" sagte Bastl devot. Tie Tonne war an ihm, der Förster schob ihm die Karten zu. Seine Hochwürden brauchten einige Zeit, den üblen Ein- druck loszuwerden. Diese Lolette! Aber wie sollte er ihr nur an? Schließlich— sie war die Herrin! Doch diesmal mußte es sein. Wenn er länger zusah— wer weiß, was die Ge- meinde zuletzt noch von ihm selbst dachte. Denn... und hier saß die wunde Stelle auch in seinem Gewissen— schön war sie, diese nichtsnutzige Patronatsfrau! So recht sünd- hast schon. Dabei von Adel, wie er. und— er entsann sich einer Zeit, in der er sich mit ihr recht wohl verstanden hatte. und höchst leichtfertig gelacht mit ihr. über allerlei menschliche Dinge. Nicht daß er sich deshalb auch nur das Geringste hätte zuschulden kommen lassen. Es war nun einmal so die Art ihrer Kreise. Ter französische Charme des Tons, der noch wie ein Echo aus den Salons des vergangenen Jahrhunderts hineinklang in alles, was zwei Adelige sprachen oder belachten. Für ihn war es die„kine fleur" seines Standes: das Gefühl, iiber allem zu steh'n, was in dieser, leider Gottes so verpöbel» ten Welt vorging. Wenn er mit Lolette sprach, war es eben doch etwas anderes, als wenn Bastl oder der Förster ihn an- bliesen. Und nun sollte er �da hinüber, ganz Würde und priesterliche Unnahbarkeit. Sollte ihr ins Gewissen reden, wie der nächstbesten Bauerndirnc, die sich vergangen! Jedes Jahr einmas gab Lolette vor, nach Znaim zur Beichte zu fahren. Möglich, daß sie bisher auch wirklich dort gebeichtet hatte. Aber lag in der Art. wie sie sich seiner Seelsorge ent> zog, nicht auch zugleich ein Wink für ihn?„Bleib' mir ferne mit jeder geistlichen Zudringlichkeit. In dem Punkt will ich nicht molestiert werden." „Ist auch nicht bloß ihre Schuld," dachte er jetzt zcr- knirscht.„Hätt' ich, die wenigen Male, die ich im Schloß oben war, nicht immer nur den„Almanach de Gotha" mit ihr durchgenommen, all den lieben Klatsch, den Unsereiner nicht los wird, weil er einen eben immer wieder interessiert— könnt' ich meine Toga jetzt in andere Falten legen. Aber so..." Ja, wenn er es jetzt recht bedachte, war er ihr doch nur immer als Kavalier gegenübergesessen und hatte ge- sprochen, als ob er Estarpins und zierlich gefältete Jabots trüge, nicht das ernste, schwarze Kleid des Seelsorgers. Frei- lich, schon ihr Boudoir war eine Versuchung, wieder so recht in jenen Ton zu verfallen. Der weiße Porzellankamin, die himmelblauen Rokokomöbel, all die Meißener Figiirchen, die so zierlich von den spiegelnden Etagören hinabgrüßtcn und von einer Zeit erzählten, die nur die wenigen„Geborenen" nock? in ihrer ganzen Anmut und Süße versteh'n und durch- kosten konnten. O ja, es war schön gewesen, dort droben, und ein paarmal hatten auch Seine Hochwürden den ganzen Ehurme dieser Taifelin empfunden. Plötzlich kam die �roße Ernüchterung:„Ter Unter- weger I" Der Dorfklatsch brauchte fast ein J.chr, bis er voll und ganz zu deii� Ohren des Techants drang, und mehr als einmal fühlten Seine Hochwürden sich sogar verpflichtet, die wehrlose Frau in einem Anfall von Ritterlichkeit zu ver- tcidigen. Bis die Sache endlich doch auch für ihn ganz klar lag. Von dieser Zeit an stellte er seine Besuche ein. Lolette verstand sofort und begann auch ihrerseits, ihm auszuweichen. So stand die Sache ein ganzes Jahr. Endlich erhielt der ver- haßte Günstling den Laufpaß. Seine Hochwürden atmeten auf. Und nun! „Wenn sie doch um Eottcswillen endlich heiraten möchte!" sagte der Graf plötzlich aus seinen Gedanken her ms. „Ja wenn!" erwiderte der Förster.„Wenn und wenn? Anfangs dachte man, daß der Lorowitzer anbeißen würde____ Aber wie die Dinge nun steh'n." Er sah eine Weile gsdanten- voll in sein Blatt.„Ja, wie wir nun steh'n, ist's vielleicht noch das allerbeste, sie bleibt lcdig und wird schön langsam älter und vernünftiger. Sonst bekommen wir am Ende einen Herrn, vor dem weder Hochwürden noch ich den Hut zieh'n niöchten." „Der Reitknecht wird's doch nicht sein!" ri.f Jxr Tcchant indigniert.„Rasse'leibt Rasse, und zuletzt besinnt sich eine Jede, wenn sie nur eine geborene Dame ist! De hat er gleich meine Mama selig und— diesen Beethoven." „Pardon", meinte Bastl verlegen, aber doch sichtlich mo- kiert.„Der Beethoven war doch immerhin etwas— etwas anderes, so zu sagen." Seine Hochwürden ließen bloß einen Blick über den Schulmeister hingehn, so einen echt Gallenbergschcn Blick. „Etwas— anderes incint er? Aeh... Mesalliance bleibt Mesalliance."(Mißheirat.) Bastl verstummte. „Gräfliche Gnaden haben die Vorhand!" wagte der Förster zu erinnern. Vergeblich! Ter Name Beethoven war gesallen und einmal bei diesem Thema, fanden Seine Hoch- würden nicht so leicht ein Ende. Schulmeister und Förster hatten die alte Geschichte wohl schon zwanzigmal anhören müssen. Dem Schulmeister geschah es immer zu Leide, den Förster langweilte sie. Er war ein Banause und stand als solcher der Auffassung des Grafen doch näher als Bastl. Aber schließlich— auch das älteste Jägerlatein erschien ihm amü- sanier, und wenn die Geschichte gar daZ Spiel ms Stocken brachte, konnte er recht ärgerlich werden, mutzte er doch all die gewohnten Flüche, die ihm bei ähnlichen Anlässen über die Schnauze kamen, hier in„untertäniger Snbmission" hinunterschlucken. Ein verschluckter Fluch aber war ihm schreck- licher, denn ein regelrechtes Leibgrinimen. Weil er jedoch seiner Ungeduld wenigstens in etwas Luft machen mutzte, pflegte er bei solchen Anlässen mit der Spitze des rechten Futzes den Takt zu eincni Marsch zu tippen, den kein Mensch im ganzen Dorf je gehört. Er nannte das seinen„Dessauer spielen". Die Försterin hatte so viel„Appell", bei den ersten Takten sofort zu verstummen,«seine Hochwürden aber nahmen davon nicht einmal Akt. Ter Förster mutzte also seinen Marsch umsonst spielen und das verdroß ihn noch niehr. „Ja— der Beethoven!" lächelte Seine Hochwürden her- ablassend.„Soll ja sonst'n ganz guter Kopf gewesen sein — blotz, datz ihnl plötzlich diese ridiküle Ambition kam! Mein Papa selig hat oft darüber nachgedacht, wie der arme Kerl sich so weit versteigen konnte? Ein ambulanter Musikus und — und eine Komtesse! Schlietzlich nahmen wir an, datz ihn ein Cadcau meiner Mama so aus der— aus der Conienance gebracht." „Jetzt kommen die Hemden", dachte der Förster,„da mutz man lachen, dann wird er schneller fertig". Sein Futz aber begann die Takte des„Dessauer" noch kräftiger zu markieren und die„Himmerherrgott-Sakrament", die er be- reits verschluckt, reizten ihm bedenklich die Galle. Dabei hatte er ein Blatt in der Hand! Kurz, es war„zum krepieren"! Unter dem Tisch, an dem die Kartenspieler satzen, lag Chloe, des Dechants Bologneser Hündchen. Wie alles, was „Pedigree" hatte, stand auch Chlo« in höchstem Ansehen bei ihrem Gebieter. Was jedoch den Förster nicht hinderte, sie insgeheim ein„räudiges Best" zu nennen. Flöhe hatte sie auch, und da Seine Hochwürden darauf bestand, datz Chloe selbst während des Spiels ihren gewohnten Platz einnehme und dieser gewohnte Platz mitten unter dem Tisch lag— gehörten Chloe und Beethoven für den Förster zu denjenigen Geschöpfen, für die er„nicht einmal einen Schuß Pulver hatte." Und gerade heute machten sich Chloes Flöhe be- sonders fühlbar!..Himmelkreuzdonnerwetter" dachte der Förster aufs neue. Doch zur rechten Zeit besann er sich. Jetzt kam die Stelle, bei der man lachen mutzte. So lachte er. „Der Beethoven hat nämlich nie ein sauberes Henid an- gehabt", lächelte Seine Hochwürden nachsichtig.„Natürlich ... arm wie diese Leute schon sind und ohne— ohne Komfort! Enfin... Meiner Mama— die damals noch Komtesse Guicciardi war, ging das auf die Nerven. Und nachdem sie mit ihrer Mama Rücksprache gepflogen, kamen die Damen überein. dem unappetitlichen Menschen ein Cadean von zwölf Hemden zu machen. Darüber hat er den Verstand verloren." „Er hat noch für sechs Symphonien gereicht dieser Ver- stand", dachte Basti gekränkt.„Und noch für einiges andere, was keinem Grafen der Welt bisher eingefallen ist." Aber dies waren„Schulmeistcrgedanken" und für die war kein Platz am Tisch eines gräflickien Pfarrers. In diesem Augenblick fuhr Chloe mit einem kläglichen Schrei zwischen den Stühlen hervor. Der Förster, der eben so pflichtschuldig gelacht, hatte unter dem Tisch so kräftig seinen„Dessauer" getippt, daß Chloe endlich begriff und sich und ihre Flöhe unter lautem Gewinsel in Sicherheit brachte. „Pardon, gräsliche Gnaden", stammelte der Förster,„aber ich hatte keine Ahnung..." „Sie liegt doch immer unter dem Tisch", erwiderte Seine Hochwürdcn. etwas indigniert. „Es sind aber auch sechs Beine unten", lachte der Förster jovial—„und Was uns Hochwürden soeben erzählt baben, war so amüsant, datz ich im Augenblick auf Ehre nicht einmal sagen könnte, ob es meine Füße waren." XLertsetznng folgt.) lTIachdruck vervolen.l 31] Die JVIeirtcnn, Von August Friedrich Krause. 12. Das gab eine Aufregung in Wirrwitz und in der näheren Um- gcbung, wie selten zuvor, und ihre Ursache war nicht, datz der Rothcr-Tischlcr gestorben, sonder.?, datz er. den man schon längst im Grabe vermodert wähnte, noch gelebt hatte. Und in den letzten Wochen noch dazu mitten unier ihnen allen gelebt hatte, ohne dah sie es mutzen. Viele erinnerten sich noch gut des alten Mannes, der ab und zu auf die Höfe kam, bescheiden und unaufdringlich, selten etwas» erhielt und meist durch die aufgehetzten Hunde verjagt wurde. Wen ihm einmal ein paar Pfennige gegeben, mehr um den verdächtig Aussehenden los zu werden, als aus Mitleid, brüstete sich jetzt damit, datz wenigstens er dem Armen vor seinem Ende noch Gutes getan habe. Und jeder dachte dabei an die Frau, die hart und herzlos auch diese letzte Gelegenheit versäumt hatte, in den verriniwndeu Tagen seines Lebens an dem Manne wieder gut zu machen, was sie durch mehr als zwölf Jahre an ihm verbrochen. Man war über alles, auch über Einzelheiten genau unterrichtet. Das war die letzte Rache des Schusterhauses. Am Tage nach dem Ableben des Tischlermeisters hatte Glück-» Karl einen Jungen zu Frau Nother geschickt mit drei Mark und fiebenunddreitzig Pfennigen, alles in Kupfer, nur drei oder vier Fünfpfennigstücke dabei. Das wären die Bettelpfennige vom Meister Rother, lietz er dazu sagen. An allen Biertischen erzählte er dieser« Streich und datz er das Geld, das ihm die Meisterin für die Ver- pflcgung ihres Mannes angeboten, stolz zurückgewiesen habe.„Nu, da kennt sie meiner Mutter ihren ält'sten Sohn schlecht!" fügte cv hinzu, und warf dabei verächtlich den Kopf nach hinten.„Das hätt' ich für meinen Freund getan, den die Frau verstoßen und vergesser« hat, nicht für sie!" Das Hab' ich ihr wiedersagen lassen durch dio Schmidten! Wahr- und wahrhaftig, das Hab' ich!" Dabei schlug er mit der Faust auf den Tisch und sah die Runde mit blitzencei« Augen an. Sie glaubten es alle gern: er war so einer, der Schuster! Aber auch die Nachricht von der Verlobung des Rother-Paul mit der Anna vom Krimke-Hofe hatte rasch genug den Weg in die Oeffentlichkeit gefunden. Die Grete schäumte vor Wut, als sie ihre Hoffnung betrogen sah. In? Krainladen des Dorfes und bei allen Nachbarinnen breitete sie aus, was sie vom alten Rother wußte: in welchem Zu- stände er zu ihnen gekommen, wie er sich nicht hatte abhalten lassen, immer wieder auf den Bettel zu gehen, als ob er von dieser Gc- wohnbeit nicht lassen könnte, weil sie ihm lieb geworden, wie sie ihn gepflegt und so gar niemand aus dem Rother-Hause sich um den armen alten Mann gekümmert habe. „Der Paul hqt's ja nicht gewußt," entschuldigte sie,„aber...!" Und jede wußte, was sie mit dem„Aber" meinte. Denn nur der Nothern wollte sie Schande anhängen, soviel sis nur konnte, den Paul mochte sie nicht kränken. An dem hing sis noch immer und sehnte sich nach ihm. Das tiefe Weh, das um ihn ihr im Herzen brannte, vermochte sie nicht zu betäuben. In den Nächten lag sie mit brennenden Augen wach und biß die Zähne fest in die Kissen, um nicht laut aufschreien zu müssen in Sehnsucht und Qual. Im Tischlerhause war nach all dem Sturm der letzten Wochen Ruhe eingekehrt, aber kein Glück. Die Meisterin wurde von Tag zu Tag schwächer. Wie ein von lederartiger Haut überzogenes Gerippe war sie nur noch, in dem die scheinbar größer gewordenen Augen noch mit seltsamer Kraft brannten. Schmerzen in allen Gliedern, Uebelkeit und Erbrechen mehrten sich, Tag und Nacht peinigte sie entsetzlicher Durst; doch auch den Trunk Wasser vermochte sie nicht mehr bei sich zu behalten, mit dem sie den vertrockneten Gaumen letzte. Die körperliche Pein aber vermochte nicht, sie kleinmütig und verzagt, ungeduldig oder mißmutig zu machen. Sie sah das Werk ihres Lebens gelingen; dieses Bewußtsein gab ihr Ruhe und Kraft. Vom Bett aus, an das sie jetzt durch ihre Schwäche dauernd gefesselt war, leitete sie noch Geschäft und Hausivesen. Den Paul führte sie in die Leitung ein, daß er Bescheid wußte, wenn sie nicht mehr war. Die Kunden kannte er alle; die Mutter aber gab ihm noch Anleitung, wie er jeden einzelnen behandeln müsse, um am vorteilhaftesten mit ihm auszukommen und ihn dauernd zn be- halten; sie nannte ihm die besten Lieferanten und schärfte ihm manchen wichtigen Geschäftsgrundsatz ein, den ihre Erfahrung sich gewonnen. Und der Paul nahm alles, was sie sagte, willig an. Wenn nach Feierabend oder an Sonntagen der Paul und die Anna, die täglich einmal in das TischlerhauS kam, an ihrem Bett saßen, besprach sie mit ihnen, wie sie nach ihrem Tode alles ge- halten haben wollte; nur als sie auch die Hauswirtschaft bis ins Kleinste hinein durch Anordnungen festzulegen versuchte, wehrte ihr das Mädchen ruhig, aber bestimmt: „Das wer' ich schon machen. Mutter!" Mit einem leichten Ton auf dem Wörtkein„ich", der nicht un- gewiß ließ, wie die Rede gemeint war. Einen Augenblick sah die Kranke ihr überrascht in das Gesicht; als das Mädchen aber den streng prüfenden Blick, der fragen zw wollen schien:„Kannst Du's auch gut machen?" ruhig aushielt, wandte sie sich ab und versuchte nie mehr, sich einzumischen in das, was die künftige junge Frau schon als ihr Reich anzusehen begann. Die beiden jungen Leute sollten heiraten, so bestimmte sie. wenn das Gesuch des Paul um Befreiung vom Militärdienst. daS erst nach der Stellung eingereicht werden konnte, genehmigt worden war, und die Anna war damit einverstanden. Der Bursche aber sah mitunruhigen Augen, in denen ein verhaltenes Feuer aufzu- brennen schien, zum Fenster hinaus, und das letzte Licht des Tages spielte auf seinem krampfhaft verzerrten Mienen. Ter Mutter entging das Gesicht des Sohnes nicht, aber sie sagte nichts; nur besorgt streifte, wenn sie meinte es unbeobachtet tun zu können, ihr fragender, suchender Blick daS Mädchen, als wenn sie sich überzeugen wollte, ob es Kraft haben werde, den Sohn zu halten. Vom Begräbnis sprachen sie und von der Hochzeit; bis inS Kleinste hinein traf sie ihre Anordnungen für beide Feiern, und nicht müde wurde sie, immer und immer wieder davon zu reden, besonders von der Hochzeit, die ihr mehr am Herzen lag als alles andere. Die Anna hörte ihr mit ruhigem Gesicht stets aufmerk- sinn und geduldig zu, auch wenn sie innerlich nicht ganz einvell- standen war: „Ja, Mutter." versprach sie,„'s soll all'S so gemacht werden!" Dem Paul aber wurde es oft zu viel, wenn von nichts weiter geredet wurde, und einmal, als er seinen Mißmut darüber laut werden ließ, fuhr die Mutter ihn hart an, wie er das in ihren kranken Tagen gar nicht mehr gewöhnt war'an ihr. „Ihr sollt all's so machen, wie ich's haben will," rief sie erregt, und ihre Augen blitzten,„ich will auch dabei sein, wenn Ihr Beide Huxt machen tut! Auch wenn ich schon im Grabe liegen tu!" Um ihre Teilnahme an der Feier auch äußerlichjrecht sinnenfällig zu machen, bestimmte sie: auch für sie müsse ein Stuhl vor den Altar, wo die Trauzeugen sitzen, und einer an die Hochzeitstafel gestellt werden. Dem Brautpaar gegenüber wolle sie beim Mahle sitzen, ein Teller solle auf ihrem Platze stehen und ein Besteck dazu gelegt werden, ganz so, als wenn sie lebe. Da merkte der Paul, daß auch noch im Grabe sie Gewalt haben wollte über ihn, und hart biß er sich auf die Lippen; sein Gesicht wurde noch blasser, als es jetzt schon immer war. Wie ein Wahnwitz lebte ihm im tiefsten Seelengrunde noch eine kleine, furchtsame Hoffnung, die sich scheu duckte, wenn sie ihm ein- mal hell ins Bewußtsein kam, und doch nicht tot zu kriegen war, so sehr er auch sie bitter verlachte. Er konnte und konnte den Schmerz um die Grete nicht verwinden. Am Tage tat er seine Arbeit eifrig, rastlos aus einem ins andere hetzend, und gönnte sich keine Ruhe, um abends, wenn er die Anna durch das schlummernde Dorf heim- gebracht hatte, erschöpft und zerschlagen auf sein Bett sinken zu dürfeir. Denn vor dem Sinnen und Besiinnen fürchtete er sich: dann gingen seine Gedanken Wege, die ihn selbst erschreckten, wenn er, ruhiger geworden, bei Tageslicht sie nocbmals überdachte. Oft schon hatte er, wenn er vom Krimke-Hofe heimging durch die dunkle Nacht, eine süße Stimme lockend und raunend vernom- men, und er hatte immer erst gemeint, das Sinnen seiner Seele wäre ihm lebendig geworden im Ohr, bis er im Dunkel ein schlanke, fchmcidige Gestalt erkannte und das leise Rauschen rhrer Röcke ihre Nähe ihm zum Bewußtsein brachte. Jedesmal aber, wenn er, halb von Sinnen, antworten, wenn er in ihre Arme taumeln wollte, war der ernste, strenge Blick der Mutter vor ihm hell geworden, und eine furchtbare Angst hatte ihn gepackt, daß er davonjagte. Hinter ihm aber verklang der sehnsüch- tige Ruf vom Wind vertragen leise im Dunkel. Keuchend, mit graublassem, verzerrtem Gesicht, trat er dann in die Stube und zur Mutter, die ihn erschrocken anstarrte. Auf ihre Fragen antwortete er nicht; die halbe Nacht aber saß er bei der Schlaflosen, als wüßte er sich hier allein Schutz gegen sein leiden- schaftliches Sinnen und Sehnen. Bis er lange nach Mitternacht völlig erschöpft in seinem Lehnstuhl einschlief. Sie ahnte, was an solchen Abenden ihm begegnet war, und fühlte, wie bitter schwer er mit sich rang und litt mit ihm. Sie wußte aber auch, daß nicht die eigene Kraft, die schwache, in ihm Widerstand leistete gegen das Begehren seines Blutes, sondern allein der Zwang, den sie auf ihn ausübte, und je öfter sich diese Bcgnungcn mit ihren Folgen wiederholten, um so größer und quälender wurde in ihr die Sorge: eS könnte ihn doch wieder über- wältigen, wenn sie nicht mehr war und er sich frei fühlte vom Zwange ihres Willens. Sie empfand, wie sein leidenschaftliches Begehren mit jedem Male mehr ihn von ihr abtrieb und wie sie damit schon jetzt allmählich die Gewalt über ihn verlor. In dem Feuer dieser Angst verzehrten sich rasch die letzten Kräfte ihres zermürbten Körpers. Die Frühlingsstürme brausten über das Land und brachten die Kraft Gottes, das Wunder der Auferstehung neu zu vollbringen, der Erde wieder; da rüstete diese Seele dieser Frau, die über das Grab hinaus leben, wirken und ihr Lebenswerk vollenden wollte, Abschied zu nehmen. Die letzten Tage war auch ihre Seele müde und kraftlos ge- worden; nichts nötigte ihr mehr Interesse ab, was doch bisher auch noch auf dem Krankenbett ihr Leben gewesen war. Sie hatte alles gerichtet, so weit sie es zu richten vermochte, nun wollte sie ruhen von der Not aller äußerlichen Dinge. Ihr Körper war schon zu schwach geworden, noch Schmerzen zu empfinden; das Feuer ihrer Augen war erloschen, die Stimme hatte allen Klang verloren, alle Bewegungen waren geworden wie die einer Einschlafenden. Nur wenn der Sohn zu ihr ans Bett trat, wurde sie ein wenig lebhafter: dann hob sie mit Anstrengung die schweren Lider und sah ihn an, unverivandt, starr, hart. An dem Blick erkannte er, daß noch immer ein Wille in ihrer Seele lebte, der Wille, der ihn gezwungen hatte, solange er denken konnte, und am härtesten in den letzten Monaten. Der Blick erschütterte ihn und wühlte ihm die Seele auf. denn er wußte, was er ihm sagen wollte, was er von ihm heischte, herrisch fordernd, und er wurde blaß unter diesem Blick wie die getünchte Wand. \0 Es war ein stummes, hartes Ringen zwischen Mutier und Sohn bis zum letzten Atemzug. Oft wollte der Trotz ihm den Nacken steifen, daß er sich nicht niederbeugte, ihr die Worte zu sagen, die allein sie zu beruhigen vermochten. Dann wurden ihre Augen immer größer, der Blick immer härter und herrischer und ließ nicht von ihm ab. Sie zwang es noch, daß dieselbe Kraft in ihre Augen kam wie in gesunde«» Tagen, so groß war die Angst der Sterbenden um den Sohn. «Schluß folg«.. kfratikblcknabel und Ocbfentmul. Bon Dr. Paul Landau. Kranichschnabel und Ochsenmaul!— mit diesen beiden Namen» bezeichnete das lö. Jahrhundert die größten Extreme der Schuh- form, die gegen Ende dieses Säkulums eine kurze- Zeit sich den Rang streitig machten, bis das breite„Ochsenmaul" den so lange hindurch angebeteten„Kranichschnabel" völlig unter das altmodische Gerümpcl verdrängte. Und liegen in diesen, beiden Worten nicht auch in der Gegenwart die Gegensätze der Schuhmodcn beschlossen? Wer fragt heute noa» nach der langen scharfen Spitze des Stiefels, mit der vor wenig Jahren das„Gigerl" stand und fiel, nachdem nun das schwere breite Borderteil des amerikanischen Schuhes seinen Siegeszug durch Europa angetreten hat? Und doch droht über kurz oder lang auch diesein„Ochsenmaul" aus dem Lande der Uankecs das Ende. Schon jetzt wird die Schuhform schlanker und spitzer. Wer weiß, ob nicht bald wieder die Zeit des schmalen „Schnabels" gekommen ist? Aber die große Modefrage ist ja über- Haupt nicht mehr in dem Maße eine Schuhfrage, wie in den Zeiten des Rittertums und des Rolokko, in de,, klassischen Epochen des langen, sich fest anschmiegenden„Beinlings" und des„Steckelschuhs". Unser Schuh ist ein schlichtes, zweckmäßiges Kmd der Straße und des Sports geworden, ist nicht wie einst ein reichgcschmückteS Symbol, verklärt von Poesie und Sitte, kein eleganter verwöhnter Liebling des Salons. Nicht mehr bringt man, wie vor Zeiten der Germane, den Schuh als treues Unterpfand eines innigen Berlöb- niffes der Geliebten dar. nicht mehr ziert der Schuh das Wappen- schild eines alten Rittergeschlechtcs als Zeichen von Recht und Eigen- tum, wird der altväterische Bundschuh zum sinnfälligen Ausdruck einer gewaltigen sozialen Bewegung, wie der Bauerntriege der Re- formationszert. Nicht mehr trinkt der Sänger„in Treuen" den Wein aus dem Pantoffel seiner Dame, und jenes Gefühl ist uns fremd geworden, das der liebestrunkene Holofernes im Buch Judith durchlebt:„Ihre schönen Schuhe verblendeten ihn." Wahrlich, im Schuh, der uns ein so nüchternes und rein praktisches Werkzeug dünkt, spiegeln sich in einer interessanten„Froschperspektive" Geist und Geschmack der Zeiten, wenn auch freilich nicht selten in wunder- sicher Verzerrung und Verirrung. Der erste Mensch— die Dichter meinen, es sei eine Frau ge- wescn— der sich zum Schutz gegen Dornen, Steine und heißen Sand ein Stück Tierleder unter d>e nackten Sohlen band, ist von der poetischen Legende verherrlicht worden. Die Sandale«nt- stand jedenfalls aus dieser Urform des Schuhs; sie ist in der Gestalt der„gekrümmten Sandale", deren nach außen vorn umge- bogene Sohle auch den Zehen Schutz gewährte, bei allen Kultur- Völkern des Altertums vorhanden. Daneben erscheinen schon bei den Acgyptcrn Schuhe und Stiefel, grün gefärbt, mit zierlich geschnittc- nen Schnürriemen versehen, auf den Sohlen mit Figuren bemalt. erlesene Schmuckstücke, deren Reize die Orientalen besonders durch- gekostet, denn auch im Alten Testament finden wir die Freude an den schönen Schuhen deutlich ausgeprägt. Das Ansehen, das bei Griechen und Römern die Schuhmacher besaßen, läßt auf eine gleiche Hochschätzung schließen. Die Hellenen kannten bereits Schuh in öden, bei denen luxuriöse Schmucksormen, Arabesken. Stickereien, Spangen. Kameen usw. die Fußbekleidung verzierten. Im allgemeinen aber blieb doch im Altertum die einfach natürliche Sandale, die die edle Gestalt des Fußes, das feine Spiel der Mus- kein zu bewundern erlaubte, vorherrschend; wie herrlich sich in solch zwanglos freier Hülle die natürliche Bildung entfaltete» schauen wir noch heute staunend an den antiken Statue». Im Gegensatz zu solch geläuterten Formen des Kulturmenschen stand der Sctmh des Barbaren, der dem Römer fremdartig und sonderbar erschien. Der früheste germanische S chu h, der uns erhalten ist, stammt aus vorrömischer Zeit und fand sich an einen Leiche, die aus den, Torfgrund der ostfriesischcn Gemeinde Etzel gehoben wurde. Dieser aus einem einzigen Lederstück geschnittene Schuh Halle auf dem Spann einen Ausschnitt, dessen eine Lang- seitc in einige Laschen mit Schlitzlöchcrn zerteilt war. während die andere mit"Reihen von hübschen Stern- und sonstigen Mustern durchbrochen und mit Riemen besetz! war. Es ist der Typus des allen germanischen Stämmen gemeinsamen Bundschuhs, wis er wiederholt in Torfmoore» aufgefunden, bei dem die Riemen durch die gegenüberliegenden Laschen gezogen und über dem Spann niit vielfachen Verschlingungen zusammengeknüpft werden. So einfach diese Fußbekleidung auch war, gestattete sie doch mancherlei Schmuck in bunter Färbung und Vergoldung, in eingepreßten oder eingc- schnittcnen Ornamenten. Aus der Merowingerzeik sind uns ein paar sehr schöne Bundschuhe erhalten, die in einem Torfmoore bei Fricdebürg in Ostfriesland die Füße eines Skeletts geschmückt haben.„Tie Tracht der Frauken", berichtet der„Mönch vo«, St. Gallen",..bestand in Schuhen, die misten mit Gold geschmückt und mit drei Ellen langen Schnüren versehen waren." Allmählich traten mm neben diesen niedrigen, breiten altvaterischen Bund- schuh modernere elegante Formen, die bis zum Knöchel herauf- reichten, sich nach vorn mästig zu spitzten und einen neuen Geschmack andeuteten. Mit dem Geist des Rittertums und der beginnenden Gotik drang die Liebe zum Schlanken, zum Spitzigen, zur Eleganz und zur starken Betonung aller Körpcrformen in die Tracht ein und gestaltete auch den Schuh von Grund aus um. Wer es war, der die Welt mit den„S ck na b e l sch u h e n" beglückte? Die Le- gende kündet von dem Grafen Fulko von Anjou, der ums Jahr 1087 lebte und ein wackerer Held und Ritter war. Seine grohe Anfechtung aber bestand darin, dast er mistgestaltete Füstc hatte, und um nun seine„Frostballen" oder besonders riesigen Hühner- äugen zu verbergen, liest er sich lange, vorn ganz spitze Schuhe machen. Ter ganze Modestil drängte freilich auf diese Mode hin. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts tauchte sie unter dem üppigen normannischen Adel auf und wurde von ihnen nach England gc- bracht. Ein Dandy vom Hofe des anglonormannischcn Königs Wilhelm des Roten, Rodbcrtus. kam zuerst auf den Einfall, die langen Schnäbel mit Werg auszufüllen und wie ein Widder- Horn zu krümmen, weshalb er den Beinamen„Der Gehörnte" (CornaduS) erhielt. Diese tolle Erfindung verbreitete sich im ganzen westlichen Europa. Die..Pigaschcn"(picaciae), die gleich Skorpio- ncnschwänzen aus den Schuhen herausstachen, galten als besonderes Abzeichen von Ebrenhastigkeit und Männlichkeit. In Deutschland fanden sie zunächst nur wenig Aufnahme; hier erfreute man sich an liohen geknöpften Stiefeln aus roteni oder violettem Korduanleder, an leichten Sommcrschuhen aus buntem Stoff mit farbigen Spitzen und an warmen Winterschuhen mit Pelzverbrämung. Erst als gegen Ende des 13. Jahrhunderts die vorher kurze Zeit aufgegebenen „Kranichschnäbel" wieder, diesmal von Polen aus, ihren Siegcszug durch die Kulturwclt hielten, huldigte man auch in Deutschland diesen sogenannten„K r a ck a u e r n", die die Franzosen„Pou- laines" nannten. Nun gehörte es bald zum guten Ton, die Spitzen der Schuhe oder der strumpfartigen besohlten„Beinlinge" um mehrere Zoll über die Zehen hinaus zu verlängern. Im 14. Jahr- hundert regelten Verordnungen die Länge des Schuhschnabcls bei den einzelnen Ständen: Könige und Fürsten durften sich Schnäbel von 3 bis 0 Fust Länge gestatten, der hohe Adel mustte sich mit zwei Fust begnüg.'n, die Herren und Ritter trugen Schnäbel von einem Fust, die Bürger von einem halben Fust Länge. Tie Sckuhe strahlten in bunten Farben und zwar jeder in einer verschiedenen, der eine grün, der andere rot usw. Bald hingen die Schnäbel schlaff herunter und schlenkerten beim Gehen grotesk umher, bald waren sie durch Fischbein steif gemacht, mit einer klingelnden Schelle be- krönt, gezaddclt oder durch ein zierliches Kcttchen am Knie befestigt und so in einer schönen Krümmung festgehalten. Da man mit diesen riesigen Auswüchsen oder Schwänzen nur mühsam gehen konnte, kam man auf den Gedanken, die Schuhe mit Unter- schuhen zu versehen; das waren hohe Holzsohlen, auf die die eigentlichen Schuhe festgeschnallt wurden. In dieser Hochblüte des..Kranichschnabels", im IS. Jahrhun- dert, tritt nun der Damen schuh selbständiger hervor. Zunächst war die weibliche Fustbekleidung von der männlichen nicht ver- schieden gewesen. Tie Frauen hatten gar kein Interesse an der Verschönerung des Schuhs, denn er war unter den weiten Ge- wändern nicht zu sehen; es galt für einen argen Berstost gegen die Sitte, den Fust zu zeigen. In der Epoche der Minnesinger, da man die Schönheit der Frauen mit offenen Sinnen zu schauen, zu preisen anfing, tvard das anders. Die Grazie eines schlanken Schuhes. eines feinen Knöchels entzückte die Männer, die als ihr Ideal einen kleinen, aber hoch gebogenen Fust aufstellten; die Höhlung unten in der Fustsohle sollte so grost sein, dast ein Zeisig darin Platz laben konnte. Die Kunst des Schuhmachers war daher hoch begehrt. So richteten sich denn in gleicher Weise gegen beide Geschleckter die Verbot« und Strafpredigten gegen die Schuhschnäbel, die im 14. und 15. Jahrhundert im strengsten und im klagendsten Ton laut wurden. Da die Mode nun einmal das Umschlagen von einem Extrem in das andere liebt, so liest sie ziemlich plötzlich, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, an Stelle des Kranichschnabels den breiten „E n t e n s ch n a b e l" treten, dem dann die plumpen, ungefügen Vorderkappen an den sogenannten„Kuh- oder Ochsen- m ä u l e r n", auch„Bärcnklauen" genannt, folgten. Konservative Gemüter weinten den Schnabelschuhen manche Träne nach und wir begegnen in den Streitschriften der Reformationszeit wieder- holt der sprichwörtlichen Redensart: Ja. damals sei die goldene Zeit auf Erden gewesen, da man Schnäbel an den Schuhen trug. Zu der ungebunden freien Epoche der Renaissance pastte nicht mehr diese groteske, den Fust einschnürende Kleidung; man wollte sich ungeniert und bequem bewegen können in dieser weit ausschreiten- den. grobianisch zügellosen Acra, und dem gibt der Schuh Aus- druck mit seiner niedrigen, offenen, schlappenden Form und den breiten Kappen an Zehen und Ferse. Als Schmuck brachte der kecke Landskncchtsinn, wie in der ganzen Kleidung, farbig untcrbauschte -schlitze in Aufnahme, die bunr aus dem Leder hervorquollen. Mit samt und mit Seide ward der Schuh abgesteppt, mit Silber gc- stistct und beschlagen. DaS Symbol der reitcrlustigen Zeit des -i)reistig;ahrlgcn Krieges wurde dann der Schaftstiefel, der zu einer eleganten Manschette umgeschlagen war. um die wieder «erantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag?" bei vornehmen Herrn ein graziöses Gewirr von Spitzen, Tüll und Band sich legte. Rohe Untersätze aus Holz waren zuerst bei den Unterschuhen der Kranichschnäbel, den sogenannten„Trippen" aufgetreten. Die Frauen behielten solche dicken Sohlen an den Pantoffeln bei. Aber der hohe Absatz erscheint in der Mode erst häufiger in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der Wunsch, ihrer Länge eine Elle zuzusetzen, liest die Frauen, nachdem die hornartigcn Riesenfrisuren erschöpft waren, den Versuch„von unten her" wagen. Die schöne, aber kleine Gabrielle d'Estrees soll die ersten Ein- lagen in den Schuhen getragen haben. Die Absätze werden im 17. Jahrhundert immer höher, immer schmaler, immer spitzer; sie erheben sich um 1650 3 bis 4 Zoll über die Erde und prangen in einem starken auffallenden Rot. Dieser„S t e ck e l s ch u h" ist ein mysteriöses Kunstwerk, zu desien Herstellung der Schuster sich mit dem Absatzmachcr vereinigt. Als Schmuck dient zunächst die breite Bandrosette und dann die erst nur den Abbes eingeräumte Schnalle, die immer gröster und kostbarer wird, je kleiner und niedriger der Schuh ist. Endlich stirbt auch die in bunten Stickereien und funkelnden Edelsteinen prangende Kraprice des Steckelschuhcs dahin. An Stelle der heiteren Farbigkeit der Schuhe beginnt im 18. Jahrhundert daS blanke Schwarz der Wickse zu treten. Schon seit dem 10. Jahrhundert hatte man die Schuhe mit Wachs und Fett be- handelt, mit schwarzen Farbsteincn gefärbt; jetzt wird die blanke Wichse modern und erregt bei frommen Leuten Aergernis. Un- gezwungene, zweckmäßige Formen des Schuhes treten in der Zeit auf, da Rousieaus Evangelium der Natur überall Verehrer findet. Um 1790 ist der Mvdeschnh ein leichter offener Pantoffel; die Her- zogin von Bork, die wegen ihres schönen Fustcs berühmt war, soll ihn eingeführt haben. Die Revolution nimmt ihn begeistert auf. Der Schuh wird nun ganz flach; er hat keinen Absatz, eine Sohle, „so leicht wie ein Blumenblatt", keine Schnalle. Und aus dieser Schlichtheit stürzt er dann im 19. Jahrhundert zu neuen Formen hervor, die doch nur wieder die alten sind, sich zwischen den ewigen Gegensätzen der Schuhmode bewegen, zwischen hohen Absätzen und ganz flacher Sohle, zwischen spitzem und breitem Vorderteil, zwischen Kranichschnabel und Ochsenmaul I kleines feiiilleton. Physiologisches. Käse als Nahrungsmittel. Das rührige Land- wirtschaltSministerium der Vereinigten Staaten hat während des letzten Jahres eine umiasiende wisi-nschasllube Untersuchung darüber angeordnet, welcben Nährwert der Käse in seinen verschiedenen «orten besitzt. Diese Arbeiten verdienen eine besondere Beachtung. weil sie mit einem ungewöhnlichen Aufwand von Mitteln ausgeführt worden sind und erschöpfende Versuche nicht nur mit künstlichen Verdauung im Laboratorium, sondern auch am lebenden Menichen' zur Grundlage genommen haben. Käse ist stets billiger als Fleisch. und daher namentlich in Zeiten einer Teisermig ein Nahrungsmittel, dessen Bedeutung gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Es ist daher überaus wichtig zu ivissen. in wie weit eS den ErnäbrungSbcdürfnisien des Menschen genügt und ivie eS von dem menschlichen Körper verarbeitet wird. Die anierikaiiischen Gelehrten haben nicht nur den Chcddor. ihren Natioiialkäte, in den verschiedensten Stufen der Reife studiert, sonder» auch viele Sorten von ausländischem Käse, so dast dadurch eine umfassende Uebersicht gegeben wird. Die Schlüsse sind dem Käse anst erordentlich günstig, in noch viel höherem Grade, als man es bisher gewiistt oder zugegeben bat. Die bekannte Redensart, der Käse sei morgens Gold, mittags Silber und abends Blei, ist danach ungerechtfertigt, da Käse selbst in grünem oder unauSgereiftem Zustand der Ver- dauuiig keine Schwierigkeit macht. Allerdings ist der Unterschied zwischen einem frischen und einem wohlausgereiftem Käse recht grost. Dieser enthält viele löslichen Stoffe, die im frischen Käse fast ganz fehlen und dieser Unterschied bat wahrscheinlich den Grund zu dem Aberglauben von der schweren Verdaulichkeit des Käse gegeben. Aber auch die festen Bestandteile aus der Milch sind leicht ver» daulich und dabei ein fast ideales Nahrungsmittel. Durch den Zusatz von Lab und die Entwickelung von Milchsäure treten gewiffe chcmische Veränderungen ein. aber eS liegt kein Beweis und kein Argwohn dafür vor. dast diese eine Verwandlung der verdaulichen Bestandteile der Milch in unverdauliche de? KäteS herbeiführen sollten. Auch die Behauptung von einer stopfenden Wirkung deS Käses wird abgelehnt. Wenn ein sogenannter Rahnikäs« als reines Milchprodult verkauft wird, so liegt darin nach dem Urteil der Sach» verständigen ein Betrug. Aber an sich ist ein Rahmkäse ein be» sonder» hervorragendes Nahrungsmittel unter den vielen Sorten und sollte möglichst billig als Volksspeise auf den Markt gebracht werden. Ein eigenes Lob erhält auch der sogenannte Landkäse, aber überhaupt keine Sorte, nicht einmal die von starkem Geruch. werden von der Anerkennung grosten Nährwerts und ausgezeichneter Veköimnlichkcit auSaenommeir. Somit lautet da« abschliestende Urteil dahin, dast jeder Stak alle zur menschlichen Ernährung notwendigen Stoffe in einer ungewöhnlich konzentrierten Form enthält. Anck als Zusatz zu gekochten Speisen sollte er mehr gebraucht werden, als es bisher zu geschehen pflegt._______ VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul SliigersiEo., Berlin SU.