Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 203. Donnerstag den 19. Oktober 1911 85] (Nlichdrua Dccsorcn, Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i e, >> Zuleht brach sie in Tränen aus und schlich todmüde nach ihrem Lager, fand aber keinen Schlaf. Draußen begann der Morgen zu säuseln. Stern um Stern erblich, im Wirtschafts- Hofe krähten die Hähne. Plötzlich hörte sie eine Tür knarren. „Wer kommt denn schon so früh heraus?" dachte sie. Die Eifersucht— da war sie wieder. Rasch schlüpfte sie in ihre Pätschelchen, schlich ans Fenster, schob leise, vorsichtig die Gar- dine zurück. In diesem Augenblick schlug unten der schwere Stalleinier an den Brunnenrand. Mit einem leisen Schrei fuhr Lolette zurück. Aber ihr Antlitz strahlte förmlich. „Schau", dachte sie,„ist er auch der erste auf im Haus!" Und nach einer Weile:„Das wär' ein Herr! Den Unterweger Hab' ich oft fast aus dem Bett werfen müssen!" Ja, so einen Mann konnte das Gut wohl brauchen. Wenn er nur bloß kein— Reitknecht gewesen wäre! Wie betäubt schlich sie nach ihrem Lager zurück, suchte wieder zu schlafen... umsonst. Endlich warf sie die seidene Decke von sich, lag da, bloß in dem dünnen, spitzenüberrieselten Nacht- gewand. Das Zimmer begann sich langsam mit dem ersten Licht des Morgens zu füllen, aus der Dämmerung blitzte ihr die kristallene Fläche des großen Spiegels über dem Kamin entgegen, gab ihr Bild zurück, in all seiner aufgelösten Schön- heit. Die blonden Haare, die wie leuchtendes Aehrengold auf dem gestickten Linnen der Kissen lagen— das rosige Weiß ihres Halses, den üppigen Ansatz der vollen Büste. Aus den weiten Flügclärmeln leuchteten ihre runden Arme hervor. lieber dem einen Bein hatte sich das Nachthemd verschoben und ließ die alabasterne Beuge des Knies frei. „Heiß ist's!" hauchte Lolette.„Schon in aller Frühe so heiß!" Da unten aber stand ein armer Teufel, füllte seinen Eimer und hatte keine Ahnung, wie reich er war— schon in aller Frühe! „Vielleicht sollt' ich doch wieder einmal beichten gch'n", erwog Lolette,„denn das nimmt und nimmt kein gutes End'. Und katbolisch ist man auch!" Ja, katholisch war sie geblieben, trotz alledem: gut katholisch. Als es Nachmittag wurde, ließ sie wirklich die Pferde vor die Kutlche spannen, zur Freude des alten Preiner, der eine fromme Seele war und noch immer auf die endliche Einkehr seiner Herrin hoffte. Wenn das gnädige Fräulein nach Znaim fuhr, saß er am Bock, und deshalb wußte er, daß sie auch wirklich beichtete— bei den ehrwürdigen Dominikanern. Es war zwar schon lange nicht mehr gcschch'n. Aber... und er zog seine beste Livree an, suchte seinen ehrwürdigsten Rosenkranz hervor, und als er sich zu Mittag an seiner Ge- sindetafel niederließ, meinte er mit einem„so beiläufigen" Blick nach dem Reitknecht:..Heut' fahr'n wir aus— beichten!" Aber der Klamcrt„rührte kein Obrwaschl". Ganz müde von den vielen Tränen, die ihr der rücksichtslose Sermon deS alten Dominikaners erpreßte, kam Lolette an jenem Tage heim: voll der besten Vorsätze und plötzlich so ganz Dame, daß sie nicht einmal für die ergebene Dienst- bcslissenheit des alten Preiner eines ihrer vielen, liebens- würdigen Worte fand.„Das muß jetzt ein End' haben", dachte sie,„und mit einem muß ich ja anfangen." Nach dein Abendcsien holte sie sofort ihr Gebetbuch hervor— um ihre „Büß" zu erledigen. Wie Magdalena saß sie da, nur den Goldmantel ihrer a»fgelösten Haare um die nackten Schultern, denn es war wieder heiß, sehr heiß. Wort für Wort beteten ihre Lippen herunter und ihre Augen starrten mit einer Art Verzweiflung in die zuckenden Lichter der Girandolcs. Der Beichtvater hatte ihr aufgetragen, jeden Abend die„voll kommenc Reue" zu erwecken. Aber wo die nur so schnell her nehmen? Nun das zornige Gezische! des Mönchs ihr nicht mehr im Ohre klang, fand sie auch nicht eine Träne. Und dann... ihre armen Augen I War es nicht genug, daß sie schon mehrere Tage keinen rechten Schlaf gekostet hatte? Warum sie der Herr gar so hart strafte?„Immer und immer versucht er mich!" dachte sie. wie mit einen, leisen Schmollen. Aber richtig— die vollkommene Reue! Sofort begann sie wieder zu beten, und weil ihr keine Tränen mehr kommen wollten, seufzte sie, bis ihr Papagei in seiner Voliere erwachte, seine Herrin einen Augenblick ganz verdutzt anstarrte und sich dann höchst nachdenklich hinter dem Ohre kraute. Die eufzer, die er sonst in stillen Nächten gehört, waren and'rer Art gewesen. „Jetzt Hab' ich's!" dachte Lolette plötzlich.„Wenn ich das Licht auslösch' und in der Dunkelheit weiterbet', von nichts anderm abgelenkt— find' ich sie vielleicht doch, die voll- kommenc Reu'!" Unterdes hatte der alte Preiner gar auferbauliche Worte für die Zerknirschung seiner Herrin gefunden; Worte, die wieder alle nach dem neuen Günstling hingcsprochen waren, damit der dolkerte Kerl" sich ja nichts einbilde. Da und dort blinzte eine Dirne der anderen zu. Die Köchin, die noch immer„vom Unterweger her" im Haus war und demnächst wieder der„Hasenhündlin" weichen sollte, schnitt eine Grimasse. Aber die Kammerjungfer, die Ihrer Gnaden bei der Nachttoilette geholfen, gab dem alten Preiner recht und schließlich... gerade über die Rückkehr eines Sünders war ja im Himmel bekanntlich mehr Freude als über neunund» neunzig Gerechte? Ter Reitknecht tat, als merke er nichts, sprach nach dem Essen ruhig sein Tischgebet, wie es in der Gesindestube Ord» nung war, und machte sich auf, wieder nach seinen Pferden zu sehen. Unter den Mägden befand sich auch eine„Hanna- kin", ein überreifes, lüsternes Ding, das schon allerlei hinter sich hatte. Die gesunde Frische des Burschen, seine kühle Art, sich von ihresgleichen ferne zu halten, hatten sie schon lange gereizt.„Der red't heunt Wosser auf mein' Mühl'," dachte sie, als der alte Preiner so erbaulich von der Beichte der Gräfin sprach. Wer weiß— vielleicht gingen dem Klamert doch endlich die Augen auf, daß er auch noch andere sah als die eine! Nicht einen Blick ließ sie von ihm, während der Kammerdiener daherschwatzte; und als der Karl über den dunklen Schloßhof auf den Stall zuschritt, stand sie plötzlich an seiner Seite. Ein Zufall fügte eS, daß Lolette gerade in diesem Augen- blick die Fenster ihres Schlafgemaches schließen wollte. Sie hatte sich zwar fest vorgenommen, nie mehr wieder„dorthin" zu schauen, aber ein Blick inußte ihr doch entwischt sein— mitten aus der vollkommenen Reue heraus und so sah sie, was sie bisher noch niemals zwischen der Stalltür geseh'n, ein Frauenzimmer! Darüber fiel auch der Rest ihrer vollkomme- neu Reue sozusagen kopfüber vom ersten Stock herunter— gerade zwischen die Stalltür. Der Klamert schien zwar noch immer seine Ruhe zu bewahren, aber die Hannakin lachte und girrte...„Wie eine Taub'n kudert sie", dachte Lolette em- vört, sah aber doch zu ihrer großen Freude, daß der Klamert sich hielt.„So ein Mistmensch I" murmelte sie.„Warum er sie nit wegjagt?" Aber freilich, was blieb ihm übrig, wenn sie— beichten ging? „Jetzt Hab' ich's!" schluchzte sie außer sich, und plötzlich waren sie wieder da— die Tränen der„vollkommenen Reue". „Die muß weg", sagte sie fest, als die zwei endlich mit einem lachenden„Gute Stacht!" voneinander schieden.„So was kann ich doch nicht dulden in ineinem Haus. Und mit dem Klamcrt red' ich gleich morgen!" Damit schlich sie nach ihrem Lager, wieder gefaßt, auch in dieser Nacht keinen Schlummer zu finden. Aber war's das erleichterte Gewissen, oder der echt christliche Vorsatz, künftig auch bei ihren Leuten auf Zucht und Ordnung zu schauen— kurz, Lolette schlief ein und erwachte erst, als die Tränkcimer des Reitknechts wieder an den Brunncnrand schlugen. Etwas verdutzt rieb sie sich den Schlaf aus dcu Augen. War sie gestern wirklich in Znaim gewesen, um sich von einem alten, nach ordinärem Schnupftabak riechenden Dominikaner so hcrunterkanzcln zu lassen? Wie der Morgen da in ihre Stube hereinlachte und im ganzen Haus alles weiter ging. sowie sie es wollte, konnte sie'S fast nicht glauben. Und wenn sie nach einem Jahr vielleicht wieder nach Znaim fahren mußte....„Ein Jahr ist lang", dachte sie,„und wer weiß. wer weiß.. Ter Tominikaner hatte ihr ein- für allenia! jeden„außer- ehelichen Verkehr" untersagt, bei Verweigerung der Abso- lution.„Was bleibt mir denn da übrig, als ihn endlich zu heiraten?" dachte sie mit Genugtuung.„Unsere heilige Religion ist ja selbst auf meiner Seit'nl Freilich, meine Leut'.. Aber war sie nicht Herrin von Schönbach, freie, unumschränkte Herrin, trotz Schwester und Vetter? Gleich heute wollte sie den ererbten Boden wieder so recht fest unter ihre klippenden Seidenstöckl nehmen. Und schön, stolz, morgenfrisch kam sie hinab. Eine Stunde später verließ die Hannakin das Schloß. Gleich daraus trat Lolette mit etwas herrischer Miene in den Pferdestall. „Er kann mir die Wettl satteln!" Der Klamert errötete und machte sich etwas verwirrt ans Werk. Als er aufsprang, glitt ihm ein Buch aus den Händen. „Was hat er denn da?" Fast beschämt hielt ihr der Bursch das Buch hin. Uin das Buch genauer anzusehen, schritt Lolette aus dem Stall und setzte sich auf eine Bank unter den Linden des Schloß- Hofes.„Die Kultur der Zuckerrübe", las sie, und fast wäre das Buch nun ihr aus der Hand gefallen.„Na hör' er", rief sie lachend zum Stall hinüber,„woher hat er denn das Buch?" Der Bursch trat befangen vor sie hin:'„Ter Sami hat mir's von Znaim gebracht!" „Ja, aber wozu denn?" Er blickte sie an, schwieg. Plötzlich tippte sie sich an die Stirn.„Ach so, wegen unseres Gesprächs von neulich! Ja, geht ihm denn die Sache wirklich so nah?" Sein Blick irrte zur Seite.„Weil's schad ist." „Das ist doch meine Sorg'!" Er zuckte bloß die Achseln.„Ich Hab' nur gemeint... und weil Euer Gnaden ohnedies genug Sorgen haben. Und wie der Rentmeister neulich davon gesprochen hat, Hab' ich mir das halt so ausgedacht." „Na ja!" gab Lolette mit einem Seufzer zu.„Die Wirt- schaft geht seit Jahren zurück." „Ter Grund wär' auch da", fuhr der Bursch fort.„Der beste Riibengrund, den nian sich wünschen kann. Wo ich da- heim bin, sind die Herrrschaften noch einmal so reich geworden durch den Zucker." Sie stand, lauschte, sah ihn an. Ein kluger, nachdenk- licher Blick war es diesmal, durchaus nicht der werbende des Weibes, das sich diesen? Manne verfallen fühlte.„Red' er nur weiter", nickte sie, als der Bursch, sich plötzlich besinnend, einhalten wollte. Seine Intelligenz begann sie zu fesseln, die Art, wie diese Intelligenz sich ihr hingab, ihr und ihrem Wohl.„Vielleicht hat er mich doch gern", dachte sie,„und er traut sich nur nicht recht. Courage muß ich ihn? machen...." Sein Aug' leuchtete auf.„Wenn's erlaubt ist! Also ... auch a hundert Joch Wald könnten Euer Gnaden aus- schlagen lassen. Das wäre bares Geld, viel bares Geld, gleich auf einmal. Damit wären die ersten Auslagen für die Rüben- kulturen gedeckt. Wenn die Baulichkeiten unter Dach wären, könnt' man eine Hypothek aufnehmen. Am besten wär's, wenn auch nur zum Schein, den Grund gerade nach der Seiten zu kultivieren, die sie heut' oder morgen für die Bahn brauchen. Um so teurer müßt' er abgelöst werden. Denn da herüber müssen sie einmal. Wir aber hätten darin die große Verkehrsstraße. Das gäb' eine gute Bringung, auch fürs Holz. Der Förster—" Er hielt ein. Sie schloß die Augen, wie um innerlich besser zu seh'n, was alles er ihr in die Luft baute. Aber es leuchtete ihr ein, und als er wieder stockte, rief sie fast heftig:„Was ist's mit dem Förster?" Er drehte seine Kappe bescheiden zwischen den Händen herum.„Ich wollt' nur sagen... dem wird's natürlich um sein Wild sein und um seinen Wald. So alte Leut' können sich nicht leicht in das hineinfinden, was eine neue Zeit braucht." Lolette sah auf— wußte nicht, ob sie lachen oder staunen sollte,„die neue Zeit!" Es war ihr Reitknechts der ihr davon sprach und ein Wort sprach, das sie zum erstennial hörte: „Die neue Zeit." Wie ferne Musik klang's. Vielleicht nur, weil ihr Blut mitsang. Vielleicht.... Aber gehörte ihre Liebe nicht auch schon in eine andere— in diese neue Zeit? Wie ein ungeahntes Licht blitzte es plötzlich über ihre Seele hin. �Fortsetzung folgt.H Scce domo. l DaS Schicksal eines ungeheuren Widerspruchs, KaZ seit dem Mittelalter die geistige Zivilisation zerreißt, hat sich in unseren Tagen in der Tragödie eines einsamen Träumers verdichlet, wie in einem furchlbar znsammengedränglen Erlebnis der seeliscven Martern von Jahrtausenden. Das Christentum mit seiner müden und weichen, entsagenden und gefühlickwelgenden Wetlflücktigkeit wurde auf- geptropsl auf eine derbe, rohe Barbaren, eil, die in jeder Tat des wirklichen Lebens die übersinnliche Lehre Lügen strafte. Der Widerspruch zwisctien Lehre und Leben erzeugte jene quälende Jnstinktunsicher- heil, die sich zu Zeilen bis zur Masienentarlung, bis zur Bcreirerung des öffentlichen Geistes steigerte. Wie die heilige und reine Lehre zum Werkzeug der sozialen Vergewaltigung ward, das ist eines der erschülterndsten Zwischenspiele aus deni schweren Wege der mensch- lichen Eukwickelung. Wahrhaft Herr ist die christliche Stimmung in ihrer Reinheil niemals über die Menschheit geworden. Die Versuche der Menschheit, sich von jenem tausendjährigen Widerspruch zu be- freien, waren zwiefach gerichtet. Die Heldengestalten christlicher Gesinnung bemühten sich, die Idee in ihrer Reinheit zur wirklichen Seele der Meniche» durchzusetze». Die moderne Zeit aber versuchte die christliche Wel:auschaimng überhaupt aus den Gehirnen zu tilgen. In der zweiten Hätite des 18. Jabrhuuderls schien der Antichrist gesiegt zu haben. Die Welt rang sich zur Einheit des Denkens und Lebens durch. Das IS. Jahrhundert kehrte zum Widerspruch zurück und vertiefte ihn noch. Das 20. Jahrhundert hat diese Erbschaft unlöslichen Zwiespalts übernommen. Aber je eifriger und fanatischer die herrschende Gesellschaft die christliche Lehre zu erhalten stichle, indeni sie sie verdarb und der- wirrte, uin so größer ward die Kluft zwischen dem wirklichen Leben und der altchrsitlichen Myitik. Die heutige Welt des erbarmungslosen Kapitalismus, der schlechterdings auf irdische Arbeit, aus Reick- tum und Glanz, auf Lcbcnsbejahung und similiche Lust gerichtete Geist bat nichts gemein mit den frommen Weisen, die in Büchern und Kirchen ihr eigenes Dasein leben. Gerade in dieser Zeit aber der größten Okrnitiacht der herrschenden Religion für die Gestaltlinz des wirklichen Daseins in der Gcsell'chaf: erstand jener deutsche Gedaiikeiidichtcr, der ein Jahrtausend z» spät, voll kranken» Wahn, in dieser eiillräfteten Lehre den Todfeind unserer heutigeu Kultur verfolgte; und mit einer unerhörten Kraft der Leidenschatl und der Sprache, der Bilder und Eingebungeil. die Idee des ChristentuinS mederzuringen unternabi»— die Idee, die doch eben nur Idee geworden ivar. Es ist die Tragödie Friedrich Nietzsches, daß er als Antichrist eine neue Epoche der Weltgeschichte in einer Zeil einzuleiten geglaubt hat, da diese ganze Zivilisation der bürgerlichen Ge'ellsckafi selbst der leidhastige Antichrist geworden war. Vor drei Jahren war in der, etwa? lärmenden, Ausstattung eine? Erotikon Nietzsches„Doos bowo" als teures Luxuswerk zuerst veröffentlicht worden; der nur in kleiner Auflage vom Juscl-Verlag benmsgegebene Druck gewann aus dem Büchermarkt bald einen un- erschwinglichen Preis. Erst jetzt erscheint das Werk in der Lamm- lung von Nietzsches Schritten jauch in der billigen Okrav-Allsgabe), uild damit erst wird eine der seltsamsten Urkunden dieser bürger- lichen Kultur am Ausgang des IS. JahrhnnderiS der Ocffentlichkeit endlich zugänglich. Die Blätter sind bereits Ende 1388, als der Dichter 44 Jahre ward, während seines AuienthalteS in Turin in kaum drei Wochen nicderge'chneben. Diese LebensbeiSte, in der er ohne jede Rücksicht und Meuschenfnrcht mit bohrender Psychologie in einer beschwingte» Sprache von schmiegsamer Leichtigkeit ohnegleichen über sei» Leben, über sein Wesen und sein Werk Rechnung ablegte. war schon damals in die Druckerei gewandert. Als dann aber un- mittelbar daraus die geistige Nach» über den Schöpfer hereinbrach, hielt die ängstliche Familie die Veröffentlichung zurück. Man wird nicht leicht in der Literatur ein Werk von so er- schütternder menschlicher Tragik finden. Die Blätter find entstanden in jener atemholendcn Paule, da das beranschleichende VcrbängniS gleichsam den Unseligen in Sicherheit lullte, um ihn desto fester un- enlrinnbar'zu packen. Nietzsche feiert sich bier nicht nur als den größten, sondern auch als den gesündesten Menschen seiner, ja aller Zeilen. Ohne jede Hemmung quollen ihm damals die Einfälle. die Bilder und Visionen zu. Was aber dem gesegneten Urheber als Zeichen blühender Genesung und wiedergeborener Urkraft schien, daS war gerade das trügende Vorspiel seines nahen Verfalls.„Nickjt umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ick durfte es be- graben— was in ihm Leben war. ist gerettet, ist unsterblich. Das erste Buch der Umwertung aller Werte, die Lieder Iarathnstras, die Götzen-Dämmerung, mein Versuch, mit dem Hammer zu philosophieren — alles Geschenke dieses Jahres, ja, sogar seines letzten Viertel» jahreS I Wie tollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein?— und so erzähle ich mir mein Leben." So schrieb der Dichter auf das erste Blatt, ein Einsamer, den zu jener Zeit kaum einer in Deutschland kannte. Als er aber am Schluß das Vorwort hinzu- fügte, da grinst schon aus diesen verzerrten Zeilen der Wahnsinn. Das Buch der Gesundheit wird zu einer Urkunde der G-Hirn- crweichung. Und durch alle Blätter dieser Schrift steckt die Geistes» krankheit ihre Fratze hervor. „Locs horno"— dos Wort von dem christlichen Erlöser, will Nietzsche auf sich selbst als den Antichrist anivenden.„Siehe ein Menscht— fiefie der erste Mcnich, der erste große Mensch einer neue» Welt, das ist der Sinn des Titels und des Buches. In anderer Bedeutung wird das Wort tragische Wahrheit: Siehe da ein Mensch, nur ein Mensch! IL In einer gelassen schwebenden Heiterkeit hat Friedrich Nietzsche seine LebcnSgesckichte zu schreiben begonnen. Man mutz die Vor- rede zunäckst überschlagen, in der der Grötzenwahn grinst. »Innerhalb meiner Schritten steht für sidi mein Zaraibnstra. Ich habe mit ihm der Menschheit das größte Geschenk gemachr, das ihr bisher gemachr worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtauieiide hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das eS gibt, dos eigentliche Höhenluft-Buch— die ganze Tatiacbe Mensch liegt unter ihm—, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichtum der Wahrheit herausgeborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold nnd Güte gefüllt heraufzukommen. Hier redet kein»Prophet", keiner jener schaurigen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man ReligionSstifter nennt". So matzlos schreit es aus dem späten Borwort. Da? Buch selbst zerfällt in vier Abschnitte.„Warum ich so weise bin", steht über dem ersten Teil.„Warum ich so klug bin", verrät Nietzsche im zweiten Abschnitt.„Warum ick so gute Bücher schreibe", begründet er im dritten. „Warum ich ein Schicksal bin",— flammt's über der schanrigen Pforte zur Nachr. aus der die brennend taumelnden Phantasien des Schlusses rätselvoll rauschen. Im ersten Teil schildert Nietzsche die Grundzüge seines Wesens, gibt Daten aus seinem Leben, redet von seiner Abstammung, feiert seinen Vater und schreibt, wie in einer Rückkehr zu seiner ersten Jugend, bald wie ein loyaler, gutgesiimrcr deutscher Pastoren- söhn, der sich selbst der Beziehungen mit preutzischen Königen rühmt, bald wie der Nietzsche der gesündesten Zeit, in der er von allem Christlichen, Verzückten und Dunklen Genelung sog aus den freien hellen Geistern der leichtfützigen franzönschen Aufklärung. Aber schon dieser Teil ist überschattcr. Es ist das Zwiegespräch eines Schioerkranken, der sich im Wahn der Genesung überzeugen will, datz er gesund sei. ohne doch völlig die Angst zu überwinden, er belüge sich selbst. Er weitz, datz er ein Verfallsmensch ist, ein Dekadent. Er sieht deu Quell seiner uucndlich verseiiierlen Kunst der seelischen Selbst Merklingen von großer Feinheit. Bei der Darstellung seines Hauptwerks Zaiathusira aber blickt man nun jäh in den Abgrund der geistigen Zerstörung. Man kann icit dem„Eccc Homo" genau seststelleu, an welchem Punkte der WahnsiiUt Nietzsches beginnt. (lllachdriuk vervzleil.Z Lmyrnateppicbe. Eine scbon zu den ältesten Zeiten geübte nnd lediglich von dem Farben- und Forinenfmu des Arbeiters in ieinem Gelingen abhängige Art der Plüichreppiche ist der Smyrnalcpyich, Das Kunstgewerbe- mii'ellin zu Berlin besitzt einen in dieier Technik ausgeführten Teppich persischen Ursprungs in seinfädiger Seide, den man bei oberflächlicher Betrachtung getrost für ein Smyrnagewebe halten kann, das mir modernen Hilfsmitteln ausgeführt ist. Es scheint uns heute fast unverständlich, wo jemand die Zeit and die Geduld hergenommen bar, ein iolch feines Samtgewebe durch Äusknüpfen jeder einzelnen Noppe, jedes Plüschbüschels herzustellen. linier diesen antiken Kunstgeweben find Exemplare zu sinden, bei denen ans den Raum eines Quadralmelers bis zu 40 000 Plüschbüschel mit der Hand einzeln aufgeknüpst worden find. Stellen wir solche» Geweben Erzeugnisse gegenüber, die Heute als Smyrnmeppiche bezeichnet werde», so ergibt sich schon bei ober- siächliÄcr Beirachnnig ein Unterschied allein ans der Anzahl der auf den genannten Raum eiitfallciiden Plüschbü'chel. Die Kimstgeschichtl: uuwricheidet allerdings Smyrnateppiche und Perserteppiche: technisch besteht jedoch ein Unterschied nicit, beide sind in der bekannten Knüpflechnik hergestellt, deren Eigentümlichkeit darin besteht, datz auf eine straff ausgespannte.Kette oder aus die einzelnen Fäden derselben Fadcnsliickchen eines Wall- oder Seideninciterlals aufgeknüpft, an- geschlungen werden. Ans praklische» Gründen sind die Kettfäden senkrecht aufgespannt und zwar zwischen zwei drehbaren Walzenftehendcn Abschnitte frei hängen und geben der Oberfläche oder der Rückseite ein plüschartiges Aussehen. Ob nun ei» solches Fadeiistück eine Anzahl von Kettfäden kreuzt, um- schlingt, oder nur einen einzigen, ist jchlietzlich ganz gleichgültig, und in Wirklichkeit kommen in der Gobelinweberei auch Musterteile bor. die nur den Raum einer Rippe unifasten. Man kann nun ziemlich zwanglos annehmen, dah sich die Smqrnateckmik allmählich in dieser Weise aus der Gobelintechnik entwickelt hat. Nimmt man an, dast damalige Hersteller solcher Erzeugnisse das Bestreben aus irgend welchen Gründen gehabt haben, den Kilimtcppich mit einer größeren Anzahl derart flott herabhängender ffadenabschnitte zu versehen, so werden sie von selbst auf die Beobachtung gekommen sein, daß bei dichter Lagerung dieser Abschnitte, wenn zum Beispiel der Faden- abschnitt in der Grundkette nur zwischen wenigen Faden kreuzte, zweckmäßig in gewisten Abständen Schüste eingelegt werden müssen, die den Zusammenhang deS ganzen Gewebes sichern Im heutigen Smyrnaieppich ist das systematisch gemacht; auf jede Reihe Fadenabichnme folgen ein oder zwei Binde- schüste, und da hier der Grund gänzlich von Florbüscheln gedeckt ist, hat man auch ein geringwertigeres Material nehmen können, während bei der Gobelintechnik, nach der die erwähnten KelimS hergestellt werden, dies nicht gut möglich war. Heute ist die Smyrnatechnik in den verschiedensten Ausführung?- formen vielfach Gegenstand des Kunstbandarbeiisimterrichtes und infolgedessen wenigstens dem Namen nach überall bekannt. Man be- gnüg't sich bei der Aufbringung der Noppen nicht mit der oben an- gedeuteten primitiven Berflechtungsweise der Flornoppenabschnitte mit den Grundkeltfäde». sondern man macht zur Erhöhung der Halt- barkeit der einzelnen Plüschbüschel aus dem Florfaden eine direkte Schlinge, mittels deren dieser Abschnitt auf dem Kellfaden fest- geschlungen, angeknotet wird, so daß ein nachträgliche? Herausziehen einer Polnoppe unmöglich ist. Was den Webstuhl anlangt, so war schon gesagt, daß die Web- kette zwischen zwei Walzen aufgespannt ist. Eine Weblade, wie sie der gewöhnliche(basss-lisse) Webstuhl hat. kennt der Smyrnastuhl nicht, ebensowenig einen eigentlichen Webschützen. Die Bewegung der Kettfäden geschieht durch zwei Stäbe oder Schäfte. Jeder einzelne Kettfaden ist durch eine Garnschlingetalt Paul SingertEo., Berlin ZW.