IwterhaltMgsblatt des Dorwärts Nr. 205. Sonnabend den 21. Oktober. 1911 lNachdruck h«kSsl«l.> g?) Vor clem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i e. „Ich kann nit mehr los", klagte sie in den Wind hinein, „wie ich's auch dreh und wend". Sie mußte wohl etwas zu laut geworden sein, denn Wettl spitzte die Ohren, kehrte das Haupt nach ihr; sah sie mit dem einen Auge an, so von der Seite her, mit dem guten, klugen Blick, der ihr eigen war. „Ach was!" rief Lolette plötzlich mit einer heftigen Bc- wegung.„Das beutelt man halt ab, weg'n den Leut'n... Pähl Ein leichtes Getätschel auf Wettls Hals, und sie wußte, was es galt: heim ging's l Vor Sonnenuntergang schwankten die letzten Erntewagen durch den Wirtschaftshof zur Scheuer. Des Jahres Segen war geborgen I Wie erlöst atmeten alle auf, und nun die saueren Tage des„Schnitts" vorüber, der letzte Schweiß vcr- gössen war. schien sich plötzlich niemand mehr müde zu fühlen. Alt und jung half mit, die letzten goldenen Garben unter das Dach der hochgefüllten Scheune zu bringen. Gelächter flog dabei auf und derbe, bodenständige Witze, wie sie das Volk liebt und selbst die Weiber bei solchen Gelegenheiten mit einem munteren Kichern hinnehmen. Wo aber ein paar Arme für einen Moment feierten, griff sich der Bursch rasch die nächste Dirne zum Tanz heraus und wirbelte mit ihr über die glattgestampfte Tenne hin. Der„Schnitthahn" winkt— und die Aussicht auf das reichliche Mahl und einen„guten Trunk", die nach landesüblichem Brauch die letzte Mühe der Arbeiter lohnten, machte die Leute noch einmal so froh. Zuletzt halfen alle mit. nur um fertig zu werden. Selbst der alte Preincr war sich nicht zu gut. stand da und gabelte, während die senffarbenen Gamaschen um seine düxrcn Beine schlotterten. Bloß den„Livreerock" hatte er abgelegt, und schien ihm ein Scherz etwas allzu derb, hielt er es für seine Christenpflicht, die Stirne zu runzeln; aber den Spaß wollte anch er heute niemandem verderben. In der Küche briet und brotzelte es. Stak auch kein Hahn am Spieße, so war es doch ein saftiges Stück Ochsen- fleisch. Dazu gabs Erdöpfelschmarrn und Sauerkraut und „Ummurken"(Gurken). Hauptsache aber war das„Bacht". Auf großen, flachen Tellern, die breite, blaue Ränder hatten, standen all' die guten Bissen da, die sich der bäuerliche Gaumen zu festlichen Gelegenheiten wünscht:„Fleck'n" und „Bucht'ln" und„Hobelschatten" und zwei gewaltige„Prügl- krapfen", die den ganzen Nachmittag über die Geduld der „Hasenhündlin" in Anspruch genommen. Denn die Hasen- hündlin war richtig wieder eingezogen, zugleich mit dem „Schnitthahn", und wo wäre weit und breit eine.Köchin zu finden gewesen, die solche Prügclkrapfen backen konnte wie die Hasenhündlin? Das wußten die Leute zu schätzen, und d'rum ging es noch einmal so rasch mit der letzten„Orwat" (Arbeit). Als die Suppenteller klapperten und die Schnitter und Schnitterinnen um den großen Gesindetisch saßen, erschien Lolette. fragte mit einem gnädigen Lächeln, ob es ihnen auch tüchtig schmecke, sah zu, daß jedes sein gehöriges Teil nahm und ordnete zuletzt an, daß zum„Bacht" heuer ein„extra- guter Tropfen" aus dem Keller zu holen sei. „Der?!" meinte der Wirtschafter erstaunt, als Loletle den Jahrgang 1834 nannte—„der liegt ja schon im Herr- schaftskellcr!" „Ganz recht", lächelte Lolette.„eben den mein ich. Und damit die Leut' nit allzu lang d'rauf warten müssen, kann der Klamert mit ihm hinunter gch'n!" Damit zog sie einen klirrenden Schlüsselbund aus ihrem Retikül und reichte ihn — dem Klamert! Der Wirtschafter biß sich vor Verdruß in die Lippen und ging etwas brummig ab, nahm aber doch die zwei größten Steingutkrüge mit. Wer hätte heute einen Spaß verdorben? War das Mahl zu Ende, wurde auf das Wohl der gnädi- gen Herrschaft getrunken und der Schloßfrau der Erntekranz überreicht. Das geschah im Hof, mitten unter den blühenden Linden, und der Ncbl Franz inußte dabei die„Harps'n zupf'n", damit sich das„Sprüchl" besser anhörte. Schon lange vorher wurde unter den Dirnen hin und her gestritten. welche das Sprüchl„aufsagen" solle? Die Männer meinten, daß es die„Sauberste" tun müsse, die Weiber, die einer solchen Auslese nicht hold waren, blieben dabei, daß es immer „die älteste Dirn' gewesen", so lang man denken konnte. Wenn es aber darauf ankam— wollte wieder keine die älteste sein! „Wonn's nit bold stad seid's mit engern Brosontir'n. loss' ich im Kirchenbuch nochschlog'n", hatte der Rentmeistec diesmal droh'n müssen. Dann hatte sich endlich eine gefunden. Als die Leute ihr„Bacht" gegessen, ordneten sie sich in Reih und Glied und zogen, jeder sein Glas in der Hand, in den Hof hinaus: voran die Dirne mit dem Erntekranz. Lolette hatte unterdes ihren schönsten und lustigsten Staat angelegt: ein weißes Batistkleid, das dustige„Falbeln" zierten und breite Zwischensätze echter Valcncicnnespitzen so durchsichtig machten, daß man darunter die Seide des kost- baren Unterrocks schimmern sah. Nacken und Hals waren entblößt, die reiche Fülle der blonden Locken hielt nur ein weißes Band zusammen. Kein Reif zierte ihre runden Arme. selbst die Ohrringe hatte sie abgelegt. Hoch, schlank, schön stand sie vor ihrem Spiegel, nur vom Sonnenglanz ihrer blonden Schönheit übergössen, vom seidigen Perlmutter- schimmer dieser Haut, die selbst wie ein kostbares Gewebe in der rosigen Dämmerung des Abends ausleuchtete. So schritt sie hinab unter die Linden. Als sie erschien, zupfte der Nebl Franz die„Harps'n", Schnitter und Schnitterinnen schwenkten ihr die Gläser entgegen. „Hoch soll sie leben— hoch soll sie leben— dreimal hoch I" Das wollte ein Tusch sein. Dann wurde es still. Die Dirne trat vor, den Kranz in der Hand, machte einen tiefen Knix, strick etwas verlegen ap ihrer Sckiirze herunter und begann endlich, ihr Sprüchl herzusagen, laut, fest, ehrlich — wie ein Kind, das brav gelernt. Do lcg'n mir dir den Kronz zu d'Füaß— Long loor'n die Tag' und groß die Hiatz Doch hob'n m'rs broat un san irtzt froh lind rus'n:„Uns« Frau Gräfin hoch!" Und„hoch— hoch— hoch" scholl es- der schönen Herrin entgegen, als sie die Hand nach dem dustigen Gewinde streckte, das ihr die Dirne reichte. Die schwersten und goldigsten Nehren waren zum Kranz gewunden— der letzte Mohn des Feldes, blaue Chanen und rosige Wicken, ivas die Scholle sich selbst als Schmuck in ihren Segen flicht, nickte aus dem Gold der Nehren hervor. Sonst war es Sitte, daß die Herrin, sowie sie den Kranz empfangen. ihn an einen Haken der Tenne hing, wo er als Zeichen der Fülle und des Segens bis zum nächsten Erntefest prangte. Diesmal tat Lolette anders. Langsam hob ihre Rechte den Kranz, höher und höher bis er wie eine Krone über ihrem eigenen blonden Haupte schwebte. Sie hob auch den linken Arm— und während sie das goldene Gewinde mit beiden Händen fest in ihre Locken drückte, lächelte sie dem zu, den sie liebte— süß, gewährend wie der Sommer, der diesen Kranz gewunden, den Kranz aus Blüten und Früchten. Die Leute, schon erregt von der Erwartung des Tanzes. der dem„Schnitthahn" folgte, merkten es nicht. Aber er, dem der heimliche Liebesgruß gegolten, erbebte vom Scheitel bis zur Sohle. Als die Arme Lolcttcs von dem blonden Haupt herab- sanken, fielen sie geradenwegs in die heißen Hände Klamerts. der sie mit einer artigen Verbeugung um den ersten Tanz bat. Tie Sonne war hinter Wolken untergegangen und der kühle Hauch, der vor dem Abend herging, fegte die letzte Schwüle des Tages hinweg. Noch dämmerte es, aber zwischen dem fliehenden Gewölk blinkte schon der volle Mond hervor und streute seinen Glanz wie große, silberne Wunder- blüten in das Dunkel der breitschattenden Linden. Dann und wann zuckte ein Wetterleuchten am Horizont auf, verirrte sich das Murren eines fernen Gewitters in den Frieden des Abends. Aber die Nachtigallen im Schloßpark sangen noch einmal so laut, und von den blühenden Linden ging ein Duft ans. der etwas Schwüles und Berauschendes hatte. Selbst Set Nebel-Franz schien's zu spüren, wie er so dasaß und die „Harpf'n zupfte". Wenigstens entsann er sich nicht, daß ihm der„Schönbrunner Walzer" jemals so leicht aus der „Klampf'n'gauga war'". Uwd von den Klängen der unsterb- lichen Weise beflügelt, empfanden es auch die anderen. Die schwerfälligen Bauerndirnen flogen förmlich erdleicht an ihm vorüber, die Schnitter wiegten sich, als wär ihnen niemals der Rücken steif und die Beine schwer geworden, und dort, das junge, strahlende Paar— Lolette und der Klamert. War das überhaupt noch ein Tanz? Die wirbelten ja ordentlich dahin, daß es dem Musikanten ganz schwindlig wurde, wenn er nur zusah. Zwei- oder dreimal schon hatte er den„Schönbrunner" zu Ende gespielt, aber immer wieder war ihm von einer festen, männlichen Stimme ein befehlendes„Weiterl" zuge- rufen worden. Der Ncbel-Franz kam nicht oft in das Schloß und deshalb war es ihm nicht recht klar, von welcher Seite her dieser Befehl heute ausging. Denken konnte er fich's wohl, und als ihm ein viertes„Weiterl" zugerufen wurde, wußte auch der Nebel, wie er dran war.„Mir scheint, heunt spiel i a a Wengerl dem Teuf'l auf," dachte er. Denn der Nebel war fromm. Wenn er sich aber besann, daß es das „gnädige Fräulein" war, der er den Krug herrlichen Weines dankte, der ihm, auch wie auf Befehl, immer aufs neue gefüllt wurde, gab er alles andere dem lieben Gott anHeim. Der mußte ja endlich und schließlich doch auch wissen, was er geschehn ließ. Wie aufgelöst hing Lolette in des Burschen Arm, der sich immer fester, immer heißer um ihren Leib legte, mit einem Dr-lck. der sie selig machte und so schwach, wie sie sich noch nie gefühlt, als spräng' ihr die Glut des begehrenden Mannes Funke um Funke ins eigene Blut hinüber, so daß auch sie nur mehr wollen konnte, was er wollte. Ihre Locken hatten sich gelöst, ihr Haupt war zurückgesunken, in den dunklen Pupillen der weit und starr geöffneten Augen schwamm das Silber des Mondes wie eine blaue, magische Flamme. Noch vermied sie es, dem Blick zu begegnen, bei eine solche Gewalt über sie hatte, auf ihr ruhte, fest und zielbewußt, mit der ganzen Brutalität des Wissenden. Aber es war nicht Scham, die sie diesen Blick meiden ließ, vielmehr Klugheit, die letzte Klugheit des Weibes, das instinktiv empfand, daß es dem Gc- liebten auch eine lebte Illusion lassen müsse, daß diese flüchtige Entsagung eines Augenblicks alles, was kommen müsse, noch einmal so süß und wonnig machen würde . lFortsetzung folgt.> (Nachdruck CccdcKn.) Der erste Zote» Novelle von Karl Buss?, Es steht ein Staunen und tiefer Schreck in Kindcraugcn. die einen Toten sahen. Oft mußte die Schule am Sarge singen— aber der Sarg war stets geschlossen, ehe wir Kinder in die Stube hineingelassen wurden. Der Lehrer hatte dann den schwarzen Rock an und den hohen Hut auf. Er räusperte sich leise, hielt die Stimuigabel ans Ohr und begann. Walter, der Stärkste, hielt das Kreuz. Wir anderen drückten uns, die Hüte in der Hand, um ihn herum und sangen, während die Augen scheu über den schwarzen Sarg, über seine Kränze und silber- neu Borten gingen. Wir sangen die alten Choräle, wir schritten zu zweien oder dreien dem Sarge voraus, geführt von dem Kreuze, i>as vor uns schwankte, wir standen an offenen Grüften und hatten doch nie einen Toten gesehen. Da wuchs immer mehr ein heimliches Grauen und eine selb- ifame Frage in uns. Wie sieht das aus, was hinter den schwarzen Wrettern liegt? Wie sieht das aus, das reden konnte und nicht mehr reden kann, das ging und lief und nicht mehr zu gehen und zu laufen vermag? „Das möchte ich wissen," sagte Manne Philipp, mein Schul- lsimerad.„Wenn ich mal einen seh', ruf ich Dich." lind wir gaben uns gegenseitig ein festes Versprechen. Nicht lange darauf Hab' ich dann wirklich den ersten Toten ge- sehen. � Die Philipps waren eine betriebsame Familie. Sie wohnten „es klingt feiner." Und er sah wieder in die Kugel. Es lag bei ihm an der Nase. Sie hatte«ine merkwürdige Form« und die Nasenlocher waren gleichsam schwarze Höhlen. Das kam vom Schnupfen. Es wuchsen Hänchen aus diesen Nasenlöchern, aq denen die feinen Tabakkörnchen hängen blieben. Aber das ivar nicht die einzige Eigentümlichkeit von Schuster Philipp. Er hatte daneben eine bedeutsame Gabe. Er konnte daI Miauen und Fauchen einer Katze großartig nachmachen. Er be- hauptete, dreißig Jahre daran studiert zu haben. Doch er ging sehr sparsam mit dieser Kunstfertigkeit um; tagelang mußte mau oft betteln.„Es strengt an und ist kein leichtes Ding, sonderlich nicht für den Menschen," sagte er.„Für die Katzen bietet es keine Schwierigkeit." Aber tvcnn er auf der Straße jemanden erblickte, der der» funken dahinschritt, und er selbst hatte gerade nichts vor, dann ging er leise an dem anderen vorbei und ließ ein jämmerliches„Miau" erschallen, daß der Einsame erschrocken auffuhr und um sich spähte. Schuster Philipp tat desgleichen. „Es scheint eine große Katzenplage hier zu sein," murmelte einst der Lehrer Höhne, dem es so ergangen war. Und Philipp:„Man sollte die Luders totschlagen. Kein Sing, Vogel bleibt am Leben." Darob konnte er sich Wochen ergötzen. � Das also war der Meister. Er pflegte, wenn gerade keing Arbeit vorlag, auch den Garten. Derweil stand sein angetrautes Weib am Waschfaß. Dampf erfüllte den Raum, es roch nach grüner Seife, die Fenster waren immer beschlagen von heißem Brodem. Und Tile Philipp wusch und rieb, rieb und wusch, daß ihr graues Zöpfchen lose in den Nacken hing, daß die Hände rot und wund wurden, daß die Brust nur so keuchte. Ihre Kundschaft bestand aus den Junggesellen der Stadt; jeder junge Gerichtsherr übergab mit seinen übrigen Rechten und Pflichten auch die Waschfrau seinem Nachfolger. Die dritte Person war Amanda, die Tochter. Sie war längs das einzige Kind geblieben und deshalb sehr verwöhnt worden, so daß sie zu grober Arbeit verdorben war. Aber dann kam noch ein Junge. Im Handumdrehen änderte sich alles. Die feine Amanda war eine Nebensache und mußte mit heran..Erst verdienen, dann essen," sagte der Schuster, da steckte er die Tochter in ein Geschäft. Zum Dienstmädchen war sie zu vornehm. Sie nannte sich also „Modistin" und trug schön geputzte Kleider, auch Stiefelchen mit hohen Absätzen. Wenn sie mit ihrem trippelnden Gang über den Turnplatz kam, heulten die Jungen im EhoruS: „Amanda geht auf Stöckelschuh'», Amanda ist Modistin—" Das Lied ging noch weiter— ich hab's vergessen. Sie rümpfke nur die Nase, ohne etwas zu erwidern. Manne Philipp war der vierte, eben der spät und unerwartet eingetroffene Junge. Er war auf i>«m Turnplatz mein Spiel-, in der Sckule mein Klassenkamerad. Er tauschte Knöpfe(blanke!) gegen Reifen. Bilderbogen, Marmelkugeln um. stahl seinem Bater die Birnen vom Baume und war eine Seele. Außerdem hatte er Kaninchen, die fortwährend jungten. Ein Meerschweinchen mußte er weitergeben, da sich der Alte getroffen fühlte. Wenn er die fertigen Stiefel austrug, gab es oft ein Trinkgeld. Dafür erstand er beim Krämer Schokoladenpulver. Manne war des VaterS Liebling. Es kam bor, daß der Schuster ertra zur Belustigung seines Jungen sogar miaute. Auf seinem Schemel, auf dem Schusterschemel, wo schon so viele tiefdenkerisch geworden sind, hatte er herausgebracht, daß große Gaben in seinem Sohn schlummerten. Und eine stille Hoffart hatte ihn gepackt: es standen rings gar viel Schusterkinder auf der Kanzel und dem Katheder— warum sollte sein Junge das hohe Ziel nicht auch tu reichen? Ich selbst habe Manne Philipp durchaus nicht als großes Kirchenlicht im Gedächtnis. Er verließ sich mit Vorliebe auf seine guten Augen und Ohren. Ein fünfter Hausbewohner schließlich— der interessanteste für uns— war Julius. ES war ein Unglücklicher, der sich sehr glücklich fühlte. Es war ein harmloser Geisteskranker, den man zu den Philipps in Privatpflege gegeben hatte. Ein Riese von Gestalt, trug er einen verwilderten Bart und marschierte, statt zu gehen. Alle Glieder schienen nur lose in den Gelenken zu liegen. Er warf sie seit- sam, sie schlenkerten hin und her. Mit gutmütigem Grinsen schleppte er von früh bis spät Wasser nach der Waschküche. Wenn er mit den randvollen Eimern über den Turnplatz kam, dann schrien wir Jungens:„Achtung. Julius? Präsentiert das Gewehr!" Und Julius stand steif wie ein Stück Holz.„Augen rechts!" Man sah das Weiße, so verdrehte er sie.„Bataillon marsch!" Da setzte er mit den schweren Eimeru zum Parademarsch an. Er war, wie gesagt, harmlos und gutmütig. Wollt er mal störrig werden, so brauchte der Meister Pfriemstccher nur den Knie- riemen loszuschnallen und ihn durch die Luft sausen zu lassen« Dann zitterte der Riese am ganzen Leibe, suchte mit scheuen, irren Augen die Ecken ab und holte wieder Wasser,,. Wasser.., Wasser... � Nun geschah es, daß eines Tages Manne Philipp in der Schuls fehlte. Die Mappe noch auf dem Rücken, kam ich in die Schusterei. Mit den ewig aufgekrempelten Arrmcln ging Mutter Tile umher, Sie w« wütend.»Schöne Krankheit." grolle sie.»wenn«r sich den Leib mit grünen Pflaumen vollschlägt! Und gerade jetzt liegt jröi Haufen Wäsche da— nicht zum Durchkommen!" Der Alte klopfte tiefsinnig Holzstifte ein.»Er liegt drinne," sagte er und wies mit dem unförmig breitgedrückten Daumen nach der Tür. Manne hatte ein heißes Gesicht. Nach der Schule fragte er nur so nebenbei. Aber ob die Kaninchen Kost hätten, ob Tehdchen Liebsch die fünfzig Knöpfe für ihn mitgebracht, ob die Pflaumen unterdes— seit einem Tage— schon blauere Farbe hätten! Wehe, wenn ein anderer sie stahl! Das wollte er selbst besorgen. Es vergingen Tage und wieder Tage— Mannes Platz in der Klasse blieb nach wie vor leer. Doch als ich eines Tages gerade vom Mittagessen aufstand, klopfte es, Schuster Philipp wollte zum Vater. Sein Junge wollte mich sehen und hätte nach mir gefragt.»Vielleicht erlauben Sie's, Herr Kanzleidirektor." Unheimlich sah heut' die Nase mit den beiden schwarzen Höhlen aus. Vielleicht, weil das Gesicht blasser war. »Nehmen Sie ihn gleich mit, Nachbar," sagte mein Vater und blickte über die Brille weg zu mir. So schritt ich neben dem Meister. Mir war beklommen, weil der Alte kein Wort sprach. Daß es meinem Schulkameraden schlecht ging, merkte selbst ich. Er warf sich im Fieber hin und her und erkannte niemanden. Wir warteten lange im Zimmer. Die feine Amanda stand am Fenster und zerdrückte eine Träne. Finster, mit schwerem Tritt, den sie dämpfte, ging Mutter Tile auf und ab. Der Vater starrte in die Glaskugel und auf seinen Sohn. Der Kranke war nicht unheimlich, die Stille war es. Endlich riß Männe, als blende ihn ein Licht, die Augen auf. Er sah mich lange an. Er erinnerte sich wohl schwer. Ich gab ihm die Hand. Er nickte. „Die Kaninchen." murmelte er. «Sie haben wieder gejungt, Männe," sprach der Meister.»Wir haben schon den ganzen Stall voll." »Ja. ja!" Plötzlich wurden seine Augen irr. Er schrie, schlug um sich. „Lauf zum Dokwr, Mandchen," sagte der Schuster verzweifelt. „Wenn er nicht bald kommt—" Die feine Amanda lief. Wieder die Stille. Nur vom Turn- platz kamen die Stimmen der Knaben. Sie verkündeten bald darauf, daß die Tochter zurückkehrte. Ich war statt ihrer ans Fenster getreten. »Amanda geht auf Stöckelschuh'it, Amanda ist Modistin—" tönte es jetzt lustig. Da blieb die Person mit dem trippelnden Gang plötzlich stehen, hob den Arm, ballte die Faust. „Hundsfötter!" schrie sie wild— die feine Amanda. Es schien, als wollte sie sich auf die ganze Bande stürzen. Dann, sich besinnend, ging sie der Haustür zu, während die Jungens mit verdutzten Ge- sichtern ihr nachsahen.» Der Arzt wollte kommen, bestellte sie. Der Arzt war nicht mehr nötig, das Licht war am Erlöschen. Sie wußten es auch alle. Immer starrer wurde des Schusters Gesicht. Amanda weinte. Die Frau hielt sich am besten. Da öffnete Männe die Augen wieder.»Geh hin," sprach der Meister,„er ruft Dich!" Aber als ich vorm Bett stand, suchten die Blicke des Kranken den Vater. Der stellte sich mir zur Seile. Zweimal versuchte Manne zu reden. Er war schon zu schwach. Dann brachte er es doch heraus:»Die Katz'... mach' die Katz', Vater!" „Jung," stammelte der Alte. Sein Gesicht verzerrte sich. Er zwang sich zum Lächeln, während die Tränen ihm langsam über die Backe liefen. Er zwang sich zum Lächeln, und— er miaute. Es klang furchtbar. Es klang gequält, unheimlich:»Miau, mi ,». au..." Es durchschnitt die Herzen. „Mann!" rief Tile, während ich zurückwich und in sein Gesicht starrte. Er war ganz verzerrt, alles arbeitete darin.»Miau... miau.. Auch Männe hatte ein jähes Entsetzen in den Augen. Er wollte die Hand heben, sich aufrichte», da sank sein Kopf. Der magere Körper schüttelte sich, streckte sich lang, die Finger faßten in die Bettdecke. Tile war zugesprungen. Sie hielt ihren Sohn. Sie horchte. In einzelnen Pausen miaute der Schuster noch immer. Er wollte seinem Sohn die letzte Freude machen. Der hörte längst nicht mehr. Der Arzt sah es sofort, daß er tot war. Tile hielt sich den Kopf.„Deshalb muß die Wäsche doch ins Faß," sprach sie dann und ging sckiver hinaus. Aber der Schuster wollte es nicht glauben. Mechanisch bewegten sich noch immer die Muskeln von Zeit zu Zeit: er machte die Katz'. Da lief ich verstört, entsetzt hinaus, die furchtbaren Laute noch Immer im Obr. Julius schleppte wieder die Eimer und übte Paradcmarich. � Bevor er in den Sarg gelegt wurde, sah ich Manne noch ein» mal. Der erste Tote! Er loollte mich rufen. Seitdem wüßt' ich, wie das aussieht, was hinter den schwarzen Brettern liegt. Bor Vielen wachsbleichen, eingefallenen Gesichtern mußte ich später noch stehen. Ich hatte kein Grauen vor ihnen. Aber mit Grauen horcht« ich, ob etioa auch hier das furchtbare Miau tönen würde, Zu den Philipps bin ich nie wieder gegangen. fran2 Liszt. Das Charakterbild des MufikerS, zu dem als SäkularheroS bis sogenannte gebildete Welt im Oktober dieses Jahres, mit der üblichen Begeisterung der Fenilletonisten und der falenderische» Huldigung durch eine Sturmflut von musikalischen LiSzt-Gedenkfeiern in den Konzertsälen aufblickt, beginnt in der Geschichte zu schwanken. Nicht sein Charakterbild als Mensch. Das strahlt ungetrübt: es hat nie einen selbstloseren, gütigeren, edleren und hilfreicheren Künstler von Weltruf gegeben wie Franz Liszt. Sehr zum Unterschied von seinem Schwiegersohne Richard Wagner. Aber die öffentliche Wertung LiSztS als Schaffender ist in den letzten Jahren auffallend gesunken. Nicht so sehr vielleicht in den Registrier- und Meßapparaten der zünftigeil Kritik wie in der Schätzung dcS gebildeten musikalischen Publikums. Nachdem in den 90er Jahren Leute der Propaganda begeisterter Lisztianer, wie Porges, Neuß, Göllerich. Pohl, die Koilzerisäle von den 12»Symphonischen Dichtungen", von„Dante" und„Faust", von„Christus" und der„Grauer Festmesie' wider- hallten, wobei die langmähnige Legion seiner Schüler uns die Liebe zu ihrem geistigen Vater mit Liszt �nud Gewalt durch piauistische Husareuritle einbläuen wollte, O ebbte die künstlich gemachte Hausse auf dem Musikmarkte rapide ab. Heute wir dürfen es auch an diesem Tag mit objektiver Ruhe aussprechen — steht Freanz LisztZder Komponist wieder auf der innerlich be- rechligten Stufe des Virtuosen, ans der er stand, ehe eine voreilige Persvektive ihn in die gleiche Front mit geistigen Neuschaffern wi« Goethe, Verlioz. Wagner oder gar Beethoven rangierie. Rein der Liszt, der als Wunderkind, als„lejietit Litz" die SalonS in Pest und Paris entzückt hatte, der spater auf seinen Triumphzügcn den Ruhm Chopins und PaganiniS verdunkelte und als Klavierspieler von unerreichter Meisterschaft im Technischen, von unerbörter Poesie des Anschlags wie geistiger Durchdringung des Stoffes die elegante Welt entzückte, er hat nicht die Geschichte de? verkannten GenieS um ein neues schmerzliches Kapitel bereichert. Auch nicht als den zur Ruhe gekommenen Meister, der sich nun ganz der Komposition, dem Unterricht im höheren Klavierspiel und der Wagiier-Propaganda widmete, die beschaulich« Luft Weimars, die mit programmatischen Ideen geschwängerte kosmopolitische Atmosphäre Bayreuths umfing. Dieser LiSzt„der zweiten Periode", der wie ein feuriger Meteor aus dem glänzenden Paris des zweiten Kaiser- reicks verschwunden war. um mit den„kleinen Weihen deS Welt« Priesters" ver'ehen hinter den Wolkenvorhang des romantischen Deutsch- land als Regiffeur Wagners und seiner Getreuen fortan zu wirken, hat zwar ini Anschluß an Hektar Verlioz der sinfonischen Musik neue Wege gewiesen, er hat ihr Formengebiet und ihr seelisches Sprach- vermögen bereichert, indem er als literarischer Musiker in seinen Progranunmusiken die schildernde Tonknnst mit politischen Ideen und Vorwürfen verschwisterle. aber er konnte die neue Forin nicht aus- füllen. Liszts melodische Ersindungs- und thematische GestaltungS- kraft stand nicht auf der Höhe des GenieS, daS er sonst in allen musikalischen, geistigen und menschlichen Dingen war. Winzige, eng- brüstige Motive ohne rechte gefiihlsbesiimmende Kraft, eine auf dem synnnelriichcn Prinzip des Dualismus beruhende Architektur, Mangel an künstlerischer Kontrastwirkung, Sucht nach äußerlichem Prunk und lärmenden Theatercffeklen in den Schlüssen. eine von Wagner sklavisch übernommene Harmonik, ein sprunghaft rhapsodischer Stil, eine blendende an Raffinement für seinen späteren Vollender Rich. Strauß vorbildliche JnstrumentationSpalette: da? kennzeichnet den Sinfoniker LiSzt. sAuch in seinen geistlichen Werken!) Neber allen,, was Liszt, der Fruchtbare, je schrieb, schwebt jencS mondäne Parfüm ftanzösischen und ungarischen Salons, in denen er sich wohl fühlte, aus denen er seine Lebensgefährtinnen holte. ES sind alles kleinere und größere Salonstücke mit der Technik deS Fran- zoseu gemacht, Rhapsodien ä la hongroise oder Virtuosensachen& la Paganmi. Der Pole Chopin war deutscher als der Ungar Liszt, der zwischen den Raffen stand und ein heimatloser Kosmopolit der Kunst war. Ei» Victor Hugo der Musik mit weitgestccktcn Zielen und überschäumender Tatkraft, wollte er die deutschen Romantiker über- flügeln, indem er Mendelssohns Lieder ohne Worte ins Orchestral« übersetzte, aber es blieben aufgebauschte Klaviertronskriptionen. Und Schumann, der feinsimiige musikalische Poet, der in seinen unaus- gesprochenen Klavierdichtungen ohne„Programm" viel mehr in kleineren Formen z» sagen ivußte wie der großartige»Reformator der Sinfonie" Liszt. blieb dem deutsch-, i H-rzen viel näher. Denn seine Phantasie war elementar, sein Gefühl echt»nd keusch, seine Lyrik einfach wie die deutsche Landschaft, seine Technik wurde nie virtuoser Selbstzweck. So ist das Phönomeii Liszt die Tragödie deS reflektierenden Virtuosen, der die Schranken seines ihm eingeborciie» Stils mit aller Gewalt verneinen wollte, mit jener Gewalt, die der Idealismus seines edlen KünstlerherzenS ihm enrgab, dem aber die Kraft, die letzten Ziele zu erreichen, fehlte. In der Kunst aber ist Können alles, Wollen nichts. Das Wollen LiSztS war monumental auf allen Gebieten. Er flog hinab in Dantes Hölle, er entzündete sewe Phantasie an GoetheS Faust und schuf wirklich in den drei Charakterbildern etwaS, vielleicht das einzige Bleibende. Er trollte die Leidensgeschichte Christi im Oratorium dar« — 820- stellen und die Wunder der.Heiligen Elisabeth' auf der Bühne zeigen Schillers„Ideale", der„Prometheus"-Sroffe,„Hamler das ewige Gegensätzliche:„I�unonto e trionfo" und viele andere gewaltige Vorwürfe erscheinen in seinem Schaffensplan. Er wollte das deutsche Kunstlied reformieren. Das gelang etwas später erst Hugo Wolf. Das LiSztsche Lied ist in seiner teils parfümierten Exotik teils katholisierenden Mystik undeutsch im Wesenskern. Er schrieb zahllose Paraphrasen und Transkriptionen von Liedern Schuberts und Beethovens, von Motiven Wagnerscher, Meyerbecrscher und Verdischer Opern für das Virtuoien-Klavier und bereicherte da- mit das feinfühlige Kapitel der musikalischen Geschmacklosigkeit ebenso sehr wie die späteren„Bearbeiter" Schuberts, die das Schubert-Lied ins grohe Orchester zerrten. Er züchtete durch das Vorbild seiner pianistische» Meisterichaft und seiner idealen Kunstlehre zahllose Schüler und Schülerinnen(Nietzsches boshaftes Wort: Liszt oder die Schule der Geläufigkeit nach Weibern I) in Klavierspiel und Komposition. Sie gingen— die Tausig. Lasien, Bülow. Friedheim, Siloti, Ansorge, Slradal— in alle Welt und begründete» die Ge schlechter der langbelockten, schivarzbefrackten titanischen Klavier� Husaren, die in den winterlichen Konzertsälen laut und dröhnend ver- künden, daß es auch in der Kunst der Musik eine Grofiiudustrie und eine Mafienproduktion gibt, dafi durch Liszt der Rahmen patriarchalischer andächtiger Musikpflege im häuslichen Kreise für immer zersprengt ist. Dag an seine Stelle das soziale Hebel der öffentlichen Konzertpest getreten ist, mit seinen zahlreichen schlimmen Begleiterscheinungen künstlerischen Proleiariertums. die durch den Massenandrang der Virtuosen, und solcher, die eS werden möchten, in die leer und leerer iverdenden Konzertsäle bedingt sind. Aber Wagner, der sich bekanntlich um die offizielle Anerkennung der kompositorischen Geniewerte seines Schwiegervaters, der ihm den dornigen Lebensweg mit tatkräftigem Opfermut ebenen half, immer scheu gedrückt hat, sah in den Bestrebungen LisztS eine internationale Liszt-Schule zu befestigen, ein indirektes Mittel zur Wagner- Propaganda und so segnete er sein Tun mit den schönen Worten: „Da mug ich denn immer an Dich denken und Deinen merk würdigen Einfluß auf diese nun schon so zahlreiche und oft be� deutend ausgestattete Jugend niir vorführen: ich kann nicht anders, als Dich glücklich preisen und Dein harmonisches Wesen und Dasein aufS innigste bewundern." Das sagte er 1858. Im Jahre später schon spürte er selbst den„merkwürdigen Eiuflug". den LisztS Tochter Cosima aus seiner Gewifiensehe mit der Gräfin d'Agoult(Schriftstellername Daniel Stern), lange bevor sie Cosima Wagner wurde, auf ihn, seine Ideenwelt, seine politische Heber- zeugung, seine Lebensführung, seinen Verkehrston mit Fürsten und Machthabern ausübte. Ein verhängnisvoller Einfluß insbesondere auf den alternden Wagner. Pietistisch-nazarenische Suggestionen, die nach dem sonnigen Aufstieg der Meislersinger den Kreuzfall des Parsifal zur Folge hatten. Einer der schönsten Charaktcrzüge des Idealisten Liszt ist die Selbstlosigkeit und opferwillige Hilfsbereitschaft, flu einer Zeit, wo er selbst als Komponist sich über mangelhaften Erfolg in der maß- gebenden Musikwelt, die ihm nur die Lorbeeren des Virtuosen .reichen wollte, beklagen mußte, hat er al»„außerordentlicher Hof- kapellmeister" in Weimar im Kampfe gegen de» erfolgreichen Intriganten gegen das musikalische Jungdeutschland Dingelstedt eine ganze Anzahl von Opern und Musikdramen damals in Deutschland noch unbekannter Talente durchgesetzt. Von solch bedeutenden drainatischen Werken erklangen unier LiSztS begeisterter und begeisternden Direktion zum ersten Male in der alten Musenstadt Weimar:„Lohengrin"(1350),„König Alfred" von Raff(1851), „Bcnvenuto Ccllini" von Berlioz(1852), Schümanns„Manfred" (1852),„Alfonso und Estrella" von Schubert(1854),„Die sibirischen eäger" von Rubinstein(1854),„Der Barbier von Bagdad" von ornelius(1358). Die geplante Hrauffnhrung des„Rheingold" hat die Dingelstedt-Clique glücklich hintertrieben, wie sie auch die köstliche musikalische Komödie des treucsten Wagnerianers Cornelius zu Falle brachte. Diese schimpfliche Niederlage des Bühnenwerkes, das neben „Lohengrin" das berufenste in der neuen Weimarer Stilbildungs- und Dirigentenschule schien, hat LiSzt nie verwunden. Er ver- ließ gleich daraus Weimar und hat nie mehr eine Oper öffentlich dirigiert. Einen viel unheilvolleren Einfluß wie die geistvolle d'Agoult hat eine andere adlige Freundin des in puncto Weiblichkeit bekannt- lich sehr weichherzigen Künstlers ausgeübt. Das war die Fürstin Karoline Wittgenstein, die Liszt jahrzehntelang am geistigen Gängel- band geführt hat. Bis er den inneren Frieden im Schöße der katholischen Kirche fand, ein ungestilltes Sehnen aus frühester Jugendzeit zu befriedigen. So suchte der Weltweise in LiSzt die drei LebeuSniächte Kunst, Liebe, Religion in sich auszubalanzieren. Mit dem Blick auf Wahnfried und den GralStempel, die beiden Stätten. die ihm das Heiligste umschlofien, starb Franz Liszt, der schneeweiße Abbate, auch äußerlich ein Charaklerkopf. im 75. Lebensjahre am 3. August 1886 in Bayreuth. Mit ihm ging der tapferste Vor- kämpfer für die neuen Ideen in der Musik, für den Fortschritt auf allen geistigen Gebieten, ein Künstler von höchster Intelligenz, von souveräner Beherrschung in allem Technischen dahin und ei» schaffender Tondichter, in dem Reflexion, Idee und Geist stärker waren wie Originalität und Hrsprünglichkeit. Wen» LiSztS Werke längst in Staub zerfallen sind, sein hohes, reines Menschentum wird in der Geschichte fortleben. W. Mauke. Sckacb. Ilntet Zeitung von S. AI a pin. Plaioff. sbodetgh M M ■■ ......... 5 MW m M ilii � m • bedefgb Weiß am Zuge gewinnt. Lösung.(14. Oktober. Weiß XZg: Dä3; 8c5. Schwarz &>1: BB a2. c4, r5, g4. Remis.) 1. SdSf, cXd3; 2. TeSf, Kfl; 3. TfSf, Kgl; 4. Ta5, d2; 5. TXa2, dlD; 6. Tg2t, Kfl; 7, Tglf, KXT. Weiß ist pat. Schachnachrichten. Am 22. Oktober findet in den Sälen des Lokals„Alt-Berlin" eine Versammlung statt, in der über den „Zusammenschluß des Berliner Vereins niit der Schachvereinigung organisierter Arbeiter in Moabit" verhandelt wird. Französische Partie Im Karlsbader Turnier ISll ge. spielt. Die Variante, die in gegen- wärliger Partie angewendet wuide, bildet eine bedeutsame Neuerung, die ein neues Licht aus die Erössnung wirst. Dr. PerlIS 1. e2— 64 2. d2— d4 3 Sbl— c3 Besser einsach P. Morphy. 3...... 4. Lei— g5 Ob 4. oXd5, S. Alapin e7— e6 d7— d5 3. eXdol Sg3-r6 nach SXd5t; 5. Sei, 15 jc. für Weiß günstig ist, dürste noch zu erforschen sein. Auf 4.«5. Skd?: 5. kl, c5; 6. dXcS, ScCI; 7. a3! folgt 7...... 16! mit Demoliermig des weißen Zentrums. 4., JAH— e7 5. 64-e3 Sf6-d7 6. Lg5Xe7 Dd8Xe7 7. 12-14..... In der Partie Spielmann-AIapin (vom Schwaiz gewonnen) geschah die übliche Fortsetzung: 7. 8d5. Sd6; 8. c3, a6; 9. Sa3. Auch hier kann Schwarz mittelst.9...... Ld7; 10. 14, 15 die Variante der gegenwärtigen Partie durch Zugumstellung erreichen. 7...... 17-15 8. Sc3— b5..... Ilm De7— b4 zu parieren 8. 9. c2— c3 10. Sb5-a3 11. Sgl— 13 12. Ddl-d3 13. Lfl-d3 Sd7— bö a7— a6 Lc8— d7 Sb8— c6 Sc6-d8 Sd8-f7 Die„Neuerung" besteht in dem Manöver des schwarzen Damen- fpringers(anstatt der üblichen c7— c5), um einerseits durch rapide Entwickelung des Damenflügels 0—0—0 vorzu- bereiten; andererseits aber event. g7— g5 mit Angriff auf dem Königs- 'lüget durchzusetzen. 14. Sa3— c2 Ld7-b5 15. b2— b3..... Sc2— e3 kam in Betracht, oder auch b2— b4. 15...... 16. Dd2Xd3 17. g2— g3 18. g3— 14 19. 0-0—0 20. Tdl— gl Lb5Xd3 g7-g5 gSXtt Th8-g8 Tg3— g4 0—0—0 Auf 20..... TXtl; 21. Tg7 erlangt Weiß Angriff. 21. TglXg4 f5Xg4 22. Sf3— el S17— h6 23. Sc2— e3..... Falls 23. h3 so 23..... Dhl; 24. DXh7, gXb3 K. 23...... Td8-g8 24. Kcl— b2..... 21. 15, eXf5; 25. 8X15. DgSf; 26. Se3 k. war zu erwägen. 24...... I)e7—k7 25. Sol— g2 Sh6— 13 26. SeSX'ö 66X15 27. Tbl— el v 17-66 Zur Verhinderung von«5—6(5. 28. Sg2-e3 29. a2— a4 30. a4— a5 31. c3— c4 32. c4Xd5 33. Dd3— c2 33..... Se7?; 35. Ddöf!C. 34. Tel— cl 35. TclXc2 36. Tc2— c5 37..... TcS?; TgS— 18 Kc8-b8 Sb6— c8 c7— c6 c6Xd5 De6— c6 34. Dc5, TcS; Dc6Xc2t Sc8— e7 TIS— d3 SXdö!, TXc5; 39. SXe7 nebst event. 8X15 ec. 87. Kb2— c3 33. Kc3-d2 39. TcS— cl 40. Toi— gl 41. Kd2—«2 42. Tgl— elf 43. SeS-fl 44. TclXcS 45. SH-g3 46. Ke2— d3 47. Kd3— c3 48. b3— b4 h7— h5 h3— h4 h4— h3 Td8-g3 Kb8— c7 Kc7-d7 TgS— c8 Se7Xc8 So8— e7 Kd7— c6 Kc6— b5 Kb5-a4I Hiermit entsteht für Weiß eine Zugzwangsslellung. 49. Sg3— h5 Sc?- gS Sg6Xf4 S14-e6 Se6— g5 60. Sh5-g3 51. 8g3X1S 62. 815-g3 53. Sg3— 15 Zugzwang! 53...... Sg5— elf 64. Kc3— d3 g4— g3! 55. SfSXgS..... 55. hXg3, li2; 50. eG. 810 sc. 55...... Se4Xg3 66. b2Xg3..... 56. e5, 815. 56...... Ka4— b5 Aufgegeben(h3— b2— hlD ist nicht aufzuhalten). Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag:.BorwärtsBuchdruckereiu.BerlagsanstaltPa�1E»«gerchEo.,BertlnLW.