UnterHaltungsblatl des Horwärts Nr. 206�__ Dienstag den 24. Oktober. 1911 Nachdruck vervoltn.7 88] Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i Das wei&e Band, das ihre Locken zusammengehalten, war ihr langsam in den Nacken geglitten und von da über die Schultern. Er hatte es sofort bemerkt und mit einem Griff die schimmernde Schleife festgehalten, wie einen Besitz, der ihn: zukam und ihm allein. „Mein Band— hauchte Lolette mit einem müden Lächeln. Da drückte er sie noch fester an sich, daß sie nun Brust an Brust lagen wie zusammengeschmiedet von dem seligen Rausch der Stunde. „Wie seh ich denn aus?" stammelte sie nach einer Weile. Wieder fand er kein Wort, sein Mund schloß sich fester, die Hand, die sie führte, begann so heftig zu beben, daß sie das Fliegen und Pochen seiner Pulse zu spiiren meinte. Eine Wolke zog über den Mond und legte für einen Augenblick eine lauernde Dunkelheit um sie. Es war, als hätte die Lust selbst ihren weichen, samtenen Mantel über die beiden geworfen, daß sie eine ganze Weile allein waren in heißer, atemloser Beklommenheit. „Wohin— tanzen wir denn?" lachte sie leise in das Schweigen hinein. Er keuchte etwas zurück, das sie nicht der- stand, aber mit dem Gluthauch seines Mundes förmlich in sich trank— in sich aufnahm, als war es der Geliebte selbst, den sie zwischen Grauen und Sehnsucht empfing. Nur einen Mick wagte sie, einen Blick in das Antlitz, das so nah dem ihren glühte. Da brach der Mond hervor und der ganze süße Schreck des Ertapptseins machte sie wieder blöde und stumm. „Warum er so gar nichts spricht?" dachte sie. Und er, als hätte er auch Gewalt über das, was ihr durch die Seele ging, sagte im selben Augenblick:„Unter der — Hiitt'n— wars nicht so schön!" Sie zuckte zusammen, suchte nach einer Antwort, die der Wonne nahekam, mit der dieses erste Geständnis seiner Lippen ihre Seele erfüllte. Damals und heute! Ja, viel war anders geworden seitdem, mehr als sie auszudenken wagte. Wie auf einem reißenden Strom trieb sie dahin, ohne Halt, ohne Be- sinnung. Aber was lag daran? Sie wollte ja nichts anderes, als ihr geschehen konnte: ein seliges Untergehn! Unwillkür- lich folgte sie dem Zug seines Armes, preßte sich noch enger an ihn, schloß wie in einer letzten Angst die Augen, als fürchte sie, zu sehen, was im nächsten Moment geschehen konnte. Ihre Lippen öffneten sich langsam, wie dürstend. Da verstummte plötzlich die Harfe, die Paare traten auseinander. „Euer Gnaden entschuldigen..." Es war der alte Preiner, der vor ihr stand. „Was soll's denn?" ließ Lolette ihn etwas ungnädig an. Der Alte zog die Schultern hoch und den Kopf so weit als möglich zwischen die Sultern. Wie er immer tat, wenn der Wind von der Seite wehte. Aber— er ließ sich nicht abschrecken. „Der hochwürdige Herr Dechant, bitte!" „J e tz t?" stammelte Lolette betroffen. Zugleich fuhr ste nach ihren Haaren, suchte das entglittene Band— entsann sich plötzlich, daß es der Klamert festgehalten, fühlte, wie ihr das Blut in die Schläfen stieg, jäh, siedend. „Meine Frisur!" lispelte sie verwirrt. Aber da stand einer, der nicht mehr zurückgab, was er einmal hatte, und wie er da stand— gerade s o gefiel er ihr.„Gott, wegen des Pfaffen!" dachte sie. Doch— abweisen durfte sie den Gollenberg nicht, ihn zuletzt. So ungelegen er auch heute kam. „Was will er denn?" fragte sie— so nebenbei. „Seine Hochwürden meinten, es war eine sehr ivichtige Angelegenheit." „Na ja," seufzte Lolette resigniert aus.„Man hat seine Pflichten..." Ihr Blick suchte den Klamert. Aber der stand — rührte sich nicht. Noch immer ihr— Bedienter. Sie aber chatte nur eine Angst: ob er noch hier sein würde, wenn sie wiederkam? Der Bediente— das war ja nur mehr die Pose! Dort stand der Mann, der sie beherrschte, schon jetzt, ihren Willen dem feinen nachzog, ob er auch kein Wort sprach, schroff, dunkel, unerbittlich... ihr Schicksal. Vielleicht, daß der alte Preiner etwas ähnliches empfand, sie gerade darum so rasch weghaben wollte. Doch gab es keinen Mittelweg? Sie feierte ein Fest! Man konnte also Seine Hochwürden ebensogut herunterbitten. „Warum hat er dem Grafen nicht gesagt, wo ich bin?" fragte sie, noch immer mit ihren Locken beschäftigt. Der alte Preiner zögerte eine Weile. Sollte er lügen? Wenn je— war der hochwürdige Herr gerade diesmal zur rechten Zeit gekommen! Da war es schon am besten, gleich ganz bei der Wahrheit zu bleiben. Gottes Wege liefen auch so ihrem Ziele zu. Und der Wahrheit gemäß erwiderte er: „Ich hab's dem hochwürdigen Herrn gesagt, bitte. Aber—" Lolette sah ihn bloß an. Wieder zog der Alte die Schultern hoch:„Aber der Herr Graf wollen ganz allein reden mit Euer Gnaden!" „Und gerade jetzt!" rief Lolette ärgerlich. Der Alte überhörte es.„Ich Hab ihn also in den blauen Salon geführt." „Das auch noch!" dachte Lolette. Doch was blieb ihr übrig? Und schließlich... wer weiß, wozu es gut war! „Schön," sagte sie mit einer plötzlichen Wendung an ihre Leute:„Laßt Ihr Euch nicht stören unterdes. Den„Kehr- aus"tanzen wir deswegen doch miteinander." Damit nahm sie ihr Kleid und flog die alte Steintreppe empor. „Ob sie wirklich noch einmal kommt?"" dachte der Bursch. Er machte sich auch seineu Vers zu dein späten Besuch des geistlichen Herrn. Indessen hatte sich Graf Gallenberg soviel als möglich in die Rolle des„Seelenretters" hineingedacht. Warum sollte es ihm nicht möglich sein, diesen blonden Leichtsinn zurechtzubringen? Eiir Standesgenosse war er auch. Wer weiß, ob nicht die weltläufige Sicherheit des Aristokraten zuletzt er- reichte, was der Sermon des Seeleuhirten nicht bewirkte. Als letztes Argument blieb ihm der Verdacht, den der alte Förster heute ausgesprochen. Wenn der neue Günstling Lolettes wirk- lich ein Wilddieb war— Herrgott! Sic müßte ja keinen Rest von Schanigefühl mehr in sich haben, wenn das nicht verfing. Tiefer konnte sie nicht mehr hinabsteigen! Der Untcrweger hatte sie betrogen— der andere lief in ihren Wäldern umher und knallte wie ein ordinärer Dieb ihr Wild zusammen. So konnte das nicht mehr fortgehn.! Durch die weitoffenstehenden Fenster scholl das lustige Geklimper des.Harfenisten und das verhaltene Gekicher der Dirnen. Ein Bursch jauchzte seinen Jubel zum Mond empor. der immer reiner, immer sieghafter zwischen dem weißen Nachtgewölk hervortrat. O ja, es nnißte sich ganz vergnügt hier leben— auch fiir die Dienerschaft. In diesem Hause, in dem die Herrin selbst so weich und sorglos im Pfuhl der Sünde lebte. Sonst war es ganz still im blauen Salon. Der Papagei schwatzte, die kostbare Rokokouhr auf dem Kamin tickte leise und diskret in das Schweigen hinein. Hoch und still brannten die Girandoles, die der alte Preiner in aller Eile auf den Tisch gestellt. Lolette hatte nicht mehr an die Möglichkeit eines Besuches gedacht, und so war auch in der„blab'n Stub'n" allerlei Tand liegen geblieben, der an ihre reizvolle Weiblich- keit erinnern konnte. Der luftige Frisiermantel, ihre roten Safsianpätschelchen, die so erwartungsvoll vor dem Kamin standen, ein feines Spitzentuch, das den zarten Hauch ihres Lieblingsparsüms in die sommerliche Schwüle des Zimmers atmete, das hatte der alte Preiner übersehen. Aber Seine Hochwürden hatten übrige Weile, auch davon Kenntnis zu nehmen, ob sie nun wollten oder nickst. Es war schon eine geraume Weile her, daß der Graf an dergleichen ein Wohlgefallen gefunden. Jetzt wuchs ihm ein feistes Bäuchlein und Alter und Kurzatmigkeit hatten ihr übrig Teil an seinein makellosen Wandel. Wie die hübschen Dinger aber da wahllos herumlaqen und standen, entlockten ste ihm dennoch einen leichten Seufzer— der ein Seufzer blieb, ob er sich auch einbildete, daß er bloß der Sündhaftig- keit dieser Welt galt. Lang, lang war's her.... Da flog die Tür auf. Der Wind, der ihr von den ge- ösfnctcv Fenstern eistgcgei, wehte, trug zwei duftige Schm pcnenden wie Weiße Flüncl empor, ein fjoihgescl'tteltcs Jützchen hüpfte leicht und praziös über die Schwelle, von den süßlichen Lippen flog ein sorgloses Lachen— ja. ja, so kam er an. der Leichtsinn? -Seine Hochwürden erhoben sich. „Frau Gräfin entschuldigen, daß ich noch so spät Molestiere, aber..." „Gott, lieber Gallenberg, machen S' doch keine solch'n Umstand'," lachte ihm Lolette entgegen.„Und vor allem: Nehmen S' wieder Platz. In Ihren Jahr'n kann man das bisserl Ruh' schon brauchen." Damit drückte sie ihn wieder in den Fauteuil zurück, aus dem er sich eben erhoben, hielt aber plötzlich ein und fuhr mit einem leichten Schrei auf den Tisch los.„Jessas — mein Peignoir! Und dort gar— die Schuh'! Ja, seh'n S', lieber Gallenberg, solche Leut' hat man!" Ritsch— ratsch verbarg sie Schuhe und Peignoir unter dem miolligen Spitzenkissen ihrer Chaiselongue. „So und jetzt bin ich ganz Ohr!" Sie trat an den Tisch, wermied es aber, sich niederzulassen. Er sollte per- stehen, daß sie Eile hatte. „Frau Gräfin nehmen nicht Platz?" Sie lachte, warf lachend de Kopf zurück, daß die schim- mernden Zähnchen wie Perlen im Opalglanz der Wachs- lichter aufleuteten.„Nein, mein lieber Gallenberg, und— nichts für ungut. Aber ich Hab' heut'„Schnitthahn" und meine Leut' warten auf mich. Also— Sie entschuldigen schon, nit wahr?" Seine Hochwürden runzelten die Stirn.«Die Leute. über die Sie sich soeben beklagt?" Lolette errötete.„Gott... Alle meint man natürlich nit, wenn man von ein paar red't. Wie's halt schon ist." Seine Hochwürden lehnten sich zurück, strichen mit dem Daumen eine Weile unter dem glattrasierten Kinn herum und ließen ein dumpfes„Hm" hören. „Geht's Ihnen vielleicht besser?" lachte Lolette. Sie wurde immer verlegener, aber— gerade deshalb auch immer ärgerlicher. Denn schließlich— was ging das den Pfaffen an? Der Dechant hob bloß den Kopf, sah sie an. fest. lang. Endlich kniff er die Augen ein. „Der will unangenehm werden!" sagte sich Lolette. Sie hatte ihn schon einmal so gesehen, als er die Geschichte mit dem Unterweger erfahren. Nun kam er ihr gar ins Haus mit diesem Gesicht! Das konnte schön werden. Der Dechant wandte keinen Blick von ihr. Wie sie vor ihm stand, wie ein Kätzchen und doch innerlich fauchend. glaubte er sehr wohl zu wissen, welche Gedanken gerade jetzt durch das hübsche Köpfchen gingen. Von draußen drang noch immer das lustige Geklimper herein. Natürlich hatte sie Eile! Er konnte sich's vorstellen: wie der flackernde Blick ihrer Augen, das fliegende Rot ihrer Wangen ihm verriet, wer sie soeben aus den Armen gelassen. Höchste Zeit war's, daß endlich einer kam. ihr ins Gewissen zu reden. Sonst... man konnte wahrhaftig nicht aus- denken, was vielleicht noch heute geschah. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck»erbolen.Z Genicken lckicklale. Von A u g u st Strindberg. Ein älterer Mann saß auf der Danipferbrücke von SKmachsund und tat nicht?. Er guckte allerdings auf die Fische, die unten zwischen den Tangwurzeln spielten, und er hörte auf die Wellen, die gegen die Brückenpfeiler plätscherten. Da kam ein anderer, auch ein älterer Herr, setzte sich auf die Bank gegenüber. Der sah lebenslustig aus und hatte noch ein Feuer im Auge, das von einem Gespräch herrühren mochte, i'l dem neue Gedanken geboren waren, oder von der gelungenen Ausführung von Plänen. Er fing an, sein Gegenüber zu betrachten, und sah in dessen ganzen, Aeufieren etwas Unbestimmtes, etwas von zwei Ge- fellschaftsklassen Bastardiertes, ein Mißverhältnis zwischen dem Jetzigen und dem Vergangenen. Die Kleider hatten die Linien eines Herrn, waren aber aus einem Zeug, das nicht das eines Herrn war; und die Stiefel waren schlecht modelliert, zeigten aber, daß der Fuß vor schwerer Arbeit geschützt gewesen; die Hände waren weiß, aber die Manschetten nicht. Als der Fremdling das Gesicht des anderen zu durchmustern begann, bcnierkle er hinter dem großen, angegrauten, dünnen Voll- bart, in Fett eingebettet, die Linien eines anderen Gesichtes, das ihn an ein bekanntes aus der Jugendzeit erinnerte, aber es sank sofort zurück und verbarg sich unter dem Bart. Die Augen waren von den, oberen Wulst verschüttet, der wahrscheinlich entwickelt war. um den, Augenlid zu helfen, daS Auge aeoep. uua ooen zu schützen, wie es bei den Arbeit-»", d-s-Schreibtisches gewöhnlich ist. Aber da waren einige«ngentümliche Linien, wie ein Akzent Zirkumflex, und ei» gewisses Graugelb, das von den Schläfen herunterhing, weckte wieder Erinnerungen, die jedoch ebenso schnell wieder ver- dunsteten. Die Nase war unten zu schmal, die Flügel waren von den Seiten zusammengedrückt, etwas Totenschädel oder verzeichnetes Anfängerporträt. Er hatte sich geirrt: eS war kein Bekannter. Schließlich erhob der Durchmusterte den Kopf und sah den Fremdling an. Da geschab eine Verwandlung: alle Züge ver- schwanden und nur der Blick sprach, diese Sprache, die nicht ver» dolmetscht werden kann und die Seele selbst sein muß. Kennst Du mich wieder? fragte er. Ja, mit Deinem Blick bin ich bekannt, aber nicht mit Deinen Zügen und nicht mit Deiner Stimme. Ich kenne Dich, aber weiß nicht, wie Du heißest I Denk nach! Da kam ein Tonfall und dann ein Blick wieder aus dem dunkeln Loch im Auge. Du heißest Jakob... Ja, so ist eSl— Wir sind alt geworden! Wir sind ein Stück weitergekommen!... Hm I Jetzt erinnere ich mich, es ist dreißig Jahre her: wir saßen eines Sommerabends im Hotel, dort drüben in Heiterbucht... Warte!... Deine Ferien waren an dem Tage zu Ende. Du erinnerst Dich daran I Du warst bei der Gasanstalt angestellt und schriebst Rechnungen aus.... Du hattest Deine Arbeit und hier draußen faßtest Du einen Groll auf die Stadt und das Stadtleben, den ich nicht recht begriff.... Nur weiter.... An, Abend brach Dein Haß in Raserei aus und Du beschlössest, Deine Stellung aufzugeben und den Winter über hier draußen in den Schären zu bleiben. Und daS tat ich auch! Und ich bin seitdem nicht ein einziges Mal in der Stadt gewesen I Was sagst D», Mensch? Dreißig Jahre hast Du hier gesessen? Ja, das habe ich I... Ich habe von Uebcrsetzungen gelebt... habe mich verheiratet... Und bist zufrieden? So zufrieden, wie man sein kann, wenn man keinen Herrn hat, keine Kamcradeir, vor allem keine Glockenschläge. Ich haßte Uhren, wie Du Dich erinner» wirst I Das ist ein sonderbares Schicksal! Kannst Du eS erklären? Nein, Schicksale kann man nicht erklären I Ich habe es schon versucht nnt Vererbung und Rassenunterschied und angeborenen Trieben, aber ich komme damit nicht weiter. Mein Vater war ja einmal ein reicher Mann aus der Mittelklaffe, der ein Haus machte und feine Leute bei sich sah. In einem geivissen Alter wurde er müde, ließ den Griff los, und dann lag er auf der Straße. Mein Bruder ging auch ein Stück vorwärts, ließ los und lag da, er auch. Mir ging es etwas anders. Ich war mit Abscheu gegen alles Regelmäßige geboren. gegen all« Konvention, Umstände und Komplimente, und eines Tages verlor ich alle Illusionen. Ich glaubte des Lebens relative Nichtig- keit einzusehen und fand, daß bei weniger Luxus auch die Arbeit ge- ringer würde, folglich der Genuß größer, denn die Arbeit war sür mich eine Strafe. Diese Kleider zum Beispiel, die Du siehst, habe ich zehn Jahre getragen; bedenke, wie viel Arbeit ich mir erspart und wie große Genüsse ich gesainmelt habe. Nichts zu tun, ist für mich die Seligkeit. Aber hast Du niemals ein Verlangen gehabt, vorwärts zu kommen, zu wachsen, befördert zu werden? Nein, diese Begriffe fehlen mir! Ich verstehe sie nicht, und das ist mein Glück I Und indem ich die Skala reduzierte, die Forderungen ans Leben herabsetzte, wurde der geringste Luxus ein unerhörter Genuß für mich. Wenn ich jeden zweiten Monat nach Heiterbuchr ins Hotel komme und ein halbes Beefsteak mit Soja, japanischer Soja, einen Schnaps, eine Flasche Bier und danach Kaffee und Punsch kriege, dann bin ich so selig, daß ich mit niemand tauschte I In der Stadt dagegen, wo ich die? jeden Tag hatte, war es wertlos. Denn der Weg zum Genüsse geht durch Entsagung. Und Du bist verheiratet, sagtest Du? Ja, mit einer Lotscntochter I— Hm l Hm I Erinnerst Dn Dich denn an unsere alten Schulkameraden und Swdiengenoffen? Erinnerst Du Dich an die ganze Gruppe, die unterging? Talentvoll und tüchtig waren sie auf allen Gebieten, hatten aber keine Lust zum arbeiten. War daS ihre Schuld? Ich habe eS früher geglaubt, und Du weißt, wenn man nur das Sprichwort„Müßiggang ist aller Laster Anfang" anführte, so hatte man die Ursache gesagt. Aber die Ursachen des Müßig- gangs? Ja, ich glaube. eS war ihnen vorher bestimmt, wie die Vögel unter dem Himmel zu leben, um an einem Wintertag zu erstieren. Erinnerst Du Dich an Karl? Der hatte keine Laster, aber ging unter, weil er mir zwanzig Jahren entdeckte, daß alles Streben und aller Ehrgeiz nichtig sei. Fünfundzwanzig Jahre lebte er in London davon, daß er Landsleute anborgte. Man gab ihm mehrere Male Stellungen, aber er verließ fie, ohne adieu zu sagen. Er konnte nicht Ulveiten. Erinnerst Du Dich an unseren Kameraden, den Schauspieler, der so schnell Karriere machte und berühmt wurde? Ja. gewitzt Da kam ein Tag: er stand auf der Buhne, war mitten in einer Rolle, da traf ihn wie ein Blitz der Gedanke: warum stehe ich hier und mache Faxen I Und er fiel aus der Rolle und kam nicht mehr in die Rollen hinein. Er konnte sich nicht mehr Illusionen machen, zehn Jahre lang ging es nicht mehr; er wurde vergessen, auf die Seite geschoben. Da kam die Not. Und ich hörte ihn einmal im Cafv sagen. es sei Unsinn, die Kunst und alles, aber er müsse versuchen, sich wieder zu„düpieren". Es gelang ihm für eine kurze Zeit, und da prahlte er damit, daß es ihm gelungen sei, das Publikum wieder zu „düpieren". Dann aber ließen die Sperrhaken wieder los und die Uhr schnurrte ab— es war furchtbare Wenn du wüßtest, wie viele Künstler, denen die Augen aufgegangen sind und die„den Glauben an die Kunst" verloren haben, schließlich das Handwerk ausüben, weil sie leben müssen. Das ist eine Tragödie! Und alle, die sich vor der Zeit drücken, ohne daß man versteht, warum I Ja, die Menschenschicksale, sag mir deren Rätselt Nun, und dein Schicksal? Der Fremdling erhob sich. Mein Schicksal? Ja, daß ich nicht untergegangen bin, ist mir das größte Rätsel; denn alle Voraussetzungen hatte ich dazu! Ich bin in das Joch der Gesellschaft gekrochen, ich bin wieder heraus- gekrochen, mehrere Male, aber ich kann mich nicht mit dem Leben versöhne». Ich schleppe mich damit, das ist alles! Und das sagst Du, der alles bekommen hat? Ja! Wie sollen wir uns denn bemühen, das zu erringen, was Ihr verachtet, wenn Ihr es bekommen habt? Ich beneide Dich, weil Du Dich nie darauf, auf das Wettrennen um die Ehre, eingelassen hast.— Doch jetzt kommt der Dampfer! Adieu I Adieu! Danke für da? letzte Wort, denn das hat mich erlöst I Ich war nämlich auch ein Ehrgeiziger, wagte mich aber nicht ein- zulassen! Darum blieb ich in Ebal! jfofcf Kainz/) Von Paul Landau. .Es ist der Geist, der sich den Körper baut." Schiller. Die Natur hatte ihren Ucbcrwindcr nur stiefmütterlich aus- gestattet. Seine Gestalt war unter Mittelgröße, schmalschultrig, hager, eckig; sein Aussehen verzweifelt dürftig.„Die Seele saß dem Körper zu nahe, sie schlug gleich an die Rippen, und doch liegt in dem Umweg der Seele zum Leib, und wie sie allmählich auf- blüht, ein großer Zauber der Kunst." Das jagte Speidel nach seinem ersten Gastspiel an der Burg. War das„Figürchen" unbe- deutend, so war das Gesicht unschön. Seine leicht gestülpte Nase, die sich da nach innen bog, wo die Krümmung des Adlerschnabels nach außen gehen sollte, nannte Brandes eine„Schusternase";„mit dem Gesicht eines Zigeuners, mit der Stimme eines Brustkranken, seltsam anzuschauen" schildert ihn Hermann Bang. Aber gerade diese unbedeutende Körperlichkeit, die ein wenig an Ekhof gemahnte, wurde von Kainz zu einem Triumph des Geistes über den Leib aus- genutzt. Er war viel zu stolz und zu groß, um diese Mängel seiner Erscheinung zu verheimlichen oder hinter aufgepappten Nasen und Barten, hinter ausgestopfter Kleidung zu verbergen. Er zeigte frei die sehnige Magerkeit seines Halses, er steigerte die l)agre Eckigkeit seiner Bewegungen zu gotischer Inbrunst, hüllte sich in schwarze Mäntel, so daß sein Leibliches zu schwinden schien und er wie ein feuriger Schatten über die Bühne fuhr. Es war sein Geist, der die Körper seiner Gestalten baute. Man hat die Augen die„Ordensstcrne des Geistes" genannt. Kainz trug in seinen dunklen, Funken sprühenden Lichtquellen einen „Pour le merite", wie ihn kein Herrscher der Erde vergeben kann. Ten jähestcn Wechsel der Stimmung spiegelten diese Augen wieder, erschienen stets neu in Ausdruck und Glanz. Und ebenso mannig- faltig war das Spiel des unendlich geschmeidigen, auch im Schweigen. beredten Mundes, desien Muskeln durch eine lange Arbeit des Willens geknetet und geformt waren, in wildem Ekel sich herab- zogen, in tiefem Weh zuckten, im verzweifelten Grauen sich hohl öffneten und in dem liebenswürdigsten Lächeln jubelten. Der zier- liche Körper aber bewegte sich, federte in einem leidenschaftlich fort- reißenden Rhythmus, gleichsam, als die Nadel des Kompaß, das Zittern und den Ausschlag seines Gemütes anzeigend. Seine katzen- hafte Anmut hatte die leichte Kraft der Gazelle im Schreiten und *) Unter dem Titel„Mimen, Historische Miniaturen" erscheint demnächst im Verlag Erich Reiß, Berlin, ein Werk unseres Mit- arbeiters Dr. Paul Landau, das in einer Porträtreihe der bedcu- tcndsten deutschen Schauspieler, von Ekhof und Schroeder bis Mat- kowöky und Kainz, sowie in der Schilderung einiger der größten Koryphäen des Tanzes und der Pantomime die Höhepunkte mimw schcn Schaffens und mimischer Kunst darstellt. Wir sind in der Lage unfern Lesern schon heute die Charakteristik von Josef Kainz vorzulegen, die angespannte Wildheit des Panthers im Sprung. Er liebte die Toledaner Klingen und glich ihnen in der elastischen Biegsamkeit seines Ganges; er war ein Meister des Stoßdegens, und in seinen Bewegungen lag etwas von der blitzschnellen Gewandtheit und den vogelhaften Leichtigkeit des Florettkämpfers, der ja der Tänzer unter den Fechtern ist.„Flamme und Florett". Leidenschaft und Anmut hat Otto Brahm als das Zentrum seiner Kunst bezeichnet. Der schöne Sinnenschein, die plastische Rundung fest auf der Erde stehender, im Erdengenuß ruhender Körper war seinen Ge- stalten versagt; sie waren Sehnsuchtssiguren, Hungerleider nach den» Unendlichen, Wesen, deren Heimat in einer anderen Welt ist; sis waren fest entmaterialisiert, Träger des Geistes, wenn auch nicht Geister. Das Gesicht— kein Ruheplatz schöner Ge- fühle, sondern die aufgeregte Walstatt steter Seelenkonflikte, durchzuckt von Blitzen, zerwühlt von inneren Erlebnissen. Der Gang, die Gesten— kein harmonisches Entfalten schöner voller Formen und Linien, sondern ein hastiges Hinstürmen. ein unruhiges plötzliches Abbrechen einer Bewegung, ein ewiges Stakkato, ein unaufhörliches Vibrieren. Hastige Drehungen, blitz- schnelle Wendungen, ein fahriges Zucken, nervöses Auffahren, ein energisches ruckweises Hin- und Herwersen des Kopfes— all diese instinktiven Aeutzerungen seines Temperamentes deuteten wie in feurigen Zickzacklinien die Ungeduld seiner Nerven, die rastlose. sprunghafte Arbeit seiner Gedanken an. Sie akzentuierten das völlig neuartige Tempo seiner Kunst. So ist Kainz zum Schauspieler der„Reizsamkeit" geworden. jenes gesteigerten, überempfindlichen Nervcnlebens, das zur gleichen Zeit in Wagners Musitdramen, in der Kunst des Impressionismus seinen Ausdruck fand. Wichtigstes Instrument dieses andeutenden, das Flüchtigste malenden Stils waren ihm neben seiner Wortbc- Handlung die Hände. Das wilde Hinuntersloßen der Arme, ihr müdes Herabhängen zeigte seinen Trotz und seine Schlaffheit, tpäh- rend er im Augenblick des Triumphes sie steil aufwärts in die Höhe warf wie eine hochlodernde Flamme. Seine sehnigen, reich durch- gebildeten Hände, die elegant und leicht in den feinen Gelenken saßen und gesondert vonr Körper ein Eigenleben zu führen schienen, wußten geistige Vorstellungen so anschaulich zu machen, daß man an dem Fingerspiel seines Hamlet wirklich„das Denken sehen" konnte. Der Wegweiser in diesem Reich der verschlungenen Gedankenwege war der Zeigesinger, der bald ein Wort kräftig unterstrich, bald eine Wendung scharf pointierte. Und wie die Hände, wie jeder Finger, so lebte alles an diesem Körper mit einer höchsten Inten- sität und Freiheit; alle Glieder gelöst in den Gelenten, unruhig, erregt, schlenkernd, doch beherrscht von einer besonnenen Bewußt- heit; unbändig, doch gebändigt von einem stählernen Willen. Er konnte wild und rasend sied gebärden, aber er fand ebenso die starre Ruhe. In unvermittelten Uebergängen, die auf das feinste ausgedacht und berechnet waren, vollzog sich sein Spiel, toll hinstürmend wie ein Wirbelwind, jäh auf- zuckend, dann müde hinschwelend, stets aber von einer elektrischen Spannung gelragen, die das Knistern der Funken, das heimliche Zittern und Beben verriet. Die höchste Leistung von Kainz war es nun, wie er für dieses Tempo seiner Gebärden einen homogenen Sprachstil schuf, wie ev eine neue Art des Redens erfand. Auch dies eine rein geistige Tat. denn„der Leib des Geistes war ihm das Wort", wie Friedrich Siayßler in seiner Gedächtnisrede so schön ausführt. Ein König der Sprache war erk Schon seine Zauberstimme, ein Bariton, der�in weichster Melodie Julie» aus dem Balkon sein Liebeslied sang, zu- gleich ein schmetternder Tenor, der den stählernen Klang klirrender Schwerter annehmen konnte, hatte einen Reichtum der Nuancie- rung, der die ganze Skala stimmlichen Ausdrucks umfaßte. Der Wechsel der Tonarten, der Tonhöhe, das Umkippen aus der Fistel in den tiefen Baß, dieses halsbrecherische Empor- und Herunter- klettern der Stimme boten Virtuosenstücke der Zunge und des Kehl- kopfes, die nur erträglich waren, weil sie einer tieferen Bedeutung dienten.„Ihm war Sprechen nicht eine sinnvolle Kette von War- ten und Sätzen— ihm war Sprache ein lebendiges göttliches Chaos von Geist, das der Künstler in Elemente zu scheiden hatte— in Linien, Formen und Wesenheiten— das aber dennoch niemals er- starrte, das ewig lebendig blieb, ineinanderfließend und lvallend: in jedem Augenblick ein übermächtiges Ganzes." Weite Flächen seiner Deklamation ließ er im Schotten, um dann wie mit einem Scheinwerfer eine kurze Strecke zu erhellen. Statt der vielen, ver- wirrend gewählten Wortakzente betonte er so wenig Worte als möglich, ließ aber diese mit leuchtender Wucht hervortreten; wie Berge ragten sie aus den Wellentälern seiner Deklamation heraus. Es lag eine unerhörte Fähigkeit der geistigen Konzentration in diesem Zusammenfassen langer Perioden, in diesem Herausheben eines einzigen Wortes. In genialer Weise übertrug er das reicher ausgeführte Gemälde des Dichters in den Freskostil der Bühne. ließ die große monumentale Linie erstehen, die den inneren Gehrlt der Worte unvcrlöschlich festhielt. lieber dieser abstrakten gedanklichen Gliederung der Rolle, die Kainz so scharf aus der Fülle der Worte und Verse heraushob, ver- gaß er aber auch das blühende Fleisch der Rede nicht. Sein Sprechen gestaltete er wie Gesang und schuf in dem melodischen Durchhalten einer bestimmten Klangfarbe einen musikalischen Hintergrund, aus dem die Höhepunkte, die markanten Akzente und Nuancen deutlich hervorsprangen. So waren-. all seine Gestalten in die Musik seiner: «Rede getaucht, in einen wahren Seclengcsang, aus dM einzeln« ßaiite mit einer geradezu mystischen Klarlicit und Bedeutung emportauchten. Wie in seiner Rede liebte er auch in der Anlage der ganzen Rolle ein langes Präludieren, ein vorbereitendes Hineilen im Prestissimo, bis er dann in einem Fortissimo halt machte, die Peri. petie