9?r. 211. sblatt des TX enstag den 31. Oktober 1911 M-ilSdr»,! tcrsoten.) m Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a? i Ms er zwischen den Aeckern wieder zum Dorfe hinabstw'S, blinlte ihm das Licht aus der Studierstude des Pfarrers enVs gegen.„Bonn's der wisset." fuhr es ihm durch den Sinn. „Und wos er wohl sog'n mächt'?"{Jr, der ferner Annaliese eine so schone Öeicherteö' g'halten! Aber sollte auch er sich nichts dabei gedacht haben? Wirklich nichts? Einen Augen- blick war ihm, als müsse er jenem Lichte nach, das ihn rief— in den Fricdenskreis eines Menschen einzutreten, den alle ver- ehrten, alle liebten, weil er so schön überwunden hatte und ein wirklicher Hirte war. Ob der ihm nicht doch am End' das Rechte zu sagen wüßte? Jürh zauderte, überlegte. Doch ein feindseliges Miß- trauen kroch ihm plötzlich auch über dieses Gefühl hin: kalt, giftig, wie eine Schlange. Der hockte doch fortwährend über seinen Büchern, Tag und Nacht, jahrein, jahraus. War es möglich, daß mich er darüber nicht gescheiter geworden und doch ein Frommer geblieben, ewig zum Leiden, Dulden, Er- tragen mahnend? Was hätt' der ihm zu sagen gehabt? Nichts. Was ihm widerfahren lvar, mußte man erlebt haben, dann konnte, dann durfte man raten. Da wellte aber in jedem Dorf so ein armer Kerl hin, der das Leben nicht seh'n wollte oder nicht seh'n durfte. Das Leben, wie es wirklich war und sich ertragen oder— nicht ertragen ließ. Und vor dem mußte man alles ausbreiten, so man ein gläubiger Christ war, von dem alles annehmen,„an Gottes statt"! Nein, nein, das war Iürys Sache nicht mehr. Und et würde dem Pfarrer auch nichts mehr glauben, nicht einmal, daß sein Rat ehrlich war. Er ging vorüber. An einer Biegung des schinalen Steiges, der ins Dorf hinabführte, stand eine alte Bank. Ein ehemaliger Pfarrer hatte sie hierhersetzen lassen, weil man von der Stelle einen so hübschen Blick auf das Dorf hatte und ein bißchen ruhen konnte unterwegs. Auch Jiiry ließ sich zu kurzer Rast auf den morschen Sitz fallen, stemmte das Kinn auf bell aufgestützten Arm und sah ins Dorf hinunter. Still war's hier oben, totenstill, so still, daß man das leise Geplätscher des Brunnens hörte, den unten am Kreuzweg der heilige Florian lftitete. und das Gebrüll der Rinder aus den Ställen. Durch den Nebel hindurch blickten die dürftigeni Lichtlein des Dorfes: da eines, dort eines, ab und zu das lebhaftere Geflacker der Kienspan- fackeln aus den Stuben, in denen jetzt gesponnen und gescherzt wurde. Ein wundersamer Friede lag über dem allen und die weißen Nebelschwaden, die jeden Laut dämpften, jeden schär- feren Umriß verwischtew erhöhten noch diesen Schein wohliger Ruhe und warmen Geborgenseins. Auch Iürys Haus lag dort unten, auch ihm winkte ein heimatliches Licht. Aber wie ein Fremder sah er darauf nieder. Wie einer, der aus weiter, weiter Ferne kommt, nach langer, langer Zeit, sich wegmiide niedersetzt, irgendwo— alles wiedererkennt und doch fühlt,„das ist nicht mehr die Heimat, die du verloren hast!" Lange, lange saß tzüry so da, grübelte, sann, und die Nacht, die um ihn war. schien sich in seinem Antlitz noch düsterer zusammenzuziehen. Fremd erschien ihm plötzlich der Weg, den er so oft gegangen, fremd das Haus, auf dem die Schmach seines Kindes lastete, fremd die Menschen, fremd er sich selbst. Aber hinunter mußte er doch. Er erhob sich, stierte in das Dunkel hinein, begann endlich ganz hinabvy'tcigew: rascher, immer rascher, mit Schritten, deren Festigkeit und Härte fast gewaltsam in das tiefe Schweigen euibrach. Ob sie ahnten, wer jetzt herankam?. Leis' und tückisch laäche er in das Tumel hinein. 8. Sturm. Wenn der letzte Rehbock auf der Strecke lag, fuhr der gnädige Herr von Lorowitz nach Wien. War er aber fort, ging es auf Lorowitz noch einmal so herrisch und tmllknrnch gu. Denn der Mexikaner nahm das Heft in die Hand. Um) was sie von dem erwarten» dürfen, wußten die Bauern. Weshalb es seder so lang als tunlich vermied, während dieser Zeit) sich irgendeinen Handel anzufangench�i es mit dem Amtmann, dem Verwalter oder den Drabenl. oder' auch nur mit einem Bedienten» des herrschaftlichen Schlosses'Vuletzt natürlich mit dem Mexikaner. Ter saß nun einmal dringen- wie die Milbe j im.Käse. Keiner konnte ihm an. Er aber»ließ sich'» wohl- j geschehen iwd gab sein„Juditium" ab, ganz Itche es ihm ge- \ftel. Sollt' fä aber ein gnädige» Urteil werden, ü'uißte sich's der Bauer wach kosten lassen. Jury wußfte nicht, wie es kam. Aber wenn die Schmach und dr'n Tod seines Kindes dachte, sah er immer zuerst den„Mexvkaner" vor sich. Er hatte den„Zutreibe."" gemacht, seit der.Teufel ihn nach Lorowitz geführt; er sagkß' noch heute die„zu Prästierenden Arbeitert" an. Und so hatte er auch jene„Klauftung" angesagt. Das konnte sich Jury an den Fingern abzählan, ohne erst lange herumzufragcir. Aber freilich— berumzusrUgen begann er-doch auch; unauffällig. vorsichtig. Für die Amte lag es ja schließlich nahe, daß er immer ivieder auf sein e Annaliese zu sprechen kam, sich ihr Plötzliches Ende noch imv'wr nicht recht vorstellen konnte. So bekam er schön langsam ajies heraus. Von jener Begegnung» aus dem Friedhofe wußte nur Gott und er allein. Nicht einmal»einer Nesl gegemiSer war ihm ein Wort davon über die Lippen gekommen. Sollte er es sein, der die Schande der Tochter zuerst ruchbar machte? Genug, wenn der Virrou einmal zu schwätzet begann. Aber dem würde man nicht so schnell glauben. Er war. sein Feind — war der Feind der Herrschaft. Das hatte sich der alte Zuchthäusler wähl auch gesagt und bloß deshalb so lange gc- schwiegen. Ja, zuweilen kani sogar ihn ein Zweifel an. In jenen dunklen, ohnmächtigen Stunden, in denen ihm mar,«als tönn' er all dies fürchterliche Wissen nicht Möhr mit sich ällaiir herumschleppen, als müsse er zusammenbrechen unter der wuchtenden Last dieser Einsamkeit zwischen Gott und den MeNsiWr. Deshalb waren ihm auch die Sonntage jetzt geradezu entsetzlich. Während der Arbeit mußte man doch an dieS und jenes deirkeu, konnte seinem Weib und dem Gesinde gegenüber barsch tun, eben der Arbeit wegen. Das nahmen auch die andern hin«unter der Woch'n", dachten sich nichts dabei, suchten nichts dahinter. Aber diese endlos langen, müßigen Wintersonntage! Diese Stille um Haus und Hof, die ordent- lich nach einem Worte schrie— nach irgendeinem Plausch im Tämmer des Herdwinkels! Und nun gar der Gottes» dienst.... Wenn Jury auch aus seinem Gebetbuche schon lauge nur mehr seine eigenen Gedanken las— den Mut. seinen„Kirchen- stuhl" leer zu lassen, hatte er noch nicht gefunden. Und da kroch es immer wieder an ihn heran: mit den Worten des Evangeliums, dem Gesang der Gemeinde, dem Duft des Weihrauchs— lockte, rief, wollte ihn wieder schwach machen und feige. „Kehr' zurück, beichte, Gott wartet auf dich, Mnn dich auch alle andern verlassen!" Das war ein Kampf, den Jüry jeden Sonntag währeftd der Predigt und Messe miszukäntpfen hatte. Heiße, salzige Tränen waren ihm darüber ins Gebetbuch gefallen. Aber nein, nein! Was er seiner Annaliese versprochen hatte, das mußte er ihr auch halten, und wollte er es halten, mußte er ganz allein stch'n: ohne Trost, ohne Hoffnung, ohne Ver- zeibung. Sollte er sich ain Ende im Veichtsiuhl wcißmachen lassen, daß auch das eine—„Prüfung" gewesen? Einen solchen Gott hätte er ja hassen müssen! Da war es schon besser, er wußte einstweilen gar nichts von ihm. Sah nicht nach rechts, nicht nach links— damit er fein totes Kind um fo besser seh'n konnte. Wie man sie ihm damals ins Haus getragen: die nassen Vlondsträhne wie ein märckienhaftes Goldgespinnst über Brust und Hüsten hängend, die Augen ge- schlössen, krampfhaft geschlossen— wie um ein Letztes, Fürchterlichstes nicht zu sehen, die Lippen wie van einem Gc- schluchze verzogen, das niemand gehört.„Nicht einmal Gott!" sagte- sich Jüry. Und zu dem sollte er jetzt kommen, sich vor ihm verdemiitigen»— mit seinem abgrundtiefen,' schmach- besudelten Schmerze?„Nein, nein, nein!" schrie es in ieiner Seele. Sonst freilich tat er, was die andern taten. MS er eines TageZ in der Kirche saß. öffnete sich die Tür Birron trat ein. Die Bäuerin hantierte beim Herd. Nosala und die Magd waren'm Stall. Draußen schneite es »nächtig, und so wie all der Sllinee auf seinen schmutzigen Schafpelz gefallen, seine Füße durch all den Schnee gestapft waren, wer weiß schon wie lange— so kam Birron herein. Nach einem hämischen Blick auf den förmlich zusammen- ikrieckzenden Bauer ging er geradenwegs auf Resl los. „Gebt'S m'r wos z'esf'n!" Die Bäuerin war erst spi achlos— endlich flog ihr Blick zu ihrem Alten.. Wie— der saß da, sah das mit an und rührte sich nicht? Tie Galle lief ihr über. „Wonnst m'r no amol so eina kimmst, jauck' i' Di' mit'n Hund aussi!" Birron olinzte sie an, lächelte bloß.„Nocher paß' auf, wos D' vo mit mir aufsijauckst!" grinste er ihr ins Gesicht. Und ohne ein weiteres Wort abzuwarten� nahm er sich einen Tell&i- vom Brett und sehte sich an den Tifch, dem Bauer gegenüber. „Jüry"— schrie Res! auf—„und dös schaust' mit on?" Jüry erhob sich.„Loss'n gch'n," kam es tonlos von feinen Lippen.„Er Hot'leicht a por Täg nir Rechst's'gessen!" Resl jappte förmlich nach Atem. „Weg'n meiner konnst sitz'n bleib'n höhnte Birron dem Bauer nach.„Von Deiner Ehr' schneid' T D'r nix mehr ober!" An Jürys hoher Gestalt lief es wte ein Schauer nieder. Das durfte ein Zuchthäusler ihm jetzt sagen, und er— mußte sich's gefallen lassen! Denn dort stand sein Weib. Kind und Magd konnten jeden Augenblick eintreten und— und... von jenseits des Grabes winkte ihm eine blasse Ge> stalt, rang bittend die Hände und legte den todesstarren Finger an die Lippen. Ob er schweigen wollte! Und wenn ihm das Herz darüber brach. „'s is nit desweg'n," gab er mit bebender Stimme zu- rück.„I' hob' no im Keller z'toan!" Damit nahm er das Laternchen vom Haken und stopfte in den wirbelnden Schnee- stürm hinaus, der die Flocken dicht und kalt aus sein weißes Haupt legte. Zum erstenmal nicht mehr Herr im eigenen Hause! Und wenn er nun auch scineni Weib etwas sagte? Resls herrische Art mußte dem alten Landstreicher ja sofort verraten haben, daß sie noch nichts wußte, nichts ahnte. „Dös kimmt irht wia d'r Schnee," dachte der alte Mann, mit einem trostlosen Blick in das Getriebe der Flocken starrend.„Olleweil schärfer, olleweil dichter.. z'leht deckt's di zual" (Fortschnng folgt.)! l�änäer- und Völfccrnamcn. „Ehe das Baterrccht aufkam, gehörte das Land der Mutter, und aus diesen Urzuständen des Menschengeschlechts ist uns eine Vorstellung übrig geblieben, die direkt aus der Sprechweise de» Fetischismus stammt. In derselben, wird der Gegenstand, den die Gottheit bewohnt, einfach der letzteren gleichgesetzt, wie wir jetzt noch vom Heiligen Stuhl sprechen und Himmel für Gott sagen. Da nun die Erde die Ruhestätte der verewigten Mutter und der natürliche Sitz ihres Geistes war, so konnte man sie ohne weiteres Mutter Erde nennen— tatsächlich ist dies der Name der ältesten Gottheiten, zum Beispiel der norddeutschen Hertha oder der Nerthus, von Tacitus kurzweg als Terra Mater hingestellt. Im Anschluß daran wurde dann vermöge eines poetischen Bildes die Erde selbst als eine große Mutter aufgefaßt. Das Wort Vater- land ist jünger und beini Grundbesitz stehen gebliebem... Die natürliche Beschaffenheit dcS Bodens ist damit ganz gegen die staat- iiche zurückgetreten-..." Diese Erklärung niögc einen Begriff davon geben, wie Ru» d o l f K l c i n p a u l in seinem Büchlein über„Länder- und Völkernamen" lLeipzig 1910, Sammlung Göschen Nr. 478. geb. 89 Pf.) zu Werke geht. In scheinbar harmlos plauderndem Tone bietet er eine Fülle von interessanten Erklärungen über Entstehung und Bedeutung zahlloser geographischer Bezeichnungen. Nehmen wir einige heraus. Hebräisch stana heißt sich neigen, der niedrig gelegene Küsten- strich Palästinas also Kanaan. Die gleiche Bedeutung haben Be- Zeichnungen wie Niederlande oder ungarisch Alföld, dem im Deutschen häufig Bezeichnungen wie Afföllcr, Affolder it. ä. entsprechen; Nehrungen dagegen sind nicht Niederungen, sondern Land- engen, zwischen Meer und Lagunen, eigentlich Näherungen. Die Himmelsgegend hat in sehr vielen Fällen zur Be- Zeichnung von Ländern herhalten müssen. Morgenländer, d. h. im Osten liegende, gab es natürlich mehr als eines, je nach dem Wohnsitz derer, die jenen den Namen gaben. So haben wir Oester« »eich, Estland. Anatolien, Levante(fü' die Küsten Klcinasiens sowie Aeghptcn und Thrien) usw. zu verstehen. Zu den Abendländer« gehört der westliche Teil des alten Herzogtums Sachsen, der tt89 als Westfalen entstand. Einst gab es auch Ostfalen, Falen, sind Flachländer. Die Griechen nannten Italien natürlich das Abendland: Hesperien nach dem Hesperus, dem Abend, der auch dem Sterne den Namen gab. Ja, das ganze Europa ist eigentlich ein„Abendland". Das semitische Wort Ereb bedeutet Abend und Sonnenuntergang, die Griechen nahmen es als Ercbos(Dunkel) aus dem Phönizifchen, um ihre Unterwelt zu bezeichnen. Daraus wurde dann durch Volködcutung Europa:„die Europa, die von Zeus entführt wird, ist der Mond, der abnimmt und im Neumond sein Licht verliert; der Erdteil ist das Abendland, wo die Sonne untergeht". Jene Volksdeutung verwechselte den fremden Wort- stamm Ereb mit den griechischen Bestandteilen eurues(breit) und ops(Gesicht). Ucbrigens wird auch Arabien von Ereb(Abend) ab- geleitet, da diese Halbinsel westlich von den frübcsten Sitzen der semitischen Rasse liegt.— Australien hat seinen Namen vom latei- »ischen.Auster(Süden oder Südwind), das nicht mit dem nor» dischen Austr(Osten) zu verwechseln ist, obwohl beide Bezeichnun- gen auf verwandte Begriffe zurückgehen dürften. Bliebe der Norden. Norwegen ist eigentlich das„Land zu den Norwegen" lNormannen). Das Land selbst hieß ursprünglich Norwcg(Nord- land, denn Weg ist Land oder Gegend). Die Normannen kannten, ebenso ein Ost- und Westweg, d. h. Rußland und England. Auch das Somallaud bedeutet wohl Nordland, da arabisch Schema! die linke oder nördliche Seite bezeichnet, wie Jemen die rechte oder südliche. Hinter dem Norden liegt nach griechischer Geographie noch das Land der Hyperboreer, der Leute, die jenseits der Berge. wohnen, von denen der BorcaS. der Bergwind, weht. Die Verwendung der Fluß namen für die Benennung von Bezirken zeigt sich schon in der altdeutschen Ganverfassung, die Gaue bießen häufig nach Gewässen, wie heute noch Rhcingau, Fargau, Jlzga» usw. Auch später werden Provinzen, Kreise, Staaten aNcitthalben nach Flüssen genannt, wie Rheinprovinz, ReckarkreiS. Lippe, Kamerun, Senegal, Kentucky, Missouri, Arcansas usw. Das lehrreichste Kapitel Kleinpauls ist wohl jenes, da? uns zeigt, wie die Produkte der Landichaften zur Namengcbung dienen. Der Rio de la Plata(Tlata spanisch— Silber) ist der Silberfluß, Argentinien(Argenturn lateinisch= Silber) das Silberland. Von Nub, dem altägyplischen Ausdruck für Gold, kommt Nubicu. In Guinea liegt die Goldlüste, aus deren Ertrag die Engländer einst ihre Guinea prägten.— Unzählig sind die Länder- namen. die sich aus den W a l d r e i ch l n m beziehen. Holland wird zwar nicht Holzland sein, sondern eher das durch Deiche usw.„ge- bal:ene" Land. Holstein dagegen, eigentlich Holsten, ist daö Land der Holz- oder Waldsasien. Madeira, vom lateinischen tnatoria, heißt im Spanischen Holz, speziell Bauholz. Madeira, die Holzim'el, verdient diesen Namen allerdings seit 14l9 nicht mehr, wo die Waldungen durch Feuer ver- nichtet wurden. Vom gelbrolen Farbholz der Cäsalpinia echinata, das von den Spaniern mit der Brasa, der glühenden Kohle, ver- glichen wurde, hat Brasilien, das Rolholzland. seinen Namen. Nicht nur die natürliche Vegetation, auch die Kulturpflanzen können namengebend wirken. Man denke an die Pfefferküste. an Tnlunian in Argentinien, nach einer Palme benannt, deren Faser und Fruchtöl ausgebeutet werden, an Uiikatan, nach der eßbaren Juka gedeißen, usw.— Weiter kommen»och die Haustiere mit ihren Produkten in Frage. Der Name Italien bedeutet das Rinder- land, nach seinen Vituli, de» Kälbern, die im AlteNum berühmt waren, und Caprera ist die Ziegeninsel. Siam ist das Land des weißen Elefanten, Spanien wahrscheinlich das Kaninchenland, vom pböiiizischen Lapan.— Auffallende Naturmerkmale dienen natürlich auch zur Namengcbung. Island ist das EiSlaud. Feuerland und Sodom sind ungekähr dasselbe. Westfalen bat seine Bezeichnung Rote Erde von der Farbe seiner Eisenerze. Grönland ist allerdings nichts weniger als grün, der Ursprung deS Romens ist dunkel. Montenegro heißt das Land der schwarzen Berge, wobei schwarz aber ebenso wie beim Schwarzwald und beim schwarzen Meer soviel wie blau bedeutet. Albion geht auf albus(weiß), wegen der Kreide- fclsen im Kanal. DaS Rote Meer verdankt seinen Name» wohl den Korallcmiffen und der rötlichen Wüste, vielleicht auch dem Porphyr. Von jenen Ländern, die nach bestimmten P e r s o n e n benannt sind, können wir absehen. Ihre Zahl iit sehr groß, und Kleinpaul gibt eine ziemlich erschöpfende Auszählung davon. Bei der„Eni- deckilng" schon bewohnter und demnach meist auch bereit« benannter Länder sind zwei Fälle möglich:„entweder bilden die Entdecker für die Ureinwohner als solche einen Namen und nennen das Land danach. Oder sie übernehmen den Namen, den die E nwohner selbst haben, und machen daraus einen Namen für das Land." Die Einwohnerländernamen entstehen auf ver- schicdene Weise. Zunächst indem das Vorwort„zu" dem Volks- namen beigefügt wird. Tilly sagte noch: im Lande zu(den) Hessen gebe es große Schüsseln und wenig zu fressen. Die ein- fachste Zusammensetzung haben wir etwa im Worte„Deutschland" und zahlreichen anderen Ländernamen. Dänemark ist aber nicht das Land der Dänen, sondern die Mark(Grenze, Grenzland) gegen die Dänen, die Karl der Große zwischen Eider und Schlei gegen das nördlich der Eider, bei Schleswig, erbaute Dancwerk, einen Wall der Dänen, errichtete. Afghanistan ist das Land der Afghanen, da Land im Persischen durch Stan(eigentlich Standort, Stätte) tpiedcrgcgcbcn wird, das mit unserem Worte stehen zu- sammcnhangt. Durch Weglassung entstanden die dielen Länder- namen auf-e, und-e», die eigentlich Völkernamen sind, mit einem »Land zu den" oder„Land der"(Hessen z. B.) davor. Das Auf und Zlb der Sprache veranschaulicht dabei etwa Griechenland, das im Mittelalter schon einmal unter Weglassung des„Landes" ein- fach„Lt riechen" hieß. Der uralte Namen Persiens, Iran, be- deutet ursprünglich die Arier im vorderasiatischen Tafelland zwi- scheu Indus und Tigris. Nach dem tungusischen Stamme der Kitan, der ihnen einst zunächst wohnte, sagen die Russen für China: Kitai; auch Marco Polo und das ganze Mittelalter sprechen von Kathai.„Der Name China gehört denen an, die das Land auf dem südlichen Seewege erreichten."— Die„Ableitung", mit der man auf die gründlichste Weise Ländernamen aus Völker- namen erzeugt, ist im Deutschen wegen der fehlenden Ableitungs- formen nicht möglich. Solche Silben sind den alten Sprachen eigemümlich:-ia und-ika. Beide sind adjektivisch, das heisst sie machen das Hauptwort zum Eigenschaftswort, wobei dann ein Wort in der Bedeutung von Erde oder Land zu ergänzen ist. Ftalia. Gallia, Pcrsia usw. sind so entstanden, und wir haben dieie Be- Zeichnungen übernommen, indem wir nur das-ia in-ie abschwächen und cin'n anhängen, wobei der Einflub unserer Verkleinertnigssilbe -che» mitspricht. Neben der alten Form-ia mit kurzem i gibt es eine jüngere mit langem und betontem i. Die Italiener sagen da- nach z. B. Lombardia. Auch das haben wir nachgemacht, wobei das ic, wie sonst auch(man denke an Melodie und Melodei), zu ei wurde: Lombardei. Türkei. Die andere Silbe,-ika. finden wir z. B. in Afrika und Korsika.— Zu erwähnen ist noch die bekannte Uebertragung der Einwohnerfarbe auf das Land, wie beim .dunklen Erdteil' oder dem„gelben Orient". (Schluss folgt.) Ein Deister der erzichungskunft. Am 31. Oktober sind hundert Jahre verflossen, seit Christian Gotthilf Salzmann als Leiter der von ihm begründeten, noch heute blühenden Erziehungsanstalt Schnepfen- thal bei Gotha das Zeitliche segnete, und in ihm ein Meister der Erziehungskunst dahinging, dessen Ideen, Lehren und Taten noch heute unveraltet sind, ja gerade in unseren Zeiten eine be- sondere Aktualität besitzen. Salzmann ist der würdigste und tüch- tigste Vertreter jener grossen philantropinistischen Bewegung, die durch Rousseaus pädagogischen Roman„Emile" hervorgerufen wurde und in Deutschland eine Umwälzung der ganzen Erziehungsmethode hervorrief. Was diese pädagogischen Stürmer und Dränger, die das Geniewesen der jungen Literatur in die Schule übertrugen, erstrebten und predigten, daS lässt sich in dem grossen Schlagwort der Zeit„Rückkehr zur Natur" zusammenfassen. Nicht durch Ein- bläuen und Eindrillen von Kenntnissen wird wahre Bildung dem Menschen aufgezwungen, sondern von innen heraus muss in dem Kinde die Blüte der Zucht erstehen, im gesunden Körper ein gc- sunder Geist sich frei zu hoher Menschlichkeit entfalten.„Der Schul- stäub liegt seit Jahrhunderten I" so rief der Führer der neuen Bewegung, Basedow,„Jung und Alt, was darin wandeln und atmen mutz, wird krank im Gehirn. Erbarmt Euch, Freunde, der Frühlingsjahre l"� Und triumphierend verkündete er: ,.O. wohl Dir, Du liebe Nachwelt! Du lernst Latein ohne Rute und Stock!" Zur Verwirklichung dieser Ideale ward nun 1774 von Basedow das erste Philantropin zu Dessau begründet,„eine Schule der Menschenfreundlichkeit und guter Kenntnisse für Lernende und junge Lehrer", in der die Schüler alles spielend lernen sollten, wie der Schöpfer der Methode in dem berühmten ersten Examen den staunenden Schulmeistern und Eltern zeigte. Da gabs ein Buch- st a b e n s p i e l, bei dem man Lesen und Schreiben lernte, ein Kommandier- und Versteckspiel fürs Lateinische usw. Den Kindern war endlich das Evangelium gebracht: Das Lernen wurde ihnen zum Vergnügen, und Spiel im Freien und in der Schulstube war ihre Arbeit. Aber Basedow war nicht der Mann, mit seiner phan- tastischen Zügellosigkeit und schrullenhaften Extravaganz die von ihm geschaffene Reform praktisch durchzuführen. Dies Verdienst gebührt Salzmann, der nach dem Vorbild der Dcssauer Schule ein Philantropin in Schnepfenthal errichtete und hier wirk- lich eine Musteranstalt schuf. Während die anderen Philantropine, die zunächst wie Pilze aus der Erde schössen, früher oder später wieder eingehen, besteht dies Institut noch heute und erfreut sich der Anerkennung der ganzen pädagogischen Welt. SalzmannS Grösse bestand darin, datz er nicht nur in patheti- scher Vielschreiberei ein fernes Idealbild der wahren Erziehung malte, sondern die Axt an die Wurzel alles Ucbels legte und mit der Reform bei den Erziehern selb st anfing.„Der Er- ziehcr soll, wenn ihm etwas nicht glückt, die Ursache dafür stets zunächst in sich selbst suchen," diese Maxime hat er zur Grundlage seines„Amcisenbüchleins" von 180t>, einer„Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher", gemacht. Nicht in den staatlich organisierten Lehrerseminaren werde der rechte Erzieher erzogen, sondern er müsse seine Persönlichkeit aus sich selbst her- ausbilden. Wie ein Gärtner all seine Pflänzlein, so muss er das Wesen der Kindesnatur kennen, alles Verkehrte und Schlechte in detz.Art des Zöglings ist nur ein Echo und Spicgelbijtz der Fehler des Lehrers. Die hohe Aufgabe des Erziehers, das Kind zum Mcn- schen zu bilden durch Entwickelung und Uebung der jugendlichen Kräfte, kann nur geleistet werden, wenn der Erzieher selbst lörper- lich und geistig voxbudlich erzogen ist. Was hier Salzmann fordert. verkörperte er selbst in hohem Masse. Seine Erfolge hat er hauptsächlich durch die straffe Durchbildung seiner Persönlichkeit, durch strenge Selbstzucht und Selbstverleugnung erlangt. Alle Momente. deren Wichtigkeit für die Schule man heute wieder erkannt, waren in Schnepscnthal berücksichtigt. Zunächst der Segen der Familie. Die Kinder waren alle in einen grossen Familienkreis aufgenom- men, in dem Salzrtann selbst mit seinem Sohne Karl, seinen Schwiegersöhnen und Töchtern väterlich waltete. Jeder Zögling ward vor allem in dem unterrichtet, wozu er Anlagen hatte und was sein künftiger Beruf forderte. Besonders aber ward die körper- liche Ausbildung und physische Abhärtung betont: Sport und Spiel. Turnen und Gymnastik sind zuerst systematisch in Schnepfenthal ge- übt worden. Salzmanns Ideen fanden einen trefflichen Vertreter in Joh. Christ. Guts Muths, dem„Gross- und Erzvater der Turn- kunst in Deutschland", wie ihn Jahn genannt hat, der in Schnepfen- thal das erste deutsche Turn- und das klassische Spielbuch schrieb. So ist die Anstalt zur Wiege unserer Turnkunst geworden. Die Knaben erhielten eine harmonisch leiblich-sinnliche und geistlich- sittliche Erziehung, in der sie zu tüchtigen Menschen heranwuchsen. Gleich der erste Zögling, der in Schnepfenthal Aufnahme fand, ist später der berühmte Geograph Karl Ritter geworden. Seine all- gemeinen Anschauungen über Kindererziehung hat Salzmann in einer Reihe von Schriften niedergelegt, die auch heute noch gelesen und beachtet werden. Zunächst gab er in seinem 1780 erschienenen „Kresbüchlcin oder Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder" ein Gegenbild, in dem alle pädagogischen Fehler und besonders die Sünden der Eltern bei er Erziehung der Kinder gezeichnet wurden. Das leuchtende Beispiel einer guten Erziehung stellte er dann in seiner didaktischen Erzählung„Konrad Kiefer" auf. Salzmann hat eine ganze Reihe pädagogischer Ro- m a n e geschrieben, die in einer höchst naturalistischen Weise, in nüchtern trockener Grobheit, Laster und Elend malen, um ab- schreckend zu wirken. Sein bekanntestes derartiges Buch ist„Karl von Karlsberg oder über das menschliche Elend", eine Schilderung der Abgründe und Verirrungcn innerhalb der menschlichen Ge- sellschaft, die selbst unserem durch Zola abgehärteten Sinn allzu gewagt erscheint. Tie Temen Goethe-Schillers sprachen denn auch „dem berühmten Verfasser des menschlichen Elends" die Belohnung zu,„sich in der Charite gratis verköstigt zu sehen". Aber nicht in solchen Schriften, sondern in seinen Taten liegen die großen Ver- dienste dieses Meisters der Erziehungskunst. Die Geographie der Revolutions- Provinzen in China. Die Scheidung des eigentlichen China in einen nordlichen und in einen südlichen Teil ist in jeder geographischen Beziehung ausser- ordentlich scharf. Aus Jnnerasicn erstreckt sich als eine einzelne Kette des in Tibet eine ungeheure Breite einnehmenden Kwenlun- systems ein Gebirgsricgel quer nach China hinein und bildet bis weit nach Osten hin, wo er gegen die Grosse Ebene abbricht, eine Scheide zwischen Nord und Süd, die nicht nur für Bodenart und Klima, sondern auch für die Bevölkerung und ihre gesamte Betäti- gung in Landwirtschaft, Handel, Verkehr usw. massgebend ist. Es ist daher selbstverständlich, daß diese Gebirgögrenze des sogenannten Tsinlingschan auch für den Verlauf der chinesischen Reichsgeschichte vielfach bestimmend gewesen ist. Aus dieser scharfen durch die na- türliche Bodengestaltung bedingten Scheidung ist es auch zu er- klären, datz bei der Entwickelung der jüngsten chinesischen Auf- standsbcwcgung von der Begründung eines südchinesischen Staatenbundes im Gegensatz zu Nordchinn gesprochen worden ist. Inner- halb des eigentlichen China ist das südliche China weit grösser als das nördliche. Das Verhältnis steht ungefähr auf 2,6 zu 1,4 Mil- lioncn Quadratkilometern. Südchina ist also fast doppelt so gross als Nordchina. Auf die Dauer würde sich aber eine solche Tren- nung überhaupt kaum aufrechterhalten lassen, weil beide Gebiete in der Grossen Ebene, dem gemeinschaftlichen Mündungsgebiet des Jangtsckiang und des Gelben Flusses ineinander übergehen. Da nun diese Ebene trotz ihrer häufigen und grossen Uebcrschwcm- mungsgefahren den denkbar fruchtbarsten Boden besitzen, so würde sich gerade um diesen Teil des Landes bei einer Zersplitterung des Reiches ein Kampf fast mit Notwendigkeit ergeben. Weiter im Westen liegen sich das südliche und das nördliche China zu beiden Seiten des Tsinlinggebirges wie zwei verschiedene Welten gegen- über. Deshalb ist es die wichtigste Frage in der Entwickelung der revolutionären Bewegung, ob sie über diesen Gebirgswall nach Nordchina hinausgreist und ob sie weiter östlich ins Gebiet der Grossen Ebene vordringt. Erst damit würde die Lebenssphäre der Mandschudynastie in ihrer Kernzone bedroht werden. Das scheint nun nach den letzten Nachrichten in der Tat der Fall zu sein, wenn es sich bewahrheitet, datz die Aufständischen auch bereits die Hauptstädte der Provinzen Hönau und Scheust erobert haben. Jene, die Stadt Ltaijöng, liegt am Westrande der Grossen Ebene in dieser 844 selbst, wahrend diese, die altehrwürdige Kaiserstadt Gingan, schon nördlich des TsinlinggebirgeS im Weizenlande des HwaiflusseS ge- legen ist. Borläufig wird es tro�dem angemessen sein, die Provinzen von Südckina, in denen die Revolution ibren Ausgang genommen und ihren stärksten Sitz aufgeschlagen hat, besonders ins Auge zu fassen Die westlichste von ihnen, gleichzeitig die größte des ganzen Reiches Sz'tschwan, an Flächenranm dem ganzen Deutschen Reich noch wesentlich überlegen, ist gegen-die übrigen Provinzen ziemlich ab- geschloffen und hat daher auch am längsten ihre Selbständigkeit gegenüber den chinesischen Kaisern bewahrt. Der westliche Teil der Provinz wird von hohen Gebirgen eingenommen, die als ein Vor- land von Tibet zu betrachten sind und auch schon in der Bevölkerung Verwandtschaftsverhältnisse zu diesem innerasiatischcn Hochland aufweisend Die Chinesen haben sich hier bisher immer nur einiger Tallandschaften bemächtigen können. Der östliche Teil von Sz'tschwan wird von dem Roten Becken eingcnonimen, das seinen Namen von dem größten wissenschaftlichen Chinaforscher Ferdinand von Nichthofcn nach der Farbe der fast das ganze Gebiet erfüllenden roten Sandsteine erhalten hat. Dies Becken ist zwar keine Tief- ebene, aber doch nur von mäßigen Gebirgswcllen durchzogen und kann auf seinem fruchtbaren Boden eine starke Bevölkerung er- nähren. Die Hauptstadt Tschöngtu, am Nordwcstrande dieses Beckens innerhalb einer Tiefebene von unbeschreiblicher Fruchtbar- kctt gelegen, wird von Kennern als die schönste, prächtigste und ge- schmackvollstc Großstadt Chinas bezeichnet. Diese Provinz, die sich selbst ernährt, aber wegen der dichten Besicdelung keine Erzeug- nisse auszuführen vermag, wäre am ehesten dazu berufen gewesen, sich zu einer Selbständigkeit gegen das übrige Reich zu erheben, ohne daß daraus eine besondere Gefahr für die anderen Teile cnt- standen wäre. Wesentlich anders liegen die Verhältnisse in den Provinzen Hunan un-d Hupe, die auch unter dem Namen Hukwang zusammengefaßt Werder. Die Namen dieser-Provinzen bedeuten, daß sie nördlich und südlich von einem See lHu), nämlich dem Tungtingfcc, gelegen sind. Um diesen See dehnt fich eine gewaltige Ebene aus, in der das Tiefland des mittleren Jangtsckiang mit dem seines großen Ncbenstromes, des Hankiang, zusammenfließt. Diese Ebene von Hukwang ist viel enger mit dem übrigen China der- bunden, als das randlich gelegene Szstschwan, und zwar bildet sie das eigentliche Herz von China, wo auch rechtmäßig die Reichs- Hauptstadt liegen müßte. Nur die Rücksicht auf die Beherrschung der Mandschurei, der Mongolei und des Tarimbeckens hat die Wahl und Beibehaltung von Peking als Sitz der Zentralregicrung ge- rechtfertigt. Wie sehr die Ebene von Hukwang zur Rolle eines Brennpunktes aller Interessen in China berufen ist. zeigt am besten die EntWickelung von Hankau. das sich durch seine Lage an-der Mün- dung des Hankiang in den Jangtsckiang und durch seine verhält- nismäßig leichten Verbindungen nach allen anderen Teilen Chinas zum größten Binnenhandelspiatz des Reiches und einem der wich- tigsten der ganzen Erde aufgeschwungen hat. Die Bevölkerung von Hupe ist im allgemeinen friedlich, dagegen die von Hunan der fast einzige Vertreter eines wirklich kriegerischen Geistes unter den Chinesen. Die Hunanescn sind seit Jahrhunderten die besten und am meisten bevorzugten Soldaten Chinas gewesen. Die beiden sftd- lichsten Provinzen Kwar.gsi und Kwangtung, die stets ein besonders unruhiges Element gebildet haben, würden sicher am ehesten mit einer Lostrcnnung von der Mandschuherrschaft einverstanden sein. Die östlich an Hunan grenzende Provinz Kwangfi ist wieder ein Ländchcn für fich. hat aber durch seine Berührung mit dem Groß- verkehrsweae des Jangtse soviel Verbindungen, namentlich mit Hukwang. daß ihr Anschluß an die Rebellion nicht zu verwundern wäre. Eine sehr bedeuTame Frage würde nun noch sein, ob es der Revolution auch gelingen wird, die großenteils mohammedanische Bevölkerung der westlickwn Grcnzprovinzen zur Teilnahme zu be- wegen. Diese Mohammedaner sind stets zu Revolutionen geneigt gewesen, in einer solchen Richtung aber bisher immer nur selb- stäsdig vorgegangen._ Zur Snrftekung des Großgriindbefitzcs in den örtlichen Provinzen preußens. Jetzt wo die Junker, gewitzigt durch Wahinöle, den Bauern- fang en gros betreiben, ist es von doppeltem Interesse, einen Blick auf die Metboden zu werfen, durch die im Anfang des vorigen Jahrhunderts das Fundament zur junkerlichen Macht und Herr- lichkeit gelegt und befestigt wurde. An der Hand von umfassenden Attenstadien gibt uns Dr. Hermann Mauer im Halbjahrshefte der»Forschungen zur brandcnburgischen und preußischen Geschichte" eine kleine Studie über..das Schicksal der erledigten Bauern- Höfe in den östlichen Provinzen Preußens zur Zeit der Bauern- lbefreiung", die in ihrer reinen Sachlichkeit einen wertvollen Bei- trag zur Natur- und Entstehungsgeschichte des preußischen Junker- ckums bildet. hatten im hohen Grade zur Entstehung der sogenannten»wuffön Baucrnstcllen" beigetragen. Aus militärischen und fiskalischen Gründen sorgte die Regierung Friedrichs II. anfänglich dafür, daß diese Stellen nicht lange unerledigt blieben, sondern durch neue Ansiedler besetzt wurden. Das Bild begann�sich jedoch allmählich zu ändern, als nicfii mehr die bäuerlichen Dienste, die dank der Entstehung des besitzlosen Proletariats nach und nach durch Lohn- arbeit ersetzt werden tonnten, sondern das bäuerliche Land selbst zum Odsekt der junkerlichen Begehrlichkeit wurde. DaS Junker- tum stürzte sich in einen verzweifelten Kampf gegen den gefetz- lichen Bauernschutz und siegte auf der ganzen Linie. Schon gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurden mehrere Fälle bekannt, wo die erledigten Bauerngüter von der Gutsherrfchaft ohne weiteres in Kultur genommen wurden. Nach der Schätzung des Verfassers dürfte fich die Zahl der vor 180S eingezogenen Bauernstcllen auf etwa 1000 belaufen. Die Re- gierung sanktionierte dieses Vorgehen, indem sie 18t>8 den Guts- Herren das Rechl verlieh, unter gewissen Bedingungen einen Teil des wüsten Bauernlandes zu den Vorwerken zu schlagen. Eine treffliche Illustration findet diese Maßnahme in dem Urteil des landwirtschaftlichen Kreistages zu Jnsierburg von 1809, der sich dahin aussprach, daß es wohl nicht angängig sei, den Gutsbesitzern die unbedingte DiSpofftion über das Bauerniand zu geben,„weil sonst viele Gutsbesitzer besonders in guten Ländereien ihre Bauern vertreiben, deren Höfe eingehen lassen und die Aeckcr zu den Gutsvorwerkcn einziehen würden". Daß es nicht überall so kam, ist nach der Bemerkung des Verfassers lediglich darauf zurückzu- führen, daß die in der damaligen Zeit herrschende Geld- und Ltredirkalamität es zahlreichen Gutsbesitzern unmöglich machte, die für die Errichtung von Vorwerken oder deren Vergrößerung notwendigen Mittel auszubringen. Daß das Junkernrm trotzdem nicht müßig geblieben ist kann man schon aus der Tatsache er- sehen, daß in den Jahren 1806— 1815 nicht weniger als 3000 Baucrnstellen zu den Rittergütern geschlagen wurden. Das Jahr 1816 brachte insofern eine neue Wendung in diese Expansionsbewegung des Junkertums, als durch die bekannte De- klaration vom 14. September 1816 die letzten Reste der formalen Beschränkungen beim Einziehen der Bauerngüter beseitigt wurden. Ein äußerst wichtiger Punkt dieser Deklaration gestattet nicht nur die Einziehung der in den Kricgsjahren wüst gewordenen Bauern- stellen, sondern auch solcher Güter, die in Zukunft dem Gutsherrn anheimfallen würden. Die Jagd nach diesen nicht erblichen Bauernstcllen wurde von den Junkern mit wahrer Leidenschaft betrieben. Die Landratsberichte für Ostpreußen stellen fest, daß im Jahre 1818 bereits ein Fünftel der überhaupt in Betracht kommenden Stellen zu den Gütern eingezogen war. Es seien hier besonders krasse Beispiele junkerlicher Skrupellosigkcit angeführt. Es wurden eingezogen bis Ende der zwanziger Jahre in Ost- Preußen: bei Schönvaum von 10 erledigten Baucrnstellen 7, bei Wider 20 von 34, bei Kraftßhagen 9 von 17, bei Schöllbruch 18 von 29. Aehnlich geht es in Westprcußen zu. Ein Kapitel für sich bildet der Klassenkampf des Junkertums in dem Großhcrzogtum Posen. Hier suchte die Regierung- wohl aus Gründen der nationalen Politik die Vermindcrmig des Bauern- standcS nach Möglichkeit zu verhindern und untersagte durch könig- liche Verordnung vom 6. Mai 1819 das Einziehen erledigter Bauernhöfe. Aber das königSlreue Junkertum pfiff auf alle Vcr- ordnungen und fetzte in Posen sein Treiben ebenso lustig fort wie in den übrigen preußischen Provinzen. Geradezu groteske Formen nahm der junkerliche Klassenkampf an, als 1823 das Re- gulierungsgesetz die Wicderbesetzung erledigter Stellen binnen Jahresfrist verlangte. Die biederen Ritter suchten für diesen Zweck allerhand Strohmänner zu gewinnen. Viele Gutsbesitzer übergaben die erledigten Höfe ihren minderjährigen Kindern. sonstigen Verwandten, WirtschaftSbcamten und Schreibern. Ein Spezialkommiffar berichtet im Jahre 1831. daß ein Gutsbesitzer einen Bauernhof auf den Namen deö jugendlicbcn Prinzen Rad- ziwill habe eintragen lassen und einen zweiten auf den seines einjährigen Sohnes. Ein anderer Gutsbesitzer erklärte, daß er die betreffende vouernstclle seinem Vater— einem Geheimen Kriegsrat— übertragen habe. Diesen und ähnlichen Praktiken erlag schließlich die Staatsregierung. Durch die Kabinettsorder vom 1. August 1842 wurde gestattet, die erledigten Güter mit Personen nicht bäuerlichen Standes zu besetzen, und man ließ auch im allgemeinen den Wiederdcfotzungszwang in der Provinz Posen fallen. Di« Ergebnisse seiner Untersuchung faßt der Verfasser zu folgendem Schlüsse zusammen: Man erhält kein richtiges Bild von den in der ersten Hälfte des 19. Hahrhunderts im östlichen Preußen stattgehabten Griindbcfitzverschicbungen, wenn man nur die von der amllichen Statistik erfaßten Veränderungen der spann- stihigen bäuerlichen Stellen berücksichtigt. Den 7—8000 spann- ähigeii Bauernslellen, die zwischen 1816 und 1859 von Ritterguts- icsrtzcrn angekauft worden sind, steht sicher die doppelte Zahl nicht- pannfähigcr Nahrungen gegenüber, die auf dem Wege der Ein- ziehung zu Gutsland geworden find. Diese Feststellung dürfte für die Frage, inwieweit die großen Güter des Ostens ihre Eni- | stehung erst der neueren Zeit verdanken, recht wesentlich fein. Uns _ Die Greuel der fridcrizianischen Kriege, die großen Opfer an laber dünkt sie auch wesentlich genug, um die Stellung des Junker- Hab und Leben, die sie vornehmlich den Bauern auferlegten, I tuMS zu den Bauerninderesscn so recht ins helle Licht zu rücken. Kerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtsBl.'chdruckereiu.VcrlagSanstaltPaulS>ngerz:Co..BerlinL1V.