Nnterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 213. Donnerstag den 2. November. 1911 (Nachdruck«tcoun.J 45] Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i e, Birron trat noch tiefer in die Küche zurück: suchte förmlich Schutz in der Dämmerung, die sich aus dem Herdwinkel lang- sam über den niederen Raum zu verbreiten begann.„Der Pfoff Wootz oll's!" fuhr es ihm durch den Sinn. Aber das Wort wurde ihm wieder feige, mitten in der Kehle.„Wohl — tat's an'm schon!" stietz er heiser hervor. „So tut Ihr desgleichen," nickte der Pfarrer,„irgend- wie..." Wieder versuchte Birron aufzulachen. Aber, es war cnt- fehlich... der helle Mick fand ihn auch da. hielt ihn fest, fpietzte ihn förmlich an das dunkle Gewissen, das sich wie eine verwundete Bestie in seiner Seele zu krümmen begann. Endlich fand er doch ein Wort:„'n irder tuat, wos er konn, Hochwürd'n. Und mehr darf a unser Herrgott uit ver- longa von an'm... Sunst brauchet er so dös oll's nit erst g�scheh'n loss'n!" Den ruppigen Kopf zwischen den Schultern, stietz er es hervor, und seine Blicke züngelten zur Seite wie giftiges Gewürm, das nach einem Ausweg sucht. Sollte er mit dem Pfasfen am End' noch fromme Reden tauschen? Sich durch ein paar salbungsvolle Worte von dem Tisch drängen lassen, den ihm die Angst deckte, von dem Schauplatz hinweg- stotzen, an dem sein Hätz sich satt atz? War er dafür— der Birron? Wieder lachte es in ihm auf. Aber seltsam! Dem Blick des„Pfaffen" konnte er noch immer nicht standhalten. Und nun lächelte der„Pfaff" gar. lächelte ihn an, mit einer leisen, heimlichen Gewißheit, die weher tat als das schlimmste Wort, das er ihm geben konnte. „So... meint Ihr!" nickte Cyrill Weitz.„Wenn Gott aber nun manchen blotz darum ein letztesmal— zu Tisch lietze, um zum letztenmal zu seh'n, woran er sich satt itzt: ob am Miten oder— am Bösen? Um ihm danach auch drüben ein- mal den— Tisch zu decken? Habt Ihr darüber noch nie nach- gedacht, Birron? An eben diesem Tische?" „Oll's woaß er," dachte Birron.„Oll's und no mehrl Ober zwinga— zwinga lotz i mi detztweg'n do nit." Ein wildes Geleucht glomm in feinem Blick auf, die Zähne knirschten leise aneinander. Er Mutzte, daß er alles verloren hatte— hüben und drüben, alles verlieren müsse, um feines Hasses willen. Aber dieser Hätz war das einzige, was er be- fatz. Diesen Hätz liebte er. In Schande und Verzweiflung hatten sie ihn gejagt, um dieses Hasses willen. Nun brachte er ihnen Schande und Verzweiflung zurück mit seinem Hätz! Wer hatte ihm verziehen? Und dann... wohin er auch blicken mochte, da war keine ruhige Stätte mehr für seinen Unfrieden, kein Glück, darin zu rasten und zu vergessen. Und seltsam: gerade so, wie sein Leben geworden— gerade fo liebte er eS jetzt! Die Menschen fürchteten sich vor ihm— nun hatte auch Gott um ihn vergeblich geworben. War er wirklich so stark? Er allein? Oder war das immer so, ivenn man sich einmal aus Gott und den Menschen nichts mehr machte? Er wutzt« es nicht. Auch war das Denken nie seine Sache gewesen. Blotz die Zähne hatte er der Welt bis heute gezeigt und ihr damit Respekt eingejagt. So wollte er es auch weiter halten. Mehr brauchte er jetzt nicht! Und plötzlich kam das Gefühl einer geheimnisvollen Kraft über ihn. einer lachenden Ueber- legenheit, die ihre Stärke und ihren Mut aus Empfindungen holte, von denen die anderen noch keine Ahnung hatten. Eine plötzliche Sehnsucht nach der Freikeit, die er bis heute ge- nossei»... die Sehnsucht eines wilden Tieres, die ettvas von der dunklen Gewalt der Brunst in sich hat. Seine Finger krampsten sich um den Knotenstock zu- sammen, in seinem Blick flackerte ein grünlicher Schein auf. „Ich weitz nicht, was geschieht, wenn Du mir jetzt den Weg vertrittst..." Er sprach es nicht aus. Blotz seine Augen drohten es mit dem ersten, trotzigen Blick, mit dem er dem Pfarrer standhielt. Und Cyrill Weitz wich unwillkürlich zurück, als er so an ihm vorüberging: sicher waitdelnd im Ge- ruch des Blutes, das er vergossen. �.... Tumps und schiver fiel hinter ihm die Tür ins schloß. „O Hochwürd'n," schluchzte Resl auf.„Es wor so guat g'moant... obei..." Sie verbarg ihr Gesicht in der Schürze. In diesem Augenblick trat Jury aus der Stube. Er hatte alles niitangehört. Nun lag ihm ein doppelter Alp auf der Seele: die Angst, datz der gereizte Mitwisser nun vielleicht reden werde von der Schande seines Hauses! Oder— hatte er schon gesprochen, irgendwie, irgendwo? Warum kam der Pfarrer plötzlich daher und brauchte Worte, die auch schon ein halbes Wissen waren? „Kütz d' Hond. Hochwürd'n," murmelte er verlegen,„döS is a seltene Ehr'..." Er öffnete die Tür. um den Pfarrer eintreten zu lassen.„Du bleibst drautzt," herrschte er Resl an, die Miene machte, mitemzutreten. „Ober a Liacht muatz i do onziind'n," meinte Resl un- schlüssig. „Liacht...!" Er sah sie bloß an und diesen Blick bis zuletzt aus sie gerichtet, schloß er ihr die Tür vor der Nase zu. Die Bäuerin seufzte auf und kroch wieder in ihren Herd» winkel zurück. Licht! Er hatte ja recht! Das, was jetzt bei ihnen daheim beredet ivurde, sprach man besser ins Dunkel hinein. „Ihr habt da einen seltsamen Besuch gehabt," sagte der Pfarrer, nachdem er sich niedergelassen. „Jo," erwiderte Jüry, während sein Blick durch das Fenster auf die Straße hinausfliichiete,„wos an'm unser Herrgott holt schickt, Hochwürd'n." „Er kommt also— öfter?" Jürys breite Brust hob und senkte sich. Wie ein Kampf war es gegen die unerträgliche Last des Schweigens, das ihm wie ein glotzäugiges Ungeheuer auf dem Herzen hockte, Tag und Nacht und Nacht und Tag... und noch gehegt und be» wahrt sein wollte! Aber— es mutzte wohl stärker sein als Jürys Kraft und guter Wille, so stark, datz er es mit keinem Wort inehr von der Seele wälzen konnte. Ein inniges Mitleid anoll in dein Herzen des Priesters auf. Aber er belzerrschte sich. Das Wort, das der Aermste nicht fand, er mußte es ihm aus die Lippen legen, damit diese gepreßte Seele endlich, endlich einmal aufatmen könne. Cyrill Weitz wußte, datz Hüry bisher ein frommer Christ gewesen: fromm und gottergeben. Aber er kannte auch den Stolz des Mannes. Fast ein halbes Menschenalter hindurch tvar Iüry Ortsrichter gewesen, von allen verehrt, aber auch gefürchter. Und dieser Stolz war es, der nun die Schmach seines Hauses hütete: sich lieber von einem Mörder knechten ließ, als von dem Mitleid der anderen erniedrigen. Da hieß es vorsichtig sein. Ganz leise, fast ehrfürchtig an die Pforten des Schweigens pochen, hinter dem sich diese kranke Mannesseele verkrochen. Cyrill Weitz war nicht umsonst so lang im Beichtstuhl gesessen. Er wußte zu gut, datz die menschliche Scham gar viele Antlitze hat. Und das keuscheste, das rührendste unter allen trug der gebrochene Stolz einer Mannesseele. Wie um dem Augenblick einen Anschein von Behagen zu geben, zog der Pfarrer seine silberne Schnupftabakdose und reichte sie dem Bauer hin:„Eine Prise, Iilly-Vetter? Ja, und was ich noch sagen wollte, weg'n des des Birron...." Er sah weg, tat, als merke er nicht, wie die Finger erzitterten, die soeben den Tabak faßten.„Es macht Eurem Christen- herzen nur alle Ehre, datz Ihr das mit dem Birron so nehmt." Jüry senkte das Haupt, und deutlich merkte der Pfarrer, daß es nicht blotz des Schnupftabaks halber geschah. Der Blick des Bauern war rasch und argwöhnisch über sein Antlitz geglitten. Als wolle er sich die Beruhigung verschaffen, wie- viel der andere etwa wisse, und ob das, was er scheinbar harm- los gesagt, auch wirklich so gemeint war. Nun lag sein Blick wieder fest auf der Erde, und während er den Tabak langsam nr die Nüstern zog. sprach er, gleichsam aufhorchend:„Wie sollt' i's denn nehma, Hochwürd'n?" „Nun," erwiderte Cyrill Weiß,„ich meine, jeder andere wäre vielleicht etwas— vorsichtiger im Verkehr mit dem Birron. als-- als Ihr! Jemand, der so lang' im Zuchthaus gesessen, hat sich alle möglichen Kniffe angeeignet, von denen Ihr. lieber Vetter, in Eurer schlichten Ehrlichkeit Euch gar nichts träumen lasset." Im Antlitz Jürys zuckte etivas auf. wie ein letzter. schwacher Hoffnungsstrahl war es. der über einen Abgrund dunkler Traurigkeit hinglitt und dem Antlitz des alten Mannes für den Augenblick einen Ausdruck verlieb, der etwas von der rührenden Freude eines Kindes hatte. Aber— der Stolz, der sein Geheimnis hütete, wich auch jetzt nicht von seinem Posten, und die Frage, hinter der sich seine Freude ver- barg, wahrte noch immer die Vorsicht. „Wos— wos kunnt' er mir denn toan?" Cyrill Weiß holte sich jetzt selbst eine Prise, bloß um den Blick abzuwenden. So tief ergriff ihn die Scham des Alten. der für sein Kind so Unsägliches litt. Auch wollte er in keiner Weise das Vertrauen verscheuchen, das er aus dieser Frage auf sich zukonimen sah: leise, kaum fühlbar, wie in der scheuen Art eines Wildes. „Nur jetzt das rechte Wort finden." dachte er.„nur jetzt!" Er brauchte ja mit keinem Hauch an dem zu rühren, was dem Stolz des Vater so weh tat! Im Gegenteil. Iüry sollte sein Geheimnis für sich behalten! Nur warnen wollte er ihn, auf der Hut zu sein: ganz leise, ganz von ferne. Denn— er konnte sich nicht helfen, so frech und sicher sich Virron zuletzt auch gehabt, etwas im Wesen des Zuchthäuslers war ihm doch merkwürdig unsicher erschienen. So daß auch in seiner Seele zum erstenmal der Verdacht aufstieg, mit dem Jury sich eine ganze Zeit getragen: ob der alte Zuchthäusler auch wirk- lich die Wahrheit gesprochen? Daß Birrons seltsames Wesen nur eine Folge der Scheu war, die der tadellose Priester ihm einflößte, kam dem bescheidenen Cyrill Weiß nicht einmal in den Sinn. Langsam schob er seine Prise zusammen, wiegte eine Weile wie nachsinnend den Kopf hin und her: es sollte den Anschein haben, als ob auch er noch nicht recht im reinen wäre mit sich. So brachte er den Bedrängten vielleicht von selbst aus die richtige Fährte. „Tun— tun," meinte er endlich bedächtig.„Tun kann der Birron euch natürlich nichts, lieber Jilly-Vetter. Aber, wie gesagt, solche Leute haben oft allerlei Finten und Fahrten. lind die Vorwände oder— oder Lügen, mit denen sie sich da einnisten und dort unentbehrlich zu machen suchen, seh'n ihren Taten oft ganz verzweifelt ähnlich. Wer einmal den rechten Weg verloren hat und sich ihn nicht mehr von Gott weisen läßt — der schlägt oft recht seltsame Pfade ein, lieber Jilly-Vetter!" Eine ganze Weile blieb es still. Nur das leise Geknister des Holzes, das langsam im Ofen zusammenbrach, wurde hör- bar, und das harte Getick der Schwarzwälderuhr, die über der alten Truhe hing. „Euer Hochwürd'n glaub'n olso"— begann Jury zögernd, stockte aber sofort. Um Gotteswillen,' was hatte er denn sagen wollen? Der Pfarrer konnte ihm ja doch nicht helfen! Wozu also noch einen mehr zum Mitwisser machen? Und... so groß auch die Angst war. in der Jury vor Virron dahinlebte— die Mitwissenschast des Priesters erschien ihm noch unerträglicher. Da würde es nun an ein Raten. Warnen. Zurückhalten gehen. „Verzeiht es— opfert es auf!" würde jedes zweite, dritte Wort heißen. Und das konnte er nicht. Nicht einmal um seiner ewigen Seligkeit willen! Seine Rache mußte er haben— so oder so... das hatte er seiner Annaliese versprochen, dort oben auf dem Freithof. Nicht einen Kranz würde er mehr auf ihren einsamen Hügel legen, bis er sagen könnte:„Dir ist genuggetan!" Der Graf war nach Wien gefahren, noch bevor Jüry zu einem letzten Entschluß gekommen. Aber Mitte März sollte er zurückkehren... zum„Schnepsenstrich". So lange hatte Jüry Zeit, mit seinen Plänen fertig zu werden. So lange mußte er auch den Birron hinhalten. Hatte er einmal getan, was der Ehre seines Kindes gebührte, konnte ihm auch das Geschwätz des Zuchthäuslers gleichgültig sein;„nocher können s' mi suach'n, olle mitanonder!" dachte er. Und ein unheimlich stilles, ein unheimlich zufriedenes Lächeln ging über seine starren Züge, so oft er daran dachte. Auch jetzt gab ihm dieser Gedanke sofort wieder jene Ruhe. die er brauchte, um sein Geheimnis vor den anderen zu schützen. Seine Füße bebten wohl, aber er schritt so fest als möglich auf die Ofenbank zu. und während er sich langsam niederließ, er- widerte er mit sicherer Stimme:„Mir is der Birron noch nia mit soliche Soch'n kämma. Glaub'n tua i eahm a nix. Euer Hochwürd'n können olso ruhig san. Wonn er dohcrkinnnt. kimmt er sich onessen." „Auch das könnt' Euch auf die Tauer vielleicht zu viel werden!" gab Cyrill Weiß vorsichtig zurück „Tie Rosala Hot g'schwatzt," dachte Jüry.„Die Rosala oder die Olte.'s is nit anders!" Und das Bild seiner Jüngsten schob sich plötzlich vor sein Vaterauge: still, bleich, stumm, wie Rosalie seit jenem entsetzlichen Tag heruniging, da fiäirron zum erstenmal die Schwelle des Hauses überschritten nicht als Bettler, nein, wie ein Gebieten„Sic ist's," dacht« Jüry wieder.„Die Olte wor nit beicht'n. Bleibt nur die Rosala." Gut. Aber was die sich auch zusammenreimen mochte, etwas Bestimmtes wußte sie doch nicht. So war Jüry seiner Sache erst recht sicher. „Z' viel— z' viel!" nahm er das Wort des Pfarrers auf. „Wann aner bei den Menschen und bei unserm Herrgott z' kurz kämma is, wia der— wia der Birron... nocher suacht er sich holt selber sein Recht: sein Recht und sein'n Weg. Und i kann eahm nit Unrecht geb'n. I— z'letzt!" Kurz, ablehnend, fast feindselig kam es von seinen Lippen, siel in das Grau der Dänmierung hinein und in das tiefe Schweigen, das wie ein Ungeheuer auf der Lauer zu liegen schien— Ungeheures hütend. Ein seltsames Bangen überkam den Priester.„Was ist das?" dachte er. Nein— der Mensch, der so zu ihm gesprochen, der bedurfte weder eines Rates noch eines Trostes mehr. Ter war Mann genug, auch weiter zu leiden, was er littt, oder... Wie ein Vorhang zerriß es plötzlich vor dem Aug des Priesters. Was dachte, plante, verhehlte der Unselige? Und' dazu die Gesellschaft des Zuchthäuslers— Tag für Tag. Mit einer ihm sonst nicht eigenen Heftigkeit fuhr Cyrill Weiß empor— ging mit zwei großen Schritten auf Jüry los. „Das darf jeder sagen, nur nicht Ihr. Jilly-Vetter, Ihr, der durch Jahrzehnte hier Handel und Wandel gehütet und Recht sprechen geholfen und recht getan, als Christ und Mensch, so lang ich denken kann!" Ein leises Lachen kam über daI Dunkel her:„Wem: Uuer Hochwürd'n dös so guat wiss'n. wird's Wohl a so san." „Wissen, wissen... das müßt Ihr selbst doch fühlen!" „Ter Mensch is wia's Wosser," kam es gepreßt zurück. „Heunt taut's auf— moring friert's ein.„Wia's unser Herr- gott gibt und schickt." ..Er hat aber auch Vernunft und freien Willen." rief der Priester energisch, �Fortsetzung folgt.) Der Laubenkolomft als Gärtner und Kleintierzüchter. D i e Winterpflege unserer Stubcnvögel. Nicht nur bei der Winterpflege der Pflanzen, sondern auch bei der Ueberwinierung unserer Stubenvögel werden vielfach folgen» schwere Fehler begangen, denen so manches Tier, dos wir im Sommer liebgewonnen haben, zum Opfer fällt. Im Soinmer hängt das Bauer des gefiederten Lieblings in der Regel vor dem Fenjier, auf dem Balkon oder in der Gartenlaube. Ist dafür Sorge ge» tragen, daß der Vogel in dieser Sommerfrische den Katzen und an- deren vierbeinigen Räubern nicht zugänglich ist. wird ihm Schutz gegen sengende Sonnenstrahlen geboten und bringt man ihn bei herannahendem Unwetter in die Häuslichkeit zurück, so kann man annehmen, daß er, richtige Fütterung vorausgesetzt, sich unter diesen Verhältnissen dauernd wohl befindet. Unsere Großstadtwohnungen sind häufig beschränkt, man weiß deshalb oft nicht, wo man mit dem gefiederten Hausgenossen zur kalten Jahreszeit bleiben soll. Nahe liegt das Verbringen in die Wohnstube. Das Wohnzimmer ist aber nicht für alle Vogelartcn die geeignete Räumlichkeit. Für den Kanarienvogel und die meisten fremdländischen Prachtsinken, die jetzt, einige Seltenheiten ab- gerechnet, wohlseil wie Brombeeren sind, ist die Temperatur ständig bewohnter Räume angemessen, auch für Papageien, die aus warmen Klimaten stammen, nicht aber für harte Vogelarten, wie wir sie in unseren einheimischen Finkenvögeln, im Star, in den Drosseln und dem Rotlchlchen vor uns haben. Diese an rauhe Winterwittc- rung gewöhnten Tiere gehen in andauernd geheizten Zimmern rasch zugrunde. Auch manche ausländische Vogclarten vertragen die Temperatur ständig geheizter Wohnräume nicht, so namentlich gewisse Papageien, wie der in der Häuslichkeit häufig anzutreffende Rosakaiadu. die Nhmphensitliche, Wellensittiche und ähnliche. Diese Vögel lassen sich sogar, wenn für Trinkwasser gesorgt ist. im Freien überwintern. Ja, man hat manche von ihnen, auch de» Kanarien- Vogel, in verschiedenen Gegenden unseres VterlandeS erfolgreich als sreifliegende Vögel eingebürgert. Man kann getrost annehmen, daß zu hohe Zimmertemperatur ebenso wie bei der Pflanzcnpklege, auch bei der Pflege unserer Stubcnvögel dir Ursache des häufigen Sterbens ist. Die meisten für die Liebhaberei in Frage kommenden Vögel vermögen sich zwar einer geringeren Durchschnittstemperatur anzupassen, eine zu hohe Wärme richtet sie aber nach verhältnismäßig kurzer Zeit zugrunde. Gleich nachteilig wie zu hohe Wärme wirken auch Zugluft und starke Tcmpcraturschwankungen. Ter Standort des Kästgs darf niemals dem Zuge ausgesetzt sein uutz tzie Temperatur des UeberwinterungZ, raumeS darf keine schroffen Wechsel aufweisen. Werden die Fenster im Winter vorübergehend geöffnet, so müssen Bogel und Pflanzen in einen Nachbarraum gebracht werden und hier so lange verbleiben, die die Temperatur an ihrem regelmäßigen Standort wieder die riormale Höhe erreicht hat. Bei beschräntten Wohnverhältnissen muß man sich mit einem Etubenvogel begnügen. In erster Linie kommen hier die K ö r n e r- fresser in Betracht, die sich in verhältnismäßig kleinem Bauer wohlfühlen, in einfacher Weise zu ernähren sind, wenig schmutzen und deshalb auch kaum die Lust verderben. Unsere Finken- Vögel, obenan der Kanarienvogel, begnügen sich mit ein- fachem Kärnerfutter. Dem Kanarinvogel gibt man am besten nur «ine Mischung von zwei Teilen Rübsen und einem Teil Spitz- oder Glanzsamen. Wie wir Menschen aber Abwechselung in unserer Nahrung verlangen, so auch das Tier. Zur Abwechselung bietet man deni Kanarienvogel gelegentlich ein Stückchen Zucker, ein Stückchen Weißbrot, etwas ungeräucherten Speck und namentlich Grünsutter. Letzteres ist allen Finkenvögeln Bedürsnis, besonders unseren heimischen Feld- und Waldvögeln, wie Häusling, Zeisig, Distelsink, Toinpsass, Edelfink usw. Ein kleines Stückchen eines Salat- oder Grünkohlblattes genügt schon. Sehr gern werden die Zweigspitzen einer im Zimmer häufig gepflegten Hängepslanze. der Tradeslantia, genommen. Diese Pflanze, die sich, aus Stecklingen gezogen, in wenigen Tagen bewurzelt, ist anspruchslos und wächst so rasch, daß zwei oder drei Töpfe von ihr genügen, um einen Stubenvogel während der ganzen kalten Jahreszeit mit Grünsutter ?u versorgen. Ein sehr zartes und sehr gern genommenes Grün- utter läßt sich auch im Wohnzimmer und in der Küche in kleinen Holzkästchcn ziehen, die man mit Vogelfutter, Hafer oder Gerste besät. In einem Vorraum des Vogelhauses des Berliner Zoologi- schen Gartens wird im Winter aus diese Weise die Hauptmasse des Grünfutters für die nach vielen Hunderten zählenden Käfigvögel herangezogen. Die Samen keimen nach wenigen Tagen, und man schneidet dann das frische Grün mit der Schere, bevor es schlapp wird und umfällt. Der Kanarienvogel ist in der Fütierung unter allen Finken der anspruchsloseste. Die oben genannten heimischen Finken und die fremdländischen Prachtfinken bedürfen einer abwechselungs- volleren Kost. Den heimischen Finken bietet man ein Futtergemisch aus Rübsen, Spitzsamen.Salatsamen, Mohn, geschältem Hafer und einigen Hanfkörnern; letztere gebe man nur mätzig, da zu reichliche Gaben Fettsucht verursachen. Verfettung mutz man aber bei Stubenvogeln verhindern, damit sie nicht vorzeitig altern und mit dem Gesang aufhören. Zur Abwechselung gebe man den heimischen Finken im Winter neben dem schon genannten jungen Grün frisch- geschnittene Zweige von Erlen, Haseln, Ahorn, Tannen und Fichten, deren Winterknospen sie mit Behagen abknabbern; namcnt- lich für den als Stubenvogel so geschätzten Gimpel oder Dompfaff ist derartige Beikost unabweisbares Bedürfnis. Im Sommer bieten die Samenähren des Wegerichs, eines unserer gemeinsten, überall am Wege wachsenden Unkräuter, und die Vogelmierc, gleichfalls «in überall gegenwärtiges Unkraut, vorzügliches Grünsutter. Für die fremdländischen P r a ch t f i n k e n ist neben Spitz- samen und Rübsen die Hirse das wichtigste Kärnerfutter. Man gibt diesen Vögelchen auch ganze unausgedroschene Hirserispen, im Handel als Kolbenhirse bekannt, aus denen sie mit besonderer Vor- liebe die einzelnen Samen auslesen. Das Grünsutter ist für die Prachtfinken dasselbe wie oben angegeben. Viele der kleinen Prachtsinken, wie Möschen, Zcbrafinkcn, Schmetterlingsfinken. Bandfinken usw., nisten gern in der Gc- fangenschast, während unsere heimischen Finken nur schwer und auch nur in großen Volieren zur Brut schreiten. Da der Frühling der Heimat vieler Prachtfinken in unsere Wintermonatc fällt, so schreiten sie bei uns auch gern in der kalten Jahreszeit zur Brut. Um Zuchterfolge zu erzielen, genügen für einzelne Paare der kleinen Prachtsinkenarlen Rist käsige von 3tj—-SO Zentimeter, 31— 47 Zentimeter Länge und 26— 30 Zentimeter Tiefe. Die Rist- körbchen werden teils hängend im Innern der Käfige angebracht, teils hängt man außen sogenannte Harzer Bauerchen an. die mit Ristkörbchen versehen sind. Natürlich muß das Bauer an der bc- treffenden Stelle eine Ausflugösfnung haben, die als Zugang zur Nistgelegenheit dient. Futter und Saufgefähe werden auch in allen Fällen am besten außerhalb de? KäsigS angebracht, und zwar als kleine an den Seiten verglaste Behälter, wodurch das Beschmutzen der Wohnräume verhindert wird. Der Fußboden eines zweck- mäßigen Bauers soll kastenartige Gestalt haben, aus Blech gefertigt und zum Ausziehen eingerichtet sein. Es ist vielfach üblich, den Boden mit Zeitungspapicr zu belegen, doch ist dies ein falsches Verfahren. Der Vogel hat zilr Förderung seiner Verdauung Sand- und kleine Kieskörnchen notwendig, deshalb gebe man eine Lage Sand in den Kasten, der je nach Bedarf für körnerfressende Vögel 7— 2mal pro Woche, für insektenfressende Vögel aber täglich erneuert werden muß. Beim Zuchtkäfig vermische man den Sand mit etwas gelöschtem Kalk, oder biete den Vögeln, die in den Handlungen erhältliche Scpiaschale, da sie anderenfalls aus Kalkinangel schalen- lose, sogenannte FIießc>er legen, die nicht bebrütet werden können. Mancher Erdenbürger könnte sich am Reinlichkeitssinn unserer Vögel ein gutes Beispiel nehmen. Das Baden ist dein Bog«! auch zur kalten Jahreszeit, LebenSbedüriniS; er badet nicht monatlich oder wöchentlich einmal, sondern täglich, wenn es sein kann auch wiederholt am Tage. Deshalb gehört ein kleines Badchäuschcn zu jedem Vogelbauer. Es wird an die geöffnete Tür gehängt und an jedem Morgen, nachdem die Stube genügenS erwärmt, mit kaw» warmem Wasser versehen, das Hineinstellen offener Badefchüsselri in das Bauer empfiehlt, sich mchst weil der Sand dann infolge des Badens, das mit heftigen Flügelschlägen verbunden ist, durchnäßt) und das Zimmer verunreinigt würde. Die begeistertsten Anhänger der Kneippschen Kuren sind die insektenfressenden» Stubenvögel. Amseln, Drosseln und Stare, die tch in einer ständig ungeheizten Stube, bei tagsüber stets offen gehalten«,» Fenstern durchwinterte, nahmen auch in strengen Wintern Tag für Tag ihr Vollbad in eisig kaltem Wasser. Die zuletzt genannten Vogelarten und ihre ausländischen Vettern stellen weit größere Anforderungen an den Pfleger als die Körnerfresser. In der freien Natur bilden Insekten aller Art ihre» Hauptnahrung; nur wenige von ihnen, namentlich die kleinen Meisen, fressen auch ölhaltige Sämereien. Alle lieben aber Beeren» obst, besonders Vogelbeeren, wie Ebereschen, Holunderbeeren u. a, Diesen Vögeln mutz man in der Gefangenschaft ein sogenanntes W e i ch f u t t e r geben. Im Handel find verschiedene derartige Futtermittel erhältlich, das beste und teuerste davon ist die Marke Lucullus. Sie bestehen in der Hauptsache aus getrocknetem In- scktcn, namentlich Weißwurm, Ameisenpuppen, den sogenannten Ameifeneicrn des Handels, Ei. getrockneten und zerriebenen Beeren- Vor der Fütterung wird dies Gemisch mit etwas Wasser angemacht- es darf aber nur krümelig, nicht naß sein. Ein gutes Weichfuttev stellt man sich selbst her, indem man zwei gleiche Teile altbackene Schrippen und Mohrrüben auf dem Reibeisen zerreibt, zusammen» mischt und dieser Mischung etwas Ameisenpuppen beigibt, daneben sind aber täglich noch einige lebende Mehlwürmer zu füttern. Zur Abwechselung gibt man gelegentlich eininal etwas rohes Schabe» fleisch» etwas Suppenfleisch, ein Stückchen Apfel oder Birne und» Beeren, solang« diese zu haben sind. Wie bereits erwähnt, schmutzen» aber Insektenfresser stark und riechen unangenehm, wenn das Bauer nicht täglich gereinigt und mit frischem Sand versehen wird. Achnlich verhält es sich mit Papageien, die auch stark schmutzen» wenn sie nicht sehr sauber geholten werden. Manche Papageien» arten find harte, anspruchslose Vögel, wie ick schon oben ausgeführt habe, andere aber außerordentlich empfindlich. Zu den empfind» lichcren gehören die Amazonen, und der empfindlichste ist der in Ostafrika heimische Graupapagei oder Jago, grau mit rotcin Schwanz, der aber auch einer der gelehrigsten und sprachbegabtesten ist. So mancher dieser Vögel ist schon einem zugigen Standorte zum Opfer gefallen. In der Fütterung der Papageien wird viel ge» sündigt. Viele Liebhaber geben den Tieren regelmäßig statt Wasser Kaffee zum Saufen, statt, eines vernünftigen KörnerfuttcrS— Butterbrot, Fleisch, Gemüse usw. Mitunter verträgt der Vogel diese fehlerhafte Kost, in anderen Fällen wird er trank, magert ab, sitzt, von früh bis spät apathisch mit ausgeblasenem Gefieder da oder rupft sich gar die eigenen, Federn aus. um die oft noch mit Blut gefüllten Kiele zu fressen, so daß er jahraus jahrein fast nackt ist. Gegen diese fatale Untugend gibt es kein Gegenmittel, man kann ihr nur durch sachgemäße Fütterung vorbeugen. Es ist zn beachten, daß der Papagei kein Allcsfresser ist, wie Mensch, Hund und Affe, man verzeihe diese Gegenüberstellung, sondern ein aus- gesprochener Körnerfresscr. Das beste tägliche Futter bilded eine Mischung von Mais, den man zuvor in kochendem Wasser etwas abbrühen kann, mit Zirbelnüssen(großkörnige Kiefernsamcn)» Son- ncnrosciikcrnen und etwas Hanf. Auch in Wasser abgeiochter Reis wird sehr gerne gcnominen und ist den Tieren zuträglich. Als Leckerbissen gebe man gelegentlich einen Nußkern oder ein Stück- che» süße Frucht, und man wird dauernd seine Freude an dem Tiere haben. Bekannt ist die Langlebigkeit der Papageien; ich kenne Tiere, die schon seit 30 bis 40 Jahren in der Gefangenschaft leben. noch vollbefiedcrte Köpse haben und durch ihr ganzes Benehmen erkennen lassen, daß sie von sogenannter Altersschwäche»och weit entfernt sind. Papageien baden mir selten und ausnahmsweise, lassen aber nach anfänglichein Sträuben eine gelegentliche, mit dem Zerstäuber verabreichte leichte Dusche gern über sich ergehen. Oer let2te �ebrpfennig.� Charon. Sohn des finsteren EreboS, war nach autikcr Auf- fassiing dclaimtlich der greise Fährmann der Unterwelt, der die Schatten der bestatteten Toten über den Styx bootete. Jeder, den er übersetzte, enilohnte ihn mit einem Obolus, einer kleinen Kupfer» münze. ES dursten darum die Leichname erst dann gewaschen, gesalbt und mit Blumen bekränzt werden, wenn ihnen die Toten- münze nntcr die Zunge gelegt ivorden war. � Wer aber die Fähr- gebühr den« Fährmann nicht entrichte» kann, läuft Gefahr, nicht über» gesetzt zu werde» nnd deshalb nicht in die Unterwelt eingehen zu können. Es ist aber das schlimmste von allem, zwischen Ober- und Unterwelt rastlos hin- und Hergetrieben zu werden und die Ruhe- statte im Hades nicht erreichen zu können, deshalb auch die Sorge der Angehörigen, die Mitgabe dc-Z Fährgroschcnö beim Begräbnis nicht zu vergessen. Da diese Sitte jahrhimdertelang gepflegt worden ist, wird der Ritter von Eaneauville wohl mit Recht den Wert der von Orpheus bis auf Kaiser Konstantins Zeiten den Toten mitgegebenen Fähr- gebühren aus 80 Millionen. Frank veranschlagt haben. Seltsam, daß er nicht daran dachte, seine Berechnung bis zu seiner Zeit auszu- dehnen, um so mehr, als sich nach der Wahrscheinlichleitsberechnung weit mehr als das Doppelte der angenommenen Summe ergeben haben würde. Sicher entging ihm— nach der sprichwörtlichen Kurz- ficht, gleit mancher Fachgelehrten, die sich in irgend eine Spezialität vertiefen— über dem Studium fremder Sitten die Wahrnehmung des heimischen Brauches. So legt man z. B. heute noch in der Altmark dem Toten ein Fünfpfennigstück rmter die Zunge, in der Nemnarl sogar ein Fünfzigpfennigstück. In manchen Teilen Thüringens gibt man dem Ver- storbenen auherdem die übrig gebliebene Medizin niit in den Sarg, damit er in der anderen Welt die Kur fortsetze— selbstverständlich fehlt auch da» Fährgeld nicht, das aber in dem sächsischen Dorfe Grotz-Keula auf einen Pfennig zusammenschrumpft. In der Ober- Pfalz ist man splendider, da werden dem Toten drei Pfennige unter die Zunge gelegt. Im sächsischen Erzgebirge fügt man dem Gelde Brot bei und in der Oberlausitz entlohnte man einst den unter- weltlichen Fährmann in derselben Weise wie den Piarrer und Küster beim ersten Kirchgang der Wöchnerin: man opferte ihm zwei Groschen und zwei Dreier. Aber der Aberglaube ist schüchtern und entzieht sich zumeist der Beobachtung, weil er unerquickliche Vorstellungen und Einreden fürchtet, die er nicht zu widerlegen vermag, gegen die sich aber sein zäher Konservatismus sträubt. Kein Wunder deshalb, wenn Elhno- logen derartige Volksbräuche oft erst nach langen Studien und rein zufällig entdecken. Wie zahlreiche andere heidnische Bräuche mit Beginn deS Christentums ein frommes Mäntelchen umhingen, in dessen Schutz sie ungefährdet fortdauerten, so auch der, den Toten bei der Be- erdigung eine Münze mitzugeben. Aus dem antiken Obolus wurde eine Sankt Peterssteuer, auS Charon Petrus, der Torwart der Hintmelspforte, der auch nicht unentgeltlich die Seelen bedient, „kein Geld, kein Schweizer". In verschiedenen Christengräbern, die man in Trier aufdeckte, und zwar in solchen aus dem 3. wie auch aus dem 16. Jahrhundert, fand man Schädel, in deren Mundhöhle kleine Silbermüiizen lagen. Dag Reiche einen slandeSgemätzen „Peterspfennig" zahlten, ergibt sich aus einem Funde, der in den zwischen V-vel, und La Tour gelegenen Burgundergräbern gemacht wurde i man fand ein Goldstück mit der Inschrift: Tributrin, Petri. Auch daS fränkische Totenlager zu Solzen in Rheinhesse» lieferte Schädel, deren unterer Kinnlade der Altertumsforscher Lindenschmitt Goldstücke entnahm, darunter»iermal Münzen mit der griechischen Chriftuschiffte im Palmzweige. Die moderne katholische Kirche mag gegenüber der Fortdauer diese« heidnischen Brauches um so eher ein Auge zugedrückt haben. als sie selbst geflissentlich die dem Sterbenden vom Priester gereichte Kommunion„Wegzehrung"(Viatikum) nannte. Kein Wunder, wenn der bigotte katholische Bauer diesen kirchlichen Ausdruck in sein massives Deutsch überträgt und den PeterSpsennig zum„Trinkgeld" macht. Die Toten, so ist die Anschauung des Oberpfälzers, haben ihr letztes Rendezvous im„Nobiskrug", dem Wirtshaus der Unter- Welt, und vertrinken dort ihren letzten Heller. Beiläufig sei be- merkt, dafi NobiS ein mundartlich verstümmeltes„Nachbar" ist. Menrock meint, im Grenzwirtshause(Nachbarkrug) fanden einst gemeinsame Opfern, ahle statt, und im Robiskruge, wie in Norddeutsch- land die Schenke genannt wurde, kehren die Einwohner der be- uachbarten Gemeinden auf ihr« Heimkehr vom Markte noch einmal ei», um einen Abschiedstrunk zu nehmen. Neuerdings hat dieser altheidnische Brauch, der namentlich bei dm Griechen und Römern eingebürgert war— bei der Aufdeckung alter Gräber in Rom und Griechenland hat man bekanntlich in un- zähligen Fällm in der Nähe des Schädels eine kleine Münze ge- fitnden— eine andere Deutung erfahren. Der dem Toten mitgegebene Obolus soll dazu gedient haben, ihm seine Besitztümer abzukaufen. so dafi er fürderhin keine Ver« anlassung hat. auS der Unterwelt zurückzukehren. um die zu peinigen, die sein Hab und Gut in Besitz genommen haben. Der Erbe bietet dem Verstorbenen eine Münze für daS Besitztum; der Tot« erhebt keinen Widerspruch, d. h. sein Stillschweigen wird als Zustimmimg angesehen. Die Münze, das ist der Kaufschilling, wird ihm mit ins Grab gegeben, somit ist er abgefunden und kann keinen Einspruch mehr erheben. Daß diese Allffassung ctwaS für sich hat. wird durch einen Brauch bewiesen, der bis in unsere Zeit hinein in Deutschland bestand und hier und da wohl noch besteht. Nach ihm tritt der Erbe an den offenen Sarg de» Toten, legt ein Geld« stück auf die Leiche und spricht mit so lauter Stimme, dag es alle Leidtragenden hören:„Hier hast Du einen Zehrpfnmig, last mir einen Nährpfennig." Offenbar ist dieser Brauch von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt worden, und bei der Zähigkeit, mit der solche Bräuche festgedallen werden, lassen sich die jüngsten Vorkommnisse gut mit den ältesten vergleichen und zur Aufklärung benutzen. Kehren wir nochmals zum Fährgeld zurück, so ist noch mitzu- teilen, desi dieses mancherorts nachweisbar zum Trinkgeld für den Leichenbitter und die Leichenbegleiter geworden ist. In katholischen Dörfern Süddeutschlands erhalten Knaben und Mädchen, die sich gemäfi der Landesfitte am Begräbnistage im Sterdehause einfinden, Scheidemünzen und ein Stück Brot: sie müffen dafür den Rosenkranz ribbele». In protestansischen Gegenden wurde dereinst den Kurrende- schülern, die die Leiche auf den Friedhof begleiten, der„Leichemveck" zu teil, ein Backwerk in das der herkümniliche„Grabkreuzer" ein- gebacken war._ C. S. Berantw. Redakteur: Richaris Barth, Verlin.— Druck u. Verlag: Liemes Feuilleton. Archäologisches. Römische Porträts aus dem ersten Jahrhundert. Einen höchst merkwürdigen Fund hat der berühmte Prof. FlinderS- Petrie nach seinem Bericht an die Monalsschrift„Man"(Der Mensch) in Hawara, einem Ort am Ostrande der Oase von Fajum, gemacht. Er besteht in einer Anzahl von Römerporträts, wie sie gegen daS Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Mode kamen. Vis dahin war es Sitte gewesen, die Mumien in vergoldete Stuckgehäuse einzuschließen. Nach der Zeit der Ptolemäer aber nahm man daS Por» trät des Toten auf Kanevas, wie es gewöhnlich eingerahmt die Wand der Behausung geziert hatte und deckte es über das Geficht der Dkumie zum Ersatz für den alten Stuckkopf. DaS Porträt war un» zweifelhaft mit einer Wachsfarbe gemalt, die entweder mit einem vollen Pinsel oder in einem teigigen Zu» stand mit kurzen schrägen Strichen aufgetragen wurde. Die Porträtsammlung aus den Gräbern von Hawara ist recht gut erhalten und kann sich wohl rühmen, einzigartig zu sein. Die dargestellten Personen sind nach ihren Gesichts- zügen ohne Zweifel Europäer, und zwar meist Römer. ES sind aber auch andere Typen darunter, nämlich eingeborene Aegypter, Syrier und Vertreter noch anderer orientalischer Volker, die wohl zu Handelszwecken nach der Oase von Fajum ge- kommen und dort gestorben waren. Auch damit ist die Fülle dieieS FundeS noch nicyt erschöpft. Ueber dieser Mumien schick» findet sich eme andere Begräbnisstälte, die ausschließlich für römische Beamte bestinimt war, deren Reste als zu vornehm betrachtet wurden, um mit den Leichen von Eingeborenen vermischt zu werden. Schließlich sind auch noch Reste eines spanisch-maurischen TypuS in dieser Toten» stadt erhalten geblieben. Verkehrswesen. Die tranSafrikanische Bahn. Im„Matin" veröffent« licht Andrö Berthelot, der Sohn des berühmten Chemikers, der die akademische Laufbahn des Geographen frühzeitig mit kapitalistischer Gründertätigkeit verrauscht hat. einen intereffanten Anikel über das Projekt der nansafrikanischen Bahn, die Algerien mit dem Kap ver- binden soll. Sie wird am Tschadsee vorbei zum Kongo führen und am Katanga die englisch« Linie erreichen, die sich schon von, Kap der guten Hoffnung 3000 Kilometer weit nach Norden erstreckt. Berthelot legt dar. daß die Wafferstraße des Kongo und Ubangi infolge der Langsamkeit und Kostspieligkeit deS Transports und der Notwendig- keit des odiosen und untauglichen TrägrrdiensteS(lies Sklaverei) ein „lächerliches Provisorium" darbiete.(Da» ist offenbor eine Pille, womit den Patrioten der Kongoschacher versüßt werden soll, aber zugleich werden die glorreichen Errungenschaften Kiderlen» WaechterS— die beiden„Fühlhörner" am Kongo und Ubangi— im ganzen doch richtig bewertet.) Wie Berthelot ausführt, soll die Linie Oran-Kap oder Algier» Kap dem Projekt Kairo-Kap. daS von Ungewissem Nutzen ist, er» gänzend zur Seite stehen oder sie überhaupt ersetzen. Sie folgt der Achse des Konlinents, ist leichter auszuführen und verfprickit mehr Profit. Zwei Abzweigungen von ebenso hervorragender Bedeutung für Kriegs- wie HandelSzwecke sollen sie vervollständigen. Die eine, die in der Zone der Sahara beginnt, geht zum Niger. Sie soll Westafrika wirtschaftlich und militärisch an Algerien anschließen. Die zweite gebt von gemio im französischen Ubangi auS und erreicht am oberen Nil die englische Uganda-Bahn. Diese französisch- englische Durchquerungsstrecke wird die schnellste Verbindung zwischen dem westlichen Mittelmeer und dem Indischen Ozean schaffen. Dir tranSaftikanisckie Bahn ist für die wirkliche Erschließung der Weltteile unentbehrlich. Denn die große» Wasscrläufe sind infolge der Stromschnellen stromaufwärts nicht befahrbar, wie die Geschichte aller afrikanischen Flußforschunqen bezeugt. Der Bahnbau bietet dank der Flachheit deS Kontinents sehr wenig Schwierigkeiten dar. Von der Oase Figig bis zun» Katanga, auf einer Strecke von 6000 Kilometer, übersteigt die Bodenerhebung nicht 700 und sinkt nicht unter 250 Meter. Die Bahn wird die längste der Erde sein und über 10 000 Kilometer messen. Die tranS« sibirische Bahn hat, von Moskau bis Wladiwostok, nur eine Länge von 8600 Kilometer. Berthelot versichert auch, daß sie ein gutes Geschäft sein wird. In den imerkontineittalen Verkehrs» bedinguugen wird die Bahn eine wahre Umwälzung herbeiführen. Von Soulhampron zum Kap brauchen die schnellsten Danipfer 17 Tage, zioei»veitere Tage braucht man bis Johaunesburg. Wenn die Bahn fertig sein wird, wird man Jl>hamiesb»»rg von London über Calais und Marseille in n e u»� Tagen erreichen. Heute dariert die Fahrt von Antwerpen nach Stanleyville, dem wichtigsten Platz im belgischen Kongo, 36—40 Tage. Sie wird nur fünf Tage dauern und viel billiger sein.— UebrigenS sind bedeutende Teile der Strecke schon ausgebaut, in Algier 600, im belgischen Kongo 600 und im englischen Südafrika 3000 Kilometer, so daß»»ur etwa 6000 Kilometer fehlen, also etwa die Länge der sibirischen Bahn, derep Bau aber ungleich größere Schwierigkeiten darbot. In vier Fahren, meint Berchelot, kann die Bahn über den Tschadsce hinaus fertig fein. .BorwärtsVuchdruckerei u.VerlagSa!ljtaltPaulSt»gcrz:Ev.,VerlinS�.