Mnterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 215. Sonnabend � den 4. November.%1911 (Nachdruck verdaten.) 47] Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i e. „Sirxt(Siehst), so g'follst m'r," sagte Virron, wahrend er ihn von der Seite ansah.„Kloan bist'word'n— so kloan, dab d'r nit amol unser Herrgott mehr helfen konn. Und der d'r no helstn kunnt'—" aus seiner Brust quoll ein kollerndes Lachen—„der, sirxt, Hot a mir amol g'holf'n!" Wieder kam es über Jury: dunkel, schrecklich, fühlbar wie die Nähe des Entsetzlichen, den Birron genannt. Aber nein — nein. Seinen Peiniger durfte er nicht niederschlagen! Den mußte er ertragen. Nicht e r hatte ihm das Fürchterliche ge- tan. Und so durfte sich auch sein Haß nicht auf ihn werfen. Das wäre Mord gewesen und eine Feigheit dazu. Der, den sein Arm einmal finden durfte, weilte jetzt ferne, dort, wo seinesgleichen das Geld verpraßte, mit dem ihnen der Schweiß der Bauern die Taschen füllte. Und auf den mußte er warten. Warten und schweigen und geduldig sein. „No," lachte Virron,„host D's's endli überlegt, wos bester ist: den Pfoffen in's Haus z' ruaf'n— oder mi weiter- süattern?" „Geh," keuchte Jüry,„geh und kimm, wonn's Di g'freut. Nur irtzt laß mi alloan." „Wonnsl willst, daß i furt soll, muaßt Du wieder schön vor meiner hergeh'n.. gebot Birron. Jüry zuckte zusammen. Ahnte der Strolch, was ihm in der fckweren Stunde durch die Seele gegangen, oder kam ihm diese Sorge über das eigene böse Gewissen her? Er erhob sich. „Du moanst do nit am End', daß i Dir was ontoan will?" Es sollte verächtlich klingen, kam aber leise und unsicher heraus. Sie traten gerade auf die Schwelle und das Mondlicht. das den ganzen Hof überflutete, lag hell und kalt auch auf den Antlitzen der beiden. Die Hand fest um den Griff seines 5inotenstockes gelegt, stellte sich Birron dem Bauer gerade gegenüber. „Mein Liaber!" sprach er hämisch,„wos so aner wia Du oder i toan mächt' oder nit toan mächt'— woaß er z'letzt! Moanst. i hätt' domols g'wüßt, ob i den Grafen d'schiaß'n will oder mein Madl? I bin holt'rumgonga wia a wild's Tier. Ober mein Madl, sirxt, die hot's g'wüßt. G'spürt muaß s' hob'n, wem's gilt, wia s' mi nur g'seh'n Hot von weit'n. Jo. wer woaß. ob i nit do den Grof'n d'rschoss'n hätt', wann sie mir domols nit z'erst vor'n Lauf käma war. Na, schlaf guat und"— wieder kollerte sein Lachen in die Stille der Nacht hinein—„und loß d'r nix tramal" Wie ein Schatten glitt er aus dem Hof. Jüry schlich noch einmal in den Stall zurück. Wie scharf man das Böse sah, wenn man einmal Böses getan. Würde es auch ihm so gehen— dann? Aber wie lang er auch ins Dunkel starrte, er sah nur immer einen Weg vor sich. Es war der Weg des Birron. Wieder gingen Wochen bin. Aber für Jüry und die Seinen änderte sich nichts. Birron erschien, wann es ihm bc- liebte, blieb, so lange er wollte, und daß zuweilen auch der Pfarrer kam, war höchstens für das Gerede der Leute gut. Ein Haus, in dem Cyrill Weiß so oft aus und ein ging, konnte nicht schlecht sein, wenn auch ein Birron dort täglich abgc- füttert wurde. Der Pfarrer erfuhr deshalb doch nicht mehr, als Jüry wollte, und die Bäuerin zog sich nach dein üblichen Handkuß in die Küche zurück. Auch gab esjetzt wieder van Wockie zu Woche mehr zu tun. Ein milder Februar zog über das Land hin, brachte Sonne und die ersten schüchternen Keim- regungen der Scholle. In den Wäldern guckten die Schnee- glöckchcn aus dem Moos. Und als die ersten wannen Sonnenstrahlen die Schneedecke von den Feldern zogen, sahen die Bauern mit Freude, wie hoch und schön diesmal die Winter- saat stand. Es hatte nicht zu viel Frost gegeben und immer diesen weichen, lockeren Schnee. So konnte es ein gutes Jahr werden. Nur— von Wien kamen allerlei seltsame Nach- richten. Hilmers Student sandte nach wie vor seine Wäsche nach Hause. So trnn aber auch die Nase der Wiener„Spitzeln" war— die schmutzige Wäsche eines armen Bauernjungen roch ihnen doch zu übel, um sie auch da hineinzustecken. So wan- derten immer mehr Zeitungen und Flugschriften mit und den alte Hilmer sorgte, daß sie auch unter die Leute kamen. Nochl hatten die Bauern Zeit, sich auch um das zu kümmern, was „draußen in der Welt" vorging. Die lange Winterruhe hatt« auch das Ihre getan. Wenn man stundenlang so im Dämme« des Herdwinkels saß, kamen Gedanken und Sorgen von selbst, Und nicht jedem war es gegeben, auch die Zukunft nicht anders zu sehen, als die Vergangenheit. Diese Taufende und Tausende von Mensihen, die man in der Stadt und auf dem bedruckten Papier immer bloß„das Volk" nannte, waren in ihrer Art auch wie die Erde. Nur daß ein längerer Winterschlaf auf ihnen gelegen— ein jahrhundertlanger Winterschlaf, der sie wie in einem Bann festgehalten und starr und unfruchtbar e» scheinen ließ wie draußen die Schollen, Nun ging aber Plötz- sich ein leises Regen über die Lande. Niemand hätte noch sagen können, woher es kam, niemand, wohin es treiben würde, Aber der Bann wich— die toten Schollen bekamen Leben und fanden sich mit Keimen schwanger, von denen sie selbst nichts geahnt. Noch hätte keiner von all den Tausenden sagen können, was ihn bewegte und Mut gab, dies zu denken und jenes gar auszusprechen. Und doch war es ein einziger heilt- ger Mut, der wieder einmal über die Menschen kam, und er kam mit dem Frühking ein— Frühling! Die Tage wurden länger und länger, aber der Bauer konnte noch immer früh Feierabend machen. So geschah es, daß sich allabendlich beim Hilmer der und jener einfand. Und dann gingen die Blätter des Studenten von Hand zu Hand. Auch einige Schönbacher kamen herüber, um zu hören, was eigentlich loS sei,„drent in Wean". Und natürlich war auch der„Schriftcnstellcr" unter ihnen. Ja, der Schönbacher Schreiber war sogar Mitabonnent, und nur weil er wußte. daß Justitiar und Herrschaft und Gendarmerie mit scheeler» Augen auf ihn sahen, ließ er sich die für ihn bestimmten Zei- tungen und Bücher in der Wäsche des Studenten zuschmuggeln. Auch Jüry hatte schon dies und jenes gebärt, aber immer nur gleichgültig hingehorcht. So ganz von seinem Schmerz um- klammert, von seinen Rachepiänen umstrickt, zeigte er nur wenig Sinn für das, was alle anderen immer mächtiger zu erregen begann. Was focht es ihn an, ob„das System Metternich über kurz oder lang in die Brüche gehen mußte", wie jeder zweite, dritte Artikel dieser Blätter begann oder endete? Ob„die Zensurdirektion und das Zensurkollegium". mit dem ersten Februar ins Leben getreten,„tatsächlich nur ein Schachzug perfider Diplomatie" seien,„bestimmt, unter dem Schein eines Zugeständnisses den verhaßten Zwang noch zu verschärfen". Nicht einmal die Drohung mit dem„Staats- bankerott" rüttelte ihn auf. Das Brot, das er brauchte, brachte ihm die Erde, der er seinen Schweiß gab. Em„paar silberne Notgroschcn" barg Resl in ihren alten Strümpfen. Papier- geld kam fast nie in seine Hand oder ging für Löhne und Nach- schaffungen so rasch auf. daß der Bauer selbst nicht wußte, wo» hin es gekommen. Brauchte man etwas vom Krämer, trug man ihm Eier und Mehl zu und handelte dafür das Nötige ein. Und ein Hungcrjahr wie das von 1846 würde ja so bald nicht wieder kommen. Da war eine Reihe grüner Hefte,„Die Grenzboten" ge- nannt. an denen sich der alte Hilmer fast blind las. Wenn ev aber seine Kopfschmerzen davon hatte, mußte ihm der Schön- bacher Schreiber erst Wort für Wort erklären, was er gelesen. „Sibyllinische Bücher" gab es. die dem Fassungsvermögen der Bauern ebenso ferne lagen wie die„Apokalyse". Denn hinter jedem dieser„Schattenrisse" stand irgend ein„Großköpfiger" der Stäatskanzlei. Was aber wußten Jüry und seinesgleichen von diesen„Großkopseten" und den„Irrtümern ihrer inneren und äußeren Politik"? Wie es im Himmel und in der Hölle aussah, glaubte ganz Schönbach und Lorowitz zu wissen, und den lieben Gott konnte man sich„nach den Vildln" vorstellen. Von der Politik des lieben Vaterlandes aber ließ sich noch keine Bauernsccle etwas träumen. Nur den Druck seiner-Vcr- waltung hatten all diese Tau'cnde dumpf empfunden, ächzend ertragen. So war es seltew ein Verständnis, das sie sich aus diesen Blättern und Flugschriften holten— immer nur die vage Empfindung, daß es endlich, eiidlich anders werden müsse. Aber diese Empfindung wurde zur Sehnsucht, die Sehnsucht zum Traum. TausenÄe und aber Tausende sireckten die Hände nach der Freiheit. Rauhe, braune, vom Schweiß und von der Arbeit zermürbte Hände waren, es— die Hände, die der Erde das Vrot abrangen. Und wie sie sich da aus dem Tunket her- qps in das Licht streckten, war es, als grifse die Erde selbst mit unzähligen Armen nach dem Frühling, der nach langer Nacht wieder über ihr zu blauen begann:„Ich lasse dich nicht — du segnest mich denn." Nur Jüry wollte noch immer nicht glauben, daß es ein- mal anders werden könne, auf rechtlichem Wege und ohne Bluttat und Gewalt. War er nicht der erste gewesen, der sich offen und mutig aufgelehnt gegen die Willkür des Bedrückers, dem alle hörig waren? Und was hatte er erreicht? Nicht einer all dieser politisierenden und heimlich zeitunglesenden- Unzufriedenen hatte sich seiner angenommen! Aus ihrer Mitte hatten ihn die Traben weggeschleppt, und während er im alten Joch knirschte, hatte der„gnädige Herr" sich wie ein Raubtier noch das Letzte geholt, was es bei ihm zu holen gab: fein Kind! Und die wollten sich jetzt auflehnen oder gar„Revolution machen"? Er mußte lachen, so oft er daran dachte. Wenn nur der„Mexikaner" durchs Dorf ging, flogen Mützen und Kappen von den Köpfen. Nein, nein! Ten„gnädigen Herrn" mußte man anders an, so wie sie herangeschlichen kamen: lang- sam, hinterrücks, aller Listen und Tücken voll. War man ein- mal so weit— genügte ein Sprung. Ter wüste Jagdherr der„Oedung Petrowitz" mußte sein Opfer ja auch fd be- schlichen haben und so gepackt, daß die Verzweiflung und Scham sein Kind so überwältigt. Anders war Amialiesens Todesgang nicht zu begreifen. Wie Jüry eines Abends zu Anfang März wieder so dahin- brütete, pochte jemand leise an sein Fenster. Als er sich erhob und nachsah, stand der Schreiber von Schönbach draußen. Rasch öffnete Jüry das Fenster. „Kommt einen Augenblick zum Hilmer," tuschelte ihm der Bauernadvokat zu. „I hob' eh' gnua Büacheln," gab Jüry verdrossen zurück. Ter Schreiber lächelte:„Tie schmeißt's nur glei hintern Ofen, Jilly-Vetter. Büacheln brauch'n wir jetzt keine mehr, 's wird Ernst!" Jüry starrte ihn erst ungläubig an, aber plötzlich be- gönnen seine Hände zu zittern— das bißchen Licht, das noch in seiner Seele lebte, schlug in einem jähen Brand zu seinen großen, blauen Kinderaugen heraus. > Fortsetzung folgt.) '(StaAttmf verboten.) Cm alter 8onäerling. Von Johan Falkberge t. (Autorisierte Uebersetzung von Th. Völckcr.) Ich entsinne mich noch ganz gut des alten Hans vom Norden der Wälder. Er war eine bekannte Persönlichkeit in den Land- gemeinden dort oben in den Bergen. Er ging immer seine ge- wohnten Wege— von dem einen. Bauernhof zu dem anderen, jähr- aus, jahrein. Er war eine besondere Erscheinung auf der Land- straße: groß und starkknochig, ging er immer in- über und über ge- flickten Kleidern— oder Kleidern aus lauter Flicken—, und dazu mit einer Welt von einem Sack auf dem Rücken. Ja, damit soll gesagt sein, daß dieser Sack die ganze Welt des alten HanS war. Denn in diescnr Sack war alles, was er nötig hatte— sogar sein Bettzeug und Hausgerät—, und darunter ein kleiner Schemel, den er brauchte, um an- den Winterabenden darauf zu sitzen am Ofen in den Bauernstuben. In Frühjahr und Sommer hatte der alte Hans seinen Haus- halt unter freiem Himmel. Er kochte seinen Kaffee, und er lag in der Sonne und bei allerlei anderem Wetter am großen Holzfeucr. War es Hundewetter mit Regen und Schnee, oder wurde es ihm im Hochsommer allzu sonnig,"so ließ sich der Alte in seinem Sack häuslich nieder. Denn dieser Sack konnte mit Hilfe einiger langen Stäbe zu einem Zelt umgewandelt werden. Darin lag er dann— pfiff und sang und schnackte mit sich selbst. Es gab nicht viele Menschen in der Welt, die einen solchen Sack hatten, lind daneben war da noch der Schemel, der die Grund- läge im Leben des alten Hans ausmachte, ob diese Sitzgelegenheit nun im Sack auf seinem Rücken lag oder im Zelt stand, wenn der Sack seinem Herrn als Haus diente. Es gab keinen in der Gegend, der sich entsinnen konnte, daß Hans auch einmal jung gewesen war. Alt zu»ein, war seine Spezialität. Und er war alt mit viel Anstand und Würd» Wenn er zur Seite des Ofens in der Bauernstube auf seinem Schemel saß und die Glieder dem glühenden Eisen zustreckte, geschah es oft, daß er aufstand, sich in die Brust warf und sagte:„Ich fange an. alt zu werden. Aber immer noch voll bei Kräften übrigens." Dann. sank er wieder zusammen, streckte die Glieder dem Ofen zu und machte sich's bequem. Ueber eine Weile stand er wieder auf:„Ich fange an, alt zu werden. Aber immer noch voll bei Kräften übri- gens." So trieb er es den ganzen Abend, bis er in die Ecke auf seinen Sack kroch und sich schlafen legte. In der Nacht konnte es vorkommen, daß er sich aufrichtete.„Ich fange an, alt zu werden. Aber immer noch voll bei Kräften übrigens," murmelte er halb im Schlaf. Der alte Hans vom Norden der Wälder hatte seine Geschichte: Er war doch auch einmal jung gewesen, obgleich sich dessen niemand entsinnen konnte. Er war geboren in großem Wohlstand auf dem Bauernhof Nordwald. Einziger Sohn und Erbe des Hofes und der Wälder dort im Norden des Kirchspiels. Ein flotter Bursche soll er gewesen sein zu seiner Zeit. Be! Tanzgelagen war er unermüdlich. Niemals waren ihm die Dach» balken zu hoch, daß er sie nicht mit den Stiefelabsätzen erreichen konnte. Niemals waren so viel Mädchen da, daß er sie nicht alle müde tanzte. Und wenn der Morgen kam, konnte er, durchschwitzt und trunken, meilenweite Wege heimwärts wandern. Aber Hans war auch noch ein flotter Kerl in anderen Tingen als im Tanzen und im Wandern meilenweiter Wege. Er trank.„Er trinkt wie ein Faß," sagten die Leute, damals als er jung war und in großem Wohlstand lebte. Später, als er alt und arm war, sagten die Leute:„Er säuft wie ein Schwein." Obwohl er dann sehr selten trank. Es war das Trinken, das ihm zum Unglück wurde. Zu jener Zeit gab es große Trinkgelage auf Nordwald. Die schwersten Bauern hielten sich dort wochenlang auf und tranken auf Hans Nordwalds Wohl alle Tage. Aber je mehr man seines Wohlstandes wegen auf sein Wohl trank, um so mehr schwand sein Wohlstand dahin. Der Nordwaldhof soll nach eine: alten Sage ein Herrensitz ge- Wesen sein, mit großen Hallen, wo der Mannen Wehr und Waffen an den Wänden funkelten und blitzten, wen-n das Stammfeuer auf dem Herde flackerte. Und dort stand auf dem Hofplatz ein Götzen-- bild, ein großes Weib aus Holz geschuitzt, das Freya vorstellen sollte. Und eine Sage meldet, daß alle Mädchen des TaleS sich verneigten, wenn sie an der Göttin Bild verbeikamen. Eine andere Sag« meldet, daß Nordwald ein Häuptlingssitz aus Harald Schön- Haars Zeiten war. Eine Schlacht hat dort auch einmal getobt. Aber welche und zu welcher Zeit, darüber schweigt die Geschichte. Genug, daß ringsherum auf dem Gelände des Nordwaldhofes große Grab- Hügel zu finden sind. Vor einigen Jahren wurde mit dem Pfluge ein alter Spieß aus dem Boden heraufgeholt, der hängt jetzt an der Längswand im Nordwaldhause, zur Erinnerung an längst- entschwundene Zeiten. „Hans Nordwald trinkt wie ein Faß," sagten die Leute. Wenn er so richtig voll war. pflegte er den mutigsten Grauschimmel aus dem Stall zu holen. Und dann fuhr er aufs Geratewohl lärmend und schreiend durchs Kirchspiel. Ter Wagen hopste bald auf einem, bald auf zwei Rädern daher, und Funken sprühten von den stahl- beschlagenen Hufen des Gaules. Hans selbst saß, schwer und dumpf im Kopfe, auf dem Wagen, die Peitsche hoch in die Luft haltend. Nur mit Mühe und Not konnten die Leute sich vor dem daher- rasenden Fuhrwerk retten. Aber keiner wagte zu mucksen. Hans Nordwald war der reichste Kerl im Kirchspiel, und darum mußte man sich damit begnügen, dazustehen und hinterher den Kopf zu schütteln. Aber einmal überfuhr er ein alles Zigcunerweib. Da lag sie mit zerschmettertem Fuße auf dem Wege und krümmte sich wie ein Wurm. Und sie fluchte ihm das allerärgste Unglück auf den Hals. Viele Jahre lang dauerte das Verschwenderleben auf Nordwald. Es war viel da zum Durchbringen. Wälder, die kein Ende zu nehmen- schienen-. Aber in der Trunkenheit kaufte Hans Wald und verkaufte Wald und verlor immer dabei, bis der alte Herren- sitz eines Tages unter den Hammer kam. So geriet Hans auf die Landstraße, wanderte von Hof zu Hof mit seiner Welt von einem Sack auf dem Rücken-. Und von dieser Zeit an war es, daß die Leute sich seiner entsinnen konnten. Der alte Hans vom Norden der Wälder hatte sich auch einmal verheiratet. Das geschah auf der Landstraße mit einem Kind der Landstraße und nach Landstraßenart. Wenn ihn jemand fragte, wo die Gurine— so hieß das Weib— ihm angetraut worden war, antwortete er kurz und bündig:„Unterm Wachholder bei Lange- landslau", einem Höhenzug weit im Westen der großen Heide. Sie war just keine bezaubernde Schönheit, die Gurine. Aber er hatte sie doch gern. Und er konnte manchmal ordentlich eifer- süchtig werden, wenn sie mit anderen Leuten von- der Landstraße zusammeirtrafen. Gurine konnte bei solchen Gelegenheilen ihre angeborene Landstreichcrnatur nicht gut verleugnen. Und Hans, der ja von einem ganz anderen Menschenschlag abstammte, suhlte sich fremd und- beiseite gesetzt. Oft kam er in Schlägerei mit per- mcintlichen Rivalen. Tann teilte er Hiebe aus und empfing Hiebe, seiner Herzallerliebsten wegen. Mit den Jahren kamen sowohl er wie sein Weib in ruhigere Verhältnisie. Denn die Häßlichkeit ihres Antlitzes und ihrer Augen wurde dermaßen abschreckend, daß keiner mehr Lust hatte, niit ihr zu spaßen. Und trcuscst an Leib und Seele wanderten die beiden von Hof zu Hof. Er voran, mit seiner Welt von einem Sack auf dem Nücke», sie watschelnden Ganges hinterher, o-beinig und krumm, an einem langen Stab von Föhrenholz. Sie machten nicht jeden Tag weite Wege. Sein Sack war schwer zu tragen, und das verzögerte die Wanderung um ein gut Teil. Und Gurinens Beine waren schwierig zu handhaben, selbst für sie, die doch von Kindheit an daran gewöhnt war, diese ihre Gehwerkzeuge zu gebrauchen. Zahnlos wurde sie auch mit der Zeit, wie es sich gehört für so ein altes Weibsbild. Die übermütige Jugend sagte, daß der alte Kerl in ihren letzten Lebensjahren für sie kaute. Wenn es Sommer wurde und schönes Wetter— so recht heißer Sonnenschein— machte Hans ein Zelt aus seinem Sack. Setzte sich da hinein auf seinen Schemel und fühlte sich pudelwohl. Leute, die vorbeigefahren kamen, fragten Gurine, die draußen in der Sonne saß— was sie gut vertragen konnte—, wo denn der Hans wäre? .Er," sagte sie und wälzte den Kops zur Seite,.er fitzt in seinem Sack." Mit dieser Antwort begnügte man sich. Die Leute fragten ja auch nur zum Spatz. Gurine starb. Und Hans tat jahrelang nichts anderes, als daß er trauerte. Und nachdem er lange genug getrauert hatte, tat er auch nichts weiter. Da sagte die übermütige Jugend wieder: „Ter alte Hans vom Norden des Waldes ist arbeitslos, seit die Gurine tot ist, denn nun hat er keine mehr, der er was vorkauen kann." Seine Spezialität war und blieb, alt zu sein. Es ging nicht an, zu sagen, daß er alterte, denn das war ein längst zurückgelegtes Stadium seiner Lebenszeit. An einem Ostersonnabend erkrankte der alte Hans auf einem Bauernhof. Er saß lange still auf seinem Schemel am Ofen und streckte die Glieder dem Feuer zu. Es wäre so unmäßig kalt, meinte er. Dann kroch er auf seinen Sack und blieb dort im Halbschlummer liegen. So lag er während des ganzen Osterfestes. Eines Morgens richtete er sich auf und starrte umher. .Ich fange an, alt zu werden jetzt. Aber immer noch bei Kräften übrigens," sagte er und schlummerte wieder ein. Am Abend desselben Tages schloß er die Augen für immer. Die Hnfängc der'Cecbnih. Von K. W e u l e. II. So ist der Mensch zur Technik gekommen; ohne angestrengtes Nachdenken zwar, von dem wir bei allen ursprünglichen Erfindun- gen wohl absehen nnissen, aber keineswegs doch ohne die Notmen- digkeit des Vergleichs und des Rückschlusses. Logisches Denken ist auch für unseren frühesten Vorfahren bereits eine Pflicht gewesen; eben dadurch erst hat er sich den Ehrennamen des Honio sapiens (der wissende Mensch) erworben. Und zwar muß diese Denkarbeit alle Teile jener werdenden Menschheit belastet haben. Unter den Naturvölkern von heute zeigen sich bestimmte Unterschiede des Kulturbesitzes insofern, als die Bc- wohner des Nord- und des Südrandcs der Oekumene, der vom Menschen bewohnten Zone zwischen den beiden Polarkalotten, die Eskimo in Nordamerika, die Lappen und Samojeden in Nord- europa, die Ostjaken, Jakuten. Nukagiren, Korjaken, Tschuktschen und Tungusen am Nordrand Asiens, die Australier, Buschmänner und Feuerländer in den Südspitzcn der Kontinente, hinsichtlich ihres allgemeinen Kulturzustandes keineswegs hoch stehen, jeden- falls nicht höher als die Neger, Indianer und Ozeanier. Dahin- gegen zeichnen sich die Waffen und Geräte der meisten von ihnen und insonderheit der Eskimo durch eine solche Zweckmäßigkeit des Baues und der Wirksamkeit aus, daß man sich erstaunt fragen mutz, wie denn gerade diese ärmsten, in die unwirtlichste Oede Hinaus- gedrückten zu einer solchen technischen Fertigkeit gelangt sein können. Was der Eskimo mit den einfachsten Werkzeugen aus den kümmerlichsten Materialien an Fang- und Jagdwaffcn, Harpunen, Wurfspeeren u. dgl., an Schneeschuhen und Schlitten zu kon- strniercn gelernt hat, würde unter den gleichen Umständen und mit den gleichen Hilfsmitteln sicherlich keinem unserer Hand- tocrker gelingen. Ein Kajak mit voller Ausrüstung vollends ist ein wahres Wunderwerk primitiver Technik. Aber auch was die Hvperboreer im Norden der Alten Welt auf diesem Gebiete ge- leistet haben, mutz uns hohe Bewunderung abnötigen. Der Bumerang de? Australiers endlich mit seiner wunderbaren Eigen- schaft der Rückkehr zum Werfer, und der Pfeil des Buschmanns mit seiner überraffinicrten und boshaften Spitzenkonstruktion geben jenen Erzeugnissen der Arktis nicht daS mindeste nach. Die Antwort auf die Frage nach dem Woher dieses Könnens ist leicht gefunden. Es ist der Zwang der Naturumgebung, ihre Härte und Unwirtlichkcit gewesen, was den Menschen zum Erfinder und zum Wciterbildncr einfachster Anfänge gemacht hat. Für unsere diluvialen Vorfahren hat die Sache ganz ähnlich gelegen wie für die Bewohner des heutigen Grönland, des nördlichen Amerika und NordasienS, was für eine ganze Reihe von Autoren Grund genug gewesen ist. den Ursprung und ersten Ansatz unserer heutigen, alle anderen übertreffenden Hochtultur im wesentlichen jenem harten Kampf ums Dasein zuzuschreiben, den in der langen Periode der Eiszeiten der Urenropäer mit dem rauhern Klima und den gewaltigen tierischen Gegnern auSzufechten gehabt hak. So sehr Unrecht dürften diese Autoren nicht haben. Jedoch im Sinne der Kulturentwickelung schlechthin stellen jene ethnographischen Kreise bereit? Sondcrkulturen und damit gewissermaßen lokale Oberschichten dar; auch sie'ugern sich ihrer« seits schon auf jene universale Unterschicht auf, die wir bei allen primitive» Völkern der Gegenwart feststellen können, und die, wie prähistorische Funde aus allen Erdteilen lehren, der Menschheit seit altersher gemeinsam gewesen ist: die Schicht der Kultur« elemente. Deren Grundpfeiler sind nun Stock und Stein: der Knüppel, wie ihn einzelne Tierarten, der Elefant und manche Affen, in Augenblicken hoher Erregung vom Baume brechen oder von der Erde aufgreifen, und der Stein, wie ihn selbst nicht ein- mal hochstehende Affen als Waffe auf d-' gner herabwälzen oder zum Aufschlagen von Nüssen verwende. Tie Basis unserer stofflichen Kultur liegt also weit hinter jener Grenze, die durch den Feuerbesitz gekennzeichnet wird; spezifisch menschlich wird sie eben erst durch den Hinzutritt der Bearbeitung, durch die Technik. Der Rückgang der letzten Verglctscherung im nördlichen Vor- alpengebiet hat vor rund 20 000 Jahren stattgefunden. So weit reicht also unsere geologische Gegenwart zurück. Jenseits dieser Zeitgrcnze liegt der Zeitraum der mehrfach wiederholten großen Berglctscherungen, den Penck auf Grund der in dieser Zeit er- folgten Erniedrigung des Alpengebiets insgesamt auf mehr als IM: Millionen Jahre berechnet. Jenseits dieses Diluviums endlich liegt das Tertiär ein Zeitraum, der so lang ist, daß die Geologen ihn der besseren llebersicht wegen in vier Horizonte geteilt haben, von unten nach oben in das Eozän, Oligozän, Miozän und Pliozän. Die Schätzungen für die Aufschüttungszeit der tertiären Ablage- rungen schtvanken erheblich, doch rechnen sie alle mit Millionen von Jahren. 1907 hat nun der belgische Geologe Rutot wenige Kilometer südlich von Lüttich in Erdschichten, die dem oberen Oligozän an» gehören, Feuersteine entdeckt, die nach seiner Ansicht unzweifelhafte Spuren menschlichen Gebrauchs in Gestalt sogenannter Retuschen aufweisen, kleinen Abspleißungen, wie sie an Feuerstcinsiücken bei den Tätigkeiten des Kratzens, Schlagen s, Schabens usw. entstehen. Sollten diese Steine wirklich Eolithen sein, so werden wir da- mit gezwungen, den Menschen gar bis in das ältere Tertiär zurück zu datieren, will man nicht den Weg Pencks wandeln, der in den einstigen Herren dieser Steine nicht den Menschen, sondern seine tierischen Vorfahren zu sehen geneigt ist. Technologisch steht, wie wir gesehen haben, einer solchen Anschauung nichts entgegen. Wohl aber birgt ein anderer Umstand ein höchst schwieriges Problem in sich. Die Eolithen zeigen von jenem Oligozän an bis inS Diluvium hinein einen kaum merkbaren Fortschritt; sie sind stets aufgelesene Handstücke, die man nach der Abnutzung achtlos fortwarf; vielleicht daß man hier und da bor dem Gebrauch einen unbequemen Vorsprung wcggeschlagcn oder die Gebrauchskante von Zeit zu Zeit nachzuschäcfcn versucht hatte. Ein geistiger Still- stand von solcher Tancr bereitet unserm Vorstellnngsvermögcn un- streitig erhebliche Schwierigkeiten, die auch durch die Erklärung des Paläontologen Jäkel nicht ganz behoben werden. Der Greifs- walder Gelehrte meint, daß die Verlegung des Entwickclungs- schwerpunktes vom Körper auf den Geist beim Menschen auch schon damals erhebliche Unterschiede zwischen den Menschen und dem Tier gezeitigt habe. Zwar habe sich während der eolithischen Zeit z. B. die gesamte Entwickclung der Pferdereihe bollzogen, ober die Nerven- und Gangliensubstanz des menschlichen Gehirns sei �doch ein wesentlich feinerer Stoff, und zu den ersten Flügelschlägen seiner höheren Regung könne das Gehirn sehr wohl mehr Zeit gebraucht haben als zu seiner gesamten späteren Ausbildung. Auch die primitive Fußform der Landwirbeltiere habe sich vom Karbon bis zum Jura, also doch auch durch lange geologische Zeiträume hindurch, fast unverändert erhalten; in den jüngeren Perioden aber seien allerhand Umformungen schnell aufeinander gefolgt. Auch einige interessante ethnographische Parallelen zieht Pro- fcssor Jäkel als Beleg seiner Theorie heran. Bogen und Pfeil haben viele Jahrtausende lang jedem Fortschritt standgehalten; in kaum sechs Jahrhunderten aber find wir von der ersten hilflosen Feldschlange bis zum Maschinengewehr fortgeschritten. Der vom Pferd gezogene Wagen hat seine Urform kaum je gewechselt— heute jagt ein Fahrmittel das andere. In der Jugendzeit des Fahrrads schien das Hochrad unverdrängbar zu sein; später kamen neue Typen fast täglich auf den Markt. Alles zeigte eben, daß das Heranreifen zu einer bestimmten Höhe sehr langsam vor sich geht, daß aber nach der Erreichung dieses Endzustandes dann die Mög- lichkei! rascher Umgeitaltung und Differenzierung gegeben ist. Für die menschliche Kmlturentwickelung scheint dieses Gesetz durchaus zu gelten: auf jenen unendlich langen tertiären Be- harrungszustand folgt das Diluvium mit einer solchen Fülle von Formen technischer Erzeugnisse, daß unsere PräHistoriker Mühe haben, diesen Reichtum chronologisch und tvpologisch zu sichten und zu ordne». Dabei ist aus jenen frühen Zeiten im wesentlichen doch nur das steinerne Gerät erhalten; das bei weitem meiste des aus Holz, Knochen und Horn Gefertigten ist dagegen vergangen.ind verschwunden. Wie bunt würde das Kulturbild dieses Eiszeit- menschen erst mit ihrer Erhaltung vor unser Auge treten! Allein im Hinblick aus diese llnvergänglichleit der Mineralien sprechen wir von diesem ältesten Zeitraum der menschlichen Kultur als von cin;r Steinzeit. In Wirklichkeit wird das Verhältnis zwischen steinernen Waffen und WerTzeugen und solchen aus Holz. Horn. Muschel. Knochen u. dgl. kaum anders gewesen sein als bei den steinzeitlichen Menschen der Gegenwart oder einer doch nur wenig zurückliegenden Vergangenheit. Das sind die Urbewohner Amerikas, von"denen nur die vorkolumbischen Kulturzentren von Peru und seiner Nachbargebiete, von Mittelamerika(Azteken, Maha usw.) und die Bewohner des Gebietes der großen Seen Me° taste kannten; das sind ferner die Bewohner Australiens und des Stillen Ozeans und bis zur Eroberung Sibiriens durch die Russen auch manche der Hyperboreer. Gegenwärtig sind die ursprünglichen Verhältnisse bei allen diesen Völkern bereits stark verwischt, doch geben wenigstens unsere ethnographischen Museen noch ein gutes Bild der alten Zeit. Pflichtschuldig muß man da gestehen, daß der Stein als Klinge für Axt, Hacke und Messer zwar sozusagen nicht fehlt, daß er andererseits jedoch keineswegs beherrschend hervor- tritt. Herrschend sind vielmehr bei den Steinzeitvölkern der Tropen Holz und immer wieder Holz, bei denen der Arktis der Knochen. Zur Erklärung der auffallend großen Massen von Stein- geraten, die in unsere Urgeschichtssammlungen gewandert sind, muß man zunächst die immerhin beschränkte Vcrwendungsdauec eines solchen Stückes, vor allem jedoch die lange Dauer der jüngeren und noch mehr der älteren Steinzeit in Rechnung ziehen. Die Technik der Steinbearbeitung ist zunächst nichts weiter als eine bloße Weiterführung des tertiären Aneinanderschlagens zweier Feuersteinstückc. Aus den erzielten Splittern suchte man sich dann heraus, was man für seine Zwecke hrauchte. Erst nach und nach wird die Arbeit zielbewußter geworden sein; unter Be- rücksichtigung der immer besser erkannten Strukturverhältnisse des Materials hat man begonnen, beim Schlag bestimmte Richtungen zu bevorzugen und erprobte eoliihische Gebrauchsformen absichtlich nachzubilden. Dabei ist der Mensch in den verschiedensten Erd- gegenden zu einem förmlichen Universalinstrument gelangt, einem derben Steinkeil von der Form einer Mandel, der ungesticlt gehandhabt wurde, dessen Kante aber dabei in fast allen ihren Teilen verwendbar war. Das ist der berühmte Faustkeil von Chelles, einem Fundort in der Nähe von Paris, nach dem man die gesamte Kulturstufe als Chclleen bezeichnet. Er ist, je nachdem man ihn anfaßt, als Bohrer. Schaber, Kratzer, Messer, Hammer, kurz, zu so ziemlich allen Gcbrauchsmethoden verwert- bar. die für den Steinzeitmcnschen in Frage gekommen sind. An diesem Chelleenkeil ist zweierlei bemerkenswert: erstens, daß man gerade ihn so lange für das älteste Kulturelcment der Menschheit hat halten können; sodann, daß er in so vielen Teilen der Erde wiederkehrt. Jene erste Ansicht hat tatsächlich bestanden bis zum Aufkommen der Eolithenlehre, also bis in die letzten Jahre hinein. Zwar hatte der Franzose Gabriel de Mortillet, der Begründer der gesamten altsteinzeitlichen Typcnlehre überhaupt, die Forderung des tertiären Vorläufers sowohl des Menschen wie auch des Chclleenkeils bereits seit langem erhoben, doch fehlte ihm jenes erdrückende Tatsachenmaterial, das in unseren Tagen den Belgier Rutot zum Hauptträger der neuen Lehre gestempelt hat. Trotz alledem bleibt es erstaunlich, wie man ein Instrument, das ästhetisch wie technisch gleich vollkommen erscheint, auch nur einen Augenblick lang als den Anfang jeder menschlichen Steintechnik hat ansehen können. Man darf angesichts beider Vorzüge vielmehr mit voller Seelenruhe behaupten, daß der Weg, den die Mensch- iheit vom ersten wirklich beabsichtigten Schlag bis zur Vollendung ldeS Chclleenkeils zurückgelegt hat. ungleich länger gewesen sein wird als der Weg vom Chelleen bis zur hydraulischen Riescnprcsse im modernsten Stahlwerk- Die andere Eigentümlichkeit der weiten Verbreitung des Chelleenthps schneidet ohne weiteres wieder die Frage nach der selbständigen Erfindung oder der Entlehnung an. Unsere Kenntnis von den Vorläufern des Chclleenkeils bis ins tiefe Tertiär zurück, sodann der Umstand, daß. die Entstehung der- artiger Formen an keine bestimmte Zeitlage gebunden ist, sondern baß sie bei den Australiern, neben anderen primitiveren und zu- «gleich auch vollkommeneren Formen, noch heute in vollem Gebrauch stehen, während sie bei uns um vielleicht Jahrhundcrttausende zurückliegen, führt uns heute zu einem gerade entgegengesetzten Ergebnis. Wenn, so muß man folgern, dieser Keil nirgends den Ansang darstellt, wenn er vielmehr überall erst das Endglied einer äußerst langen Entwickelungsreihe vom primitivsten Eolithen her- auf ist, so läßt dies nur den Schluß zu, daß seine Wurzeln, genau wie die der gesamten bewußten Steintechnik selbst, bis in die Anfänge des Menschentums zurückreichen. Die Kenntnis ist dann zugleich mit den schweifenden Horden über die Länder hingewan- dert, wobei die einzelnen Trupps. Völker und Raffen sozusagen ganz von selbst, oder richtiger durch ein Zusammenwirken des fast überall gleichen Materials, des gleichen Gebrauchszweckes, vor allem aber der überall gleichgestalteten, den Gebrauch des Werkzeuges vermittelnden Hand auch zu den gleichn Formen gelangt sind. Das ist beim Europäer schon sehr früh geschehen; beim Ostasiaten vielleicht gleichzeitig, oder früher oder später; bei vielen Natur- Völkern erst lange, lange nach jenen. Bei allen aber doch mit der- selben Naturnotwendigkeit, möchte man sagen. Diese Steintechnik mit ihren alten ErzeugniSformen ist also «in wirkliches Kulturelement der Menschheit; es ist ihr allgemein eigen und bringt überall dieselben oder wenigsten? ganz ähnliche Formen bervor._. Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: kleines feuilleton. Literarische?. „Du sollst deinen Geist nicht töten!' Ein Beitrag sur Bekämpfung der Schundliteratur. Von D. Thomas(Frank- ürt a. M., Buchhandlung Volksstimme. Preis 1b Pf.). Der Kampf« ruf gegen die Schundliteratur, seit Jahren von wahrhaftigen Volks« freunden erhoben, hat nie lauter getönt als heule. Alles rüstet sich zum Befreiungskriege, der für die Erlösung des MenschengeisteS unternommen und hoffentlich zu einem großen Siege führen wird. Unter den zahlreichen Alarmschriften, die bis jetzt erschienen sind, steht die obige Broschüre unseres Frankfurter Genossen Thomas wahrlich nicht zuletzt. Ja. sie ist die erste, die die Materie: Schund- literatur vom Standpunkt des sozialistischen Proletariats aufgriff und behandelte. Sie verdient Massenverbreitung schon allein des- wegen, weil Thomas das bereits anderweitig fleißig und reichlich zusammengetragene Anklagematerial in drastisch gewählten Beispielen mit seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen wirksam verwoben hat. Wir erkennen da mit erschreckender Klarheit, wie traurig es hinsichtlich des Lesegeschmacks selbst auch noch in den Reihen organi- sierler Arbeiter bestellt ist, und daß noch gewaltige Aufklärung?- arbeit zu vollbringen ist, bis es Licht wird in allen Herzen und Hirnen. Bei dieser Bildungsarbeit wird das Thomassche Schriftchen sehr gut als Pionier zu verwerten sein. e. k. Kunst. Ferdinand H o d l e r.(Ausstellung bei Paxl Cassirer•) Diese Ausstellung von Werken Ferdinand Hodlers hat unendlich mehr an künstlerischen Freuden und rhythmischen Kräften zu der- geben, als so manche Bilderparade von tausend und mehr Nummern. Sie ist besonders interessant durch die Arbeiten aus der Jugendzeit des Malers. Wir sehen, wie schon in den unbeholfenen Anfängen die Größe dämmert. Er war ein Fertiger auf jeder Stufe seines Reifens. Er malt 1876 das Bildnis einer Frau(6); die Askese, die nur das Notwendigste gibt, die zurückgcstimmte Farbe, der schlichte und doch ganz persönliche Zusammenklang von Grau, Braun und Schwarz, das ist wie ein Keimen des Monumentalen. Oder: ein kleines Bildchen(9), eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß hält und.füttert; die keusche Innigkeit, die zwischen den Figuren webt, das verwaschene Blau der Bluse, das herbe Rosa des Kinderkittels — man suhlt die Anfänge jener Bilder, die das Kind als ein Heiligtum der Welt gestalteten. Zu dieser Art gehört auch(2s) ein Mädchen in blauem Gewand, das auf einer Wies« Blumen pflückt; 1887 gemalt, verheißt es Offenbarungen, wie den„Frühling" von l90l(40). Auf leuchtendem Grün, das mit gelben Blumen besät ist. kniet ein JFüngling, rein und hell wie das Leben am Morgen, sein« Augen sind weit geöffnet, sie schauen das Wunder des Wachs- tums, sein Fleisch ist feucht vom Tau, es spannt sich in Erwartung, die brennend roten Lippen öffnen sich zu einem halb erschrockenen Ruf. Vor ihm ein Mädchen, beinahe noch ein Kind, wie von einer Vision ergriffen, mit geschlossenen Augen, mit gcängsteten Händen den Knaben, den Unbekümmerten, abwehrend, mit all ihren zarten, zerbrechlichen Gliedern den Frühling erlebend. Dies Bild ist wie ein Sakrament des Erwachens aus dem Schlaf des Unbewußtseins zum Musizieren des Blutes. Es ist als Musik, als ein Schwingen von blauen Tönen und suchend sich meidenden Linien zu empfinden. Grobfühlige Leute haben solch seliges Schalmeien wohl ein Haschen nach Effekten und eine perverse Manie gescholten. Sie sind indes tief in Hodlers innerster Natur gegründet. Schon 1887 malte er «in ähnliches Geschehen, den„Dialogue intime", die Zwiesprache eines flüggen Knaben mit dem Licht der Sonne. In Nacktheit hebt sich der herbe Körper, als zögen ihn die sehnenden Hände empor. Diese Hände voll wundervollen Lebens sind wie Stimmen, die blauenden Weben Antwort geben. Die Landschaft, die sich hinten spannt, spielt dazu im zartesten Moll. Eine Welt für sich sind die Landschaften, wie sie Hobler aus der Alltäglichkeit erwählt. Er zeigt«inen See nicht anders als andere Seen, Felsen, die vielen gleichen. Was er aber daraus gc- staltet, ist ein Konzert in Chören. Er malk den Genfersee(44); die blaue Fläche scheint zu atmen, die Ufer umfangen sie wie ein ge- schliffcnes Gesäß; eine funkelnde Klarheit strahlt auf. Er zeigt den jungen Wald(42) und heißt sein Bild..Waldlied"; die dünnen Stämme grau und mild, quellend vom steigenden Saft, raunen und singen ihr Morgenglück, ihren Soniwniraum. Die Blätter wiegen sich leise, gestreichelt vom Wind; die Sonne rieselt: es schwingt ein Jauchzen gläserner Glocken durch die Geburt des Tages. Und dann das Hochgebirge; Hobler malt das� Grollen der Felsen. das Donnern der Lawinen, das Leuchten des Schnees. Er malt die stumme Dramatik des Gesteins, ohne irgend welche Sentimentalität, ohne Lyrik, mit der Kraft des Urgclvächscnen, als die Heimat des Sturmes und der blauen Schatten, die tief hinab bis auf die Sohlen der Täler fallen. st. Br. *) Viktoriastr. 35. Geöffnet von 10 bis 6 Uhr, Sonntags von 16 bis 3 Uhr. Billetts stehen zum ermäßigten Preis von 25 Pf. den Gewerkschaften im Bureau des Gewcrkschaftshauses zur Verfügung. Einzelne Karten werden bei Vorzeigung des Mstgliedsbuches im Zigarrcngeschäft von Sorsch ausgegeben. vorwärtsBuchdruckerc! u-.Berlag»aiistaltPaulSinget,EEv.,BcrlinSW7�