Zlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 217. Mittwoch den 8. Nooember 1911 lNachdruck GecBsttO.} 491 Vor dem Sturm. Noman von M. E. d e l l e G r a z i e. „Zunächst lassen wir die Wiener losgeh'n," erwiderte Graf Pernau.„Ungarn hat schon gesprochen und geht mit Feuereifer voran. Nur noch einige Tage und ein großer, ein vielleicht unblutiger Erfolg der Hauptstädte sagt auch den Provinzen, was ihnen zu tun übrig bleibt. Wir aber mußten wissen, ob Ihr einig seid." „War nit schlecht." lachte einer auf,„wonn m'r irtzt no nit einig war'n!" „'s is nur"— meinte der Ortsrichter. Er hatte sich schon eine Weile herumgedrückt... nun mußte er doch endlich an den Brei heran. „Wos is?" rief Hilmer herüber. „Für den Fall, ols's bei uns a losgeht, oder— oder losgeh'n ku n n t——" „L o s g e h tl" riefen die anderen einhellig. „Mein'tweg'n. Do kcmn i enk do nit einspier'n. Monna!" „No sei so guat!" rief Hilmer entrüstet. „Wonn i ober meine Paragraph' hob' und � mein' Eid?" „Woaßt was?" brach jetzt Jüry los.„Renn glei auf Znoam oder zu der Herrschost und zoag's on." „Ihr müßt Eure Stelle als bisheriger Ortsrichter natürlich niederlegen," erklärte Graf Pernau.„Obwohl es dann vielleicht keine Regierung mehr gibt. Wenigstens d i e nicht, der Ihr den Eid geschworen. Und wenn das neue Ge- Meinwesen Enck wiederwählt—" „Kunnt uns einfoll'nl" murrten die Bauern durchein- nader.„Wonn er irtzt schon mit'n Monderln moch'n onfongtl" „Das— kann doch eine Gewissenssache sein, nicht?" warf Graf Pernau ruhig ein. „Wöhr isl" gaben einige kleinlaut zu. „Woaßt wos?" lachte Hilmer,„nachher hau'n m'r die glei am ersten Tog außa. Dem Stöck'n mit'n kaiserlichen Odler braucht jo deßtweg'n nix g'scheh'n." „Dös hob i wiss'n woll'nl" entgegnete der Ortsrichter. Er war wieder völlig beruhigt. „Wer hätt' dös ober denkt. Monna l" rief plötzlich der alte Zöllner dazwischen. „Wos denn?" „No. daß'n Hilmer sein Student s o l ch e n e Briaf schreib'n kunnt l" „Z'weg'n we war'r denn in der Studi?" „Dös schon! Ober der Briaf..." Der alte Hilmer strahlte.„Nit wahr? Der Briaf! Won-n si der Bua auf d' Konz! stellert— i moan— der haut's a'n Pfarrer obi...?" „Natürli haut''rs eahm obi," nickte Zöllner überzeugt. Und da war nicht einer, der ihm nicht recht gegeben hätte. Wie eme große Ruhe kam es über die Väter, die auch Söhne hatten und darunter Studenten. Wie war man sonst um jeden Rat zum Pfarrer gelaufen, hatte gefragt und ge forscht und zuletzt doch nie zu handeln gewagt I Nun hatte der Herr die Jugend des Volkes berufen und auf ihre Lippen das Wort gelegt, das das Volk befreien sollte. Grafen halfen den Bauern— Jünglinge taten, was schon lange den Männern zugekommen wäre und doch keiner all dieser Männer gewagt. Der alte Glück hatte recht: es war eine gewaltige Zeit, die nun anbrach! Als Jüry heimkam, fiel es ihm erst auf, daß er seinen Vruder Hannes nicht auch beim Hilmer getroffen. Trauten ihm die anderen nichl oder hielt er sich absichtlich ferne? Einerlei. Jürn wollte dahinter kommen. So nahm er nach dem Abendbrot wieder einmal den Weg zu Hannes. Nach langer, langer Zeit zum erstenmal. Nach dem Tod der Anna- liefe war Hannes fast jeden Abend bei ihm erschienen, hatte versucht, ihn durch seinen Zuspruch aufzurichten, durch den Hinweis auf die göttliche Gnade, die seiner Meinung nach, sich gerade in solchen„Prüfungen" am meisten der Seele des Menschen nähere, ihm Stärkung und Haltung zu geben. Um« sonst. Jürys Schmerz war und blieb ein unversöhnlichere So kam zu dem Leid, das ihm widerfahren, noch ein anderil hinzu: die Erkenntnis, daß er und der Bruder sich im Inner» sten fremd geworden. Hannes hatte es längst gefühlt, abe» gerade in diesem Schicks« lsschlag einen Fingerzeig des Herrn gesehen, sich dem so geliebten Bruder wieder zu nähern. Nu» zu bald erkannte er, daß Jürys Empfindung sich noch weite» von ihm entfernt hatte. Und als er gar merkte, daß sein Zu» spruch dem Bruder nicht bloß kein Trost war, ihm vielmeh» nur noch tiefer in den Trotz wider Gottes Fügung hinein« führte, blieb er aus. Er war in der besten, der christlichsten Absicht gekommen, hatte wochenlang dem Unmut Jürys stanV gehalten, der sich zuletzt immer wieder gegen Gott selbst kehrte, Aber dies alles noch länger anzuhören, durch sein Erscheinm» sozusagen noch heraufzubeschwören, wäre ihm als eine große Sünde erschienen. So war er endlich ausgeblieben. Als Jüry bei dem Bruder eintrat, fand er die ganz« Familie beisammen� Hannes wirtschaftete mit! feinem Schwiegersohn, während seine Söhne auf den Höfen saßen« die sie mit ihren Frauen erheiratet hatten. Hannes Lieblingskind aber war seine einzige Tochter. Annamarie. Fromm wie der Vater, still und geduldig wie die Mutter, waltete sie im Haus, hatte für jeden ein liebes Wort, ein freundliches Lächeln, sorgte und mühte, sich, auch wo es nicht nötig war. Auch Annamarie hatte einen Erb- berger zum Mann und der Voter selbst hatte ihr den Gatten ausgesucht. Denn der Mann, dem er seine„Annamirl" geben wollte, mußte auch„donoch" sein. Hannes hatte in seiner Sorge eine gute Wahl getroffen, vielleicht die beste ringsum. Der junge Mallner war ein ernster, frommer Bursch gewesen, dazu ein ganzer Mann. So gab es eine glückliche Ehe, deren Friede wie ein immerwährender Sonnenschein aus den großen blauen Kinderaugen der Annamarie zu strömen schien. Denn alles liebte sie— allen wußte sie Mutter zu sein. Nie kam ein böses Wort von ihren Lippen, selbst unter der Not der schwersten Arbeit fand sie noch ein heiteres Lächeln, einen freundlichen Gruß. Frühmorgens die erste auf den Beinen. die letzte, wenn es zur Ruhe ging, hielt sie Wohl und Wehe und Blühen und Gedeihen des Hauses warm und sorglich in ihren festen, treuen Händen. Jüry wußte, daß Annamarie mit ihrem ersten Kinde schwanger ging. Drum war es ihm nicht angenehm, den Hannes im Kreis der Seinen zu finden. Was er mit dem Bruder zu besprechen hatte, taugte nicht für Weiberohren, zuletzt für die frommen der Annamarie. Aber da saßen sie alle beisammen, wie es eben so Brauch war um diese Zeit. Die Annamarie spann. Hannes schmauchte seine Pfeife, der Schwiegersohn saß am Tisch und las aus der „Legende" vor. Die alte Bäuerin aber stichelte an einem Kinderhemdcben herum. Sie ließ es sich nicht nehmen, die Wäsche des künftigen Enkels selbst vorzubereiten. „Guat'n Obend," sagte Jüry. als er eintrat. „Jessas, der Jüry!" rief die alte Bäuerin erstaunt. Hannes fuhr mit einem jähen Ruck empor. Seine Freude. den Bruder wieder bei sich zu fehen, war groß und echt. In der Kirche konnte man ja nicht viel reden miteinander, und im Winter kam man so wenig hinaus: traf sich nicht wie sonst auf Wegen und Stegen. Nun war der Vruder selbst ge» kommen! Vielleicht doch wieder der Alte! Mit offenen Armen ging ihm Hannes entgegen:„Doß D' nur wieder amol do bist!" Jüry sah den Vruder an, ließ den Blick über die WeibS- leute und den Schwiegersohn geh'n.„Drei san zuviel do," dachte er. Aber— er konnte ja wenigstens eine Stichprobe machem Hilmers Hof lag dem seines Bruders näher ali Jürys Haus.. Das gab eine gute Einleitung. „J bin an Sprung beim Hilmer d'rcnt g'west," begann Jüry langsam,„do wollt' i nit vorübergeh'n...." Wieder glitt sein Blick über Hannes und seinev Schwiegersohn, sor- schend, leise fragend.„So. sc, beim H.lmer," sagte Hannes gleichgültig.„Zweg'n we denn?". Also wußte er nichts! Und Annamaries Mann, der dort eben so ehrfürchtig die„Legende" zuklappte---- Nein, auch er hatte keine Ahnung! -.,Z' frumm san f eahna g'west" jachte Jury.„To fioli'n s' eahna erst nix g'sogt." Zu frumm— o ja! Auch bei ihm war einmal dieser friede wie fühlbar durch die Stube ge- schritten, wie ein Hauch Gottes in der Luft gelegen, die man geatmet. Nun war es damit vorüber. Tie Frage des Bruders überhörend, ließ er sich müde auf die Ofenbank falle!?. Was wollte— was suchte er eigentlich hier? Verraten durfte er nichts, und für das, was in seiner Seele nach Teilnahme schrie, fand er hier zuleht ein Verstand- nis. Stand der Stuhl, auf dem Hannes saß, wirklich nur auf Handbreite von ihm? Wenn Jüry daran dachte, woher er kam, was er soeben gehört und worauf die Welt draufzen sich vorbereitete, schien es ihm, als läge ein Abgrund zwischen ihm und dem Bruder. Plötzlich zuckle er zusammen. An dem Wandrechen ihm gegenüber hing ein Gewehr— ein wirkliches Gewehr! Seit Wochen zergrübelte er sich den Kopf, wie er zu einer Feuer- waffe gelangen könne, nun hing die Waffe vor ihm, im Hause des Bruders! Hielt seine Augen fest, daß sie gar nicht mehr loskonnten,. So war er doch nicht umsonst gekommen! Und plötzlich wußte Jüry, was er dem Bruder antworten sollte.„?l G'wihr hob' i m'r beim Hilmer ausleih'n woll'n." Hannes sah ihn erstaunt an:„Zweg'n we braucht's denn ös a G'wihv bei enk?" „An Moada(Marder) hob'n m'r," gab Jiiry rasch zurück. „An Moada, der a richtiger Mörder is. Rein nit beiz'kämma is eahm! Und mos i schon oll's'ton hob: Schling'n g'legt und Foll'n aufg'stellt! Oll's umasunst!" „Ober Veder," rief der junge Bauer dazwischen.„Mos geht's denn do erst zum Hilmer übri? A G'wihr hob' i selber!" „Was D' nit sogst!" tat Jüry erstaunt. „Do hängt's do vor Deiner," lachte Hannes.„Ober zweg'n we host'n nit d' Herrschaft d'rum ongonga?" «Weil i nit mög'n hob'," gab Jüry verbissen zurück. „Jüry. Jüry," meinte Hannes kopfschüttelnd,„dös is a Red', die D'r koan Glück'brocht Hot." „I brauch' a koan's mehr," lachte Jüry rauf. „Wia's D' moanst. wia's D' nioanst. Und dös G'wihr kannst natürli hob'n. Ter Schwieger hot's jo grod deßtweg'n von Erdberg übrig'holt, wia mir den Moada g'hobt hob'n. Ober z'weg'n dem hob'n mir'n do nit'trosf'n. Bis's Grof'n sein Leibjäger a Foll'n aufg'stellt Hot. Der Heiner, der kennt si dabei aus und tuat's gern. Nur's Fell muaßt eahm loss'n." Jüry sah den Bruder an und lächelte in sich hinein mit einem Blick, der sich vor den anderen scheu verkroch.„A na. um dös Fell is m'r dösmal selber z' tuan. So a Moada is a gor rarer Fong." „Wia's D' moanst," erwiderte Hannes arglos.„Ober ..> konnst'n no umgeh'n mit an G'wihr?" „Dös lernt ma do bei den herrsckwstlichen Treibjagden," lachte Jüry zurück.„Und Du Host mir's jo a oft gnua zoagt...." „Nocher nimm's holt? D' Schrott und's Pulver häng'n im Beut! doneb'n.'leicht san a a poor Kugeln drin.... Und wonn's dös Miestvieh d'rwischt Host..." er trat an den Rechen, langte Waffe und Munition herab und reichte beides dem Bruder. „Freili," nickte Jüry,«nocher schick i enk's glei wieder uma----"■ „Dös hob' i nit sog'n woll'n!" entgegnete Hannes.„Daß D' nur nit am End' wieder an Verdruß kriagst mit der Herr- schaft. Du host amol kan Woff'n paß und wenn irtzt der Gros hoamkimmt—" Jüry hatte Mühe, dos Gewehr festzuhalten, so heftig be- gannen plötzlich seine Hände zu zittern.„Hoamkimmt er irtzt?" stammelte er. Wie im Schwindel griff er nach seinem Haupt.„Dös— dös konn jo nit san. G'rod irtzt..." Hannes sah ihn befremdet an.„Z'weg'n we denn nit? 's wird do„Occuli". Und wonn die Schncpf'n kämman, do is'r jo no nia ousblicb'n. Uebrigens hob' i heunt Sponn- dienst g'hobt im Schloß und do hob' i selber g'hört, wia's d'r Mexikaner'n Heiner g'sogt Hot." (Lortsetzuiig folgt.) (Nachdruck verdsIen.Z �ZusreilZen. Bon I. W. N y l a n d e r. ..Sechsmal muß man Kap Horn umfahren haken, und sechsmal muß man ausgerissen sein, eher ist man kein rechter Seemann", schloß der alte Engkund, von der Großluke aufstehend, wo er mit den übrigen, die von Ausguck und Ruder frei waren, gesessen hatte. Kalle Haegblom seufzte, und unwillkürlich tat ich dasselbe. Weder Haegblom noch ich waren jemals um Kap Horn gesegelt« und ebensowenig waren wir ausgerissen. Haegblom, der schon ziemlich alt auf See war, hatte seine meisten Reisen auf Holz- galeassen nach Stockholm und Neval gemacht, und es gehört gewiß zu den Seltenheiten, daß Leute von Holzgaleasten ausreißen. Was mich betrifft, so hatte ich noch nicht einmal Gelegenheit dazu gehabt. Vorläufig war ich noch Teckjunge, erst zum zweiten Male unterwegs auf meiner ersten Tour nach Amerika mit der „Esmcralda", jener alten Abo-Barke, von der ich früher schon er- zählt habe. Nun aber kam die Gelegenheit. Ter alte Englund hatte eben von all seinem Ausreißen er- zählt und uns eine Ahnung davon gegeben, wie es sein müsse, mit Norwegern oder Amerikanern, Engländern, Holländern und Deut- schcn zu segeln. Mouatsheucrii fünfmal so groß wie unsere, und Essen— alles hermetisch gekocht, und Kartoffeln und frisches Brot. einen um den anderen Tag an Bord gebacken! Tos war eine andere Sache als hier. Aber das Herrlichste von allem mußte doch sein, ordentlich in die weite Welt hinauszukommen und mit aus- iöndischen Schissen I Wunderbare Sehnsucht! Als ich noch klein war und wir im Sommer draußen in den Schären wohnten, war ich fast krank, wenn ick Odert und Kristian die Segel hissen sah, um mit Fischen nach Helsingfors zu reisen. Und hatte ich sie einmal begleiten dürfen, und wir trafen im Fahrwasser Galeassen, die breit und ruhig mit ihrer Holzlast hoch über die Reeling aufgetürmt ihren besonnenen Gang auf Stockholm oder Reval zugingen, so dachte ich: eine Holzgaleasse, so eine recht feine, grüngcmalte, mit weißen, Birkenholz hoch aufgestapelt auf Deck, müßte docd das Stolzeste sein, was man auf dem Wasser findet! Wie glücklich und be- neidcnswert, damit fahren zu lönnenl Aber als ich nun endlich an einem Sommerlage— ich war eben elf Jahre alt geworden— zum ersten Male über dos Alands- Meer fuhr und ein großes, stolzes Schiff mit vollen Segel» aus dem Bottnischen Meer kommen sah. bcgleilete ich es mit sehnsuchtsvollen Gedanken, bis ich nur noch ein Pünktchen sehen konnte, cha. wo das Alands-Meer aufhört und die Ostsee anfängt. „Der fährt in die Nordsee oder ins Mittelmeer mit Planken- ladung", sagte der Schiffer, der behaglich seine Pfeife rauchte, die Arme auf einen Holzstapel gestützt, mit dem selbst der Gang vor der Kajüte noch gefüllt war. und fast mit Ehrerbietung fügte e» hinzu:„Das ist ein Kaufsahrteifahrerl" Nordsee— Mittelmcerl Ja. das ließ sich hören, und dazu auf einem richtigen Kauffahrteischiff I— So geht es allmählich immer weiter. Als Deckjuuge auf der zweiten Reife weiß man ja noch gar nicht einmal, daß man. um sich auf der See zufrieden zu fühlen, recht weit hinaus kommen muß. am liebsten nach Ostindien, Australien oder Ellina oder noch weiter, und auch mit Ausländern— man weiß nichi, daß man niemals zufrieden ist. Sechsmal um Kap Horn und dreimal ausreißen I Wie großartig es lauten würde, wenn man nach einigen Jahren sagen könnte:„Als ich von der„Esmeraida" in Pensacola ausriß, ging ich mit einem Holländer nach Ostindien", oder:„Auf der und der Reise fuhr ich zum fiebenien Male um Kap Horn." Sechs Schläge von der Glocke des Rudermanns tönten durch die Nacht und weckten mich aus meinen Träumereien. Es war meine Stunde am Ausguck, aber ehe ich hinausging, sprang ich noch ins Logis, um mir ein Häppchen Brot zu holen. Während des Ausguckcns auf einer Brotrinde zu kauen war bei mir zur Gc- wohubeit geworden, zur üblen Angewobnheit könnte man vielleicht mit größerem Rechte sagen, jetzt, wo man gezwungen worden war. von der Brotration abzuknappen. Mein Brotbeutel, den ich selbst mir aus altem Segeltuch genäht hatte, war schon fast leer, und bis zur nächsten Austeilung waren es noch zwei Tage. Auf diese Tascke hatte ich mit zierlichen Buchstaben unter meinen Namen geschrieben:„der ausgezeichneten Appetit hat." Diese Inschrift hatte mir eine Ohrfeige eingebracht.—«DaS ist Schikane gegen die Reederei", sagte der zweite Steuermann. ein Schwager des Kapitäns, und dieser seinerseits war wieder ein Schwestcrsohn von einer Cousine des Hauptreeders. Und damit holte er aus, daß es mir im Kopfe sauste. In Wirklichkeit war es diese Ohrfeige, die mich mehr als irgend ctwaS anderes bestimmte. auszureißen. Lundström, der älteste von den Leichtmatrosen, war mein Vor- gänger am Ausguck. Am vorhergehenden Abend hatte ich zufällig gehört, wie er und«in paar andere überlegten, oaß sie die „ESmeralda" verlassen wollten, sobald wir nach Pensacola kämen. „Wenn Du nun in Pensacola auskneifst, auf was für eine Art Reise willst Du dann gehen?" erlaubte ich mir Lundström zr» fragen, als ich ihn am Ausguck abgelöst hatte. „Ach, das kann mir ziemlich gleich sein", antwortete er gleich- gültig,„schlimmer als hier bekommt man's schon nicht." Ich konnte nicht begreifen, daß sein Sehnen nicht ebenso wie daS meine in die Weite ging, nach Ostindien oder Australien. Ter untergehende Mond warf eine breite, glitzernde Lichtstraße über die tociße Wasserfläche des mexikanischen GolscS, dessen gleich- mäßige Dünungen kaum gekräuselt wurden. Die Rächt war ein- schläfer nd warm, und der letzte Hauch des ersterbenden Windes fühlte sich wie der weichste Flaum an Gesicht und Händen. Blan war versucht, danach zu greifen, ihn festzuhalten und seine Lieb- kosung zu erwrdern. Unruhig jagten meine Gedanken weiter nach dem ersehnten Meere, nach der Befreiung, nach neuen Reisen; aber die„Esme- ralda" ging langsam ihren sicheren Kurs, schwer und ernst wie die Wirklichkeit. »» Einige Wochen später, genau um dieselbe Nachtzeit, waren wir fast sämtlich aus dem Logis von der„Esmeralda" in dem niedrigen, verräuchckten Saale eines Hauses in einer der Vorstädte von Pensacola. Kisten, Säcke und Bändel lagen unordentlich vor der Tür. und hinter einem grasten Tische mitten im Zimmer, der mit Gläsern und Flaschen besetzt war, stand ein starkknochiger, roter, dicker Mann mit aufgestreiften Hemdärmeln und gast Bier aus einer Blechkanne in die grosten, plumpen Gläser. ..Noch ein Glas, Jungeus, ein Hoch auf Amerika und die Freiheit I Von nun an sollt Ihr ein anderes Leben zu sehen be- kommen. Pfui, ist denn das etwas für Seeleute, hungern und sich zuschandcn pumpen auf so einem alten Rattennest wie Eure „Esmeralda"? Das ist ja der reine Selbstmord, eine wahre Schande ist's I Seht her— zum Wohle allerseits!— Ach was, leg die alte Pfeife weg", wandte er sich kameradschaftlich an Lundström, „hier, nimm eine Zigarre, da steht ja die Kiste— taugen sie vielleicht nicht? Hier in Amerika dulden wir keine Knauserei I Hahaha, kann mir denken, was der Schiffer für ein langes Gesicht ziehen wird, wenn er morgen früh die Bude leer findet. Hahaha, schade, daß der Alte nicht mitkam, da wäre das ganze Nest leerl" Mit dem Alten meinte er Englund, der sich nicht zum Aus- reisten hatte überreden lassen. Lundström hatte schon stark ge- trunken und fing an laut zu prahlen, während er plump und«»- geübt seine Zigarre anzündet?„EVr Schiffer, ja, der wird grün und gelb werden! Prosit, Larson. Du hast recht, eine Sünde ist's und Selbstmord, sich für dreistig Kronen monatlich zu schunden zu pumpen, und eines Tages platzt der ganze verrottete alte Kasten— was hat man donnl" Haegblom und ich fasten für uns allein in einer Ecke. Wir waren beide nicht an das bittere Bier und die starken Zigarren gewöhnt. Ich fühlte mich müde, hungrig und Mullas, und es schnitt mir ins Herz, dast Lundström unsere„Esmeralda" einen allen verrotteten Kasten schalt. Die Unruhe und Spannung, als wir lautlos unsere Kisten in Larsons Boot herunter sierten und im Dunkeln leise zwischen oll den Schissen auf der Reede dahin ruderten, ergriff mich»>>t erneuter Gewalt. „Wenn sie sich nur eiwa? ruhiger verhielten", flülierte ich Haegblom zu.„Lundström schreit ja, als wäre er toll. Denk nur, wen» man uns nachspürte." „Ach. diese Nacht schlafen sie wohl sanft auf der„Esmeralda", enigegnetc er.„aber morgen wird der Kapitän sich vermutlich auf die Polizei begeben." Larfon hatte wieder alle Gläser gefüllt, und die ganze Gesell- schast trank sich zu. „Nun. ihr Kerls da", rief er. als er Haegblom und m,ch cnt- deckte, die immer noch etwas abseits sasten,—„taugt das Vier etwa nicht? Amerika soll leben!" TaS Wort.Kerl" übt ja stets eine erhebende Wirkung auf einen Sechzehnjährigen aus. Ich fliest mit Larion und den Käme- roden an. Das Gefühl von Freiheit und Glück machte mich offen- herzig und redselig, und alle mustten lachen, als ick erzählte, dast ich, gerade ehe wir ins Boot hinabgingen, mich in die Kajüte ge- schlichen und meinen leeren Brotbeutel mit der Inschrift von nicniein guten Appetit an den Schlüssel von des zweiten Steuer- manns Kabinentür gebunden hatte. Von nun an taute ich aus und konnte besonders Larson gegen- über mein Herz erleichtern. Er war ein Gentleman und hatte mich gebeten, ihn mit„Du" anzureden. „O ja, mit einem Holländer nach Ostindien. daS lästt sich hören", sagte er, nachdem er mich aufmerksam angehört und mich auf die Schulter geklopft hatte...Uebrigens pastt das ganz samoS, hier liegt einer, der in einer Woche segelklar ist, und ich soll die ganze Besatzung mustern." Beglückt und dankbar drückte ich ihm die Hand, und wir fiiesten von neuem an. Als wir gegen Morgen, nachdem noch viel gesungen und manches Glas Bier geleert war. die Treppe zu unserem Sch!af- zimmer im obersten Stock hinausgingen, sonnte ich es nicht tosien, im Uebermah meines Glückes Haegblom in den Arm zu kneifen: „Haegblom, ich segele mit einem Holländer nach Ostindien, willst Du mit?" � � Endlich war der Ostindiensahrer segelklar, und wir hatten gc- mustert, oder richtiger, Larson hatte aus Borsicht, wie es Brauch und Sitte war. drei andere aus dos Seemannsamt geschickt an Lundströms, Haegbloms und meiner Stelle. Aus der einen Woche waren drei geworden. Tie gepriesene Freiheit bedrückte uns schon lange mit der Bleischwere des Müstig- gangs. Unsere Kameraden von der„Esmeralda" hatten alle längst gemustert �und waren zu den verschiedensten Zeiten, spät abends oder bei Tagesgrauen, an Bord gebracht. Unaufhörlich strömten neue Gäste ins Haus oder wurden sortgeschickt. Es war wie ein fortwährender Strom, aus dem, wie ein nimmer verstummendes Brausen, Erzählungen laut wurden von elender Kost und schlechter Behandlung, von lecken Kähnen, kärglichen Monatsheuern und ver- kürzten Freiwachen. Haegblom wurde indessen ängstlich und beschlost, die erste beste Stelle anzunehmen, die sich ihm böte. „Hab doch Geduld," meinte Lundström,„eine Monatsheuer wird jedenfalls bei der Musterung abgezogen, und die können wir doch ebensogut hier aufessen, als Larson alles zurücklassen." Und damit lieb er sich wieder einen Dollar von Larson und bot Bier aus, während die Karten gemischt wurden. Haegblom beruhigte sich also wieder und wartete, wie ich, auf den Holländer. Und nun sollten wir endlich an Bord gehen. Man sagte, dast die«Esmeralda" noch im Hafen läge und mit Laden beschäftigt sei, und dast der Kapitän mit aller Anstrengung uns nachspürte. Gröstte Borsicht war daher geboten. „Heute abend um neun Uhr ist's finster wie in einem Sack, da gehen wir", sagte Larson.„Ich werde Euch selbst an Bord bogleltcn." llnten in dem niedrigen, raucherfüllten Saale wurde noch ein Glas zum Abschied geleert, und Bekannte wie Freunde schüttelte» uns zum Abschied die Hände. „Prosit!" sagte Larson. der milde und hochgestimmt mit seinem Glase ringsum g>ng, indem er mit mir anstiest.„Glück auf der Ostlndienroscl Guck auch wieder bei mir ei», wenn Tn zurück- kommst, und schreit, einmal, wenn Du Zeil und Lust dazu hast. So. Jungcns, nun marsch!" Dicht neben dem Hause lag die Schiffsbrücke, und bald schost die kleine Jolle, von Haegblom und niir gerudert, sowie von LarsonS sicherer Hand gesteuert, nach der Reede hinunter, wo sie Anker- laiccnen der Schisse lange, regelmäßige Licht! iinen bildeten. Nicht ein Wart wurde gesprochen. Rasch und ruhig glitt dg? Boot dahin, zuweilen dicht unlcr dem Vordersteven eines Fahr» zeuges Herst reichend. Mein Herz wollte zerspringen vor tausend Erwartungen Ein halblautes:„Riemen ein!" von Larson lies; uns die Rudec einziehen, unS in derselben Minuie glitt vas Pool an die Seite eines großen, schivarzgemallen Barkschisfes Das also war der Holländer! Ich versuchte zu entdecken, ob er weistgestrichene Unter- mästen halte, wie ein Holländer das ja haben soll, alier wir waren zn nahe dran, als dast ich mehr sehen konnte wie das weistgemalle Geländer, über dem einige Personen auf Larsons lautcS:„Schiss ahoi!" zum Vorschein kamen. Eine Leine wurde ins Boot geworfen, und gleich daraus liest man eine Fallreepstreppe nieder. „Guten Alirnd. Kaznlän", rief Larson,„hier haben Sie Ihre Iungensl Hüten Sie sie gntl" Lundström war der erste, der herausging, rch folgte ihm sogleich. Als ich halb oben war, hörte ich ihn schwer aus das Deck nieder- springen,— und in demselben Augenblick rief er mit einem Fluch: „Er hat»ns verkauft, der Schurke!" Ich beeilte mich so sehr ich konnte und stand kaum aus Deck, als ich schon mit schallendem Gelächter vom zweiten Steuermann der „Esmeralda" bcgmstt wurde. Es währte eine Weile, che ich den Zusammenhang begrisf, und die Arbeit acht langer Monate gehörte dazu, bis ich die Unkosten für meinen ersten Versuch, die Freiheit zu genießen und recht in die Weite zu kommen, abbezahlt hatte. Mehr als einmal habe ick seither die Jungen im Logis oder auf der Wache sich über etwaiges Auskneikeu beratschlagen hören. Ohne zu erzählen, woher ich einen solchen Widerwillen dagegen bekommen, habe ich immer gesagt:„IungenS, reißt nicht aus!" — Und das sage ich auch jetzt: Nicht ausreisten! Niemals aus- reisten I (Nacddruck verboten.) SonnenbUcke. Verse von Karl Pelersion. Em proletarischer Dichter, der vielen schon kein Fremder mehr sein wird, klopft an die Türen der Arbeiter»nd bringt ein Buch. aus das wohl mancher gleich nur nni herclichem Wunsch gewartet hat. Nnr vereinzelt stiftete Peters' ou>>sber lyrische Gaben in die Arbeiterblätlei, aber darmi'er war etliches, das nicht im Gestüte des Tages unterging. Es blieb oben und irieb mit dem»cuen Tage Weiler. Kam es wieder da und dorr zum Vorichein, lo laS man es gern noch einmal mid aberinalS. Jbm war in ichlichlrr Hülle gegeben, was einem Gedichte zum Leben in andere» Herzen verbilst. Ein Ton voll Wärme klang aus. dem das Obr sich willig erichlost. Ein Acggeiährie erhob die Stimme, in dessen NSbe die besten Saiten des Ledens ins Schwingen gerieten. Ob sein Wort nun aus der Wirklichkeit der MiNioncu verkam oder aus dem besonderen persön- lichc» Leben, in beiden Fällen war diese Wirkung da. Immer ein mirmrnicklichrS Zugesellen, aus dem ein freundichaftliches Hand-in-Hand hervorging, ein brüderliches Zuiammenschrerten. über dein der graue Hünmel sonnige blaue Felder össnete. Dies ist mm der Wesenszug des BudKes. daS Petersson miS seinen Gedichten gebaut hal. Es ist das Buch eines proletarischen Kämpfers, daS glücklich stimmt und im Begtücktsein die Kanipflraft vertieft fühlbar macht. Viele, unzählige proleiarische Gedichte sind erwachsen auS der Leidenschaft grollenden Aufbäumens, aus der Not der Lobnskaverei, und auf anderem Boden als diesem gedieh ihren Dichtern kein Lied. In der Erkennrnis ihrer sozialen Lage kam ihr Gefühl für Menschen- würde zuerst zum Leben, und der politische Kampf, in den alle Kraft begeistert einging, sog auw die dichterischen Kräfte auf. Wie ist in den neuen Generalionsichichten des Proletariats Lebensgefühl und Genustdrang im besten Sinne breiler und liefer geworden I Der ethische Inhalt der Jugendbewegung ist geradezu bedeutsam groß. Da greift ein Erwachen von Lebenswünschen uni sich, das der seelischen Bedürfnislosigkeit mit beUigem Wollen den Krieg erklärt, und aus diesen Stinunungen heraus atmet Peterssons Dichteil. Auch seine Poesie wurzelt im empörten Erollen, aber sie grolli nicht nur mit der Tehniuchl nach befreiter Lebensfreude, sondern aus ihrer schon gekosteten uiiendliche» Herrlichkeit heraus und ans dem erlebten Wissen, dast sie unent- behrlich ist, wenn das Leben gedeihen und vor Verkümmerung be- wahrt bleiben will. AuS Druck und Not des Arbeitsalltags bat Petersson seine ersten Gedichte empfange», aber nicht die Verzweiflung bat sie ge- schrieben, die dumpf hinlebt ohne Traum und Ziel. Sie sind hervor- gegangen aus der Qual des Siitbehrens, und wo Entbehren»st. da ist auch das Wisien von der Schönheit und Notwendigkeit des Glücks fordernd lebendig. Im Granen vor dem tötenden ewigen Einerlei, in das die Lohnarbeit ihre Sklaven eisern einklemmt, leidet das Entbehren tragischer als die Verzweiflung. Dies Grauen durch- schauert die ersten Blätter des Buches... Das surrt und summt, das stampft und dröhnt. der Hämmer Gleichtakt übertönt daS Sausen der Maschinen tagaus, tagein. Wahrhaft ein Lied vom proletarischen Massenschickial ist das Gedicht, in dem diese Verke an« und ausiönen. Petersson, der bis zu seinem 27. Jahre als Ma'chinenbauei in der Fabrik arbeitete— beute ist er Redakteur am.Hamburger Echo'— ha; e» geschrieben in Tagen, da der Nackengriff der LcbcnSnot ihn schier verzagen liest. Aber er gehört zu den Unbeugsan,en. In den� Erschütterungen seelischer Qual legi er nicht die Hände in den Sciiost. die Qual spannt ihm die Fäuste. Wo der Hast ihn packt, lodert zugleich heistes Sehnen in ihm auf. Das Grauen treibt ihn vor- wärts zum Glück, dieser Borbedingung der Entfaltung seiner besten Kräfte, deren allerbester Teil die Fähigkeit ist, errungenes Glück nicht nur zu erkennen, fondern wirklich zu geniesten. Davon zeugt sein Buch, und da« gibt der Aufschrlst.Sonnenblicke' den Sinn. Durch da? ganze Buch hin spürt man den proletarischen Menschen, den eS bezeichnet, dast e: dem Begriff des Rächers den des Kämpfers, dem zerstörenden Vergelten das schöpferiickie Bauen emgegensctzt. Er ist kein romantisier Phantast, der im Glück den festen Grund unter den Füsten verliert und ins Rebelblaue ausfliegt. Einmal sagt er:„Ich griist' das Glück und beuge mich dem Leid l' Beides ist immer in Wechselwirkung, eins ruft das andere ins Gefühl. Er ist«ine Natur, die an sich arbeitet, die sich bereichert, nicht eine, die mit dem neuen Erleben das Erleben von einst abstöstt und vergistt. Unter neuer Liebe lebt und wirkt alles Lieben weiter. Ver- gangenheit und Gegenwart seines Lebens sind fest aneinander ver» ankert und geben sich gegenseitig, was sie an werlvollem Gut bergen. AuS den Kindertagen quillt es froh und traurig herüber, und im Erinnern verklärt der lebendige Tag. was einst gewesen. Die vielen Weihnachtsgcdichte deS Viicdes mir ihrem dankbaren Aufgehen im Ztinde und in der eigenen Kindheit sind kein Zuiall. Und so auch der Durst nach beseligtem Lauschen in der heilkräftigen fteien Natur fernab der grostcn Stadt. Da mag ihm der Segen aus der Zeit auf- gehen, wo der 1379 in Hamburg Geborene in Oevelgönne an der Elbe die Dorfschule bestickte. Ties wirkt auf ihn die heimatliche Natur mit ihrer Heide, ihren Wäldern, ihren Inseln im grasten Strom. Er hat sie erlebt, sonst könnte er ibre Stimmungen nicht mit so be» glücklem Fühlen bildtreu vor die Seele bringen. Die Welt, die er gibt, ist immer wirtlich sein Eigentum, der seelische Besitz eines Proletariers, der nichts scheinen will, was er nicht wirklich ist. Deshalb ist auch in dem Buche überall eine so klarbesiimmte Sicherheil dQ ScdreitenS, und sie wäre nicht zu spüren, wenn sie nicht auch die sprachliche Art erfüllte. In den Gedichteit. die daS Buch einleiten und die zugleich die ältesten find— PeterSson war 2ö Jahre alt, als er sein erstes Gedicht schrieb— und hier und da wohl noch eine einzelne schleppende Breite, aber dann dringt ein starkes Gefühl für Festigkeit und Notwendigkeit hervor, das im Gesamteindruck bedeutend miuviegt. Es beherrscht den sprachlichen Ausdruck, beherrscht die Verbindung von Inhalt und Form. An äußerlichem Zierral, der die Pfeiler und Böge» unorganisch überschmückt, verschwendet Petersson kernen Raum: er will in allem einlach und deutlich sein. Er grübelt nicht, auch rhythmisch nichl, will einzig geben, was hell überschaubar vor ihm liegt. Sein Glück braucht, den die feste Sicherheit de? Badens Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: unter den Füsten. So wächst eine kräftige Natürlichkeit heraus, die als persönliche Art wirkt, und die vor allem auch gefeit ist gegen Ab» bängigkeiten vom Einfluß anderer Dichter. Rhythmisch ist PetersionS Selbsiändigkert in den Formen, die alteingewurzelt sind, so groß, dast man erquickt eine ftische Ursprünglichkeit kostet. Ein Gedicht, wie daö herrliche, mich immer wieder ergreisende Lied„Wenn du einst wiederkehrst' ist im rhythmischen Einklang mit seinem Inhalt so eigen, dast es wie ein tiefreiner Stern inmitten des Ganzen strahlt. Der Aufschrift des Buches angeschlossen, ist dorn da? Bild SteinlenS vom guten Jahr eingeheftet: der ArbeitSinann, der auf dem Ackerfeld die Hacke eine Weile vom heißen Tun ruhen läßt u«d stark aufgerichtet mit überfonntem Antlitz hinausschaut in das TageS» gestir», das fern hinter dunklem Land und rauchenden Schloten grosistrahlend auffteigl. Sonnenblicke l Das Bild gehört shinbolisch zu Pelersion. Es armet die Hoffnung und Zuversicht, das prächtige Seldstverirauen. das er sich als LedenSgut erkämpfte und das er den proletarischen Mitkämpfern mit seinem Buche euipflanzen und stärken möchte. O glaube nur an deine Macht, und wolle nur. dann weicdl die Nacht aus deiner arbeitsmüden Brust. und frischer Mut und DasemSlust strönit dir von neuem durch die Glieder, aus deinen Augen leurvtet wieder die alte Hoffnungsfreudigkeit. DaS schöne Buch Petersso, is ist im Verlage des Hamburger Parteigeschäfts erschienen und kostet gebunden 2 M. Nun dankt dem Dichter, der mitte» in euren Scharen schreitet, ihr deutschen Arbeiter l Franz Diederich. kleines feuiUeton. Völkerkunde. Eins der merkwürdig st en Naturvölker der Erde sind die WeddaZ auf der Insel Ceylon, die schon seit Jahr» zehnten von der Völkerkunde umworben werden. Da die Soziologie oder Geiellschastswisienfchast aber erst in neuester Zeit auf wiffen- schasllichcn Grundlagen gestellt worden ist, so ergab sich für die Völkerkunde die wichtige Aufgabe einer neuen Er» forschung der WeddaS. Die Regierung von Ceylon selbst hat für eine gründliche Durchführung eines solchen Unter» nedmens gesorgt. Sie fand dazu trefflich geeignete Per» söiiiiwkeiten in dem Ehepaar Seligmann. Hier war freilich mit besonderen Schwierigkeiten zu rechnen, da die WeddaS wegen ihres Mißtrauens und ihrer Eifersucht bekannt sind. Die Teilnahme einer Frau hat sehr dazu beigetragen, ihren Argwohn zu überwinden. Eines der wesentlichsten Ergebniffe dieser umfaffendcn Forschungen liegt in dem Schluß, daß die wenigen heut noch lebenden WeddaS, die sich lediglich von der Jagd ernähren, als direkte Nachkommen und Ucberbleiblel deS Urvolks zu bettachten sind. Bisher nahm man an. dast sie ein zurückgekommener Rest eineS früher höber kultivierten Volks wären. Die Seligmanns erklären die Ueberlteferrrng einer ftüher Höberen Kultur durch eine Verwechselung der WeddaS mit einem anderen Volksstamm der Kandajans, die sich selbst WeddaS nannten, iveil sie aus einer Vermischung dieser mit anderen Elementen hervor» gegangen waren. Ein Teil der WeddaS leb« heute noch im Zustand einer wirk« licken Wildheit als ein armes, ttägeS Gesindel in den für den Mensibenfust schier undurchdringlichen Dschungeln. Eine besondere Eigentümlichkeit ihrer Sitten besteht darin, dast ge» wohndeitsmästig die Kinder eines Bruder? und einer Schwester untereinander heiraten, nickt aber die Kinder von zwei Brüdern oder zwei Schwestern. Der zukünftige Schwiegervater wird schon vor der Heirat austerordentlich gut behandelt, und nach ihrem Vollzug geht der junge Ehemann völlig in der Familie seiner Frau aus. So Nein der Kreis der WeddaS jetzt geworden ist. besteht in ibni dock noch die Ueberlieferung eines Kastengeistes fort. Zwei Familien» gruppen gellen als höher stehend und heiraten niemals in die anderen Familien hinein. Die Behausungen der WeddaS sind vorzugsweise Felshöhlcn: sie beziehen ungern eine Hütte. Diese Eigentümlichkeit hängt damit zusammen, dast sie nach dem Charakter der Jahreszeit zwei bis dreimal jährlich umziehen. Di« meisten Höhlen der WeddaS sind für mehrere Familien eingerichtet, die aber innerhalb des Raumes fest abgesteckte Grenzen zu be» obachlen haben Eine An von Mannbarkeitserllärung. die bei so vielen tiesstehenden Völkern eine große Rolle spielt, gibt et bei den WeddaS nicht. Sie heiraten sehr jung. Die Frau hält in der Ehe die sirengste Treue. Bleibt ein Mädchen einmal unver» heiratet, so wird ihr eine ziemlich große Freiheit eingeräumt. DaS von den WeddaS bewohnte Gebiet ist in Jagdgründe eingeteilt. Die Religion der WeddaS besteht hauptsächlich aus einer Ver- ehrung der Toten» die ielbstverständlich mit einem Geisterglauben verbunden ist. Di« Geister einiger längst verstorbener Siammes» genosien werden als eine Art von Halbgöttern verehrt. Die religiösen Feste sind reich an eigenartigen Tänzen, die aber meist ohne Warle und Gesänge aufgeführt werden. Dennoch fehlt es den WeddaS nicht ganz an musikalischer Begabung._ vorwärtsBuchdruckerer u.Verlagsanstalt Paul SingertLo�Bertln SW.