I Nr. 221. Dienstag den tNachdruck BcrBotea.), 2] Die Guten von Gutenburg. Von Hermann Kurz. Die Grete von Pippsdorf am Rheitt. Wenn dem nun auch nicht so war. hatte diese Sitzung doch einen Schivanz, und ihr Echo verhallte nicht so rasch wieder im Umkreis von Gutenburg. Sämtliche Nachbar- gemeinden begannen Sturm zu läuten. In der geheimen und wichtigen Sitzung faßten die Stadt- Väter von Gutenburg einen einstimmigen Beschluß. Sie wollten den Mndling auf irgendeine der Nachbargemcinden abschieben. Und dies machte bös Blut in der Umgegend. Einstweilen mußte der Bub„es gut haben". Tie Heb- amme sollte ihm zuhalten, ganz gleichgültig, was die Kosten waren. Bei diesem Beschlüsse blinzelten die Räte einander zu und hielten sich für ganz geriebene Schlauberger. Die gesamte Rechnung stellten dann zum Schluß ja die Räte aus. Diese Nachbarsgemeinde, welcher das Glück beschieden war, den Findling abzubekommen, sollte ein blaues Wunder er- leben. Beim Lesen der Rechnung sollten dem Empfänger die Augen übergehen. Auf den Abschiebungsversuch der Gutenburger schüttelten sich alle Nachbarsgemeinden wie ein Mann vor sittlicher Ent- rüstung. Und obendrein spielten sie noch die Beleidigten und drohten mit Klage. Da wurde den Stadtvätern von Gutenburg ein wenig anders zumute. Doch hielten sie sich immer noch für die Gescheiteren. Sie horchten in den der- schiedenen Nachbarsgemeinden herum, tvelches Mädchen in letzter Zeit im„Verdacht" gewesen sei, um den Findling als von der Landstreicherin gestohlen hinzustellen zur Freude der Mutter. Den verschiedenen Spuren, die sich boten, gingen die Räte von Gutenburg so lange nach, bis einige Burschen genug hatten und die Ausspürer ganz elend durchbläuten. Nach einigen Wochen war der Großteil des Gemeinde- kasieninhalts der Hebamme zugeflossen. Doch zeigte sich immer noch keine Spur zur Abschiebung. Da begann einer der Stadtvätcr nach dein andern ein duimues Gesicht zu machen. Aber sie wollten noch nicht klein beigeben. Wohl faßten sie den vielsagenden Beschluß, selbstverständlich in geheimer Versammlung, die Rationen des Findlings aus das Not- wendigste zu beschneiden. In dem Sinne bekam die Hebamme Bescheid durch den Ratschreiber. Aber die Hebamme hatte in Berechnung und hinsichts der Findlingseinnahmen einen Acker gekauft in Fröschenloch, dort wo für die Gutenburger Jugend der Storch die kleinen Kinder herholt. Mir nichts dir nichts wollte nun im An- aesicht des Ackers diese so wichtige Frau in der Gemeinde von Gutenburg nicht auf das Geld verzichten. Darum nahm sie in einer Hitze den Findling auf den Arm und schob zum Bürgermeister ab. Dem legte die Hebamme, wenn nicht die alte Summe auch in Zukunft bezahlt würde, ihren Dienst als Findlingsmutter in die allgewaltigen Hände. Ihre Sehn- sucht nach dem Acker kleidete sie in das faltige Gewand der Nächstenliebe, das so große Taschen hat, und gab ihrer Stimme mütterliche Würde, wenn auch etwas laut und wütend. Der Bürgermeister war wie vor den 5kopf geschlagen und auf den Mund gefallen im Anblick der resoluten Heb- amme. Auch plagte ihn die Furcht, an Liebe und Stimmen unter den Bürgern verlustig zu gehen, gerade wo die Neuwahlen vor der Tür waren. Darum hieß er die.Hebamme den Findling wieder mitnehmen, und versprach feierlich sein tnög- lichstes zu tun. Also zog die Hebamme um einen Acker reicher und zu- frieden ab. Der Bürgermeister rannte nach dem Rathaus und ließ die Räte zur Sitzung zusammentrommeln. Und da zeigte sich nun in dieser Sitzung, daß die Stadt- Väter den Kopf ganz verloren hatten und am Ende waren mit ihrer Kunst. Sie wollten den Entschluß fassen, den Findling in ihren Gemeindeverband aufzunehmen und zum Kostgeld an den Wenigstuehmenden zu vergeben. Schließlich hatten üi des vorwärts 14. November 191 1 die Räte selbst ja keine Kosten durch den Findling und das war nun ihr Trost. Aber'da kam dem dummen Steffen, der schon seit dreiuudzwanzig Jahren Gemeinderat war und in dieser Zeit noch nichts gesagt hatte als ja und nein im Rats der Weisen, ein Gedanke, gleich einer Offenbarung. Und jubelnd nahmen die Räte von Gutenburg diesen Gedanken auf und begannen alsobald danach zu handeln. Sie sandten ihren Ratschreiber an den Bürgermeister von Altenberg, der ein großer Frauenfreund und harter Junggeselle war, mit offizieller aber dennoch vertraulicher Ordre. Der Bürgermeister von Altenberg hörte mit immer wachsenden Erstaunen dem Ratschreiber von Gutenburg zu. Als aber der Ratschreiber auf das Gebiet des Liebcslebens kam und auf die unehelichen Kinder, da läutete dem Bürger- meister von Altenberg im geheimen das Gewissen. Darüber wuchs dem Ratschreiber der Mut. Er ging mit ganzer Macht ohne Diplomatie auf das Volle los und sagte dem Altenberger Herrn:„Die Gemeinde- räte von Gutcnburg wissen genau, daß der Findling des Altenberger Bürgermeisters illegitimer Sohn von der ver« rückten Landstreicherin her ist." Dem ehrenwerten Bürgermeister schwoll bei dieser Eröffnung die Zornesader auf der Stirn zum Platzen an, und er warf den Ratschreiber von Gutenburg mit eigener obrig- keitlicher Hand zur Tür hinaus. Es setzte Beulen und hinkende Beine beim Ratschreiber, der eigentlich unschuldig war und. nur tat, was er mußte, und deshalb der Prügel- junge wurde. So scheiterte auch dieser Feldzugsplan der Obrigkeit von Gutenburg. Aber diese wollte sich doch nicht ungerächt derart behandeln lassen von dem Altenberger Bürgermeister. Darum wurden die Debatten in sämtlichen Wirtshäusern akut, und was vorher nur geflüstert und gewispert wurde. aber jedermann schon zur Genüge bekannt war, dies alles wurde nun herausgebriillt. Ter Altenberger Bürgermeister aber Verbündete sich mit den Gegenkandidaten der Gutenburger Gemcinderäte und deren Bürgernwistcr. So kam die Zwietracht in die Stadt der Gutenburger. Und die obrigkeitsfeindliche Partei, der natürlich die Gegen- kandidatcn der Obrigkeit angehörten, wurden von sämtlichen Nachbargemeinden unterstützt, allen voran die Altenberger mit ihrem Bürgermeister. Als der Zuitand in Gutenburg nach einigen Schläge- reien und anderen schönen Taten derart auswuchs, daß davon geredet wurde, man solle fürderhin Gutenburg nur noch Schleck, tenburg nennen, da griff der Oberamtmann ein. Er erklärte in der Findlingsangelegenhcit Schluß, mit der Bc- gründnng, daß umstrittener Findling Gutenburger Bürger sein müsse.. So unterlag die alte Obrigkeit der Gutenburger. Nach den Neuwahlen sollte kein einziges Mitglied der alten Rc- gierung das Rathaus von innen betrachten, keiner wurde gewählt, sämtliche Gegenkandidaten siegten. Aber das Herbste für alle diese leidvollen Streiter rm Kampfe war des Findlings Taufe. Mit großem Gepränge wurde er in der Ortskirche getauft. Der Bürgermeister von Altenberg in seiner ganzen Größe war erster Pate und bckani große Ehre angetan. So bürgerte sich der Findling in Gutenburg ein. Die Taufe des Findlings und alles das andere, was so drum und dran hing und damit zu tun hatte, kam aber nicht so ohne weiteres zustande. Der neue Gemeinderat von Gutenburg, der den Findling vom alten übernommen, hatte vorher noch einen ganzen langen Abend den Schein seiner Weisheit leuchten zu lassen. Und daß diese Weisheit in reinen Strahlen leuchten mußte wie der Mond,»venu er rund und voll ist, war allen Ge- meinderäten klar. Denn der alte durchgefallene Gemeinde- rat lag auf der Lauer, um sicki auf den neuen Rat zu stürzen, sobald eine Gelegenheit sich bot. Aber der neue Gcmeinderat war seinen Aufgaben ge- wachsen. Nach langem Hin und Her begann man sich über die Zukunft des Findlings zu beraten. Auf das erste galt es, dem Buben einen rechtschafseuen Ehristeunamen zu geben. Dieses hatte der Nat nach beinahe drei angestrengten und aufgeregten Stunden beschlossen. Nach einer weiteren Stunde, die auch noch den letzten Rest der Räte zum Schwitzen brachte, war das fernere Schicksal des Findlings so klar gelegt, daß nach der Taufe desselben Kostgeld von Gemeindewegen gegeben werden müsse. Und der Wirt im Leuen, hatte noch Metzgete, gerade heute. Aber nun wußten die Räte immer noch nicht, welchen Namen der Knabe erhalten sollte und in welcher Weise das Tauffest sich abzuspielen habe. Alles dies war noch im Dunkel der Zukunft verborgen, und dennoch wareil die Räte insgesamt erschöpft von dem vielen Denken. Es hatte den Anschein, daß des Findlings Schicksal auch heute noch nicht klargelegt werden könne. Denn zur geistigen Abspannung der Räte kam auch uoch der leibliche Hunger und das Schlacht- fest, das der Leuenwirt heute veranstaltete. Des ferneren war um elf Uhr Polizeistunde und bereits halbzehn vorüber, und was ein rechter Mann ist, braucht zum Schlachtessen eine Stunde: dies wußte jedes Kind in Gutenburg. Im Gedenken dieser wichtigen Beweggründe wollten schon der Schneidermeister Hühnerwadel und der Apotheken- besitzer Fetthaus zum Vertagen der Sitzung antragen. Aber noch ehe diese beiden deil Wortsatz ihres Antrages beisammen hatten, kam dem Drechslermeister James Windelwe ein Ge- danken, den sein Erfinder auch sofort auf die anderen Räte losließ zum allgemeinen Wohle. James Windelwe(er war in seinen jungen Jahren überm Teich in Milwaukee gewesen) hatte viel neue Sitten von dorther mit und in Gutenburg teilweise an den Mann gebracht. Uilter anderem hatte er seinen guten deutschen Namen zuni Schämes oder Schenles gemacht— sein Vater sagte„schämdich" � und vom Windelweh das h gestrichen, damit es besser aussah, amerikanisch. Dieser James stellte folgenden Antrag: „Da nun die Hauptsache glorios gefingert ist, ckamnit, und der Weg, der zu verfolgen ist, so klar daliegt wie der Weg nach drüben übern Teich"(er zeigte mit dem Daumen über die Schulter nach dem Westen), �„ein Rindvieh müßt' einer schon sein, der nicht weiß, wie und wohin, so bin ich dafür und ich hoff, wer kein Ochs ist, auch, man übergibt, was weiter zu beraten wär', ganz einfach einem Ausschuß des Rates. lWell, Gott verdamm' michl" Damit waren alle vom Rate einverstanden. Das war rasch hinter sich zu bringen, und dann gab's Schlachtessen beim Leuenwirt und frisches Bier vom Faß: das Wasser lief einem beigott im Munde zusammen. Der Schneidermeister Hühnerwadel verlangte das Wort und begann die Ausschußkandidaten aufzuzählen. „Da wär' der Herr Bürgermeister", Verbeugung zum Herrn Gestrengen von seiten des Redners,„dann der Herr Oberlehrer"— Der Herr Oberlehrer, dick und klein mit wenig Haaren auf dem Kopfe und kleinen verfressenen, gut gemästeten Dorf- fchullehreraugen, wie es sich für einen gutbestellten Oberlehrer geziemt, der jeden Tag geschenktes Essen auf dem Tische hat, verbeugte sich gegen den Herrn Schneidermeister Hühner- wadcl, und dieser Herr verbeugte sich gegen den Herrn Ober- lehrer. Ehre für Ehre. Doch als der Herr Oberlehrer bescheiden ablehnte, da er genau wußte, daß der Schneiderbock, der verfluchte, ihm die Ehre nur angetan hatte, weil die Schneiderrechnung noch nicht be- zahlt war, votierte der Schneidermeister weiter für den Herrn Oberlehrer. Denn der feiste Schmarotzer mußte merken, was dieses Wählen zu bedeuten habe, und ihm auch feine Rechnung zahlen, obschon er gehörig Tuch gestohlen und billige Zutaten genommen, denn er, der Herr Schneider- Meister, hatte ja keine Kinder. Diese Kinderlosigkeit des Schneiderbocks empfand heute Ser Herr Oberlehrer doppelt drückend, nahm die Wahl an und beschloß bei sich, die Rechnung doch noch nicht zu zahlen. Der Herr Schneidermeister war dafür und bat sckjmel- zend, in zierlichen und wohlgesetztcn Worten, der Herr Ober- lehrer möchte doch zur Tausfeier ein Festspiel dichten. Dies fei dem Herrn Oberlehrer a nur ein Kinderspiel, da er schon vaterländischer Dramen so viele gemacht habe, daß die Blätter, worauf sie geschrieben wären, des Herrn Oberlehrers Dramen, dem Krämer ein halbes Jahr die Zeitungen im 'Laden ersparen würden, und des Herrn Oberlehrers glück- liche Erben einmal Papier zu jeglichem Hausgebrauch ein Lebenlang hätten. Doch sei nur recht und billig, daß dem Herrn Oberlehrer die Hälfte des Eintrittsgelds zum An- schauen des Festspiels, das der Gesangverein spiele, zufallen müsse, die andere Hälfte an die Kasse des Säuglings ginge! (Fortsetzung folgt.) 80 bat ein jeder feinen Kummer* 4] Von D. A i s m a n. Deutsch von Werner Peter Larsen. Und es begab sich, daß um dieselbe Stunde, da Lasar Mirono- witsch enttäuscht und gebrochen zwischen Salon und Wohnzimmer hin- und herpendeltc, die bedürftige Witwe Lcwitina kam. „Er spuckt Blut?" schrie Herr Zipkes sie an.„Boriska spuckt Blut? Mag er nur spucken.... Wenn Ihr aber selbst anderen alles Blut in Galle verwandelt, verdammte Sozialistenbande?!.. Wenn solcher Sträflinge, wie Eurer Kinder wegen anständige Menschen es nicht mehr aushalten können?... Ihr wollt also die Republik? Eine demokratische Republik? Die wollt Ihr, ja? Und was gibt sich denn Eure Republik für ein Ansehen? Aber das ist egal, was? Wenn Ihr bloß Euren Marx habt... den Karl Marx... ja, den braucht Ihr doch, was?l" Und mit einer unzweideutigen Bewegung zur Tür: „Machen Sie, daß Sie rauskommen I Ich gebe heute nichts. Ich habe kein Kleingeld. Nächsten Montag bekommen Sic für zwei Wochen. Adieu l Marsch!" VII. An diesem Abend war im Stadttheatcr Galavorstellung. Lasar Mironowitsch war zu der ganzen Sache eigentlich nicht aufgelegt. Als Vertreter einer auswärligen Macht jedoch fühlte er sich verpflichtet, der Borstellung beizuwohnen. Einzig der Umstand, daß sein Sessel sich nahe der Loge be- fand, in der der Stadthauptmann thronte, vermochte ihn einiger- maßen zu versöhnen und die Furchen seiner Stirn zu glätten. Im Zwischenakt beabsichtigte Lasar Mironowitsch sogar, den Stadthauptmann zu begrüßen. Wer zu guter Letzt verschob er das Wagnis doch. „Im zweiten Zwischenakt aber bestimmt." Aber auch im zweiten brachte er den nötigen Manncsmui nicht auf. Zwischen dem dritten und vierten Akt aber geschah es... Die Tür der Loge stand weit auf, und der Stadthauptmann drehte sich um und rief Lasar Mironowitsch an.... Der entzückte Konsul eilte glückstrahlend herbei und machte seinen tiefuutcr- tänigstcn Kratzfuß. „Na, sehen Sie wohl", sagte der Stadthauptmann,„nun sind Sie schon nicht mehr einfach der Jude Jtzig, sondern gleich eine ganze Behörde." Herr Zipkes verneigte sich ein zweites Mal. „Gott sei Dank," sagte er.„Aber ich halte mir stets bor Augen: alles, was Du bist, bist Du nur durch das Wohlwollen und die gc- neigte Fürsprache Seiner Exzellenz." Diese Exzellenz war der bekannte Generalleutnant Sheltu- chin*), ein durch und durch verbissener, kranker, im höchsten Gratö zügelloser und aufgeblasener Narr und Sonderling. Eine Legion wunderlicher und alberner, zumeist aber höchst grausamer und blutiger Streiche legte beredtes Zeugnis ab voie der segenbringenden Tätigkeit dieses unumschränkten Regenten. Nun also musterte der Gewaltige Herrn Zipkes mit spöttischen! Blick. � „Selbst die Nase ist nicht mehr so krumm", sagte er. indem er den Zeigefinger der Nase des Konsuls näherte.„Sehen Sic. was alles der Konsul macht.. Auf Lasar Mironowitschs Gesicht erschien«in beglücktes Lächeln. „Sehen Sie ihn nur an", wandte sich Sheltuchin an sein Gefolge,„betrachten Sie ihn.... Der Konsul von Chile. Nicht etwa von Galizien oder Jerusalem, sondern wirklich von Chile. Herr Zipkes lächelte noch immer. Allmählich aber erlosch sein Lächeln, er seufzte sorgenvoll un8 vertraute dem Stadthauptmann seinen Kummer: daß eben doch nicht alles so sei, wie es eigentlich solle, insofern nämlich, als er keine Amtstracht habe und im Frack in der Welt umherlaufen müsse wie ein verhungerter Handlungsgehilfe.... „Wo bleibt denn da meine Würde", sagte er,„wenn ich nicht mal eine Amtstracht habe?" „Sie möchten also gern Kammerherrntracht haben?" er- kündigte sich der Stadthauptmann, und dabei lächelte er, denn er war ausnahmsweise guter Laune. Der Konsul aber vergalt das Lächeln mit einem Lächeln und meinte— je nun, meinte er, was die Kammerherrntracht anbc- lange, die sei ja nun allerdings nur für Kammerherrn, und so möge es denn auch bleiben, und Gott möge die Kammerhcrrn als ergebene Diener des rechtgläubigen Vätcrchen-Zar allezeit gnädigst bc- *) Anmerkung d. Uebers.: Hinter der Figur des Sheltuchin. dessen Namen der Autor aus guten Gründen geändert hat, steht der berüchtigte Odessacr Stadthauptmann Sclcny. schirmen und beschützen. Allen Segen! Und Eurer Exzellenz, dem Herrn Stadthauptmann, desgleichen— allen Segen l Die ganze Einwohnerschaft betet ja für Eure Exzellenz zu Gott dem Herrn. Was jedoch die Amtstracht betrifft, so könnte sich vielleicht dennoch, wenn man eben an zuständiger Stelle anfragt, ergeben, daß auch der chilenische Konsul Anrecht auf äußere Abzeichen seiner Würde lhat... „Das wäre allerdings möglich," pflichtete der Stadthauptmann bei.„Schließlich ist der chilenische Konsul ja auch kein Ferkel." Lasar Mironowitsch aber, der dies Gespräch im Grunde ohne alle Absicht begonnen hatte, schöpfte plötzlich neue Hoffnung.... Vielleicht—?- Wenn es nun glückte—? Vielleicht bekam er mit Hilfe des Stadthauptmanns seine Nmtstracht doch? Er mutzte es wagen... „Exellenz," sagte er, die Hand aufs Herz gepreßt...„Exzel- lenz werden zugeben, daß ein Frack direkt unmöglich ist... Mögen sie das da drüben halten, wie sie wollen, aber wir sind doch nun mal in Rußland... Hundertundfünfzig Millionen getreuer Unter- tauen— ein Kaiser— der mächtigste der Welt... aus diesen Gründen allein gebührt dem Konsul eine Amtstracht!" Um der Exzellenz schlaffe, faltige Mundwinkel glitt ein merk- liches Zucken. Der Adjutant jedoch, der neben ihm saß, hörte auf- merksam zu und sah gespannt bald die Exzellenz, bald den Konsul an. „Exzellenz," fuhr Lasar Mironowitsch fort, und die einmal gefaßte Hoffnung befestigte sich mehr und mehr in ihm,„Exzellenz wissen sehr wohl, daß mir Geiz und niedere Habsucht fernliegen. Von jeher dagegen füllten Werke der Nächstenliebe einen großen Teil meines Gedankenkreises aus, wie ich auch stets beflissen war, meine besten Kräfte in den Dienst gemeinnütziger Bestrebungen zu stellen, insbesondere solcher, die sich rühmen dürfen, unter Euer Exzellenz erhabenem Protektorat zu stehen... Die„Gesellschaft zur Rettung Ertrinkender" zum Beispiel... oder die verschiedent- lichen von Euer Exzellenz eingeleiteten Sammlungen... Exzellenz werden zugeben, ich habe für alle eine offene Hand gehabt..." „Das wollte ich hoffen," sagte Sheltuchin.„Da sollte ja auch der Deubel...! Also Sie brauchen eine Amtstracht? Ja, wie denn nun? was denn nun? Kniehosen? Patronentasche? Schlepp- säbcl?" „Wie es die Behörde befiehlt... Mit oder ohne Säbel... ganz gleich, bloß daß es nach was aussieht... daß es der Würde entspricht! Schließlich bin ich doch Konsul! Schließlich... bin ich doch Mitglied des diplomatischen Korps!... Und selbst Chaske- Icwitsch, der nur Vizekonsul ist—" „Hähä," krähte Sheltuchin,„da liegt der Hase im Pfeffer! Sehen Sie wohl! Ja, Vizekonsul— aber Amtstracht. Und warum? Na, das ist doch klar: er ist eben königlich belgischer Vizekonsul, Sie aber find chilenischer Konsul. Zu Belgien gehört nun mal die Amtstracht, weil Belgien Königreich ist, Chile aber ist das nicht, und deshalb haben Sie auch keine Tracht... Verstanden? Dennoch aber," setzte er meckernd hinzu,„dennoch bin ich der Ansicht, daß die Angelegenheit... hähähä... sofern ich eben.. hähähä... darum einkomme, ja gegebenenfalls offizielle Vorstellungen erhebe, sich nach Wunsch wird regeln lassen..." Mit diesen Worten stieß er den verblüfften Konsul grinsend mit dem Zeigefinger vor den Bauch. „Diplomat!... Aber da haben Sie allerdings recht, in einem Kaiserreich kann ein Konsul unmöglich im Frack umherlaufen. Ein Skandal, im Grunde..." „Ich wäre Euer Exzellenz ganz überaus dankbar., In diesem Augenblick ertönte das Klingelzeichen. Tie Musiker griffen zu den Instrumenten. „Was ist denn da los?" brüllte Sheltuchin.„Wir haben Zeit. Man soll warten..." Aber dann fiel ihm ein, daß der heutige Abend und vor allem die Galavorstellung sich zu Lärmszenen nicht recht eigneten, und er schwieg und ließ geschehen. „Schieb los," wandte er sich an den Konsul, und sein Ton war der alte liebliche Ton des Kasernenhofs.„Sei unbesorgt. Ich will Deine Sache schon führen." Als der Konsul auf seinen Platz zurückkehrte, fand er seine Frau verstört und bleich, noch bleicher fast, als der kostbare Seiden- schal, der ihre Schultern umfloß. „Hat er Dich angeschrien? Heruntergemacht?" stieß sie hastig hervor. Der Konsul verzog die Mundwinkel und sah geringschätzig auf das einfältige Weib herab. „Angeschrien... Wie soll er mich denn anschreien?.. „Na, er ist doch verrückt. Er ist doch ein reißendes Tier." „Er ist eine Seele von Mensch." sagte der Konsul nachdrücklich. »Verrückt sind die. die da verbreiten, er sei verrückt." Und graziös mit dem goldenen Damcnschuh spielend, der über der Weste baumelte, fuhr Herr Zipkcs fort: „Vertreter auswärtiger Mächte schreit man nicht an. Die Zeiten waren einmal. Was bin ich denn? Bin ich etwa eine Privatperson? Oder ein Untertan? Oder ein erstbester Kauf- mann? Oho? Die geringste Achtungsvcrlctzung— und ich setze mich hin und richte eine Beschwerde an den Minister des Aeußern... Das könnte mir noch paffen! Verstehst Du das denn nicht?... Oder glaubst Du noch immer, Du seiest ein ganz simples Juden- wcib? Kuchen, meine Liebe! Dein Mann ist Mitglied des diplo- malischen Korps?... Aber, was den Stadthauptmann betriffk, so kannst Du glauben, was ich Dir sage: Er ist eine Seele vor» Mensch." Und an die Gigantenschultern Klara Moifsejewnas gelehnt« fügte er, da im selben Augenblick das Orchester einsetzte, laut hinzu? „Er selbst nimmt alles in die Hand. Er wird meine Sachs führen. Er reicht noch morgen das Gesuch ein... namens den russischen Regierung...." Und den Blick ins Parkett gerichtet, wo mit den blauen Hosenl und dem gestickten Rock degengewappnet Herr Chazkelewitsch, de« belgische Vizekonsul, saß, dachte Lasar Mironowitsch bei sich im> stillen, Chazkelewitsch... oho, dem werde er schon bald auf den« Kopf spucken!— tausendmal schöner als dieser fade, belgische Plunderkram werde doch die Amtstracht des chilenischen Konsuls fein..., (Fortsetzung folgt.)' Die berUbmten„ältesten Leute". Obwohl ich keine rohe Butter esse, bin ich doch ein sehr großer Käsefreund. Was das mit den berühmten ältesten Leuten zu tun haben soll. wird den meisten der Leser vorerst schleierhaft erscheinen. DaS ist mir auch ganz egal, denn sie werden schon sehen, daß daS durchaus zum Thema gehört, ja daß der Käse mich überhaupt erst veranlaßt hat, hier über die berühmten ältesten Leute zu schreiben. Ich habe mir nämlich kürzlich mal wieder Käse gekaust, und ich fand zu Hause in meinem Palet eine» Zettel, in welchem der staunenden Mensch- heit offenbart wird: Aoghurt-Käse verlängert das Leben I Ein Herr Dr. Linke und Dr. Reinhardt sollen nachgewiesen haben, daß Joghurt imstande ist, das menschliche Leben zu ver» längern. Das ist für erbende Schwiegersohne und Neffen nun eins wenig tröstliche Aussicht. Aber ich möchte versuchen, ihnen einen Gegentrost zu bieten und zugleich der gewiß nun schon weit ver- breiteten Meinung entgegenzutreten, daß ich etwa der Dr. Linke sei. Ich kann vielmehr erklären, daß ich mit dem Manne meines Wissens bloß von Adam oder meinetwegen auch von Roah her ver- wandt bin. Jedenfalls soll für die genannte Eigenschaft des Joghurt die Tatsache sprechen, daß in Bulgarien, wo er als VolkSnahrungSmittel sehr verbreitet sein soll, bei nur vier Millionen Einwohnern sich 3800 Joghurteffer befinden, die über 100 Jahre alt sind, während unter 61 Millionen Deutschen nur 71 Personen über 10V Jahre alt wurden. Meine Leser werden nun erkennen, wo ich hinauswill und wie der Käse mit meiner�Ueberschrift zusammenhängt. Wenn jemand Statistiker ist und sich mal mit Bcvölkerungs- statistik beschäftigt hat, dann wird er wissen, daß die berühmten ältesten Leute eine recht unangenehme Gesellschaft ist. dieweil sie nämlich die sehr unangenehme Eigenschaft haben, daß sie sich ge» wohnlich auf nichts mehr besinnen können! Als meine Großmutter väterlicherseits das Zeitliche segnete, da mußte ich die trübe Erfahrung machen, daß sie nicht— wie es immer hieß und sie selber glaubte— 98 Jahre alt geworden sei. sondern bloß„93". Ich habe übrigens — zu meiner Rechtfertigung— nicht auf ihren Tod gewartet, denn da gabs ebensowenig zu erben, wie bei mir auch. Aber der Fall ist typisch und richtige Statistiker wisse«, daß er sich ganz allgemein bestätigt. In den Zeitungen find die alten Leute fast ständige Rubrik, und inan liest da oft von Altern, die uns diese Ueberdleibsel von längst verstorbenen Geschlechtern als richtige Ruinen vergangener Zeiten erscheinen lassen. Es ist daher begreif- lich, daß man diese Zahlen nicht ganz kritiklos hinnimmt. Eins Zeitung kann die Angaben nicht immer prüfen, daraus kann man ihr keinen Vorwurf machen, wenn sie genasführt wird, wohl aber können das die Behörden, wenn gelegentlich der Volkszählung sehr alte Leute angetroffen werden. Während die jüngeren �Alter selbstverständlich ganz zuverlässig angegeben werden, ist das bei den hohen nicht mehr der Fall. Es gibt eine Menge alter Leute, die selbst nicht wissen, wie alt sie eigentlich sind und sich in erstaunlichem Irrtum darüber befinden. Oft ist es auch der Wunsch, als etwas Besonderes zu gelten und von sich das Gerücht zu verbreiten, man sei eben schon besonders alt, während noch ein Jahrzehnt daran fehlt. DaS hundertste Lebensjahr stellt noch lange nicht die Grenze der menschlichen Lebensdauer dar; es find Fälle bekannt, in denen diese Altersstufe ganz erheblich überschritten wurde. Von den historisch festgestellten Fällen seien hier nur die mit den höchsten Altern er- wähnt. Der Grieche Georg Stravarides in Athen wurde 132 Jahre alt. der Norweger Christian Jakob Drakemberg, der noch im höchsten Alter ein äußerst wechselvolles und abenteuerliches Schicksal hatte. erreichte, stets gesund, ein Alter von 146 Jahren. Der schottische Bauer Thomas Parr wurde gar 1623/4 Jahre alt und starb nur in- folge des Genusses ungewohnter Speisen, die er am Hose deS KSnig« bekam, als er dorthin gebracht worden war. Sonst lebte er viel- leicht heute noch l— Die längste nachgewiesene Lebensdauer aber erreichte der Mestize Miguel Solis. 1878 war er nachgewiesener- maßen mindestens 18V Jahre alt. Ob er jetzt noch lebt, ist nicht bekannt. Alle diese Personen waren bis an ihr Lebensende noch rüstig. Die höchste erreichte menschliche LevenZdauer Hann man mithin auf rund 2 Jahre ansetzen, also höher als die aller Säugeliere. Nur der Walfisch soll bis zu 300 Jahre alt werden— angesichts der Riesengroße des Tieres schon möglich. Auch der Elefant kann mit» unter sehr alt werden. Aristoteles und der berühmte französische Naturforscher Buffon geben dafür 200 Jahre an. Buffon berichtet ferner von einem 180 Jahre alten Raben und ein Falke in Kap- land soll sogar 132 Jahre alt geworden sein. Doch find diese letzteren Fälle nicht sicher festgestellt. Schildkrölen, Krokodile und Fische scheinen noch älter werden zu können. Aber wie man hier vorsichtig sein muß und nur wirklich begründete Angaben anerkennen will, so auch bei den Menschen. Als Professor von Mayr noch Chef der amtlichen bayerischen Statistik war, ließ er gelegentlich der Volkszählung von 1871 für alle mehr als 90 Jahre alten Personen das Alter amtlich noch nachträglich feststellen, um Gewißheit darüber und über die Glaubwürdigkeil der gemachten Angaben zu erhalten. 37 Personen hatten sich als über hundertjährig bezeichnet. Die amtliche Feststellung ergab jedoch die bemerkenswerte Tatsache, daß nur eine einzige Witwe wirklich über hundert Jahre alt war. Seitdem haben viele statistische Aemter die Gepflogenheit eingeführt, die sehr alten Leute wegen ihres Alters noch besonders zu kontrollieren und manche führen sogar ein Register der über 90 Jahre»ltcn Personen. Die Wirkung dieser Kontrolle war jedesmal ein erheblicher Abstrich von dem Bestände der über Hundertjährigen. Die Zahl der über 90 Jahre alten Personen ist nicht unerheb- lich. Die Volkszählung von 1905 hat Altersangaben leider nicht veröffentlicht, wir müssen daher auf 1900 zurückgreifen. Danach standen in Deutschland 203 979 Personen im Alter von 80 bis 85 Jahren(3,62 Proz.) 61 869,„,, 85, 90,(0,98,) 8 877,,., 90, 95,(0,16,) 1106,... 95 100 m(0,01.) 40,,,. über 100,(0,000.) Das biblische Alter von 80 Jahren überschritten also im ganzen Mir 4,77 Proz. der ganzen Reichsbevölkerung, und darunter waren auch nur 10 023 über Neunzigjährige. Man erkennt, daß es in jenen hohen Altersstnten rasend bergab geht. Von den 40 über hundert Jahre alten Leuten waren nur 3 Männer und 82 Frauen, darunter eine von 105, eine von 107 und eine von III Jahren Alter. Die Männer waren dagegen alle weniger als 105 Jahre alt. Die wirklich alten Leute erlangen fast alle eine ge- wisse Berühmtheit: in gewisser Weise wird dadurch die Prüfung der AlterSangaben erleichtert, andererseits erschwert. Die Ueber- treibungcn aber haben selbst dazu geführt, eine genauere Kenntnis der Dinge herbeizuführen, bei uns besser als irgend wo anders. Wenn daher die Aoghurt-Käseverkäufer von Bulgarien � er» zählen, daß da 71 Personen von den 4 Millionen Menschen über 100 Jahre alt find, so richtet sich das unter den kritischen Augen eine? Statistikers von selbst. Kein Zahlenmensch glaubt daran, daß dort so viele alte Leute leben, denn wir sind über die Alters- verhälnisse aus anderen östlichen Ländern unterrichtet. _ Felix Linke. Kleines feuületon. Anatomisches. Der Gleichgewichtssinn. Ueber die saußerordcntlich interessanten Erscheinungen und Organe, die mit der Gleichgewichts» läge der Organismen in Zusammenhang stehen, plaudert in an- regender Weise Dr. H. Detter in seinem kürzlich erschienenen Büch- lein:.Fühlen und Hören".(Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart, geh. 1 M., gebd. 1,30 M.>.Sehen wir uns in einem Aquarium die zarten Medusen an! Glashell, wie liebliche, miS feinstem Duft gewebte Sonnenschirmchen mit köstlich blauen und violetten Schal» tierungen. Wie ruhig und schön, wie graziös sie durch das Wasser schwimmen, indem sie ihren Sonnenschirm aufspannen und schließen, immer mit der Oeffnung nach unten I Ihr Schwerpunkt liegt nicht so, daß sie ohne weiteres in dieser Lage schwimmen können. Und alle die zarten Seetierchen, Medusen, Rippenquallen, Krebse, Mollusken, Scewürmer, sie alle haben ein genaues Gefühl dafür, was oben und was unten ist, und wenn man sie umdreht, oder wenn sie durch irgendeinen Zufall in eine falsche Lage kommen, so richten sie sich sofort auf. Wie wirkt nun die Schwerkraft, durch welche Mittel und Einrichtungen, daß sich die Tierchen so genau danach richten können? Es ist fast unglaublich, was von der Wissenschaft festgestellt wurde. Die Tierchen haben besondere Organe, die Richtung der Schwerkraft zu bestimmen. Wie wir mit Lot und Wage die Stichtung der Schwere bestimmen, so haben diese Tiere ihr Lot in sich. Ein Bläschen und in dem Bläschen einen Stein. Bei jeder Bewegung rollt der Stein. Aber an der Jnneilwand des Bläschens sitzen feine 'Nervenendigungen mit ganz feinen Borstenhärchcn, die genau jene Bewegung des Steinchens registrieren. Werden-die Bläschen an der Unterseite von dem Steinchcn gedrückt, dann ist's richtig. Dann befindet sich das Tier im Gleichgewicht. Drückt daö Tteinchcn auf die Härchen rechts oder links, ist eben kein Gleichgewicht da, dann muß das Tier schleunigst so eingestellt werden, daß wieder die richtige Stelle den Druck verspürt. Und diese Regelung geschieht rasch und sicher, automatisch. Da? klingt wie eine Fabel und hat doch seine Richtigkeit..Kreidl hat's an Krebsen bewiesen. Auch diese haben ein solches Richtbläschen mit Steinchen. Aber sie benutzen als Steinchen Sandkörner, die sie sich selbst mit den Scheren in die Bläschen bringen. An freischwimmenden Larven von Hummern, die man nach der Häutung in staubfreies Wasser setzte, konnte man sehen, daß sie sich planlos bewegten, von einer Seite auf die andere rollten und wenn es sich so traf, auch mit der Bauchseite nach oben schwammen. Und da man obendrein bei anderen Seetieren nach Entfernung dieser Richtbläschen dasselbe Bild de? Verlustes des Gleichgewichts be» obachtete, so blieb kein Zweifel: die Richtbläschen mit ihren Stein- chen sind das Lot, nach dem sich die Tiere richten, mn im Gleichgewicht sich zu erhalten. Genau so ist's beim Menschen. Auch wir tragen unter Senkblei stets bei uns, in unserem Kopfe. Tief im Knochen eingebettet liegt ein verzwicktes Organ, das Labyrinth. Ein Teil davon, die Schnecke, dient zuin Hören. Bis in die neueste Zeit hinein dachte man sich, daß dieser ganze innere Teil des OhreS nur zum Hören da sei. Mit den Ohren hört man, basta I Darauf war man so ein- geschworen, daß man's gar nicht glauben wollte, als vor 20 Jahren nachgewiesen wurde, daß ein großer Teil des Labyrinths, der Bor- Hof und die Bogengänge, mit dem Hören nichts zu tun habe, sondernder Gleichgewichtserhaltung diene. Der Vorhof ist unser Richtbläschen, in ihm haben wir kleine Kalkkristalle als Richtsteinchen. Jede Neigung des Kopfes ändert die Lage der Steinchen. Danach wisse» wir auch immer, in welcher Lage zur Erde wir uns befinden. Nun ist's aber etwas andere?, daZ Gleichgewicht zu erhalten. wenn der Körper in Ruhe, als wenn er in Bewegung ist. In der Ruhe fft's eine leichte Sacke. Die Steinchen drücken ungestört nach unten. Daraus erkennt der Körper leicht die Richtung. Aber bei Bewegungen ist'S anders. Es kommt die lebendige Kraft der Bewegung störend hinzu, und die Abschätzung mit den Richtsteinchen wird unsicher. Es müssen eben auch die Bewegungen nach ihrer Richtung und Geschwindigkeit abgeschätzt werden. Dazu dient«in anderer Apparat, die Bogengänge, ein ganz raffiniert sinnreich ge- bautes Instrument. Auch im inneren Ohr. An jeder Seite drei hohle Ringe, mit Blutwasier gefüllt, in eigentümlicher Anordnung: sie stehen senkrecht aufeinander, einer wagerecht, einer quer senkrecht, einer längs senkrecht. Ein Wunderwerk mathematisch- mechanischer Feinarbeit. Die Rohren sind so mit einander verbmiden. daß jede von beiden Seiten in eine erweiterte Buchlung mündet. In diesen Erweiterungen stecken Aufnahmeapparate, Nerven- endorgane, die mit steifen, borstigen Härchen in das Innere ragen. Das ist die Konstruktion. Und die Wirkung? Drehen wir den Kopf nach rechts, so kann die Flüssigkeit im wagerechten Bogengang nicht so rasch folgen, sie bleibt zurück, reibt sich an den haarigen Nervenenden, und von da ivird ins Innere telegraphiert: Kopsdrehang von mittelmäßiger Geschwindigkeit nach rechts. Und da das Kleinhirn gleichzeitig auch von den tiefen Teile» und vom MnSkelsinn Meldungen erhält, so weiß es, ob der Kopf allein oder mit dem übrigen Körper nach rechts gedreht wurde, ob durch eigene Muskelkraft oder etwa auf einem Drehstuhl, und richtet danach, damit man nicht falle, die MuSkeln zur Erhaltung des Gleichgewichts. Automatisch, auf reflektorischem Wege, werden Augen. Kopf, der ganze Körper in die vom Augenblick geforderte Gcwichtslage gebracht. Anthropologisches. Ein neuer Neandertalmensck. DaS Neandertal in der Nähe von Düsseldorf hat in der Wissenschaft eine hohe Be- rühmlheit gewonnen durch den Fund eines Schädels deS vorgeschichtlichen Menschen, der zum Typus einer besonderen Stufe in der Ent» wickelungögcichichte des Menschen geworden ist. Seitdem sind ver- hälttiiSmäßig zahlreiche Funde gemacht worden, die ein gleiches Alter zu haben scheinen, namentlich im Südwesten von Frankreich. Doch ist es in diesem Jahr zun, viertenmnl gelungen, Reste eines sogenannten Neandertalmenichen zu entdecken, und das will bei der Seltenheit solcher Funde außerordentlich viel besagen. Die früheren Fundorte lagen im Tal der Dordogne oder in dem ihres Nebenflusses Bözör«, während der neueste Fund, der jetzt von Henri Marlin in einer Mitteilung an die Pariser Akademie der Wissenschaften beschrieben worden ist. etwa 80 Kilometer weiter nördlich in einem Nebental der Charente gemacht worden ist. Die Schicht sandigen Tons, in der das Skelett in seltener Vollständigkeit der Erhaltung lag. wird als Ablagerung eines alten Flußbett? betrachtet, die zu den unteren Teilen des mittleren Quartär gerechnet werden dürfte. Während in den ftühcren Fällen kein Zweifel obwalten konnte, daß der betreffende Leichnam eine Bestattung erfahren hatte, muß j das jetzt gefundene Skelett allmählich von den Flußsanden ohne Beihilfe von Menschen- Hand zugedeckt worden sein. Au? der gleichen Schicht wurden auch Feuerstein- und Knochengeräte hervorgeholt, deren Älter Martin zum älteren Teil der sogenannten Moustvciencpochc rechnet. Der Schädel des Skeletts war zwar längs der Nahtlinie aufgebrochen, aber sonst hinreichend gut erhalten, um die Eigenart der Neandertalrasse mit voller Deutlichkeit zu zeigen. Die Jäbne besitzen«ine sehr große Aehnlichkeit mit den Meinchenzähuen, die vor kurzen: in einer Höhle auf der Insel Jersey gefunden worden sind. DaS ganze Skelett ist samt den umgebenden Lehmlchichten nach Paris geschafft worden. Kergntw. Redaitejirz Richard Barth, Berlin.— Druck lj. Perlag: BorwärtKBuchdruckcrciu.PcrlagsanstqltPaulSingeröcCo.tBerllnÜ�»