Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 222 Mittwoch� den 18. November. 191t fftaübtui verbolea.j 8] Die Guten von Gutenburg. Von Hermann Kurz. Als der Herr Schneidermeister Hühnerwadel eingedenk seiner Rechnung an den Herrn Lehrer, diesen Antrag stellte. erklärte sich der Herr Oberlehrer bereit und drückte dem Schneider im Geiste die Hand. Im stillen beschlost er aber, die Rechnung des Schneiders vorerst einmal zur Hälfte zu bezahlen. Zu diesen zwei ausgeschossenen Herren in der Sache des Findlings beschlost der Rat noch den Herrn Pfarrer beizu- ziehen. Als dies alles im reinen war, gingen die Herren Räte in guter Eintracht und mit dem erhebenden Gefühl, Wichtiges geleistet zu haben, zum Leuenwirt. Es war Punkt zehn Uhr, als die Räte im Leuen ankamen. Alle trinkfroh und mit im Munde zusammengeloffenem Wasser nach dem Schlachtessen, das schon den ganzen Abend über ihre Geistesruhe beein- trächtigt hatte. Nun aber war das volle Glück da. Der Herr Bürger- meister bestellte sich Sauerkohl und eine Blutwurst in Schweinsdarm, dann noch eine Schüssel Saueressen nebst einem Glase voll Bier.-das des öfteren nachzufüllen war. Entsprechend diesem Herrn labten sich auch die anderen Ge- ringeren iin Range vom Rate der Weisen von Gutenburg. Und da zeigte sich das erfreuliche Bild, dast von all diesen Weisen keiner eine schlechte Verdauung hatte.„Es lästt dem- nach die Weisheit den Magen unbeschadet", meinte der Doktor, der sein Teil schon ab hatte, da er von acht Uhr an im Leuen gesessen. Und als eben dieser löbliche Herr seinen Blick noch- mals über die sich labenden Räte schweifen liest, fügte er noch für sich hinzu:„Eine gute Sau fristt alles." Diese Erkenntnis hinderte ihn aber nicht, als die Räte teilweise wegen ihren Ehefrauen oder dem„zuviel des Guten" gerade oder schwankend abzogen und die Polizeistunde vorbei war, im Nebenzimmer mit dem Bürgermeister, dem James und dem Oberlehrer Skat zu spielen. Da rupften sie dem Lehrer einige Federn aus und vertranken nachher den Gewinn zusammen. Der Herr Oberlehrer, der so nebenbei den Ge- sangverein leitete und in der Kirche die Orgel spielte, faßte den Entschluß, diesem besagten Verein mit einer Gehalts- erhöbung zu kommen und beim Pfarrer auch sein Glück zu versuchen für das Orgelspielen. Damit wollte er seinen Spiel- Verlust einbringen. Dem Bürgermeister brachte er noch an demselben Abend bei, dast das Holz, das er von der Gemeinde frei hatte, bei weitem nicht reichte. Dast er das letzte Jahr zwei Klafter in die Stadt verkauft hatte, verschwieg er. Der Bürgermeister versprach ihm gut gelaunt ein Klafter mehr. So konnte der Schulmeister das nächste Jahr drei Klafter Holz in die Stadt verkaufen. Auch bei dem Doktor hatte er Glück. Denn er ging den Doktor an, als dieser im Rausche war, die Arzt- rechnung zu quittieren. Dies tat der Doktor dem Schulmeister zuliebe im Rmische, ihm selbst des andern Tags zum Aerger. Doch schlug er diesen Ausfall anderen aufs Konto, um auf seine Kosten zu kommen. Dieweil aber dies alles im Leuen im Nebenzimmer vor sich ging, machte sich der Nachtwächter im Wirtszimmer draußen über die Resten des Gelages her. Zuerst fräst und trank er, bis es nimmer ging. Dann nahm er die Zeitungen von der Wand und wickelte die übrigen Reste ein, wie es gerade von Platte �u Platte kam. Die Bier- und Wcinrcste trank er während dieser Arbeit leer, und als er säubern Tisch gemacht hatte, sagte er„guten Abend" und zog nach Haus zu Frau und Kind. Dort ging es dann in selbiger Nacht hoch her. Der Leucnwirt drückte zum Raub des Nachtwächters beide Augen zu und rechnete dabei aus, dast für seine vier Muttersäue die Tränke, welch« die Reste gegeben hätten, futsch sei. Aber er durfte nichts sagen, damit der Nachtwächter ntcht in das Nebenzimmer schaute. Denn die Nachtstunde war längst vorbei und Bürgermeister wie Wirt und die anderen strafbar. Das wußte der Nachtwächter so gut wie einer« darum kassierte er die Strafe der Einfachheit wegen selber ein. W i e der Findling an den Wenig st nehmenden versteigert wird. Der geistliche Herr und der Gestrenge, der Bürgermeister« mit dem Oberlehrer beschlossen, dem Findling eine große Taufe zu machen. Weniger des Findlings als des Siege» der Obrigkeit wegen, die mit Hilfe der Findlingshändel an da» Ruder gekommen war. Auch sollte die verflossene Obrigkeit sich ärgern und wurmen und grün und gelb werden vor Gift und Galle. Unter diesen Gesichtspunkten wurde auch der Name de» neuen Bürgers von Gutenburg ausgeklügelt.„Viktor" al» Vorname des Sieges wegen, nebst„Fürchtemich" als ge- ziemende Warnung vor allen Umtrieben, die der Gegen» Partei beifallen sollten, und als zarte Andeutung der dunklen Herkunft des Findlings„Unbekannt" als Geschlechtsname. Zugleich sollte aber auch dieses„Unbekannt" immer eine Warnung an den Balg selbst sein und ihm bedeuten, wie und woher er komme, damit er sich nichts herausnähme und be- scheiden bliebe. Diesen ebenso menschenfreundlichen wie die Ruhe verbürgenden Weitblick hatte der Herr Oberlehrer, und die anderen beiden Ausgeschossenen stimmten bedächtig bei. Man hatte zur Genüge Beispiele von Aerger und Friedens- störungen, welche durch derlei Brut wie der Findling, jetzt „Unbekannt" genannt, in wohlbestcllte Familien getragen wurden, zu Freud und Leid der Mitmenschen. Hingegen empfahl sich zum Tauffest dennoch ein große» Getue. Dadurch konnte der Bürgermeister sich von der humanen Seite zeigen. Und dem Schullehrer flössen einige Silberlingc durch das Eintrittsgeld zum Tauffestspiel in die Taschen. Auch der Herr Pfarrer versprach sich so einen lustigen Tag. Dafür war er immer zu haben laut dem Bibel- wort„Leben und leben lassen". Dann war andererseits auch nicht zu verachten, an die Gemeinde für die groß ausgeführte Tauffeierlichkeit eine saftige Rechnung zu stellen: das war auf jeden Fall besser als die paar Groschen, die auf dem Armen- weg als Gotteslohn bezahlt wurden. Und dann machte der Herr Pfarrer noch aus Nächstenliebe mit, denn er war ein guter Christ. Warum hätte er auch nicht mitmachen sollen, gerade wo der Altenberger Bürgermeister, der doch ein flotter Stecher vor dem Herrn war, seine Gegenwart zugesagt hatte? Der obendrein dem gefundenen Unbekannt, diesem Bastard» noch Pate sein wollte? Das Tausfest des Findlings wurde zu einem Guten- burger Volksfest, darüber braucht man sich weiter nicht zu verwundern. Hingegen waren verschiedentliche Resultate» welche diese Taufe zeitigte, um so absonderlicher. Es wurde nämlich bekannt, dast in der Nacht, die auf den Festakt folgte, der Doktor zu beinahe sämtlichen alten Gemeinderäten berufen worden war. Der Apotheker Fett- haus, der zur jetzigen Regierungspartei gehörte, brachte diese» Phänomen an den Tag, aus lauter Schadenfreude. Er sagte seinen Kollegen im Rate ganz im Vertrauen, dast der Erfolg des Festes ein ganzer gewesen sei. Mehreren unter den vcr- flossenen Gemeinderäten hätte der gute Verlauf derart auf die Galle geschlagen, daß sie im ganzen fast ein halbes Pfund Tannin verschluckt hätten� Als zweites Kuriosum gab der Schneidermeister Hühner- wadel seine Beobachtung preis, welche den guten Festverlauf nicht minder bewies. Der Schulmeister, der verschmarotzte, hatte ihm nicht nur die Rechnung zur Hälfte gezahlt, nein, dazu hatte er auch noch sein Haus neu abstechen und bemalen lassen und seiner Frau eine neue Haube gekauft. Und die» alles aus dem Gewinn seines Festspiels: in die Kasse zum Wohle des Unbekannt war aber nicht einmal so viel geflossen, als genügt hätte, um die Haube, geschweige denn den übrigen Aufwand des Schulmeisters herauszuschlagen. Weng der Schullehrer die Schneiderrechnung voll bezahlt hätte, würde der Schneidermeister natürlich niemals ein Wort solcher Art über den Lehrer verloren haben. Dann redeten auch einige ganz gut Eingeweihte von ganz besonders pikanten Dingen. Unter anderem, der Altenberfler Bürgermeister sei derart beschwipst gewesen, d«ß man ihn morgens nicht im Fremdenzimmer, wohl aber neben d« Tochter des Guienburgcr Bürgermeisters gefunden habe. Beide schnarchend im Bette, nebeneinander. Etwas Böses war natürlich nicht vorgekommen, das wußten alle. Bei dieser Be- teuerung gaben sie sich aber regelmäßig einen Knisf in die Seite und grinsten dazu. Auch sonst seien viele Leute in fremden Kammern erN an jenem denkwürdigen Morgen. Darum wurde in kurzer Zeit nach dem Fest Hochzeit Hochzeit gefeiert. Unter diesen Hochzeiken war iauch des Gutenburger Bürgermeisters Töchterlein, das der Jakob aus dem Kreuz als Frau heimführte. Der beliebte Bürgermeister von Altenberg war Brautführer. Noch einige andere Kuriositäten geschahen. Es sprang unter anderem die Frau des Frcien-Baschi in den Nl)ein. Man hatte ihr wenige Stunden vorher des Morgens»ach dem Feste ihren Eheherrn mit eingeschlagener Hirnschale nach Hause gebracht. Sie sollte zwar schon lange nicht mehr ganz recht im Kopfe gewesen sein, meinten verschiedene Guten- burgcr Weiber. Die vertrauliche Mitteilung der Bas von nebenan, man hätte den Baschi vor dem Kammerfenster von des Salmenwirts Saumagd gesunden und gleich darauf den Rosser aus dem Salmen vermißt, gaben der Frau den Rest. Gleich nachher war sie auf und davon gegangen, das dumme Luder, ins Wasser. Keine vernünftige Frau in ganz Guten- bürg konnte dies begreifen, zur Ehre der Ortschaft sei dies nicht vergessen. Von dieser Sache war ein ganz ekelhafter Rest auf dem Trockenen geblieben. Das waren die sieben Kinder des Baschi, die ihm sein Eheweib in sechseinhalb Jahren geboren hatte. Und was dem Faß den Boden noch vollends ausschlug, das war die Armut im Hause des Baschi. Aber mit raschem Griff und kühnem Geiste, wie dies sich so geziemt für Männer, die an der Spiße stehen und mehr auf die Vernunft und Schonung des Geldbeutels als auf Gefühl horchen, handelte die Obrigkeit von Gutenburg. Sie taten, was landauf und ab getan wurde und noch viel, vielmal aufs neue geschieht, sie beschlossen, mit dem Find- ling zusammen an einem Tage auch des Baschi Kinder an den Wcnigstnehmenden zu vergeben. Alsobald ließen sie den Polizeidiener mit der Glocke her- umziehen. Es wurde ausgeschellt, daß am Montag vor dem Rathause der Findling Unbekannt und sieben 5tinder des Freien-Baschi im Alter von einem halben bis zu seckBeinhalb Jahren an den Wenigstnehmenden zu Kost und Schlafen sowie zur freien Benützung des Uebernehmers für Arbeit und ähnlichem vergeben würden. Am Montag gleich nach dem Mittagessen beganncm sich die Unternehmungslustigen vor dem Rathause einzufinden. Sie gehörten durchwegs zu den Menschen, denen das Leben und die Leidenschast mit hartem Griffel die Menge ihres Gefühls und ihrer Härte auf das Geficht geschrieben hat. Nur war leider des Gefühles so wenig. Härte, Gewinnsucht, Neid, Geiz waren da zu lesen, bei einigen auch Hunger, Not, Kummer und Kampf um das Leben. (Fortsetzung folgt.) So bat ein jecler feinen Kummen 5] fßoa D. A i S m o n. •VIII. Den folgenden Tag war Lasar Mironowiisch vorzüglicher Laune. Er sang und tänzelte und schcrzlc. neckte seine Frau mit der Drohung, er werde eine Chilenin heiraten und versank nur zeit- weise in tiefeS, verträumtes Sinnen. Dann aber fiel ihm die Lewitina ein. ihre hungernde Familie und der todkranke Sohn, und sie taten ihm plötzlich leid._ Er zog sich an, nahm eine Droschke und trug ihnen selbst das Geld hinaus, das er ihnen gestern ,n der Aufwallung seines Zornes vorenthalten hatte. Die Lewitina empfing ihn schweigend, mit dem gleichen ver- härmten Gesicht und dem Ausdruck tiefen Gravis in den dunklen Augen. In der Wohnung war es finster und kalt. Es roch nach Kreosot, Nässe und Schimmel, und obwohl man weder Klagen noch Seufzer hörte, spürte man doch aus allem die Anwesenheit des Schwer- kranken. „Da haben Sie Ihre fünf Rubel," sagte Lasar Mironowiisch, „Es ist Zalt hier.... Kein Holz?.,. Nun, da haben Sie noch drei Rubel. Die sind so... extra... Komische Frau, Sie; müssen Sie denn auch gerade kommen und mich reizen, wenn ich Aerger und Kummer habe? Oder meinen Sie, weil ich reich bin. hätte ich keinen Kummer? Meinen Sie das?... Ach, meine Liebe, Kummer, will ich Ihnen sagen, hat ein jeder. Ein jeder von uns hat sein Päckchen. Das sollten Sie eben Ihren Kindern klarmachen,... Dann geht Ihnen vielleicht ein Licht auf. Denn so haben Sie ja nichts, als diesen Ihren Sozialismus. Aber das machen Sie ihnen mal klar— ja— das eben ein jeder sein Päckchen hat, und daß man, wenn man sie einzeln abwiegen wollte, noch gar nicht weiß, wessen das schwerere ist... Nun, schon gut, schon gut.... Ich schicke Ihnen noch Wein... ausländischen... der stärkt... Ich gebrauche ihn selbst." Lasar Mironowitsch blieb nicht lange. Nach einigen Anweisungen, wie man den Kranken anheben müsse und wie man den Ofen heizen müsse, um die Stube mir wenig Holz warm zu kriegen, fuhr er davon.— „Welch ein Rindvieh, dieser chilenische Konsul," sagte der Stadt- Hauptmann inzwischen zu seinen Beamten.„Eine Amtskracht braucht er! hähähähä... Kniehosen und Achselklappen, ja wo- möglich Säbel und Patronentasche... dieser brasilianische Horn- ochse! Er sollte, weiß Gott, eine Tracht kriegen, die er sobald nicht vergißt..." So ging die Zeit, und Lasar Mironowitsch war nach wie vor heiter und guter Dinge. Zum Frühling, hoffte er, würde dei Angelegenheit geordnet sein, die Amtstracht gestickt und genäht, und zu Ostern konnte der chilenische Konsul dann in Gala in offener Equipage zum Dom fahren. Wie würde nun bloß die Tracht selbst ausfallen? Lasar Mironowiisch schloß die Augen und malt« sich die kühnsten Dinge aus.... Auch mit seiner Gattin unterhielt er sich über diese Frage; Klara Moissejewna aber war vor allem darauf erpicht, daß er sich photographiereu lasse; nach dieser Photographie wollte sie dann von einem Schüler der Kamstsckmlc ein großes Bild machen lassen. O. sie würde schoik einen möglickst Bedürftigen finden, irgend so einen armen, verhungerten Schlucker, der eS ganz billig machte, am Ende sogar noch in Oel.... „Ich will aber auch mit auf das Bild," sagte sie. .Gewiß. Du auch. Wir lassen«in Familienbild machen." „Ja. aber auf ein Bild sollst Du auch allein, in ganzer Größe und voller Tracht." Lasar Mironowitsch arbeitete inzwischen in der Nudelfabrik, überwachte den Bau des Lazaretts und regte sich, wie stets, von früh bis spät, und alles war ihm recht und nichts fiel ihm schwer, wußte er doch genau, daß das Schriftstück des Stadthauptmanns nun in Chile war, daß man dort die Frage eingehend erwog und — schließlich in gewünschtem Sinne entschied. „Wohlverstanden," sagte er,„es geht ja nicht um den Ehrgeiz allein. Nein, es kommt auch dem Geschäft zugute, daß ich Konsul bin. Man genießt nun mal mehr Ansehen, beim Publikum sowohl wie bei den Behörden. Ich nehme nur an. ich bewerbe mich um eine Lieferung... oder der Junge soll ins Gymnasium unter Um- gehung der Prozentnorm. Ja, schließlich selbst bei einem Progrom, den Gott verhüten möge." „Ja...." stimmte Klara Moissejewna bei und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen, während sie unwillkürlich daran dachte. in welch grausigen Hausen von Scherben und Trümmern die wilde Horde vor vier Jahren die ganze Wohnung verwandelt. „Endlich mal wird man ruhig leben können. Zum mindesten wird man nicht umgebracht." All diese Erwägungen spannen schon jetzt ein breites Band von Ruhe und Frieden um der'Eheleute ZipkeS Gemüt und Herz. Jeden Montag stellte sich die Lewitina ein, um ihre Unter- stützung abzuholen. Sie stand wie immer an der Schwelle und seufzte leise; mit ihrem Boris wurde e? von Tag zu Tag schlechter; er war nun zum Skelett abgemagert und kämpfte seit Tagen im Fieber mit einem riesigen grauen Vogel, der die Fänge in seine arme Brust schlug und ihm den Atem nahm.... .„Schon gut, schon gut, da nehmen Siel... Da haben Sie noch einen Rubel!" sagte Lasar Mironowitsch.„Ein armer Ver- wandter ist wie ein Speicker mit Löchern: schütt in ihn hinein, was du willst, er wird nie voll.... Da haben Sie noch drei Rubel extra.... Nun. nehmen Sie schon! Ich werde nicht arm. Es ist. gottlob, noch was da!" Im Flur ober holte Frau Zipkes die Lewitina ein und steckte ihr noch ein Glas Eingemachtes oder eine alte Jacke für die Kinder zu. „Sie hat es wirklich schwer." sagte sie bisweilen zu ihrem Mann.„Die Kinder siechen eins nach dem anderen hin... Ich weiß gar nicht, wie sie es erträgt...." „Gott mit ihr!" sagte der Konsul.„Mag sie zusehen! Kummer—? Ein jeder hat seinen Kummer. Ich versichere Dich. daß es niemanden gibt, der nicht Kummer hätte. Ja, ja.... Ein jeder trägt eben sein Päckchen...." Er verabschiedete diese völlig überflüssigen Gedanken und kehrte zu seinem Lieblingsthema zurück Vielleicht war die Antwort CbileS schon unterwegs.... Ucber die See stampft der Dampfer daher und auf dem Dqmpfer liegt in einem großen Kuvert— in einem besonders ver- ssegelten Beutclchen— der Bescheid.... Fragte sich imr: wie sah die Amtstracht selber au«? Würden sie einen Dreispitz bestimmen? Oder gar einen Helm?» So ein Helm ist nämlich durchaus nicht zu verachten, besondere einer mit Federbusch. Wenn diese Federn nun noch gefärbt— oder gar lange Strauhenfedern sind, so ist ein Helm unter Umständen sogar noch bem Dreispitz vorzuziehen. Es zeigt stch also, daß ein Jude, wenn er sich anständig bc- nimmt und Grips hat, selbst in Rußland noch leben kann. Unzufrieden sind die Revolutionäre, Hungerleider und Kon- sorten. Gewiß bedrückt man den Juden, wer wollte das leugnen? Hierhin kann er nicht, dahin kann er nicht, dies ist ihm versperrt und das ist ihm verboten, Sie werden ihn noch so in die Enge treiben, daß er überhaupt nicht mehr japsen kann.... Aber schinden sie denn nicht das eigene Volk ebenso? Tie eigenen ver- hungerten Bauern draußen in den Dörfern? Oho! Steuern und abermals Steuern, und dabei kein Vieh und kein Land und keine Ausficht auf Besserung und nichts als Beschränkung und Knuten.... Dem Juden geht es zwar noch schlechter, noch zehnmal schlechter... dennocb: wer sich zu benehmen versteht und wer anständig und menschlich und höflich ist, dem geht es schließlich überall gut. O, dem geht es vorzüglich! � Alles in allem fühlte sich Herr Zipkes also recht wohl. Ermüdend und langtveilig war nur das Warten und zeit- weise schüttelte er ob der chilenischen Bummelei bedenklich den Kopf. Der Bescheid blieb noch immer aus. Herr Zipkes hätte fürs Leben gern beim Stadthauptmann an- gefragt, ob denn noch immer keine Antwort da sei und ob sich die Sache denn absolut nicht beschleunigen laffe. Er verschob diese Anfrage von Tag zu Tag. Gerade um diese Zeit nämlich bildete eine Reihe neuer wüster Tollheiten SheltuchinS das Stadtgespräch. Sei es, daß die Nervenkrankheit des Gctvaltigen sich ver- schlimmerte, sei es, daß der nahende Frühling so anstachelnd auf ihn wirkte, Tatsache war, daß kaum ein Tag verstrich, an dem er nicht etwas Neues ausheckte. Heute verprügelte er im Erfrischrmgsraum des Theaters irgend- eine bekannte Persönlichkeit, morgen gab er plötzlich Befehl, die schönsten Linden des Boulevards zu fällen, übermorgen verlegte er ein öffentliches Haus von den Außenbezirken in den Kernpunkt der Stadt, direkt neben das Mädchengymnasium. Die ganze Stadt sprach entrüstet von ihm und seinen Streichen. Lasar Mironowitsch allein blieb taub und stumm. Sollte er sich um all und jeden Tratsch kümmern? Es war ja doch nur Schwindel. Was aber die Hungerleider und Skribifaxe betrifft, die ihn Tag und Nacht bemäkeln und bekritteln, so würde ich an seiner Stelle mit ihnen kurzen Prozeß machen. Windbeutel. Spiegel- fechter, Sozialdemokraten!... Karl Marx steckt ihnen im Sinn. nichts weiter,— ganz wie diesem verdammten Boriska Lewitin— und vor Uebermüt wissen sie überhaupt gar nicht mehr, wen sie ankläffen und herrmterreißen sollen.... „Diese Schwefelbande wird noch einen Pogrom anzetteln," sagte Lasar Mironowitsch zu seiner Frau. „Ja, so kommt es noch," bestätigte Frau Zipkes.„Ewig— aber auch ewig haben sie diesen Mann beim Wickel. Das ist Preß- freiheit.... Dich haben sie ja auch schon heruntergemacht. Pack, miserables..." In der dritten Passionswoche endlich riß dem Konsul die Geduld. Er warf sich in Wichs und fuhr hinauf zum Stadthauptmann. X. „Aha, in Sachen der Amtstrocht—?" fragte Sheltuchin. „Zu Befehl, Exzellenz! Hat sich Chile vielleicht schon ge- äußert?" „Chile schreibt gerade.. Vor Zipkes Augen begann es zu flimmern... er hatte ein Gefühl, als wüchsen ihm Flügel... „So haben Exzellenz Nachricht?" „Aber natürlich" Der General erkundigte sich nach dem und jenem, klopfte dem Konsul freundschaftlich auf den Bauch, fragte ihn ob er denn so schrecklich viel fresse, daß er einen so unerhörten Wanst habe und sagte zu guter Letzt: „Der endgültige Bescheid wird in nä-dster Zeit eingehen. In allernächster Zeit.... Sie werden zufrieden sein." Nach dieser Zusicherung erachtete der Konsul den Moment zur Ausführung seines reiflich erwogenen Planes für gekommen; er versenkte also snicht ohne entsprechende Feierlichkeit) die Rechte in die innere Rocktasche und Hub also zu sprechen an: „Euer Exzellenz! Von dem untertänigsten Wunsche beseelt, meine schwachen Kräfte in den Dienst der Euer Exzellenz Pro- tektorat unterstehenden Wohltätigkeitsbestrebungen zu stellen und diese in oll und jeder Weise zu fördern und zu unterstützen, gebe ich mir. als Konsul und Mitglied des diplomatischen Korps, hier- mit die Ehre, Euer Exzellenz ergebenst zu bitten, mein bescheidenes Scherflein für das den Bedürftigen und Armen zu spendende Oster- mahl allergnädigst anzunehmen." Mit diesen Worten zog Herr Zipkes(wiederum nicht ohne Feierlichkeit) seine Briestasch« hervor.... (Schluß folgt.) Maurice Meterlincl?. Von Friedrich v. Oppeln- Bronikowskk. Nicht ganz überraschend kommt die Kunde, daß M. Marter- linck den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Wie von seiner Aufnahme in die französische Akademie, redete man schon seit ein paar Jahren von dieser internationalen Ehrung. Ungewöhnlich ist daran nur, daß der Literaturpreis diesmal keiner gealterten. sanktionierten, dem Streite der Meinungen entrückten Literatur- grüße zuteil wird, sondern einem Manne aus der Höhe seines Schaffens und seiner Ersolgc, der erst im kommenden Jahre seinen 50. Geburtstag begeht, einem, der vor noch nicht langer Zeit als „Eindringling" und Neuerer galt, und der wegen der düsteren Mystik seiner Jugendwcrke noch heute von vielen scheu gemieden oder offen verhöhnt wird. Man fragt sich vielleicht mit Besorgnis, ob denn die nervcnquälende Kunst des„Eindringlings" oder die gehäuften Schrecknisic der Prinzessin„Maleine" dem europäischen Geschmack von heute schon, so kongenial erscheinen, daß der Dichter einer derartigen Ehrung für wert befunden werde. Und doch irren, die dies glauben; denn gewiß gilt diese Ehrung vor allem dem späteren Maeterlinck, dem. zartfingrigen Entschleiercr der Ge- hcimniffe des Biencnstaates und dem Philosophen abgeklärter Lebensweisheit, dessen stille Bücher nur eine kleinere Gemeinde befitzt als sein laut bewundertes Renaissancedrama„Manna Vcrnna" oder sein heißumstrittenes strudelköpfigcs Erstlingsdrama „Maleine". Maeterlinck hat sich die Möglichkeit dauernder Popri- larität selbst erschwert, indem er, den Weg der EntWickelung be- schrettend, seine ersten Anhänger verließ und auch die zweite, große Gruppe von Bewunderern, die in ihm den kraftvollen, erfolgreichen Theaterdichter iahen, durch neue stillere Gaben enttäuschte. Und so ereignete sich denn nach dem Monstrccrfolge der„Manna Vanna", als er seine klassisch stilisierte„Joyzrlle" in die Welt setzte, etwa das gleiche wie vor vier Menscbenaltern, als der Dichter des „Götz" und..Werther" seine klassisch kühle„Iphigenie" aus Italien über die Alpen sandte. Es bedurfte einer völligen Umorientierung, und die Folge war eine Abkühlung. Kaum ein Dichter der Moderne, sein Landsmann, der große Lyriker Verhaeren ausgenommen, zeigt eine gleich geschlossene, konsequente EntWickelung wie Maeterlinck. Er hat sich aus dem userlosen Mystizismus und Pessimismus seiner Jugendwerke zu einer konkreten, lebensfrohen Kunst, einer höchsten philosophischen Weltbejahung durchgerungen, so daß er jetzt im fünfzigsten Lebens- jähre als ein Fertiger und Vollendeter dasteht. Deshalb kann man auch heute schon das Fazit seines Lebens ziehen und seine EntWicke- lung von ihren Anfängen bis zu den letzten Konsequenzen verfolgen. Die Wurzeln seiner Kraft liegen auf niederdeutschem Boden, in dem mystischen Brabanter Weltwinkel, aus dem vor Jahr- Hunderten eine der größten Malerschulen der Welt hervorgegangen ist. German- schc Herkunft und Innerlichkeit kennzeichnen sein Wesen und haben ihm von jeher die Sympathien der germanischen Welt gesichert; er selbst hat sich stets als Germanen empfunden. Die Größe Shakespeares hat er immer wieder den in diesem Punkte von alters her schwerhörigen Franzosen gepredigt; in die deutschen Klassiker hat er sich schon als Schüler versenkt; vor allem aber hat er sich mit der deutschen Romantik vertraut gemacht. Seiner Hinneigung zur alten deutschen Mystik und ihrem Erneuerer Schopenhauer verdank! er einen guten Teil seiner Ideen bis hinauf zu seinem neuesten Märchendrama„Ter blaue Vogel". Aus dem deutschen Märchen nahm er bereits den Stoff seines wildgenialen Erstlingsdramas..Maleine", bei dem überdies Shakespeare Pate gestanden hat. Andererseils brachten ihn die sozialen und politischen Verhält- nisse seiner belgischen Heimat ebenso dem romanischen, speziell dem französischen Kulturkretse nahe, dessen Sprache er schreibt und dessen gewaltiger Schallboden Paris ihm frühzeitig eine Beachtung sicherte, die er als holländischer oder flämischer Schriftsteller nie gesunden hätte. Deutsche Seele und französische Geistesbildung, diese Synthese, die ein Nietzsche als das wünschbarste Ziel hinstellt«, ist ihm von einer gütigen Fee aus den Lebensweg mitgegeben worden und hat in ihm ihren glänzendsten Ausdruck und ihre vollste Durchdringung gefunden. In einer Zeit der Gärung und Unzufriedenheit steht Maeter- linck heute als eine in sich ausgeglichene, glückliche Natur da. glücklich nicht nur durch die äußeren Lebensumstände: sorgenlose Unabhängigkeit, frühen Ruhm und ein glückliches Heim, sondern auch innerlich beglückt durch einen festen und sicheren Willen, der ihm sein Tun und Lassen varzeichnct, durch ein ruhiges Streben und entschlossene Daseinsbejahung, als einer, der nur aus der Ferne wirkt und sich allem entzieht, was seine Kreise stören kann, der aber just dadurch zu einen, Trost und Leitstern für viele geworden ist, zu einem neuen Emerson, der seelisch Verstimmte wieder mit dem Leben aussöhnt. Drei Dinge haben zu seiner Lebensgestaliung am mächtigsten beigetragen: der Sport, die Natur und der Einfluß einer Frau. Als kräftiger und gesunder Mann war er von jung auf ein eifriger S p o r t s m a n n, der sich im Degen- und Faustkampf übte, Rudern und Wandern liebte und, dem Zuge der Zeit folgend, vom Zwcirad zum Auto übergegangen ist. Das zweite ist seine Naturliebe, die ihn bald zu myfti» scher Versenkung in die Rätsel des Alls, bald zu strenger Verstandes» »nähiger Äaturbeobachtung geführt hak. Wie er selbst sagt, wäre er Naturforscher geworden, hätte ihn nicht der Wille seiner Eltern, gegen den er nicht weltstürmerisch aufgebäumt hat. in die juristische Laufbahn gedrängt. Uebrigens hat er diesen unerfüllten Jugend- plan noch reichlich nachhol», können; er hat in fünfzehnjähriger tzorscherarbett seine Beobachtungen über das Leben der Bienen ge- sammelt und das Fazit daraus in einem Buch gezogen, dessen »vissenschaftllcher Wert durch die Preiskrönung der französischen Akademie eine offizielle Bestätigung erfahren hat. Studien über die Pflanzen(.Die Intelligenz der Blumen" u. a. m.) schlössen sich an. Hier wie dort strebte der Dichter eine mystische Vertiefung unseres NaturerkennenS auf Grund exakter Forschungen an, indem er„spekulative Resultate auf mduktiver Grundlage" gab.— das genaue Gegenteil der alten, verrufenen Naturphilosophie Schellings und Okens, die von vorgefaßten Abstraktionen ausging, um die Einzelerscheinung in ihr Schema zu zwingen. Als dritter bedeutsamer Einfluß auf den Dichter tritt seine Wekanntschaft mit einer hochstehenden Frau hinzu, der Sängerin und Schauspielerin Georgette Leblanc, die er 1896 kennen lernte und die ihm fortan eine klug« und treue Lebensgefährtin sein sollte. Es war zu einer Zeit, da er selbst einen Ausweg aus der »nystischen Versunkenheit seiner ersten Epoche suchte. Schon der „Schatz der Armen", der philosophische Schlußstein dieser Epoche, ist ihr gewidmet, und bereits hier steigt das Gestirn der Weisheit, das den Einfluß des finsteren Schicksalsgestirns niederhält, am Be- griffshimmel des Dichterphilosophen auf. In dem folgenden Buch „Weisheit und Schicksal"(1893) ist der Umschwung zu einer neuen, lebensfreudigen Weltanschauung innerlich vollzogen. Fortan steht dieser Frauentypus im Mittelpunkt seiner Dramen. Schon in„Aglavaine und Selysette"(1896) sehen wir ihn auftreten. Dies Seelendramo voll tiefer Symbolik verkörpert den Kampf zwischen einer scheidenden, nordisch-mystischen, instinkt- mäßigen Weltauffassung uno einer kommenden, südlich-klaren, weis- lheitsvollen Weltanschauung, die sich das Herz des Dichters streitig machen, wie sich Aglavaine und Selysette die Liebe Meleanders streitig machen, die eine mit ihrer naiven Zärtlichkeit, die andere mit ihrer hoheitsvollcn Weisheit. Dieser Kampf aber führt« not- wendig zu einer tragischen Lösung, und der Tod, den der Dichter hier, nach eigenem Geständnis, entthronen wollte, bleibt zum letzten- mal Sieger. Erst der Heroine„Monna Vanna" gelingt es. den Tod zu ent- thronen; sie bietet einem ungewissen Schicksal in Behauptung des eigenen Ich kühn die Stirn. Den völligen Sieg über das Schicksal aber— auch den äußeren— erreicht erst ihre Geistesschwester Joyzelle und der alte Zauberer Merlin: in diesem Drama(„Joy- zelle") sind Gemüt und Welt, nach dem tiefen Worte des Novalis, zusammenfallende Begriffe geworden. Zu dem inneren Glück des Gerechten, das der Dichter in„Weisheit und Schicksal" ergründet und an der Figur des alten SilanuS(in„Maria und Magdalena") veranschaulicht hat, tritt hier das äußere Glück des Starken, Klugen und seiner Seele Bewußten. Das ist des Schicksalsdramatikers letzter Schluß und zugleich die Nutzanwendung seiner letzten philo» fophischen Werke. Wie Maeterlinck selbst eine geradlinige Entwickclung von Lebensfurcht zu höchster Weltbejahung durchgemacht hat, so glaubt er auch an den Fortschritt und die Entwickelung des Weltganzen aus einem Chaos zum Kosmos. Er verfolgt dies Entwickelungs- gesetz als Naturforscher an einem außermenschlichen Gemein- Wesen, dem Bienenstaat, und erkennt dessen allmähliches Werden aus dem anarchischen Urzustände der wilden Urbiene(Prosopis) bis zu dem strenggeregcltcn geflügelten Staatswesen unserer Hausbiene. In einer seiner letzten philosophischen Schriften, der „Intelligenz der Blumen", hat er diese große Linie der Entwicke- lung auch in einer niedrigen Sphäre ausgedeckt. Gerade die Pflan- gen, sagt er, die wir für so resigniert und fatalistisch halten,„geben uns ein wunderbares Beispiel von Unbotmäßigkeit, Mut und Be- harrlichkeit gegen das feindliche Schicksal". Er erkennt die geistige Einheit der Welt, die ihn zur freudigen Hingabe des Jndviduums an den Weltprozeß, zu einem Goetheschen Pantheismus bestimmt. Beruhigung, das ist das letzte Wort von Maeterlincks Lebens- Philosophie: Beruhigung, daß sein Verstand, seine naturwissen- fchaftlichc Weltbetrachtung, den Intuitionen seines Dichterhrzens recht gegeben hat, daß sein Geist und Wille im Einklang mitein- ander und mit dem Weltganzen stehen. Und in seinem letzten philosophischen Aufsatz„Vom Tode" nimmt er auch den Tod, der ihm «inst so unheimlich aus allem Leben entgegenschaute, als ewiges Werdegesetz mit stiller Gefaßtheit hin: „Gelassen hingestüht auf Grazien und Musen, Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut, Mit freundlich dargebotnem Busen Vom sanften Bogen der Notwendigkeit.'' kleines Feuilleton. Eine Tiersage der Hottentotten. Einen interessanten Einblitk E« die Volksseele der Hottentotten gewährt eine hübsche alte Tier- Lage, durch die die Hottentotten die Hasenscharte erklären. Da? «erantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: poetische Märchen, das im„State" veröffentlicht wird, laulei:„Vor langer, langer Zeit, als Hie Welt noch ganz jung war, wollte Frau Mond den Menschen eine Botschaft senden. Sie versuchte es erst mit einem Geschöpfe und dann mit andere», aber ach. sie waren alle zu eifrig beschäftigt, sie konnten nicht gehen. Da rief sie schließlich das Krokodil. DaS Krokodil ist sehr langsam und nicht sehr gut, aber Frau Mond dachte: ich werde es in den Schwanz kneifen, da» mit es schnell geht. So sagte sie dann zu dem Krokodil:„Gehe schleunigst hinab zu den Menschen und bringe ihnen diese Botschaft: „Wie ich sterbe und sterbend lebe, so werdet auch ihr sterben und sterbend leben." Da machte sich das Krokodil auf den Weg; s» lange Frau Mond es sehen konnte, lief es eilig dahin, und wen» Frau Mond eS nicht sehen konnte, ging es ganz langsam und ge» mächlich Da kam der kleine Hase und fragte:„Wohin läufst Dl» denn so eilig, Onkel Krokodil?" Das Krokodil aber antwortete: „Frau Mond hat mich mit einer Botschaft zu den Menschen ge- fandt:„Wie ich sterbe und sterbend lebe, so werdet auch ihr sterben und sterbend leben"." Da sagte der Hase:„Du bist so langsam. gib mir die Botschaft, ich werde sie zu den Menschen bringen." „Schön," sagte das faule Krokodil. Da lief der Hase wie der Wind davon, und endlich kam er zu den Menschen und rief sie zusamnien und sagte:„Hört, o Söhne Babuns, ein weiser Mann kommt, Euch eine Botschaft zu künden. Mich sendet Frau Mond, um Euch zu sagen:„Wie ich sterbe und sterbend zugrunde gehe, so werdet auch Ihr sterben und es wird mit Euch ganz zu Ende sein." Da sahen die Menschen einander an und beteten, und plötzlich war das Fleisch ihrer Arme wie Gänsefleisch. Und während die armen Menschen so in schlimmen Schrecken zitterten, ging der Hase zu Frau Mond zurück und erzählte ihr von der Botschaft, die er überbracht hatte, und lachte vor Vergnügen, weil die Menschen vor Angst ganz steif waren. Da wurde Frau Mond sehr zornig und nahm einen großen Stock und schlug den Hasen. Aber der Hase duckte sich und ent» wischte ihr, und der Schlag mit dem Stocke traf ihn nur auf der Rase. Da vergaß der Hase, daß der Mond eine Dame war, und ritsch ratsch schlug und zerkratzte er das Mondgesicht, bis die Stücke davonflogen. Und darum geht der Hase noch heute mit einer ge- fpaltenen 5!ase durch die Welt, und darum hat das goldene Antlitz der Frau Mond so lange dunkle Narben." Kulturgeschichtliches. Die Erfindung des chinesischen Porzellans. Al» Böttger in Dresden im Jahre 1709 daS Porzellan erfand, kam er hinter daS technische Geheimnis, das China schon lange besaß, jedoch vor Unberufenen ängstlich verwahrte. Entsprechend dem Interesse, daS die Europäer an dem schönsten aller keramischen Stoffe seit jeher bekundeten, war auch die historische Forschung nicht minder bemüht, die ersten Anfänge der Porzellanproduktion in China fest- zustellen. In einer lehrreichen Abhandlung, die im Oktoberbest des „Orientalischen Archivs" veröffentlicht wird, stellt der Kunsthistoriker E. Zimmermann die Ergebnisse dieser Forschung zusammen. Die Erfindung des Porzellans vollzog sich nach dem Muster vieler andern technischen Erfindungen so, daß man die Zusammen- setzung dieses kostbaren Stoffes auf einem Wege fand, auf dem man zunächst etwa» ganz anderes suchte. Denn das Porzellan ist in seiner Zusammensetzung so eigenartig, daß man mit den gewöhnlichen keramischen Mitteln niemals zu seiner Herstellung gelangen konnte. Es stellt ein Gemisch zweier Bestandteile dar. die sich im Feuer deS Brennofen? genau entgegengesetzt verhalten, eines glasartigen, der dort schmilzt, und eines mehr keramischen, der fest bleibt. Dadurch nimmt daS Porzellan eine Mittelstufe ein zwischen Glas und Keramik. Wie kamen nun die Chinesen darauf, so ein Mittelding zu fahrizieren? Darüber erzählt eine chinesische Chronik:„Ho Chou, der Vorsitzender deS Ministeriums der öffentlichen Werke während der kurzen Zeit der Suidynastie(681—617 n. Chr.) war. besaß eine aus« gedehnte Kenntnis von alten Gemälden und war sehr vertraut mit Altertümern. China hatte schon seit langer Zeit die Kunst, Glas zu machen, verloren, und die Arbeiter wagten nicht, neue Versuche zu machen, aber ihm gelang eS. aus einem grünen Porzellan Gefäße herzustellen, die nicht von wirklichem GlaS zu unterscheiden waren." Gestützt auf dieses Zeugnis und noch auf einige andere quellen- geschichtliche Hinweise, sieht Zimmermann in dem genannten Ho Chou den wirklichen Erfinder des chinesischen Porzellans, dem diese Erfindung dadurch gelang, daß er bemüht war, mit keramischen Mitteln Glas herzustellen. Genau so wie eS Böttger 1100 Jahre später versuchte. Es ist nicht uninteressant zu erfahren, daß die geschichtliche Forschung in diesem Punkte mit einem sonderbaren Märchen zu kämpfen hatte. Im Jahre 1834 entstiegen altägqptischen, scheinbar ganz unberührten Gräbern, die nach ganz sicherer Zeitbestimmung schon 1300 Jahre vor Chr. Geb. angelegt waren, eine ganze Reihe von kleinen, mit chinesischen Inschriften versehener Fläschchen, die zum Erstaunen aller nichts anderes al« chinesisches Porzellan dar- stellten. Und obgleich es recht bald gelang, den frechen Betrug zu entdecken, der hinler diesem Funde steckte, lebt das Märchen vom mehrtausendjährigen Alter des chinesischen Porzellans teilweise sogar noch heute fort. In Wirklichkeit aber besitzt da» chinesische Porzellan ein— im Vergleich mit dem europäischen allerding» ehrwürdiges— Alter von etwa 1300 Iahren. vorwärtSBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul SlngertCo.,BerUn S W.