Anterhaltnngsblatt des Horwärts Nr. 223. Donnerstag den 16. November. 1911 �Nachdruck verbot«».! 41 Die Guten von Gutenburg. Von Hermann Kurz. Das waren die, welche hier einen Strohhalm sahen, den ihnen das Schicksal zuwarf. Sie hofften durch die paar Groschen Kostgeld die vielen Tage des Jahres einen Bissen mehr zu erhaschen. Dafür sollte ein hilfloses armes Wesen, ein Menschenkind, ein Kind, ein kleines arines unmündiges, mithungern. Sie wollten für sich selbst einen Bissen mehr erhaschen, um dem Kinde in früher Jugend den Körper zu schwächen, damit es einmal hinfallen sollte, wie Blumen im Mai nach Frost und Eis. Und als der Polizeidiener die Leute einließ, da drängten sich alle in dem Saale oben zusammen. Im gleichen Saale, in welchem der Landesherr wenige Jahre vorher, als die neue Kirche eingeweiht wurde, auf die Ehre von Gutenburg getrunken. Die zu vergebenden Kinder waren im Saale. Wie der- schüchterte Tiere standen die größeren vor dem Tische, und ihre Augen gingen ängstlich und fragend von einem der An- wesenden zum andern. Als alles so weit war, läutete der Bürgermeister zur Ruhe. Er fragte, wer gesonnen sei. ein Angebot zu tun. Niemand sagte da ein Wort. Einer blickte den andern an, einer lauerte auf den andern, um ja nichts zu verderben. Der Bürgermeister drängte. Da trat der Lächen- fritz, der reiche Pächter vom Meierhof, zu den Kindern heran. Er faßte die großen an den Armen und befühlte ihre Muskeln, riß ihnen den Mund auf und beschaute die Zähne. Die kleinsten ließ er unberührt, die hatten für ihn keinen Wert. Er brauchte Menschen, welche arbeiten konnten. Als er die zu vergebende Ware abgefühlt, wie der Schlächter das Schlachtvieh abfühlt, spuckte er verächtlich ans und trat zurück. „Na. Lächenfritz?" fragte einer aus der Versammlung. Verächtlich zuckte der die Achseln und wandte sich zum Ausgang. Ueber die Schnlter brummte er zu dem Frager zurück: „Ausgehungerte Bande! Probiere Dein Glück, kannst sicher sein,. die fressen Dich zum Land raus." Der Bürgermeister brummte etwas„vom Geschäft ver- derben auf diese Weise". Aber der Lächenfrib fuhr ihm über das Maul, er hatte schon zu viel Gemeindekinder gesteigert und wußte tvas lands. „So ist's, basta!" sagte er verächtlich. Damit zog der Lächenfritz ab. Giftig sckpute ihm ein altes Weib, die Meikäter, nach und sagte zu ihrem Nachbar: „Ein Glück für die Ltinderl Bei dem Lunzi, dem elenden, hält es ja kein Knecht aus: er prügelt alle, geschweige denn die Kinder da, die kleinen, Gott behüt uns!" Aber es schien, daß der Mann dem Weibe ihre volle Ent- rüstung nicht so ganz auf das Wort glaubte. Denn sie er- zählten sich untereinander, die im Orte, besonders wenn der Wind heulte und in» Advent die armen Seelen umgingen, die Meikäter hätt' es mit dem Teufel und tat den Kindern ein Leides an. Den Nossen flechte sie nachts Zöpfe in die Mähnen. Und jedweden, den sie draußen nach Betzeit an- treffe, den blase sie mit giftigein Hauche an, daß der allemal den Mumpf bekomme. Und dies wisse ein jedes Kind im Orte, daß im Hanse der Meikäter imnier ein Stücker zehn bis fünfzehn Katzen herumgingen. Und dies sei nichts Natür- liches, denn noch nie hätte man eine der Katzen miauen gehört. Endlich, als kein Mensch ein Bot tat, begann der Bürger- incisler:„Fünfzehn Taler das halbjährige vom Baschi für Kost und Pflege als Jahresentschädigung." „Ich nimm's", sagte die Meikäter und sie strich dem Kind mit spitzen Fingern über die Wange. „Weg da, Mei," herrschte sie ein Bauer im blauen Kittel ian.„das ist kein Braten für Dich, vierzehn Taler, Herr Bürgernieister. fürs Jahr." „Dreizehn", keifte die Mei. Da wechselte die Frau des Jagdaufsehers und Wald- kiiiters Haubensack, die Bärbel, mit einem Auswärtigen einen raschen Blick. Der Auswärtige nickte zustimmend. „Zwols". bpt da die Bärbel. Verwundert schauten der Mann im Kittel und die Mei sich um. Die Bärbel achtete beide nicht. �Gierig hing sie einem Gedanken nach von vielem Gold und Schätzen und von bösen Geistern und dem un- schuldigen Kinde, das der Teufel als Entgelt wollte. Auch der Fremde dachte daran und heiß brannte sein Auge von der verlangenden Glut nach Reichtum, die ihn erfüllte. „Elf", bot der Mann im Kittel und schaute auf die beiden Frauen. „Zehn", bot die Bärbel und hässig war der Ton ihret Stimme gefärbt. Da ging der Mann im Kittel auf die Bärbel und sagtß hastig zu ihr: „Hör, Bärbel, des Kindes Mutter und ich hatten unZ einmal lieb gehabt und niemand bekommt die beiden Kleinsten als ich. und wenn ich noch zuzahlen muß." „Zehn zum zweiten, niemand, der weniger will? So ein kleines Kind lebt beinahe von nichts, also zum dri— zehn zum—" „Neun", sagte der Mann im Kittel, der eben wieder näher trat. Die Bärbel bot nicht mehr. Der Fremde gab ihr ein Zeichen und zeigte auf den Findling Unbekannt. Das war ja das gleiche und tat den Dienst auch. Die Mei meinte giftig, daß die neun Taler nicht einmal die Seife für die Windeln zahlten und ob denn die Menschen ganz verrückt seien. Dieweil bekam der Mann im Kittel den Säugling zum Preise von neun Talern zugeschlagen. „Sechzehn Taler für das anderthalbjährige!" „Sechzehn", gab der Mann zu im blauen Kittel. Er bekam das Kind, da die Leute einsahen, daß bei dem da nichts zu wollen war. «o gingen auch die anderen größeren weg. Eines nahm der blaue Kittel noch um Gottes willen oben drein. Er mußte es nehmen, weil ihni das Herz wehe tat und er an ver- gangene Zeiten dachte, an Lindenblust und stille Nächte und selige Liebe. An das Weh wegen der Buhlin dachte er nicht. Dafür konnten ja die armen Würmer nichts. Hätte es bei ihm gereicht und hatte er mit seinem Vermögen gleich wie mit seinem Verlangen rechnen können, die Kinder wären bei- sammen geblieben. So aber ging eines dahin, das andere dorthin. Die Preise für die Kinder schwankten Zwischen zwölf und vierzehn Talern. Denn da fiel in Betracht, daß ein Bube von bald sieben Jahren sich zu mancher Arbeit anstellen ließ. Wenn nian verstand, so ein Kind recht auszunützen, dann konnte man sich eine Jungmagd sparen. Allerdings, was Besonderes wurde dann aus dein Buben nicht. Aber für diese Brut ist eS immer am besten, wenn sie recht früh auf den Gottesacker kommt. Als des Baschi Kinder alle an den Mann gebracht waren und da und dorthin auseinandergerissen wurden, unter wehem Weinen und Jauimcrn der älteren Kinder, ging der Mann im blauen Kittel eilig weg. Die beiden kleinen Kinder trug er in einem Sack über die Schulter, eins vorn, das andere ans dem Rücken, wie man Saugferkel voni Markte nach Hause trägt. Das dritte führte er au der Hand, und hurtig lies das Kind neben dem fremden Manne her, der so gut mit ihm redete. Die Reihe der Vergebung kam nun an den Findling Unbekannt. „Fünfzehn Taler", bot der Bürgermeister den Säug- ling an. Vierzehn wollte die Meikäter haben und für zwölf wurde er der Bärbel zugeschlagen. Als die Bärbel abzog mit dem Säugling auf den Armen, in eifriges Gespräch mit dem Fremden verwickelt und mit zukunftsfrohem Geniüte, schaute ihr die Meikäter nach. „Da ist etwas nicht recht bei der Bärbel", murmelte sie vor sich hin. Und grübelnd verließ auch sie das Rathaus. Sie nahm sich vor, zu schauen, was los ist mit der Bärbel. Denn ske kannte die Bärbel nur zu gut. um nicht zu wissen, daß bei der weder Nächsten- noch Ehristenliebe das Treibende war. Zudem hatte die Bärbel vom Waldhüter schon ge- nügend Kinder, und zwar von jedem Jahrgange Buben und Mädchen. Ter Bürgermeister aber fagie zum Schulmeister, der als Katsherr neben dem Ratsschreiber saß, wie seines Amtes war. im Hinweis auf die Kinder: „Ja, ja, die Sünden der Väter" er unterbrach sich, BM eine Prise zu nehmen. ...„suchen sich heim an den Kindern und Kindes- kindern", vollendete der Schulmeister und strich sich über die Platte. Da bot ihm der Bürgermeister auch eine Prise an. Damit war für sie das Geschäft erledigt. (Fottsctzung folgt.) 80 bat ein jeder leinen Kummer. 6] Von D. A i S m a n, (Schlich.) Im nämlichen Augenblick aber geschah etwas durchaus Seit- ftnncs und Unerwartetes. Der General runzelte nämlich die Brauen, trat«inen Schritt zurück, japste... schnappte nach Lust... und richtete den funkeln- den Blick wütend auf den Konsul. „Oster'mahl... grunzte er zähnefletschend.»Jetzt— Osler- mahl?" Sein Schnauzbart sträubte sich gleich dem eines KaterS, seine Unterlippe bebte und mählich begann sein ganzes vergilbtes Gesicht >u beben und zu zucken. Das„reißende Tier", das stets in ihm schlummerte und ihn zu all seinen tollen Streichen trieb, fuhr plötzlich aus seinem Echlummer auf und bemächtigte sich seiner mit Haut und Haar. „Ostcrmahl?" schrie er abermals.„Habe ich etwa die Listen aufgelegt? Hobe ich die Sammlungen eingeleitet? Aha, Du bist «» also, chilenischer Esel, der die Sammlung eröffnet? Du, und Nicht Dein Stadthauptmann?!"« Lasar Mironowitsch wich entsetzt zurück. Bei diesem Rückzug stieß er gegen einen Stuhl, gegen den Tisch, gegen einen zweiten Stuhl... Der Stuhl fiel krachend um, vom Tisch aber stürzte das Tinten- faß und leerte seinen Inhalt über des Stadthauptmanns Hosen.... „Du bist es also, der mir befiehlt und diktiert?!" schrie Shel- tuchin. Er griff sich an die Hosen und versuchte die Tinte abzu- schütteln. „Ich weiß also nicht, was ich zu tun habe? Ich vernachlässige «lso meine Pflicht? Ich weiß also nicht mal, wann Ostern ist? Du mußt mich also darauf hinweisen—?!" Er tat plötzlich einen Satz, warf sich über Lasar Mironowitsch «nd erwischte ihn bei den Ohren. „Du sollst Dich um mein Ostermahl kümmern!" kreischte er. »Du— Du— Du— I Du sollst kommandieren, Du sollst be- fehlen— warte, Kanaille!" Er hob die Faust, packte jedoch, ohne zuzuschlagen, den Konsul von neuem bei den Ohren. An Lasar Mironowitsch? Weste sprangen zwei Knöpfe ab. Die Krawatte trat hervor, baumelte unentschlossen hin und her und begann schließlich mit dem Damenschuh an der Uhrkette um die Wette zu tanzen. „Raus!" brüllte Sheltuchin.„RauS, Schweinehund! Ausweisen soll man das Aas, diesen chilenischen Stelzhahn... binnen L4 Stunden..- nach Jerusalem... nach Jericho, nach Sibirien! In? Klosett mit ihm!..." Das Wüten und Toben im Zimmer des Gewaltigen hielt pundenlang an. Wie geängstigte Schafe drängten sich die Bittsteller im Vor- gimmer zusammen.... Konsul Zipkes war längst über alle Berge, ja selbst die abge- platzten Westenknöpfe hatten die Diener aufgelesen und beilseite geschafft, der General aber fluchte und brüllte immer noch. „Und was sein Gesuch anbelangt," wandte er sich an den Ad- iutantcn,„die Knieljosen und Patronentasche, so geben Sie ihm Bescheid. Denselben, den Sie damals im Theater vorschlugen.... Schreiben Sie ihm gleich... mag er sich freuen... dieser Esel ,.. dies Mistvieh... dieser chilenische Lauseaffe.. XI. Einige Tage darauf, als Lasar Mironowitsch bei seiner Frau im Schlafzimmer saß und trübsinnig die Chancen einer Aussöhnung mit dem Stadthauptmann erwog— ob das überhaupt je möglich? und wieviel die Sache gegebenenfalls kosten werde?— trat das Mädchen ein und überreichte ihm ein großes versiegeltes Kuvert. „Vom Stadthauptmann," sagte sie. Der Konsul fuhr zusammen. »Klara l... Von drüben... aus Chile..." Er erbleichte. Er rang nach Luft. Er geriet in eine derartige Erregung, daß er außerstande war, das Kuvert zu öffnen. Gleich. zeitig aber kam etwas Erhaben-Majestätisches in seine aufgerichtete «estalt. „Gib her... so gib es doch her.. drängte Klara MoissejeM« und streckte beide Hände danach aus. „Grundgütigcr Gott!" stammelte der Konsul. Das Kuvert aber ließ er nicht locker. »Na. so gib es doch her.. „Ach, Klara! Das Glück! Hihi, Chazkelewitsch! Dem wollen wir schon zeigen....! So ein Dreckkerl.. „Gott sei Dank! Siehst Du, habe ich nicht gesagt, Du sollst Dich an den Stadthauptmann wenden...?" „Meine Einzige..." ..... ohne mich wärst Du nie und nimmer hingegangen.. .... mein Herz...1" „Du verstehst ja so etwas nicht anzufassen.,, Im Leben wärst Du nicht darauf gekommen..." „Aber nun ist ja alles gut!" frohlockte Zipkes. Er erbrach andachtig das Kuvert. Er förderte ein Schriftstück zutage. Und entfaltete es... Und begann zu lesen... „... in Erledigung Ihres Gesuches betreffend die Verleihung einer Ihrer Würde entsprechenden Amtstracht werden Sie hierdurch in Kenntnis gesetzt.. „Klaraherz... ich werde in Kenntnis gesetzt.. Herr Zipkes hob, ohne den Blick von dem Schriftstück zu der- wenden, den Finger. „... in Kenntnis gesetzt, daß die Mehrzahl der Bewohner Chiles, als eines streng demokratischen, zugleich aber noch völlig primitiven und wilden Landes, weder in Amtstracht noch anderer Kleidung, vielmehr bis auf den heutigen Tag wie Gott sie geschaffen— also nackt— einhergeht. Bemerkt sei. daß es hochgestellten und offiziellen Persönlichkeiten freisteht, ihren Körper nach Gutdünken für eigene Rechnung zu schmücken. Die in Chile übliche Sitte schreibt für solche Fälle im allgemeinen ein bei völliger Nacktheit des Körpers über der rechten Schulter zu tragendes Leoparden- bzw. Pantherfell vor. Ihnen, als Konsul und Mitglied des diplo- maiischcn Korps, steht, wie ausdrücklich betont sei, das gleiche Recht zu, mit der einzigen Klausel, daß Sie fraglichen Leoparden bzw. Panther, wie es das Gesetz vorschreibt, in den jungfräulichen Wäldern unseres geliebten Vaterlandes.Auge in Auge eigenhändig erlegen." Das Papier entglitt den Händen des Konsuls. Er rang nach Fassung. „Klara...1" Klara Moisscjcwna, eben im Begriff, das Blatt aufzuheben, besann sich plötzlich eines anderen, richtete sich in voller Größe auf und kreischte: „Klaral Aha? Nun soll Dir wohl Klara helfen?!" »Ich verstehe nicht..." „Du verstehst nicht—?!" „Ich... weiß nicht... ein Fell... ein Leopard..." „Esel! Idiot I" kreischte Frau Zipkes.„Verdammter Idiot, begreifst Du denn nicht, daß alles nur Spott ist? „Nein... ach... ach, Klara.. „Begreifft Du denn nicht?.. Klara Moissejewna schlug die Hände zusammen. „Grundgütigcr Vater, warum hast Du mir diesen Idioten gc- geben! Diesen unverbesserlichen Esel!..." Sie stürzte sich mit geballten Fäusten auf Herrn Zipkes. „Mußtest Du zu dem Stadthauptmann?! Mußtest Du?! Habe ich es nicht gleich gesagt?!" „Du...? Wann denn..." „Immer!... Immer habe ich gesagt: geh nicht hin, habe ich gesagt, laß ihn in Frieden, habe ich gesagt, er ist ein Lump und ein Schuft! Nein, Du mußtest hin! Du warst klüger als alle... Da- mals im Theater— habe ich nicht gesagt, er ist ein reißendes Tier? Habe ich nicht gesagt, er ist verrückt...? Ostermahl... Kamel... Idiot, der Du bist!..." Sie schrie und fauchte und stampfte auf. und ihr gewaltiger Busen hüpfte dazu im Takt. Bald stürzte sie sich auf ihren Mann, bald stürzte sie von ihm fort, bald lag sie auf dem Kanapee mit Elfenbeineinlage und ihr Jammern und Geschrei erfüllte das ganze HauS. Sie war außer sich vor Wut, Verzweiflung und Haß. Sic begriff, daß in diesem Augenblick alles zusammenbrach: alle Hoffnungen auf Amtstrachten und Ehren und Ruhm... und die Aussicht, über Frau Chazkelewitsch die Nase zu rümpfen... und die Möglichkeit, emporzusteigen, von oben herabzuschaucn... sich von allen anderen simplen Judenweibern für immer abzu- sondern... Pah— was wollte e§ denn besagen, daß ihr Mann Konsul war? Daß vor dem Hause ein Flaggenmast stand? Vor der Schwimmanstalt stand auch ein Flaggenmast... Wäre aber dieser Esel, dieser Lümmel, dieser Idiot dem Stadt. Hauptmann nicht in die Quere gekommen, hatte er ihn ein für allemal mit seinen Spenden in Ruhe gelassen, so wäre die Sache auch anders verlaufen.... Aber versteht er denn überhaupt mit jemandem zu sprechen? Er ist ja ein Idiot! Er ist ja wie vom Satan besessen! Er geht hin und beleidigt den Stadthauptmann, er sagt ihm Dreistigkeiten, wie der allerärgste Sozialdemolrat—«pie diejev miserable Boriska Semitin— Ostcrmahl.., Ostermahl... und »erpfuscht die ganze Sache.... Klara Moissejewna geriet außer Rand und Band und über- häufte ihren Wfcmn mit Hohn und Spott und Vorwürfen und durch- aus unparlamentarischen Ausdrücken. Lasar Mironowitsch war vollkommen gebrochen.... „Konnte ichs denn ahnen?... Konnte ich'S wissen?... Nichts konnte ich wissen. Und die Schande... die Schadenfreude ... morgen weiß es die ganze Stadt... alle... selbst Chazkele- Witsch, der belgische Vizekonsul... Ach, mein Gott, mein Gott!..." Die Tür ging. „Raus!" brüllte Lasar Mironowitsch plötzlich mit wutbebender Stimme, ganz wie der Stadthauptmann ihn angebrüllt hatte. .Raus, sage ich! Blutegell Wie lange noch wollt Ihr mich aus- saugen?! Raus!" Aber die Lewitina wich nicht von der Schwelle. Ihr spitzes Vogelgeficht war noch fahler und hagerer als sonst. Noch kummervoller als sonst war ihr Blick, und tiefer als je schienen ihre Züge von Gram und Schmerz durchfurcht. „Jagen Sie mich nicht fort," bat sie leise,„jagen Sie mich, bitte, nicht... Ich... mein... mein Boris ist tot... ich bin gekommen... Sie um ein Totenhemd zu bitten...." Sie verstummte. Und ihre großen schmerzlichen Augen blickten weder auf den Konsul, noch auf Klara Moissejewna. sondern starr vor sich hin auf die Wand, aber sie sahen auch nicht diese Wand, sondern nur immer wieder dasselbe Eine— ein Leben voller Leid und Kummer, in Schmerz und Angst durchgrübelte Nächte und das starre Gesicht des ältesten Sohnes, der krank und bleich inmitten der kranken Kinder daheim im Keller lag. „Totenhemd...?" murmelte Lasar Mironowitsch..Toten- Hemd? Schon?..." Es schien, als erfasse er den Sinn des Wortes nicht ganz. Seine Gedanken stoben wild durcheinander. Chile... der Stadthauptmann... das Totenhemd... da auf dem Teppich liegt ein Schriftstück... Chile... Revolutio- näre.. Pantherfelle... wie lange würden sie ihn noch aus- saugen?... Karl Marx... Diplomaten... Jagd auf Leo- parden... Er konnte das Knäuel nicht entwirren. Eins nur verstand er und das war ihm klar: daß er Kummer hatte, tiefen, schweren, unabwendbaren Kummer— dre Amtstracht war ausgeblieben, und nun nahmen sie ihm womöglich noch das Konsulat, und nirgends winkte ihm eine Hoffnung und nirgends »in Lichtstrahl in all dem Dunkel.... Indiens Elefanten. Bon Sven Hedin.*) Als ich zum erstenmal nach Indien reiste, begleitete mich als Diener ein russischer Kosak aus Ostsibirien. Er hatte noch nie in seinem Leben einen Elefanten gesehen, und sein Erstaunen war daher grenzenlos, als uns in einer indischen Stadt ein ganzer Zug dieser grauschwarzen Kolosse begegnete. „Herr, sind das wirklich lebendige Tiere?" fragt« er verblüfft. „Ja, Du siehst doch, sie gehen und folgen gehorsam ihren Treibern." „Ich glaubte wirklich, es sei eine Lokomotivenart, die durch eine Maschine im Innern in Gang gebracht wird." „Nein, nein, es sind Elefanten, die einst wild in den Wäldern lebten, aber gefangen und gezähmt als Reit- und Lasttiere treffliche Dienste tun. Pass' mal auf, ich will Dir zeigen, daß sie auch fressen können." Beim nächsten Obststande kaufte ich ein Bündel Zuckerrohr und hielt einem der Elefanten ein Rohr hin. Er nahm es mir langsam und zierlich aus der Hand, hielt es quer im Maule, schälte mit den: Rüssel einige vertrocknete Blätter und die Wurzelfasern ab und verspeiste das Übrige. „Ja," sagte mein Kosak jetzt nachdenklich,„eS sind richtige Tiere; aber so etwas Merkwürdiges habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen."— Die Heimat der wilden Elefanten sind die Wälder Indiens, die Hinterindische Halbinsel, Ceylon, Sumatra und Borneo. Eine andere Art findet sich in Afrika. Sie leben in Herden, meist zu dreißig und vierzig, und jede Herde bildet einen Staat für sich. Sein Oberhaupt ist ein ausgewachsenes Männchen mit großen, starken Stoßzähnen, dem alle anderen gehorchen und nur mit der größten Unterwürfigkeit nahen. Auf der Wanderung durch die Wälder und aus der Flucht ist aber stets ein Weibchen die Führerin der Herde und bestimmt die Geschwindigkeit, je nachdem wie schnell *) Der schwedische Forscher hat ein Volks- und Jugendbuch unter dem Titel„Von Pol zu Pol" geschrieben, das soeben bei Brockhaus in Leipzig erscheint und dem wir das obige Kapitel entnehmen. Das mit Abbildungen und Karten vortrefflich auS' gestattete Werk kostet 3 M. Die Fahrt führt um die östliche Halbkugel der Erde, durch Osteuropa, Asien und Australien. Die Wunder der Welt iverden in spannenden Reiseabenteuern, novellistischen Episoden und farbigen Schilderungen vor uns aus- breitet, die Jungen kaufen können. Geruch und Gehör sind beim ElefanieiH so fein entwickelt, daß er emen Feind aus weitester Ferne wittert« und es ist ganz zwecklos, eine Elefantenherde von der Windseite überraschen zu wollen. Auf Meilenweite hören sie das Trompeten ihrer Stammverwandten und verstehen es genau, denn die Ele-, fanten haben verschiedene Töne, um Wohlbefinden oder Verdrieß- lichkeit, Warnung oder Lockung, Furcht oder Wut auszudrücken« Brechen sie zum Angriff durch das Unterholz, dann schallt e» gellend wie eme Trompete aus ihrem Rüssel. Der Rüssel ist ihr empfindlichstes und nützlichstes Glied. Eü ist außerordentlich beweglich und biegsam und besteht aus 40000 teils langgestreckten, teils ringförmige» Muskeln. Mit ihm reiße» sie»die Zweige von den Bäumen, schälen geschickt deren Rinde ab« rollen die Blätter zu einem Ball zusammen und stecken ihn sich ins Maul. Ihre Bewegungen sind langsam und schwerfällig und ihr« kleinen Augen recht ausdruckslos, als ob sie der Umgebung keinerlei Aufmerksamkeit schenkten. Während der heißen Tagesstunde» legen sie sich nieder oder ruhen aufrechtstehend auf ihren runden, plumpen Beinen. Vor Sonnenuntergang traben sie nach den» nächsten Wasser, um zu trinken. Mit dem Rüssel saugen si« daS Wasser auf und spritzen es sich ins Maul.' Wird eine Herde wilder Elefanten erschreckt, dann ergreift si« schleunigst die Flucht. Meist folgt sie alten, ausgetretenen Pfad«» durch das Dickicht, aber auch dann, wenn neue gebrochen werden» gehen die Tiere im Gänsemarsch mit aufgerolltem Rüssel hinter- einander, damit die ersten den Weg bahnen. Das dichteste Gebüsch von Bambusrohr zersplittert wie Glas unter ihrer Wucht, und um, ihre Flanken kracht es von geknickten Zweigen und niedergetrampel- tcn Stämmen. Die schwarzroten Jungen halten sich zwischen de» vier Beinen ihrer Mütter, und diese nehmen sich sorgsam in acht, daß sie ihr Kleines nicht treten. Reißende Ströme sind für die Elefanten kein Hindernis; sie gehen ruhig ins Wasser hinein, und wenn sie keinen Grund mehr haben, schwimmen sie; die ganze Herd« läßt sich vom Strom flußabwärts treiben, nähert sich dabei aber gleichmäßig dem anderen Ufer. Um ihre Brust rauscht es wie vor einem Dampfer. Die neugeborenen Jungen werden von der Mutter beim Schwimmen mit dem Rüssel unterstützt; die größere» krabbeln auf ihren Rücken. Sobald die Tiere wieder Grund haben, erheben sich ihre schwarzen Rücken über dem Wasser, und dann geht es i» langsaniem Trab durch neue Waldesdickichte lveiter. Stoßen sie auf bewohnte Gegenden, große Lichtungen in den Wäldern, wo die Hindus ihre Felder haben, dann ist es den Ein- geborenen oft schwer, sich der Tiere zu erwehren. Denn bebaut« Aecker sind ihre leckerste Weide. An den Pflanzungen, die oft von Elefantenherden heimgesucht werden, stehen daher dauernd Wachen. die mit Trommeln Lärni schlagen, schreien und toben, und wenn das nicht hilft, große Haufen Bambusrohr anzünden, um die Tier« in die Flucht zu jagen. Manchmal kennen aber die Elefanten diesen Kniff schon und lassen sich nicht stören. Im übrigen aber sind sie gutmütige, friedliche und scheue Tiere und machen sich mög- lichst schnell aus dem Staube, sobald sie Unheil wittern. Den, Menschen sind sie daher nicht sehr gefährlich, aber der Mensch ist ihr ärgster Feind. Man fängt in Indien die wilden Elefanten, zähmt sie und richtet sie zur Arbeit ab. Gewöhnlich bedient man sich zahmer Ele- fanten, um an die wilden überhaupt heranzukommen. Geschickte Fänger Verstecken sich, so gut es geht, auf dem Rücken ihrer zahmen Tiere und treiben sie auf eine Herde ihrer wilden Verwandten los. Sobald ein ausgelvachsenes Männchen oon seiner Horde getrennt ist, greifen es die Jäger von allen Seiten an. beschästigen und ängstigen es, um es so zu hindern, mit seinen Kameraden zu- sammen zu entfliehen, und um es zu ermüden. Zweimal viernnd, zwanzig Stunden kann es dauern, ehe es so matt ist, daß es sich, gleichgültig gegen sein ferneres Schicksal, niederlegen mutz. Dann gleiten die Inder schnell von ihren zahmen Trägern herab, schnüren dem ermatteten Elefanten lederne Stränge um die Hinterbeine und binden ihn an einen nahen Baum fest. Auf Ceylon gibt es sogar außerordentlich geschickte Fänger, die zu zweien und ohne die Hilfe zahmer Elefanten ihre Beute auf- suchen. Sie folgen einer gefundenen Fährte durch Wälder und Dickicht, erkennen genau das Alter jeder Spur, die Zahl der hier gewanderten Elefanten und die Schnelligkeit ihres Ganges. DaS kleinste Zeichen am Wege, das ein Fremder nie bemerken würde, gibt ihnen Auskunft, und�wenn sie die Herde erreicht haben, folgen sie ihr geräuschlos wie Schatten; sie schleichen auf den Waldes- Pfaden so vorsichtig und weich dahin wie ein Leopard, sie streifen nie ein raschelndes Blatt und treten nie auf einen knackenden Zweig, so daß die Elefanten trotz ihres feinen Geruchs und ihres scharfen Gehörs keine Ahnung von ihrer Nähe haben. Im tiefen Wald, wo die Elefanten nur langsani vorwärts können, machen sie sich an sie heran, werfe» ihrem Opfer eine Schlinge aus Ochsen- lederriemen vor die Hinterfüße und ziehen sie im richtigen Augen- blick an. Merkt jetzt der Elefant die Gefahr und schickt sich mit wilden Trompetenstößen zum Angriff an, dann huschen die V.er- folger wie Waldmäuse durch das Dickicht, sind aber bald wieder da. um die Schlingen immer wieder zu verstärken, bis der Elefant festsitzt. In Indien fängt man auch ganze Elefantenherden anf einmal, und diese Jagd ist wohl das Großartigste und Wunderbarste, was man sich an Jagd überhaupt vorstellen kann. Mehrere hundert geübter Eingeborener werden aufgeboten und so viel zahme Ele- . jaulen wie nur möglich. Sobald die Stelle im Wald, wo sich di« bielleicht aus hundert Tieren bestehende Herde aufhält, bekannt ist, »vird um sie eine Postenkette von mehreren Kilometern Umfang gebildet und so schnell und geräuschlos wie möglich ein Zaun von Wambusrohr errichtet. Nach etwa zehn Tagen wer«err die Ele- fanten unruhig und versuchen durchzubrechen, doch wohin sie sich vuch wenden, überall werden sie mit Schreien und Rufen, blinden Schüssen und geschwungenen Brandfackeln empfangen. Schließlich finden sie sich in ihr Schicksal und bleiben in der Mitte des Kreises, wo sie am wenigsten beunruhigt werden. Inzwischen hat man aus vier Meter hohen Pfosten und Stangen ein starkes Gehege von höchstens bv Meter Durchschnitt errichtet. Sein vier Meter breiter Eingang läßt sich durch eine große herunterklappende Tür in einem Augenblick versperren, und von den Türpfosten aus laufen zwei lange Plankenzäune, die sich nach auswärts immer weiter voneinander entfernen. Nun nähert sich der große Kreis der Treiber der Herde immer mehr und scheucht sie unter Lärm und Geschrei in diese breite, immer enger werdende Gasse hinein, und da die Elefanten keinen anderen Weg frei finden, stürmen sie in die feste Umzäunung hinein, das Tor klappt hinter ihnen zu. und sie sind in der Falle gefangen. Zwar versuchen sie, die Umzäunung zu durchbrechen, aber sie ist zu stark, und die Treiber scheuchen sie von außen her immer wieder zurück. Nun läßt man die Tiere achtundvierzig Stunden in Ruhe, und dann beginnt erst der gefährlichste und schwierigste Teil der Jagd. Die erfahrensten und geschicktesten Fänger reiten auf gut dressierten, -whmen Elefanten in das Gehege hinein; sie sind gewandt wie Katzen und bei aller Kühnheit doch sehr auf ihrer Hut. Die zahmen Elefanten sind mit Stricken versehen, an denen der Reiter sich fest- chatten und, wenn er angegriffen wird, hinabgleiten kann, und werden von ihrem Herrn mit einem kleinen eisernen Stach;! vorwärts oder rückwärts, rechts oder links gelenkt. So nähert sich der Reiter einem der wilden Elefanten. Geht dieser zum Angriff über, dann ist gleich ein zweiter zahmer Elefant zur Stelle, der ihn mit semcn Stoßzähnen bearbeitet. Im rechten Augenblick wirft oer Reiter seinem Opfer eine Schlinge um den Kopf, der zahme Elefant hilft mit seinem Rüste! die Schlinge richtig legen, und ihr anderes Ende wird um den Stamm eines Baumes ge- knüpft. Tann läßt sich der Reiter auf den Boden hinab und legt dem Tiere eine zweite und dritte Schlinge um die Hinterbeine. Run ist es unschädlich gemacht und reißt und zieht vergeblich an seinen Banden. Andere Reiter haben unterdes ebenso seine wilden Pettern gefesselt. Dann werden die Gefangenen einer nach dem anderen aus der Umzäunung hinausgeführt und im Wald an Bäume� angebunden. Hier müssen sie sich erst längere Zeit an die Gesellschaft der Menschen und der zahmen Elefanten gewöhnen, und erst wenn Furcht und Wildheit gänzlich von ihnen gewichen sind, führt man sie in die Dörfer, wo sie dressiert werden, um im Dienst ihrer Herren zu arbeite». Es ist hübscher Anblick, die zahmen Elefanten bei ihrer Arbeit zu sehen. Sic trag?» Bauholz und Warcnballen auf den Land- straßen und sind überall. Ivo man großer Kraft bedarf, im Frieden und im Kriege, eine nützliche Hilfe. Im grauen Altertum bestand ein indisches Kriegshecr aus vier Ableilungcn: Elefanten, Streitwagen. Reiterei und Fußvolk. Das erstemal, daß europäische Krieger Elefanten auf dem Schlachtfeld l'egcgueten, Ivar im Jahre 331 vor Christo, als Alerander der Große den König Darius bei Arbcla besiegte; und als der Mazc- donierkönig über den Indus gegangen war. hatte er im Jahre 327 am Ufer des Hqdaspcs einen harten Strauß mit den Kriegs-- elcfanten des Königs Porus zu bestehen, die dem feindlichen Fuß- Volk als sichere Deckung dienten. Aber die Mazedonier wußten sich zu helfen; sie zielten mit ihren Speeren und Streitäxten nach den Rüffeln und Fersen der Elefanten, und letztere gerieten vor Schmerz in solch« Wut, daß sie alles ohne Unterschied zertraten, chcsonders die eigenen Leute des Porus, die zwischen ihnen eingekeilt waren und nicht entkommen konnten. Im Jahre 1398 ging der Tatarenkönig Timur der Lahme über den Hindukusch und stieß vor Dchli mit dem König von Hindvstan zusammen. Dieser hatte in seinem Heer hundertund- zwanzig mit Panzerhemden bekleidete Elefanten, an deren Stoß- zahnen Säbel und vergiftete Speere befestigt waren; auf ihrem Stücken trugen sie Türm« mit Bogenschützen. Aber Timur jagte ihnen Herden wilder Büffel mit brennenden Fackeln an den Hörnern entgegen, so daß die Elefanten scheu wurden, kehrt machten und die indischen Truppen in Verwirrung brachten. Als Timur nach Hause zurückkehrte, brachte er fünfundneunzig Ele- fantcn mit. und diese schleppten die Ziegelsteine zum Bau seiner s-rachtvollen Grabmoschee, deren melonenförmige Kuppel noch heute die Stadt Samarkand in Turkestan überragt. Wer die zahmen Elefanten in Indien gesehen hat, muß sie lieben und ihre Pflichttreue. Gutmütigkeit und Geduld bewundern. Wenn sie nicht arbeiten, stehen sie angepflockt auf dem Hof oder am Park unter dichtbelaubten Bäumen; ihre Wärter putzen sie, lfüttern si« und geleiten sie morgens und abends zur Tränke. Den «inen Hinterfuß umschließt ein Eisenring, und dieser ist mit einer Kette an einem Pfahl befestigt; ganz blank ist dieser massive Pfahl, denn seit Jahrzehnten schon hat der Elefant seine dicke Haut daran gesckieuert und ringsherum eine tiefe Rinne in den Boden getreten. Bielleicht ist sein j tziger Wärter ein Enkel des Mannes, Perguiw, Redakteur; Richard Ba�th, Berlin.— Druck u. Perlag: der ihm einst die Freiheit raubte, oder ein alter Mann, der schon seinen Enkeln zeigt, wie zahme Elefanten behandelt werden müssen. Generationen hat so ein Elefant vorüberwandeln sehen. Ob er sich wohl noch der Zeit erinnert, da er in ungebundener Freiheit mit seiner Herde die großen dunklen Wälder durchwanderte und trotzigen Sinnes das Bambusrohr niedertrat, das ihm den Weg versperrte? Jetzt gehorcht er nachgiebigen Sinnes dem braunen Mann, dessen Brustkorb er mit einem Fußtritt zerquetschen könnte! Lauscht er wohl noch den Lockungen seiner freien Vettern, wenn sie mit erhobenen Rüsseln trompetend durch die Dschungeln stürmen? kleines feuilleton. Geographisches. Unterseeische Quellen und Flüsse. In solchen Ge- bieten, wo die oberen Gesteinsschichten sehr wasserdurchlässig sind, sickert das Wasser bis zu der tieferen wasserundurchlässigen Schicht, um auf dieser abzufließen und am Rande als meist außergewöhnlich starle Quelle zutage zu treten. Besonders in Kalkgebielen ist diese Erscheinung schon längere Zeit bekannt, wo bisweilen ganze Flüsse versickern— z. B. die Donau zwischen Jmmendingen und Tutt- linge»— und an anderer oft weil entfernter Stelle in.Blautöpfe»", so genannt von der charakteristischen Farbe des kalkhaltigen Wassers, wieder hervorkommen. Streichen derartige Schichten unterhalb des Meeresspiegelsaus, so führt das selbstverständlich zu einer unterseeischen Quellbildung. Solche Quellen sind neuerdings häufiger untersucht worden, besonders in Gebieten, wo man hofft, ihren Zufluß landeinwärlS auf- zufindcn und der Wasserversorgung dienstbar zu machen. Sie finden sich vor allem in der Nähe von kalkigen Küsten und sind durch den geringeren Salzgehalt des Meerivassers an solchen Stellen erkenn« bar. z. B. har man eine ganze Anzahl in der Umgebung der Rhone- Mündungen in verschiedener Entfernung von der Küste oft in be- deutender Meerestief« entdeckt. Eine dieser Quellen, bei Port-Miou, bildet auf der Meeresoberfläche eine ziemlich starke Strömung, die schwimmende Gegenstände weithin fortführt. An der Ostküste de« Adriatischen Meeres bat ein von den Kalkalpen her unterirdisch fließender Bach, die Trebintschitza, ein deutlich erkennbares, unter- seeisches Delta angeschwemmt. Das Rote Meer, daS in seinem ganzen Umfang keinen einzigen beständigen Fluß weder von Arabien, noch von Afrika her empfängt, erhält mehrere Zuflüsse, die auf seinem Grunde entspringen. Die wasserreichsten� unterseeischen Flüsse befinden sich in dem höhlenreichcn Kalkboden an der Südlüst« der Vereinigten Staaten; an der Mündung des St. Johns sprudelt eine unterseeische Quelle völlig reinen Wassers 1 biö 2 Mctcr hoch über der Meeresfläche empor. An den Küsten von Dneatan bildet das am Meere austretende Grundwasser einen breiten Strom, der sich tanalartig an der Küste entlang zieht, von dem eigentlichen Meer- wasser durch eine Barre getrennr, wie sie sonst die Meeres wogen vor den Flußmündungen aufbauen. Aus dem Pftanzcnrcich. Ob st reiche und-arme Jahre. Daß die Obsternte nicht alle Jahre annähernd gleichwertig ist, ist allgemein bekannt, wie man auch weiß, daß auf eine besonders reiche Obsternte im solgenden Jahre meist eine Mißenite zu verzeichnen ist, oft sind es sogar etliche Folgejahre, die nur eine geringe Ernte bringen. Woran liegt das? Die Anlagen z» den Früchten erzeugt der Baum bqxeits im Jahre vor der Fruchtreife. Nim denken wir uns einen Baum übermäßig mit Früchten behängen, die natürlich alle das Be- streben haben, reif zu werden, und die vom Baume eine starke Saft- zufuhr erheischen. So ein vielästiger Baum ist wohl in dn Lage, eine ganz beträchtliche Menge Nährstoffe für die Früchte herzustellen, allein jede Leistnngsfähigkeit hat eine Grenze. Brauchen die Früchte die ganze Nahrung für sich, oder sind sogar soviel Früchte vorbanden, daß diese nicht alle ernährt werden können— dieses zeigt sich dadurch an. daß manche Früchte kleiner bleiben, verkümmern oder gar abgestoßen werden—, so ist erfichtlich, daß für die Neubildung der Knospen, die im nächsten Jahre die Blüten bringen sollen, nicht viel Nährstoff übrig bleibt. Wer schon einmal einen Obstzweig im Winter näher betrachtet hat. dem ist auf» gefallen, daß neben schmalen und spitzigen Knospe» dicke und kugelige vorhanden sind. Erstere sind Laub-, letztere Blütenknospen. Daß die dickeren Blütcnknospcn mehr Nahrnugszufuhr zu ihrer Bildung erheischen, als die schwächeren Blüteuknospcn, ist erklärlich. Steht nun für die Knospe nbildung ohnehin schon wenig Nahrung zur Versügung, so leuchtet ein, daß dabei � die Blütenanlagen in erster Linie zu kurz kämmen müsse», zumal die Pflairze bei einer BevStzuanng der Blütenknispen gegenüber den Laubknospcn ihr Leben gefährdet: die Blätter ernähre», die Früchte verzehren. So sehen wir es als etwas ganz natürliches, im Leben deS Baumes begründetes, daß ein Baum. der in einem Jahre eine außerzewöhulich reiche Ernte gibt, mindestens ein Jahr bedarf, um sich z» neuer normaler Frucht- Produktion zu erholen; daß inanchmal statt eines JahreS deren mehrere hingehen, bis der normale Zustand wieder erreicht wird, ist gleichfalls nicht verwunderlich. j,. öorwärtSBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singerz.Eo., Berlin