Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 233 Freitag ven 8. De5ember� 1911 lNachdrilck vervolen-Z W Die Guten von Gutenburg. Von Hermann Kurz. Denn sie fühlten, daß etwas Großes vorging in dem Hause und eine Menschenflammc am Erlöschen war. Und sü dachten an sich selbst und dachten daran, daß der nächste Sturm das eigene Licht löschen könne. Und da war der eine, dem bangte davor: denn das Leben war noch sein und ein Mädchen in der Ferne gab ihm doppelte Liebe zum eigenen Ich. Und da war der andere, der nahm, was kommen sollte »ind mußte, was das Unabänderliche war, mit Ruhe und ohne Sträuben, denn das Leben lag hinter ihm. Und da war der letzte, der hatte ein heißes Wünschen:„Komme doch, Erlöser Tod, und laß auch hinsinken die Hülle, denn die Seele ist schon lange, lange von mir gewichen und ist vereint mit der Seele, die Du genommen hast mitten aus denr blühenden Lenzel" So saßen die drei und harrten. Und als nach Stunden die Tür sich öffnete, und eine weinende Frau den Doktor bat, nachzusehen bei dem Kranken, da wußten alle dreie, was geschehen war. Der Altenberger fragte da leise: „Und wer wird der zweite sein?" Da schaute der Fremde den Altenberger sinnend an und reichte dem Freunde die Hand. Aber im tiefsten Herzen bat er den Tod:„Laß mich der zweite sein! Laß meines Wehes genug sein!" Dann trennten sie sich. Der Altenberger fuhr nach Hause, und dort saß er bis gegen Morgen an seinem Schreibtisch und schrieb. Er schien ein gewichtiges Geschäft zu haben. Und dann auch lächelte er zuweilen. Als er zu Ende war, murmelte er:„Die werden Augen machen, ja, ja, Findel, es geht besser mit als ohne Geld die Reise durch die Welt!" Und da er nur ein gewöhnlicher Sterblicher war, erlaubte er sich noch einmal über des Fremden Aeußerungen nach- zudenken, und daraus resultierten die Worte:„Geld ist die Hauptsache: denn mit dem Gestern und Heut und dem Wetter- leuchten oder Morgenrot und dem neuen Luther ist's eine brenzliche Geschichte, so gescheit sonst der Fremde auch ist." Hiermit gab er den neuen Luther Gott an heim, der ja bekannntlich sowieso alles macht, wie er mag und will. waS auch die einfältigen Menschen sagen, die ihm ins Handwcvk wollen mit Prophezeiungen. Der Fremde aber hatte, wie die Rätsch zu erzählen wußte, viel länger als andere Male am Grabe der Ketzerin gestanden. Und als er endlich nach Hause gekommen, habe er, behauptete sie, die ganze Nacht herumgespukt, das Licht habe bis zum Tag gebrannt. Was der Ketzer da wieder für ein Teufels- werk getrieben habe, könne man sich denken! Sie machte jedesmal, wenn sie dies erzählte, ein Kreuz. Der Gutenburger Prophet, der magere Serbel, der Seppe- toni, sprach damals, wie die Leute nur so wegstarben, eines nach dem andern, zum Wohle glücklicher Erben: „Wer von Gutenburg redet, der kann nur vom Sterben oder vom Kinderbekommen reden." Und der Seppi hatte wahr gesprochen. Leben und Sterben heißt das Sein des Menschen, und Kommen und Gehen ist des Lebens Odem. Werden und Zerstören ist Leben, und wunderbar, gleich dem Wachsen und Sein aus einem Keime zu erhabener Vollendung, ist die Zerstörung und der Verfall des Gewesenen zum immerwährenden Nichts. Als die Seuche mitten im Blühen war und der Frenide ein- und ausging bei den Kranken und dem Doktor half und, wo Notdurft war, sein Scherslein beisteuerte, freuten sich die Guten von Gutenburg im voraus auf den Tod des Fremden. Es schien, als der Fremde unbehelligt blieb, seine Enttäuschung nicht kleiner zu sein als diejenige der Leute. Er wurde nicht krank. Da sprach sich das schwarze Tun feiner unnatürlichen Künste noch mehr herum, und die Leute wurden sicher, daß dem so sei. Der Findling erzählte davon dem Fremden. Der aber .sagte nichts dazu: er fragte den Burschen: „Glaubst Du das auch? Ehrlich fag's!" „Nein," antwortete der Findling,„das ist nicht möglich." Da war der Fremde zufrieden. Er hatte nicht umsonst die vielen Jahre durch dem Buben Unterricht gegeben in allem, was gut war lind für den Findel faßbar war. Der Fremde hatte dies mit Lust und Freude getan, und der Findling war dafür dankbar. Zum Aerger des Schulmeisters und des Kaplans trug die Saat, wie es schien, eine Ernte. Aber so lang der Bub noch schulpflichtig seinen Aufgaben ge- wachsen war, konnte niemand gegen den Unterricht des Fremden sein. Es schien, die geistlichen Herren ahnten, wo hinaus der Fremde zielte. Doch blieb ihnen ein Trost. Der Findling war arm. Was konnte er da ausrichten! So fanden sich die Herren in das Aergernis, und nach einigen Monaten waren all ihre Bedenken vergessen. Zuerst hatte der Fremde die Absicht gehabt, den Findling in sein Haus zu nehmen. Als er aber die Rechtlichkeit des alten Simon sah, blieb der Bub im Haus des Waldhüters. Dies alles sprach sich natürlich auch im Städtchen herum. Und die Gutenburger bekamen einen Respekt vor dem Fremden zu den Schauern hinzu, die sie vor ihm hatten. Denn ein Mann mit so vielen Büchern, das mußte ein arges anderes Tier sein als die gewohnten Tiere von Gutenburg. Als der Fremde zum ersten Male in das Kreuz kam» wo sich sonst nur die Bauern zusammenfanden, rutschten einige auf der Bank hin und her, und andere drückten sich schleunig- lich. Ein böses Maul behauptete sogar, der Kreuzwirt hätte an jenem Abend einige dutzendmal die ungeheuersten An- strengungen gemacht, um im eigenen Haus an einem gewissen Ort sein Geschäft zu verrichten. Immer und immer wieder sei er voll Unruhe von der Stube hcrausgerannt. Und immer war„fermelabort", wie die Leute von jenseits des Rheines, gegenüber von Gutenburg, im„Schalampi" sagen. Da als die Not am höchsten stieg, schlug der Kreuzwirt die fragliche Tür ein. Und drin saß der verdammte Schneider- bock, der serblige, und konnte nicht weg. Derart hatte dem die Furcht mitgespielt, der Fremde wolle ihm etwas antun mit schwarzer Hexerei. Hingegen waren nicht alle solchen''Gemüts. Auch war der Fremde nicht in dieser Absicht gekommen. Er wollte den Leuten zeigen, daß auch er ein Mensch von Fleisch und Blut sei. Als er so über alles mit den Gästen im Kreuze redete, wurden diese warm, ehe sie wußten wie. Doch fand keiner das rechte Wort. Da entschloß sich der Schweinemetzger Elsässer, kurz das Rechte zu wagen. Denn der Metzger war ein mutiger Mann. Im letzten Krieg war er auch im Felda gestanden und hatte so viel Läuse mit nach Hause gebracht, wie nur einer. Sein bester Frcrmd sagte sogar, der Metzger hätte am meisten Blut vergossen von allen Gutenburger Kriegern. Der Metzger Elsässer hatte nämlich dort sein Handwerk gelernt. Denn als er einmal, das einzige Mal, vor dem Feinde stand und vom bloßen Kugelpfeifen umfiel, hätten ihn das gütige Geschick und sein Kommandant hinter die Front zur Schlächterei abkommandiert. So hatte der Tapfere viel tausend Schafen das Licht ausgeblasen. Jetzt aber ging er im Sturm vor. Er nannte den Fremden„Herrn Doktor" und hielt ihm eine Vorlesung über Schweinemetzgerei.'Der Mann hatte dies alles von Herzen gut gemeint: denn er hoffte so auch die Kundschaft des Fremden zu bekommen, der bis dato beiin Konkurrenten, den Gott verdammen möge, einkaufte. Ob er wollte oder nicht, aber seit jenem Tage war der Fremde ein„Herr Doktor". Er wurde durch die Gnade des Schweinemetzgcres und dessen Fakultät im Kreuze approbiert und promoviert. Der Altenberger Herr meinte einmal:„Also gewissermaßen auch lurnoris causa!" Da traf es sich, daß während der Seuche einmal der Metzger Elsässer im Hirschen saß. gerade als dem Altenberger und dem Fremden der dritte Mann zum Skat fehlte. Der Teufel frißt in der Not Fliegen. Die beiden ris- kierten eS darum mit dem Metzger, der einfach znsatz, ohne Einladung und Federlesens die Karten mischte und ein Spiel ausgab. Denn der Saumetzger war"ine verpichte Spielratz und mogelte so viel er konnte. Im Anfang ging's nim ganz ördentlich. Aber dann mogelte der alte Elfässer ganz zum Teufelholen. Da stieg dem Fremden die Galle, und er maulte den Metzger an. Ter aber fand, daß der Angriff die beste Ver- teidigung sei, und machte Spektakel. Verwundert horchten die beiden andern auf. Als aber der alte Mann zu saftig fluchte, verbat sich dies der Fremde. Da fluchte der Elfässer noch mehr. Die beiden gingen weg. Aber nach kurzer Zeit ging das Kranksein im Hause des Metzgers an. Die Tochter, die einzige, die da war, und die lahme Mutter seit vielen Jahren pflegte sowie den Haushalt führte, erkrankte und starb kurz darauf. Und da erzählte die Ratsch, daß der Fremde schuld an allem war. Er hätte aus Rache Teufblswcrk getrieben. Auch die Minklimei machte mit in dem Gesänge, und ehe noch die Tochter des Metzgers begraben war, stand das Barometer auf Sturm in den Gemütern der Guten vom Städtlein. Sie wollten nichts weniger als Gericht halten an dem Fremden. Am frühen Morgen wurde der Fremde durch Klirren von zerbrochenem Glas und Gepolter ausgeschreckt. Ein Stein lag in der Stube und Glasscherben, und im Fenster war ein großes Loch. Und wie der Fremde sich wunderte, flog der zweite Stein herein, und Gelächter mit Rufen wurde von draußen her laut. Verwundert schaute der Fremde hinaus. Auf der Straße standen die Frömmsten unter den Guten von Gutenburg. Als diese dm Fremden gewahrten, schrien sie wütend durcheinander. „Ketzer, verdammter, jetzt geht's Dir an den Kragen!" brüllte einer. Und der Fremde wußte, tvas das alles zu sagen hatte. Ruhig zog er sich an. Dieweil klirrten die Fenster der Nebcustubcn eines nach dem andern. Immer frohlockender wurde das Schreien der Leute. Der Fremde befühl seiner Dienstmagd, die Läden des unteren Stockwerks zu öffnen. Im oberen waren sämtliche Fenster zertrümmert. Er selbst trat wieder unter das Fenster. Verwundert schauten die Leute auf, als die Magd unten die Läden öffnete: „Werft nur die unteren Fenster auch noch ein. weil Ihr gerade dabei seid!" sagte der Fremde. (Fortsetzung folgt.) Kartenkunde. (SSlutz.) Die KoSmographie lWeltbefchreibung) des IS. Jahrhunderts war nicht mehr so naiv, neben ihren drei bekannreu Erdteilen ein abso- luteS Waller, ein Nichts an Erde, anzunehmen. Die Weltkarlen setzten ahnungsvoll in das Nichts ein„Amipodenland", eine lernt australis. In welcher merkwürdigen lleberftiirznng der geographische Horizont nun plötzlich ausgedehnt wurde, ist bekannt. Die Porm- giesen hatten 1486 die Südseite Afrikas entdeckt, die Italiener vorher die Kanarien-Jnseln. Basco da Gama findet 1498 den Seeweg nach Oftindi«i, KolumbnS hellt die Berhältniffe des Stlantifchen Ozeans von Labrador bis La Plata aus. die erste Weltumsegelung des Portugiesen Magalhaes erschließt unS den.Großen oder Stillen Ozean" bis zu den Philippinen. Ist so der Inhalt d:r neuen Weltkarte erweitert, so haben wir nur noch eine entiprecbend verbesserte Technik. Ans 1475 registriert man die erste Holzichnittkarte. Man geht nun aber auch auf die verschütteten Quellen zurück. D«S PtolomäuS� Geographie wird in Latein übertragen und erhält einen Atlas von 27 Karten in Kupferstich, der das Urbild unserer modernen Atlanten bleibt; selbst des Plolomäus' Zeichensprache ist zum großen Teile beibehalten. Eine Straichurger Ausgabe fügt diesen alten Karten 20 neue bei. Andere Ausgaben sind bereits koloriert. Die Weltkarte Wird nun in zwei Hemisphären geteilt, die alte und neue Welt; die arktische Region fehlt nicht. Ans 1510 haben wir auch die erste ge- druckte Karte. 1617 wird das Geburtsjahr unserer modernen Land- vermcsiung, indem die trigonometrische EntfcrnungSmesiung mittels aneinandergereihter Dreiecke erfunden wurde. Um die großen Leistungen dieser Jahrhunderte für unsere gegenwärtige Kartographie zu krönen, haben wir ans 1644 noch die Einführung des Boro- meters zn verzeichnen, daS die dritte Dimension in der Erdbild- Wiedergab«, die Vertikale(Höhe und Ties«) festzustellen ermöglicht. Sin Alias von 1633, der alle damals bekannten Karte» in sich faßt, enthält in sechs Foliobänden bereits 451 Karren. An Stelle einer ivcilercn Aufzählung der Fortschritte wollen wir null vspfuchen, die Arbeitsmittel der modernen Kartographie näher zu beirachien, soweit damit est» ungefähres Verständnis für die in unseren Kotten enthaltene, oft so achtlos genossene große Arbeit vermittelt werden könnte. Wir finden öfters ini Gelände kleine Merkzeichen,«in Holz. gerüst, dessen Zweck uns nicht ersichtlich wird, Steinpfeiler, die uns dann als tttgonometttsche Punkte bezeichnet werden. Die Trigonometrie, die„Messung mittels Dreiecke", bildet seit dem 17. Jahrhundert die Grundlage der Landvermessung. Sie besteht darin, daß das zu vermessende Land mit einem Netz von Dreiecken überzogen wird, deren größere Basislinien zwischen astronomisch bestimmten Punkten gezogen find. Jedes Dreieck kann wieder in fich weiter tttanguliett(zerlegt) werden und man unterscheidet danach Tttangulierungen erster, zweiter, dtttter und vierter Ordnung. Ein Dreieck erster Ordnung hat z. B. eine Bafis(Grundlinie) von 20—50 Kilometer, ein Dreieck letzter Ord- nung nur noch eine solche von 1—3 Kilometer, so daß daraus eine so exakte und durchgehende Detailausiwhme hervorgeht, wie sie unsere topographische Karle gibt. Die Eckpunkte solcher Dreiecke find eS. die wir in jenen Steinplatten usw., den tttgonometttsche» Punkten, vor uns haben. Warum man aber solche Dreiecke zieht, verstehen wir. Man crspatt einen beträchtlichen Teil von Arbeit des sonst üblichen AuSmefirnS durch Latte und Meßichnur.„von einem Dreieck find alle Elentente bekannt, wenn man eine Seite und zwei Winkel kennt." Messen wir also mittels Latte und Schnur die Basis und mittels des Theodoliten, eines für Winkelmessung eingerichteten JnstrmnenteS, die beiden Winkel, so brauchen wir die beiden anderen Seiten nicht ausztmtefirn, sie lasten sich aus den ersten Ergebniffett zuverlässig berechnen. Die Ersparnis an direfter AuSmeßarbeit geht aber noch weiter, denn nun kann man auch diese„berechneten" Seiten als Bafis weiter angelegter Dreiecke verwanden und so genügt unter Umständen die Messung einer Seite als Basis zur Bestimmung aller Dimensionen des Netzes. Der Theodolit ist nttt einem Fentglas versehen, so daß die fernen Punkte zuverlässig erkannt werden kömien. Wie cttvähnt, müjsen zum mindesten einige der Punkte astronomisch„bestimmt" sein. Da die„Ortsbestimmung" auch zugleich die Anlage des Netzes von Hilfslinien, de? Gradnetzes, erklärt, daS wir auf jeder Katte finden, so sei ihre Methode mit- geteilt. AuS der Drehung der Erde um ihre Achse innerhalb 24 Stunden er- geben sich bekanntlich die Pole, nämlich dir Teile, die in der Drehungsachse der Erde liegen und am wenigsten schwingen, und der zwischen den beiden Polen liegende größte Kreis der schwingenden Kugel, der Aequator.„Pole und Aequator aber bilden die Bafts für daL System der Parallel- oder Breitenkreise, das von so großer Be- dcutung für die Orientierung auf der Erdoberfläche ist" Früher bestimmte man einen Ort, indem man sein« Entfernung von einem Hauptott angab.„Der Römer bezog olle Entfernungen auf Rom, und in Preußen wurden einst alle Wege von dem Obelisken auf dem Dönhofsplatz in Berlin aus gerechnet." Nun stellt man also zu- nächst als„geographisch« Breite" die Entsernrntg vom Aequator fest, die auS der Höhe der Sonne oder eines bestimmten Sterns über dem Aequator abgeleitet wird. Dem System von Parallel kreisen zu dem Aequatorkreis tritt zur Bestimmung der„geographischen Länge"«in System von Längentreisen an die Seile, deren Ausgangspunkt eine angenommene Lim« bildet, die all« Orte verbindet, die gleich- zeilig Mittag haben: der Mettdian oder MittagSlinie. So teilt ein Netz von 180 Breiten- und 180 Längenkreisen die Erde, welche Grade natürlich zu genaueren Bestimmungen weiter geteilt werden können.„So kann jeder Punkt der Erde genau nach seiner geo- graphischen Breite und Länge bestimmt und auf jeder Katte wieder» gesunden werden."(Ratzel.) In der Kartographie aber ist erst eine richtige Eintragung der Lage und der Ottsabstände möglich und jene Tttanpulationen erhalten durch die derart befttmmten One ihre zuverlässigen Stütz- punkte. Als bezeichnend für den Arbeitsanteil unserer Zeit am Ausbau der Karte gtlt bekanntlich die Einfügung der Höhendarstellung. War die Kart« der Alten zunächst Routenkatte, die nur lineare ver- hältnisse darstellte, kam hernach auch die Wiedergabe der Flächen zur Gelttntg. so rügte die neuere Kartographie hierzu eine möglichst vollkommene Darstellung auch der Höhen- und Tiesenverhältnifie. Man hat lange gebraucht, bis aus den Raupen und Maulwurfs- Hügeln, die einst Gebirge andeuteten, unsere Schichtenkarte wurde. die in plastischer Wirkung Abfall und Steile der Erhebungen er- kennen läßt. Bevor mittels des Barometers die Höhen der Berge gemessen werden konntett(da das Quecksilber mit zunehmender Höhe, also bei gettngcrem Lustdruck, in. bestimmbaren Verhältnissen fällt), hielt man Höhen von 2—3 Meilen für möglich, und l672 be- banptete noch ein Geograph, daß Berge 15 Meilen<112 500 Meter) Höhe erreichen könnten. Wir können heut« durch Barometer und Theodolitniesiung oder Nivellieren sehr genau die Erhebungen der Erde feststellen. Suchte man zunächst durch die Stellung der Schroffen, der feiueti Striche, die Steile und die Einzelgestaltung zu markieren und erzielte man eine plastischere Wirkung des Höhen- cindrucks, indem man«ine schräge Beleuchtung von oben annahm und tiefe Schatten gegen erhellte" Seiten setzte, so ist doch eine annähernd vollkommene Onenttertmg erst in der GebtrgS- darstellung erreicht, seitdem man die gleich hohen Punkte durch Linien verband. Nun erhält man ein deutliches Bild der Höhenschichtimg und der TcrrainverhSlMisse. Das gleiche versuchte mau danach an den Küsten zur Veranschaulichniachung der Bodenverhältnisse unter dem Wasser. Die Zahl der Verfahren, die zur Vervielfältigung der Karte pngewandt wurden und werden, ist ziemlich groß. Die ersten Karten biö zum Mittelalter waren Handzeichnungen auf Pergament und derlei und dementsprechend kostbar. Dem wenig praktischen Holzschnitt folgte schnell der K u p s e r st i ch, der zwar das teuerste Verfahren darstellt, aber auch das idealste. In die mit einem Grund bedeckte Platte wurde mit der Radiernadel die Zeichnung eingetragen, mit einem Grabstichel dann Linien, Punkte und Buchstaben aus- gestochen. Die Arbeiten sind verteilt. Einer macht nur Berge und Terrain, der andere die Namen usw.— und eine Platte be- durfte oft jahrelanger Arbeit. Dafür find auch die Schroffen, die feinsten Linien, die Buchstaben von unübertrefflicher Schärfe, und dazu ist die Korrektur leicht. Man ist so z. B. vom Stahlstich schnell abgekommen, da das Material zu schwer zu bearbeiten ist, die Ver- änderungen unseres„geographischen Horizontes" machen aber eine leichte Einfügung von Verbesserungen in die Platte zur Notwendig- keit. In der Kupferplatte kann man schon durch entsprechendes Hämmern auf der Rückseite die zu beseitigenden Vertiefuiigen aus- merzen, dann kann man leicht aus galvanischem Wege die neu zu bearbeitenden Stellen mit Kupserschicht überziehen oder mach Wegschabung der Fehler einen Relicsabdruck herstellen, dessen Tiest'latte nun die Reueintragungen erhalten kann, so daß die mühselige Arbeit der Plattenzeichiiung nicht gänzlich neu geleistet werden muß. Man verstählte diele Kiipferplatten auf ebenfalls gal- dänischem Wege, um ihre Abnutzbarkeit zu verstärken. Der Druck erfolgte durch Handpressen auf gefeuchtetem Papier, Färbung mußte durch Schablonen oder mit der Hand gegeben werden. In neuerer Zeit druckt man die Kupferkarte auf Stein, Zink oder Aluminium um, wenn man eine schnelle und billigere Bervicl- fältigung in Schwarz- oder Buntdrnck wünscht. Die Kostspieligkeit, die schnell« Abnutzung, die Schwierigkeit der Färbung haben den Kupferstich schnell für die populäre Kartenrepro« duktion einen leistungsfähigen Konkurrenten in der Lithographie gegeben, die auf der Ergenschast des Solnbofer Schiefers seiner kohlensauren Kalkschicht) beruht, fettige und ätzende Substanzen an- zusaugen und abzustoßen. Es gibt nun mehrere Arten der Karten- Herstellung durch Lithographie. Man kann die Zeichnung wie in die Kupferplatte in den Stein graben, oder direkt mit der Feder mittels chemischer Tusche auftragen, oder mit fetthaltigen Kreiden zeichnen, oder die mit fetthaltiger Tinte gemachte Zeichnung auf den Stein bringen, dazu treten die Rasterdruckverfahren, die die Ver- tiefung bestimmter Töne ermöglichen und die Skala der farbigen Abstufungen vergrößern. Da auch die Nachtragung von Ergänzimgen und die AuSmerzung von Fehlern auf deist Stein nicht schwierig ist, wäre daS Verfahren ideal, wenn die Steine nicht sehr kostspielig und ihre Aufbewahrung und Behandlung mit großen Schwierigkeiten verknüpft wäre. Einige hundert solcher Steine, wie sie für jede Landeskarte mit ihren iämt- lichen Sektionen notwendig find, stellen ein gar zu teuere«, miaus- genutztes Kapital dar. Man bat deshalb versucht, bleifreie Zink- tafeln mit ewer KaUfinterschicht überzogen, als Ersatz zu ver- werten, ohne daß bisher die Leistungen des Solnhofer Siems erreicht wären. Dann haben wir die Hochdruckderfahren, Zink- bezw. Kupferhochätzung, bis die Photographie die Reihe der Photo- mechanischen ReproduktionLverfahren eröffnet, die die Gegenwart beherrschen. Zunächst wurde die Photographie von 1856 an zur mechanischen VerNcincrung der Kartcnzeichnung, oder überhaupt zur Herstellung einer Karte von einem bestimmten Maßstab angewandt, was sie rasch und genau tat und von der hier besonders mühseligen Handarbeit mittel« des Uebertragungsapparats, des Pantographen, emanzipierte. Ebenso benutzt man natürlich die phologrophische Platte nicht nur zur Bnfiiahme der Gelände als Hilfsmittel der Kartenzcichnung, sondern auch zur Hilfe bei den Meffungen. Damit, baß wir nun Umrisse. Flächen und Höhen in unseren Karten naturgetreu wiedergeben, schien manchem Kartographen olles Denkbare erreicht,„ein weiterer Ausbau ist nicht denkbar", hieß es. Inzwischen ist aber die Luft alS befahrenes Element zu dem Meere und der Erde getreten, und wenn einerseits neue Anforde- rungen an die Kartographie gestellt werden, die� auch bereit? in den Luftschifferkarten erfüllt werden, so handelt eS sich hier zmrächst um eine markante Geländedarstellung. Wir werden aber dazu übergehen müssen, auch das Luftmccr in unsere kartographische Darstellung einzubeziehen. zunächst die durch die Erdformen bestimmten Wirbel und Strömungen anzugeben, denen später wobl Schichtungslinien nach Art der Höhenlinien folgen müssen, die die Luftdruckverhältrnsie veranschaulichen, bis wir endlich die großen Luftstraßen einfügen werden, die bisher nur erst die Zugvogel studiert und methodiich benutzt haben. F. G. JVIclTer aus dem Hier- und Pflanzenreiche, Trcch der längst erfolgten Einführung eiserner Werkzeuge bc- finden sich bei vielen Völlern noch Messer im Gebrauch, die aus einer weit früheren Kulturpcriode stammen. Während man in der Steinzeit vielfach Messer, die auS Eberhauern zurecht- «schliffen waren, benutzte, verwenden die Eingeborenen Zentral» rasilievs die spitzen Zähne eine« Fisches. In der Sudsee sind- Haisischzähne im Gebrauch, die zuweilen als Heft ein knieformiK gebogenes Stück Holz erhalten. Oft werden auch mehrere hintereinander in die Riime eines länglichen HolzstückeL gefügt und geben so eine gefährliche Waffe ab. Die Maori auf Neuseeland bedienen sich solcher Messer mit Vorliebe zum Zerschneiden gc» opserter Menschen. Die kunstvollen Schildpattkämme der Einge» borenen von Neu-Mecklenburg werden mit Hilfe eines MesserS geschnitzt, das aus dem Vorderzahn eines dort heimischen Beutel- tiereS gefertigt ist. Räch dem natürlichen Modell der Tigerpranke ist eine bei den Indern sehr beliebte Art Schlagring, Baghak (Tigerklaue) genannt, hergestellt, wobei vier krallcnförmige. scharfe Vorsprünge an einem Eisenband angebracht werden. daS mittels zweier Ringe festgehalten wird. Hörner und Knochen von Tiereu werden weniger gern benutzt, weil sie sich nicht gut schleifeu lassen, doch benutzte das alte Reitcrvolk der Skythen Messer aus Ochsenrippen, um damit den getöteten Feinden die Kopfhaut abzuschaben. Zu Messern verarbeitete Muschelschalen gibt eS in der Südsee und am Amazonenstrom; auf Neu-Mecklenburg werden sie mit Vorliebe zum— Rasieren und Haarschneiden verwendet. Auf der Gazellehalbinscl auf Reu- britannien, das ebenso wie Neu-Mecklenburg zum Bismarck- Archipel gehört, bedient man sich der Muschelmesscr mit Vorliebe zur Abnabelung von Reugeborenen sowie zur Trepanation, zur operativen Oeffnung der Schädelhöhle. Bielfach find sie gesa)äftet„ sei es, daß ein durch Fellstreifen mit der Klinge verbundener Stein als Griff dient, wie ein Modell aus Feucriand zeigt, oder daß ein hölzerner, oft durch Schnitzereien verzierter Griff durch Umwickelung mit Schnüren Verwendung findet. Räch der Form des Muschelmessers, dessen glücken gerade und dessen Schneide gerundet ist, wurden häufig in vergangenen Epochen die söge- nannten Rundmesser hergestellt, die heute noch bei den Es- kimoS in Gebrauch find, diese benutzen übrigens zum Abschaben des EisrS und Schnees von ihren Kleidern und Kajaks, dem mit Seehundsfrll überzogenen einsitzigen Boot, Messer mit hol» z e r n c n Klingen. Die reichhaltigste Verwendung indessen genießen Holzmesse« in den Tropenländern. Zwar hat man in den Pfahlbauten der- Schweiz mrsscrähnliche Instrumente aus Ebenholz gefunden. doch liegen berechtigt« Zweifel vor, ob dies auch wirlliche Messev waren. In den Tropen dagegen sind Messer aus Rohr und vor- nehmlich aus BambuS derartig zahlreich in Gebrauch, daß man. da die- dortige gesamte Kultur unter dem Zeichen des BambuS steht, füglich für dieie Gegenden von einer Bambuszeit reden kann. wie man bei uns beispielsweise eine Eisen- und Bronzezeit unter» scheidet. Wie das„Archiv für Anthropologie" berichtet, stehen diese Bambusklinyen an Güte den Stahlkitngen keineswegs nach; sie sind auS Bambussplittcrn, in Feuer gehärtet und scharf genug, um Tiere damit zu töten. Ihr Gebrauch erstreckt sich über Südasien und die ganze afiatisch-australische Inselwelt, und ist trotz des Imports von Stahl- und Eisenklingen auch heule noch nicht zurück- gegangen. So benutzen die Javanen trotz ihrer hervorragenden Scbmicdetechnik nock Bambusmcsser bei Durchtrenuung der Nabel- schnür, ebenso wie sich ungeachtet der Vorzüglichkeit der malaischen Messer die Ostsumatraner zum gleichen Zweck sckwrfer Bambus- splitter bedienen. Daß ihre Verwendung vornehmlich zur Beschnei« düng, Abnabelung und zu Amputationen von Gliedmaßen sich so zähe erl>alten lmt, ist wohl in der Hauptsache auf religiöse und abergläubische Ursachen zurückzuführen. Auf den Samoo- und Freundschaftsinseln vollzieht man mit solchen Messern die� Beschneidung. das Scheren von Haar und Bart und das Vorrichten der Speisen, ja sogar große Operationen, wie den Kaiserschnitt. Auf Neu-Guinea verwendet man Messer von � Meter Länge, und bis 7 Zentimeter Durchmesser zur Jagd und zur— Kopsjagd. Auf der schon genannten Gazelleholbinsel sind auch Messer aus der Schale der Kokosnuß zu Schädeloperationen im Gebrauch. In der, Urwaldgebieten Südamerikas richtet man die Bambusmcsser, die neben den Muschelmesieru benutzt werden, folgendermaßen her: ein Stück Bambusrohr wird mit heiß gemachtem Wachs durchtränkt, am Feuer durch gelindes Anbrennen gehärtet und läßt sich dann mit Leichtigkeit zuschneiden und schärfen. Zum Ausrasicrcn der Tonsur verwenden die Batairi auf dem brasilianischen Hochland das�harte Lanzengras. Merkwürdigerweise sind solche und ähnliche Messer in Afrika fast gar nicht im Gebrauch; nur der Bantustamm der Amakosa bedient sich noch heute zur Beschncidung der scharfen Scggebinse._ Kleines feuületon» „Geistreich." Ein Geist, der nach keiner Richtung hin stark engagiert ist, zeigt auch bei mäßiger Veranlagung oft eine Beweg- lichkeit, die unter Umständen dem wirklich tiefen Geiste ähnlich scheint. Ernste Denker aber, die e ne bestimmte Materie auf ihren Grundgedanken hin bearbeitet haben, können von dieser Richtschnur ihres Denkens nicht so schnell abgelenkt werden, sondern müssen unaufhörlich an dem Ausbau dieser Grundidee weiterarbeiten. Ja» sie find so fest mit diesem Thema verknüpft, daß alle Bemühungen, sie für einen Augenblick davon zu erlösen, aussichtslos bleiben. In solchen Fällen haben wir eS mit einer inneren geistigen Risstm» gü tun,!da tnitjj die Idee zu Ende gedacht werden, der Stoff, das Dhema �drängt, und der Mensch ist lediglich das ausarbeitende Organ. Solchen Menschen mub die leichte Verbindung mit den Erscheinungen der Außenwelt schwerer fallen, als den-geistreichen, die ihre momentanen Einfälle kaum in einen Zusammenhang dringen können, mit irgendeinem festgefügten System, einem großen dichterischen Vorwurf oder gar einer sozialresormatorischcn Idee. Der geistreiche Mensch sucht nicht nach Verknüpfungen, er ikennt den Anschluß nicht, das Ankristallisicren von Gedanken um einen Punkt herum, um diesen allmählich zur Linie, dann zur Fläche und noch später zum Globus anwachsen zu lassen. Tiefe Denker waren selten geistreich. Erzählt man doch von Jean Jacques Rousseau, daß er im Verkehr mit Enzyklopädisten stets den kürzeren Log, da seine tiefe Natur in der Polemik versagte, in der es doch hauptsächlich auf das Herausschleudern von momentanen Geistes- iblitzcn ankommt. Aber sobald er allein war oder sich mit einer gleichgestimmten Seele über die schwersten Probleme des Lebens unterhalten konnte, strömten seine Gedanken unaufhörlich, und die Gefühle brachen gleich Quellen aus der Tiefe seiner reichen Natur hervor. Der geistreiche Mensch ist ein Blendwerk, großgezogen «durch eine Mißgcstaltung unseres Gesellschaftslebens. Das Wesen der geistreichen Autoren besteht in der Neigung zu Antithesen, Witzen und in der Sucht, die Form über einen dürstigen Inhalt triumphieren zu lassen; im Sprunghaften, da idie glänzende Stilistik sich mit Recht von allem Ballast befreien möchte, der in die Tiefe zerrt. Beim Geistreichen erscheint der Geist fast als Selbstzweck. Nicht Selbstbefreiung, Erlösung, kein inniges Gefühl des Zusammenhanges aller wahrhast kulturfördernden Eiemen-te, sondern nur das prickelnde Bewußtsein, seine Zuhörer oder Leser verblüfft zu haben. Zuweilen selbst mit tiefen Erkenntnissen spielend, hat der Geistreiche doch keine innigen Be- Ziehungen zu ihnen, da sie keine Auferstehung in seiner Lebens- führung erfahren. Da er den Zusammenhang mit dem Leben der- koren, ist er stet? nur ein Produkt einer künstlichen Gedankenwelt, die fern von aller lebendigen Erfahrung ein Scheinleben führt. Was aber manchmal zu seinen Gunsten sprechen könnte, ist eine be- neidenswcrte Eigenschaft, viele Gcoanken in sehr kurzer �Zeit zu produzieren. Viele Gedanken sind wahrlich kein Unglück, nur «müssen wir uns die Frage vorlegen, wie sie entstehen. Meistens erzeugt bei ihm die Unterhaltung die Gedanken, ein Buch oder ein besonderes Erlebnis. Dem tiefen Denker wird selbst da? Geringste zum Ereignis. Unser„Geistreicher" braucht aber stärkere Reize. das Milieu muß sehr in Aktion treten, wenn ihm die Gedanken kommen sollen. Und dann strömen sie scharenweise herbei, über- schütten ihn und machen ihn groß und stark, und er fühlt sich als Etwas. Im Besitze vieler Gedanken, glaubt er schon im Bereich des Geistes zu sein. Darum höre und staune, daß das Genie frei von bieler Ideen und Gedanken ist. Ja, zuweilen besitzt en nur einen einzigen, den es sein Leben lang mit sich herumträgt. Aber dieser , Gedanke ist riesengroß und steckt in Glut und ist so fest gebunden «an den Träger, daß dieser ohne ihn nicht zu leben vermag.� Das nennt man eine innere Mission haben, ein geistiges Ziel verfolgen. lUnd solche Leute sind nicht„geistreich". Biologisches. EntwickelungSstörungen durch Radium. Im Berliner biologisch- anatomischen Institut hat Professor Oskar H e r t w i g, der in weiten Kreisen durch seine entwickelungS- geschichtlichen Forschungen bekannt ist, interessante Beobachtungen an tierischen Zellen gemacht, die einer Radiumbestrahlung ausgesetzt waren. ES war bisher schon bekannt, daß die Behandlung tierischer Gewebe mit Radium funktionelle Störungen, mit der Zeit sogar Zerfallprozesse im Gefolge hat. Diese Erfahrung fand O. Hertwig vornehmlich an den Keimzellen der Geschlechtsdrüsen bestätigt. Als UnlersuchungSobjekte dienten ihm die Geschlechts- Produkte des Frosches Aeußerlich ist nach erfolgter Radium- bcstcahlung den Eiern nichts anzumerken, eS findet sich nicht das geringste Merkmal einer Schädigung. Erst bei der E n t w i ck e I u n g zeigen ' sich die Folgen: die Zellteilung verlangsamt sich immer mehr und kommt schließlich völlig zum Stillstand, oder es tritt sogar Versall ein. Hertwig bezeichnet solche Organismen als radium krank. Sie sind sämtlich zwcrgbaft verküni inert, häufig weisen sie Mißbildungen aus. Besonders werden in Mitleidenschaft gezogen baS Zentralnervensystem und die Augen sowie Herz und Btut, die Haut zeigt zuweilen zottige Wucherungen. Die Bestrahlung de? befruchteten Eies vor der Entwickelung schädigt diese um so mehr und bringt sie um so früher zum Stillstand, je stärker da? verwendete Radium- Präparat und je länger die Dauer seiner Einwirkung war. Die Schädigung beruht nicht auf einer chemischen Veränderung der Z e l l° s u b st a n z, sondern, wie O. Hertwig aliSdrückUch hervorhebt, auf einer chemischen Verletzung des Chromatins, faden- und schleifen« förmiger Gebilde im Zell kern, die als die Träger der Vererbung anzusprechen sind. Technisches. Stanbexplosionen. Die Schädigungen, die der Staub dem Menschen durch Uebertragung von Anfteckungen und anderen Krankheiten zufügt, sind nicht die einzigen, die es dringend wün- schenswert machen, daß die Staubentwickctung überall, wo sie zu finden ist, aufs eifrigste bekämpft verde. Er hat namentlich außer- Berantw. Redakteur: Richard Verth, Berlin.— Druck u. Verlag: dem die verhängnisvolle Eigenschaft, bei einer gewissen feinen Ver« tcilung in der Luft mit dieser eine explosive Mijchung zu bilden. Die Kohlenstaubexplosionen gehören zu den meist gefürchteten Gc- fahren des Kohlenbergbaues. Aber auch in anderen Betrieben kommen Staubexplosionen vor. Auch bei einem folgenschweren Unglück, das Ende November in Liverpool 31 Menschen tötete und 112 mehr oder weniger schwer verletzte, wird dem Staub in erster Linie die Schuld beigemessen. Dieser Fall ist noch dadurch beson- dcrs lehrreich, als man bisher in ähnlichen Werkstätten— es handelt sich um eine Fabrik für Oclkuchen und andere Samenverarbci- tung— derart ungünstige Erfahrungen noch nicht gemacht hat. Es muß daher auch noch genauer festgestellt werden, ob tatsächlich manche unter den Sämereien, die zur Oelbereitung benutzt werden, durch Mangel an Fettstoff bei der Zerkleinerung einen außer- ordentlich feinen Staub erzeugen, der mit der Luft eine leicht ents zündliche, zur Explosion neigende Mischung bildet. Die Entzün- dung kann dann leicht erfolgen, entweder durch ein offenes Licht oder auch durch die Funken, die zu den Stahlwalzcn bei der Zer- malmung der Samen entstehen. In Mühlen sind ähnliche Explo- sionen durch Mehlstaub früher ziemlich häufig vorgekommen. Es ist jedoch zu wenig beachtet worden, daß außer gewöhnlichem Mehl auch anderer Staub, beispielsweise von Schwefel oder von Bärlapp- samen gleichfalls zur Explosion führen kann. Das Bärlappulver, das aus den Sporen der bekannten Pflanze besteht, wird übrigens im Volke auch Hexenmehl genannt, freilich aus anderen Gründen als denen einer Feuersgefahr. Der heutige Stand der drahtlosen Telegra- phie. Am 6. d. M. sprach über dieses Thema Graf Georg von Arco im Sitzungssaal der AEG. Er führte unter anderem anS: Die technische Entwickelung der drahtlosen Telegvaphie hat einen sehr bedeutenden Kostenaufwand erfordert, an dem die eng- lische Marconi-Gefellfchaft und die Deutsche Gesellschaft für drahr- lose Telegraphie am stärksten beteiligt sind. Während der ersten zehn Entwickelungsjahre hatte Marconi, in den letzten Jahren die unter dem Namen„Tclefunkcn" bekannte Gesellschaft für drahtlose Telegraphie die technische Führung. Der Weltbcdarf an drahtlosen Stationen wirb zu 8ö— 90 Proz. durch diese beiden Systeme gedeckt. Hiervon ist auf die deutsche Gesellschaft im letzten Jahre wesentlich mehr als die Hälfte entfallen. Ihr Arbeitsfeld erstreckte sich an- fänglich nur auf Lieferungen und Installationen, heute ist es auch auf die Errichtung von Eigenbetrieben ausgedehnt. Für Deutsch. land desteht hierfür eine besondere Organisation, die im ganzen heute etwa 160 Stationen betreibt, die auf allen großen deutschen Handelsschiffen installiert sind. Bisher waren überwiegend vertikale Antennen üblich, did von hohen Masten getragen wurden. Für Stationen von sehr großer Reichweite wuchsen diese zu gewaltigen kostspieligen Gebil- den an. Die Frage der drahtlosen Telegraphie auf sehr große Entfernung namentlich für sicheren Dauerbetrieb war demnach fast ausschließlich eine Antcnnenftage. Wohl können gewaltige Hochfrequenz-Encrgien hergestellt, aber nicht ausgestrahlt werden. Nun war lange Zeit die Streitfrage unentschieden geblieben, ob die Fernwirkungen durch die Luft, durch.die Erde oder durch beide Medien gleichzeitig erfolgen. Im Läufe der Jahre gewannen die Fachleute immer mehr die Ueberzeugung, daß die Erde an der Fortleitung stark beteiligt sei. Um hierüber Aufklärung zu schaffen, hat in den letzten zwei Jahren im Auftrag der Reichsposwerwaltung der Ingenieur Dr. Kiebitz vom Telegraphen-Bersuchsamte syste- matische Versuche angestellt. Hierbei hat er gezeigt, daß durch die Erde die elektrische Energie auf beträchtliche Entfernungen über- tragen wird und andererseits zum Empfang selbst bei sehr großen Entfernungen aus der Erde allein genügend Energie herausge- nommen werden kann. Die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie hat. hierdurch angeregt, im letzten Jahre auch zahlreiche shstema- tische Versuche gemacht und eine Reihe von Verbesserungen zum Patent angemeldet. Die Wirkungen der Erdantennen sind scharf gerichtet, außerdem zeigen diese Antennen in mehrfacher elektrisches Hinsicht Vorzüge gegenüber den Luftantennen. Besonders kann die Sicherung vor Störungen durch atmosphärische Entladungen und störende Stationen erheblich vergrößert werden. Auf den ersten Blick scheint die elektrische Wirkungsweise der Luft- und Erd-Antenne fundamental verschieden. In Wirklichkeit sind sie nahe verwandt. Die Erdantenne ist die älteste Antennenform. Der Vortragende besprach alsdann die heutigen EntfernungL- lcistungen und den für bestimmte Entfernungen nötigen Energie- aufwand, die Unterschiede der Leistungen bei Helligkeit und Dunkelheit und die Bedeutting dieser Erscheinungen für Statio- nen, die eine Dauerverbindung aus sehr große Entfernung haben sollen. Die Versuchsstation Nauen der Deutschen Gesellschaft war bisher an Stärke und Reichiveite den beiden größten Marconi-Sta- tionen, die England mit Canada verbinden, gleich. Sie wird jetzt noch mit sehr großem Kostenaufwande auf das Vierfache vergrößert. Der von 100 auf 200 Meter erhöhte Turm und zwei Maschinen- und Apparatehäuser sind bereits-fertiggestellt. Die Entwickelung der drahtlosen Technik ist immer noch im vollen Gange. Ein Ab- schluß ist in absehbarer Zeit noch nicht vorauszusehen, VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaulSlngerz:Lo.,BerlinLVV,