Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 240. Dienstag� den 12. Dezember 1911 lNachdru« verbolewl 21] Die Guten von Gutenburg. Von HermannKukz. Im März begann das Spielen der Buben, die im Wer sind, um Soldat zu werden. Und schon im Januar tat sich der Jahrgang zusammen. Soldatenlieder singend zogen sie durch das Städtlein. Das machten sie so schön als möglich. Be- sonders innig oder laut, je nach Gemüt, erhoben diese Guten- burger Troubadoure ihre Stimmen, wenn gerade ein Haus in der Nähe war, das einen anderen Jahrgang barg. Aber diese anderen Jahrgänge wuchsen nicht im Rebland draußen, sondern in den Mädchenkammern. Der Findling sang da überall herum tüchtig mit, doch seine Stimme erhob er nirgends zur Serenade vor irgendeinem Fensterlein. Doch freute er sich an dem Treiben, denn er war trotz seines Schulsackes im Gemüte ein Bauernbub, und da er bislang ge- scheite Lehrer gehabt hatte,„öffnete" keiner von diesen des Burschen Augen. Ende März begann die Aushebung und Anfang April hatten die Gutenburger wieder zukünftige Rekruten. Auch der Findling wurde gezogen. Er mußte im Oktober ein- rücken und sein Jahr abdienen. Dieses„Einjährige" gab ihm einen gewissen Glanz. Besonders einige Mädchen juckte es, wenn sie diesen Einjährigen versteckt betrachten konnten. Denn sie wußten alle, daß er noch ungerächt vom Geschlechte der Zarten sich semes Lebens freute. Diese Wissenschaft wird von den Mädchen im Alter„der Apfelblüte, worin sie Schnee- gänse sind", wie der Seppetoni, der Gutenburger Philosoph, erklärte, am liebsten gepflegt. Am zweiten Aprilsonntag war der Eiertanz. Die Burschen wählten den Sohn des Hirschenwirts und den Find- ling fürs Eierrennen und auch, wie dies Sitte ist, für das Sammeln der dazugehörigen Eier. Am Samstag kam der Findling in die Wirtsstube des Hirschen, um seinen Gegner im Eierrennen und Partner im Sammeln abzuholen. Die Mutter des Buben gab dem Findling freundlich die Hand. Aber in der Freundlichkeit lag auch ein wenig Herab- lassung und Bedauern. Einesteils tat ihr der Bub, der aus- gefundene leid, dann aber gab ihre honorige Seele auch dem eigenen„Ich" die Trauerhand. Daß auch dieser Bankert mit ihrem, man denke, ihrem Sohne das Rennen machen mußtet Aber das süße Lächeln behielt diese Frau vor ihrem Munde. Denn die Kundschaft konnte leicht ein schiefes Gesicht von ihr an den Findling falsch auffassen und beleidigt tun. Der Findling fühlte sich nicht wohl im Hirschen. Als aber der Hirschenwirtsbub mit dem Wäschkorb zum Eier- sammeln kam und noch hochmütiger tat als die Mutter, der- wunderte er sich. Bald merkte er, welcher Pfeffer die Hirschen- Wirtsleute biß und juckte. Seine gute Laune ging so in Trümmer und das Mensch- lein in ihm revoluzte. Wenn er schon nur der Findel war und auch nur den Simon zum Vater hatte, dem Hund hieß dies dennoch nicht vom Wadel gefallen. Die beiden hatten beim Sammeln der Eier nicht allzuviel Worte für einander. Aber in beiden war ein Gefühl, um jeden Preis Meister des andern zu werden. Am Sonntag war gutes Wetter. Um zwei Uhr waren die Eier der Straße entlang gelegt, alle zwei Schritte ein Ei. Und zwei Schritte vom letzten weg stand der Korb. Jedes Ei hatte der Wirtsbub einzeln zu holen und einzeln in den Korb zu tragen, zuerst das nächste, dann das zweite, immer hin und wieder zurück, ein Ei holen, zum Korb tragen, hinein- legen und hurtig das nächste dem vorderen nach.� Der Findling aber mußte nach Altenberg hinüberlausen, und mit einem Fuhrwerk folgten einige ältere Bürger, um sicher zu gehen, daß der Weg hin und zurück getan wurde. Der Findling und der Hirschenwirtsbub hatten sich nicht gerade herzlich angeschaut, als sie am Korbe standen und aus das Zeichen zum Beginn des Rennen warteten. Der eine schaute da. der andere dort hin. Und da der Findling auf de? rechten Seite des Korbes stand, schaute er rechts. Der Hirschenwirtsbub auf seine, die linke Seite. Links standen nun Leute und hintendran die Linden. Rechts aber lag das Schlüsselwirtshaus. Und unter der Tür« des Schlüssels stand die junge Madien, die Tochter des Erhard, auf der Treppe vor der Tür und schaute hinaus. Sie war einige Jahre jünger als der Findling, aber so ohne Mutte» ausgewachsen ein sicheres keckes Fräulein. Und da sie ein feines hübsches Ding war, durfte sie sein, wie sie wollte und war immer recht. Das heißt, es gab unter ihresgleichen auch einiae, die ganz anders dachten. Da sie aber ein Fräulein war, entschieden darüber die Mannsleute.„Leider", sagten die Frauensleut. Die Madlen schaute nun so wie von ungefähr die zwei Buben an. Der Hirschenwirtsbub war ein derber, hübscher Mensch, den sollte sie später mal heiraten, sagte ihr Vater. Aber auch der Findling war hübsch. Eigentlich nein, hübscher war der Hirschenwirtsbub. Aber der Findling gefiel ihr besser. Woran dies wohl liegen mochte? Dieweil die Madlen so dachte und das Rätsel lösen wollte, schaute sie dem Findling gut in das Gesicht. Und an seinen Augen blieben die ihrigen hängen. Und da wußte sie, was es war. Die Augen waren es, der Findling hatte schön« Augen. Da sagte jemand beim Korbe:„Losl" Der Hirschen» Wirtsbub lief wie der Teufel einem Ei nach dem andern nach. Und da hörte die Madlen, wie einer sagte:„So lauf doch, zum Donnerwetterl" Und sie sah, daß ein anderer Vursch dem Findling einen Puff gab, dann einen Stoß und ihn vorwärts schob. Und da begann der Findling auch zu laufen, was das Zeug hielt, das Fuhrwerk hinterdrein. Die Leute lachten ringsum. Aber die Madlen Wußte gar nicht warum. Sie nahm sich aber vor, sobald dies ging, den Findling noch gründlicher einer Besichtigung zu unterwerfen denn heute. Sie wollte herausbringen, was alles hübscher an ihm war als an dem Hirschenwirtsbub, den sie heiraten sollte, wie der Vater immer sagte, wenn er guter Laune war. Ter Findling aber nahm den Weg nicht übel unter die Füße. Mit jedem Schritt soviel als möglich. Er wollte rasch wieder in Gutenburg zurück sein, denn er konnte sich nicht losreißen von dem Blick der jungen Madlen. Wie er so rechts geschaut hatte, um den Hirschenwirtsbub nicht in das Gesicht zu sehen, schaute er, ohne daß er wußte. wie das eigentlich kam, der Madlen ins Gesicht. Und da er Gefallen an diesem Gesicht fand, guckte er auch weiter hin nach rechts. Und er würde heute noch nach rechts schauen, wenn nicht irgendeiner ihm einen Puff gegeben und er nicht hätte losrennen müssen. So bekam der Findling den Funken ab, als die Madlen und er einander anschauten, und beide nicht wußten, wie und wo. Aber als der Findling so dahin rannte, kam ihm mit einem Male der Gedanke, daß er unter allen Umständen eher zurück sein müsse, als der andere mit Eierlesen fertig war. Denn wenn er der letzte war, mußte er sich ja zu Tode schämen unter dem Gespötte. Und er wollte doch in den Schlüssel gehen und— ja was hatte er denn eigentlich im Schlüssel verloren? Nichts, dies war schon so, aber—. Da läßt sich weiter nichts tun, wenn ein junger Bursche, der einem Mädchen in die Augen geschaut hat, sagt„nichts", um hintendran mit dem„aber" zu kommen. Der würde dem Teufel sogar mit seinem Aber die Hölle heiß machen...,.... In Gutenburg lief der Hirschenwirtsbub wie ein Wiesel so eilig hin und her von Ei zu Korb und immer weiter die Straße hinaus. Schon lagen nur noch einige wenige zu einem Dutzend der Hunderte von Eiern. Wie das erste Ei vom letzten Dutzend im Korbe lag. begann die Musik so gut sie konnte„Hei! dir im Siegerkranz" zu spielen. Der Schul- meister als Dis-Harmoniedirektor von Gutenburg schwang den Zauberstab über den Tönen. � t Eben hatte der Hirschenbub das zehnte Ei in den Korb gelegt. Jetzt noch die letzten neun! � Wenig vor Gutenfycrg draußen rasselte das Fuhrwerk hinter dem Findling drein. Das war gerade als der Lehrer den Stock schwang und.„zwei drei" gesagt hatte und die Musikanten mit vollen Backen in das Blech bliesen, daß es > krachte vor Musik. - 958- „Der Teufel. Tu kommst zu spät!" schrie einer vom Wagen herunter. Ter Findling sagte nichts. Er biß auf die Zähne und wollte nicht fühlen, wie weh ihm jeder Schritt wurde. Er wußte, daß es gehen mußte.„Au!" hätte er am liebsten geschrien. Aber da er jung war und an die Madlen dachte, die ihm Feuer gelegt hatte unters Fürtuch, sagte er nichts. Tas heißt, ganz leise, damit niemand nichts hörte, sprach er sich Mut zu und rechnete aus, daß zwölsnial vom Korb bis zu den letzten Eiern auch nicht weniger weit sei, als er noch zu lausen habe, und dann mußten auch dem andern die Beine weh tun. Ter Hirschenwirtsbub lief mit dem dritten Ei zum Korbe, als man vor dem Orte draußen den Findling hcraneilen sah. Da begannen die Leute zu schreien. Einer dem, der andere jenem. Und dieses Schreien hetzte die beiden Burschen. Immer nccher kam der Findling. Ter Hirschenwirtsbub nahm das zweite Ei vom Boden. Tas nächsiemal kam das letzte und entsernteste. Der Findling lief, als gelte es das Himmelreich, und der Hirschenwirtsblch tat desgleichen, denn als er sich unlgeschaut hatte, sah er den andern näher als ihm lieb war, und unmer noch lag das letzte Ei. Der Findling lief auf das letzte Ei zu, voui Korbe her kam der Hirschenwirtsbub. Doch ehe der Hirschenwirtsbub das letzte Ei aufnehmen konnte, nahm es der Findling, und ohne sich umzusehen, lief er dem Korbe zu, und als er dort war, legte er das letzte Ei in den Korb. Ter Hirschenwirtsbub schaute dem Findling verwundert nach, als dieser ihm sein Ei genommen. Und als es zu spät war. erkannte er, um was es sich handelte. Ter Hindling hatte ihn ausstechen wollen, nicht nur gewinnen. Tanini lief er voller Wut zum Sieger und wollte ihn prügeln. Aber er mußte sein Mütlein kühlen ohne zu schlagen. Toch blieb der Groll in ihm sitzen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck Serdoten.) Oer Gutsarme. Ton A. Heinrichsen. Um Martini war es. Leer und still waren die Felder ge worden. Die Nebelfrau mit ihrem nassen grauen Mantel zog wieder durch die Holsteinischen Lande. Der Regen floß und durch die Bäume und die Sträucher der Knicks brach heulend der Nord- West... Da hielten Steffens ihren Einzug in das Armenhaus des adligen Gutes Blankenwater. Draußen vor dem Dorfe an einem Feldwege lag es; äußer- lich ein langgestreckter Backstcinllotz.�dcr mit seinen kahlen schmutzig- roten Wänden nur wenig aus der Sohle eines abgegrabenen Lehmberges ragte. Keine Spur von der alten traulich-heimistben Bau- weise fand sich an diesem Hause. Keine Umfriedung umschloß es. Der Knick am Wege hatte schon weichen müssen, als mit dem Ab- bau des Lehmes begonnen wurde. An seiner stelle zwischen Haus und Straßengraben wucherte ein wildes Gestrüpp von Schlehen, Brombeeren, Dieftrln und Nesseln. Und von hinten her starrte di« nackte Böschung des Lehmberges. Acht Parteien konnten hier Aufnahme finden. Steffens wur- den Nummer sieben— GutSarine Nr. 7! Vierzehn Jahr« hatten sie im Dorfe die Alienteilskate des HufenpächterS Klas Schneekloth bewohnt und ihm Taglöhnerdienste geleistet. Vierzehn Jahre? Dabei hatte sich Peter, das Familienhaicht, dos Reißen geholt. Die Glieder versagten nun ganz. Auch an„Liesemulter" war die Zeit nicht leicht vorübergegangen; sie hustete viel und spuckte auch Blut. Johann aber, der älteste Sohn, war fern der Heimat. In Thorn stand er bei der Infanterie. Und die beiden anderen Jungen, der 13jährige Wilhelm und der lljähcige Fritz, die konnten den Kohl natürlich auch nicht fett machen. Also hatte Schneekloth eines Tages, als die stille Zeit heran- kam, alle in Gnaden aus seinen Diensten entlassen. Dagegen harte kein Bitten und kein Vertrösten auf Besserung Helsen können.»Et inut dorbi bliewenl" war sein letztes Wort gewesen. Und dann hatte Peter sich nach anderem Brot umgesehen. Alle Dörfer im Gute hatte er abgelaufen, alle Meierhöfe, doch vergebens. Das Armenhaus aber bot in der Regel nur Obdachs weiter nichts. Nur«in paar völlig hilflose Witwen erhielten aus der herrschaftlichen Armenkasse Mehl-, Kartoffel- und Milchgabcn. Alle anderen aber mußten sich allein durchschlagen— schlecht und recht.. Der herrschaftlichen Armenkasse war eben schwer beizukommen. Das mußte auch Peter erfahren. Der Herr Gutsvorsteher als Ver- Walter der Armenkasse verstand es, alle Anzapfungsversuche, wie er rücksichtsvoll Peters Bitten und Betteln zu bezeichnen pflegte, er- fc�-eick, abzuwimmeln. 1 So wurde denn Schmalhans Küchenmeister bei Steffens. Und er waltete seiiics Amtes gewissenhaft. Trotzdem gingen die paar Kartoffeln, die aus dem Katengarten ins Armenhaus hinüber ge- rettet worden waren, bald zur Neige. Auch das Brot verschwand aus dem Tischkasten. Und es kam der Tag, an dem ein Steffen nach dem anderen hungrig sein Nachtlager aufsuchen mußte. Am Abend dieses Tag.'s saß Peter noch lange allein auf der Bank an dem riesigen'uxißgekaikten Backsteinosen. Die Hände hatte er tief in den Taschen des langen blauleiueuen Kittels vergraben, den Kittel selbst bis unter das Kinn fest zugeknöpft, und um den mageren Hals trug er das dicke Wolltuch gewürgt, an das sich von oben her die alte graue Wintermütze anschloß. Außer der bläulich angelaufenen Nasenspitze lugten kaum noch ein paar graue Haarsträhnen hervor— so hockte er da, in sich verkrochen und ver- huzzclt. Dabei brummte er allerhand vor sich hin. das nicht gerade auf besonders herrschaftstreue Gesinnung schließen ließ. Und die brau- neu Saftbombe» seines„Prüntje" zerplatzten auf dem schmutzigen Lehmfrißboden mit ungewöhnlicher Heftigkeit.— Am Morgen darauf aber zeigte Peter den beiden Jungen, was mau olles aus Draht machen kann; nickt nur MauSfallen, Siebe und dergleichen, fondern auch Hasenschlcifen. Und da Fritz und Wilhelm anständige Burschen waren, und da auch der hcrrsckastliche Wildstand gut war— die Felder der Pacht- dauern boten ja viele gute und ungestörte Futterplätzc— so gab es in Steffens Kochtopf bald wieder Fleisch; nicht gerade ost, aber doch ab und zu. Mit ganz leeren Händen kamen die beiden nie heim. Wenn die Schleifen leer waren, so gab es immer noch irgendwo Lesen- reiscr, Korbioeiden und ähnliche Tinge. Daraus verstand Peter wieder etwas zu machen. Und der Erlös brachte Brot, Kartoffeln und Mehl. Etlras aufregend war es zwar manchmal, dies Treiben, aber es lief doch lange ohne irgendwelche unguten Zwischenfälle ab.— Einmal aber erfüllte sich doch das Verhängnis. Es war zur Fastnacht, spät am Abend war es schon und die Jungen sollten langst wieder heim sein. Peter hatte schon mehrmals Ausschau nach ihnen gehalten. Unruhig rutschte er auf dcr Ofenbank hin und her, und von Zeit zu Zeit entfuhr ihm ein leises Stöhnen. Dann rieb er sich mit den großen ausge- arbeiteten Händen die Knie oder die Schultern, streckte auch wohl die verkrümmten Glieder in die Luft, wie wenn er gymnostisch-: Zwecke verfolgte. „Sull ick wull die Jungs mal nahlopen möten, Liese? Wat meinst wull," wendete er sich schließlich an die große rohgezimmerte Bettstatt. Darin schob sich langsam die Decke ein wenig zurück und das bleiche eingefallene Antlitz Lieses wurde sichtbar. Sic hatte sich legen müssen, denn der Husten hatte sie untergekriegt. Gerade kam wieder ein Anfall. Nachdem der vorüber war, konnte Peter seilte Frage wiederholen. Liese nickte nur dazu. Dann wurde sie lebhafter:„Ach Gott, Peiier! Wo blicwt sei bloß einmal? Mi is so bang tau Mod. Wenn ehr man nix taustött is..." Ein leichtes Zittern überlies ihn. Er arbeitete sich in die Holz- stiefel und nahm den Stock.„Ick kiek noch mol rut, Liese" sagte er beim Fortgehen. Es war leidlich hell. Der Himmel hing doller Sterne und auch der Schnee spendete Licht. Ans serpeutiuartig gewundenem Pfad kletterte Peter, oft auf allen Vieren, den Lehmberg hinterm Hause hinauf. Keuchend stand er schließlich oben und überschaute die Felder in der Richtung nach dem Blanke nwater-See. Deutlich schimmerten die Lichter des Gutshaupthofcs und des Schlosses vom anderen Ufer herüber. Peter musterte scharf das Gelände Jeden Knick, jeden Hügel» jeden Schatten im Felde suchte er ab; wieder und immer wieder. Allein von den Erwarteten sah er keine Spur. Langsam und auf einem Umwege stieg er wieder hinunter. Vor dem Hause stand er still, sinnend, das Kinn in die Hand gestützt. Eine Weile verstrich, dann hinkte er sachte davon. Querfeldein ging er, durch schneebehaiigene Knicks und über gefrorene Gräben, bald hierhin, bald dorthin. Zögernd steckte er schließlich die Finger in den Mund. Einmal setzte er noch ab, unschlüsstg. Tann aber gellte ein Pfiff durch die scharfe klare Winterlust, und gleich darauf noch einer. Eine Minute horchte Peter gespannt auf. Nichts war es. Alles blieb stumm. Nirgends regte sich etwas. Eine Stunde, auch die zweite»och irrte Peter so umher, wendete sich nach rechts, wendete sich nach links, pfiff, rief auch. aber immer umsonst. Mit schlotternden Knien wankte er endllai heimwärts.--— Dcv nächste Tag führte schoßt den Amtsdienrr Zind eknen Gendarmen in das Armenhaus. Sie kamen zur Haussuchung. Aber sie brauchten nicht lange zu suchen. Mit stummem Wink deutete Peter unter das Bett. Da fand sich alles Belastende fein säuberlich beisammen. So ging das Unglück seinen Gang. Die Dorladung vor den Amtsvorjtchcr kam. Amtsvorsteher aber war der Gutsvorstcher. Dadurch erhielt das Versahren noch einen besonderen Reiz. Tas amtliche Verhör unterschied sich zwar nicht sonderlich von dem üblichen trockenen Frage» und Antwortfpiel. Desto erbau- - 959- l icher gestattek? sich aber die anschließende gutsherrschastliche Straf- l Ta war schon viel Schnee gefallen. Nber vielmehr hat e$ predigt. Alle Paragraphen über Jagdvergehen, Forstdiebstahl, An- im Laufe des Winters noch gegeben. Alle Wege waren versperrt. stiftung, Begünstigung, Hehlerei und der Himmel weiß was sonst Und lange hat der Schnee gelegen, bis in den April hinein. Hinter noch, wurden herangezogen. i den Knicks, wo er meterhoch zusammengeweht war, und wo die Peter ließ das alles widerspruchslos über sich ergehen. Er' Sonnenstrahlen nicht recht hintamen, mußte man sogar mit der 5 and da und schnaufte und schluckte und würgte in einem fort, bis- Schaufel nachhelfen, um ihn zum Auftauen zu bringen. er Gestrenge ihn endlich zu entlassen geruhte, nicht ohne ihm noch Damit tvar eines Tages aifch der alte Totengräber des Guts-- die wenig tröstliche Versicherung mit auf den Weg zu geben, daß- sriedhofes beschäftigt. Und dabei— es war neben Liese Steffens das„fcWfe Ende" noch kommen werde.__ i Grab— dabei stieß er ans ein Häuflein Lumpen. Und als er ....." �* Das Raubzeug Und das kam. Bald schlössen sich die Pforten der Strafanstalt hinter Peter. Und ihre Hausordnung nötigte ihn, die Fertigkeit, die er bei seiner illegalen Winterbeschäftigung erworben HoJwi mochte, weiter zu entwickeln, viel weiter. Allerdings, nicht Kors- scile oder Hasensibleifen, sondvrn Peitschenschnüre gab es hier zu flechten; Peitschenschnüre aus Hanf— sechs Wlonate lang, und von Rechts wegen! Und die Jungen? Nun ihr Urteil lautete in der Haupts«!* «ruf Fürsorgeerziehung. Und in den Urteilsgründen spielten die .mangelnden moralischen und pädagogischen Qualifikationen" der Erziehungsberechtigten Eitern eine Hauptrolle. Weit fort kamen sie, nach dem Schleswigschen. Tie Leute im Gute sagen, daß dabin schon mehr Gutskindcr überwiesen seien, und daß umgekehrt von dort andere wieder therkämem Und die Lente.sagten auch, daß die„Fürsorge" eng mit den Interessen der herrschaftlichen Armenkasse zusammenhängt. weiter nachsah, fanden sich auch noch Knochen hatte seine Arbeit ganz getan.' Wer es sein mochte? Nun, man fragte, man forschte auch ein wenig. Im Gut fehlte nur Peter Stessen. Und die Lumpen- reste sagten: Er ist es! Das schrieb man auf, und dann— dann ließ man den Toten- gröber seinen Fund verscharren.— Liebt- und LuftwrbaltmUe auf dem JVIonde. Unser guter Mand, der so sanft und freundlich über die Dächer schein! oder� bisweilen träumerisch durch die Nebe! lugt, der sollte, Nacht ihr Elend ein Ende. i Mondlandschaft, die neben der Qede auf den eigentümlichen, für Niemand hatte gleich etwas davon gemerkt. Niemand kam"'n vorsiellbarrn Lichr- und Lunserhältntffen beruht, gibt hernach auf den Gedanten. Peter Nachricht zu aeben. iFf.,?"&«tabre, der fceiannte Alioiciiier naturw-fsenschastlicher Still und unscheinbar, wie sie immer oclebt hatte, wurde Liefe! S«hltoerung>-kunst, eine anschauliche Borsiellung. lJ. H. Fabre, auch begraben— als Armenleicke.---- l®,«1 Sternhimmel, dei'-iche Bcarbcuung von Dr. K. Graff. Wieder wurde es danu vollends Herbst. Wieder stieg an i bielen ��eln und �.extbiti-eru. Seilen. Kosmos, den Gestaden des Blankenwatersee die Ncbelfrau herauf. Unv. öranahsche Verlagshandlung, Stuttgart; geb. 4.80 M. wieder brausten die Stürme über das Land und der Regen flog j Dem Beobachter des Mondes fällt eine Tatsache besonders und die Felder wurden leer und öd... auf:d:eseltsameSchärfedcrLichterundSchatten, das aüfsallcnd Grelle der Beleuchtung auf der Mondoberfläche. Unsere vertrautesten Vorstellungen über die Verteilung von Licht und Schatten sind hier zerstört. Bei uns, auf der Erde, läßt sich Peter Steffen saß wieder in seinem ArmenhauSstübchcn. Sein Kopf war weiß geworden, er hielt ihn meist in den Händcn der- graben und brütete stumpf vor sich hin... Die herrschaftliche Arme�asse gewährte ihm seht auch Mehl-»»- Entsernuug viel sicherer ichahcn, da wir die Dinge, ,e nach und Kartossetrationen. Er bracichte aber nur wenig davon. Auch j ihrem Abstände, durch einen dünneren oder dichteren Dunstschleier sonst schien er keinerlei Bedarf mehr zu haben, er verließ nur i schen, und die Abstufungen in der Färbung uns das Urteil über selten da- Hans i den Ab stand eines Gegenstandes erleichtern. Auf dem Monde aber Etliche Wochen vergingen so. vielleicht vier oder fünf. Da siibt es an son»engeschüHt-r Stelle keinen Halbschatten, �wie wir erhielt Peter wieder einmal den Besuch des Amtsdicners. Der war diesmal die personifizierte Licbenswürdgkeit. Er machte Peter allerhand gute Vertröstungen auf Invalidenrente und andere schöne Zukunftsboffnungen. Nebenher aber interessierte er sicb auch an« gelegentlichst für Peters nähere und ferner Verwandtschaft, ind- besoitdere für den Aufenthalt und die Ledensverböltnine von Peters ältestem Sohn, der unlängst vom Militär entlasten worden war. Peter aber erwies sich für all diese behördlichen Wohlwollens- rhu kennen, sondern unmittelbar neben dem grellsten Licht die finsterste Nacht. Von der Erde aus zeigt uns das einfachste Fern- rohr die Mondschatten so tiejschwarz, so scharf abgegrenzt, wie einen Tintenfleck aus dem Papier. Der Mond hat also kein zerstreutes Licht, keine Dämmerung: wenn die Sonne auf- oder untergeht, kommen Tag und Nacht plötzlich, ohne irgendeinen Uebergang; jener mit dem blendenden Glänze seines Lichtes, diese mit der ganzen Tiefe ihrer Finsternis. Zudem ist der Himmel hier niemals blau; bezeugungcn völlig unzugänglich. Dafür schilderte ihn dann der i bei Tage und bei Nacht, in Gegenwart der Sonne wie in ihrer Ab- Bericht, den der gutSobrigkcitliche Säbelträger feinem Vorgesetzten � wesenlwit. ist der Himmelsraum von schauerlicher Dunkelheit, aller- erstattete, auch als einen.durch und durch ven'iockten Menfckwi.. f d'Ngs gemildert von dem Glanz!xr unget�ckt str-chlenden Gestirne. ans .............-.-----------...,,. fallt cm ni tau Last. Hei hctt allein gcnog tau krabbeln!" Und lch-ute», auf die die gespensterhaften'-ehalten ihrer zahllosen schließlich— so sagte der Bericht allerdings gleichfalls in der derberen Krater sollen. .Originallesart— habe Peter noch Gott und alle Welt, den Herrn �. So viel ersehen wir schon jetzt aus dem ganzen Eindruck, den Amtsvorstebcr eingeschlossen, mit der bekannten Einladung Göh wir vom Mond bisher gewonnen haben, dast er wahrscheinlich keine welchem ich in betreff des pp Johann Steffen weiter nichts! Kaum glauben wir uns im Reiche der Wirklichkeit unter diesem -uSbekommen konnte als die Worte: Min oblen lahmen Knaken; schwarzen, sternbesäten Himmel und angesichts dieser Mondland- von Berlichingens, der man gemeiniglich nicht zu folgen pflegt, dedacht. Tie Folge dieses unbotmäßigen Verhaltens war. daß Peter bald darauf ein großes, amtlich gesiegeltes Schreiben erhielt, in dem viel die Rede war von dem in Kiel wohnhasten Werftarbeiter Johann Steffen, und von der„gesetzlichen Verpflichtung desselben zum Ersatz der von der herrschaftlich Blankenwatcrer Gutsarmen- kasse für den Empfänger dieses gemachten Aufwendungen; elnr Verpflichtung, auf deren strilte Erfüllung die herrschaftliche Armen- kassenverwaltung unbedingt bestehen muß, sofern sich Empiänger dieses nicht zur dauernden Ueberfiedelung nach Ersatzpflichtigem bereit findet." und von ähnlichen Sachen.—— Lange starrte Peter auf dies Schreiben, lange auch daneben auf die alte zersprungene Tischplatte. Auf seinen knochigen, un- rasierten Backen brannten runde, rote Flecke, und in seinen Augen schillerte es grünlich. Ten ganzen Tag kam er nicht loS von dein Papier. Erst der Abend mit feinem milden Schleier löste ihn aus diesen Bann. Lufthülle besitzt, wie die Erde. Daraus folgt dann naturgemäß das Fehlen des zerstreuten Lichtes und der Dämmerung, die Schroff. heit der Schatten und der finstere, am Tage sternbesäte Himmel. Zunächst lehrt uns eine sehr einfache Beobachtung des Mondes. daß seine Atmosphäre, falls unser Trabant überhaupt eine solche besitzt, sicher keine Wolkcnbildung zeigt. Eine bestimmte Wirkung unserer Atmosphäre könnte uns auch beim Monde nicht entgehen, nämlich der allmähliche Ueber- gang vom Tage zur Nacht. Von den zuerst oder zuletzt er- leuchtcicn Höhen des Lnfimeercs wird uns das Licht zurückgeworfen und bildet in der Morgen- und Abenddämmerung den Borläufer des Tages oder der Nacht. Ein Beobachter, der die Erdlugel in einiger Entfernung betrachtet, würde sie also nicht durch eine scharf begrenzle Linie in eine dunkle und eine belle Partie geteilt sehen, sondern zwischen der Schatten uiü> Lichtregion eine undeutliche, matt erleuchtete Zone erblicken. Auf der Mondscheibe ist davon nichls zu bemerken. Die dunkke und die erleuchtete Partie werden durch eine scharfe Linie ohne der- mitlelnder. Dämmerschein abgegrenzt. Besitzt also der Mond Mühsam erhob er sich und begann in der dunklen Stube.■ auf und ab zu hinken; zebn, zwanzig und mehr mal. Tann aber zwischen Tag und Nacht keine �.ämmerungszone, so>>t me Schluß- — es mußte längst Schlafenszeit sein— griff er zum Stock und folgerung ganz klar: es gibt dort keine der unsrigen ähnlich,: schlich hinaus; leise, ganz leise, wie ein Dieb in der Nacht.--- Atmosphäre. Es war grimmig kalt. Schnee war in der Luft. Bald begann Aus dem Nichtvorhandensein einer Atmosphäre schließt man not- das Spiel der Flocken. Erst klein und vereinzelt, allmählich aber wendigerweise auch auf das Fehlen des Wassers, denn wenn es größer, immer größer kamen sie, und immer dichter. Dann erhob! große Meere. Seen oder Teiche auf dem Monde gäbe, fände hier sich auch der Wind. Mit scharfen eisigen Stößen jagte er die natürlich, ebenso wie aus der Erde, auch eine Verdunstung statt. weißen Massen vor sich her.! Infolge der ununterbrochenen vierzehntägigen SonncnbejtrahlunK Die ganze Nacht dauerte dies Treiben, auch de» folgenden Tag! müßte die Verdunstung geradezu ins Ungeheure steigen, so daß das noch, und die Nacht darauf. Gestirn von einem dichten Wollen, und Dunstmantel«ingehüllt teürb«. Da aber ein solcher feljlt. Mutz Set Boden überall trocken sein. Weder Wasser noch LuftI In Ermangelung dieser beiden ersten Lebensbedingungen ist der Mond das ausschließliche Reich des rohen Stoffs, vorausgesetzt, daß im Wesen des Weltbaus unabänderliche Gesetze walten, die mit denen der Erde übereinstimmen. Der Mond bildet also eine ewig schweigende Einsamkeit, eine Wüste trauriger Starrheit, wo Pflanze und Tier, wie wir sie kennen, un. möglich ihr Leben fristen können. Der Moosrasen auf dem Granit unserer Berge findet im Nachttau den für seine dürstenden Wurzeln notwendigen Wassertropfen und in den Gasen des Luftmeeres die Nahrung für seine Blätter. Wenn die kräftigste Pflanze des Luft- lbades beraubt wäre und auf ewig trockenen Felsen weiterleben sollte, würde ihr Dasein zur Unmöglichkeit. Was soll man erst von den höheren Pflanzen oder gar vom Tier sagen, deren Leben viel zarter, gebrechlicher ist? Nichts Aehnliches kann sich also auf dem Monde vorfinden. Man kann dies mit um so größerem Rechte behaupten, als sich dem Luft- und Wassermangel des Mondes ein todbringender Wechsel äußerster Temperaturgegensätze hinzu. gesellt. Der Mond braucht ungefähr Zllmgl soviel Zeit als die Erde. um sich einmal um die Achse zu drehen, d. h. um alle Teile seiner Oberfläche der Reihe nach den Sonnenstrahlen darzubieten. Während ISmal 24 Stunden bleibt jede seiner Halbkugeln ununter- brachen unter der Wirkung der Sonnenstrahlen; während ISmal 24 Stunden ist sie in den Schatten der Nacht getaucht. Die Tempe- ratur der 36<1stündigen Mondtage, wo die ununterbrochenen Sonnen- gluten durch keinen Wolkenschleier, keinen Windhauch gemäßigt sind, muß unerträglich sein. Auf den Tag folgt eine Nacht von gleicher Dauer. Die Wärme schwindet rasch und plötzlich, denn hier gibt es keine Atmosphäre, keinen Gasmantel, der den Boden vor dem Erkalten schützen könnte, und die Temperatur sinkt vielleicht bis auf die entsetzliche Kälte des Weltraums herunter. Was würde auf dem Monde aus den irdischen Lebewesen werden, wenn sie dem 4Stägigen jähen Wechsel von Hitze und Kälte ausgesetzt wären? Wenn also der organische Bau der Welt nicht noch ungeahnte Hilss- quellen hat, kann der Mond nichts anderes als eine leblose Wüste darstellen. Etos den 6lanztagen des Zopfes. „Der Zopf, der hängt ihm hinten� Dieser komische Refrain aus ChamisioS.Tragischer Geschichte", der zur Zeit deS Dichters ein freilich schon verblassendes Bild der Wirklichkeit malte, wird nun wohl allmäblich ganz ins Reich des Märchens verwiesen werden müssen, denn die letzte Hochburg des MänncrzopfeS muß sich nun auch dem Ansturm der modernen Zeit ergeben: in China ist ein Gesetz erlassen worden, daS jedem Sohn der Mitte die Erlaubnis gibt, sich den bis beute noch sorgsam gehüteten Kopsschmuck abschneiden zu lasten. Wenn auch der Chinese seinen Zopf verliert, dann ist der völlige Untergang dieser merkwürdigen Zier beim männlichen Geschlecht be- siegelt, und nur noch als leeres Symbol besteht der Zopf fort, der einst einer ganzen Kultur ihren Charakter verliehen, der einen be- sonderen Stil in Kunst und Lebensiorm ausgeprägt und erst vor einem Jahrhundert bei uns gefallen ist. wie er jetzt in China fällt. Der Frauenzops ist uralt und ward schon bei den alten Ger- maninnen als schönste Zierde der Jungfrau geflochten. Bei den Männern erscheint er— in nnsereni Kullurkreise— erst im drei- zehnten Jahrhundert in den Tagen de» MnnesangS, da die ab- göttische Verehrung der Frau einen frauenhaften Zug mit sich brachte. Schon früher hatten sich Fürsten, die auf eine schöne Frisur hielten, das lange Haar zum Zopf binden lasten. Da« erste Beispiel eines solchen Männerzopfes finden wir auf dem Brustbild de« Frankenkönigs Childerich, der aus seinem Siegelring mit zu beiden Seiten des Kopfes herabhängenden Zöpfen dargestellt ist. Im drei- zehnten und vierzehnten Jahrhunderl wird diese Frisur mehr und mehr Mode. Während der Zopf früher an den Schläfen lang herab siel, baumelt er jetzt im Nacken. Die Limburger Chronik bemerkt zum Jahre 1367, daß ein Graf Johann von Diez„ein schlecht bar mit einem langen Zippen" trug,„als gewohnlichen zu der zil was". Und dieselbe Chronik registriert unterm Jahre 1336:.Da auch fing es an, daß man mcht mehr die Haarlocken und Zöpfe trug, sondern die Herren, Ritter und Knechte trugen gekürte sgekürzte) Haar« oder Krullen, gleichwie die ConverSbrüder, über die Ohren abgeschnitten. Da dies die gemeinen Leute sahen, thaten sie es auch."-Die Zopf« mode war also im 14. Jahrhundert in allen Ständen verbreitet gewesen. Nun wich sie, wie eS nun einmal daS Kontrastgeietz der Mode verlangt, einer Tracht, die die Köpfe vom Genick bis über die Ohren ganz kahl schor. Welches Ansehen die Zopftracht in der angehenden Ritterzeit besaß, wird am besten durch die Z o p f g e i e l l s ch a f t er- wiesen, die Herzog Albrccht III. von Oesterreich, wahrscheinlich nach seiner Preußensabrt gründete. Dem Herzog gab. wie Georg von Ehingen erzählt, eine schöne Frau ihren langen Zopf, den sie sich für ihn abgeschnitten, alS LiebeSptond zum Scheiden;.also machte er derselbigen schönen Dame zu Ehren eine ritterliche Gesell- schaft daraus". Die Mitglieder dieser edlen Kumpanei trugen den Zopf entweder bloß um den Hals ges-blungen, oder in einem silbergetriebenen Futterale, das vom Nacken weit über Lerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Druck u. Verlag: die Rüstung bis zu den Knien herabsiel. Unter den bei Sempach gefallenen Rittern waren diese bezopften Herren besonders zahlreich. Die Zeiten der chaotischen Gärung und der grobianischen Un- gebundenheit im Ib. und 16. Jahrhundert wußten mit einer torgfältigen Frisur nichts anzufangen. Erst im 17. Jahr- hundert erscheint die Zopffrisur wieder in Deutschland, diesmal als Nachahmung einer französischen Mode. In den aus- gelassenen Kreisen der Fronde war es Mode geworden, eine lange Locke an der linken Schläfenseite stehen zu lasten, die dann in einen Zopf gepflochten, am Ende mit einem farbigen Band gefesselt wurde und über die Brust herabhing. Diese sogenannten.Cadenettes" galten für die eleganteste Neuheit, die sich deutsche alamodische Stutzer nach dem 30jährigen Krieg zulegten. Im 13. Jahrhundert tauchten die.Cadenelles" wieder auf, diesmal als eine einzelne Erscheinung der großen Perückenmode, die daö Rokoko überflutete. Die ungeheuren über den Nacken fließenden Haarmassen, die man sich damals auf den Kops stülpte, mußten bei allen praktischen Berufen als lästig empfunden werden. Besonders war die Mode den Soldaten unbequem, und so pflegten sie denn außerhalb der Dienststunden ihre Nackenmähnen nach hinten zu streichen und in einer Bandschleife zusammenzubinden. Dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. war aber überhaupt diese ganze .weibische Aefferei" der langen Haare ein Dorn im Auge, und da selbst sein Autokratentum nicht mächtig genug war, um die fronzöfi« schen Perückenregeln ganz zu brechen, so befohl er, alle nach hinten gekämmten Haare von oben bis unten fest in eine Art Schwanz zu- iammenzukleben und dicht mit Band zu umwickeln. Der steife Zopf war geboren, der bald zum Symbol militärischer Ordnung und preußischer Zuckt wurde. Grade mußte der Zopf sein und steif' wer von Natur krauses Haar hatte, wickelte Blei hinein. Der Zopf war eines der wichtigsten Elemente der ganzen„Gamaschendrestur". Gestrenge Generale hatten stets daS Normalmaß in der Tasche, um beim Abichreilen der Front die Zöpfe aus ihre Länge, Dicke, Grobheit, Abstand vom Kopf usw. zu untersuchen. Rückte daS Regiment früh zum Exerzieren aus, so begann das Frisieren schon am Abend, und die, deren kunstvolles Gebäude bereits aufgeführt war, mußten die ganze Nacht aufsitzen, die Stirn aus die Arme gelegt, um das Kunst« iverk nicht zu zerstören. Die einzige Extravaganz, die den Offizieren gestattet war, war die Länge des Zopibandes. Wer lang hatte, ließ lang hängen, und mancher Kapitän schleppte 76—30 Ellen Band hinter sich her. Von der Armee aus drang der Zopf in die bürgerliche Welt. Die Naturschwärmerei der Rousseauzeit, der Sturm und Drang der Genieperiode beginnen zu Anfang der 86 er Jahre des 18. Jahr- Hunderts den ersten Sturmlauf gegen den Zopfl In Frankreich fegt ihn die Revolution völlig hinweg, aber Friedrich Wilhelm IH. und seinen Hof durchfährt ein„eisiger Schreck", als der französische Ge- sandte Sieyös im weißen Saal bei der Huldigungsfeier als einziger Unbezopfter erscheint. Erst mit der Niederlage der altpreußiichen Soldatenherrlichkeit bei Jena schneidet Friedrich Wilhelm HI. seinen Zopf ab, dieS nunmehr verhaßte Symbol der alten Zeit, und wider« willig murrend fügen sich die königlichen Prinzen dem Vorbild, durch ein Handschreiben dazu gezwungen. Jean Paul jammert über die .häßliche Nacktheit" der Kopse, und mancher bewahrt sich gar den Zopf als liebes Andenken der Vergangenheit noch nach dem Wiener Kongreß, versteckt ihn schüchtern unter der Halsbinde und nimmt ihn mit ins Grab. Erst als die Generation deS 18. Jahrhundert« völlig ausgestorben war. da waren auch mit dem Sieg der neuen Zeit die Tage des Zopfes für immer dahin. kleines f euületon- Geographisches. Die Schwankungen der Alpengletscher. Die an den Gletschern in allen Erdgegenden im Laufe der Jahre beob- achteten Schwankungen gehören zu den stärksten Beweisen dafür, daß die klimatischen Verhältnisie gleichfalls Veränderungen initerliegen, und es ist auch möglich gewesen, gewisie Gesetze für diesen Wechsel zu finden. In den Gletichern kommt er jedenfalls am stärksten zum Ausdruck. Auf jedermann mutz ein Besuch zum Beispiel am Rhone» gletscher einen tiefen Eindruck machen, nicht nur wegen deS herrlichen Anblicks de« heutigen Gletschersturzes, sondern auch wegen der offen- sichtlichen Talsache, daß sich dieser Gletscher in einer verhältnismäßig kurzen Zeit um mehrere Kilometer zurückgezogen hat. So auffällig ist die Schwankung des Gleiichereife» nickt überall, und zu ihrer genauen Feststellung sind sorgfältige wissenschaftltche Beobachtungen notwendig In dem großen Handbuch für Gletscherkunde von Prof. Heß find solche Mcsiungen bereits an 46 Gletichern der mittleren und östlichen Alpen verzeichnet, wie denn überhaupt diese Forschungen in den Alpen am besten und planmäßigsten ausgeführt worden sind. Fast alle Ermittelungen befunden einen starken Rückzug der Gletscher. Am Silvretta betrug dieser in etwa 36 Jahren 666 Meter, rmd der Verlust an Eismasse ist auf über 46 Millionen Kubikmeter berechnet worden. Der Oberiulzbachgletscher am Venrdtger ist in 12 Jahren »m 156 Meter zurückgegangen, und nach Schätzungen bat er seit 1856 gegen 126 Millionen Kubikmeter entfällt. DaS berühmt«.Eis» mcer" im Massiv des Moni Blanc ist seit 1850 an verschiedenen Stellen um 56 bis 75 Meter gesunken.______ korwäctsBuchdruckerei u.Perlagsanjtalt Paul SingerchCo-, Berlin L�V.