Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 24:5. Dienstag den 19. Dezember. 1911 lZIechdruik ticrbsten.) 283 Die Guten von Gutenburg. Von Hermann Kurz. So kam der Erhard auch in die Mühle. Schon seit längerer Zeit erzählten sie sich in Gutenburg, dort bete man die Morgengebete so laut, daß man's kilometerweit hallen und schallen höre. Die Müllerleute sagten aber, dies sei eine Lüge und die geschwollenen Köpfe kämen vom Luftzug, der so scharf um die Mühle gehe. Die Frau besonders beteuerte immer ihre feine Bildung. War sie doch in einer„Pension" im Welschen gewesen, und wer's nicht glaube, könne ihr usw. Die Gesellen aber, die jedesmal mit dem Monde ihre Gesichter wechselten, meinten, das Weib sei der Teufel. Einer sagte zwar, wenn der Müller, der kein armer Teufel sei, sondern ein Esel, einmal kurzen Prozeß machen und beweisen würde, daß nicht die Frau der Mann ihres Gatten wär'. dann hätte er Ruhe. Da auch der Erhard diese Redensarten kannte, und der Müller ein Freund des alten Bürgermeisters war, und deshalb für den eintrat und gegen den Schlüsselwirt wetterte, wachte sich der seinen eigenen Vers aus dem Gerede. Ter Erhard wartete einen guten Wind ab, und als eines Sonntag- abends die beiden Miillerburschen im Schlüssel geradezu anarchistisch über ihren Meister, das heißt die Müllerin, rede- ten, beschloß er am Montag sein Heil zu versuchen. Am Montag, als der Schlüsselwirt zur Mühle kam, hörte er schon von weitem Hallo und Krakeel als Grützgott.„Aha", dachte er und lief wie ein Hase, um ja noch die Sternschnuppen zu sehen, wenn's an das Hauen kam. Und als er in die Stube trat, da kam er gerade recht, um hören und sehen zu können, wie der eine Miillerknecht von seiner Meisterin eine auf das Mundwerk bekam. Der Bursche schlug wieder, und da sich der Müller und der zweite Gehilfe dreinmengten, ging's wie Jnsanterieschnellfeuer, klatsch- klatsch-klatsch. Der Erhard ergötzte sich an dem Familienbild und überlegte, welcher Teil wohl am schlimmsten wegkäme. Und während er so dastand, wälzten sich die vier Leute in trautem Berein näher heran, und als der Erhard aus- weichen wollte, stand er mit dem Rücken an der Wand und be- kam als treuer Genosse und fünfter im Blinde gleiche Münze links und rechts und rechts und links. Da der Erhard kein schwacher Mann war, teilte er wieder aus, was er bekam, und versuchte sich Luft zu machen. Dazu schrie er wie ein Löwe. Da fuhren die Kämpfer auseinander und schauten verwundert auf den Ehrhard. Der hob seinen Hut vom Boden auf und wollte eben Grützgott sagen, als die Müllerin sich auf einen Stuhl setzte uild nach dem Doktor schrie. Die zarte Frau litt an Herz- krämpfen, und der Doktor behauptete, diese kämen ihrem Temperament nicht zustatten. Dieweil die Frau schrie, stand der Erhard platt da und machte Augen wie ein Frosch, der von einem Auto überfahren wurde. Der Müller aber redete seinen Burschen ins Ge- wissen und erklärte„schicht". Und der eine Bursche las vom Boden unverzagt sein zerschlagenes falsches Gebitz zusammen, von dem sich jeder Zahn der eigenen Freiheit erfreute. Der andere Bursche aber hielt seinem Meister Widerpart im Dia- log und legte dem auseinander, datz er schon weit in der Welt herumgekommen sei, aber so was noch nie erlebt habe. Tnzu schrie die Frau nach dem Tvktor und der zahnsuchende Bursche hing in tiefer Wehmut seiner eigenen Betrachtung nach, rechnete aus. wieviel diese Entladung von vierwockienlang oufgespeick>ertew Groll koste an barem Geld, autzei der zeit- weiligen Einbuße an Schönheit. Die Frau aber schien eine Heidenangst zu haben. Auch schienen ihre Schmerzen nicht klein zu sein. Dafür schrie sie' aber mit der Energie eines Phonggraphen, der eine Feder von zehn Pferdekräften hat, unvermindert nach dem Doktor. Es schien, dem Müller ginge die Sehnsucht, die sich m solchen Tönen kundgab nach einem anderen Mann, zu weit. Er fuhr die Frau ungeduldig au: „So sei doch endlich still, die Magd ist ja schon lange zum Doktor gelaufen l", Und als der Müllcrbnrfche seinen letzten Zahn bei den übrigen in der Hosentasche vewruigt und der Müller's'ch bis-' ins reine auseinandergesetzt hatte und wieder zusammen, kam der Doktor. Die Frau gefies ihm auf den ersten Blick nicht am besten. Rasch holte er seine Spritze aus der Tasche und sog Kampfer» öl darein auf. Dazu schaute er sich im Zimmer um und meinte ganz gemütlich: „Wer nichts zu tun hat außer dem Müller hier, soll machen, daß er rauskommt!" „�aupreuß!" murmelte der Erhard und drückte sich. Aber draußen setzte er sich auf die Bank und wartete. Er wollte das Feld doch noch behaupten. So rasch schießen die Preußen auch nicht in Gutenburg, dachte er. Und zudem war hier ein Fressen für gute Freunde. Hier konnte er sich im rechten Lichte zeigen und einen guten Freund gewinnen. Drin aber in der Stube stand eS um die Frau nicht gerade am besten. Sie war jetzt ganz stille geworden, und da sie den Doktor nicht von ihrer„Pension" überzeugen wollte, fürchtete er das schlimmste. Die Mägde brachten die Frau ins Bett, und der Doktor verordnete, was er für das beste hielt. Als er draußen den Erhard sitzen sah, ging er ohne zu grüßen weg. Denn er konnte den Wirt nicht ausstehen. Der Erhard drosch da mit dem Müller dos Stroh der Freundschaft und versicherte ihn seines Schweigens. Und dann legte er ganz sachte seine eigene Geistesgröße dem Müller an das Herz, sowie die Vorzüge der alleinseligmachenden Partei. Und der Müller begriff nun zur Genüge, datz er am Messer stecke, und fraß die aufgewärmte Suppe der Freund- schaft mit zugekniffenen Augen und sauersüßem Gesicht in sich hinein. So wurde auch dieser Wackere als rüstiger Sturm- gänger dem schwarzen Chor frömmelnder Stinimviecher ein- verleibt mit Haut und Haar und Schwartenmagen. Drin aber lag die Müllerin ganz stille. Und als sie nach- mittags immer noch so stille dalag, ging die Magd sachte an das Bett. Dann schrie sie auf, rannte hinaus und jammerte: „Herrje, die Frau ist kalt wie Eis!" Durch Kämpfe mit Fackelzug und Ohrfeigen zur V ü r g e r m e i st e r w a h l. Der Polizeidiencr, der jedesmal seine Macht von ferne übte, sobald es gefährlich wurde, und der nur die lahm oder gar tot Geschlagenen arretierte, kam am Abend in das Wald» hüterhaus. Mit militärischer Würze und Kürze, bewußt seines Wertes, übergab er dem Findling eine Amtsvorladung. Dann machte er kehrt und zag ab, nur sein Schatten, das heißt ein Dunst von Hesenschuaps. verblieb noch eine Weile. Der Findling war zur vorgeschriebenen Zeit im Neben- städtchen auf dem Amte. Der Amtmann ließ ihn sofort bei sich eintreten. Einige andere Herren waren noch im Amts- zimmer, und alle schauten neugierig auf den Findling, unge- fähr mit dem Ausdruck im Gesicht, der sich zeigt, wenn man einem recht absonderlichen Tier gegenübersteht. Der Amt- mann knisterte mit einem Bündel Papiere, dann zog er eineS heraus und verlas des schon längst verstorbenen Altenberger Herrn Vermächtnis, soweit dieses den Findling anging. Zuerst war der Findling verwundert, und dann war er verwirrt, und am Ende wußte er überhaupt nicht mehr, wie ihm geschah. Auf Verlangen des Amtmanns unterschrieb er ein Papier und ließ sich die Hand schütteln und drücken und gratulieren. Dann ging er benommen weg. Wenn er richtig gebort hatte, war der Meierhos jetzt sein Eigentum. Der Mcierhof, der schönste Hof um Gutenburg herum. Der Lächenfritz, seiner Liebsten schwerreicher Groß- vater, hatte bis er starb den Hof vom Altenberger Herrn ge- pachtet gehabt. Und sagten nicht alle Lerche, der Lächenfritz hätte als armer Knecht angesangen, mit dem bekannten Taschentuch, in dem seine Habe eingewickelt war? Der Meierhof war mm ihm, dem armselige« Findling, dem sie den Namen Uirbekannt gegeben. Aber was hatte der Amtmann noch verlesen? So lange sollte dieser Hof dem Findling zum Eigentum sein, solange der für sich selbst bestehen könne und niemand zu lieb oder unrcckst täte. Hatte da der Amtmann nickst zu gefügt:„Aber darüber lassen Sie sich keine grauen Kaare lvachsen, das ist eine Schrulle des alten Herrn, weiter nichts, hat keinen rechtlichen Boden, absolut nicht, der Hof ist'Dhnen und bleibt Ihnen,.und damit basta!" ■Bi Das war ja richtig. Wer wollte ihm sagen:„Jetzt ist der Hof verloren?" Wer? Gar niemand, dummes Zeug! Und was hatte der Fremde olles gesagt, und warum hatte dessen Freund den Hof vermach!? Nur darum, weil sie die Hoffnung hatten, ein rechter Mensch würde recht tun. Und wo waren die Lichter, die der Fremde im Gemüte des armseligen Knaben angesteckt hatte, und wohin fielen die Schatten dieser Lichter? Wer also könnte aussagen gegen dich, wenn du einmal nicht nach dem Rechte tätest, Findling? Hatte dies der Altenberger Herr oder der Fremde gesagt? Nein, das Gewissen hatte dieses gefragt. Und da wußte der Findling, daß er tun würde und tun mußte, was er für recht hielt, und daß er, wenn er dieses der- säumte, hintreten würde und sagen:„Nimm alles, was Du mir gabst, ich habe nicht recht getan!" Denn die Stimme sprach, die sein verstorbener Lehrer, der Fremde, in ihm ge- weckt hatte, die Stimme des Rechts, nach der das Gewissen zur Plage und Pein erwacht und ruhelos macht. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht von des Findlings Glück, und mit diesem Lauffeuer wuchsen auch des Burschen Tugenden. Und die Liebe, die jedermann zu dem reichen Findling hegte, wurde geradezu beängstigend. Darum sagte der Seppetoni in seiner tief ergründenden Sprache: „Das ist allemal so und nichts darüber zu sagen, und jeder von uns weiß, daß die Kuh auf der Weide gerade die Matte am besten mistet, von der sie am besten frißt, vor lauter Liebe natürlich." Der Findling aber wurde seit jenem Tage selten mehr geseh'n. Auch im Schlüssel fand man ihn nicht. Und früher war er doch jeden Abend dort gesessen. Die Madlen war da- für noch hochmütiger als sonst. Alles das fanden die Mädchen heraus, die ungefähr alt genug zu einer guten Partie— wie man das reiche Heiraten in Gutenburg nannte— waren. „Man hätte glauben können, dort käme jetzt nichts so rasch, wie das Heiraten der beiden, und jetzt scheint's aus zu sein." Diese mehr boshafte als wehmütig gemeinte Rechnung stellten wiederum mehr voni zarten, als vom starken Ge° schlechte. Aber daß die Madlen nachts ganz jämmerlich weinte und heulte, wußte niemand von den bösen Mäulern. Und das war ganz gut, denn die Freude wäre sonst noch viel größer gewesen. Nur die Freundin der Madlen, der Liest ihre Tochter, aß diese Suppe nicht so heiß wie die anderen Leute. Und als der armen Madlen ein Herzstößlein nach den? anderen das Leben schwer machte, nahni die Freundin sie in die Arme, und da ging dann der Platzregen los wie ein Wolkenbruch. Und als der Himmel wieder blau war, wenn's im Herzlein auch noch dunkelte, da sagte die Freundin: „Sei nur ruhig, Madlen, er kommt schon wieder!" Wie die Hoffnung da aus der Madlen Augen aufleuchtete! Aber die Liebe sieht in solchen Fällen immer trübe und düster, darum fragte die verliebte Maid ängstlich: „Ja, und wenn er aber nicht kommt?" Da machte die Freundin ein ernstes Gesicht, aber der Schalk saß ihr im Gemüte. Sie wiegte den Kopf bedächtig hin und her und sagte langsam und wichtig: „Ja dann— ja dann— ja, wenn er nicht kommt, ja weißt Du, was wir dann machen? Dann gehen halt wir zu ihm." Und sie küßte die Madien flüchtig und brachte mit ihren Neckereien zum mindesten ein kleines bißchen Sonnenschein zustande, das ungefähr soviel Licht hatte, wie ein Kerzen- stümplein, das jeden Augenblick abschnappen will. (Fortsetzung folgt.) I�atunvillensekaftlkke Biicbcrfcbau. Die wichtigste Erjchcinung auf dem diesjährigen naturwisscn- schaftlichen Büchcrnrarkt ist zweifellos die Neuauflage von Brehms Tierleben. Bereits bei Ausgabe des ersten, die Strauße, Tauchvögel, Pinguine, Sturmvögel, Itörche, Gänse und Raubvögel behandelnden Bandes haben wir an dieser Stelle eine eingehende Würdigung des ganzen Unternehmens gegeben. Im zwischen sind nun noch zwei weitere Bände der Abteilung„Bügel" erschienen, die unsere damaligen lebendigen Ausführungen durchaus rechtfertigen. Auch diese Bände, welche die Steißhühner. Hühner- Vögel, Kraniche, Rcgenpfcifervögel und Kuckucke sowie Papageien und Raubvögel umfassen, find aus Grund der von dem leider zu früh verstorbenen William Werf ha 11 hinterlassenen Manuskripte von Friedrich Hempelmann und Otto zun Straßen neubsarbeitet. Wie schon aus der Aufzählung des In- Haltes hervorgeht, ist entsprechend den Fortschritten unserer For- schung in den letzten Dezennien, seit Herausgabe der vorigen Auf- läge der systematische Aufbau ein gänzlich anderer geworden. Auch sonst zeigen diese Bände tiefgreifende Durcharbeitung und sorg- fältige Berücksichtigung aller neuer Ergebnisse. So finden wir auch zahlreiche neue Arten ausgenommen, über die der alte Brehm nur unzulängliche oder auch gar keine Angaben enthält. Das zeigt sich z. B. gleich bei der Familie der W a l l n i st e r, die die durch ihre einzigartige Brutpflege so interessanten Grotzfußhühner, Buschhühner, Hammerhühner usw. umfaßt. Diese- Tiere haben sich nämlich von der lästigen Pflicht des Brütens emanzi- piert. Sie verscharren ihre Eier in großem selbst aufgeworfenen Komposthaufen und überlassen das Ausbrüten der sich in den Haufen bildenden Gärungswärme. In neuerer Zeit sind wir über die Lebensgewohnheiten der Wallnister, besonders durch die ein- gehenden Beobachtungen Le Souefs sehr genau unterrichtet. Doch das ist nur ein Beispiel, dem sich zahlreiche andere an die Seite stellen ließen, Die zum großen Teil ganz prächtigen Abbildungen dieses Bandes sind zur überwiegenden Zahl von Wilhelm Kuhnert auf Grund jahrelanger sorgfältiger Studien in freier Natur, zoo- logischen Gärten und eigens zu diesem Zweck Unternommeiren, Ex- peditionen gemalt. Außerdem finden wir gut beobachtete Tafeln von W. Hcubach, Kretschmer u. a. Auch die Naturphotographie hat zahlreiche schöne und instruktive Aufnahmen geliefert. Ich möchte hier nur die schönen Aufnahmen eines SchimmcrkolibriS, vom Wiedehopf, verschiedener Fasanen und Hühnerarten oder von Brut- kolonicn von Lummen und anderen Wasservögeln hervorheben. Daneben sind allerdings auch manche der alten Mützelschen, Specht- scheu usw. Holzschnitte übernommen, die aus dem Rahmen des übrigen Abbildungsmaterials etwas herausfallen. Dem einzelnen wird leider der hohe Preis— das auf 13 Bände angelegte Werk wird komplett, in Halbleder gebunden, 156 M. kosten— die Anschaffung verbieten, aber wenigstens sollte der neue Brehm in keiner Arbeitcrbibliothek fehlen, denn er ist ein Volksbuch im besten, und höchsten Sinne des Wortes. Als eine wertvolle Ergänzung zum Brehm ist 1S1Y von Richard Hesse und F r a n z D e f l e i n ein auf zwei Lexikon- bände berechnetes Werk„Tierbau und Tierleben" erschie- nen. Der erste von Hesse bearbeitete Band hat den..Tierkörper als selbständigen Organismus" zum Inhalt. Durch zahlreiche instruk- tive Zeichnungen und Abbildungen erläuiert, werden zuerst die allgemeinen Kriterien des Lebens und die Lebensbedingungen be- handelt. Dann folgt eine kurze Einführung in die Abstammungs-- lehre. Weiterhin wird die„Statistik und Mechanik des Tierkörpers"» „Der Stoffwechsel und seine Organe", die Erscheinungen der„Fort- Pflanzung und Vererbung" und„Nervensystem und Sinnesorgane" behandelt. Den Beschluß des ersten Bandes bilden sehr inter- essante Ausführungen über die Arbeitsteilung im Tierkörper, die Bindung der Teile zum Gangen und die Anpassung der Teile an- einander. Der zweite von Deflein bearbeitete Band, der hoffentlich nicht mehr zu lange auf sich warten läßt, soll das Verhalten der Tiere zueinander und ihre Stellung in der umgebenden Natur zum Thema haben. Wenn man das Buch auch nicht in dem geläufigen Sinne als populär bezeichnen kann, und wenn es auch nicht immer eine leichte Lektüre ist, so kann es doch jeder, dank seiner sehr klaren und ausführlichen Darstellungsweise, mit einiger Aufmerksamkeit verstehen. Jedenfalls lohnt sich die auf das Studium verwandte Mühe, denn der Wissensstoff, den dieser Band bewältigt, ist gerade- zu erstaunlich. Man glaubt es dem Verfasser gerne, daß i» diesen Blättern die Frucht einer siebenjährigen, intensiven Arbeit steckt. Leider steht auch hier wieder der hohe Preis von 20 M. für den Band einer weiten und allgemeinen Verbreitung entgegen. Auch von dem im Verlage von R. Voigtländer in Leipzig herauskommenden Werke„Lebensbilder aus der Tier- w e l t", herausgegeben von H. M e e r w a r t h, ist soeben wieder ein neuer Band der Abteilung„Vögel" erschienene Was diesem Werke für den Naturfreund und Forscher einen ganz eigenartigen Reiz verleiht, ist die einzigartige Jllustrierung, die ausschließlich auf Grund photographischer Naturaufnahmen hergestellt ist. Hier zeigt es sich so recht deutlich, welche gewaltigen Fortschritte die „Jagd mit der Camera" in den letzten Jahren gemacbt hat. Hier lernt man die Tiere wirklich kennen in ihrem natürlichen Gebaren in freier Landschaft. Diese Abbildungen sind Natururkunden im höchsten Sinne des Wortes, deren Wert von Jahr zu Jahr steigt, je mehr viele der aus die pbotographische Platte gebannten Arten der menschlichen Kultur weichen müssen. Wir beobachten hier auf zahlreichen Bildern, wie der Fischadler oder Goldadler sein Nest baut, für die heranwachsende Brut sorgt, sich im übermütigen Spiel mit seinen Artgenossen in der Luft tummelt. Wir belauschen das Brutgeschäst von Reihern. Tauben, Eulen und Singvögeln, sehen die jungen, eben ausgeschlüpften Tiere ihre hungrigen Hälse empor- recken. Eine andere Bildcrserie gibt uns Einblick in das Leben und Treiben der verschiedensten Mövenarten aus unmttelbarcr Nähe beobachten wir die elterliche Fürsorge des scheuen Würgers; so zieht vom Kolibri bis zum gemeinen Sperling, vom wohlbekannten Storch bis zum seltenen Schwarzhalstaucher ein gutes Stück Vogel- leben in bunten Bildern an unserem staunenden Auge vorüber Einige Bilder zeigen auch den Phtographen selbst Sei der Arbeit, wie er in schwindelnder Höhe auf schwanker Baumkrone die Jagdbeute für seine Camera beschleicht. Doch es ist nicht möglich, der reichen Fülle des Inhaltes auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Erwähnen mochte ich nur. daß auch die textlichen Aus- führungen von H. Lohns, M. Braeß, E. Soffel und anderen von feiner und liebevoller Naturbeobachtung zeugen; einen zu streng .wissenschaftlichen Maßstab wird man ja hier, wo das Schwergewicht so durchaus auf den Abbildungen ruht, nicht anlegen. Auf eine systematische Anordnung mußte naturgemäß, sollte das Prinzip der Naturaufnahmen nicht durchbrochen werden, verzichtet werden. Der Preis des Bandes(geh. 12 M., geb. 14 M.) ist, in Anbetracht des Gebotenen, niedrig zu ne-nnen. Doch auch für den Weihnachtstisch hat dieses Jahr dem Natur» freunde wieder eine ganze Anzahl prächtiger Sachen beschert. Für den billigen Preis von 3,00 M. hat Francs in dem Verlage von Ullstein u. Co. unter dem Titel die„Welt der Pflanze" eine mit vielen Abbildungen gezierte volkstümliche Botanik heraus- gegeben. Wenn einen einerseits der prächtige, anschauliche Stil der Darstellung gefangen nimmt, so beeinträchtigt leider der etwas einseitige psychovitalistische Standpunkt des Verfassers den Genuß. Immerhin kann man das Buch empfehlen, nur ist bei den theo- retischen Ausführungen des Werkes einige Kritik geboten. Vor allen Dingen muß hervorgehoben werden, daß Frances Auffassung von dem„Seelenleben" der Pflanzen von den meisten Biologen nicht geteilt wird. Gerade die neuesten Forschungen auf dem Ge- biete der Tierpsychologie haben gezeigt, daß man auch den Tieren im allgemeinen mit Unrecht viel zu höhe seelische Fähigkeiten zu- gesprochen hat. Manche oft recht komplizierte und scheinbar sorg- fältige Ueberlegung vorausfetzende Handlungen niederer Tiere lassen sich als einfache physikalisch-chemische Reaktionen auf be° stimmte äußere Reize erweisen. Wer sich mit den neuesten For- schungen auf diesem Gebiete vertraut machen will, sei auf das im Verlage von Th. Thomas erschienene kleine Werk von G. Bohn „Die Entstehung des Denkvermögens" hingewiesen (Preis 2,00 M.), das eine sehr gute Einführung in das Gebiet der Tierpsychologie bietet. Ein reizend ausgestattetes und auch inhaltlich sehr glückliches botanisches Werk brachte unlängst der Verlag von Quelle u. Meyer heraus: Georg Worgitzkis„Lebensfragen aus der heimischen Pflanzenwelt". Unter den Haupttiteln „FrühlingSzauber",„Aus des Sommers Fülle" und„Herbst- ftimmung" werden in anziehender, leichtverständlicher Sprache eine Anzahl wichtiger botanischer Probleme erörtert und dem Leser nahegebracht. Die Ausstattung des Werkes verdient uneingeschränktes Lob.(Preis 7,20 Mk.) In dem gleichen Verlag sind ferner in der von K. Höller und G. Ulmer herausgegebenen„Na- turwissenschaftlichen Bibliothek" mehrere recht empfehlenswerte Bücher erschienen. Ich nenne hier nur das hübsche Büchlein von Prof. Alwin Voigt:„Unsere Singvögel", das als erste Einführung vielen von Nutzen sein kann, und ferner eine von E. R e u ka u f verfaßte kurze Anleitung zum Studium der„mikro- fkopischen Kleinwelt unserer Gewässer". Generell möchte ich hier auch noch gleich auf die Veröffentlichungen der Deutschen naturwissenschaftlichen Gesellschaft hinweisen, die auch in diesem Jahre zu sehr geringen Preisen verschiedene sehr empfehlenswerte Schriften und Bücher herausgebracht hat. Als letzt« Veröffentlichung sei hier hervorgehoben Geheimrat Wilhelm (0 st Wald„D i e Mühle des Leben s". In vorbildlich klarer Sprache behandelt hier der berühmte Leipziger Chemiker die phy- siialisch-chemischen Grundlagen der Lebensvorgänge.(Preis 1,00 Mark.) Ebenfalls sei hier auf die von France redigierte, von der D. N.-G. herausgegebene„Natur-Bibliothek" hingewiesen, die für den geringen Preis von 0,25 M. für die Nummer gediegene Aus- gaben berühmter älterer naturwissenschaftlicher Werke bringt. So sind im Rahmen der Sammlung bisher z. B. erschienen: Hum- boldt„Kosmos", Rotzmäßler„Süßwasseraquarium", ferner von dem gleichen Verfasser die„Flora im Winterkleide", Berlepsch„Die Alpen in Natur und Lebensbildern" und viele andere mehr. Den Schmetterlingssammlern wird Berges„Kleines Schmetter- kingsbuch für Knaben" in der Bearbeitung von Professor Dr. H. Rebel(Preis 5,40 M.) willkommen sein. Die sauber ausgeführten Abbildungen und der zuverlässige Text machen daS Buch sehr brauchbar. In ferne Zonen, in die Wunderwelt Ceylons, führt uns ein kleines, soeben im Verlage von Wilhelm Engelmann erschienenes Werk des bekannten Freiburger Zoologen Konrad Günther „Einführung in die Tropenwelt", das jedem Natur- freunde empfohlen werden kann.(Preis geb. 4,80 M.) Es ist «ine Freude, unter so sachkundiger Leitung diese Reise mitzu« machen und in buntem Wechsel die tropischen Landschaftsbilder mit ihren eigenartigen Bewohnern und ihrer fremden Tierwelt an dem geistigen Auge vorüberziehen sehen zu lassen. Man wird daS Büchlein nicht ohne reiche Anregung aus der Hand legen. Auch dieses Werkchen ist mit zahlreichen Photographien geschmückt. Für unsere Kleinen ist warm die vom Verlage H. GeseniuS in Halle herausgegebene Sammlung„Kinderaugen in der Natu r" zu empfehlen. Vor uns liegen drei der schmucken, mit hübschen Bildtafeln gezierten Heftchen:„Aus dem Leben der In- -sekten",„Aus dem Loben unserer Vögel" und„Bäume und Sträucher". Dem Blumenfreunde hat dieses Jahr die dritte der- besserte Auflage von Max HeSdörffsr»»Anleitung zur Blumenpflege im Hause" beschert.(Verlag P. Paretz. Preis 4,00 M.) HeSdörffer versteht eS, wirklich praktische und be- folgbare Anweisungen zu erteilen, auf Grund deren jeder seine Pfleglinge sachgemäß und erfolgversprechend behandeln kann. Durch zahlreiche schöne Abbildungen bereichert, wird diese neue Auflage sich rasch zahlreiche weitere Freunde erwerben. Den Aquarienfreund und Fischzüchter möchte ich gleich noch auf Brüning„I ch t h y o l o g i s ch e s Handlexikon" aufmerksam machen. Das kleine Büchlein gibt in alphatbethischer Anordnung eine nahezu vollständige Aufzählung aller in Betracht kommender Aquarienfische nebst einer knappen Beschreibung. Außerdem wird das Bestimmen durch zahlreiche, zum großen Teil photographischs Abbildungen sehr erleichert. Ein sehr empfehlenswertes Büchlein. (Verlag I. I. Weber, Preis 2,50 M.) Auch das Gebiet des Tierromans hat in diesem Jahr durch di« Herausgabe der zweiten Auflage eines anziehenden kleinen WerkeS „Herrn Grillens Taten und Fahrten zu Wasser und zu Land", den» Französischen des Dr. Ernest C a n d e S nacherzählt von Prof. Dr. William Marshall, eine wertvolle Bereicherung erfahren. T. Zcnfurbliitcn» Die schönsten Leistungen auf dem Gebiete der Theaterzensur hat wohl Oesterreich aufzuweisen. Da Wien frühzeitig eine der größten Theaterstädte wurde, darf man sich nicht wundern, daß schoii in der Mitte des 18. Jahrhunderts Verordnungen herauskamen, die den Neid jedeS preußischen Zensors erwecken müssen. Bis in die Regie- rungszeit der Maria Theresia hinein war das Theater fast ausschließ- lich ein Juxplatz geweien, auf dem es sehr wüst herging. Marin Theresia räumte damit auf— aus welchen Ursachen, soll hier nicht untersucht werden— und erließ am 11. Februar 1752 folgende: Verordnung: „Die Komödie soll keine anderen Kompositionen spielen als die aus dem französisch oder wällisch(italienisch) oder spanisch Theatri herkommen, alle hiesigen Kompositionen von Bernardon(einem Steg- reifschauspieler) und anderen völlig aufzuheben, wenn aber einige gute doch wären von Weißkern sollten sie ehender(vorher) genau durch- gelesen werden und keine equivoque(zweideutige) noch schmutzige Worte darinnen gestattet werden, auch denen Komödianten ohne Strafe nicht erlaubet sein, sie selber zu gebrauchen." Joseph II. konnte in seinem Kampfe gegen den übermächtigen Klerus auch die Bühne wohl gebrauchen, die er daher nach Kräften förderte. Nur freilich dauerte seine Herrlichkeit nicht lange und außerdem mußte er fürchten, mit allzugroßer Liberalität den Ast. auf dem er selber saß, abzusägen. 1770 verordnete er also, der Zensor dürfe kein Stück zulassen, das gegen Staat, Religion, Sitte wäre. Diese Bestimmung war aber noch zu dehnbar, und so heißt es 1778 in dem Organisationsstatut, das für die Annahme von Stücken genaue Vorschriften gab, man solle darauf achten, daß der Geschmack nicht durch Mißgeburten schwankend gemacht werde, und solle kein Stück annehmen,„daS dem System(der Re» gierung) widerspräche". Nach Josephs Tode begann mit den Wir- kungen der großen Revolution jene Reaktionsperiode, die in der Folgezeit durch die Napoleonischen Kriege und ihre verheerende Wir- kung genährt wurde und im System Metternich noch jahrzehntelang ihre Orgien feierte. Die Zensurkommisfion von 1801 verbot runb 2500 Bücher. DaS Theater, aus dem Shakespeare, Lessing, Schiller. Goethe usw. entweder gar nicht oder nur mit fürchterlichen Ver- stümmelungen gespielt werden duften, wurde wieder zum bloßen Vergnügungslokal. Ww ein Autor sagt, der an das moderne Preußen sicher nicht gedacht hat. aber sehr wohl hätte denken können:„Denn die Zensur- Polizei fahndete nur nach politischen Kühnheiten in den Bühnentexten und ließ die Zoten passieren." Der erste Zensor jener Zeit, H ä gelin, legte 1795 seine Er- fahrungen— er hatte damals schon 25 Jahre lang amtiert— in einer großen Denkichrist nieder. Nach welcher Methode er zu Werke ging, mögen einige Proben zeigen: „In Kabale und Liebe befindet fich eine fürstliche Maitresse. dieser Charakter ist anstößig, also das ganze Stück nicht zulässig. außer das vitioss wurde weggeschafft. Man gab ehemals vor, dav es aus den vorigen wirltenbergiichen Hof anipielte... Zu beobacbten, daß keine Gegenstände auf das Theater gebracht werden dürfen, die lediglich und unmittelbar die Religion be- treffen... Von der türkischen und heidnischen Religion werdende- kanntermaßen Derwische. Kalender(Kalemer, eine Art Derwische), Opserpriester und dergleichen ohne Anstand aufgeführt; nur ist darauf zu sehen, daß ihre Handlungen und Worte durch Analogie keine Satire auf die christliche Geistlichkeit werden.... Die Diskussionen über Rechte des römischen Hofes und der weltlichen Fürsten, oder über die ultrainontanischen Grundsätze würden ebenfalls anstößig sein, wenn sie dramatisch behandelt würden. Theoretische Irrtümer wider die natürliche oder christliche Religion, daS ist die durchgeführten Charaktere von Atheisten, Freigeistern, Freidenkern, Deisten, oder auch von Jrrlehrern, Ketzern, Sekten, wie sie immer Namen haben mögen, können sie in dieser ihrer Eigen» schaft aufs Theater gebracht werden, wenn sie nämlich ihre Meinun- gen zum Gegenstand ihrer Handlungen machen. Juden als Nego- zianten(Händler) oder Ouäckc. als glatte steife Kerle werden ohne Anstoß aufgeführt, wenn ihre Handlung sonst zulnssig ist und ihre Rcligionstheorie nicht zum Gegenstand gemacht worven ist.... Daß der Tod CäiarS, daß der Römer Brutus, die Verjagnng des Königs TarquintuS und deraleicheu Stoffe dermal nicht zulässig seien, versiebet sich von selbst. Es köimenZauch keine Begebenbeiten aus der Geschichte de« ErzHauses ausgeführt werden, deren Ausschlag diesen Regenten nachteilig war. Zum Beispiel die Empörung der Eidgcnoffemchaft. die sich dem österreichischen Szepter entzogen hat; itvm der Schweizcrheld Wilhelm Teil, item die Rebellion der der- einigten Niederlande.... Der geistliche Stand darf schon gar nickt auf dem Theater be- rührt werden, wenn er auch tugendhaft geschildert werden wollte.... Nach diesem ist der Militärstaud besonders zu schonen, damit kein« entehrende Handlung oder Kritik aus diesen angesehenen Stand, desien delikateste Seite das point d'honneur(Ehren Punkt) ist, gewälzt werde.... Die Gesetzgebung eines Staate? oder deffen bestehende Gesetze können überhaupt in keinem Stoffe mit Tadel ausgeführt werden. Zum Beispiel ist dem Staate an der Erhaltung rechtmäßiger Eben viel gelegen; philosophische Wiukelchen können also niemals den Stoff ausführbarer Stücke ausmachen, besonders wenn sie als ge- gründet in dem Nalurrechte approbiert(gebilligt) würden.... Personen männlichen Geichlechts können der Tugend Scklingen legen. Versuche und sträfliche Anträge machen; allem ein Frauen- zimmcr(das Wort ist hier im Sprachgebrauch der Zeit ohne per- ächtliche Bedeutung) kann nie, wäre es auch nur zum Scheine, ein- willigen.... Die Zensur hat auch darauf zu sehen, daß nie zwei verliebte Personen miteinander vom Theater(von der Bühne) abtreten.... Charaktere von Ehebrecherinnen können ebensowenig aufs Theater gebracht werden.... Der Doktor Faust vom Weidmann ist auch von darum anstößig, weil der Engel, der darin vorkömmt, viel weniger Verstand in seinen Reden wider den Verführer zeigt, als Mephistopheles, der viel mehr Witz in seinen Gegengründen für das Laster zeigt. Außerordentliche Flüche und Verwünschungen müssen entweder vermieden oder gemildert werden. Solche Flüche finden sich in Schillers„Räubern" häufig. Die Fluchwörter Mordio, Sacker- ment usw. sind nicht zu dulden. Ausrufe, die in den Ton liturgischer Kirchengebele fallen, münen entweder unterlassen oder verbessert werden, als z. B. allmächtiger ewiger Gort I Wobei dem Zuhörer gleich auch die Fortsetzung des Kirchengebets: Himmlischer Vater mw. emsallen kann... Die Ausdrücke: Hörner trageu, auf- setzen usw. sind nicht zu dulden; es heißt dafür: den Mann be- trügen, die Treue verletzen usw.... Die Ausdrücke: Tyrann. Tyrannei, Despotismus, Unlerdrückang der Untergebenen müssen aus dem Theater so viel wie möglich vermieden werden. Z. B. kam es in einem Stücke vor, daß Aberglaube und Despotismus jemanden zu einem Schritte verleitet hätten; dafür wurde gesetzt: Irrwahn und willkürliche Gewalt usw., und die Stelle verlor dadurch das Auffallende... Von dem Wort«„Aufklärung" ist auf dem Theater ebensowenig Erwähnung zu machen, als von der Freiheit und Gleichheit.. Soweit Hägeliu. Solche Knriosa lesen sich heute sehr ergötzlich, sie zeigen aber, was für ein bitter ernstes Ding es um das Leben m:d Schaffen eines Dramatikers damals war. Und nicht nur der Dramatiker hatte darunter zu leiden. Der österreichische Historiker Hormayr schreibt 1826 in einem Briefe, es sei noch eine der geniigsten Leistungen der Wiener Zensur:„daß Volk em so durch und durch anatbemisierter(geächteter) Ausdruck ist. daß auch in meinem streng wissenschaftlichen Archiv Land-Volk überall gestrichen und durch Land-Leute ersevt wurde,— statt Gott Himmel, und ein andermal wieder statt Hinimel Gott; statt schöne Mädchen äußerst sinnreich Bauern mädchcn. Regierungsrat Hägclin korrigierte als Zensor imnier: ein schlauer Luchs anstatt schlauer Fuchs, und in Theaterstücken statt: sie fällt in Ohnmacht— ihr wird nicht gut". Natürlich lachte das Publikum nun gerade bei jeder zensurierten Stelle, deren wirklichen Wortlaut es ja meist-kannte. Derselbe Hormayr. der auch einmal Zensor war. erzählt in seinen „LebenSerinneruugen aus den Befreiungskriegen":„Otto von Wittelsbach, Hamlet. Macbeth, Richard II und Richard HI., König Johaim und Heinrich VI. dursten nicht erscheinen, damit die mensch. Ilchen Gewohnheitstiere sich mchi etwa in der Zerstremmg an Ab» setzung ßmd Ermordung vo» Kaisern und Kömgen gewöhnten. König Lear, damit man nicht glaube, die Fürsten vorlören im Unglück den Kopf; Maria Stuart war eine Anspielung auf Marie Anloinette; Egmont, Firsco. Tell, Wallenstrin provozierten Revolurions- und militärische Meuterei, der Kaufmann von Venedig aber einen Hepp- Hepp-Tumult." Bei alledem ist zu bedenken, daß der einzelne Zensor als solcher auch in damaliger Zeit zweifellos kaum für seine Taten veranrioort- lich gemacht werden kann. Hat doch Schreyvogel seine ganze bürger- liche Existenz auss Spiel gesetzt, indem er als Zensor ein anlckirch- licheS Gedicht GrillparzerS passieren ließ, da« schweren Anstoß er- regte. Gleichwohl ist man berechtigt, von dem System Hägelia zu reden, so gut wie von dem System Jagow. Dcim siud die Boll« strscker nicht die Alleinschuldigen, so siud sie doch auch nicht schuldlos, sondern als Mitschuldige werden sie der verdienten Hciterleit späterer Geschlechter überliefert._•____ '�ramwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag; Demonstration. Grau hing der Tag. Ein Nebel schob die fahlen Fäden ins Schneelicht. Zag schlich scheues Schweigen. Die Schwingen hob nur bange Erwartung: Was bringt der Tag? Was bringt die Stunde? Was wird geschehn? Die Gassen lagen so still, so leer... Da schwirrt eine Kunde: sie lauschen und spähn.... Das gleiche, geheime Wahlrecht her! Der Tag steigt höher. Schneenebel brau'n. Das Schweigen zerflattert. Ein Zug zieht heran: Gewaltige Massen von Männern und Fraun. Die nehmen die Stunde in ihren Bann... Sie zeigen, wie groß der Entrechteten Schar, wie endlos der Ausgestohenen Heer... Nicht länger darf's bleiben, so wie es war: Das gleiche, geheime Wahlrecht her! Fahl glimmt die Stunde; doch Sonne zwängt den seinen Goldstrahl durchs Nebeltuch. Durch Straßen und Plätze sich's schiebt und drängt: auf taufend Lippen Verwünschung und Fluch! Horch: Murren umbrandet grollend-verworrn den Zug... Ihre Tritte dröhnen schwer... Und ihnen zu Häupten flattert ein Zorn: Das gleiche, geheime Wahlrecht her! Sie schreiten durch Nebel und Wintertag dahin: Eine ungezählte Macht! Sie schreiten wehrlos:„Nun komme, was mag, wir halten für unser Menschenrecht Wacht! Wir bitten nicht groß und wir betteln auch nicht, wir fordern es laut und schweigen nicht mehr, bis Ihrs uns gegeben nach Recht und nach Pflicht!"— Das gleiche, geheime Wahlrecht her! (Aus Ludwig Lessens neuer Gedichlsamuilungi Aus Tag und Ties«. Wprlag der Duchhaudluiig Vor- wärtS. Preis 1,W M.). Kleines f cuilleton. Aus dem Tierleben. Die siebzehnjährige Zikade. Es gibt mehr als ein Insekt, daS eine erstaliiilich lange Zeit zu seiner Enlwickeliing braucht und daher in denkbar schärfstem GegenMtz zn solchen Geschöpsen steht, die man als Eintagsfliegen zu bezeichnen pflegt. Am be- rühmtesten ist in dieser Hinfichl die Larve des Maikäfers, der be- rüchtigte Engerling, der in manchen Gegenden vier Jahre in der Erde fein nichtsnutziges Dasein treibt, ehe er sich in einen Käfer werwandett, um seine Untaten oberirdisch fortzusetzen. Aber auch der Maikäfer hält in der Dauer seiner Entwicketnng noch nicht den Rekord unrer den Insekten. Dieser muß vielmehr einem Vertreter der Zirpen oder Zikaden zuerkannt werden, der daher auch von der Wissenschaft einen darauf hindeutenden Namen erhalten hat. Sie heißt nämlich Cioacta oder Tibicina(eigentlich Flötenbläserin) soptendeeim, zu Deutsch die Siebzehnzikade. Ihre Larve hält sich nämlich bis zu siebzehn Jahren in der Erde auf. Allerdings ist diese Frist ähnlich wie beim Engerling verschieden lange, und ihre Dauer scheint mit klimatischen Verhältnissen zusammen zu kommen. In den Bereinigten Staaten beispielsweise braucht fie iin Norden ihre vollen siebzehn Jahre, in den südlichen Gebieten dagegen nur dreizehn Jahre für ihren unterirdischen Ausemhalt. Ist sie dadurch für die Wissenschaft eine große Merlwürdigkeit, so besitzt sie anderer» seits einen ähnlich schlechtmi Ruf wie der Engerling, da die Larven den Bäumen der Gärten und Wälder Schaden tun. Bielfach werden diese Insekten übrigsns vom Boll mit Heuschrecken verwechselt, natür- lich nur im ausgewachsenen Zustand, ni dem fie sich des Tageslichts erftenen. Sie legen ihre Eier auf Baumzweige, wo sich auch die Larven zunächst entwickeln. Diese lasten sich dann einfach zu Boden fallen, graben sich ein und rotten sich um die Wurzeln zusammen, denen sie nun bis auf den Saft zu Leibe gehen. Im Gegensatz zu der außerordentlich langen Zeit de? eigentlichen Larvenzustandes nimmt die Brrpuppung nur ivenige Tage in Anspruch. DaS junge Insekt, das die Puppe Verlaffen hat, gräbt sich dann durch einen Ganz nach der Erdoberfläche durch, streift seine letzten Häute ab und begibt sich auf den Fing. ES ist nun ein recht ansehnliches und leicht erkennbares Tier mit einem glänzend schwarzen Körper. l-orwörtsBuchdruckerei u. Verlagsanftalt Paul L'tigc ti ,B j c ii u-S W.