Anierhaltungsblatt des Horwiirts Nr. 246 Mittwoch den 20. Dezember. l91» 27| Die Guten von Gutenburg* Von Hermann Kur». Diese» Unglück der beiden Liebesleute war bielleicht für beide ein großes Glück, denn eS schlissen sich dadurch einige Ecken ab. die.»u lange am alten Ort gelassen, vor lauter Schärfe und Spitzen leicht blutige Wunden gerissen hätten. Und gekommen war'S vor lauter Freude und Stolz, und was willst Du noch mehr. Herz? Denn der Findling hatte nichts so eilig, als er aus dem ersten Ueberschwang der Dankbarkeit erwacht und wieder im alltäglichen Gleichgewicht war. wie zur Madlen itt den Schlüssel zu laufen. Und wie die beiden jungen Leute alles beredet hatten. begannen sie ihren Plan zurechtzulegen, um ja recht bald zu- sammenzukommen. Der Findling meinte, das beste war', er würde einfach um sie anhalten. Aber die Madlen kannte ihren Vater zu gut. Der war ein hochmütiger Mann und hätte leicht mit Worten aufgewartet, die der Findling mit keinen Liebenswürdigkeiten bezahlt hätte. Es wäre dann aus der Werbung ein arger Handel geworden. Doch in ihrem krausen Köpflein schoß da ein entsprechend krauser Gedanke aus. Der Findling sollte zu ihrem Vater gehen und ihm von seinem Glücke erzählen, und dann sollte er sich für des Vaters Büvgermeisterwahl an den Laden legen, und dann als Lohn sollte die Hochzeit sein. Da wurde die Madlen zur Eva, und ohne daß sie dies wollte, zur Versucherin. Denn der Findling war durchaus gegen den Schlüsselwirt als Bürgermeister und auf der Seite de» anderen Kandidaten, des alten Bürgermeisters, und der Adlerpartei. Darum sagte er schroff:„Das ist nichts. Madlen. das geht nicht t" Die Madlen war nun die ganze letzte Zeit nicht wenig stolz auf ihren Vater gewesen. Ter„Herr Bürgermeister" hatte ihr beinahe halb soviel das Köpflein verdreht, wie der Findling eS ganz getan. Darum fragte sie beleidigt und schnippisch: „So, warum geht das nicht?" „Weil'S nicht geht, Madlen." „Warum, mächt' ich wissen." „Weil Dein Vater nicht zum Bürgermeister paßt." „Warum paßt er nicht dazu?" „Weil er nichts davon versteht." „Du stimmst also nicht für ihn?" „Nein!" Von Wort zu Wort wurden beide erregter, heftig und rasch sprachen sie: wenn auch mit leiser Stimme, war der Nach- hall um so lauter. Es schien jedem der beiden. eS müsse vom anderen recht bekommen, und jedes hätte am liebsten dem anderen recht gegeben. Aber keins konnte ablassen, und eS schien dem Findling, er kämpfe, um etwas zu verlieren und dafür ein anderes zu gewinnen. Und in Wirklichkeit nahm er der Madlen den Glauben an ihren Vater. Er öffnete ihr die Augen, um durch das richtige Bild, das er ihr von ihrem Vater gab. sie für sich allein zu gewinnen. Darum blieb er hart und gab nicht nach. Und als die Madlen wieder fragte, da sie nicht fasten konnte, was der Liebste ihr sagte, da hatte er wieder nur ein„Nein" übrig. Die Madlen aber mußte erst verstehen, um über daS Harte und Wehe wegzukommen. Nur die Zeit konnte ihr aber das Verständnis geben. So wogte in ihr bei deS Findling? Worten heißer Zorn auf, und die Aufregung in ihr wallte voll Unruhe wie siedendes Wasser. Darum brannten den Findling ihre letzten Worte. Denn die Madlen flammte auf und sagte: „$evt sollst Du Dich aber schämen, so all Du bist, so etwas von meinem Vater zu sagenl" Und als sie dies heraus hatte, da war ihr Zorn ver- flogen, und das Master begann in ihr aufzusteigen, um das Brändlein zu löschen. Doch sollte dies der Findling nicht sehen. Sie drückte ihre Tränen hinunter und lies von dem Burschen weg. Der Findling aber tat das gleiche. Er ließ den Schlüssel Schlüstel sein und fühlte sich ebenso unglücklich wie seine Liebste. Aber er wollte nicht nachgeben. Darum kam er die ga cze Zeit über nicht mehr in den Schlüstel. Doch sehnte er sich.räch der Madlen geradeso, wie die sich nach ihm. Di« Madlen aber schaute seit jenem Morgen ihren Vater anders an. Den Menschenwert und die Güte des Herzens suchte sie. Und da mußte sie dem Findling recht geben. Nicht das Kind in ihr urteilte, nicht den Vater erkannte sie. Sie suchte die Macht, die den Nebenmenschen zur Achtung zwingt. die Reinheit des Gemütes. Und sie fand die Enttäuschung. Was sie bislang von ihrem Vater gehalten, war Traum und Schaum. Die beiden Parteien der Gutenburger lagen in heftigem Kampfe.„Hie der Neuel" schrie die eine.„Hie der Altet" die andere. Die Partei des alten Bürgermeisters hatte ihr Loger im Adler aufgeschlagen und der Doktor war ihr Hanpt- mann. Die Parte» des Erhard aber hatte ihren Sta»»d im eigenen Haus, und deren psrp�tnum mobile war der Erhard in höchsteigener Person. Natürlich hatte er für verschiedent» liche Geschäfte, die er selbst nicht in die Hand nehmen konnte, seine Strohmänner. Diese waren alle? Leute mit einem Strick um den Hals. Sie hingen wie die Kletten am Erhard. denn auch in seinem Buche hingen sie ähnlich und waren nicht daraus zu tilgen. Wenige Wochen vor der Wahl beschloß der Doktor, dem alten Bürgermeister als Demonstration eine Ovation zu bringen. Und richtig, am Abend versammelte sich ein Zug vor dem Rathause. Die Disharmonie wurde sonst im ge- wohnlichen Leben vom Doktor zum Teufel gewünscht. Heute aber war er über den von ihr verursachten Radau froh, da er die Aufmerksamkeit erregte. Die Disharmonie bildete also die Spitze. Räte, Bürger. Kinder, Weiber und einige Hunde machten den Zug. So zog man vor das Haus des alten Bürgermeisters. Dort schrie alles dreimal Hoch. Die Musik posaunte einen Tusch von solcher Kraft, daß dem Trompeter das Blech platzte und dem Mann am Bombardon sämtliche Knöpfe von der Weste flogen. Im selben Augenblick. So verlies diese Ovation. Aber der Bürgermeister hatte einen Fehler begangen. Er hotte das Wort„Brot und Spiel" vergessen, und deshalb waren einige Unzufriedene bei der Mehrzahl. Darum verlor der Abend gerade seine Bedeutung, da kein Suff und Rausch mit ähnlicher Freude ein Echo hervorrief, zum Ausschlachten der Erinnerung. Als der Zug am Schlüstel vorbeikam, biß sich der Erhard auf die Lippen. Diesem Trumpf war er nicht gewachsen. Darum hatte er in seiner Verzweiflung gerade schon sei« unterstes„SiedigheißeS" und so weiter gebetet, als der Seppetoni wie ein dem Gebet entsprechender Heiland �r- schien.„Wenn Du mir meine Schuld quittierst, sag' ich Dir, wie Du die da reinlegen kannst." Der Schlüsselwirt quittierte. Und der Rat des Seppetoni brachte die Strohmänner des Erhard auf die Beine. Da wurde gelaufen und geredet. Und als alles im reinen war. wurde ein Fackelzug daraus zur Ehre des Schlllsselwirts. Zwar hatte der Erhard die Fackeln selbst bezahlt, die ihn in das rechte Licht bringen sollten. Auch ver- sprach er jedem, der eine Fackel an seinem Ehrenabend herum- trug, freies Trinken. Darum waren nicht genug Fackeln da, als der Abend gekommen war. Doch hatte der Erhard am bloßen Mitlaufen schon seine Freude. Sein Herz und seine Gläser flössen über. Herrgott nochmal. wie lange gab dieser Abend zu erzählen! Wie hatte man dort gesoffen und welche Riesenräusche, ei ei eil So gewann der Erhard den Vorsprung im Rennen, den ihm sein Partner genommen hatte. Aber noch war nicht alles entschieden. Da kam dem Erhard das Schicksal entgegen. Das Schicksal war diesmal die lose Hand des Herrn Kaplans und der starre Kops des alten Bürgermeisters sowie des Doktors. Nochher behauptete der Erhard zwar, dies alles hätte nichts zu sagen gehabt. Gezogen hätte sein echtes Wesen und auch das Denkmal der Veteranen, das er den Bürgern als Hauptgegenleistung für seine Wahl versprochen habe. Darauf freilich meinte einmal ein böses Maul: „Wenn das die größte Kunst von einem Bürgermeister ist ein Denkmal zu machen, soll mich der Teufel holen I Das, was der Bürsiermeister zur Wohlfahrt der Bürger macht. soll sein Denkmal sein." Solche Prügel, wie dieser auf- rührerische Wicht, hatte noch nie ein Mensch in Gutenburg bekonunen. Doch wie sich auch der Erhard wehrte und reklamierte. die leichte �snd des Kaplans war doch schuld am endgültigen Wahlausschlag. So kam es denn, daß die Wahlparole:„Hie Ohrfeige" für den Erhard,„Pfui Ohrfeige" für den alten Vüraermcister umgetauscht wurde. Die Ohrfeige aber, um ' die sich dieses Geich fei drehte, bekam der Bub des Meisinger- Hot, mitten auf das Ohr. er bekam diese saftige Frucht von der gütigen Hand des Kaplans gepflückt. Davon ging daS Trommelfell in Brüche und der Bub wurde taub. Wohl sagte der Kaplan nachher, der alte Mcinnger über- treibe und wolle im Trüben fischen. Die Sache sei nicht halb so schlimm wie die Leute täten. Doch bleib es bei diesem Ausspruch nicht. Die Gemüter in Gutcnburg waren so schon alle in letzter Zeit derart gefährlich wie eine Tynamitpatrone. Es fehlte nur noch der Mann, der die Lunte legte. Das tat mit seiner Ohrfeige nun der Kaplan. Und im Gemüte des alten Bürger- Meisters im Amte, dem der Erhard nun an den Kragen wollte, platzte die Mine zuerst. Sein Räsonieren vom guten Bei- spiel, das die geistlichen Herren sein sollten, und was diese Leute in Wirklichkeit seien, machte Schule. Ueberall, wenn nur einige beim Becher sa�en oder sonstwo, war sicher einer, der dieses Liedlein sang. Dafür aber war dann alsobald wieder die Gegenstrophe da, und die Händel waren fertig. Doch fiel dem Erhard seine Wurst bei der Geschichte glücklich auf die Speckseite. Da der alte Bürgermeister„Pfui Ohrfeige" sagte, verlangte es schon der gute Ton, daß der Erhard darauf„Hie Ohrfeige" herausbrüllte. Dieses tat nun der Guteste der Gutenburger auch. So machte er sich did geistlichen Herren zu Verbündeten. Und da eine Hand die andere wäscht, tat der Kaplan für den Erhard, was er konnte. Und der hingegen fegte mit dem Sande und der Seife kobschäumcnder B.redsamkeit und dem Handtuche der Verlogenheit das mit Kot betvorfene Fell des Kaplans schlossenweiß. Ter geistliche Herr wurde so eilt wahrhaftiges Lämmlein Gottes. Der Doktor und die Adlerpartei rückten nun dem Erhard und seiner Kaplansehrenwäsche mit Macht aus de» Leib. Der Doktor ging hin und untersuchte den Buben. Da fand er einen Eiterfluß zum Ohr heraus und Taubheit. Darauf tat der Bürgermeister das Gutachten des Doktors, das eigentlich schon mehr eine Anklage war, in einen Briefumschlag und spedierte das ganze an den Staatsanwalt. In Ruhe wartete nun die Adlerpartei aus die Erploston. Nach einigen Tagen ging nun der Teufel los. War das ein Hallo in Gritenburg! Der Kaplan hatte wegen fahr- lässiger Körperverletzung eine Vorladung vor den Unter- suchungsrichter erhalten. Da rieben sich einige die Hände, andere schimpften. Ter Erhard äußerte sich wie ein Prophet und garantierte jedem,„daß es dem Meisinger Bub eins sei, mit zwei oder einem Trommelfell ein alter Esel zu werden.' Der Kaplan jedoch wendete den Spieß, an dem man ihn braten wollte.-um, und gina mit der Spitze seinen Angreifern zu Leibe. Er verklagte den Meisingcrbot wegen Verleumdung. Da gab's einen Prozeß mit Zeugen, Anklage. Verteidigung und wie all das heißt. Und da legte' man von Gerichts wegen fest: haß in der Kirche dem Buben eine Obrfeige blühte, weil er krakeelte. Darauf habe der Bub geblutet, und nachher sei Eiter zum Ohr herausgeflossen. Tann tat der Doktor seinen Senf noch dazu mit seinem Befund. Ter Kaplan aber hatte Zeugen, daß der Bub schon lang ohrenleidend gewesen war und am Ohrfeigensonntag sich mit Kameraden herumgerauft hatte und aufs Ohr gefallen sei. Und so ging's weiter, einige Stunden lang. Aber als die beiden Parteien mit ihren Zeugen den wahren Sachverbalt genüaend undurchsichtig ge- macht hatten, sprach das Gericht den Kaplan frei und ward wie Solomon. Da flüchten die einen und jubelten die anderen. Aber als der Kaplan aus freien Stücken dem Buben einige hundert Mark Übermächte, da wollten die Gutenburger diesen Wackeren schier als Heiligen verehren. Der Erhard stand, so bescheiden er nur immer konnte, hinter seinein Schenktisch und sagte: .Was habe ich Euch gesagt? Wer hat nun recht?" (Fortsetzung folgt.) Ein Ritter der Industrie. Von M. K o n e w s k y.I Unsere erste Bekcnmlichaft fand statt als er aus einem Fenster des zweiie» Stocke« hinausgeworfen wurde, an meinem Fenster, welches im ersten Stocke lag vorbeiflog und aufs Slratzenpflaster fiel Icst schaute- zum Fenster hiunu« und wandle mich mitleidig an den fremden Mann, der seinen beschädigen Rücken rieb: .„Scann icü Ihnen rnckU irgendwie nützlich sei»?" „Warum denn nicht?" nickte er mir gutmütig zu, indem er den Finger drohend gegen de» zweiten Stock hob.„Natürlich, können. Sie" „So kommen Sie zu mir hinauf," sagte ich, und trat vom Fenster zurück. In bester Laune, lächelnd, kam er hcrciu. Reichte mir die Hand und sagtet... „Zazkin." „Freut mich sehr. Haben Sie fich nicht weh getan?" „Ach wo! E» ist nicht der Rede wert." „Wohl wegen eines hübschen Frauenzimmers?" fragte ich. „Haha?" „Hoba I Sie find wohl ein Liebhaber solcher SnsetS!? Da könnte ich Ihnen eine Serie recht interessanter Aiificiuskarten anbiete» 1 Deutschen Genres 1 Kenner hallen es für besser als das französisch«." „Rein, tvozu denn?" fragte ich verwundert.„Hören Sie mal... Sie kommen mir bekannt vor. Sind Sic es nicbt gewesen, der gestern von einem Herrn aus der Eteltrischen herausgeworfen wurde?..." „Ach wo l Das war ja vorgestern. Gestern wurde ich aus einem in Ihrer Strotze gelegenen Haule durch die Hintertreppe herausgeschmissen. Was war das übrigens für eine Treppe? Es waren ja bloß sieben lumpige Stufen." Herr Zazlin bemerkte, datz ich ihn recht erstaunt. ansah:.er wurde verlegen und sagte:„DaS kommt alles daher, weil ich den Leuren das Leben versichern will. Ein netteS Volk.. ich sorge für ihr Leben, und sie wollen meinen Tod." „Also sind Sie Agent einer Lebensversicherung?" sagte ich trocken. „Womit lann ich Ihnen denn dienen?" „Sie können mir durch eine kleine Antwort auf eine ebenso kleine Frage nützlich sei». Wie wollen Sie sich bei uns versichern lassen? Für den Lebensfall oder aus Auszahlung der Prämie an Ihre Angehörigen nach JFHrem Tode?— Gott erhalte Sie gesund." „Ich will mich überhaupt nicht versichern lasten," protestierte ich energisch.„Weder für den LebenSsall noch sonst wie. Auch habe ich keine Angebörigen... Ich bin alleinstehend." „Und Ihre Frau?" „Ich bin Junggeselle.' „Dann müssen Sie heiraten" ganz einfach! Ich kann Ihnen ein Mädchen vorschlagen— Sie werden die Finger lecken I Zwölf- tausend Miigist, ihr Vater besitzt zwei Läden l Ihr Bruder ist zwar ein Lump, aber sie selbst ist eine Brünelle von wunderbarer Schön- heit. Sind Sie Morgen frei? Dann fahren wir bin, um sie uns anzusehen.. Gehrock, weitze Weste... Wenn Sie leine be- fitzen— kaufen wir sie fertig. Adresse— KaushauS„Umsatz"... Unsere Firma... „Herr Zazkin". entgegnete ich,„ich schwöre Ihnen, ich will nickt, ich kann nicht heiraten! Ich bin nicht für das Eheleben ge« schassen..." „Oh I Nickt geschaffen? Weshalb denn? Vielleicht haben Sie zu floit gelebt? Fürchten Sie nicht... Das ist leicht gut zu machen. Ich kann Ihnen«in Mittel empfehlen, welcbeS jeden melancholischen Mmm freudig stimmt. Sechstausend Bücher un» entgeltlich. Wir besitzen eine Menge Danlbrirfe. Ein Probe- fläscbcven..." „Behalten Sie Ihre Probefläichchen," sagte ich gereizt.„Ich kann sie nicht brauchen. Ich befitze nicht das nötige Aeutzere, um Liebe zu erwecken. Ich habe eine Glatze, abstehende Ohren, Runzeln, bin klein von Wuchs..." „Was— eine Glotze? Wenn Sie fie mit einem Haarwuchs- mittel einreiben, dessen Vertretung ich habe, so wird sie sich wie eine KokuSnntz mit Haaren bedecken I Was die Runzeln anbetrifft und die Ohren? Gebronchcn Sie doch um'eren vervollkommneten Apparat, den' man zur Nacht anlegt.... Es wird keine Spur von Ihren Ohren übrig bleiben I Ihr Wuchs? Unser Turnapparat vergrötzerr den Wuchs jede secbS Wochen um 17 Zentimeter. Nach zwei Jahren können Sie schon heiraten, und nach fünf wird man sie für Geld zeigen können I Und Sie sprechen noch von Wuchs...." „Ich brauche nichts!" sagte ich, indem ich mir die Schläfen hielt.„Entschuldigen Sie, aber Sie machen mich nervös.... „Nervös? Aber Mensch, warum schweigen Sie denn? Patentierte lalte Doncheii, die man zusammenklappen und aus- einandernehmen tann 1 1 Es gibt welche mit Krahn und mit Zer- stäuber. Sie find ein intelligenter Mann und mir sehr svmpathisch, deshalb empfehle ich Ihnen den Zerstäuber. Er ist teurer, aber..." Ich ergriff meinen Kopf. .Was machen Sie? Haben Sie Kopfschmerzen? Sagen Sie nur, wieviel Tuben unserer Pasta»Migränin" Sie haben wollen. Die Firma stellt fie Ihnen ins Hans zu." »Entschuldigen Sie." sagte ich,»aber ich bitte Sie, mich zu der- lassen. Ich habe leine Zeit. Ich bin sehr müde und es steht mir noch eine ermüdende Arbeit bevor. Ich mutz einen Artikel schreiben." .Ermüdend?" fragte er mitfühlend.„Ich werde Ihnen waS sagen, sie ist nur deshalb ermüdend, weil Sie bis jetzt nicht unser auseinanderlegbares Pult zum Lesen und Schreiben besitzen. Nor- male Haltung, bequeme Stellung. Das Paar kostet sieben Rubel. Dreizehn... »Heraus I" schrie ich, vor Wut zitternd,»oder ich zerschmettere Ihnen den Kopf mit diesem Bne'beichwerer 1 1" »Mit diesem Briefbeschwerer?" sagte er spottend und betrachtete den Briefbeschwerer, der auf meinem Schreibtisch stand.»Mit dieiem Briefbeschwerer... pusten Sie und er fliegt fort! Nein, wenn Sie einen richtigen schweren Briefbeschwerer haben wollen, so kann ich Ihnen eine ganze Schreibtischgarnitur aus Malachit.. Ich läutete. „Sogleich wird mein Diener kommen.— Er wird Sie hinaus- werfen I" Herr Zazkin lietz traurig den Kopf hängen und sah schweigend da, alS ob er die Erfüllung meines Versprechens erwartete. Es vergingen ein paar Minuten.- Ich läutete wieder. „Schöne Glocken." sagte Herr Zazkin kopfschüttelnd.»Wie » kann man nur solch scheutzliche Glocken haben, die nicht läuten? Darf ich Ihnen vielleicht Glocken anbieten, die mit Einrichtung und Elementen nur 7 Rubel SO Kopeken kosten? Sehr geschmackvolle Druckvomchlung. Ich sprang auf, ergriff Herrn Zazkin am Bermel und schleppte ihn zum Ausgang. »Gehen Sie oder mich trifft der Schlag." »Gott behüte Sie dafür, aber seien Sie ganz unbesorgt! Wir werden Ihnen«in ganz anständiges Begräbnis zweiter Klaffe zu Teil werden lassen. Es wird zwar nichrso pompös sein wie erster, aber der Katafalk..." Ich wart die Tür hinter Herrn Zazkin zu.s riegelte sie ab und kehrte zum Schreibtisch zurück. Im nächsten Augenblick merkte ich, dah die Türklinke sich be- wegte, die Tür ging langsam auf und— Herr Zazkin trat schüchtern ein. Er sagte, indem er die Augen zukniff: »Ich mutz Ihnen wenigstens noch mitteilen, datz Ihre Tür- schlösser nichts taugen und sich mittels«infachen Drucks öffnen! Durch mich können Sie gute englische Schlöffer kaufen— das Stück 2 Rubel 40 Kopeken, drei Stück 6 Rubel bO Kopeken, siinf Stück... Ich zog aus der Schublade meines Schreibtisches einen Revolver und schrie zähneknirschend: „Gleich schietze ich I" Mit vergnügter Miene lächelte Herr Zazkin und sagte: »Das wird mich ungemein freuen, denn Sie werden dann Gelegenheit haben, sich von der grotzartigen Qualität des Panzer?, den ich zur Probe»rage, zu überzeugen. Ich kann Ihnen denselben sehr empfehlen. Dos Stück kostet 18 Rubel, zwei kosten bedeutend weniger und drei noch weniger. Bitte überzeugen Sie sich I"... Ich legte den Revolver beiseile, ergriff Herrn Zazkin und warf ihn mit wütendem Gebrüll zum Fenster hinaus. Beim Fallen halle er noch Zeit, mir zuzurufen: »Sie haben recht unpraktische Manschettenknöpfe I Scharfe Ecken, die die Kleider zerreitzen und mir die Wange zerkratzt haben. Ich kann Ihnen welche aus afrikanischem Golde mit Inkrustation an- bieten, das Paar 2 Rubel, 8 Paar.. Ich schlug daS Fenster zu. Vom IMiTcK und feinem Geweiht Von Wilhelm B ö l s ch e. Durch das Brausen, Heulen und Klingeln des Berliner Strassenverkehrs käurpft sich in gewiffer Gegend und gewisser Zeit ein seltsamer Laut. Wenige beachten ihn. aber wer ihn einmal bewußt vernommen, in gewissen Abständen immer wieder ver- nommen hat, dem ist er unvergeßlich In das ungeheuer« Chaos der Geräusche von Autos, Elektrischen. Merischenstimmen» Kirchen- glocken mischt sich der Schrei des liebenden Hirsches. Er kommt aus den dunkelnden Gcländen des Zoologischen Gartens. Während die Großstadtstraßc nur immer heller zu funkeln beginnt, macht sich hier die Dämmerung eines feuchten Herbstabcnds geltend. Schemenhaft stapfen die riesigen Tierc� hin und her, werfen den Kopf zurück, daß das Geweih gegen den Rücken ') Aus dem dritten Bande des TicrbucheS: Der Hirsch und seine Geschichte.(Verlag von Georg Bondi in Berlin.) — Ganz anders als die naturwissenschaftlichen Bücher wie früher und auch zumeist von heute behandelt Bölschc daS Tier. Er sieht seine weit in die Vergangenheit zurückreichende Geschichte. Die Probleme der Entwickelungsgeschichtc, die es bietet, greift er heraus und behandelt er lichtvoll, klar und trotz aller Wissenschaft- lichkeit populär und mit der Meisterschaft des Darstellers. Der neue Band dieser»Naturgeschichte in Einzeldarstellungen" wird jedem Naturfreunde willkommen sein, der in die Zusammenhänge eindringen will. ' sinkt... und dann kommt der Schrei, laut genug, um über alle- die nebeligen Buschgründe bis in die Welt des blauen elektrischem Scheins da drüben vorzudringen. Aus allen Römertagen ist die Legende überliefert von der .Armee, die Züchtete, weil aus nahem Korst plötzlich die gräßliche Stimme des Waldgottes laut aufschrie. Das Straßenleben der modernen Großstadt fürchtet keine Götter, in ihm geht auch dieser Ruf des Waldes mit anderem hin. Trotz all seiner urwüchsigen Kraft hat er fast etwas klägliches darin, und mit einer leisen Rührung denkt man, wie hier die Kultur absolut dominiert und wie die alte Natur schon zur Rolle eines kleinen geduldeten Busch» Winkels hinter vier Mauern herabgesunken ist. Man vergegen- wärtigt sich im Gegensatz die grenzenlose heilige Stille eines echten großen Waldreviers zu dieser Stunde. Kein Laut sonst in all diesen endlos dahinflutendeN schwarzen Wäldern. Dann aber jäh daraus anschwellend wie der Orgelton in einer nachtverhangenen Kirche dieser gleiche Schrei des liebenden Hirsches. König seiner Wälder ist hier dieser Hirsch, das letzte übrig gebliebene ganK imposante Waldtier der deutschen Erde. Sie schreien verschiedenartig, die unterschiedlichen geweih» tragenden Recken des Zoologischen Gartens. Wie in so vielem» ist man aber dicht vor den' Hirschgittern im Garten selbst den Dingen zu nah, um das eigentlich Wirksame des Klangs auch in dieser besten Leistung zu erfassen. Es gehört Raum, gehört großr Naturperspettive mit ihrer Schallweite dazu. So in der Nähe bemerkt man zu stark die leise Komik, die darin liegt, daß in dem kolossalen Laut die Brüllstärke eines Löwen eigentlich er- reicht wird durch äußerste Steigerung, Verlängerung und Modu- lation eines unwillkürlichen Naturlauts, den wir Menschen halb anstößig, halb komisch zu werten pflegen, nämlich des Aufstotzens. Es ist das drichnende Ausatmen einer Kraft, die das ganze Wesen zu zersprengen, zu ersticken drohte. Menschlich verglichen hat er etwas von einem ungeheuren Seufzer, bloß daß ein höchstes über- quellendes Kraftgesühl hier fast zum Schmerz wird. Es hat aber dieser über Berg und Tal erdröhnende LiebeS- seufzer auch vom Standpunkt gewöhnlichen tierischen Lebens aus sein überaus Eigenartiges. Ein sonst scheues Waidtier ruft die Inbrunst seiner Gattungsgefühle mit einer Aufdringlichkeit in die Welt hinaus, daß die gemeine Nützlichkeitslinie weit über- schritten scheint. Das Liebeslcben ist in der oberen Tierwelt ja durchn>eg ein Sturm. Aber ganz besonders scheint man hier vor einem Gescböpf zu stehen, das dieser Sturm wie ein Orkan durchschüttert. Tiere mit ausfällig gesteigertem Liebesleben find aber immer besonders interessant. Man kann nicht vom schreienden männlichen Licbeshirsch reden, ohne an das Geweih dieses Hirsches zu denken. Augen- blicklick, aber packt uns damit auch ein zoolagisches Rätsel allerersten Grades, so verwickelt, wie es kaum im ganzen Säuge- tierbcreich noch einmal ähnlich vorkommt. Von der einfachen Existenz des Geweihs wissen wir alle; es bedeutet für den schlichten Aesuck?er des Zoologischen Gartens das Charakteristikum deS Hirschs, wie ihm der Rüssel den Elefanten, der lange HalS die Giraffe, der Buckel daS Kamel macht. Ein in den Verhältnissen unbedingt schönes Tier, wie unser Rothirsch oder Edelhirsch für uns ist, bildet die Krone dieses ornamental verzweigte Geweih» in dem uns unverkennbar eine jener»Knnstsormen der Natur" entgegentritt, in denen ein reines. Naiurgebilde sich mit gewissen ästhetischen Empfindungen der rhythmischen Wohlgefälligkcit in unS begegnet. Gleichwohl ist der Laie guch vor solcher„Naturschönheit" durchweg zunächst für Nützlichkeitsbetrachtungen zu haben. Im Zoologischen Garten kann man immer wieder die Frage hören. wozu die schwarzweiße Streifung dem Zebra diene, wozu der prachtvoll« Schivcif dem Pfau? Mit Befriedigung wird der Nutzen des GiraffcnhalseS beim Abweiden hoher Baumkronen, des Elefantenrüssels beim Greifen hingenommen. So erscheint auch vor dem ornamental schönen Hirschgeweih plausibel, daß es im praktischen Leben einfach eine Verteidigungswaffe bilde. Man bort, daß d!« verliebten Hirsche damit aus Tod und Leben kämpfen. Ein energischer Stoß gegen das Gitter, dem der Besucher zu nahe, kommt, belehrt auch deutlich genug, was«in Angriff mit diesem „Ornament" unter Umständen bedeuten könnte. Indessen wir müssen vom Hirschgeweih tatsächlich noch etwaS ganz anderes und Uebcrraschendercs lernen. Nicht nur daß seine „Waffe" mit einer einzigen Ausnahme allen Hirschweibchen fehlt und daß eine nahe liegende Erwägung zeigt, daß eigentlich gerade das Ornamentale daran, das, was uns so gefällt, zum praktischen Stoßzstveck größtenteils Ballast oder besten Falles belanglose Zutat ist; ein paar einfache kurze, ober solide Spieße täten's ebensogut, ja besser. Viel wichtiger ist die Tatsache, haß dieses ganze Geweih alljährlich einmal abgeworfen wird und von dem so lange hilflosen, ja positiv noch über den Verlust hinaus geschädigten Hirlcb erst unter großer organischer Körperleistung vollständig neu ersetzt werden muß. Erst mit den Stationen dieses ewigen Neu« ersatzes erhält das Geweih allmählich seine volle Kraft, falls sie überhaupt erreicht wird, seine ganzer ornamentale Pracht. Selbst auf der Höhe dieser Pracht aber muß es immer noch so gewechselt werden, mit allen Mißlichkeiten, allem Risiko des Verlustes. Die meisten Besucher eds Zoologischen Gartens find Städter, die den lebenden Hirsch also hier zum erstenmal kennen lernen. Die Geschichte des Geweihabwerfens muß also den meisten von nnS einmal wirklich als Neuheit erzählt werden. SBeim ein solcher ausgewachsener Aapitalhirsch mit den Stange« gegen da? dröhnende Gitter arbeitet, scheint auf der Welt nichts solider, al» der Zusammenhang zwischen seinen Geweihtnocken und dem harten Schabet. Tatsachlnh brechen sie bei wirklichen Gewalt» anfüllen an jedem anderen Punkte leichter ab als gerade in der AnschlußsteLe an die Schädelzapfen. ES sei etwa jetzt Herbst. Im vorigen Jabr um diese Zeit habe« wir den Garten besucht, und dieser Prachtkerl stand schon ganz im gleichen Flor seines Seweihs. Trotz seiner gelegentlichen gründlichen Rempelei gegen da» Gitter haben damals olle Zinken de» Hauptschmucks standgehalten, wie sie eS heute tun. Wer könnte abnen. waZ fich zwischen damals und jetzt tat» fächlich mit dem Geweih zugetragen hat! Bor knapp Halbjahre». frist, im Frühjahr, ist etwas über jene» vorigjährige Geweih gc» kommen wie eine geheime zehrende Krankheit. Au einer bestimmt markierte« Stelle, da. wo lederseitS die Geweihstange verdickt aus dem warmen Kopfkell tritt, um in ihrer weiteren Entfaltung dann als nackte Knochenfigur zu ragen, hat ganz selbsttätig eine innere Auslösung. Zerklüftung. Lockerung der soliden Knochensubstonz stattgesunden. Ihr überraschendes Endergebnis war. daß eines Tages jederseitS da» ganze nackte Stück Geweih plötzlich herunter- fiel. Zurüa btieb am Schädel bloß das kurze Stückchen noch vom Fell umwachsenen Knocken vorsprungs unterhalb der Zerstörung»- stelle, ein wahrhast klägliches Rudimentchen der stolzen Pracht. Und alSbald begann auch über der AbstostungSwunde noch die Haut zusammenzirwachken. ganz so. als solle es nun für immer mit dem eigentlichen Geweih zu Ende sein. Indessen: noch war di» Wunde nicht vollkommen geschlossen, da regte sicb von unten. von dem kargen Stummel her. ebenso geheimnisvoll selbsttätig ein entgegengesetzter Werdeprozeh-, statt zerstörender Krankheit jetzt eine Neubildung. Sckau. wie eine Knospe drängt eS sich empor au» dem alten Wurzelboden, ein dicker Kolben wird sichtbar, innen erneut später von erhärtendem Knochengewebe gefestigt, das über die Stummelzapfen fort fich direkt wieder aus der lebendigen Körpersubstanz herauSzuspinnen scheint, aussen aber zunächst auch wachsend und sich länaend noch vollkommen in eine weiche Haut mit sammetartigem Wollvaar knospenhaft eingeschlossen. Der Kolben verzweigt fich. reckt fich weiter und weiter, treibt abermals da. dort eine Zacke: kurz, nach nicht allzu langer Frist ragt in vollkommener Grösse von neuem die ganze frühere Geweihstange jederseitS in die Lüfte. Und von Stund' an, dass fie ragt, trocknet auf ihr auch die zunächst mit herausgenommene Haus wieder ein. rasch nach» helfend scheuert der Hirsch selber die Duckenden Reste an Wald» stämmen und Aeslen herunter, der allenthalben vortretende nackte Knochen bräunt fich: und vorhanden ist alles wieder wie früher, als läge nicht» von all dem Spuk dazwischen. So ging eS im letzten Jahr, so geht es schon lange bei diesem stolzen Recken. Immer im Frühjahr gleichsam einmal Bankerott und immer wieder im normalen Falle glänzende, vollkommene Restitution. Natürlich muss die seltsame Geschichte einmal ange- fangen haben, indem dem sehr jungen Herrn ein erstes Geweih wuchs. Diese» erste Geweih wat aber— eine Komplizicrung der Sache mehr— damals noch nicht da» prachtvolle, das gegenwärtig Jahr um Jahr zerstört wird und wiederaufersteht. Nachdem fich bei dem Huschkinde zunächst jene hautumwachsene Stummel al» Auswüchse de» Schädel» gebildet hatten, die auch jetzt noch bei jedem Wechsel bestehen bleiben, also eine Art winzigen Dauer- gehörns darstellen l»Rosenstöcke nennt sie der Jäger), wuchs dem jungen Hirsch s eventuell noch im ersten Lebensjahr) darüber hinaus ein Pärchen zierlicher einfacher Spiesse als erstes„Geweih" vor. Roch fehlte allerding« jede Spur der ornamentalen Sprossen daran, die wir heute al» Hauptschmuck bewundern. Zu einem ersten Termin sielen dann auch diese Spiesse wieder ab. Indem da» Geweih sich aber zum erstenmal ersetzte, ersetzte e» tn normalem Verlauf diesmal«ich» bloss wieder den schlichten Spiess. sondern es lieferte je eine ne« Stange mit einer schon mehr oder minder stark einsetzenden Verzweigung. Nach Fall diese« ersten Sprossen. gweih» folgte nächstjährig dann abermals ein in den Sprossen gesteigertes und so fort, vis der heute wiederkehrende Prachtstand erreicht war. Es erscheint ersichtlich also eine Beziehung zwischen dem Alter und Wachstum des Hirsches und der ornamentalen Ausgestaltung seiner Geweihschönheit. Aber diese Beziehung erschöpft und klärt an sich noch nicht das Wunder des Geweihwechsels selbst. Dass da» Geweih erst mit den Jahren auf seine volle Grösse herauswächst, erscheint fast selbstverständlich. Rätselhaft bleibt, warum da» Geweih nicht einfach am gleichen Stück mit jedem Jahr sein Ende »veiterwächst. Andererseits ist sicher, dass in dem Hergang auch irgend eine Liebesbeziehung stecken muss. Die verliebten Hirsche balgen sich mit diesem Geweih. Es ist jedesmal prompt da zur Liebeszeit. Wenn die Brunststimmung abfällt, beginnt auch bei ihm der Verfall. Mehr noch: eine Verletzung des Geschlechtsorgans Sri das ganze Neuaufsetzen oder verkrüppelt da? Ersatzgeweih. i den Rehböcken kennt jeder Jäger das sogenannte Perücken» gehör«: einem Bock der am Samenapparat, am.Kurzwildbret", »vie die Waidmannssprache sagt, angeschlossen oder sonst beschädigt ist. rinnt Geweihmasie wie ein schwammiger Teig, der unter Haut bleibt und nicht mehr abgeworfen wird, ttef über den Kopf herab. Aber auch dieser Bezug dibt nur wieder eine Richtung und löst Sticht selber das Geheimnis. Mit was für einem wunderbaren zoologischen Fall, einzig in Berantwortl. Redakteur: Albert Wach», Berlin.-- Druck u. Verlag: seiner Art und unerwartet, man eS zu tun hat. erhellt am besten schon daraus, wie viel Zeit e» gebraucht Hai und wie mühsam die Arbeit gewesen ist. bi» auch nur der ungefähre Umriss der objektive» Tatsachen dabei wissenschaftlich feststand,— obwohl e» sich doch um unser seit alterSher beliebteste» Jagdtier handelte. Roch jetzt besteht über Einzelheiten Streit und Unsicherheit. Da» ErklärungS» bedürfni» aber hatte lange, wie überall in der Tierkunde, nur daS Wunder. Endlich find wir auch hier heute so weit, eine ernstere Art der Fragestellung zu wagen. Wir suchen natürlich« Zusammen- hänge der Geschichte, suchen die Dinjje aus Stufen ihrer eigene« Entwickelung zu verstehen. Wenn e>ne Enträtselung dieler und anderer Geheimnisse auch beim Hirsch schon heute möglich seta soll, so kann sie uns jedenfalls nur seine Geschichte geben. Wie interessant verspricht aber allgemein die Geschichte eine» Tiere» Zu werden, da» so der Rätsel voll ist. Kleines Feuilleton. ikulturgeschichtlicheS. Jean Paul und der Zop s. In Nr. 240 de» llnt.-Blattr» hless e» in einem Aussatz.Au« den Glanztagen de« Zopfe»' am Ende:.Jean Paul jammert über die.häfstick« Nacktheit" der Köpie.. D-niack könnte e» scheine», al» wäre Jean Paul ein besonder» eitriger Anhänger de» ZovfeS gewesen. Genau da» Gegenteil trifft aber zu. Jean Paul ist einer der ersten gewesen, die da« unerdörte Wagestück begingen, ohne Zopf z» leben. Ernst törfter. fem Schwiegersohn, erzählt darüber in seiner biographische» krzze bei Gelegenheit der.Grönländischen Prozesse"; „Was inzwischen dem Bücke eine« besonderen Wert in der Geschichte der Literatur verleiht. ist. dass sich der Versaffec damit tn bezug aus die Fragen der Zeit mit Entschieden» heil auf die Seit« der freien Bewegung stellt... Er tritt auf al» erklärter Gegner de« blinden Glauben« in der Theologie, der Vorrechte des Adel», der Bevormundung der Presse,»er beschirmten Henckelei und Schmeichelei und grosser und kleiner nun z««n Test veralreler Torheiten So aber trat er auch im Lebe« lächerlichen Borurreilen entgegen und war unter den ersten, die die deengend« Halsbinde und den Zopf ablegten. Aber so gross ist dir Macht der Gewohnheit, dass Richter wegen dieser Neuerung nicht nur seine bequeme und reizende Gartenwohnung in Leipzig verlor. die ganze kleinstädtische Bevölkerung von Hos und Schwarzenbach, wohin er in den Ferien zum Beiuck ging, wider sich aufbrachte, sondern selbst seines freistnnigen und ehrwürdigen Freunde« Bogel Freundschaft aufs Spiel ieyie. E« ist sehr zu beklagen, dass Jean Paul selbst nie aus den Einfall gekommen, diese seine tragilomtichen Zopfleiden zu schildern, wie er während der täglichen Modeorbelt de» Friseurs und der gleichzeitigen eigenen literarischen sich und ihn veraessend tn die Locken fuhr und die kaum geschaffenen Kunstwerke zerstörte! wie er der fremden Not und der eigenen Plage überdrüssig. Zopf und Puderquaste zum Teiisel warf und dir Ha Wind« zur Geieil» schaff mit-; wie der ffeie Hat« und da« fliegende Haar ihn in eine diplomalische Verwickelung mit seinem Bartennachbar brachte, aus der er fich zog, indem er mit stolzer Nachgiebig» keit seinen Platz räumte; wie Mutter und Brüder. Geist» ltchkrit und Bürgerickaff. Weiber und Kinder tn der Vaterstadt (Hos) Ach und Webe über ihn schrien und er selbst tn der ländlichen Einsamkeit von Reha« keine Ruhe fand, wie er mtt Freunden zer» fiel und mit Feinden in Fehde geriet und über den Zopf und seine ererbten Rechte einen siebenjähngen Krieg führen musste, au» dem er nickt wie der grosse König al« Sieger, aber doch wie er— mtt einem ZopfZhervorging." Forstnt�reilt dann eine.Proclamation" vom Offober 1T88 mit, die folgen de rmassen lautet: .EndeSunterschrtebener steht nicht an, bekannt zu machen, dass. da die abgeschnittenen Haare so viel Feinde haben, wie die roten; und da die nämlichen Feind« zugleich e» von der Person find, worauf fie wachsen: da ferner so ein« Tracht in keiner Rücksicht christlich ist. weil sonst Personen, die Christen find, sie haben würben; und da besonder» dem Endesunterschriebenen seine Haare so viel geschadet wie dem Absalon die seinigen, wiewohl au« umgekehrten Gründe»; und da ihm unter der Hand berichtet worden, dass man ihn in« Grab zu bringen suckle, weil da die Haare unter keiner Scher« wüchsen: so macht er bekannt, dass er freiwillig so lange nicht pasien will. E» wird daher einem gnädigen, hochedelgeboeenen uiw Publikum gemeldet, dass Endesunterzeichneter gesonnen ist, am nächsten Sonntage in verschiedenen wichtige» Gassen Hof» mit einem kurzen falschen Zopff zu erscheine» und mtt diesem Zopfe gleichsam wie mit einem Magnete und Seil« der Lleb« und Zauberslab« sich in den Befttz der Lieb« ewe« jeden, er heisse wie er wolle, gewaltsam zu setze«. J. P. P. R UebrigenS hielt Jean Paul nicht Wort, und noch l7gS erregte er in dem gesitteten Weimar durch den entblössten Hat» und da» frei flatternde Haar unliebsame« Aussehen. Sem.Jammer" aber über die.häßliche Nacktheit" ist ironisch oder bezieht fich auf die Glatzen. Jedenfalls gilt e«. diesen Dichter, der erner der ffeiheit» ltchswn und radikalsten seiner Zeit war. von dem«erdacht de» Zopf» mm« zu reinigen._ vorwärtSBuchdruckerei u.BerlagSanstaU Paul SingerchEo.,Berli« SW.