Hlnterhattmlgsblatt des vorwärts Nr. 262� Freitag den 29. Dezember. 1911 lNachdruck verbolen.) SSZ Die Suten von 6utenburg. Von Hermann Kurz. Ende gut, alles gut, oder auch nicht. Im Amtsstädtchen, vor Gutenburg gelegen, wollte der Findling wieder zum Oberamtmanne. Auf der Fahrt auS der Residenz nach Haufe hatte er aufs neue daran gedacht, das Erbe des Altenberger Herrn wegzugeben. Denn bisher halte er nur. seit dem Tage des Erbantrittes. Ungemach gehabt. In aller Ruhe wollte er mit dem Amtmanne reden und ihm seine Gründe mitteilen. Aber er konnte den Amtmann nicht sogleich sprechen. Und die Sehnsucht nach Gutenburg liest ihn nicht geduldig warten. Er gab darum dem Schreiber Bescheid und lies, so eilig er konnte, seiner Heimat zu. Und da verflog die trübe Stimmung, und er gedachte voller Zagen und Liebe seiner Madien. Als der Findling am Altenberger Kirchhof vorbeikam, lehnte er sich an die Mauer. Und wie er in dem Buche las, hellte sich auch noch das letzte Dunkel. Da sah er sie alle aufsteigen, die stillen Schläfer. Einer ging nach links und der andere ging nach rechts. Aber auf der einen Seite waren nur wenige, und aus der anderen Seite waren so viele. Die wenigen waren harte Herren- menschen, und manch einer, der schon gar zu lange geschlafen hatte in der kalren Kammer des Grabes, dem hing unter den gelben Nippen ein eisernes Herz, dem die Verwesung nichts hatte antun können. Und die vielen, die groste, graste Menge, die inimer mehr und mehr anschwoll und alles ausfüllte, so weit das Auge reichte, das waren die Armen, Geschlagenen. Die Iiingsten waren noch im schäbigen armseligen Toten- hemdchen vom billigsten Stoffe, und sie trottelten einher, als ob ihnen die Ruhe der Ewigkeit noch nicht recht Pastte. Und da kam einer, der pendelte hin und her, von links nach rechts, denn er wollte zum Heiland werden. Er ging zu den. wenigen mit den Eisenherzen hin, und bat um Gutes für die Armen. Aber die Reichen schauten auf diesen Heiland wie auf einen räudigen Hund. Und als er sie gar im Zusammenzählen der Goldgülden störte, da gaben sie ihm einen Fußtritt, dast die Knochen krachten und splitterten und der beinerige Heiland klapperte und abzog zu den Vielen. Dort wollte er Gutes tu», konnte aber nur Rat geben, kein Geld. Da hoben die Vielen ihre Knochenbeine und traten dem Heiland den Steiß ab. Der Getretene grinste aus seinen bohlen Augen den Find- liug an und nickte ihm zu:„Gut Brüderlein, wir sind arme Teufel!" Und da sah der Findling erst das zerschlissene hänfcrne Seil, das der totenbeinerige Heiland um den Wirbel hängen hatte und den ausgerenkten Unterkiefer. Nun ging der Beincrmann zu der Trauerweide, die sie dem reichen Blutsauger Kreuzwirtkobi aufs Erbbegräbnis gepflanzt hatten, und knüpfte sich noch einmal auf. so elend bekam ihm die Auferstehung. Da kam der Kreuzwirtkobi voller rasseln- der Wut herangehupft und riß den erhängten Knochcnrnann an den Beinen. Aber er brachte ihn nicht vom Bauine herun- ter, und als er gar zrc heftig riß, blieb ihm das rechte Bein des erhängten Heilandes in der Hand. Da fluchte der Kreuz- wirtkobi elendiglich und begann dem Herrgott seine Gut- taten vorzuhalten. „Hab' ich darum meine Kinder alle ins Kloster gesteckt und Mönche und Nonnen aus ihnen gemacht zu meiner Selig- keit? Ist das jetzt dein Tank, du Herrgott, du, dast der elende Lumpenhund da an meiner Tranerweide sich aufhängen darf?" Und dieweil der Kreuzwirtkobi wcitcrschimpfte, kam der Altenberger Herr gemächlich aus seiner Grube gefahren. Be- haglich dehnte er sich und ging auf den Findling zu. „Siehst du nun, mein Biiblein, wie's zugeht, wenn du kein Geld hast und den Heiland spielen willst?" Dieweil aber wurde dem lieben Herrgott das Gesluch dcS Kreuzwirtkobi zu dumm. Er sagte darum zum Fremden von Gutenburg, der neben ihm auf einer Wolke sast und aus» irdisckx: Jammertal herunterschaute: „Siehst du jetzt, warum ich nicht gleich auf. deine Bitte eingegangen bin? Ich kenn' die elende Bande nur zu gut; wenn die nach tausend Jahren noch einmal abkommen, dann ist allemal der Teufel los und die Kerle machen Krakeell" Der Kobi schimpfte aber aufs gräßlichste und schüttelte das ausgerissene Bein des Erhängten gen Himmel, dast et nimnier schön war. Da machte aber der liebe Gott rasch: „Kusch, kuschl" Und da klapperte es und rasselte es und gab ein Durch» einander, denn alle die Beinermänner und-frauen führe« wie der Blitz ihrer Grube zu und waren froh, wieder zur Ruhe zu kommen. Nur der Kreuzwirtkobi hatte vorher einen saftige« Aerger. Der Erhängte an der Trauerweide über Kobis Grab schien vom zweitenmal Erhängen ein wenig duselig zu sein, und da er nur noch ein Bein hatte, weil der Kobi sich auch im Tode getreu blieb und nicht mehr gerne herausgab, was er einmal hatte, fiel ihm das Gehen schwer. Darum legte er sich einfach in das prunkhafte Erbgrab des Kobi. Und da war er nicht mehr herauszubringen, trotz aller Mühe nicht. Und der Kobi schwitzte aus allen Knochen, so riß er an dem Hallunken, der sich in sein Grab gelegt hatte. Aber da machte der liebe Gott zum letzten Male ganz energisch: „Kusch, kusch!" Da hieß es, sich tummeln. Voll Wut warf der Kreuz« wirtkobi dem Erhängten sein Bein an den Kopf und ging fauchend und rasend vor Aerger in den Winkel, wo man Kehricht abladet und die Armsünder, auch den Erhängten, begraben hatte. Zum Elend des Kobi war das Grab nicht einmal geweiht, geschweige denn sah es wie ein Grab aus, sondern akkurat wie ein Misthaufen. „Herrgottsakrament I"— wollte der Kobi gerade noch sagen. Aber er konnte es nimmer: denn als er das Maul auftat, fiel das Grab über ihm zusammen und eine Kraut- stortze ihm in den Rachen, als Proviant für die Ewigkeit. Und Stille war wieder auf Erden, und der Findling allein vor dem Gottesacker an die Mauer gelehnt. Und da wußte der Findling, warum der Altenberger Herr ihm das Gut gab und was seine Bestimmung war. Helfen wollte er. den Armen beistehen, den Unterdrückten Stütze sein uiig gegen den Wuwer der Eisenherzen vorgehen. Und da schaute er das Leben anders an als früher. Er verstand jetzt das gewaltige Getriebe, das Sausen der Zeit und die Wucht der Not, die die Menschen drückt. Er verstand jetzt das Hohelied des Elends, das überall seine Melodei singt in Stadt und' Land, als Gcleitsmusik zum Kampfe ums Dasein. Und in diesem Kampfe wollte er mitstrcitcn fürderhin als ehrlicher Mensch mit einem warmen Herzen in der Brust. Und da wußte er, warum es ihn in die Stadt getrieben hatte. Das Ungemach mußte kommen und ihn wegtreiben von seinen Leuten, damit das Gestöhne der Geschundenen auch dort an sein Ohr schlüge: es schien ihm, er sähe erst heute die mannig- f chen Bilder des Weltstadtelendes. Da lag sein Leben klar vor ihm. Die beiden Madlenen waren, dieweil der Findling mit dem Amtmann seinen Handel pflog, zum Waldhüterhans herausgekommen. Wie sie hörten, dast der Findling noch nicht da war, gingen sie ihm ein Stück Weges entgegen. Als der Findling an der Altenberger Friedhofmauer lehnte und auf die Gräber schaute, die wie ein Buch dalagen, worin die Geschichte Attenbergs geschrieben war. jedes Grab ein Blatt und eine Episode, und das Ganze eine volltönige Mcnschengeschichtc von einstigem Kampf und Ringen und jetziger Ruhe, da trat an den Findling aufs neue das Leben heran. Die beiden Madlenen rissen ihn aus seinem Sinnen. Und als der Bursch die Liebste vor sich sah, ein wenig schmäler geworden und unsicher in ihrem Wesen, vergaß er alles, was ihn eben nock) befangen hatte. Er ging auf die Madien zu und gab ihr die Hand, und als die Madlen mit einem wohligen Regen in all den Sonnenschein kam. da wußte der Findling, dast er sein Glück noch vor sich hatte. Wenig gab's zu reden bei den dreien, wie sie nach Hause zogen. Und als die Madien der Liest einen Strauß Feld« Blumen auf das Grab des Altenberger Herrn legte und die beiden Liebesleut allein waren, fragte der Hindling: „Hast Du mich noch lieb, Madlen? Bist Du mir nimmer bös? Und auch denn, wenn ich wieder ein armer Habenichts bin wie damals?" Da schaute die Madlen den Findling an und sagte leise, und wieder kam ein leichtes Regengüßlein in den Sonnenschein: „Ich Hab' Dich die ganze Zeit lieb gehabt, und Hab' Dich immer lieb." Und als dann die Madlen der Liest wieder bei den beiden war, ging das Glück mit ihnen Gutenburg zu. Da war beim Findling wie mit einem Male, ohne daß er darüber nachdachte, die Meierhofgeschichte ausgeschaltet. Er hatte jetzt anderes zu tun. Mit dem Erhard wollte er , reden und um die Madlen freien. Aber vom Amtsstädtlein her kam wie ein Lauffeuer den Gutenburgern zu Gehör, welch Esel, welch dummer, der Find- ling war. Den Hof weggeben I Solch ein vernagelter, ver- simpelter Michel I Den geschenkten Hofl Und die Ratsch sagte: Das hätte ich ja voraussagen können. Wie kann da was Gutes kommen von solchem aufgelesenen Landstreicherkind, dem elendigen, miserabligen? Das ist und bleibt allemal Zigeunergesindel, lumpiges!" Und die Rätsch sprach aus, was die Gesamtheit vom Findling dachte. Als der Findling durch das Städtlein ging zum Erhard in den Schlüssel, feixten und gecksten die Leute den Burschen aus wie einen Hansnarren. Der Findling aber kümmerte sich um all das nicht. Im Schlüssel fragte er nach dem Erhard. Mürrisch und mißachtend kam der und fragte: „Was willst Du, aber mach rasch, ich Hab wenig Zeit!" Da sagte der Findling ein wenig verlegen und unsicher; „Daß die Madlen und ich uns gern haben, werdet Ihr wissen?" „Waaaas?" „Und darum möcht' ich Euch sagen, daß—" Der Erhard unterbrach ihn. „Was sagst Du? Ja heiliges, himmlisches. siedigeS. heißes Donnerwetter, was sagst Du, Bankert?" Da wurde der Findling totenblaß. Aber auf seiner Stirn schwoll die Zornesader an. Doch blieb er, so gut es ging, ruhig. Mit unterdrückter Erregung sagte er scharf und schneidend: „Ihr braucht Euch nicht aufzuregen. Das nützt alles nichts. Ich bin da, um Euch zu sagen, daß die Madlen und ich uns heiraten wollen." Da schlug der Jähzorn über den Erhard zusammen. Er schrie gell und sich überhastend: „Was fällt Dir ein. Du elender Habenichts, Du Bankert, Du miserabliger, Du elendiger? Eher schlag' ich meinem Kind mit der Axt den Schädel ein, als daß ich Dir zusag'I" Da kam die Madlen in die Stube. Sie war blaß und erregt: aber sicher und bewußt trat sie zu dem Findling heran und sagte: „Laß das, Vater! Ich bin volljährig und weiß, was ich KU tun habe und was nicht. Wenn Du nicht ja sagen kannst, ist's mir leid. Aber was zusammen muß, davor kannst Du nicht sein." Der Erhard aber war nicht zu bändigen. Im hassenden, -blinden Zorn riß er die Tür auf und schrie: „Macht, daß Ihr hinauskommt, hinaus, verdammtes Pack, verfluchtes!" Da faßte die Madien den Findling an der Hand und sagte einsach: „Komm'!" So gingen sie beide. Als sie an dem Erhard unter der Tür vorbeikamen, blieb die Madlen noch einmal stehen. Mit kaltem Gesicht und einer Stimme, die an ihren Großvater erinnerte, den Lachen- fritz, sagte sie: „Du hast uns hinausgejagt, aber hineinjagen kannst Du uns nicht mehr." Und die beiden jungen Leute verließen Hand in Hand den Schlüssel. Der Erhard aber schaute ihnen nach und konnte nicht fassen, was geschehen war. Und als ihm die beiden, der Find- ling mit der Madlen, aus den Augen entschwanden, da kam "ine bleiche Angst über ihn. Aechzend ging er zu einem Stuhle und gebrochen setzte er sich und stierte vor sich hin. * Und je mehr die Ernüchterung kam, um so grauer wurde ihm das Bild, das seine Zukunft bedeutete. Und als er sich nicht mehr halten konnte, da sank sein Haupt vornüber, und er weinte bitterlich vor sich hin. Gleich einem Kinde, das m unbedachtem Zorne sein liebstes Spielzeug zertrümmerte. Als das Weh und der Gram nicht weichen wollte, ging* er zum Schanktisch und trank hastig einige Gläser schweren Weines. Und als der Abend kam, da zauberten die Geister des Weines eine Laune wehen Behagens in den Sinn des Erhard. Und da gedachte er der anderen Madlen, seiner anderen Toch- ter, derjenigen, die er von der Liest hatte. Aber bei dem Gedanken faßte ihn neue Furcht, und er lief eilig zur Küche. Und als er dort die Madlen der Liest sah. wurde er wieder ruhig. Er trat zu dem Mädchen hin und legte ihm die Hand auf die Schulter und bettelte: „Aber Du bleibst bei mir, gelt? Du gehst nicht weg von mir, wie die andere Madlen, Deine ScÄvester? Gelt, Du gehst nicht, gelt nicht? Sag' ja. Kind, ich bitt' Dich, sag' ja und geh' nicht!" Je mehr er redete und bat, um so ärger wurde die Furcht, auch dieses Kind zu verlieren. (Schlutz folgt.) IftiicimveisKeit.*) Von Leo Tolstoi. Von der Religion. Knabe und Mutter. Knabe: Warum hat die Kinderfrau sich heute so geputzt und mir die neue Bluse angezogen? Mutter: Weil heute Feiertag ist und wir in die Kirche gehen. Knabe: Was für ein Feiertag? Mutter: Himmelfahrt. Knabe: Was heißt das— Himmelfahrt? M u t te r: Das heißt, daß unser Herr Jesus an diesem Tage in den Himmel gefahren ist. Knabe: Was heißt das— in den Himmel gefahren? Mutter: Das heißt, er ist hinaufgeflogen. Knabe: Wie denn, hinaufgeslogen— auf Flügeln? Mutter: Nicht auf Flügeln— einfach hinaufgeflogen, weil er doch Gott ist und als Gott alles kann. Knabe: Wohin ist er denn geflogen? Papa hat mir doch gesagt, daß der Himmel nur etwas Scheinbares ist, daß dort gar nichts ist, nur die Sterne, und hinter den Sternen wieder Sterne. und daß der Himmel kein Ende hat. Wohin ist er denn da geflogen? Mutter llächelt): Es gibt Dinge, die man nicht begreifen kann, die man glauben mutz. Knabe: Warum? Mutter: Weil ältere Leute es sagen. Knabe: Du hast mir aber doch selbst gesagt— damals, weißt du, wie ich sagte, daß jemand sterben wird, weil Salz verschüttet worden ist: da sagtest du mir, man müsse nicht alle Dummheiten glauben. Mutter: Dummheiten soll man auch nicht glauben. Knabe: Woran erkennt man denn, was Dummheiten sind und was nicht? Mutter: Woran?— Man soll an die wahre Religion glauben und nicht an Dummheiten. Knabe: Und welches ist denn die wahre Religion? Mutter: Das ist unsere Religion.