nterha Nr. 253. Sonnabend den 30. Dezeinber 1911 (NnSdriiS verboten.) 31] Die Guten von Gutenburg. SSon Hermann Kurz. Die Tochter der Lies, aber, die nicht den tiefen Sinn der Rede verstand, sagte voll weichen Herzens und einem uner- klärlichcn Mitgefühl zu dem angetrunkenen Manne, der so elendsvoll vor ihr stand und bat und flehte: „Nein, ich geh' nicht, ich bleio'." .„Was auch kommt, gelt. Tu bleibst? Eelt, sag', ja, Mad- len!" bat er weiter. ,.as ans tiefstem Herzen zu kommen schien. Wie befriedigte Rache war es z» schauen. Hatte der Erhard ihm sein Kind geiioinnien einstens, jetzt nahm der Findling, den der gerechte en!" fragt? der Erhard weinerlich. Da sagte die Madlen, leite weinend: „Ich habe es erst beute crfabren und wußte vorher nicht darum, und es ist doch für mis beide eine Schande so." Da kam über den Erhard mit einem Male wieder ein Rest von seinem früheren dünkelhalten Stolze. Und darum stand er ans und ging zu seinem unehelichen Kinde hin, legte beide Häüde ans die Schulter und sagte: „Laß die Schande, und die Leute, die sind Pack! Und Kind, ich Vitt' Dich, und da ich Dich lieb Hab', straf' Deinen 1010-r Vaier nichk, geh', frag' Deine Mutter und dann tafj oder tu'. tvas die sagt!" Und die Liest sagte zu ihrem Kinde: ..Bleib bei Deinem Vater, denn er braucht in der schweren Stunde, die seiner harrt, eine liebe Hand, die ihm die Augen zudrückt." Der Liesi Tochter blieb bei ihrem Vater. Der Findling aber erlebte durch das Leben, das mannig- ffa'ch ist, die Offenbarung und lernte den Willen des Alten- berger Herrn und des Fremden verstehen. Durch ein Unglück im Steinbruch war eine arme Frau mit ihre» kleinen unmündigen Kindern Wittib geworden. Und was das Weib bekam als Entgelt ihres Ernährers, war eine empörende milde Hungergabe. Da wußte der Findling, daß sein Erbe für die Notdurft der Unglücklichen aufkommen mußte. So mußte er den Hof verwalten, den Armen und Notdürftigen sollte Hilfe werden, er aber wollte ein Arbeiter sein im Weinberge des Herrn. Also bezog er den Meierhof mit seinem Weibe und dem Simon wie der Liesi. Am Sonntag ging es mit dem bekannten Trara und Pfiff im Wichs der lebenslänglichen Fräcke und Zylinder der Gutenburger zur neuen Ovation des Bürgermeisters. Wie tranken sie da wieder, die Wackeren! Als aber der Abend kam. und die schwankenden Gestalten sich ihren Penaten wieder nahten, ging in Gutenburg der Tod um und suchte eine reife Frucht. Und da er den Erhard sah in der Höhe seines Lebens- Ruhmes und in der Nähe des anstürmenden Pereat und Falles, da dachte er einen Helden zu machen, würdig des Nachruhms und der Geschichte. Darum kam den Erhard die Schwäche wieder an. als er zu Bette wollte. Und als die Madien ängstlich auf den Mann starrte, der kreideweiß mit geschlossenen Augen in den Kissen lag, kam der Tod, uin den Erhard vor dem Falle zu bewahren. Als aber der Tod die wehe Furcht des Mädchens vor dem Bette des Sterbenden sah. ließ er noch einmal den Odem des Lebens sich in den Kranken ergießen. Der Erhard schlug die Augen auf. und als er die Furcht der Madien, seines unehelichen Kindes, sah, lächelte er und «sagte: „Ah bah, mußt kcire Angst haben, es macht nichts, eS geht vorüber!" Da lächelte die Madlen traurig und nickte dem kranken Manne zu. Der aber sagte mit leiser, ersterbender Stimme, die weither aus der Ferne zu kommen schien: „Bist ein liebes Kind, Madlen, auch Deine Mutter ist gut!" Da griff es dem Erhard kalt in die Kehle, und er machte sroße, horchende Augen, und als er verstand und den Tod neben der Madlen sah, da ergriff er die Hand des Mädchens und sagte leise: „Ich glaubr, ich muß gehen, grüße Deine—." Er redete nimmer, gradaus schaute er, dann murmelte er noch:„Es war ein schöner Tag heut." Und dann schaute er unverwandt auf sein Kind, und langsam, langsam erlosch um ihn alles Licht, und die Finster- nis des Vergessens kam über ihn, und wie ihm sein Kind vor den, Auge entschwand, zerging haltlos sein Leben, und der Erlöser Tod nahm, was sein eigen. Die Gutenburger begruben ihren Bürgermeister und Meierten ihn als Helden, und heute noch erzählen Väter ihren Kindern von der Größe des Erhard. Als der Erhard neben seinem Eheweib draußen auf dem Friedhof Seite an Seite ruhte und gleich den vielen anderen ein stummes Wort in der Sage der Vergangenheit des Städt- leins bedeutete, zog der Findling mit seinen Leuten auf dem Meierhof auf. Er selbst führte den Wagen durch Gutenburg, und sein Eheweib, die Madlen. ging neben ihm. Weiter hinten folgten der Simon mit seiner Tochter und Enkelin. Und wie die Waldhütersleute so durch das Städtlein zogen, schien es. als sei eine alte Generation gegangen und käme eine junge. Junges Leben, dem das alte wich, um zu bauen auf den Trümmern, die fielen, als der Kampf tobte. Heute Totenwagen mit gefallener Frucht und morgen 'Hochzeitsgut, obenauf schaukelnd und wippend die Wiege: gestern der Erhard mit viel schwarzem Gepränge und nur wenig wehen Herzen, nun der Aufzug des Findlings. Hoffens- seligkeit im Herzen und Liebe, junge Liebe K>ie gärend'tt Wein. So war das Leben zu schauen in jenen Tagen, als der Findling in die tätigen Mannesjahre einging. Und gleich einer guten Hoffnung kam der erste Schwärm Zugvögel von Süden her und zog frühlingverkündend über Gutenburg in> das Land hinein.__„ drafbiiua. Ein japanisches Märchen von Lafcadio Hearn. Uebersetzt von Fritz Müll er-Zürich. Vor vierzchnhundert Jahren war es, dn verließ ter junge Fischer Urashima Taro in seinem Boot den Strand von Suminoye. Es war an einem Sommcrtag wie heute— verträumt und zartblau, nicht strahlend hell, weil blütenwejße Wollen über dem Meere hingen. Auch die Berge waren wie heute— weiche blaue Linien zerflossen am fernen Himmel, und so müde waren die Lüfte. Auch Urashima war müde und ließ sein Boot beim Fischen treiben. Ein merlwürdiges Boot war das. keine Farbe daran und kein Steuerruder, von einer besonderen Gestalt, wie du sie noch nie gesehen hast. Nur vor den alten Fischerdörfern, an der Küste des Japanischen Meeres, gibt es noch heute, nach vierzchnhundert Jahren, solche Boote. Lange saß Urashima an seiner Angel. Endlich zuckte es. Aber als er sie heraufzog, loar es nur eine Schildkröte. Nun find Schildkröten dem Herrgott geweiht. Sie haben ein langes Leben, wohl tausend Jahre, manche sagen zehntausend. Sie zu töten wäre Frevel. Sanft löste der Fischer die Schildkröte von seiner Leine und gab ihr die Freiheit mit einem Gebet an die Götter. Dann aber fing er nichts mehr. So heiß war der Tag, so still war Meer und Luft. Kein Leben regte sich ringsumher. Eine große Müdigkeit kam über ihn, und er schlief ein in seinem treibenden Boot. Auf einmal stieg aus der träumenden See ein wunderschönes Mädchen. Von Purpur und Azur war ihr Gewand, lange schwarze Haare flössen über ihren Rücken bis auf die Füße herab, so wie bei den Fürstentöchtern vor vierzehnhundert Jahren. Ueber das Wasser glitt sie daher, so weich wie Luft, beugte sich über den schlafenden Fischer im Boot und weckte ihn mit/eiser Hand. „Fürchte dich nicht", sagte sie.„Mein Vater. Rt Meerkönig. schickt mich zu dir, weil du ein gütiges Herz hat. Einer Schildkröle hast du heute die Freiheit gegeben. Komm mit mir in meines Vaters Palast auf der Insel, wo der Sommer niemals stirbt. Da, will ich dein Weib sein und mit dir unter Blumen glücklich leben." Voll Staunen und Bewunderung sah sie Urashima an. Denn, sie war schön über alle Maßen. Er konnte sich nicht helfen, er mußte sie lieben. Dann nahm sie ein Ruder und er das andere, und sie fuhren zusammen,— gerade so, wie heute noch die Fischer an der westlichen Küste, Mann und Frau, zusammen rudern, wenn die Boote im Abendgolde leuchten. Sanft und still glitten sie dahin über das stille blaue Wasser. dem Süden zu, bis sie zu dem Eiland kamen, wo der Sommer niemals stirbt. Langsam stieg der niedere Strand der Insel aus den blauen Wellen auf. Spitze Dächer hoben sich über immergrünes Laub. Das war des Meerkönigs Schloß, herrlich wie der Palast des Mikados Duriakn vor vierzehnhundert Jahren. Seltsame Diener empfingen sie da in festlichen Gewändern— Geschöpfe des Meeres, die Urashima willkommen hießen als den Eidam ihres Fürsten. So wurde des Mccrkönigs Tochter Urashimas Braut. Es war eine Hochzeit von wundervollem Glanz, und der Palast widerhallte von Lust und Freude. Täglich sah Urashima neue Wunder der tiefsten Tiefe, aus den des Königs Diener sie zum Lichte brachten, Wunder jenes Zauber- landes, wo der Sommer niemals stirbt. Drei Jahre flössen so dahin. Aber in all dieser Zeit lags dem Fischer schwer am Herzen,, wenn er an Vater und Mutter dachte, die auf ihn warteten. Sc» bat er endlich die Geliebte, aus«ine kleine Weile nur möge sie ihn ziehen lassen, ein Wort nur wolle er seinen Eltern sagen, und gleich wieder komme er zurück zu ihr. Da«begann sie zu weinen; lange weinte sie ganz still vor sich hin. Endlich sagte sie zu ihm:„Weil du nun gehen willst so muß ich dich ziehen lassen. Aber ich fürchte mich so sehr; ich habe Angst. wir werden uns niemals wiedcrsehen. Eine kleine Schachtel nimm jedoch von mir. Sie wird dir helfen zu deiner Wiederkehr, wenn du befolgst, was ich dir sage: Mach sie niemals auf. Ueber alles in der Welt, mach sie nicht auf— was immer dir auch begegnen mag! Denn wenn du sie öffnest, kannst du niemals wieder zurückkommen» und nie mehr sehen wir uns wieder." Darauf reichte sie ihm eine kleine buntbemalte Schachtel. Sie war mit einer seidenen Schnur verschlossen.(Bis auf den heutigen Tag zeigt man diese Schachtel im Tempel von 5kanagawa an der Meeresküste, und die Priester haben Urashimas Angelleine aufbc- wahrt und seltsame Juwelen, die er mit sich brachte von der Insel des Meerkönigs.) Aber Urashima tröstete seine Fran und versprach, niemals das Kästchen zu öffnen, niemals die seidene Schnur zu lockern. Tann zog er dahin im Sommcrlichk, über die immer stille See. Hinter ihm wie ein Traum, verblaßte die Insel, wo der Sommer niemals stirbt. Wieder sah er vor sich die blauen Berge Japans, scharf und immer schärfer in dem weißen Glanz des nordlichen Horizontes. Endlich wieder glitt sein Boot in die heimatliche Bucht, endlich wieder stand er auf ihrem Strand. Aber als er um sich sah, über- kam ihn eine große Bestürzung. Wie verzaubert kam er sich vor. War das noch derselbe Ort? Fort war die Hütte seiner Väter. Ein Dorf war da, aber die Härser waren so fremd, so fremd die Bäume und Felder und auch der Leute Gesichter. Vergeblich sah er aus nach alten, lieben Plätzen— der Shinto-Tempel schien an anderer Stelle wieder aufgebaut, verschwunden waren die Wälder von den nächsten Hügeln. Nur des Flusses Rauschen, nur der Berge Formen waren noch dieselben. Sonst war ihm alles unbekannt und neu. Umsonst suchte«r nach seinem Elternhaus. Verwundert starrte das Schiffervolk ihn an. Niemals früher hatte er diese Gesichter gesehen. Da kam ein alter, alter Mann des Weges, auf seinen Stab gestützt, und er fragte ihn nach dem Hause der Familie Urashima. Ganz verwundert sah der alte Mann ihn an. Wieder und wieder mußte Urashima fragen. Endlich rief der Alte: „Urashima Taro? Woher bist du denn, daß du das nicht weißt? Urashima Taroi Vierhundert Jahre ist es jetzt her, daß er ertrank, und ein Denkmal steht im Friedhof zu seinem Gedächtnis. All die Gräber seiner Sippschaft sind in jenem Friedhof— dem alten Friedhof dort drüben, der jetzt verlassen ist. Urashima Taroi Wie kannst du nur so närrisch sein und mich fragen, wo sein Haus ist?" Und kichernd über die Einfalt des Fremdlings, humpelte der Alte weiter. Da ging Urashima zu dem alten Friedhof, der still und vcr- lassen lag, und fand seinen eigenen Grabstein dort und die Gräber von Vater und Mutter und vielen Leuten, die er kannte. So alt ivaren die Steine, so mooszerfresscn, daß es schwer war, die Namen darauf zu lesen. Da sah er wohl, daß ihn eine seltsame Bezauberung umfing. und ging zurück ans Meeresufer. Noch immer trug er in der Hand das Kästchen, das Angebinde von des Meerkönigs Tochter._ Aber ivas war nur diese Bezauberung? Und was mochte in dem Kästchen sein? Vielleicht war gar der Grund des Zaubers in dem Kästchen drin? Da überwand der Argwohn die Treue. Ohne Besinnen brach er sein Versprechen, löste die seidene Schnur und öffnete das Kästchen. Sogleich stieg lautlos ein weißer kalter Rauchwirbel heraus. hob sich in die Luf, gleich einer Sommerwolke und tmb schnell nach Süden zu über die stille See. Sonst war nichts in dem Kästchen. Da wußte Urashima, daß er sein eigenes Glück vernichtet hatte. Niemals wieder konnte er zurück zu seiner Geliebten, des Meer- königs Tochter. Er weinte und schrie bitterlich in seiner Ver- zweiflung. Nicht lange aber. Denn plötzlich fühlte er sich verändert. Ein eisiger Frost schoß durch sein Blut— die Zähne fielen ihm aus, das Gesicht schrumpfte ihm ein. weiß wie Schnee wurde sein Haar, seine Glieder zerfielen, die Kraft ging von ihm. Leblos sank er in den Sand, zermalmt von der Wucht der vierhundert Winter. Hus der Gefcbicbtc des Kalenders. Der Kalender gehört zu den ältesten und nach dieser Beurteilung ehrtvürdigsten Einrichtungen der Menschheit. Seine Grundlagen gehen auf die chaldäische Zeit zurück und stehen in engem Zusammen- hang mit den frühesten Beobachtungen des Himmelszeltes und seiner Bewegungen. Schon vor viertausend Jahren hatten die Aegyptcr die Länge des Jahres zu 3ö5 Tagen festgesetzt,, und die Einteilung des Jahres in zwölf Monate war sogar bereits vor sechstausend Jahren bei den Chaldäcrn im Gebrauch. Die älteste Grundlage des Kalenders aber ist selbstverständlich der Tag. der überhaupt am Anfang, jeder Zeitrechnung steht, da er sich dem Menschen als natürliche Zeiteinteilung zu allererst darbot. Die Wiederkehr der alles belebenden Sonne mußte schon auf primitive Menschen den größten Eindruck machen, und deshalb teilten sie auch nach ihrem Lauf den Tag zunächst ein. Bevor man Stunden unterschied, hatte man die Bezeichnung der Morgendämmerung, des Vormittags und Nachmittags, der Abenddämmerung und de» Abends eingeführt und teilte die Nacht in vier Nachtwachen ein. Erst die alten Griechen gelangten zur regelmäßigen Zerteilung des Tages und der Nacht in je zwölf gleiche Teile und schufen somit die Stunden. Diese aber wechselten mit der Jahreszeit an Länge. und man rechnete nach Sommcrstunden und nach Winterstunden. Dunkel ist der Ursprung der W o ch e. Es läßt sich noch j»tzt nicht -sagen, wo und wann sie zuerst entstanden ist. Doch ist es wahr- fchcinlich, daß der Mensch auf sie verfiel, indem er sie der Dauer eines Mondviertels gleich setzte. Der Mond war ja in alten Zeiten stets etwas Heiliges, fein Wechsel machte einen tiefen Eindruck auf die Menschen. Je weniger man imstande war, die Ursache eines Mondwechsels einzusehen, desto größer mußte die Wirkung dieser Naturerscheinung auf das Gemüt und Interesse der Menschen sein. Doch haben nicht alle Völker des Altertums nach Wochen gerechnet. Die Griechen kannten die Woche überhaupt nicht, und die Römer 1 nahmen fie erst unter der Regierung de» Theodosius an. Die Ger» manen lernten sie überhaupt erst von den Völkern des Orients kennen und gaben daher den Wochentagen Namen nach ihren eigenen Göttern, nicht lateinische, wie sie für die Monatsbezeichnungen übernommen wurden. Die alten Römer teilten die Monate nicht in Wochen, sondern nach Kalenden, Ronen und Iben ein. Im fernen Osten zählte man übrigens die Woche zu zehn Tagen. Große Verschiedenheiten bei den einzelnen Völkern fanden auch in der Feststellung des Tages« anfanges statt. Die Chaldäer begannen ihn mit Sonnenaufgang. die Juden mit Sonnenuntergang, die Aegypter und Griechen mit Mitternacht, und wir sind demnach dem Vorbild der Griechen gc» folgt. Auch der Anfang der Woche war verschieden, bei den Aegyp- tern der Sonnabend, bei den Hebräern der Sonntag. Eine noch viel größere Mannigfaltigkeit hat begreiflicherweise in den höheren Ein, heiten des Kalenders stattgefunden. In den ersten Zeiten Roms wurde die Einteilung des Jahres in zehn Monate bestimmt. Da nun jeder Monat einem vollen Mondalter entsprechen sollte, so kann das damalige Jahr nicht einmal ganz dreihundert Tage gehabt haben. Ueber diesen Anfang des römischen Kalenders herrscht nock» keine Sicherheit. Jedenfalls muß er gegen die Kalenderwissenschast der alten Aegypter recht rückständig gewesen sein. Die Römer fingen aber von vorn an und brauchte» lange Zeit, ehe sie das lernten, was die Chaldäer schon um das Jahr 3800 vor Christi Geburt als Regel festgesetzt hatten. Die schwierigste Aufgabe war selbswerständlich die Festsetzung der Jahreslänge, denn die Beobachtung des scheinbaren Laufs der Sonne um die Erde ver- langte eine weit höhere Einsicht als die Wahrnehmung des Wechsels von Tag und Nacht oder der Mondwechsel. Die Woche ist jedenfalls früher entstanden als das Kalenderjahr. Wenn es nun wenigstens so eingerichtet gewesen wäre, daß sich die Erde in 364 Tagen ein- mal um die Sonne bewegte, so würde das Jahr genau auS 52 Wochen bestehen, und die ganze Kalenderwissenschaft wäre er- heblich einfacher geworden. Nun dauert aber diese Bewegung 365� Tage, so daß nicht einmal die Tageseinteilung glatt darin aufgeht. Das hat dem Menschen viel Kopfzerbrechen gemacht und große Verwirrungen in die früheren Kalender hineingetragen. Mußte doch JuliusCäsarbei seiner berühmten Kalenderreform nicht weniger als neunzig Tage in einem einzigen Jahre einschalten, um die aus den Fugen gegangene Zeitrechnung wieder in Ueber- einstimmung mit den Jahreszeiten zu bringen. Das sind Eni- gleisungen des Kalenders, die wir ms jetzt gar nicht vorstellen können und die selbstverständlich auch nie wieder geschehen werden. Obgleich weitere Reformen unter dem Papst Gregor dem Drei- zel�ten 1582 geschaffen worden sind, ist man auch heute mit dem Kalender immer noch nicht recht zufrieden, und gerade in den letzten Jahren sind mancherlei Vorschläge für eine weitere Umgestaltung gemacht worden. Sie zielt besonders darauf ab. die Länge der Monate auszugleichen und dafür zu si-rgen, daß dieselben Monatstage auch immer auf dieselben Wochentage fallen. Wenn wir jetzt noch einen ganz besonderen, weil von unseren Gewohnheiten durchaus abweichenden Kalender kennen lernen wollen, dann müssen wir nach China gehen. Die Ursprünge des chinesischen Kalenders gehen wahrscheinlich auf babylonische Ein- flüsse zurück und werden als einer der stärksten Beweise für die Abhängigkeit der ältesten chinesischen Kultur von der großen Völker-. wiege Vorderasiens betrachtet. Auch der chinesische Kalender ist ein Mondkalender. Die Monate haben abwechselnd 29 und 39 Tage und beginnen, wenn der Mond zwischen der Sonne und der Erde steht, also mit dem Neumond. Nach je 39 Mondumläufen schalten die Chinesen einen 13. Monat ein. Sie haben also keinen Schalttag, sondern einen Schaltmonat. Infolgedessen befinden sich die Chinesen immer wieder in Widerspruch mit den Jahres- zeitcn, und deshalb haben sie eigene Vorschriften für den Beginn von Saat und Ernte für die einzelnen Jahre ausgearbeitet. Dies ist auch der Grund, warum ein chinesischer Kalender einen dick- leidigen Band füllt. Der Schaltmonat wird immer als dritter Monat eingeschoben, und das Schaltjahr erhält dadurch eine Länge von 383 Tagen. Früher benannten die Chinesen ihre Jahre nach gewissen Tieren und gaben sogar eiircelnen Stunden derartige Bezeichnungen. Noch heute sagt ein Chinese, er sei im Drachen- oder im Hundejahr geboren, und eS gibt noch Uhren, bei denen man sagt, sie schlagen die Ratten- oder Pferdestunde. Die Stunden werden bei den Chinesen zu 129 Minuten gezählt. Kleines f euilleton. Sprachwissenschaftliches. Anschaulichkeit in der Sprache. Fn Friedrich Schlegel» .Fragmenten" steht der Satz:»Das sicherste Mittel, unverständlich oder vielmehr mißverständlich zu sein, ist, wenn man die Worte in ibrem ursprünglichen Sinne braucht...." ES scheint, daß alle Worte(soweit sie nicht ganz einsache, unübertragbare Dingworte sind wie.Baum",.Haus") von dem zeugenden mütterlichen Boden der anschaulichen Dichtersprache, ans dem sie entstanden, langsam hinüberioandern inS Bereich des gedanklichen BegrissS, dem die Sprache nicht mehr Anschannng, Zweck ist, sondern Mittel: eine logische Rechen- Maschine, die im wesentliche» Resultate liefern soll. Da» gesehene Biilt — 1012— die UusSminuy. Wird auf diesem Wege zur RedenZart, verliert wie eine abgcgriffeire Münze die Prägung und ist in der so entstandenen ÄnSdruckslosigkeit der Willtür wie beliebigem Mißverstehen aus- gesetzt. Ja. das Wort wird, bloß durch die Einbuße au sinnlichem BorstclluugSgchalt etwas so anderes, daß es zuletzt nur schwer und nicht djue Befremden noch in seinem ursprünglichen Sinne gebraucht lvcrden kann. Wer seinen Bergstock„ablehnt", Reisig„übers Knie bricht", würde nngelvohnt zri sprechen scheinen: wer etiva sagte: „Die Sonne glänzt auf der Eisenbahn", wurde diesen ur- sprünglich richtiger» Ausdruck als eine lässige Sprach- rnigenanigkeii sür„auf den Schienen" cmpsiudcn, weil„Eisenbahn" sür nrrs bereits die Gesamtheit dieses LerkehrSnnttelS bedeutet, nicht die durchs Land gelegte Bahn von Eiien. Dieser Verwandlungs- vrozcs; der Sprache vollzieht sich fortwährend. Es ist ein Absterben der Worte. Die Sprache wird mir nnlebcndigcn Slnckcu durchsetzt. Besonders in der Schriftsprache entsteht, in sedciir Augenbtick der Achtlosigkeit, dos„Papierdeutsch", ein Flug von Redensarten »nid Phrasen, von schirren, nicht mehr gesehenen Bildern. Das Lebendig- nnd Starkerbaltcn unserer Sprache ist die Pflicht jedes Schreibenden— nicht bloß des Dichters, dessen Wesen daS ist. Wer schreibt, der nehme die Sprache nicht als «tivas Selbstverständliches, nicht weiter zu Bedenkendes aus dem, »vas ringsum geredet und gedruckt wird. Der lerne sie kennen, der lebe in ihr! Wer Heimat, Abstainmnng,'ursprüngliche» Sinn der Worte, ihr sick wandelndes Larubild erkennt, der wird eine immer cmschanlichcre Sprache schreiben. Darum hörte Luther auf die Rede deö gemeinen Mannes, der langsam in Äuscharnaig nnd Bildern denkt. Das ist auch beule noch möglich. Auch heule noch bört man auf dem Lande gute Worte, in denen Leben, Anschauung. Humor is LZ. v. Sch. Technisches. Eiserne Eisenbahnwagen. Während der Lokomotivbau in Amerika imgesähr dieselbe Richtung ivie in Europa eingeschlagen hat, sind die Amerikaner auf dem Gebiete des WagenbnurS und zwar sowohl des Güter- als auch des Persoiremvagenbancs ihre eigenen Wege gegangen. Wie G u t b r o d in der„Zertschr. des Vereins deutscher Jag." ausführt, bestanden die Güterwagen die in der Hauptsache auch eine große Dragfähigkeit besitzen mutzte», ursprünglich aus einem hölzernen Kasten, der ans Räder gesetzt inurde. Bei leichten Zusanunenf ößen wurden diese Wagen stark br schädigt, bei schwereren in der Regel vollständig zertrümmert. Da aber Bauholz in Hülle nnd ssülle vorbanden war, wurden die Reste der alte» Wagen einfach verbrannt und neue gebaut. Als aber die Tragfähigkeit der Wagen immer größer nnd bis auf 50 Tonne» gesteigert wurde und gleichzeitig infolge des Raubbaues in den Waldbrstänoen eine bedrohliche Verarmung an wertvollciir Baubolz einzutreten begann, da ersetzte man das Holz durch das Eiien. Durch die Berweudnng von Eisen gewann»ran auch eine erhöhte Sicherheit gegen Beschädigungen. Heule ist der iiberivicgrnd größte Teil der anierikmiische» Güterwagen aus Eisen. Die Eiitwickelung der eisernen Personenwagen ist erheb lich langsamer vor sich gegangen. Im Jahre lS02 lenkte George Washington unter dem Eindruck der Brmrdkaiastropbe in der Pariser Ilirtergriindbahir die Aufmerksamkeit auf die Fencrgefährlichkeit der elektrischen Motorbahnioag.' r und empfahl z im»riudcste» für TunNel und llnterpflasterbahueii die ausschließliche Berwendinig von frner- sicheren eiserne» Wagen. Gerade bei Tunnelbabnen kann durch die starke Ranchentwickelung ein Brand eines Wagens großes Unheil stiften. Dieser Airregnng wurde bald Folge geleistet, und so rüstete» die Relv Aorker Bahngesellschasten die meist elektrisch betriebenen Inge »n den Tunnelanlagen mit eisernen Perioneiiivagen auS. Auf Grund der Erfahrungen bei diesen Bahnen geht man jetzt allmählich dazu auch aus anderen Strecke» über. Für die Wahl Bon Eisen war der Mangel a» Holz anSschlaggebend, der speziell »in Norden Aincrikas sich geltend rnacht. Ein Hauptvorzug der eisernen Wagen ist schließlich die größere Festigkeil bei Zttsanimeir« stöße». die bei der stetige» Erhöhung der Geschwindigkeit und Länge öer Züge eine große Rolle spielt. Die Vorteile des eisernen Personenwagens sind so ein- leuchtend, daß man die Frage auswerfen muß. od man nicht auch in Deutschland solche Wagen einführe« soll. Auch unsere Unfallstatistik •Jveist. Fälle auf, wo hölzenic Wagen verbrannten und zersplitterten. Sehr richtig bemerkt aber Gnlbrod, daß eS stets Borteilhafter ist. stall geeignete Vorkehrungen gegen die Folgen zu ergreifen, die Ursachen zu bcleiligrn. Statt für llmban iiiid Neu- fceichaffimg von Waaeir Millionen auszugeben, märe es zweckmäßiger, biese Sunimc» zunächst für die wcilcre Pcrvollkoinniuinig unserer Sicherheitscinrichinirgen zu verwenden, liniere schlurren V-Ing- »vagen haben sich nbrigens durch die kräftige Verbindung zwischen Wagenkasten und Untergestell rm&„ der Endvestibulc bei Ausaiiiinen- stößen als sehr widerstandsfähig erwiesen, nnd selbst eiserne Wagen sind bei hohe» Geschwindigkeiten gegen Zertrüniineriing nicht sicher. Auch in dem Bau der eijenien Wage» selbst gibt e« eine Reihe»och tiiigclöster Fragen. Vor allem fehlt ei» vollkommen geeignetes Jfoliernnttel für dir innere Bekleidung der Wände(Eifen ist ja ein zzrtter Wärmeiciier), und dann fehlt»och jede Erfahrung über den größten Feind aller Eiienkonstrukrione», den Rost. A. GeZiac!). Unter Leitung von S. A l a p i n. Locol. «b cd© f�h ab edo l g h Weiß zieht und macht rcinis. Lösung:(Obiges Dicgramm:('ifvZz aXS'L �Fv.d 8 lSTO i) S ch a cd n a ch r i ch t e n. Am 14. Jcmnar beginnt in Abbazia ein iliteriratipnakeAMcistcrturuier, in dem. n n r a u g c u o m m e n c s Königsgambit(1. et, eö! L. k4, ek4!) gespielt werden darf. Teilnehmerzahl 40—12. Da? Turnier ist doppelrimdig. Drei Preise von 1000, 600 und 400 Kr, Die Wohnnngs- nnd Verpflegnngs- kosten sämtlicher Teilnehmer werden vom Tnrnicrfonds bestritten. Die korrekreste Form des„a n g e n v nr m c n e n König s- g a m. b i t" ist»nieres Erachtend das„Kieieritzli-Garubit", Hierzu nachstehende kurze Ausführung: l. ei—ei, e7— e5; 2.(2— f4, 65X54! 3. Sgl—{3(Beim„Läusergambit": 3. Lc4 erlangt Schwarz mit der„M orphischen Verteidigung", in 3.... Skl> be- stehend, ein sehr ames'Spiel, z. B. 4.' 8c3, Scg,' 5. 8(3, I,b4: lZ. 0-0, 0—0:?. sä, Sg4; 8. d4. dOI; 9. h3. SoS; 10. LXS. fe3; 11. Sdä, Lo6!; 12. S>.U3. dXeS!; 13. dä. Lcä; 14. Del, LXdä; 15. Tdl. 844!: 16. LXL, DXL!; 17. 8X8!. LXS; 18. c3, LXSf; 19. DXL, Daä sc.) 3.... gT-gSl 4. KZ-d4!(Auf 4. Lei solgr 4.... LgT! nebst cvrnt. 57—56 mit Konsolidieriiiig der schwarze» Bauerukerre des Königsflügel?) 4.... g5— g4: 5. 513— c5(Minder gut ist das„Allgaier-Ganrbi:", in 5. 8gä bestehend: wegen 5.... dö! 6. vdö— Sonst folgt 57— 56 oder auch f7— f6— 6.... Ls7; 7. Üe2. 56; 8. 8o4. LXhtf; v. 8i2s. Kf3; 10. d4, f3! nebst cveut. g4— g3-c.) 5.... SgS— 16;(Oder 5.... Lg7; 6. dl, 816 7. SXr4!. SXe4: 8. LXf4, Do7; 9. Lo2, Sc6; 10. c:J. dG; U. Se3:c.) 6. Lfl— c4(Beachlenswert ist auch folgende Spielweise: 6. 8Xkt4. 8Xv4: 7. 43!. 8g3: 8. LXk4!. ZX?!— Auf Do7 folgt Ls2 nebit evcn!. Lgö!— 9. Ds2. De7!; 10. SfUf. Kd8; IL LXc7i, KXL; 12. Sdöf, KdS; 13. 3 XL. LXS; 14. Kd2l Sg3; 15. Dkl!. LXh4; 16. Sa3, dO; 17. eS, SeC; 18. Sc4 je.) 6.... d7-dS; 7. u4Xd5, Lf8-g7(Oder 7.... LdC; 8. dl!, 0-0; 9. 0-0!. 855: 10. SXg4, DXh4: 11. 852, Sg3; 12; Tel,«; 13. 8X5), Dlil-f: 14. Kf2, SoIt; 15. Ke3, DhOf: 16. Kd3!. Dg6— Ans Sc2t folgt Kc2;— 17. TXß. Lf5; 18. 3g5, Te8; 19. Sc3, 56— Ilm R2-g4 zu parieren- 20. DlS. 8d7i 21. Ld3, 8(6; 22. Tfl, LXT+; 23. 8s XL. SXS'; 24. SXS, Te7; 25. Dl5 zc. zilginiste» van Weiß) S. 32— d4, 5i6— KS; y. 0— 0. vdSXKt!>0. Vdl— ei!. 0d«X»Ii:>3- 7«IXe«. 6—0; 14. c2— c3(üblicher ist 14. 8c3. s5!: 15. 855. 8d7: 10. c3:c.) 14...... TIS— e8; 15. Lei— d2, Lc8— 15: 16. 8dl—«3 jc. Trotz deö MinnSbauern bat Weiß wegen der Schwäche des schwarzen Bauer» bei bestem Spiel genügende ReinisariSsichten.(Aus IG..... Sd7 kann sowohl 17. Ld3 als 17. SXS geschehen.) Praktisch genommen hat jedoch Weiß keine Beranlasinng eine Eröffnung zu wählen, die ibin bei bestmöglichem Spiel nur Ranis a u s i i ch l e» verschafft. Dies ist der Grund, weshalb da« Köiiigsganibit in der Meisterpraxis so selten vorkommt. In Anbetracht des dcvorstebcndcn GaurbrttrirnierS dürfte diese Rekapitulation der wichtigste» Ganrbiivarianteri manchen: unserer Sescr nicht nnwillkonniien sein. Nachstehend eine vor Jahre» gc- spielte kurze Gambitpartie von gewiffem theoretischen Jnteresie. Königsgambit. S. Alapin ll. v. Bardelcben s7— e5 1. e2— e4 2. 12— k4«SXk4I 8. Sgl— f3 g7-g5 I 4. Lfl— c4 g5— g4 5. XsSXt? 0. 813— eöf Kf7—«8 7. DdtXg4 Sg8— 16 8. Dg4Xf4 1-18—36? Von den Lehrbüchern rmpsohken, jedoch nicht das belle. Züchtig ist 3..... d6!; 9. 853. Tg8?c. 9. 0—0 Th8— 18 10. 32— 34 858— cO 11. DI4-g3I..... Die Lehrbücher empfehlen hier: .11. D56. 8X3: 12. deü, LXe5; 13. Lg5, d6; 14. Sd2". Jedoch könnte dann Schwar z mir 14...... a31 15, 8c4, Ta6! ic. die Figur behaupte». II...... 12. So5-g4! 13. e4— a5 14. Dg5— 54 15. eOXfß 16. Kgl— hl 17, c2— c4! Sc0Xd4 Ld6— c7 Sd4-e6 c7— c« DdS-bOf Db6-br. Aufgegeben. Verantwortl. Redakteur: Albert Wach«, Berlin.— Druck». Verlag: VorwärtSBuchdruckerelu.VerIagsanstl',ltPaulSingerchEo.,Perl>nLVV,'