Wnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 1. Mittwoch den 3. Januar. 1912 (TMchdnük oetsaien.) i] pelle der Gröberer. Der grosze Kampf Roman von MartinAndersenNexö- 1. Unten auf dem feuchten Boden des Schachtes wimmelte es von spielenden Kindern. Sie hingen an dem untersten Holzwerk, gingen trällernd auf den Balken rings Kerum, ein Schmalzbrot in der Hand, oder setzten sich platt nieder und scheuerten sich auf dem klebrigen Steinpflaster vorwärts. Die Luft King rauh und naßkalt verein wie in einen alten Brunnen und Katte früh Rost über die kleinen Stimmen ge- legt imd die Gesichter mit Drüsenwunden bedeckt: aber aus dem Tonnengang, der nach der Gasse hinausführte, kam hin und wieder ein warmer Hauch von Duft und blühenden Bäumen— ganz hinten vom Wall her. ..Bro-bro-brille" war ausgespielt, mit dem letzten Reiter, der in den schwarzen Kessel kam. und Hänsel und Grete! waren glücklich aus des blöden Vinzlevs Gang über den Kloakenrost in daS Vfannkuchenhaus hineingeschlüpft, das tvunderbarerweise auch Gitterstäbe vor der Tür hatte, durch die nian sowohl ein Stück Holz als auch einen Koblstock hin- durchstecken konnte, damit die Hexe da hineinschnitt. Holz- stücke und Kohlstöcke gab es reichlich in dem Kehrichtkasten rieben dem Pfannkuchenhaus, und wer die Here war, das wußte man sehr wohl! Sie kam zuweilen aus dem Keller hcrausgestürzt und jagte die ganze Schar mit einer Feuer- zange auseinander. Es war beinahe ein wenig zu natürlich: selbst der Pfannkuchengeruch kam von oben herabgeschwebt, wo die wohlhabenden Olsens wohnten, ein richtiges Märchen konnte man es nickst nennen. Aber vielleicht kam der blöde Binzlcv aus seiner Höhle heraus und erzählte die Geschickste uoch einmal wieder, wie er des Königs Gold herausgefahren und da draußen beim KönigSgrund versenkt hatte, damals, als der Deutsche im Land war. Eine ganze Schiffsladung hatten des Königs Schätze ausgemacht, kein anderer als Binzlev wußte, wo sie versenkt waren, und er wußte es auch nicht mehr. ES war ein furchtbares Geheimnis, das einen Mann wohl wunderlich im Kopfe machen konnte. Auf seiner zweireihigen Weste bewahrte er den ganzen Plan: wenn er nur von diesem Knopf bis zu dem steuerte und dann da hin- unter, dann war er bei dem Schatz. Aber nun waren einige von den Knöpfen abgefallen, und er konnte den Plan nicht wieder herausfinden. Jeden Tag halfen ihm die Kinder beim Suchen: da? war ein spannendes Stück Arbeit, denn der König war ja jetzt so ungeduldig! Es gab noch wunderbare Dinge, wie zum Beispiel wenn man sich auf das schlüpfrige Pflaster niederlegte und Hannes Spiel„Schönheit" spielte. Rickstete man den Blick aus der Dämmerung hier unten durch den schweren Schacht aufwärts zum Himmel empor, der lichtglitzernd vorüberflog und senkte ihn dann plötzlich wieder, so war es liier ganz einfach stock- dunkel.> Und in der Dunkelheit flogen gelbe lind. blaue Farbenringe, wo sonst die Kehrickstkasten und die Aborte lagen. Tie verschwenderische Flut der Farben vor dem Auge. das war die Reise weit hinaus in das Land des Glücks, nach alle dem, was sich nicht sagen ließ.„Ich sehe selbst was, und ich weiß auch gut, was es ist, aber ich sag es bloß nicht," summten sie lind nickten geheimnisvoll in das Blaue hinein. Auch das konnte zuviel des Guten werden. Aber der runde Rost dort unter dem Holzwerk, wo Hannes Vater sich ertränkte, der wurde niemals langweilig. Die Tiefe kochte dort beständig hinaus und erfüllte die kleinen Kinder mit heimlichem Grauen: die langaufgeschossenen Backfische stellten sich mit gespreizten Beinen über den Rost und ließen sich schaudernd von dem kalten Hauch von da unten her durch- rieseln. Der Rost führte ja zur Hölle hinab, und wenn man lange genug starrte, sah man einen schwachen Schimmer von einem tintenschwarzen Strom, der da unten vorüberfloß, Jeden Augenblick sandte er seine fauligen Ausstöße ins Ge- ficht hinauf: das war. der Teufel, der da unten in einer Ecke saß und keuchte. Wandte inan die Augen von der Tiefe ab, so ward das Halbdunkel des Hofes zu dem hellsten Tag. und so konnte man nach Belieben seine Welt hell oder dunkel machen. Da lagen beständig einige Kinder auf allen Vieren und spähten mit einem ängstlichen Ausdruck hinab, und gerade über dem Rost hing den ganzen Sommer hindurch ein Wolks von Mücken, die die Tiefe durch ihren Atem schwebend hielt. Sie stiegen bis zu einer bestimmten Höhe, fielen weich und stiegen wieder, gerade so wie die Kugeln eines Taschen» spielers. Zuweilen sog daS da unten den Schwärm voll- ständig an sich, aber er zog wieder empor, schwankte hin und her in dem Luftzug aus dem Tonnengang und glich einem tanzenden Geist. Die kleinen Mädchen starrten ihn an, hoben dann ibre Röcke und machten graziöse Schritte. Olsens Elvira hatte ihre ersten Tanzschritte hier gemacht, und jetzt tanzte sie ehrbare Bürger ins Armenhaus. Und die Tochter der Trödlerin war in Petersburg und beinahe Groß- fiirstin. lieber dem ganzen engen Hof hingen Vorbaue vornüber- gebeugt und morsch und ließen gerade noch eine schmale Oeff- nung, in der die Trockenleinen mit Kinderwäsche und Scheuerlappen hin- und herglitten. Die mürben, hölzernen Treppen liefen im Zickzack draußen an den Mauern ent- langt, tauchten in die Vorbaue hinein und kamen wieder heraus, bis ganz oben zur Mansarde hinauf. Von den Vorbauen und Galerien führten Türen in die Wohnungen oder zu langen Gängen, die das Innere der Häusmasse miteinander verbanden. Nur an Piepmanns Seite war weder Vorbau noch Geländer vom zweiten Stockwerk nach oben hinauf. Die Zeit hatte es ver- zehrt, so daß die Treppe allein auf ihren Stützen ruhte. Die Balkencuden ragten noch ans der Mauer hervor, wie ver- faulte Zahnstummel, und von oben herab hing ein Strick, woran niau sich festhalten konnte. Er war blank und schwarz von den vielen Händen. An so einem beißen Junitag, wenn der Himmelsraum gleich einem knisternden Brand über den Spalt dort oben hinzog, lebte das schwere, morsche Holzwerk wieder auf und ward zum Hochwald. Schwatzende Wesen jagten zwischen den Sprossen aus und ein. Schatten kamen und verschwanden, ein unaufhaltsames Plaudern füllte die Dämmerung. Von Vorbau zu Vorbau tropfte eS von säuerlicher Lauge der Kinderwäsche, bis ganz hinab auf den Grund, wo die Kinder in dem trägen Bache spielten, der aus den Abflußrinnen floß. Das Holzwerk knarrte fortwährend wie alte Zweige, die sich gegeneinander reiben, naßkalter Geruch von erdiger und ulmiger Vegetation legte sich sättigend auf den Atem, und alles, was man anrührte, hatte eine Schicht Schleim, wie in- folge von übermäßigsr Ucppigkeit. Der Blick konnte nicht zwei Schritt wandern, ehe er vom Holzwerk gehemmt wurde, aber da hinten ahnte man Welten. Wenn die Türen zu den langen Gängen sich rniftaten und schlössen, brachen sich Laute von den unzähligen Wesen in der Tiefe der Arche Balm: das Weinen kleiner Kinder, das eigen- tümliche Pusseln von Sonderlingen und Verbuddelten, ganze LebcnSschicksale spielten sich da drinnen ungestört ab. ohne sich jemals an das Licht deS Tages zu wagen.— Auf Piepmanns Seite ragten die Abflußröhren gerade ans der Mauer heraus und glichen Waldteufeln, die ans dem Dickicht heraus- greinten mit offenem Munde und langem, grauen Bart, der rosenrote Regcnwürmcr erzeugte und zuweilen mit einem schweren Klatschen in den Hof hinabfiel. Aus den Mauer- löchern heraus wuchsen grüne, hängende Büsche. Das Ab- Waschwasser sickerte durch sie hindurch und tropfte mannig» faltig, wie das nasse Haar des Waldes. Drinnen in dem grünen, tropfenden Dunkel saßen wunderbar gezeichnete Kröten, wie kleine Quellcngimpfen, eine jede in ihrer Grotte und glänzten von der giftigen Feuchtigkeit. Und oben in dem Holzwerk am dritten Stockwerk hing Hannes Kanarienvogel und saug ganz verschroben, den Schnabel zu dem Fenerfleck da oben cmporgewandt. lieber den Boden des Hofes ging ein endloses Gerenne von Wesen, von lichtscheuen Geschöpfen, die aus dem reichhaltigen Bauch der Arche auftauchten oder darin verschwanden. Tie Meisten waren Frauen, wunderlich gekleidet, krankhaft bleich, mit jene», Zusatz von schwarz, als sei die Finsternis in die Haut hineingedrungen, mit erschlaff- tcn Zügen, aber mit fanatisch schimmernden Augen. Alte Männchen, die sonst zitternd in ciaein dunklen Winkel lagen und auf den Tod warteten, kamen aus die Galerien hinausgekrabbelt, steckten die Rase zu dem funkeln- den Himnielssleck empor und niesten dreimal.„Tos ist die Sonne," sagten sie entzückt zueinander.„Hapisch! Tann er- kältet man sich im Winter nicht so leicht!" � 2. Tben aus Piepmanns Mansarde trat ein junger Mann aus die Plattform hinaus. Er stand einen Augenblick da und reckte das Antlitz lachend zu dem hellen Himmel empor. Dann duckte er den Kopf und lies die Hiihnerstiege hinab, ohne sich an dem Strick festzuhalten. Unter den. Arm hatte er etwas, das in ein blaues Tuch gewickelt war. «Seh mal einer den Clown an, er lacht der Sonne gerade ins Gesicht, als wenn es nicht etwas gäbe, was blind werden heißt!" sagten die Frauen und steckten die Köpfe durch das Holzwcrk:„Aber er ist ja auch von, Lande, ja natürlich. Und nu will er hin und die Arbeit abliesern. Herr Gott, wie lange er woll noch da oben sitzen und das Brot für den Aussauger verdienen wird? Tann wird das Rot auf seinen Wangen auch bald weg sein, wenn er noch lange da bleibt." Sie sahen ihm besorgt nach. Die Kinder unten auf dem Hos hoben die Köpfe, als sie hörten, daß er iiber sie hinwegschritt. „Hast Tu heute feines Leder für uns, Pelle?" riefen sie und zerrten ihn an den Beinkleidern. Er holte kleine Stücke Lackleder und rotes imitiertes Saffianleder aus den Taschen. „Das ist von des Kaisers neuen Pantoffeln," sagte er, indem er es unter sie verteilte. Tann lachtew die Kleinen, daß es in ihren Kehlen kochte. Pelle war ganz der alte, nur ging er �aufrechter und elastischer und hatte einen kleinen blonden Schnurrbart be- kommen. Tie Klappohren waren ein wenig in sich hinein- gekrochen, als sei keine so starke Verwendung mehr für sie. Tie blauen Augen nahmen noch immer alles für gute Miinzc, hatten sich aber„och einen kleinen Zug zugelegt, der besagte, daß es nicht mehr mit ihrem guten Willen geschah. Tie Glückslocke schimmerte ganz goldig. Tic engen Gassen lagen da und grübelten beständig über dieselbe unleidlich dicke Lust nach, die sich niemals zu erneuern schien. J£ie Häuser waren schmutzig und baufällig: wo ein wenig Sonne em Fenster streifte, lagen fleckige Betten zum Trocknen ausgebreitet. Sben in einer Seitenstraße hielt ein Krankenwagen', Frauen und Kinder umstanden ihn und warteten gespannt darauf, daß die Träger mit einer umheim- lichen Last kommen sollten, und Pelle schloß sich ihnen a„: er mußte alles mitnehmen. tForisetzung folgt.) C�chdnick vcrbolcii.» Krifeban Blfters r)cinikebr. Novelle von Karl Busse. Krischan Elster mar wiel'cr da. Bor, drei, vier Jahren hatte er genbivoren, er lvollte als„Millionenonlel" zurückkehren. Danach sah er nickt au-?. .Wie ist Dir zumine?* fragte Mutter Behrend, die Waschfrau, ihr Lifeken. Die strich sich mit dem Ann da? Haar aus der Stirn. Mit dem Arm, beim die Hau de lvaren voll Seiienschamn. .Die Millionen." sagie sie,»schenk ich ihm. Wenn er nur nicht der Narr geblieben ist, der er mar." Eine halbe Stunde später saß Krischan im Waschkeller. Kübel voll eingemeichien Leinenzeug?, große Kessel, darin e? kocht, Zuber, in denen e? geseift und gerieben wurde— über allem der Dunst, der schloere, beiße Brodem, der sich an den Wänden niederschlug. Die Mutter hatte sich die Hände getrocknet und war nach oben gegangen, in die ärmliche Wohnung, um zu frühstücken. Liseken wusch weiter inib unterhielt sich mit Kriichan Elster. Er hatte die Tonpseise schräg im Mund, qualmte, spie au? und sagte:„Kapitän und Stiiermann. Liseken... endlich mal wieder zusannnen! Laß Dich mal besichtigen. Wenn man so„drüben" und draußen war und viel gekehen hat..." Sr stand auf. Mit dem breiten, wiegenden Gang kam er heran av sie. Sie lachte, ließ sich aber nicht stören. Der Seifenschaum spritzt« bis in sein Gesicht. „Brennt wie Salzwasser," sagte er und wischis da-Z Fleckchen fort.„Liseken, Du bist Verslucht hübsch geworden. Krieg' ich den Willkomm?" Sie bearbeitete gerade ein Laken..Laß' Dich mal be- sichtigen," erwiderte sie,„wenn man immer hier war und nichts ge- sehen hat..." Sie kniff ein Auge zu. Doch als hätte er die Prüfung nicht bestanden, schüttelte fie den Kovf. „Biel Staat ist nicht mit Dir zu machen, Krischan." „Oho," fuhr er auf.„bist Du so ein verwöhntes Tierchen ge- worden? Ten Kuß. denk ich, bist Du mir noch schuldig. Als ich wegging, sollte ich zwölf haben, gerad' ein Dutzend. Aber nach dem elften hast Du gesagt:„So... den letzten behalt' ich, damit Du Sehnsucht kriegst. Hol' ihn Dir, wenn Du wieder kommst. Denk' dran, wenn Du aus dem Meer schwimmst." Gut— hier bln ich. Zahl' auS, Lijeke»!" .Wart' ein Weilchen. Erst will ich hören. Wo warst Du?" Bin ich braun gebrannt?" fragte er wieder. .Ziemlich." „Tropensonne," sagte er trocken. Er klopfte die Pfeife auS, setzte sich, zog den Tabaksbeutel. „Erst von hier nach Hamburg. Gleich angeheuert für die „Marie". Schön. Soll nach Valparaiso. Ich schreib' noch einen Brief an Dich. Bekommen?" „Schon recht," nickte sie und wusch weiter.„ES stand aber nichts von Val... Valparaiso drin. Nur von Australien." Mit dem Zeigefinger und Daumen hielt er den Tabak, um die Pfeife neu zu stopfen. „Australien? So? Und gelaffen und überlegen:„Valparaiso, Liseken, liegt in Australien. Also stimmt eS. Mit den Erdteilen seid ihr Landratten immer in Konfusion." „Na schön! Unser Kapitän war ein Satan. Schuften haben wir muffen, dabei kleine Nanoiien, Aber nach vierzehn Tagen, als wir so um Spanien'rumschiffen. sagt er zu nur:.Krischan Elster." sagt er,„Tu bist ein Kerl, auf dem Platz. Wir kommen jetzt bald zu den Türken— paß gut auf! Die Luders sind gefährlich. Läuter Seeräuber. Kriichan Elster, ilctter' mal hoch auf den Ausanck." � „Avec plaifir," sagte ich und klettere auch �wirklich in die Höhe. Vielleicht drennal so hoch wie der Kiräitum. Setz' mich in den Korb und seh hinaus. StichlS... nur Meer, Meer. Meer. Da denk' ich an den zwölften Kuß. den ich nicht gekriegt bab'. Inzwischen zieh',, Wolken auf. die See stürmt, mein Korb fliegt hin und her, daß ich mich kaum halten kanu. Und mit einem Mal... gar nicht mehr mehr weit... Jesus Christus, der Türke!" „Kapitän," schrei ich— keiner hört es durch den Sturm. Ich brüll' wie beseffcn:.Stüermann!" Nichts l Ich will'runter» klettern." «Lücken, die Strickleiter fliegt wie'n Karuffel. Es hilft nichts." „Und schon ist der Türke dran. Kaum zu glauben, wie schnell I Krach— schlagen die Enterhaken ein. Unser Kapitän, der Satan, kämpft wie ein Verzweifelter. Aber, Liseken. Du kennst die Türken nicht. Wie die Teusel klettern sie aufs Schiff. Mit blutroten Tnr» bauen; ans jedem blitzt der Halbmond. Alle fletschen die Zähne und stoße» ein Geheul aus wie die Menagericbestien. Im Handumdrehen ist drei Viertel unserer Mannschaft niedergemacht, das letzte Viertel wird gebunden und nach unten geschleppt. Ein paar Fässer«alz rollt die Bande auch hinab. Da wird es mir zur schrecklichen Ge» wißheit, was die Schufte vorhaben, waö sie mit den Gefangenen machen wollen." „Erschrick nicht, Liseken!" Die Pfeile war beinah' ausgegangen. Liseken wusch nicht weiter. Sie maß Krischan Elster, dein der Schweiß ans der Stirn stand, mit rineni gespannten prüfenden Blick. „Mas denn?" fragte sie. Und er, dumpf:. Einpökeln. Fressen." „Menschen?" „Menschen I" „Derweil sitz' ich in meine:» Korb, der immer noch hin- und hersauft. WaS kann ich tun? Mich ins Meer stürzen? Hier oben verhungern? Runterklettern, wenn der Wind sich gelegt hat, um in Salz gepackt zu werden? Und immer denk ich, daß ich den zwölften Kuß noch nicht Hab'." .Ich bleib' sitzen und kehr' meine Taschen um. Gottlob, ich Hab' noch ein Stück Brot, ein Stück Kautabak und so'» lütten, aber scharfen Dolch bei mir. Zwei, drei Tage halt ich's ans, wcun'S nicht anders geht. Und dann wollt ich mit einem„Leb' wohl, Liseken I" ins Meer springen. Lieber von einem Haifisch gefressen werden als von dein zweibeinigen Heidenzeug." .Ich merk', daß die Türken sich teilen. Die größere Zahl geht auf das alte, eigene Schiff zurück: die kleinere soll unsere.Marie" in irgend eme» Schlupswinkel vom Hasen bugsieren. Also los I Der Wind beruhigt sich. Mein Korb schaukelt nicht mehr so. ES wär' ganz gemütlich, wenn ich nicht mit einem Male sähe, wie einer von den Zahilefletsckiern flink wie ein Asse die Strickleiter in die Höhe kommr. Der Schreck geht mir bis in die Kniekehlen. Krischan Elster, denk' ich, sag' Liseken und der Welt ade!" „Da sühl ich den lütten Dolch. Wenn schon, denn schon— dann muß eine Heidenseelc auch noch ins Jenseits mit. Ich faß ihn, da legen sich schon zwei schwarzbraune Hände um den Korbraud— vrrr, Liseken, waren die dreckig— Und daS Affengesicht muß im Nu ericheinen." „Ich jedoch, ohne mich aufzurichten, mit dem lütten, aber scharfen Dolch ritsch über die Hände weg— zieh' aus aller Kraft— ein Geheul— plunipS, aus der furchtbaren Höhe, dreimal so hoch wie der Kirchturm stürzt der Zähnefletscher ab. Mit zerschmettertem Kopf bleibt er unten liegen." „Gut gemacht, denk' ich. Ter kleine Finger war mir. ob- geschnitten, in den Korb gefallen. Deubel, sah der aus! Aber ich sage mir: komm' ich loS, ist'S ein Andenken. Mit einem Stück ZcitmtgSpapicr heb' ich ihn auf. wickle ihn ein und steck' ihn in die Westentasche." „Unten die Türken stehen um den Toten, reden, schreien, zanken, aber ich merke, daß sie glauben, er sei durch seine Ungeschicklichkeit abgestürzt. Diese TeuselSanbeter machen kurzen Prozeß. Wersen die Leiche ins Meer. Das Schlimme jedoch für sie war: sie hatte» nun nicht genug Leute zur Bedienung des Schiffes. Deshalb mußten sie einen Gefangenen losmachen." „Richiig: Jochen Stuhr wird'raufgeholt, losgebunden und muß helfen. Aber im Ausguck muß einer sitzen. Denn sieh nial, Liscken: gerade die Seeräuber müssen natürlich den großen Kriegsschiffen aus dem Wege geb'n. Verstanden? Schön." „Also kriecht bald ein zweiter Deubel in die Höhe. Ritsch, dies- mal schneid' ich den Daumen weg. Plumps— unten liegt der Heide. Furchtbare Aufregung. Große Beratung. Ein zweiter Gefangener muß'ramgeholt werden: Wilhelm Schöne ans Stettin— was sagst Du dazu?" „Ich aber wisch das Blut vom Dolch, schneid mein Brot und esse." „Jetzt ist es der Bande unten nicht geheuer mit dem Korbe. llnd sie zwingen Jechen Stöhr zum Rausklettern. Gut. daß ich ihn erkenn'." „Stieg man rinne, Jochen." segg ick, denn er ist aus Meckeln- borg, und man muß plaitdütsch mit ehm suackcn." "„Düwel ook," seagt be..Krischan Elster, büst Du't würllich?" „Tat hat sin Richtigkeit, ool Fründ," anlwort' ich und hcls' ihm rein,„lln Du. wie ick leh', büst noch nicht inpökclt." „Von unten können sie bei der Entfernung das Reden nicht höre». Wir aber machen aus. daß er wieder'runtersteigcn und den schwarzbraunen Deibels klar machen soll, daß im Korb alles in Ordnung ist. Dann schneid' ich auch dem dritten die Fingerchen ab. .in der Nacht, wenn nur die beiden Posten wachen, wollen wir die Gefangenen befreien, ich steig' runter, wir metzeln alles nieder, und wir sind gerettet." (Schluß folgt.) Oer lUubenKdomft als Gärtner und Kleintierzüchter. Die Kaninchenzucht. Unter allen Klcinticrcn, die der Laubenkolonist und Parzellen- bcsitzer züchten kann, der nicht nur seiner Liebe zur Tierwelt eine kleine Konzession machen will, sondern auch von seiner Zucht einen bescheidenen Nebenverdienst erhofft, steht das Kaninchen an erster Stelle. Daö Halten der Ziege, die nicht mit Unrecht die Kuh des kleinen ManncS genannt wird, erfordert schon eine nicht ohne größere Unkosten herzurichtende geräumige Stallung, und der- ursacht viel Arbeitsaufwand, die Geflügelhaltung ist gleichfalls mit größeren Umständen, auch mit manchen Unzuträglichkeiten ver- bunden und immer unlohncnder geworden, da das Körnerfutter durch die kurzsichtige Schutzzollpolitik auf einen geradezu uner- fchlvinglichcn Preisstand getrieben ist. Wenn das Kaninchen auch nicht so anspruchlos wie das Schwein, dieser Allcsfrcsser, ist und durchaus gutes, gesundes Futter verlangt, so ist doch seine Zucht und Haltung insofern für jeden Gartenbesitzer vorteilhaft, weil sich dabei eine wesentliche Menge von Wirtschafts- und Garten- abfallen verwerten läßt. Hierher gehören z. B. Brot- und Gemüse- abfalle jeder Art, Rüben- und Kartoffelschalcn. Obstschalen und Kerngehäuse, übrig gebliebene gekochte Kartoffeln u. a. Ferner liefert jede Gartenparzelle eine Masse von Abgängen, die man ge- meinhin ohne weiteres ans den Komposthaufcn wirft, die aber eine vorzügliche Kaninchennahrung abgeben können und aus dem Um- weg durch den Magen des Kaninchens einen weit besseren Garten- dünger liefern. Und Kaninchendünger ist von hohem Wert für unsere Kulturen. Zu den besagten Gartenabfällcn gehören zahl- reiche— nicht alle— Unkräuter, muffig gewordene Radieschen und Rettiche, hart und holzig gewordene Kohlrabi, geringe Früchte von Gurken-und Tomaten, und alles in Samen schießende, für die Küche unbrauchbare Gemüse, wie Salat und Blumenkohl, über- ständige Küchenkräutcr, das beim Sonunerfchnitt abfallende Gc- zweig verschiedener Gehölze, sowie der Hcckenpslanzen usw. Zu ollen diesen Vorteilen tritt noch hinzu, daß das Kaninchen in bezug auf Stallung und Stallraum entschieden da? anspruchloseste un- scrcr kleinen Haustiere ist. Alte Kisten eignen sich schon vorzüglich zur Herstellung einfacher aber zweckmäßiger Kaninchenställe, unter Umständen schon alte Herings» oder Zementtonncn, Für vi« Errichtung der Stallung wählt man irgendeine gegen die bor, herrschende Windrichtung geschützte Gartenccke, die wenn möglicb, nach Osten oder Südosten gerichtet ist: bei direkter Südlagc muß ein über die Stallung vorspringendes Dach die Wirkung der heißen Sonnenstrahlen abschwächen. Die Größe der Stallung richtet sich nach der Größe der Rasse, die man züchten will. Die großen schweren Fleischrassen erfordern etwa den doppelten Raum der kleinen Rassen. Der Einzelstall für eine Häsin der großen Rassen soll etlva 110— 130 Zentimeter lang, 60—75 Zentimeter breit und 50— 70 Zentimeter hoch sein. Für das männliche Kaninchen, den Rammler� der immer getrennt gehalten wird, genügt eine etwas kleinere Stallung, deren Länge mit 80 Zentimetern reichlich genug bemessen ist. Kaninchen sind außerordentlich reinliche Tiere, für die an» dauernde Trockenheit von großer Wichtigkeit ist; im nassen Stall erkranken sie bald und gehen ein. Aus diesem Grunde mutz unter allen Umständen das Lager immer trocken sein, der Urin also rasch und vollständig abfließen können. Dies erreicht man durch eine geneigte Lage des BodenS, den man mit Dachpappe benagelt, über den man dann noch einen Holzrost aus nebeneinander genagelten flachen Leisten legt. Der freie Zwischenraum zwischen den ein- zclnen Leisten soll so eng sein, daß wohl der Harn ablausen, nicht aber die Exkremente mit durchfallen könne». Eine Rinne soll die Flüssigkeit auffangen und ein Abflußrohr soll sie ableiten. Diese Ableitung des Harns ist da von besonderer Wichtigkeit, wo man mehrere Stallkisten übereinander setzt. Das Kaninchen ist kein Nachttier wie mancher anzunehmen scheint, es braucht Licht und Sonne, deshalb muß jede Stallung gut belichtet sein. Den notwendigen Lichizutritt erzielt man, in- dem die vorn an jedem Einzelstall anzubringende Falltür au» einem mit engmaschigen Drahtgeflecht überspannten Rohmen her- gestellt wird. Das enge Geflecht ist notwendig, um den Mäusen den Zutritt zu verwehren. Stellt man mehrere Einzelställe neben- und übereinander, so läßt man immer zwischen 2 Kästen einen handbreiten Luftraum, der mit wärmendem Material ausgesüllt wird. Hierzu verwendet man am besten Holzwolle, die von den Mäusen gemieden wird. Selbstverständlich kann man auch- auf dem Erdboden feste'Stallungen errichten, dann muß der Boden aber betoniert sein, damit sich die Kaninchen nicht durchwühlen können, und den Ratten, Katzen usw. der Eintritt absolut ver- scbloffcn ist. Die schlimmsten Feinde der Kaninchen aus dem Tierreiche sind die Hauskatze, die Ratte, ferner Wiesel, Iltis und Marder. Von großer Wichtigkeit ist es. das Eindringen des Regens in die Stallungen unmöglich zu machen. Dies geschieht am einfachsten durch Anbringung eines schrägen Daches, das man mit Dachpappe oder Ruberoid benagelt. Dachpappe erfordert jährlichen- Teer- anstrich, Ruberoid nicht. Ich verjvcirdc seit 10 Jahren das letztere zu allen Bedachungen und kann es bestens empfehlen. In stärkster Qualität kostet es 1 M. pro Quadratmeter, billigere Marken, die sich gleichfalls jahrelang halten, sind aber auch schon zum halben Preise und darunter erhältlich. Vor 20—30 Jahren steckte die Kaninchenzucht bei uns noch in den Kinderschuhen, daS Kaninchen war damals gewissermaßen nur als lebendes Kiirderspielzcug geschätzt. Auch ich führte meine ersten Tierzuchtversuche als kleiner Schuljunge mit Kaninchen aus, und zwar mit dem gemeinen Stallhasen, dessen schneeweiße, rotäug ige Varietät ein wirklich prächtiges Tier ist. Heute wird er in zahl- reichen Farbenspielarten gezogen, deren beliebteste das Silber- kaninchen ist, das übrigens pechschwarz zur Welt kommt und sich erst später verfärbt. Andere prächtige Varietäten sind das rot- äugige russische Kaninchen, weiß mit schwarzen Ohren. schwarzer Schnauze und schmerzen Füßen, das gleichfalls schwarz und weiße holländische Kaninchen und das Black and tan (d. b. schwarz- und lohfarbig) gezeichnete Kaninchen. Unser gemeines Karinckel ist ein Abkömmling des wilden Kaninchens, das als großer Schädling der Forst- und Landwirt- schast gilt, und in manchen Gegenden infolge seiner enormen Ver- mehrungsfähigkeit, namentlich in Australien, zu einer wahren Landplage geworden ist. In warmen Ländern jetzt nach Brehm jedes Weibchen im Jahre 7mal Junge ab. Nimmt man an. daß jeder Satz im Durchschnitt 8 Junge bringt, so könnte die gesamte Nachkommenschast eines einzigen Kaninchens in 4 Jahren die un- geheure Zahl von 1274 840 Stück betragen. Wegen einer solch riesenhaften' Nachkommenschaft brauchen sich aber unsere Züchter keine grauen Haare wachsen zu lassen. Tie Tragzeit beträgt beim zahmen Kaninchen ebenso wie beim Feldhasen und beim wilden Kaninchen 30—31 Tage. Ter Züchter muß die Jungen, obwohl sie schon nach 4 Wecken Grünes zu fressen beginnen, wenn er sachgemäß züchten will, 2 volle Monate bei der Mutier lassen, weshalb diese frühestens nach 3 Monaten erneut gedeckt werden sollte. Hieraus geht hervor, daß im Kreislauf des Jahres höchstens 4 Würfe zu erwarten sind. Da wir aber im Winter oft mit einer langen und harten Kälteperiode zu rechnen haben, wira man sich in der Regel mit 3 Würfen abfinden müssen. Wenn man nun auch die Durchschnittszahl der Jungen eines jeden Wurfes mit 8 annehmen kann, so läßt doch der denkende Züchter jeder Zibbe nur 5—6, die übrigen werden entweder einer zweiten Mutter beigegeben, die einem verunglückten Wurf hatte, oder getötet. Die jungen Kaninchen sind bereits im Alter von 4 Mo- naten sortpslanzungsfähig, aber in diesem Alter noch wenig entwickelt, Zur Erzielung eines krästigcn Nachwuchses gehören Äe» kräftig! Mütter, desliaw laßt man Jungtiere frühestens tnr Alter von 8. besser erst im Alter von 9 Monaten decken. Die männlichen Jungtiere müssen bereit» im Alter von 3 Monaten von den tvcib- üchen getrennt werden, letztere können länger gemeinsam gehalten werden, wenn Acitzereien nicht eine frühere Trennung notwendig erscheinen lassen. Man faßt die Kaninchen nicht, wie es leider „och so oft gschieht, bei den Ohren, sondern im Nacken am losen Fell. AlS die Zucht noch in den Kinderschuhen steckte, hielt man Stammler und Zibben sowie Hungticre in gemeinschaftlichen Zucht- räumen, was bald ein Degenericren zur Folge hatte. Heute ist überall die Einzclzucht durchgeführt. Man gibt die Zibbe, die gedeckt werden soll, immer nur vorübergehend zum Bock und zwar durchschnittlich nur 13 Minuten lang, nach 14 Tagen bann noch- malS, um festzustellen, ob Befruchtung stattgefunden hat. Das ist der Fall, wenn das weibliche Tier den Rammler nicht mehr zu- läßt sondern abbeißt. Kurz vor Beendigung der Tragzeit richtet sich da? Mutter- tier ein Nest für die Jungen her. Zu diesem Zweck gibt man einen geräumigen Kasten in den Einzclstall mit Schlupflock und Tür. Tie Türe hat den Zweck, dem Züchter die Möglichkeit zu bieten, nacki dem Absetzen der Jungen die 9 Tage blind sind, diese gu kontrollieren, totgeborene zu entfernen und die verbleibenden auf die richtige Zahl(3— L Stück) zu beschränken. Das von der Mutter bsrgerichtete Nest wird von ihr gewöhnlich mit Wolle ge- polstert, die sie sich selbst aus dem Bauche herausreißt. Als Stall- streu verwendet man, wenn möglich, sogenanntes Langstr5h, das in der richtigen Größe zerschnitten wird. Fortzesetze Inzucht führt zur Entartung(Degeneration) und ist deshalb zu vermeiden. Au- diesem Grunde muß der Züchter von Zeit zu Zeit einen neuen Rammler anschaffen oder aus- tauschen, was indessen nicht ausschließt, daß man auch gelcgcnt- lich einmal den Bruder mit der Schwester, den Vater mit der eigenen Mutter oder Tochter paaren kann. Ueber die Fütterung der Kaninchen habe ich mich sdion kurz geäußert. Alte, ausgewachsene Tiere werden Lmal täglich, morgen? und nachmittags, gefüttert, junge, noch in der Ent- Wicklung begriffene, möglichst 4- bis 3inal. Besondere Sorgfalt erfordert die Fütterung der säugenden Mutter; ihr gebe man als Extrakost, wenn möglich, Lmal am Tage je eine Schale lau- warmer Milch mit Weißbrot. Im Sommer füttert man viel Grünes. Von Unkräutern: Vogelmierc, Hederich, Löwenzahn, Kreuzkraut, Sauerampfer, Thymian; von Gemüsen: Salat, Rüben- und Kohlabfälle, Boretsch, Karotten, Kartoffeln usw. Im Winter stehen uns Kohlköpfe zur Verfügung, ferner Möhren, Kohlrüben, Kartoffeln, und von G-rünfuAer: Grünkohl und der bekannte holländische Feldsalat, auch Rabinschen und MauSöhrchen genannt, den man auf abgeernteten Beeten aussät, ohne sie zu graben, und Hessen Rosetten dann im Winter mit scharfem Messer ausgestochen werden. Auch Spinat, süße Gräser, Seradclla, Klee und Luzerne sind gutes Grünfutter. Die Fütterung stellt sich auch da recht billig, wo die Hauptfuttcrmittel: Kohl, Runkelrüben und Kar- toffeln gekauft werden müssen, doch dürfen nicht Berliner Markt- preise die Grundlage der Berechnung bilden. In normalen Jahren gahlt man im Großhandel für den Zentner Runkelrüben 39 Pf., für den Zentner Weißkohl 89 Pf.(wofür man in Berlin zurzeit liöchstens 3 Köpfe erstehen kann). Für Futtcrkartofseln 1 bis IVt MI. pro Zentner. Wer feine und vollfleischige Tiere züchten will, der muß auch etwas Körnerfutter geben, Hafer und Gerste (Preis früher ßVi bis 7%. Mk., jetzt 11 bis 12 Mf. pro Zentner). Bei vorwiegender Grünfüttcrung haben die Tiere so gut wie gar kein Saufbedürfnis, immerhin ist eS aber zu empfehlen, täglich einmal Wasser in einem feststehenden, flachen Gefäß zu bieten, da» man nack» kurzer Zeit wieder entfernt, damit die Tiere sich und den Stall nicht benässen. Aengsiliche Gemüter möchte ich noch darauf hinweisen, daß Kaninchen nicht frostempfindlich sind, also in den nach meinen An- gaben hergestellten Stallungen die strengste Frostperiode über- dauern, vorausgesetzt, daß man ihnen kein gefrorenes und durch- näßtes Futter bietet; auch im Sommer muß das Futter tau. und wasserfrei sein. �Jch empfehle dem Anfänger nur wenig Tiere und nur eine Rasse zu halten, entweder Fleisch- oder Farbenkaninchen. Zu den Aleischkaninchen gehören die großen sckiweren Rassen, das bel- gische Riesenkaninchen, meist grau aber auch in anderen Aarben gezüchtet, da» belgiscbe Land kanincken, auch deutsches Scheckenkaninchcn genannt, auf weißem Grunde schwarz gefleckt. und das französische W i dd e r kanincken mit kolossalen Ecklappohren. Noch gewaltigere Ohrlöfsel hat das e n g l i f ck c W id d e r taninchen. dessen Hängeohren bis 93 Zentimeter Länge erreichen. Die beiden erstgenannten Rassen stehen als Fleischtiere an erster Stelle, da sie ausgewachsen 6 bis 9 Kilo schwer werden. In weiten Kreisen begegnet man dem Kaninchenfleisch mit einem gewissen Vorurteil, das aber durchaus unberechtigt ist. Kaninchenfleisch ist nahrhafter als Schweinefleisch, und steht im Nährwert aus glcicker Höhe mit Rind- und Hühnerfleisch. Es ist wohlschmeckend, bekömmlich und kann auf die verschiedenste Art zubereitet werden.� In Frankreich. Belgien und England hat »nan den Wert diese? Fleische» längst anerkannt. � verantwortl. Redakteur: Albert WachMSalm.— Druck u, Verlag; In Belgien ist säst jeder Arbeiter und Handwerker Kaninchen- züchter, und e» soll au» diesem kleinen Lande für etwa 49 Mil- lionen Mark jährlich Kaninchenfleisch nach anderen Ländern, vor» zugsweise nach England, ausgeführt werden. Auch die Felle haben«inen gewissen Wert. Sehr geschätzt sind die Felle der kleinen Silberkaninchcn, die ein schmucke» Pelzwerl liefern, das freilich nicht sehr haltbar ist. Auch imitiert man mit Kanincheu- fellen verschiedene teure Pelzarten, mit dem kurzgeschorenen Fell de» weißen Kaninchen» den Hermelinpelz. Sehr teuer bezahlt werden auch die 23 bis 27 Zentimeter langen Haare des Airgora- oder SeidenkaninchenS, die man zu feinen Geweben verarbeitet. In den letzten Jahren hat die Kaninchenzucht einen be» deutenden Aufschwung genommen. Ueberall haben jick Züchter» vereine gebildet, die auf gemeinschaftliche Kosten hervorragende Zuchtrammler anschaffen, ihre Mitglieder aus jede Art belehren und selbständig oder in Gemeinschaft mit Geslügelzuchlvereinen Ausstellungen abhalten. Allen denjenigen, die sich Rassekenntnis aneignen wollen, kann ich den Besuck dieser Ausstellungen, die immer im Spätherbst und Winter fallen, nur angelegentlichst empfehlen. Hier wird nach Punkten gerichtet. 199 Punkte ver- körpcrn da» Jdealtier, das nicht in Wirklickkeit, sondern nur in der Zückterphantasie eristiert. Mit einer Punktzahl von 99 und darüber prämiiert« Tiere zeigen uns das erreichbar Beste. Die an jedem Einzelkäfig angebrachte Bcwertungskart: des Richters führt nicht nur die erreichte Punktzahl auf, sondern gibt auch die Fehler bekannt, was die Urteilsfähigkeit des Liebhabers fördert. Wenn man da von schmutzigem Kopf und von unreinen Ohren liest, so bezieht sich dies natürlich nur auf die Nnreinlichkeit der Haarfarbe und nicht auf die Unsauberkeit de» Tiere», denn dessen Sauberkeit könnte sich manches Menschenkind zum Vorbild dienen lassen. Wie überall, so hat man auch vei der Kaninchenzucht Sport- und Nutzzucht zu unterscheiden. Für den Nutzzüchter kommt e» in erster Linie darauf an, schwere und schmackhafte Tiere zu züchten, der Sportzüchter will dagegen edle Tier? zückten, die in Figur, Ohrenhaltung, Farbe und Zeichnung das Vollendetste ver- körpern und auS großen Ausstellunzskonkurrcnzen als Sieger hervorgehen, ück. Kleines feiiilleton» Aus dem Gebiete der Chemie. Die Ewigkeit des Stoffs. E» hat den Naturforschern seit dem Nachweis de? Gesetzes von der Erhaltung der Kraft als ein gleichberecktigtcr Lehrsatz gegolten, daß dieser Ewigkeit der Kraft auch eine Ewigkeit des Stoffs zur Seite stehen müsse. Man kann sich auch schwer zu einem andern Gedanken bequemen, da e» viel- mehr das Wahrscheinlichste ist, daß in der ganzen Natur nur Wand« lungen geschehen, der Inhalt aber unvergänglich ist. Immer hat es auch zu den elementaren chemischen Vorführungen gehört, zu zeigen, daß von dem Stoff oder dem Gewicht einer Kerze, die durch Ver- brennung scheinbar vollständig vor unfern Augen verschwindet, nichts verloren geht. Man bat aber bei manchen chemischen Vorgängen einen Verlust von Masse nachgewiesen, den man bisher aus keine andere Weise erklären konnte als durch die Unzulänglichkeit de» menschlichen Beobachter«, als durch einen Fehler in der Genauigkeit de» Experiments. Namentlich Profeffor Landolt hat durch die? Labyrinth einen sichern Weg zu siuden versucht, indem auck» er von der Ucberzeugung ausging, daß die Materie talsächlich unzerstörbar sein müßte. Landolt mischte beispielsweise zwei auf einander wirkende Lösungen, die eine von Höllenstein, die andere au? Kochsalz. Es bildete sich dann infolge der Reaktion auf der einen Seite Chlor- silber, auf der anderen Salpeter. Bolle zwei Jahre hat der Forscher damit zugebracht, sicher festzustellen, ob bei diesem Borgang irgend- welche Verminderung oder Vermehrung de» Gewicht» eintritt. Er ist zu dem Schluß gelangt, daß die? nicht der Fall sei. Danach wurden die Versuche von Hendweiller wiederholt und dennoch ein geringer Gelvichtsunterschied ermittelt. Nun verwandte Landolt weitere 5 Jahre auf die Nachprüsimg seiner Untersuchungen und fand aller- ding? winzige Gewichtsverluste, die er aber nur zufälligen Ursachen zu- schrieb. Auch dabei vermochte er aber nicht sich zu beruhigen, ehe er nicht die eigentliche Ursache des Fehlers gesunden hatte. Auch diese bat er nun endlich entdeckt, und zwar in der Ver- nachlässigimg einer winzigen Feuchtigkeitsschicht auf den be- nutzten Glasröhren. Wenn man einen aiffZ sorgfältigste gereinigten gläsernen Gegenstand auf eine chemische Wage bringt, so nimmt er allmählich an Gewicht zu. Auck die Glas- geräte, die Landolt benutzt und selbstverständlich zuvor peinlick gereinigt hatte, vermehrten eben in einigen Tagen aus der gleichen Ursache ihr Gewicht. Ein weiterer Fehler entstand daraus, daß die Glasröhren sich bei der Erhitzung au?- dehnten und erst nach einigen Wochen genau ihre früheren Ausmaße wieder annahmen. Nachdem diese beiden Fchlerguellcu aus- geschaltet und die Experimente auf einen Standpunkt unerhörter Genauigkeit gebrockt worden waren, verschwand auch der Verdachr gegen die Richtigkeit de? Gesetze? von der Ewigkeit des Stoffes. iorwärtsBuchdruckere! u.VerlagSanstaltPaulSlngerz!Eo., Berlin LVV.