Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 10. Dienstag den 16. Januar. 1912 (NaKSruck verdotni.Z 10?? Pelle cler Eroberer. Der arofte Kampf. Noinan von MartinAndersenNexo. Es lag etwas Drohendes in der Ungewißheit selbst, in der die Masten herumtrabten, als lauschten sie auf neue Worte aus der Dunkelheit heraus. Schnell entschlossen schlugen sie sich Altgewohntes und Hergebrachtes aus dem Sinn, um Platz in sich zu machen: rings umher sprach man von diesem Neuen und jenem Neuen und versuchte, sich blindlings dafür einzu- richten, als sei es etwas Selbstverständliches, daß die Zeit jetzt erfüllet war und die Verheißung sich gerade an ihnen voll- ziehen sollte. Sie gingen umher, bereit irgend etwas auszu- führen— sie wußten selbst nicht was, sammelten sich zu kleinen Gruppen an und veranstalteten mißglückte Streiks, ganz ins Blaue hinein. Andere schufen Disknssionsvereine und bs- gönnen in heftigen Worten um das Neue zu kämpfen, das niemand von ihnen kannte— das waren namentlich die Jungen. Viele von ihnen waren hierher gekommen, um das Glück zu suchen, eben so wie Pelle selbst, und sie brannten vor Unruhe. Es lag etwas Heftiges über ihnen— ein fieber- hafter Zustand. So lagen die Verhältniste, als Pelle in die Hauptstadt kam— chaotisch, ohne irgend einen sicheren Plan, nach dem man zu seinem Ziel hätte wandern können. Die Massen stützten einander nicht mehr, sondern waren in der Auslösung begriffen und flatterten verwirrt umher, auf der Suche nach etwas, um das sie sich scharen konnten. Oben in der Gesell- schaftsordnung spürte man nur Unsicherheit in den Arbeitsver- bältnissen: dort klagte man über die Unruhe, diese sinnlose Unruhe, die den Ertrag beeinträchtigte und die Konkurrenz mit dem Ausland erschwerte. Aber einzelne Kluge witterten das Volk als großes lauschendes Ohr: ueue Prädikanten er- standen und wollten die Menge auf neuem Wege zu Gott führen. Pelle wurde ein paar Mal von dem Strom an solche Orte geführt, ließ sich aber nicht erfassen. Das waren nur die alten Töne wieder. Dort lag es nicht. Niemand ließ sich melir durch Anweisungen auf den Himmel zufrieden stellen. Die neuen Propheten verschwanden ebenso plötzlich, wie sie auf- getaucht waren. Aber mitten in der Verwirrung entstand ein fester Kern, eine Gemeinde, die durch eine Reihe von Jahren sicher ge- wachsen war und fanatisch die Verfolgungen und den Spott von oben und unten ertragen hatte, bis sie jetzt einige tausend Mitglieder betrug. Sie stand fest in den Wirbeln und be- hauptete ebenso hartnäckig, daß ihrer Lehre die Zukunft ge- böre. Und mm schien sie Wind in die Segel zu bekommen: sie entsprach auf eine eigene Weise den ungeduldigen Forde- rungen, den Himmel schon hier auf Erden zu haben und das Glück erreichbar zu machen'. Pelle hatte sich draußen auf dem schleswigschen Stein von der neuen Lehre erfassen lassen und sich ihr warm und stark in die Arme geworfen. Er besuchte Versammlungen und Dis- kussionen und brauchte seine Ohren, nm etwas Sachliches auf- zufassen: seine praktische Nahir verlangte etwas Handgreifliches, womit der Gedanke arbeiten konnte. Unten in seinem Wesen rang es gleichzeitig tief und stark, wie Ströme unter dem Eis: zuweilen war es an der Oberfläche zu spüren und machte ihn bange. Noch hatte er nicht vermocht, es zu etwas Ganzen zu sammeln: wenn er die Klagen über die verheerende Unruhe hörte, die den Wohlstand des Landes aufs Spiel setzte, konnte er den Zusammenhang darin nicht begreisen. „Es ist doch verkehrt, daß sie die Arbeit ohne irgendeinen Grund einstellen." sagte er zu Morien so einmal, als der Kutscher des Bäckers seinen Platz verlassen hatte.„So, wie zum Beispiel Euer Kutscher— er hatte doch gar keinen Grund sich zu beklagen." „Er hat vielleicht plötzlich Schmerzen zwischen den Beinen bekommen, weil sein Urgroßvater einmal ans dem hölzernen Pferd hat reiten müssen. Wer weiß, er war ja vom Lande," meinte Morien ernsthaft. Pelle sah ihn schnell an. Er konnte MortenS doppelsinnige Art und Weise zu reden, nicht leiden. Sie machte ihn unsicher. „Kannst Du nicht eben so gut vernünftig sprechen?" sagte er,„ich kann Dich nicht verstehen." „Nicht?— Aber es ist wohl Grund genug dazu da, Un- mengen von Grund aus alten Zeiten her. Zum Teufel auchl Wozu sollen sie gerade einen Grund von gestern haben! Könntest Du Dir nicht denken, daß der Arbeiter, der so lange die Tretmühle in dem Glauben getreten hat, daß die Bewe» gung von den anderen ausginge, plötzlich entdeckt, daß er selber daS Ganze im Gange hält? Denn das ist es, was vor sich geht! Der arme Mann ist nicht nur ein Sklave, der das Rad tritt, und dem von Zeit zu Zeit eine Handvoll Mehl in den Hals geworfen wird, damit er nicht tot hungert, er ist im Be- griff zu entdecken, daß er in höherem Dienst steht, Dul Und nun wendet sich die Bewegung und geht von ihm selber aus!— Aber das kannst Du wahrscheinlich nicht sehen." fügte er hinzu, als er Pelles ungläubigen Ausdruck bemerkte. „Nein, denn ich habe keinen Größenwahn," enviderte Pelle lächelnd.„Und Du bist doch auch kein Prophet, der s» große Dinge weissagen kann." „Aber ich habe Verstand genug um auszurechnen, daß, wenn man Lärm machen will, man unbedingt einen be- stimmten Grund haben muß. worüber man Lärm macht. Sonst geht die Sache nicht. Das mit dem hölzernen Pferd ist nicht hinreichend!" „Es kommt wohl darauf an, wieviele Lärm machen," er- widerte Morien,„woran sich alle beteiligen, dafür braucht man wohl keine Gründe anzugeben." Pelle grübelte während der Arbeit weiter darüber nach: es ging nicht mit diesen Erwägungen so im allgemeinen: was sich von dieser Art in seiner Gedankenwelt regte, war durch Generationen festgestellt und handelte hauptsächlich von Tod und Leben. Er mußte praktisch zugreifen und ging wieder auf seine eigene große Erfahrung zurück—: Piepmann war überflüssig, dafür hatte Pelle selbst den Beweis geliefert! Und es war auch nichts im Wege, weshalb man nicht auch den Hofschuhmacher ausschalten sollte, die Ge- sellen besorgten das Maßnehmen und Znschneiden, die ganze Arbeit. Der war eigentlich auch ein Aussauger, der sich an die Spitze des Ganzen gestellt hatte und den Profit einsog. Aber dann hatte Worten ja doch recht mit seiner unver- schämten Ansicht, daß der Arbeiter das ganze trage. Pelle stutzte ein wenig über dies Ergebnis: er stellte vor- sichtig fest, daß es auf alle Fälle für s e i n Fach gültig sei. Da war Sinn darin, sein eigenes zurückzuerobern, aber wie? Sein gesunder Menschenverstand verlangte etwas, was Meyer und die anderen großen Aussauger ersetzen konnte: es ging nicht, daß jeder Gesell dasaß und auf eigene Hand herum- pfuschte, wie die kleinen Meister: davon hatte er hinreichend daheim in der kleinen Stadt gesehen. Das schuf nur Pfuscherei! Da setzte er sich denn bin, um einen Plan für ein Konsum- geschäft auszuarbeiten. Eine Anzahl Arbeiter vom Fach sollten sich zusamnienschließen, sollten jeder sein kleines Kapital dazuschießen und Geschäftslokale mieten. Die Arbeit sollte nach den verschiedenen Anlagen eines jeden Mannes unter sie verteilt werden, und aus ihrer Mitte wählten sie dann einen, der dem Ganzen vorstehen konnte. Auf die Weise ließ sich die Frage lösen. Jeder Mann erhielt den vollen Ertrag seiner Arbeit. Als er seinen Plan gründlich durchdacht hatte, ging er damit zu Morien. „Das haben sie schon in der Bewegung vorgebracht!" rief Morien aus und zog ein Buch heraus.„Aber es ging sonder- barerwcise nicht. Wo hast Du die Idee her?" „Die habe ich selbst aussindig gemacht." erwiderte Pelle mit Selbstgefühl. � x. Morien sah ein wenig ungläubig ans, er ichlug im Buch nach und zeigte Pelle, wie seine Idee skizziert Ivar— fast Wort für Wort— als Glied in dem VorwärtSrncken. Es war ein Werk über den Sozialismus. �. Nun, Pelle verlor deswegen den Mut nicht! Er war stolz darauf, etwas erfunden zu haben, auf das auch andere ge- kommen waren, gelehrte Leute obendrein! Er sing an, Ve> trauen zu seinem eigenen Gedanken zu bekommen und besuchte «ifrig Versammlungen und Vorträge. Kräfte und Mut hatte er. das wußte er. Er wollte versuchen, tüchtig zu werden!— und dann die aufsuchen, die an der Spitze standen und den Weg bahnten, und ihnen seine Dienste anbieten. Bisher hatte ihm das Glück immer dunkel vorgeschwebt, wie ein Märchen, das plötzlich auf seinen Mann hernieder schwebte, und ihn in höhere Gefilde emporhob, während alle die anderen zurückblieben und diesem sehnsuchtsvoll nach- starrten. Das war ja das Peinliche. Aber hier gewahrte er neue Wege, die für alle, die etwas vor sich brachten, zum Glück führten, so wie es die„Kraft" in seiner Todesstunde phanta- fiert hatte. Er begriff nicht gleich, woher das alles kommen sollte, aber das war ja die Sache selber, die es entwirren mußtet Dies alles hielt seine Gedanken in neuer ungewohnter Beschäftigung. Er war nicht daran gewöhnt, auf eigene Faust zu grübeln, sondern hatte sich immer bisher an das gehalten, was ihm von Generation zu Generation als anerkannt über- liefert war.— Und oft war das eine schwere Last gewesen. Dann versuchte er das Ganze zu verscheuchen, um es los zu werden. Aber es kam immer wieder! Wenn er müde war, gewann Hanne wieder Macht über ihn, und dann ging er des Abends zu ihnen hinüber, und er wußte sehr wohl, daß es nicht zum Guten führte. Sich eine Zukunft an Hannes Seite zu denken, erschien unmöglich, in Verbindung mit ihr exstierte nur der Augenblick, tzhr sonder- bares Wesen hatte Macjjt über ihn, das war das Ganze! Oft gelobte er sich selbst, sich nicht foppen zu lassen, ging aber doch wieder zu ihnen hinüber. Er mußte versuchen, sie zu erobern und dann die Folgen hinnehmen. Eines Tages nach Feierabend kam er auf die Galerie hinab geschlendert, über etwas sinnend, da ging er in die kleine Küche hinein. „Bist Du es Pelle?" tönte Hannes Stimme aus der Stube heraus.„Komm nur herein!" lFortsctzung folgt.) Im backen des Todes/) Von Jack London. Im Frühling kam ein gewisser Tim Keenan. der Besitzer einer Spielbank ins Land. Er brachte die erste Bulldogge, die man je in Klondike gesehen hatte, mit, und es schien unvermeidlich, daß dieser Hund sich mit Wolfsblut messen sollte. Eine Woche lang war darum der Kampf zwischen den beiden das Hauptthema der Gespräche in gewissen Kreisen der Stadt. Schmitt löste die Kette von Wolfsbluts Nacken und trat einige Schritte zurück, aber Wolfsblut zögerte mit dem Angriff. Er stand still, mit gespitzten Ohren, und besah sich neugierig das seltsame Tier, das da vor ihm stand. Noch nie hatte er einen solchen Hund gesehen. Tim Keenan schob die Bulldogge vorwärts, indem er murmelte:„Nimm ihn!" und klein, breit und unschön watschelte sie bis in die Mitte des Kreises. Hier blieb auch sie stehen und blickte zwinkernd nach Wolfsblut hinüber. Aus der Menge er- tönten laute Rufe:„Nimm ihn, Eherokeel Drauf Cherokee! Nimm ihn!" Aber Cherokee war auf den Kampf nicht begierig. Er drehte den Kopf herum, zwinkerte die schreienden Männer an und wedelte dabei gutmütig mit dem Schwanzstumpf. Er Hatto keine Furcht, er war nur träge, auch schien es ihm nicht, daß man beabsichtige, er solle mit dem� Hunde da kämpfen. Mit einem solchen hatte er noch nie gekämpft, und er wartete, man solle ihm den richtigen bringen. Tim Keenan trat heran, beugte�sich zu Cherokee hinab und strich ihm mit beiden Händen die Schullern entlang gegen das Haar, indem er ihn mit kurzen Bewegungen vorwärts schob. Cherokee begann zu grollen, leise und ganz tief unten in der Kcble. Es war zwischen dem Grollen und der ruckweisen Bewegung der Hände des Mannes ein gewisser Zusammenhang; das Grollen wurde lauter, wenn der Ruck zu Ende ging, erstarb dann und be- gann bei der nächsten Bewegung. Dies blieb nicht ohne Wirkung auf Wolfsblut; sein Haar fing Aus W o I f s b l u t(white fang), einem soeben in deutscher Uebersetzung bei Fr. E. Fehsenfeld in Freiburg i. Br. erschienenen Seitenstück zu des gleichen Verfassers Hundegeschichtc„Wenn die Natur ruft", die seinerzeit hier abgedruckt wurde. Die neue mit gleicher Meisterschaft Natur und T,er erfassende Erzählung führt wieder in die halb polare Wildnis. Ein Hund stebt wieder im Mittelpunkt, nur daß diesmal sein Weg aus der Natur in die Kultur führt, an, am Nacken und an den Schultern sich zu sträuben. Endlich gab Tim Keenan den letzten Ruck und trat zurück, und Cherokee rannte krummbeinig und geschwind aus eigenem Mllen vorwärts. Nun schnappte Wolfsblut zu. Ein Schrei der Ueberraschung wurde laut, denn Wolfsblut war mehr wie eine Katze vorwärts gesprungen. hatte gebissen und war mit derselben katzenartigen Geschwindigkeit weggesprungen. Cherokee blutete an einem Ohr und hatte einen Schlitz an dem dicken Halse, aber er achtete das nicht und knurrte nicht einmal« sondern machte kehrt und verfolgte den Gegner. Die Kampfes- weise der beiden, die Raschheit des einen, die Beharrlichkeit des andern, erregte den Parteigeist der Menge, und die Wetten stiegen bedeutend. Immer wieder sprang Wolfsblut zu, biß und sprang unverletzt zurück, und unablässig folgte ihm der seltsame Feind, ohne�sich zu beeilen, doch auch nicht langsam, immer aber ent- schlagen und in geschäftsmäßiger Weise. Es lag in seiner Me- thode ein Ziel, auf das er erpicht war, und von dem man ihn nicht abbringen konnte. Wolfsblut war verwundert. Nie hatte er einen Hund gesehen, der kein Haar hatte, das ihn schützte, keinen dichten Pelz, in den die Zähne nicht eindringen konnten, sondern überall weiches Fleisch, das leicht blutete. Jedesmal, wenn er zuschnappte, sanken die Zähne tief hinein, was ihn aber noch weiter wunderte, war, daß der andere nie aufschrie, wie er es doch bei anderen Hunden gewohnt gewesen war. Außer einem Grollen oder Grunzen nahm jener jeden Angriff schweigend hin, doch nie er- lahmte er in der Verfolgung. Dabei war Cherokee nicht unbeholfen. Er wendete und drehte sich schnell genug im Kreise herum, aber Wolfsblut war nie da. Auch Cherokee hatte nie mit einem solchen Hunde gekämpft, dem man nicht nahe kommen konnte, und auch er wunderte sich. So sprang Wolfsblut unverletzt hin und her, ohne jedoch jenem unten an die weiche Stelle der Kehle kommen zu können. Dazu war die Dogge zu niedrig, auch waren ihr die mächtigen Kinnladen ein Schutz. Allein Cherokee blutete aus vielen Wunden, denn Kopf und Hals waren ihm an beiden Seiten zerschlitzt und zerrissen, doch zeigte er keine Spur von Mutlosigkeit. Im Gegenteil setzte er be- harrlich seine Verfolgung fort, und blieb nur einmal einen Augen- blick wie verblüfft stehen, indem er zwinkernd die Zuschauer an- blickte und zu gleicher Zeit mit dem Schwanz wedelte zum Zeichen, daß er weiterkämpfen wolle.� Doch in diesem Augenblick schoß Wolfsblut auf ihn los und riß ihm das eine Ohr in Fetzen. Mit einer leichten Bewegung des Aergers nahm Cherokee die Verfol- gung wieder auf, rannte auf der inneren Seite des Kreises, den Wolfsblut machte, und versuchte diesen am Halse zu packen. Doch um die Breite eines Stohhalmes verfehlte er den Angriff, und Rufe der Bewunderung wurden laut, als Wolfsblut der Gefahr durch einen Sprung in entgegengesetzter Richtung entging. Die Zeit verstrich. Wolfsblut sprang immer noch die Kreuz und die Quer und teilte Wunden aus, und mit immer gleicher, grimmiger Beharrlichkeit rannte der andere hinter ihm her. Früher oder später mutzte dieser seinen Zweck doch erreichen und Wolfs- blut so packen, daß er die Schlacht gewann. Mittlerweile nähme er alle Angriffe unbewegt hin. Seine kurzen Ohren hingen in Fetzen, sein Hals und seine Schultern waren voller Wunden, selbst seine Lippen bluteten von den schnell ausgeteilten Bissen, die er nicht vorhersehen und darum nicht vermeiden konnte. Von Zeit zu Zeit versuchte Wolfsblut, Cherokee umzuwerfen, was ihm nicht gelang, da sie zu ungleich in der Höhe waren. Einmal jedoch trieb er das Spiel zu oft. Als Cherokee sich umdrehte, um Wolfsblut bei seinen flinken Kreuz- und Oucrsprüngcn zu folgen, hatte er die Schulter entblößt, und Wolfsblut stieß dagegen. Da aber Wolfs- bluts Schulter die des andern weit überragte, und der Stoß sehr kräftig gewesen war, so verlor Wolfsblut das Gleichgewicht und purzelte über die Dogge hin. Zum erstenmal so lange er gekämpft hatte, sahen die Zuschauer, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Er überschlug sich in der Luft, und er würde auf den Rücken gefalle» sei, hätte er sich nicht wie eine Katze in der Luft umgedreht, um mit den Beinen zuerst auf die Erde zu gelangen. Trotzdem fiel er schwer auf die Seite. Im nächsten Augenblick stand er jedoch auf den Füßen, doch diesen Augenblick hatte Cherokee benutzt und ibn an der Kehle gepackt. Allein der Griff war zu niedrig gewesen, zu tief an der Brust, doch hielt Cherokee fest. Wolfsblut sprang auf und rannte wild im Kreise umher, indem er versuckte, die Dogge abzuschütteln. Das Gewicht am Halse machte ihn rasend, es hinderte seine Bewegungen, es beschränkte seine Freiheit. Es war wie eine Falle, und alles in ihm empörte sich dagegen. Ein paar Minuten lang war er wie wahnwitzig; der Wille zum Leben hatte völlig von ihm Besitz gc- nommcn. Vernunft und Verstand hatten ihn verlassen, und nur der Trieb des Fleisches regte sich machtvoll in ihm, der blinde Drang zu leben und sich zu bewegen, da Bewegung der Ausdruck des Lebens war. So rannte er immer im Kreise herum, wandte sich hin und her und versuchte stets die Last, die ihm am Halse hing, abzn- schütteln. Allein Cherokee hielt fest. Selten nur kam er mit den Füßen auf den Boden und suchte sich dann gegen Wolfsblut zu stemmen, aber einen Moment später hatte er wieder den Halt ver- loren und wurde im Kreise herumgeschleppt. Allein er wußte, daß er recht täte, wenn er festhielte, und fühlte selbst ein gewisses Frohlocken darüber. Dann schloß«r einen Augenblick die Augen und ließ sich hin und her schlenkern, unbekümmert, welcher Schaden ihm auch dadurch erwachsen könne. Endlich hielt WolfSblut inne; et war müde. Tr konnte nichts tun. und das derstand er nicht. Bei all seinen Kämpfen war ihm nie so etwas passiert; nie hatte ein Hund so gekämpft. Er legte sich nieder und rang keuchend nach Atem. Cherokee immer fest- haltend, suchte ihn ganz umzuwerfen, doch leistete Wvlfsblur Widerstand. Dabei fühlte er, wie die Kinnladen des anderen sich ein ganz klein wenig lockerten, um ein wenig höher hinauf sich wieder zu schließen. Das geschah stets, wenn Wolfsblut ruhig blieb, sonst begnügte jener sich damit festzuhalten. Cherokees wulstiger Nacken war der einzige Körperteil, den Wolfsbluts Zähne erreichen konnten. Er packte ihn da. wo der Hals aus den Schultern kommt, aber er verstand es nicht, die Kampfesweise der Dogge nachzuahmen, euch waren seine Kinnladen nicht dazu geschaffen. Er zerschlitzte nur den Hals des Gegners, bis eine Veränderung in der Stellung ihn davon abzu- lassen zwang. Es war der Dogge schließlich gelungen, Wolfsblut auf den Rücken zu wälzen, und ohne seine Kehle loszulassen, stand sie nun über ihm. Da krümmte sich Wolfsblut wie eine Katze und grub die Hinterfüße in den Unterleib des über ihm stehenden Feindes und hätte ihm mit den langen, scharfen Krallen den Leib aufgerissen, wenn Cherokee nicht seitwärts getreten wäre, so daß er nun im reckten Winkel zu ihm stand. Aber es gab kein Entrinnen aus den Kinnladen, die Wolfs- blut gepackt hielten; sie waren so unerbittlich wie das Schicksal. Langsam kamen sie der großen Ader am Halse immer näher. Was Wolfsblut allein noch vom Tode errettete, war der dicke Pelz, welcher seine Hautwulsten am Halse bedeckte. Den konnten Che- rokees Zähne nicht durchdringen, aber allmählich arbeiteten sie sich in die Höhe, indem die Dogge bei jedem Lockern der Zähne mehr Hautfalten zwischen die Zähne bekam, wodurch Wolfsblut dem Er- sticken nahe gebracht wurde. Sein Atem kam und ging, je länger es dauerte, mit immer größerer Schwierigkeit. ES hatte allen Anschein, als ob der Kampf jetzt vorüber sei. Cherokees Partei triumphierte und bot lächerlich hohe Wetten an. Wolfsbluts Partei dagegen war niedergeschlagen, man schlug zehn gegen einS, zwanzig gegen eins aus auS, ja, selbst als Schmitt fünfzig gegen eins bot. Er trat dabei in den Kreis und wies mit dem Finger auf Wolfsblut, indem er laut und höhnisch lachte. Dies brachte die gewünschte Wirkung hervor; Wolfsblut wurde wild vor Wut. Er raffte die letzten Kräfte zusammen und sprang empor. Wie er im Kreise herumlief und den fünfzig Pfund schweren Feind mit sich schleppte, verwandelte sich seine Wut in wahnwitziges Ent- setzen. Der Wille zum Leben gewann von neuem die Oberhand. und der Verstand floh vor dem Lebensdrang des Fleisches. Immer um die Runde ging es. hin und wieder zurück. Er strauchelte dabei, fiel und stand wieder auf, erhob sich dann und wann auf die Hinterbeine, indem er den Feind ebenfalls emporhob, allein ver- gebens mühte er sich, aus dem Rachen des Todes zu entkommen. Zuletzt fiel er erschöpft hintenüber, und schnell schob die Dogge die Zähne weiter empor, indem sie ihm den Hals enger zusammen- schnürte. Jubelnder Beifall erhob sich für den Sieger; man schrie: „Hoch, Cherokee!" und dieser antwortete durch kräftiges Wedeln mit dem Schwänze. Aber der laute Beifall ließ ihn das Ziel, das er verfolgte, nicht aus den Augen verlieren. Zwischen den mäch- tigen Kiefern und dem Schwanz war keine Sympathie vorhanden, mochte dieser auch wedeln, so hielten jene Wolfsblut mit eisernem Griff an der Kehle gepackt. (Schluß folgt.) Blumen und Diamanten des Mnters. Was der Lenz ohne Blüten und der Herbst ohne die saftigen Trauben, daS wäre der Winter ohne Eis und Schnee. Durch nichts kann der Charakter unseres Winters treffender gezeichnet werden als durw seine eigenen Gebilde, die er mit Hilfe der Kälte so mannigsach und wunderbar schön hervorzaubert. Alle Reize der winterlichen Natur, alle Freuden, die sie uns bietet, sie beruhen allein aus den kalten und starren Formen, die auf des WinterS strenges Gebot das leicht bewegliche Wasser in Fesseln schlagen. Wasser heißt daS Material, auS dem der Winter feine Wunder schafft, Werke so fein»nd zart, daß der Hauch unseres MundeS sie zer- störe» kann; Werke so künstlich und prachtvoll, wie sie die lebhafteste Phantasie deS Dichters für Fecngärie» und Zaubergelüste nicht schöner zu erfinden weiß; Werke so gewaltig, daß bei ihrem Anblick die kühnsten Ilnternehmuugen zurückschrecke» müssen I Und zu alledem dient allein die schlichte Form des Kristalls; es ist die einfache EiSuadel in ihren hundert- und tausendfachen Kombinationen, wo- durch der phantastische Baumeister Winter uns immer wieder zu überraschen weiß. Wenn am stillen Abend die Sterne deS Himmels funkeln und zittern, als reiche die Kälte bis in ihre ungemesienen Höhen hinauf, wenn unter dem eiligen Tritt des Wanderers der Schnee kninckt und ächzt, dann fühlt man sich gar wohl im erleuchteten Stübchen daheim und freut sich deS wärnre- ltrahlendcn OfenS. Doch kaum beginnt er zu erkalten, so bedecken sich alsbald die Fensterscheiben mit feinen WasserblSSchen. die dem Licht freien Durchgang wehren un' die Scheiber undurchsichtig machen. Hier will die Kälte draußen zum Künstler werden und die Glasscheiben in Blumenbeete umwandeln; doch s.e braucht Stoff zu ihren Gebilden und dieser Stoff ist daS Wasser, in Dunstform reichlicher in der warmen Zimmerluft enthalten denn draußen in der kalten Lust. Indem sich aber diese an die Außenfläche der Scheiben lagert, entzieht sie diefen die Wärme, wo- durch wiederum die an der Innenfläche lagernde Luftschicht zur Wärmeabgabe genötigt wird. Dieser Vorgang ist aber stets mit Niederschlag von Wasserdampf verbunden. Spricht nun in diefen, Prozeß der Ofen kein störend Wort. d. h. wird die immer mehr und mehr sinkende Zimmertemperatur nicht wieder erhöht, so hat die draußen herrschende Kälte ein leichtes Spiel, den auf den Scheiben niedergeschlagenen feinen Tau in starres Eis zu verwandeln. Aber nur Schritt für Schritt soll daS geschehen, denn Ruhe und Zeit ge- hören zur vollendeten Darstellung der Kristalle. Da haftet ein Staub- partikelchen an der Scheibe oder eine Schmarre findet sich vor, die du selbst wohl noch nicht beachtet hast, der Kälte aber dient dieses oder jenes oder auch der Rahmen zum Fundament ihrer Bildungen. hier schmiegen sich die ersten äußerst zarte» Kristalle an. Roch weißt du nicht, was daraus werden soll, doch bald strecken sich die Spitzen durch Anheften neuer Kristalle, rechts und links lagern sich andere daneben, fchießen in gerader Linie fort oder schmiegen sich, dem Gesetz des Falles folgend, bogen- förmig um den Punkt ihres Herdes, hier noch einen Ast aussendend, dort eine Bucht umschließend, da eine Wellenlinie beschreibend, bis endlich aller flüssige Niederschlag verarbeitet und die Gesamtheit aller entstandenen Eiskristalle deiner Phantasie die Deutung der entstandenen Bilder überläßt. Hier findest du bald den zierlichen. mit Fransen besetzten Stern heraus I Dorr glaubst du da» nied- lichste Moospolster zu erkennen. Da steht die treueste Kopie einer Tanne und wieder da der Wedel eines Farnkrautes oder einer Feder so wahr, so einfach und doch so schön! Doch nicht immer zeigen die Fensterscheiben jene reizenden Malereien, vielmehr bedeckt die Scheibe ab und zu anstatt de» Blumenflors eine dicke Lage schneeigen EiseS, die unseren Blick von der Außenwelt völlig absperrt. Ist nämlich die warme Zimmerluft zu reich mit Wasserdampf beladen, so ist der wässerige Niederschlag auf den Scheiben zu stark, um für zarte Bildungen Raum zu lassen, dann drängen sich beim Gefrieren die kleineren Srernfiguren dicht an einander und die sich immer von neuem mederschlagenden Dünste gefrieren schichtweise über einander, so daß zuletzt eine gleichförmige. undurchsichtige, poröse Lage die ganze Scheibe überzieht. Erst wenn die oberen, mehr schneeartigen Schichten durch die Wärme deS Zimmers geschmolzen sind, vermag man in der untersten Eisschicht jene bewundernswerten Gebilde, die sich bald mit einein Spitzcnmuster. bald mit den schönen Kindern der Göttin Flora ver- gleichen lassen, zu beobachten. Aber nicht auf unseren Fensterscheiben allein versucht der Winter sein Künstlertalent; diese Staffelei ist ihm viel zu beschränkt. Draußen im Freien sind ihm keine Grenzen gesteckt, hier schafft er in unge- bundener Freiheit viel schönere Werke, hier muß man seine Gebilde ansehen; ungeahnte Schönheiten werden unsere Verwunderung aufs höchste spannen. Zwar ist es wieder nur Eis, was er gebildet, aber in welcher Pracht, in welcher Formenfülle I Denn wer malt mit beredten Worten die Schönheit R a u h f r o st e s, wo in unangetasteter Vollkommenheit jeder Zweig, jedes Hälmchen, jedes Blatt mit tausend Kristollen bedeckt ist? In einer einzigen Morgenstunde ist die ganze Natur in ein Feenschloß umgewandelt, in dem alles glänzt und glitzert, strahlt und funkelt, verwirrt und blendet! Woher diese demantne Pracht so urplötzlich? Urplötzlich ist er wohl nicht entstanden, dieser unbeschreibliche Schmuck der winterlichen Natur; zu allen ihren Gebilden nimmt sie sich Zeit und leitet die eine Erscheinung in die andere über. So auch hier. Sind es doch wieder Kristalle, die wir bewundernd an- staunen, Eiskristalle, auf dieselbe Weise entstanden wie jene, die den fchünen Blumenflor unserer Fensterscheiben zusammensetzen. Auch hier hat das Wasser als Mittel gedient, indem eS als dichter Nebel in Form leichter Dunstbläschen die Lust erfüllte und mit seinem feuchten, undurchsichtigen Mantel alles umschlumgen hielt. Da konnte man wohl reden von garstig trüben Wintertagen, in denen kein Sonnenstrahl blinkt, weder Himmel noch Erde sichtbar ist. Die Temperatur solcher Nebeltage hält sich über dem Gefrier- punkte und das wogende Nebelmeer scheint sich in einem tüchtigen Schneefall auflösen'zu wollen. Da sank über Nacht die Temperatur. Es trat Kälte ein. und der die Lust erfüllende Wasserdamps schlug sich nieder, benetzte das dürre Hälmchen am Wege, die Stoppeln des Feldes, die Büsche und Bäume des Waldes. Da war ja Wasser überall. und vom Wasser zum Eis ist nur ei» Schritt; jeder feite Punkt bietet Anhalt, die Kristallisation einzuleiten. Und so geschah's. Der wässerige Nebeldunst jener trüben Tage hängt nun in Kristallform an den Zweigen. Aber blicke hinauf in die Silberkröne des Baumes; betrachte das herabhängende Gezweig der Birke, durch die Last de» Schmuckes noch mehr gebogen und im leisen Winde sich hin- und her- schaukelnd— blendet nicht bei jeder neuen Bewegung tausendfältiger Reflex der Sonnenstrahlen, aus den spiegelnden Kristallflächen erzeugt, dein Auge? Hebt sich nicht jeder Ast gleich einem Blüte, istrauch in herrlicher Schönheit vom blauen Himmel ab? Siebst du nicht jedes dürre Blatt am Boden eingefaßt mit funkelnden Kristallen? Ist nicht jeder armselige dürre Halm ein strahlend Silberbäumchen geworden? Erkennst du die starke Schnur zwischen den beiden Aesten, woran Kristall an Kristall gereiht, die bei leiser Berührung klangvoll an- einaiidcrstoben, als den zarten Faden eines SpinnleinS wieder? Sag,' hast du irgendwo schon solche Pracht erschaut? Tritt doch herein in die ruhige Einsamkeit des Tempels, dessen Wände denrani- beladenc, baumartig geschnitzte Kunstgebtlde zu sein scheinen, als dessen Decke sich der nunmehr blau gewordene Himmel wölbt. Tritt ein zu den köstlichen Zieraten, die nächtlicherweile wie durch Zauber- schlag anS Wasierbläschen entstanden, überall angebängt stnd, und dn wirst überrascht von ihrer Tckönheil und Mannigfaltigkeit ihrer Formen l Hier ragen kcharfspitzige Spieße nach einerlei Richtung hin, wie der Luftzug sie vorschrieb: dort gruppieren sich blättcrartige Kristalle, um die Blumen des Sommers zu wiederhole», und da schmücken sie, spiralig geordnet, als Eisrose den bangenden Zweig! Doch wer schildert mir Worten diese unvergleichliche Pracht deS Rauhfrostes, wer beschreibt die blendende Schönheit des WinterS, seinen Schmuck aus Eiskristallen?! Wenn so die Ralur ihren winterlichen Festschmuck, ihr Galalleid angetan hat, dann ließe sich wohl darüber streiten, ob sie schöner sei im Vlumengewand de§ Frühlings oder im blitzenden Demaiuschmuck de« Winters! Mag ein jeder in seiner Wciie urteilen, jedenfalls er- scheint sie im Raubfrost als eine in Schönheit strahlende Braut und ihr Bräutigam, der Winter, erscheint uns an ihrer Seite nicht mehr als der tief verhüllte mürrische tllte mit rniizligem Gesicht und schnee- weißem Bart. nein, er däuchl uns ein zwar ernstblickcndcr, fester, energischer Mann, doch glauben wir au» ein schelmisches Lächeln und freundliches Zunicken aus seinen Zügen leuchten zu sehen. L. Kleines feuilleton. Architektur. Totenstädte der Zukunft. Die Friedhofsfrage ist für die modernen Stadtverwaltungen eine der altuellsten Sorgen, und speziell für die Berwaltungen der Millionenstädte. Sie ist für unsere großen Städte, die immer mehr ins Weite wachsen, eine Wirtschaftsfrage ersten Range». Hat doch erst vor kurzem Prof. Gloijter in Glasgow festgestellt, daß seine Stadt jährlich 18 000 Leichen zu begraben habe. Eine Stadt von einer Million Ein- wohnern erneuert sich in einem Mcnschenalter. bat also in 30 Jahren ein« Million Menschen zu bestatten. Um diese Million in der Erde unterzubringen, wären 2 Millionen Quadratmeter au Bodenfläche nötig, für den Fall, daß sich Grab enß an Grab reihen würde. Rechnet man dazu ebenso viel an Wegen, ferner Reserveterrain, so ergibt sich ein Ricscnfricdhof von 5 Quadratlilomelern. Ein derartiges Raumbcdurfnis ist nirgends innerhalb der Stadtgrenze oder direkt in ihrer Röhe zu befriedigen. Der Bodenwert eines solchen Kirch- Hofs würde wohl 50 Millionen Mark übersteigen. Folglich müssen die Kirchhöfe immer weiter wandern. Schon jetzt sind Hauptkirch- Höfe in manchen Großstödten meilenweit entfernt. Einen Ausweg aus diesen Problemen bietet einstweilen nur die Feuerbestattung. Die Rechnung ergibt, daß. wenn für den Kirchhof einer Etaot von einer Million Einwohnern 500 Hektare weit draußen erforderlich sind, dieser Bedarf für Feuerbestaltete sich schon mit 5 Hektaren befriedigen ließe, und diese Fläche bedürfte nicht aus Gesundheitsrücksichten einer Schutzzone ringsum, könnte vielmehr ganz innerhalb der Stadt liegen. Den Entwurf zu einer derartigen Toienstadt bietet Albrccht Haupt in einem im Austrag deö Hannövcrfchen Pereins für Feuerbestattung herausgegebenen Werke.Totenstädte der Zukunft. Ein« Rckropole für eine Million", das bei G. A. Ludloig Degener»n Leipzig erscheint. Hier ist der Versuch gemacht, eine derartige für uyjer Zeitalter neue Aufgabe auch künstlerisch zu formen. Und dieser Versuch halte ein ganz überrasch«! deS Ergebnis. Vor allem in der Gesamtgestalt. Er ergab von selber die Entstehung riesiger Bauwerke, gewaltiger Rckropolcn, von Gebäuden, die durch Masse wie durch Größe der Erscheinung allcS übrige in unseren Städten in den Schatten stelleu würden. Es soll die BeisetziiiigSstätte für eine Million Aschenkapseln aus möglichst kleinem Räume in würdiger Gestalt erstehen. Als naheliegende Form bietet sich hierfür die Stufenpyramide, die. am untersten Absatz etwa 200 Meter messend, sich zu einer Höhe von fast 100 Meter» erhebt. ES sind 10 Stockwerke übereinander pe- dacht, tn unerschöpflichen Hallen und Gängen, an Wänden und Pfeilern, Aschenurncn aufnehmend. Das unterste 5 Meter hohe Haliptgeschoß entbält rund 13 000 Meter Wandfläche, bei 3 Meter nutzbarer Höl� also 30 000 Quadratmeter. Jedes Quadratmeter kann durchschiiittlich bequem 10 Kapseln enthalten— also ist in dem Hauplgeschoß sibon für über eine Drillelmillion gewöhnlicher Kapseln Platz geschaffen. Die immer kleiner werdenden Aufbauten der oberen Terrassen ergeben zusammen noch weit mehr, als das Doppeitc der genannten Zahl,>va§ sich jedoch dadurch ausgleicht, daß die langen ßlängc häufig durch schöne und reiche Hallen, Ge- wölbe, Kiippclräiimc und ähnliche Einfügungen unterbrochen wer- den müßten, und zwar in allen Geschossen.— Große Oberlichthöfe sollen an geeigneten Punkten die Stockwerke bis zum untersten durchbrechen, nach Möglichkeit auch Tageslicht in ihre Dämmerung bringen. Eine überall durchgeführte elektrische Beleuchtung wird außerdem unentbehrlich sein.— Ungeheuere Treppenanlagcn führen von der untersten Stufe bis zur obersten Terrasse, die ein mächtiger, »oeibevoller Ebrentempel für die Asche lrervorrageudcr Menschen 'Berantworll. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: l krönt. Bier große Aufzüge bringen die des Steigcns Unvermögen- den bis auf diese Höhe. An den vier unteren Ecken stehen vier runde Krematorien, in zwei Stockwerken je zwei Kapellen ein- schließend: unter jedem brennen fortdauernd vier Bestattungsöfen. In dieser großen Nekropole sind auch Kirchen für alle Bekenntnisse vorgesehen, ferner Säulenhallen, Tempel und Balustraden, die Ge- legenheit dazu bieten sollen, um Urnen, Denkmäler. Statuen und Kunstwerke aller Art frei aufstellen zu können. Auf diese Weise würde die Stadt der Toten ein Heim der bildenden Künste werden. Denkt man sich zuletzt die Pyramide von einem heiligen Hain pm- faßt, umgeben von Wasser und Vegetation und eingeleitet vom Schönsten und Ernstesten, was architektonisch zu bilden sein mag, dann muß zugestanden werden, daß solches Werk in der Tat ein würdiges und großartiges Denkmal sein müßte. Die Kosten der ganzen Nekropole berechnet Haupt auf 42 800 000 Mark, die mit der millionsten Bestattung bezahlt, verzinst und amortisiert wären. Aus dem Tierlebe«. Die Lachmöve oder Alstermöve. In demselben Maße, in dem der Mensch die Natur in Kulturland umwandelt und eine Meng« Geschöpfe zum Aussterben oder zu einer gründ- lichen Aenderung ihrer Lebensweise zwingt, in demselben Grade mehren sich auch die Fälle, daß gewisse Tiere aus der Not eine Tugend machen, indem sie sich dem Menschen sozusagen in die Arme werfen und, statt ihm zu fliehen, von ihm zu profitieren suchen. Das hat vor undenllickcn Zeiten unter den Vögeln z. B. der Spatz getan, den man nicht einmal mehr mit Kanonen ausrotten könnte, das tat und tut noch in jüngerer Zeit die Amsel, die in Berlin sogar gelegentlich schon mit den Spatzen unter den Pferden an Droschkenhaltestellen erblickt wurde, und da» ist auch die Bahn, die seit einer Reihe von Jahren ein großer Teil der Lachmöven ein- schlägt. Es ist das dieselbe Mövenart, die sich bei uns besonders auf den Havelseen zur Winterszeit mit ihrem weißblitzenden Ge- fieder herumtreibt und auch in Berlin oft genug zu beobachten ist. In viel größeren Sckaren geht sie zum Herbst und Winter aber in die großen Hafenstädte, und in Hamburg heißt sie kurz- weg Alstermöve. weil sie das dortige Alsterbassin völlig mit Beschlag belegt. Sie hat sich mit der Bevölkerung grünolich ange- freundet, bettelt, wo sie ein Fenster Nirren hört, um Futter und wird auch durch Futtertröge vor den Fenstern, die sie gewissen- hast absucht, regelrecht den Winter hindurch gemästet, während der Haupttcil dieser Möven. der dem Menschen weniger traut, längst nach Süden in wärmere Gefilde abgezogen ist. Es war eine müh- same. aber dankbare Aufgabe, diesen Tieren einmal mit der Kamera nachzuspüren. Carl Rudow hat sie sich gesetzt und glänzend durchgeführt. In dem Buche.Die Lachmöve"(Bev- lag von Eduard TrewendtS Nachf. in Steglitz: Preis gebunden l,50 M.) führt er uns an der Hand von sehr klar wiedergegebenen photographischen Ausnahmen durch da» ganze Leben de» Vogels hindurch. Wir sehen seine sommerlichen Nistplätze, die Gelege, die eben ausgekrochenen und die immer größer werdenden Jungen. da? Getue und Gehabe der Eltern, das manche geradezu menschlich anmutende Züge zeigt und wir begleiten die Tier« dann in die große Hafenstadt, bis zu ihren Futtertrögen vor den Fenstern. Den 30 Photo-Autotypien ist ein erklärender Text beigegeben, der die Lücken ausfüllt, die die Bilder noch lassen. DaS Buch ist eine sehr ansprechend ausgestattete Raturgeschichte eines wohlgelittenen Tieres in naturgetreuen Bildern. Medizinisches. Ein zäher Typhn swirt. In der Zoologie und Hygiene bezeichnet man als Wirt ein Lebewesen, das ein anderes mit sich herumträgt und ihm die Möglichkeit des Leben» und der EntWicke- lung gibt. Der Wirt ist also das Gegenstück zum Schmarotzer. Das gilt auch für den Menschen, der leider für ein« ziemlich große Zahl von Lebewesen die Rolle des Wirtes spielt. Um von anderen Tieren abzusehen, sind cS hauptsächlich die Bakterien, von denen der Mensch stet? eine ungeheuere Zahl beherbergt. In der Regel sind eS überhaupt unschädliche Vertreter dieser Kleinwesen. E» ist abr auch durchaus sicher, daß ein gesunder Mensch gefährliche Bazillen in sich tragen kann, die ihm selbst keine Krankheit ver- Ursachen, aber auf seine Umgebung übertragen werden uich dort Schaden anrichten können. Wie lange unter diesen Verhältnissen Bakterien einer Art im Menschen lebensfähig bleiben können, ist eine besonders wichtige Frage. Im allgemeinen besteht die Ansicht. daß solche Bakierien. auch wem: sie zu keiner Erkrankung führen. verhältnismäßig bald absterben. Daß dieser Erfolg aber nicht immer eintritt, beweist in höchst überraschender Weise ein Fall, den Dr. Philipowitsch in der Wiener Klinischen Wochenschrift beschreibt. Es handelt sich um eine 59 Jahre alte Frau, die wegen des Ver- dachtes von Gallensteinen in die Klinik gekommen mar. Ernstlich krank war sie sonst seit ihrer Jugend nicht gewesen, nachdem sie als lljäbriges Mädchen einen Unterleibstyphus durchgemacht hatte. Es stellte sich nun heraus, daß in der Tat Gallensteine vorhanden warm. Jedoch fanden sich in der herausgenommenen Galle auch einige Typhusbazillen. Schon frülier war von Naunyn die Ansicht aus- gesprochen worden, daß die Anwesenheit von Bakterien in der Galle mr Steinbildung sichren kann. Außerdem aber wurde Zweifels- srei festgestellt, daß die Kranke die Typhusbazillen in lebenssähigem Zustand seit 38 Jahren mit sich herumgetragen hatte._" VorwärlSBuchdruckereiu.Pcrlagsanjtalt Paul SingerscCo., Berlin LVV.