Nttlerhaltungsblatl des Vorwärts Nr. 11 Mittivoch t>en 17. Januar !9Z2 (Nachdruck verbottn.) HZ Pelle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von MartinAndersenNexö. Sie hatte offenbar ihren Körper gewafchen und saß nun im Weißen Unterrock und Leibchen da und kämmte ihr schönes Haar. Es lag etwas von einer Prinzessin über ihr, so wie sie ihren Körper pflegte und wußte, wie das gemacht werden mußte. Der Spiegel stand vor ihr auf dem Fensterbrett und draußen vor dem kleinen Hinterstübchen zwischen den Dächern und den fleckigen Brandmauern hindurch sah man die Zucht- hausbrücke und den Kanal, der hinauslief. Da draußen bei den Handelsplätzen war die Luft grau gestreift von der Take- läge der Schiffe. Pelle setzte sich auf den Puff am Ofen, die Ellenbogen auf die Knie und starrte zu Boden: ihm war so wunderlich zu Sinn. Wenn nur die Alte bald kommen wollte, dachte er.— Ich glaube, ich gehe hinaus und tue, als wenn ich Ausschau halte: aber er blieb doch fitzen. An der Wand stand das zwei- schläfrige Bett mit der rotgcblümten Decke darüber und an der anderen Wand der Tisch, unter den die Stühle geschoben waren. Sie sollte mich nicht zu sehr reizen, dachte er wieder, sonst endet es vielleicht doch noch damit, daß ich zugreife und dann verbrennt sie sich! „Warum sagst Du gar nichts zu mir, Pelle?" fragte Hanne. Er erhob den Kopf und sah sie drinnen im Spiegel: sie hatte die Spitze ihrer Flechte im Mundwinkel und sah aus wie ein Kätzchen, das sich in den Schwanz beißt. „Ach, was soll ich wohl sagen!" antwortete er mürrisch. „Du bist böse auf mich, aber das ist unrecht von Dir, wirklich das ist unrecht! Kann ich was dafür, daß ich solche Angst vor der Armut babe. Ja, wie mir davor graut! Von meines Geburt an ist da nie etwas anderes gewesen, und Du bist auch arm, Pelle, eben so arin, wie ich selbst! Was sollte wohl aus uns beiden werden? Wir kennen ja das Ganze!" „Was soll denn werden?" fragte Pelle. „Das weiß ich nicht, und das ist auch ganz gleichgültig.— Nur etwas, was ich nicht kenne. Ja, alles wird so bekannt, wenn man arm ist, jeden Faden in> Zeug kennt man aus- wendig, man kann sehen,»nie er sich abschleißt. Wärest Du nur Scciuann gewesen, Pelle!" „Hast Du i h n etwa wiedergesehen?" fragte Pelle. Hanne schüttelte lacheird den Kopf.„Nein, aber ich glaube an etioas, an etwas Großartiges! Da drüben liegt ein großes Schiff, ich kann es vom Fenster aus sehen. Das ist voll von herrlichen Dingen, Pelle!" „Du bist verrückt!" sagte Pelle höhnisch.„Das ist eine Bark, die nach dem Kohlcnkai will. Sic kommt mit Kohlen aus England." „Das mag gern sein," erwiderte Hanne gleichgültig.„Was mache ich mir daraus. Da drüben liegt das Schiff und hat mir etwas aus der Fremde niitgebrackit, so singt es in mir, und die Freude kannst Du nur doch wohl gönnen." Die Mutter kam herein und äffte ihr nach.� „Ja, da drüben liegt das Schiff und hat mir etwas mit- gebracht, ja, da liegt das Schiff und hat mir etwas mitge- bracht— großer Gott! Hast Tu es denn nicht bald�fatt, Deinen eigenen verschrobenen Blödsinn anzuhören. Deine Kindheit hindurch hast Du dagesesien und gefaulenzt und nach dem Schiff ausgesehen, jetzt kann es dock) wohl bald genug fein. Und da läßt Du Pelle sitzen und zusehen, wie Tu Deine Jugend entblößest, schämst Du Dich denn gar nicht?" „Pelle ist so gut, und er ist mein Bruder. Ter denkt sich nichts dabei." „Denkt sich nichts dabei! Ja. er denkt, wie weich und weiß ist ihr Busen! Und in ihm weint es, weil er seinen Kopf nickck dahin legen darf. Ich habe es auch gekannt, wie es ist, Freude zu schenken in meinen jungen Tagen." Hanne errötete bis über den Busen hinauf. Sie warf ein Handtuch über und lief in die Küche hinaus. „Sie hat eine so zarte Haut wie eine Königstochter. Sollte man nicht glauben, daß sie ein Kuckuckskind ist? Der Vater konnte sie auch gar nicht ausstehen. Du hast mich mit irgendeinem von den Feinen betrogen, hat er so oft zu mir gesagt. Wie sollten zwei arme Leute zusammen solch feines Porzellan zu Wege bringen? So wahr Gott lebt, Johnsen. sagte ich. Du und kein anderer ist der Vater des Mädchens. Aber er hat uns geprügelt und tvollte mir nicht glauben. Er wurde wütend, wenn er das Kind ansah und haßte uns beide, weil sie so fein war. Es ist denn ja auch kein Wunder, daß sie so ein bißchen sonderbar im 5!opf geworden ist. Dn kannst eS inir glauben, Pelle, sie hat mir blutige Tränen gekostet. Aber laß Tu sie fahren, Pelle! Ihr könnte ich es wohl wünschen, daß Tu sie kriegst, aber für Dich ist es nicht gut, daß sie Dich so hinhält. Und wenn Du sie kriegst, wird es am Ende noch schlimmer für Dich. Frauenmucken sind ein elendes Mobiliar für eine Häuslichkeit." Pelle gab ihr recht in seinem füllen Sinn, er hatte sich betören lassen und per- geudete seine Jugend auf einem Wege, der zn nichts führte. Aber nun sollte es ein Ende haben! Hanne kam herein und sah ihn an, licht und schwärme- risch.„Willst Du mit mir spazieren gehen, Pelle?" fragte sie. „Ja," antwortete Pelle erfreut lind warf schnell alle Vor- sähe über Bord. V. Pelle und seine kleine Nachbarin wetteiferten, wer zuerst am Morgen aufstand. Wenn sie Glück gehabt hatte und ihn wecken mußte, strahlte ihr Gesicht voll Stolz. Es kam wohl vor, daß er ein wenig länger liegen blieb, uni ihr die Freude zu gönnen und ganz schlaflrunken antwortete, wenn sie an die Wand pochte. Aber zuweilen forderten die Kinderjahre ihr Recht, und Pelle bewegte sich so still wie möglich, und um halb sechs pochte e r dann an die Wand. Dann schämte sie sich den ganzen Vormittag. Die Brüder sollten ihren Morgen- kaffec haben und um sechs aus Arbeit sein. Peter, der der älteste war, ging in eine Bleckiwarciifabrik, Karl trug Morgcnzeitungen aus und verrichtete alle mögliche zufällige Arbeit: die mußte er ausstöbern und das haftete seiner ganzen kleinen Person an. Es lag etwas Rastloses, Wanderndes über seinem Wesen, als wenn die Gedanken beständig nach Aus- wegen suchten. Um diese Zeit regte es pcq rnigs umher: unten über dem Grunde des Brunnens und hinaus durch den Tonnengang schallte ein endloses Klappern von Fußtritten von Hunderten der Arche, die sich schlaftrunken in den Tag hinanSwälzten. Zerzaust, Reste von dem Inhalt der Nacht noch in Zügen und Augen, schmatzten sie, alle schmeckten sie den Gegensatz zwischen Nacht und Tag, gähnten hörbar und jagten dahin. Hier oben auf dein langen Gang tormielten Fabrikmädchen. Arbeiter und Zeitungsfrauen halb nackend umher: sie verspäteten sich immer und standen nun scheltend da und tvarteten. bis die Reihe zum Waschen an sie kam. Es war nur eine Wasckigelcgeuheit an jedem Ende des Ganges, und es war nur eben Zeit, die Augen anzufeuchten und den Schlaf zu verjagen. Zu allen Kammern standen die Türen offen: die Nachtdiinste hingen schwer in dem Gang. Tie Tage, an denen er zu Hauie arbeitete, war die kleine Marie guter Laune. Sie sang und trällerte unaufhörlich, mit ihrer wuuderiichcn Zwergenstini'.ue, uud jeden Augenblick kmn sie hin und bot ihre Dienste an. Daun konnte sie sich hinter ihn stellen und schweigend dastehe» und seiner Arbeit znschen, während der Atem hörbar in ihr ging mit schioeckvn pfeifen- dcin Geräusch. ES lag ein dumpfes Brüten in ihrem kleinen. zurückgebliebenen Körper, der Pcllc an Mortons unglückliche Schwester Kar na erinnerte: dasselbe IlnauSgctragenc, Ver» stcinerie— wie die F rückte van allzu jungen Bäumen. Aber es war doch eine lichtere Färbung über ihr: die Kinderarbeit war nicht als bitterer Saft in sie übergegangen, nur ihr Acußercs war davon gestempelt, lleber ihrem Wesen lag im Gegenteil ein Schimmer von verkümmertem Glück, als gehe es ibr viel bcsicr. als sie erwarten konnte. Vielleicht kam es daher, daß sie da ein ein Ergebnis der harten Arbeit ihrer Kindheit sah. Niemand konnte ihr dies in alle Winde zer- streuen.... � > Sic war eine tüchtige kleine Hait�srau, und die Bruder respektierten sie und brachten getreulich nach Hause, was sie verdienten. Dann nahm sie davon ab, was sie gebrauchte, legte etwas für die Hausniiete in eine Schachtel zurück, die sie in der Kommode anfbewahrte, und gab ihnen etwas, wofür sie sich amüsieren dursten.„Etwas müssen sie haben I" sagte sie zu Pelle,„denn Männer müssen etwas Geld in der Tasche haben. Sie verdienen es ja auch, denn sie haben noch nie einen Oere vertrunken. Sonnabendabend kommen sie innner gleich mit ihrem Verdienst nach Hause. Aber jetzt mutz ich an meine Arbeit. Schrecklich, wie einem die Zeit unter den Händen wegläuft!" Sie schwatzte genau so wie eine ver- heiratete Frau, und Pelle amüsierte sich im Stillen. Nach einer Weile guckte sie wieder herein, er sollte irgend etwas schmecken, oder sie hatte ihre Flickarbeit mitgebracht und lietz sich aus den Rand eines Stuhles nieder. Sie war immer aus dem Sprung, als könne ein Kochtops überkochen oder sonst etwas geschchen. Dann redeten sie vernünftig mit einander. Die kleine Marie machte sich nichts aus Geschwätz: da waren auch genug ernste Dinge, die sie bereden mutzte: die schwierigen Zeiten nach ihrer Eltern Tode und dann das Wunderbare selbst, datz sie einander schon einmal getroffen hatten: das war ein Er- eignis unerschövflichen Reichtums für sie, obwohl sie sich dessen nicht mehr entsinnen konnte. Aber Pelle wutzte es noch ganz deutlich und mußte ihr wieder und wieder erzählen, wie er daheim nach dem Hafen gegangen war. um dem alten Dachdecker Holm den Dampfer zu zeigen, und sie lachte jedesmal, wenn sie hörte, daß Holm dagestanden und vor Angst weggelaufen war, als die Dampf- winde gepustet hatte. Und dann? „Fa. der Dampfer war ja im Begriff, im Hafen Mobiliar einzuladen, alte Betten, Tische und dergleichen." „Das war all das Unsere!" rief Marie aus und klatschte in die Hände.„Damals hatten wir noch was. Wir brachten es aufs Pfandhaus, als Vater nach dem Fall krank lag!" Dann starrte sie ihn fremd an. um besser zu hören.„Und mitten zwischen all ihren Habseligkeiten stand ein Mann mit einem alten Spiegel im Arm. Dachdecker Holm kannte ihn und lietz sich in eine Unterhaltung mit ihm ein." „Er weinte, nicht wahr?" fragte Marie gerührt.„Vater war so unglücklich, datz es mit uns zurückging." Und dann schwatzte sie selbst von dem Hotel dort unten zwischen den Klippen an der Ostkiiste und von den feinen Gästen, die im Sommer dort wohnten. Drei Fahre hatten sie das Hotel gehabt, und Pelle mutzte ihr die Summe nennen. um die man ihren Vater betrogen hatte. Sie war stolz darauf, datz sie einmal soviel besessen hatten. Zehntausend Kronen! Hier drüben hatte der Vater Arbeit als Manrerhand- langer gefunden: eines Tages trat er aus einen Wippbalken und fiel hinab. Er lag ein paar Monate, und als all ihr Hab und Gut ins Pfandhaus gewandert war, da starb er, und dann kamen sie in die„Arche". Die Mutter wusch außer Hause. aber sie war so wunderlich im Kopf geworden. Sie konnte das Unglück nicht ertragen, und so vernachlässigte sie die Häus- lichkeit, lief umher und suchte Trost bei verschiedenen Religionssekten. Zuletzt war sie ganz gestört, und eines Tages verschwand sie. Man glaubte, sie hätte sich im Kanal ertränkt.„Aber nun geht es uns gut", schloß Marie inimer. «Nun ist es eine Kleinigkeit!" „Wirst Du denn nicht müde davon, datz Du auf all das Acht geben mutzt?" konnte Pelle verwundert fragen. Sie sah ihn erstaunt an.„Wovon sollte ich wohl müde sein? Das ist doch nicht mehr, als man bewältigen kann.— Wenn man sich bloß einzurichten weiß, und die Jungens sind zufrieden mit allem, was ich tue. Die machen mir nie Kummer!" lFortsctzung folgt.) Im backen cles'Codes. Von Jack London. (Schluß.) Plötzlich durchlief eine Bewegung die Zuschauer. Der Ton von Schlittenglocken lietz sich vernehmen, auch die Rufe eines Hundetreibcrs. Alle. Schmitt ausgenommen, blickten sich besorgt um, denn man fürchtete die Schutzleute. Allein nur zwei Männer mit einem mit Hunden bespannten Schlitten kamen die Bahn auf dem Flutz herauf, augenscheinlich waren sie auf einer Rekognos- zicrungSfahrt begriffen. Beim Anblick der erregten Menschen- � menge hielten sie die Hunde an und kamen neugierig näher, um i zu sehen, was der Grund der Aufregung wäre. Der Hundetreiber trug einen Schnurrbart, aber der andere, grötzere und jüngere Mann tvar glatt rasiert, und sein Gesicht sah durch die schnelle Bc- wegung in der kalten Luft ganz rosig aus. Wolfsblut hatte mittlerweile aufgehört, sich energisch zu wehren, und machte nur dann und wann noch eine krampfhafte, doch zwecklose Anstrengung, sich frei zu machen. Die Luft begann unter dem erbarmungslosen Griff des Feindes ihm immer mehr zu mangeln, und die grotze Ader am Halse wäre trotz des dicken Pelzes längst schon durchgebissen worden, wenn die Dogge ihn nicht so tief gepackt hätte, datz es eigentlich nicht die Brust, und nicht der Hals, gewesen war, wo sie hineingebissen hatte. So brauchte Che- rokee lange Zeit, um die Zähne aufwärts zu schieben, tfnd bekam dabei immer mehr von den dicken Falten des Felles zwischen die- selben. In Schmitt begann unterdessen die teuflische Rohheit seiner Natur das bitzchen gesunden Menschenverstand, das er besatz. zu umwölken. Er sah, wie Wolfsbluts Augen starr wurden, und er wutzte, datz der Kampf verloren sei. Da konnte er seinen Aerzer nicht länger bemcistern, er sprang auf Wolfsblut los und stietz ihn heftig mit den Fützen. Einige der Umstehenden zischten, andere erhoben Einspruch, aber das war auch alles. Schmitt fuhr fort. Wolfsblut mit den Füßen zu bearbeiten, als plötzlich Bewegung in die Menge kam. Der grotze. junge Mann drängte sich durch die Leute, indem er sie ohne Umstände zur Seite schob. Als er in oen Kreis trat, war Schmitt gerade dabei, zu einem neuen Fußtritt auszuholen. Das ganze Gewicht seines Körpers ruhte dabei auf einem Fuß. Da versetzte ihm der Ankömmling einen derben Schlag ins Gesicht. Schmitts Fuß verließ den Boden, sein Körper flog durch die Luft, und er fiel der Länge nach rü�lings auf den Schnee. Darauf wandte sich der junge Mann an die Zuschauer. „Ihr Fciglingel" schrie er ihnen ins Gesicht.„Bestien, die ihr seid!" Auch er war wütend, ober seine Wut war eine gesunde. Seine grauen Augen blitzten wie Stahl, als sie über die Menge glitten. Schmitt stellt« sich wieder aus die Füße und kam kriechend heran- geschlichen. Aber der Fremde wutzte nicht, was für ein jämmcr- licher Feigling Schmitt war, und er dachte, er wollte sich für den Schlag rächen. Also empfing er ihn mit einem zweiten Schlage. indem er ihm abermals..Sie Bestie!" zurief. Darauf hielt es Schmitt für das angemessenste, im Schnee liegen zu bleiben, und machte vorläufig keinen Versuch mehr, aufzustehen. „Kommen Sie, Matt," rief der Fremde dem Hundcirciber zu. der ihm in den Kreis gefolgt war.„kommen Sie und helfen Sie mir." Beide Männer beugten sich über die Hunde. Matt ergriff Wolfsblut, um ihn aus Cherokees Rachen zu ziehen, wenn der los- lassen sollte, und der jüngere Mann suchte dies zu bewerkstellige», indem er mit den Händen die Kinnladen der Dogge aufzckbrcchen suchte. Aber das war ein eitles Unterfangen! Während jener zog und zerrte und drückte und drehte, machte er seinem Unwillen von Zeit zu Zeit mit einem gemurmelten:„Die Bestien!" Luft. Die Menge begann unruhig zu werden, und einige Leute bc- klagten sich darüber, datz man ihnen das Vergnügen verderbe. Allein sie wurden schnell zum Schweigen gebracht, als der Fremde den Kopf erhob und, in der Arbeit innehaltend, sie einen Augen- blick anschaute. „Verfluchte Bestien, die Ihr seid!" brach er dann loS, darauf machte er sich wieder an die Arbeit. „Es nützt nichts, Herr Scott," sagte endlich Matt.„Sie können sie in der Weise nicht trennen." Die beiden hielten inne und besahen sich die ineinander verbissenen Hunde. „Er blutet nicht so sehr," fuhr Matt fort.„So ganz ist der andere also noch nicht drin." „Aber das kann jeden Augenblick geschehen," versetzte Scott. „Da! Haben Sie's gesehen? Er hat viel tiefer hineingebissen." Des jungen Mannes Besorgnis uni WoifSblut nahm z». Er schlug ein paurinal Clzerokce derb auf den Kopf, aber der lies; nicht locker. Vielmehr wedelte er mit dem Schwanz, um zu zeige». daß er die Bedeutung der Schläge verstände, sich aber im Recht wüßte und nur seine Pflicht täte, wenn er festhielte. „Will denn keiner helfen?" rief Scott in Verzweiflung aus, indem er sich an die Zuschauer wandte. Aber niemand rührte sich. Statt dessen begann man höhnische Bemerkungen zu machen und lächerliche Ratschläge zu gebe». „Sie müssen einen Keil gebrauchen," riet Matt. Der andere griff nach der Hüffe, zog den Revolver heraus und versuchte, den Lauf desselben zwischen die Kinnladen der Dogge zu schieben. Er schob und drückte so kräftig, daß man daS Knirschen des Stahls an den zusammengebissenen Zähnen hörte. Beide Männer lagen auf den Knien und beugten sich über die Hunde. Da trat Tim Kcenan in den Kreis. Er stellte sich neben Scott, be- rührte die Schulter desselben und sagte warnend:„Brechen Sie ihm nicht die Zähne entzwei." „Vielleicht breche ich ihm den HalS," erwiderte Scott, indcin er fortfuhr, den Lauf de? Revolvers tiefer hineinzuschieben. „Ich habe nur gesagt:„Brechen Sie ihm nicht die Zähne ent- zwei!" wiederholte der andere mit Nachdruck. Wenn das eine Drohung war, so nützte sie nichts. Scott lietz von seiner Arbeit nicht ab, obgleich er kaltblütig aufschaute und fragte:.Ist das Ihr Hund?" Der Spielbanlbesitzer bejahte durch ein Grunzen. ..Dann kommen Sie her und brechen Sie ihm die Kinnladen auf." „Na, hören Sie," entgegnete der andere ärgerlich,„darauf bin ich nicht eingeübt. Das muh ich Ihnen sagen. Den Kniff verstehe ich nicht." „Dann lassen Sie mich in Ruhe," war die Entgegnung,.und gehen Sie mir aus dem Wege. Ich babe zu tun." Tim Keenan blieb neben Scott stehen, aber dieser nahm weiter keine Notiz von ihm. Es war ihm gelungen, das Rohr auf der einen Seite zwischen die Kinnladen der Dogge zu schieben, und er versuchte nun, es auf der anderen Seite herauszubekommen. AlS dies endlich geglückt war. bewegte er es leise und vorsichtig wie einen Hebel, indem er allmählich die Kinnbacken lockerte, während Matt ebenso allmählich Wolssbluts zerfleischten Hals herauszog. „Bleiben Sie in der Nähe, um Ihren Hund zu fassen," wandte sich Scott kurz und befehlend an Cherokees Eigentümer. Der Hazardspieler bückte sich gehorsam und packte Cherokee mit festem Griff. „Jetzt!" kam es warnend von Scott, indem er den Hebel noch einmal in Bewegung setzte. Die Hunde waren getrennt, aber die Dogge strebte mit aller Macht vorwärts. „Nehmen Sie den Hund weg," gebot Scott und Tim Keenan zog Cherokee in den Kreis der Zuschauer zurück. Wolfsblut machte einige fruchtlose Anstrengungen, sich auf die Füße zu stellen, aber die Beine waren zu schwach, ihn zu tragen. und er sank langsam auf den Schnee zurück. Seine Augen waren halb geschlossen und glasig, das Maul stand offen, und die Zunge hing schlaff aus dem Halse heraus. Er sah wie erwürgt aus. Matt untersuchte ihn. „Er ist nahe dran gewesen," verkündete er.»Aber er- atmet noch ganz regelrecht." Der schöne Schmitt hatte sich erhoben und kam heran, um nach Wolfsblut zu sehen. „Matt, wie viel ist ein guter Schlittenhund wert?" fragte Scott. Der Hundctreibcr, immer noch auf den Knien, bückte sich über Wolf und rechnete einen Augenblick..Dreihundert Dollar," ant- wartete er dann. „Und wieviel einer, der so zerrissen und zerfleischt ist, wie der da?" fragte Scott, indeth er Wolfsblut mit der Fußspitze bc- rührte. „Die Hälfte," lautete die Antwort des Hundetreibcrs.— Scott wandte sich an Schmitt., „Haben Sie gehört. Herr— Bestie? Ich nehme Ihnen den Hund ab und gebe Ihnen hundertundfünfzig Dollar dafür." Dabei öffnete er sein Taschenbuch und zählte die Scheine ab. Schmitt legte die Hände auf den Rücken zum Zeichen, daß er das Geld nicht nehmen wolle. „Ich verkaufe ihn aber nicht," entgegnete er. „Doch! Weil ich ihn kaufe," versetzte der andere.„Hier ist das Geld. Der Hund gehört mir." Schmitt machte mit den Händen auf dem Rücken einige Schritte nach rückwärts. Scott sprang auf ihn zu und holte zum Schlage aus. Ter andere bückte sich, um denselben zu vermeiden. „Ich habe doch ein Recht auf ihn," rief er weinerlich aus. „Sie haben sich Ihres Rechts auf den Hund verlustig ge- macht," war die Entgegnung.„Wollen Sie da? Geld nehnicn oder soll ich—" und Scott erhob abermals die Hand zum Schlage. „Schon gut," versetzte Schmitt mit einer Raschheit, die nur aus Furcht entspringen konnte.„Aber ich nehme das Geld nur unter Protest.— Der Hund ist eine Goldgrube," fügte er hinzu, „und ich werde mich nicht berauben lassen. Jedem das Seine." „Da haben Sie recht," antwortete Scott, indem er ihm das Geld hinreichte.„Jedem Menschen das Seine. Aber Sie sind kein Mensch, Sie sind eine Bestie." „Warten Sic nur. bis ich nach Tawson komme, dann verklage ich Sic," drohte Schmitt. „Wenn Sie auch nur den Mund auftun, wenn Sie nach Dawson kommen, so lasse ich Sie aus der Stadt jagen. Ver. standen?" Schmitt brummte eine Erwiderung. „Verstanden?" donnerte der andere ihn an. „Ja," brummte Schmitt zurückweichend. „Ja— weiter?" „Ja wohl. Herr," entgegnete Schmitt, indem er ihm höhnisch die Zähne wies. „Nehmen Sie sich in acht! Der beißt noch!" rief jemand unter den Zuschauern, worauf ein schallendes Gelächter ertönte. Scott kehrte sich um und trat an den Hundctreibcr heran, der um Wotf beschäftigt war, um ihm zu helfen. Einige Leute machten sich auf den Heimweg, andere standen in Gruppen, gafften und schwatzten. Tim Keenan gesellte sich zu einer der Gruppen. „Wer ist denn das Großmaul?" fragte er. „Weedon Scott," antwortete einer. „Und wer, zum Henker, ist Weedon Scott?" fragte der Hazard- spielcr. „Ach. einer von den allerersten Minenerperten. Er steht sich mit all den großen Tieren da gut. Wenn Sic nicht in Ungelegen- kieiten kommen wollen, so kommen Sic dem nicht in den Weg, das rate ich Ihnen. Er hat alle Beamten in der Tasche. Der Gonvcr- »wur ist ein Duzfreund von ihm." „Ich dachte gleich, es mühte was besonderes mit ihm loS fein/ versetzte der Hazardspieler. „Darum hielt ich auch von Ansang an meine Finger von ihm fern."_ Mnterlport. Von RichardWengraf, Unseren Großeltern, unseren Eltern noch war der Winter die „schlechte Jahreszeit" kurzweg, die Zeit des Frostes, der kalten, Füße, der Schnupfen und Katarrhe. Trost bot die sichere Erwartung eines durch den ewigen Kreislauf der Natur bestimmten Wechsels. die Frühlingshoffnung. Was es an Wintersreudcn außerhalb der geheizten Stube gab, war für den Städter zumindest recht wenig: Schlittschuhlaufen aus eng umschriebener Bahn, für die Schuljugend noch die Schneeballschlachten auf dem- Heimwege, sofern, dies nicht als strafwürdige Ordnungswidrigkeit angesehen wurde. Das alles bat sich in den letzten zehn, zwölf Jahren geändert. Der heutigen Generation ist der Winter nicht länger ein böser Feind, vor dem man sich ängstlich hinter dichten Mauern verbirgt; er ist eine Quelle reinster Lebenslust geworden für alle, die gesunde Glieder und ein bißchen Tatkraft ihr eigen nennen. Viel mehr ist nämlich gar nicht notwendig, um auf irgendeinem. Gebiete des Wintersports— es gibt deren viele— seine Rechnung zu finden. Man braucht kein Jüng- ling und kein Backfisch zu sein, um. auf verschneitem Waldwege, den niederen Rodelschlitten hinter sich herziehend, bergan zu schreiten, um dann vom Kopfende der Bahn, je nach Lust und Schncidigkeit, mehr oder weniger bremsend, talwärts zu sausen. Es gibt sehr ernst- hafte, im Dienst ergraute Bureaumenschen, die ihre Sonntage nicht angenehmer zu verbringen wissen, als auf der Rodelbahn, und wenn am nächsten Tage die Angestellten erfreut feststellen, daß die Nervo- sität des„Alten" bis auf einen kleinen, offenbar unvermeidlichen Nest verschwunden ist, so wissen sie. daß diese wohltätige Wirkung nur der heilsamen, Bewegung in der reinen, staubfreien Luft zu danken ist. Freilich, wenn man. jung und elastisch ist. so bietet der Winter- sport noch ganz anderes, als solch bcschcidene'Rodclfahrt auf sanft geneigter Bahn. Aber nicht wahr, das ist ja auch auf allen anderen Gebieten menschlich-r Betätigung so, daß die Jungen, immer von allem das Beste haben. Wer in. den Abendstunden auf einen, der großen Fernbahn- Höfe in Berlin, besser noch in Wie» und München geriet, dem bot sich ein eigenartig bewegtes Bild. Nur in. den paar Sommertagen nach Beginn der Schulferien kann man sonst noch solchen. Menschen- drang in den Vorhallen, vor den Pcrsonenkassen und Gepäckschaltern beobachten. Fast lauter kräftige Gestalten im Sportanzüge, mit Rucksack und Skiern beladen, eilen die Treppen hinauf, gut ein Viertel davon weiblichen Geschlechts, nicht alle schön und nicht alle annilltig, aber alle mit frcudcblitzenden Augen, mit frohen Gc- sichlcrn, in denen sich die Erwartung bevorstehender Genüsse malt. In den Sportzügen ist der Mitreisende nicht der Feind, der Platz und Ruhe raubt, sondern, welcher Gesellschaftsklasse er immer ange- hören mag, der Kamerad, mit dem man sich ein paar Stunden, vielleicht eine ganze Nacht hindurch wohl verträgt. Wettermeldungen und Schnccbcrichte werden ausgetauscht, Touren empfohlen und bc- schrieben, sportsrcundliche Gastwirte erhalten ihr gestrichenes Maß an Lob. und vor un Heizbaren oder allzu belebten Zimmern wird gewarnt. In der Ecke dort hält ein Ehepaar, das daheim keine Zeit zum Abendbrot gefunden, behagliche Mahlzeit aus den Schätzen, der Aluminiumdose. Wenn einer ein gelernter Schlangenmensch ist. schläft er, auf anderthalb Plätzen, bequem zusanlmciigeringelt, den Schlaf des gcrcck'ten Skifahrers. In der dritten Klasse ist das nicht gar so einfach Aber da gibt eS Sybariten, die unübertroffen in der Kunst sind, hoch oben über den Gepäckträgern ein Lager zu bereiten. Drei Paar Skier nebeneinander ausgebreitet, darauf ein paar Mäntel als Matratze und ein Rucksack als Kopspolstcr sollen ein ganz ansgczeichnctes. Bett abgeben. Nun. wie immer eine solche Nacht im überfüllten Eisenbaljn- znge verbrackü wird, sie bleibt ein Opfer, das der begcisigrteti- fahrer— andere gibt es nicht— freudig auf sich ninnnt. Aver kaum ist man am Ziele, kaum sind die. Skier auf den verschneiten Bahn- steig gerasselt, kaum ist unter beträchtlichem Rufen nach zurückge- blicbcnen Rucksäcken das Freie gewonnen, so ist auch schon die Uebcr- näcktigkeit wie durch Zaubcrschlag Verschivunden. Nach kurzer Früh- stücksrast im. nächsten Gasthause smerkwürdig, was die Leute im Gebirge unter Tee verstehen!; aber das macht nichts) beginnt der Marsch. Erst geht es durch die verschlafene Straße des Oertchens an der schmucken, Kirche mit dem Zwiebelturm vorbei. Vor dem Tor sammeln sich die Einwohner zur Messe. Mancher von den Alten schüttelt mißmutig den Kopf über die„Schncenarren", die einem nicht einmal im Winter seine Ruh' lassen,, wo man doch schon im Sommer genug Schererei mit den Stadtleuten, gehabt hat. Aber die Jungen sind mit uns und rufen. unS ein. fröhliches„Skiheil!" zu. Mancher von ihnen übt schon fleißig auf alten Faßdauben, die neue Kunst, und in zehn Jahren gibt es gewiß kein noch so entlegenes Gcbirgsdorf mehr, wo nicht der Ski als einziges Verkehrsmittel bei tiefem Schnee eine bedeutende Rolle spielen wird. Einstweilen freilich hat die Gegend, der diesmal unser Besuch gilt, nur einen einzigen Skikundigcn, das ist der JägcrloiLl, mit dem wir uns beim Bcrgwirt, wohl an die tausend Meter hoch und am Ende HeS aus» gefahrenen SchsittenweseS. Stelldichein gegeben haben. Tis zum Bergwirt kommt man auf dem gefrorenen Pfad besser ohne Skier vorwärts; die jchlcist man an langen Stricken nach. Allmählich hat es zu tagen begonnen, und die vcrfchl citen Fözrenwipfel hoch über uns glitzern im ersten Morgenrot. Wir wandern noch im Schatten. Es ist grimmig kalt. In dicken Fäustlingen aus grobem Zirgenhaar stecken die Hände, weichwollene Schnechanben schützen Ohren und Hals. Der Atem izefriert vor dem Munde und läßt sich als klirren- des Eis in den Barten nieder. Nach einer Stunde stehen wir mit angefchiwllten Skiern vor dem Wirtshaus— marschbereit. Der Loisl hat uns einen herrlichen Tag versprochen, und schon liegt die Halde gegenüber in hellem Sonnenalast. Rasch werden die Sckwitzer und Schlicehaubcn im Rucksack verstaut, und ein ganz Lorsichtiger setzt sogar die schwarze Schneebrille auf. Scchundfelle, die unter die Mcitflächen der langen Bretter gebunden werden, erleichtern den Aufstieg. In ziemlich steilen Serpentinen geht es bergan, und bald umfängt uns dichter Nadelwald. Unter der wuchtenden Schneelast beugen sich die Zweige tief zur Erde, die seltsamsten und reizvollste,> Rauhrcifgcbildc umglitzern die schlanken Aeste und Zweige. Prüfend senken wir den langen Bergstock in den Schnee. Wir kommen kaum auf den Grund. Ohne Skier sänke man hier bis an die Hüften ein. Ein Rudel Rehe kreuzt unsere Spur. Die schnellfüßigen Tiere haben Mühe, sich durd&uarbeitm. und das bringt den Loisl auf eine un- bedingt ivabre Gqchichte von einem Gcmsbock, der so tief emge- funken war, daß ihn der LoiSl aus seiner unangenehmen Lage be- freien mußte— natürlich nicht, bevor er ihm mit seinem scharfen Messer seinen Bart, die kostbare Trophäe, kurzweg abrafiert hatte. Oberhalb dcS Waldes, in anderthalb tausend Meter Mrercshöhc, ist «in Stadel, eine leere Almbütte, die offen steht und bei schlechtem Wetter erwünschten Unterschlupf bietet. Heute können wir des schirmenden Daches leicht c»traten, ober auf der sonnenfceschicnenen Bank an der Südseite wird längere Rast gehalten. Allerlei Gutes wird aus den Rucksäcken zutage gefördert, als Getränk dient kalter Tee oder auch warmer in einer der jetzt so verbreiteten Isolier- fkaschen. Ter Loisl nimmt sogar einen herzhaften Schluck scharf- duftenden Enzianbranntweins. Er kann sich das tootst erlauben, denn für ihn ist die heutige Tour eine Spielerei, während der sporttreibende Städter Alkohol und Zigarren während der Tour aufs strengste meiden muß. Diese erzwungene Enthaltsamkeit ist vielleicht eine der heilsamsten Wirkungen de» Skifahrens. Oberhalb der Alachütte fängt der Wold an. recht schütter zu werden, und bald löst knorriges Krummholz die hochstännnigen Bcrgkanucn ab. Immer steiler wird der Hang, immer kürzer müssen die Serpentinen angelegt werden. Räch knappen drei Viertel- stunden ist das mäßig breite Gipselplciteau erreicht, wo sich unseren Augen die herrlicbstc Aussicht auf die verschneite Bergwelt nah und fern öffnet. Vollkommene Windstille lädt zu behaglicher Rast im warmen Sonnenschein. Gemächlich löst man die Fellstreisen, von den Brettern, prüft tms Ricmzcug. zieht die Schuhe fester. Rock ein letzter Blick in die Runde, dann setzt sich der Loisl in, Bewegung — wir andern folgen in mäßigem Abständen. Run geht'S die andere Seite des Berges hinab, wo der Schnee so tief liegt, daß die mcter- hohen Zcrben i'Krumrnisöhren) fast ganz vow der weißen Decke ein- gehüllt sind. Pfeilgeschwind sausen wir zu Tal, aber in jedem Augenblick kann die sckmcllc Fahrt durch einen eleganten Sckwung —»Telemark" oder-Ghnstiania"—. bei stärkeren Neigungen durch einen kräftigen Bogen gehemmt werden. Wald und Almboden wechseln, ganz ohne Stürze geht'S nicht ab. zumal im vereisten Hohlwege, der eigentlich schon mehr eine Rodelbahn ist. Solch ein vereister Hohlweg kostet mitunter eine Skiespitzc. und dann heißt's, den Rcparaturbrutcl hervorziehen und schlecht und recht flicken oder die Bretter schultern und den Rest der Ab'abct schön zu Fuß zu- rücklegen. Mi! äbnl icher. Zwischeiställen sollte man immer rechnen und darum die Zeit bei Skitouren, niemals zu kuapp bemessen. Wir find so vorsichtig gewesen, für die Abfahrt zwei Stunden an- zusetzen; da aber alles gut un!d glatt verlaufen ist, landen wir schon nach einer guten Stunde an der Fahrstraße. Freilich, so nrühelos-heiter verläuft nicht jeder SkiauSflug. Sieht mau selbst von den eigentlichen Hochtouren, die über Gletscher und ir» Höhen von 3000 bis 4000 Meter führen, ab. so bieten Schnee- stürm, unversehens einfallender Rebei oder gar plötzliche Schwäch« eines ungeübten Teilnehmers, endlich meist nach Reuschuc« oder Föhn die verschiedenen Arte»» von Lawinen ernste Gefahren. Eo- longe man feiner Kräfte und feiner Tcrrainkcnnknis nicht voll- iomrneu sicher ist, tut man gut. sich über die obere Baumgrenze nicht binanszuwageu. Das ist ja gerade der große Vorzug, den das Skifahrcn vor anderen Wrwierfporkgaiiungew voraus bat. daß es auch dem körper- lich minder Tauglichen, rveim er Maß zu halten versteht, einen «ü'n'ußreichen und gefahrlosen Betrieb ermöglicht. In körperlichen Anstrengungen Geübt« bringen es auch in reiferem Älter nach kurzem Training so weit, daß sie unter sachkundiger Führung nahe- zu sturzsrci Bergfahrten unternehmen können. Der sogenannte Eüüauf freilich, der die höchsten Anforderungen, an Eleganz und Schneidigkeit stellt— er umfaßt auch da? Springen von hoher. kunsivol erbauker Schanze— wird immer die Domäne der ge- schmeidigen Fugend bleiben. Hier findet sie Gelegenheit, alle Kräfte des Körpers und des Willens spielen zu lassen, weit besser als bei dem halsbrecherische» BobsleiMabrcn. das leider als Attraktion für Wintersportkwbitzc an allen fasbionabeln Wintcrsportplätzcn immer Kkerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: mehr in Mode kommt. Da wird her oft Mehrere hundert Pfund schwere Schlitten von Pferden oder mittels elektrischer Kraft bergan geschleppt, dann nimmt vorne der Lenker, hinten der Bremser Platz, dazwischen noch zwei Herren, und eine Dame— so will es die Rennregcl— und jetzt geht es im Exprcßzugstempo die künstlich vereiste, kurvenreiche Bahn hinab. Die drei in der Mitte find nicht viel mehr als Ballast; wenn sie auch durch geeignet« Bewegungen, das sogenannt«..Bobben", den Lenker unterstützen können, find sie doch durchaus von der Geschicklichkeit des Steuermanns und des Bremsers abhängig. Es gibt kaum, eine bekanntere Bobbahn, die nicht alljährlich einige Unglücks- oder gar Todesfälle zu verzeichnen hätte. Solche Auswüchse der Sportnarrheit schaden dem Winter- spart überhaupt und sind Wasser auf die Mühle der Stubenhocker, die ihre gesunden, aber trägen Glieder lieber im Bier- oder Kaffee- hause dehnen� statt sie in freier Luft zu stählen. Mögen sie immer- hin über die..Sportfexen" die Rase rümpfen— die Zukunft gehört der Jugend, gehört den rüstigen Männern und Frauen, die sich Sonntags auf weitgestrecktcn Eisbahnen, im winterlichen Hoch- walde und auf verschneiten Berghalden rote Wangen unid gesunde Nerven holen._ Kleines Feuilleton. Aus der Vorzeit. Da« bronzezeitliche Dorf Hohensalza. Mit leb- haften, Juteresse wurde die Kunde vernommen, daß e» vor kurzem Hilmar Kalliefe gelungen ist, nahe bei Hohenialza die Spuren einer oorgesckickllicken Sicdelung zu enldeckeu. die auf die Bronzezeit zuriickging und ungewöhnlicken Umfang besessen zu haben ickeint. Jnzwncken bat der Entdecker die'er neuen prähistornckcn Fundstätte umfassende Ausgrabungen eingeleitet, die bereits nach kurzer Zeit von sehr interessanten Erfolgen begleitet gewesen sind. Nack Freileguiig einer größeren Fläche stieß Kalliefe auf eine große Sckcckt HaiiSbcwurf, der von einer umgestürzten Wand her- zunihrru scbicn. Darunter fand fick bei den wrucrrn Grabungen ein Herd sowie dicht beieinaader unzählige Gruben. Der größte Teil erklärte sich al? Piostenlöcher, die von den Gebäuden herriibrrn, die hintereinander dort erbau, waren. Leider ließ sich kein bestimmter Gnnidriß aus der Nnmenge Pfostrnlöcher feststellen. Erst an anderer Stelle Hoden sich die Pfoitenreihen der Wänbe eines Hauses deutlich vom Boden ab. Die Eckpfosten in Gruben bis 1.50 Meier im Durchmesser, die Zwischenpsosten in 30—50 Zenlimeter weiten und 50 Zentimeter tiefe» Löchern. Von den Zwischenpsosten waren wiederum die in der Mitre der Breuseite stärker, da sie den Giebel zu tragen halten. Der Herd— 80 Zentimeter in, Durchmesser— unterschied sseb von den früher gefundenen durch eine festgestampfte Lehm» Packung, in die dann sehr kleine Sieine. höchstens in Größe einer kleinen Faust eingebettet waren. Dicht daneben lag eine zweite kleinere mit Steinen belegte Fläche, wahricbeinlick ein Rebenherd voi, nur 05 Zenttmeier Durchmesser. Unter diesem fand man eine Grube von 30 Zemünerern Tiefe, aus deren Grunde die Scherben einrS 40 Zenlimeter weilen dickbauchige» Gefäße? lagen, da? sich zusammen- setzen ließ. In einiger Entfernung war eine flache 1.50 Meter weite Grube, deren Wandungen mit eiuer Aschenschichl bedeck, waren, ver- mutlich eine Herdgrubc, die einen Elcinbcrd ersetze» mußte. Euie andere Grube scheint ol? Brunnen gedient zu haben. Sie ist 70 Zentimeter weit, zylindrisch, gegen 2 Meier tief mid reicht bis in die waffrrsübrcnde Schicht. Der untere Teil war mit schlammiger Erde gefüllt, in der sich einige Scherben fanden, die obere Hälfte war voll HauSbewitrf mit«inen, Wcbegewicki aus sehr wenig gebranntem Ton darrinler. Im weiteren Berlani der Arbeiten wurden einige Äbsallgruben untcriucht, in denen Hausticrknochen und unzählige Scherben gefunden wurden. Ausfallend ist der Reichtum an Scherben, die sich Zeilweise zn Geiäßeu der verichiedeneu Formen»ud Größen zusammensetzen lassen. Diese Gefäße beweisen, daß sich an dieser Steve schon zur letzte» Steiuzeu und noch i» der Eisenzeit etwa um Chr. Geburt. ivenn auch nicht in der Ausdehnung der Bronzezeit. Ansiedelungen befanden' An? dieser letzten Zeit fand sich auch ein sehr charakteristischer Bügel leine Bronzefibel. Sicherheitsnadel) mit eiserner Nadel. Ueber- haupt sind die Kleiusunde verdäktuiSinäßig zahlreich. Besondere Auf- merksamkeit verdienen mehrere verkohlte mileinonder zn«inen, Ziakuumwerk verbundene Hölzer, etwa armdick und dem Anschein« nach wenig bearbeitet. ES sind wahrschcmlich die Reste eines Möbel- ftückes. Zur Fortbewegung auf dem Eise benutzten die Bewohner dieser alten Sicdelung»Sch littknochen": Fujstnochen vom Pserd oder Rind»varrn zugespitzt oder mindestens abgrschrägl, um ein leichteres Gleiten zu erzielen. Man benutzte nur cnieu stu scheu, auf dem matt einen Fuß setzte, ohne den Knochen weiter zu befestigen; mit dem anderen Fuß stieß man sich ab. An einer Stelle faudeu sich die Neberreste einer Bronzegießerci mit vielen zerbrochenen Fornuni von Bronze- ringen»sw. Reben verschiedenen zugespitzten Kuocheuwerkzeng«, treten in großer Zahl 10— 1» Zetttimeicr lauge Stücke von au einen, Ende ziigcschliffeiien Tierrippcn in die Erscheinung. ES muß ein vielgebrauchter Gegenstand sein, da er die Anzahl aller anderen Knochruwerkzeuge übertrifft. Eine Anzahl Spmnwirtel in allen Größen, Formen und Farben sowie mehrere Schleif- und Mahlsteine beichließen die Kleiusunde._ LorwartSBuchdruckereiu.Berlageanjta.lt Paul SingerS-Lo�BcrUnZAi,