Anterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 13. Dienstag� den 23. Januar. 1912 «SZachdruck vcrlcttn.Z 15] pelle der Eroberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNexo. „Tas ist nichts für mich, das paßt nur für die an Land," sagte Per Kofod.„Denn siehst Du, die sind ja wie die kleinen Lämmer, die man ins Ohr kitzeln muß, und dann stellt es sich in den Nächten wieder ein, wenn man allein die Hundewache geht: der hast du was vorgelogen, hast ihr versprochen, wieder- zukommen, wenn sie Dir ihr Mieder lösen wollte, am Ende sitzt sie nun da und soll ein Kind haben. Das taugt nichts! Ein Zeemann soll sich an die unartigen Dirnen halten." „Weiber können auch falsch sein," sagte Pelle. „So? Wirklich? Ich hätte sonst eigentlich nicht geglaubt, daß inan unschuldigen Wesen einen Fußtritt geben könne, aber Du erdrosselst am Ende auch kleine Kinder. Na, die kommen und fressen einem für ein gutes Wort aus der Hand, das tun sie, und dann haben wir die Bescherung. Kannst Tu Dich noch auf Heulpeter besinnen?" »To, jetzt, da Du es selbst sagst, besinne ich nüch noch ganz gut." „Na, sein Vater war auch Seemann und hat es auch gerade so gemacht, und sie war auch so ein Mädchen, das nicht nein sagen konnte, sondern glaubte, was die Mannsleute ihr einredeten. Er wollt ja wiederkommen, natürlich.„Wenn Du die Bodenluke knarren hörst, dann hast Du mich," sagte er. Aber die Bodenluke knarrte ein paarmal, und er kam nicht. Da hängte sie sich mit einem Strick an der Luke auf. Heulpeter fiel der Gemeinde zur Last. Und Du weißt ja, wie sie ihn alle höhnten. Selbst die Deerns glaubten, daß sie ein Recht hätten, ihn zu spucken. Er konnte ja nichts weiter als heulen. Seine Mutter hatte so viel geweint, ehe er geboren wurde, verstehst Du? Ja, und dann hängte er sich auf. Er versuchte es zweimal, das hat er geerbt. Sein Schicksal wurde noch schlimmer: jeder machte sich eine Ehre daraus, ihn schlecht zu behandeln und nach dem Streifen an seinem Hals zu fragen. Ja, Du nicht. Du warst der einzige, der die Hand über ihn hielt. Darum habe ich oft an Dich gedacht. Aus dem ist was geworden, sagte ich zu mir selbst. Gott mag wissen, wo er geblieben ist." Er sah Pelle mit ein Paar treuherzigen Augen an. „Nein, das war Vater Lasse sein Verdienst," sagte Pelle mit einem ganz kindlichen Tonfall.„Der sagte immer, ich müßte gut zu Dir sein, Du ständest in des lieben Gottes Hand." „Sagte er: in des lieben Gottes Hand?" wiederholte Per Kofod sinnend.„Das war doch ein sonderbarer Ausdruck. Das Gefühl habe ich nun übrigens nie gehabt. Da war auch nichts auf der ganzen Welt, was mir damals behilflich gewesen wäre, mich aufrecht zu halten. Ich kann es selbst gar nicht verstehen, daß ich jetzt hier sitze und mit Dir schwatze, daß sie mir nicht das Leben aus dem Körper gepeinigt haben, meine ich." „Ja, Du hast Dich sehr verändert. Wie ist es eigentlich gekommen, daß Du jetzt so schneidig bist?" „Ach, so, wie ich jetzt bin, das ist wohl eigentlich meine Natur. Sie ist bloß aufgewacht, denke ich. Aber ich begreife nicht, was es damals eigentlich mit mir war. Ich wußte recht gut, daß ich Euch niederschlagen konnte, wenn ich bloß wollte. Aber ich toagte nicht zuzuhauen, aus lauter Jammer. Ich sah so viel, was ihr andern nicht sehen konntet. Teufel auch, da ist nicht klug draus zu werden! Es ist wohl das schreckliche Herzleid meiner Mutter gewesen, das nur noch im Fleisch saß. Die Angst konnte so über mich kommen, ganz sinnlos, so daß ich brüllen mußte: und dann prügelten mich die Bauern. Jedesmal, wenn ich versuchte, inich um das Ganze wegzudrücken, indem ich nüch erhängte, prügelten sie mich auch. Es war im Gemcinderat beschlossen, daß ich Prügel haben sollte. Und darum will ich ja auch nicht, Pelle! Ein Seemann, der soll sich an die Frauenzimmer halten, die Bc- Zahlung dafür kriegen, wenn sie sich seiner annehmeu, das heißt, wenn er sich nicht verheiraten kann. Da hast Du meine Ansicht." „Du hast viel Schlimmes erlitten," sagte Pelle und nahm seine Hand.„Es ist ja eine förmliche Verwandlung mit Dir vorgegangen." �„Verwandlung? Hm, ja, das kannst Du wohl sagen l Einen Augenblick Heulpeter und den nächsten der stärkste Mann an Bord. Da hast Du das Ganze. Denn siehst Du, es war ja auf See natürlich dasselbe: selbst der Schiffsjunge fühlte sich verpflichtet, mrr einen Fußtritt an die Beine zu versetzen, wenn er vorüberging. Jeder', der Schelte oder Haue kriegte, ließ es gleich an mich weitergehen. So war ich denn auf eine amerikanische Bark gekommen, da war ein Neger an Bord, den sie alle huuzten: er kroch vor ihnen, aber Du kaiinst Gift drauf nehmen, er haßte sie alle aus dem Weißen seiner Teuselsaugen heraus. Aber mich, der ihn menschlich be- handelte, schikanierte er, machte sich nicht die Bohne draus, daß ich weiß war. Selbst ihm wagte ich nicht eine zu langen. Mir saß ja dieser weiche Klumpen iiber dem Zwerchfell. Aber einmal wurde mir die Sache doch über, oder das Totgeborene in mir war verbraucht. Ich zielt' ein bißchen mit dem einen Arm nach ihm hin, so daß er umfiel. Das war eigentlich ein ulkiges Erlebnis. Es loar, sagen wir mal, wie ein Märchen: wo die Kröte plötzlich zu einem Menschen wird. Ich faßt' gleich zu und drosch ihn halb zu Schanden. Und da ich nun doch einmal dabei war, dacht ich, es wär' am besten, gleich reinen Tisch zu machen. Denn siehst Du, da ging ich nach achtern und drosch die ganze Gesellschaft von Anfang bis zu Ende durch. Es war übrigens ein großartiger Augenblick, solche Menge Wut, die im Körper war und raus wollte." Pelle lachte.„Ein Glück, daß ich Dich von früher her kannte, sonst hättest Du aus mir ani Ende auch noch Hack- fleisch gemacht." „Na, Kamerad, das war ja nur'n kleiner Jux. Man wird so guter Laune, wenn man wieder an Land kommt. Denn da draußen heißt es: prügelst Du die andern nicht, dann prügeln sie Dich..Aü! right! sage ich, aber gegen die Frauen- zimmer soll man gut sein. Tas Hab' ich dem Alten au Bord auch gesagt: der ist ein Staatskerl, aber ein Schweinehund, wo es sich um Frauen handelt. Da ist auch nicht e i n Hafen, wo er nicht eine Liebschaft hat. Im Süden und an der ame- rikanischcn Küste. Es ist oft rein doll. Dann muß ich mit und aufpassen, daß er keinen Dolch zwischen die Rippen kriegt. „Per," sagt er,„heut abend wollen wir beide mal auf'n Bummel gehn."„A.!! right, Kap'tän," sage ich dann.„Aber es ist ein Jammer um alle die Weiber."„Halt's Maul, Per, die meisten sind ja verheiratet." Er ist übrigens von uns zu Hause, aus einer kleinen Hütte oben in der Heide." „Wie heißt er denn?" fragte Pelle interessiert. „Albert Earlsen." „Nanu, dann ist er ja Oheim Kalles Aeltester und ge- wissermaßen mein Vetter, das heißt.Kalle selbst ist nicht sein Vater. Tie Frau hat ihn mit in die Ehe gebracht. Er ist von dem Stengaardener Herrn." „So— dann ist er ja ein Kongstrop!" rief Per Kofod ans und lachte laut.„Das kann auch stimmen!" Pelle bezahlte, und sie schickten sich an zu gehen. Die beiden Mädchen standen noch am Baum. Per Kofod ging auf die eine zu, als sei sie ein Vogel, der ihm entschlüpfen könne. Plötzlich faßte er sie um die Taille, sie entzog sich langsam seinem Griffe und lächelte seiner großen, blonden Gestalt zu. Er umfaßte sie nochmals, und nun stand sie still, die Flucht noch im Kopf, den sie lachend halb abwandle. Er sah sie tief an, dann ließ er sie los und folgte Pelle. „Was kann das nützen, Pelle? Wenn ich ihre Klage schon jetzt hören kann. Tann sollte man doch woil gewarnt sein," sagte er mit verzweifeltem Tonfall.„Aber zum Teufel auch, wozu muß der eigentlich so viel Mitleid in der Brust haben, dem sie selbst so arg mitgespielt haben, und die anderen, die haben kein Mitleid. Hast Tu gesehen, wie sanft ihre Augen waren? Wenn ich Geld hätte, ich heiratete sie vom Fleck weg." „Vielleicht will sie Dich gar nicht," erwiderte Pelle.„Auf die Mädchen versteh sich mal einer." Draußen in der Allee gingen einige Männer und riefen: sie suchten nach ihren Mädchen, die ihnen weggelaufen waren. Einer von ihnen kam auf sie zu, er hatte eine Studentenmütze auf.„Die Herren haben unsev: Damen wohl nicht gesehen?" sagte er.„Nun haben wir den ganzen Abend mit ihnen da- gesessen und sie traktiert, da sagten sie, sie müssen bloß mal an einen gewissen Ort, und weg sind sie." Sie gingen an den Hafen hinab.„Kannst Tu nicht mit an Bord kommen und den Alten begrüßen?" sagte Per Kofod.«Aber er ist heute abend wohl an Land. Ich habe ihn gegen Feierabend von Nord gehen sehen, zur Frauenzimmerjagd aufgetakelt." „Ich kenne ihn ja gar nicht," sagte Pelle,„er war ja schon zur See, als ich noch ein kleiner Junge war. Und nun will ich übrigens nach Hause und schlafen. Ich sänge des Morgens früh an." Sie standen am Kai und nahmen Abschied. Per Kofod versprach, bei Pelle vorzusprechen, wenn er wieder in den Hafen käme. Während sie noch redeten, rasselte die Tür zu der Achter- kajüte. Heulpeter zog Pelle hinter einen Kohlenhaufen. Ein kräftiger, bärtiger Mann kani heraus und führte eine junge Frau an der Hand. Sie ging schwerfällig und schien zu widerstreben. Er setzte sie förmlich an Land, kehrte dann in die Kajüte zurück und schloß zu. Die junge Frau blieb ein wenig stehen. Es kam eine leise Klage über ihre Lippen. Sie streckte den Arm flehend nach der Kajüte aus. Dann schwankte fie betäubt dahin, am Kai entlang.„Das war der Alte," flüsterte Per Kofod.„So behandelt er sie alle, und sie wollen doch nicht von ihm lassen." Pelle konnte kein Wort hervor- bringen: er stand da zusammengekauert, niedergedrückt von etwas entsetzlich Schwerem. Plötzlich nahm er sich zusammen, drückte dem Kameraden die Hand und entfernte sich zwischen den Kohlenhaufen. Nach einer Weile wandte er sich um und folgte in einiger Entfernung dem jungen Mädchen, das nachtwandlerhaft am Kai entlang schwankte und über die lange Brücke ging. Er fürchtete, daß sie sich ins Wasser stürzen könne, so wunderlich ging sie. Auf der Brücke blieb sie stehen und starrte nach dem Schiff hinüber mit einem versteinerten Ausdruck. Pelle stand still; «s fror ihn bei dem Gedanken, daß sie ihn erblicken könne. Er würde es nicht ertragen können, jetzt mit ihr zu reden, ge- schweige denn ihr in die Augen zu sehen. Aber dann ging sie weiter. Ihr Gang war aufgelöst, von hinten glich sie einem dieser schiffbrüchigen, ältlichen Frauen- zimmer aus der„Arche", die in ausgetretenen Männerfchuhen an den Häuserreihen entlang latschten und immer eine wunderliche Vergangenheit hatten.„Großer Gott," dachte Pelle,„ist ihr Traum schon aus? Großer Gott!" In einiger Entfernung folgte er ihr durch die kleine Gasse. Erst als er wußte, daß sie oben in ihrer Wohnung sein mußte, ging er durch den Tonnengang. (Fortsetzung folgt.) Liebe und ehe bei den Papuas. SBon H. Singer. Nennt man bei unS die PapuaS, den Hauptbestandteil der Be- völkerung Neuguineas, so Pflegt man damit die Vorstellung von einem nicht nur höchst„wilden", sondern vor allem auch ganz Primitiven, geistig höchst beschränkten Volke zu verbinden. Diese Vorstellung ist aber durchaus irrig: der Papua ist geistig gar nicht dürftig ausgestattet, was z. B. daraus hervorgeht, daß die Kinder durchschnittlich in einem Jahre schreiben und lesen lernen. lieber das Liebes- und Ehcleben der PapuaS in Kaiser- Wülhelms-Land, dem deutschen Teil von Neuguinea, hat Professor R. Ncuhauß in seinem jüngst erschienenen großen Werk„Deutsch- Neuguinea" mancherlei Interessantes mitgeteilt. Wie es meistens bei den Wildvölkern der Fall ist, so wird auch hier die Frau ge- tauft, aber nicht von deren Eltern, sondern von der ganzen Ver- wandtschast, in erster Linie von den Brüdern der Mutier. Diese Sitte erklärt sich aus folgender Anschauung: Nur die Mutter ist an der Existenz des Mädchens beteiligt, nicht der Ehemann; deshalb tommt" nur der Mutter ein Verfüguugsrechi über das Kind zu. Da indessen die Frau rechtlos ist, so geht dieses Recht auf deren Brüder über. Indessen kann sich die Sitte deS Kaufes keineswegs immer durchsetzen. Da sind z. B. zwei Kinder schon in früher Jugend von ihren Angehörigen für einander bestimmt, aber es stellen sich, wenn es zur Heirat kommen soll, bei dem einen Teil andere Wünsche ein: der junge Mann wünscht sich ein anderes Mädchen und ivird mit diesem einig. Dann läuft wohl daS verliebte Paar zum nächsten Anwerbeschiff und segelt nach den Plantagen, der Weißen. Und wenn es nach drei Jahren zurückkehrt, ist Gras über die Sache gewachsen, und man laßt das Ehepaar, das sich so. unvorschriftSmäßig gefunden hat, ungeschoren. Durch ein ähnliches Verjähren wird ja auch im zivilisierten Europa manchmal der elter« liche Widerstand besiegt. Das angeführte Beispiel zeigt, daß auch bei den PapuaS ein« herzlnhe Zuneigung zwischen den Liebenden bestehen kann. Andere Beweise dafür finden sich in den Sagen und Erzählungen, die darüber berichten, wie Liebespaare auch die größten Hindernisse, die sich ihrer Vereinigung entgegenstellten, schließlich siegreich über- winden. Häufig geben lediglich Aeußerlichkcitcn die Veranlassung dafür, daß ein Teil zum anderen sich hingezogen fühlt. So kommt eS alltäglich vor, daß das Mädchen zun, Jüngling in Liebe eut- Brennt, weil er hervorragend tanzen kann, während ein anderes Mädchen den ihr bestimmten Zukünftigen nicht leiden mag, weil er im Tanzen ein Stümper ist. Die jungen Männer sind sich dieser Tatsache wohl bewußt und verwenden große Sorgsalt auf ihre Ausbildung in der Tanzkunst; ja, nicht wenige unternehmen weite Reisen, um bei irgendeinem tanzberühmten Stamm Unter- richt zu nehmen. Auch werden Zaubermiitel angewendet, die die Beine beweglich machen sollen. Dabei ist aber zu erwähnen, daß die Geschlechter dort nicht, wie bei uns, miteinander tanzen, sou- dern für sich. Bei Kap König Wilhelm stellt der junge Mann dadurch seinen Heiratsantrag, daß er mit einem flachen verzierten Holze auf die Wange der Auserwählten oder ihm vorher Bc- stimmten klopft. Nahe Verwandtschast ist Ehehindernis. So dürfen gewöhnlich Geschwisterkinder einander nicht heiraten. Auf Tami ist sogar die Heirat zwischen Kindern von Vetter und Base ver- boten. Vielweiberei ist verhältnismäßig selten; denn auch in Neu- guinea gehört ein großer Geldbeutel dazu, um sich mehrere Frauen anzuschaffen und unterhalten zu können. Da der Kaufpreis für eine Frau im allgemeinen recht hoch ist, so wird das Barverinögen des Mannes durch den Ankauf einer Gattin gewöhnlich erschöpft, und es können sich nur Häuptlinge und Zauberer mehr als eine Frau leisten. Nur dort, wo der Ueberschuß an Mädchen groß und der Kaufpreis deshalb geringer ist, findet man Vkelwciberei häufiger. Wohlhabende Häuptlinge haben oft drei oder vier Frauen. Ein Bukaua-Häuptling brachte es sogar aus zehn Frauen, aber er hatte sie nicht alle gleichzeitig:„er warf die vorhandenen Frauen immer hinaus, wenn sie zu viel schimpften oder ihn gar zu arg prügelten." Da nahm er sich andere, und dabei kam jener Rekord heraus. Das'Eheleben ist reich an Prügeleien, bei denen sowohl die. männliche wie die weibliche der leidende Teil sein kann; aber es ist nicht schlechter, als bei anderen Völkern. Zum guten Anstände gehört es, daß der Mann sich niemals öffentlich mit seiner Frau zeigt und in Gegenwart anderer nicht die geringste Notiz von ihr nimmt. Das geht so weit, daß er bei der Heimkehr nach langer Abwesenheit die Frau zunächst gar nicht beachtet. Als die erstcu weißen Ehepaare sich unter den Schwarzen Neuguineas nieder- ließen und Arm in Arm durchs Dorf gingen, sich wohl auch ge- legentlich einen zärtlichen Kuß gaben, erschien das den Schwarzen als der Gipfel aller Unmoral.„Man darf aber," sagt Neuhauß, „deshalb die Schwarzen nicht der Gefühlslosigkcit gegen ihre Frauen zeihen; öffentliche Zurückhaltung ist eben Landesjittc, um- gekehrt wie in Europa, wo Eheleute, die sich daheim prügeln, sich öffentlich küssen."„Ehcirrungen" kommen häufig vor. Im Kai- Lande soll kein Mann irgendeinem Weibe im einsamen Walde bc- gegncn können, ohne sich zu„irren". Auf der Insel Tami. wo die Männer als große Handelsreisende oft monatelang vom Hause fortbleiben, hat jede Frau mehrere Liebhaber; die Männer wissen natürlich davon, geben sich aber gewöhnlich den Anschein, als merkten sie nichts. Kommt es freilich zu einer Uebcrraschung, so kennt man manchmal auch keinen Spaß. Scheidungsgründe sind außer Ehebruch auch Zänkereien, ja schlechtes Kochen, zumal, wenn es sich um eine Häuptlingsfrau handelt und infolgedessen die Gaste nicht standesgemäß bewirtet werden. Die Scheidung vollzieht sich ohne besondere Förmlichkeit; die Frau verläßt die Hütte, kehrt zu ihren Verwandten zurück, und der Kaufpreis wird zurückerstattet. Kinder verbleiben dem Vater, Säuglinge folgen der Mutter, aber nur so lange, als sie der Muttermilch bedürfen. Auffällig ist die Zurücksetzung der Frau nach dem Tode. Die Leiche deS Mannes wird in einen Sarg gebettet, den man aus den Brettern des Hauses des Verstorbenen herstellt; für die weibliche Leiche gilt eine MnAte ausreichend. Hat das neugeborene Kind ein Gebrechen, oder ist es ein Mädchen, während die Eltern auf einen Knaben rechneten. oder haben diese ihrer Meinung nach schon genug Kinder, so wird es erdrosselt oder in die nächste Grube geworfen. Von Zwillingen wird bei einzelnen Stämmen stets das eine Kind getötet. In der Landschaft Sissanu läßt man aber beide Kinder am Leben, und ist die Mutter zu schwächlich, sie zu ernähren, so gibt man eines au eine andere Familie. In manchen Gegenden schont man auch das Leben von Krüppeln, um sie später als Zauberer zu verwenden. Als eine besondere Gefühlsroheit ist nach Neuhauß die Beschränkung der Kinderzahl den Papuas nicht anzurechnen; sie ist eben eine uralte Sitte. An einzelnen Stellen besteht der Brauch, die Junggesellen des Dorfes äußerlich deutlich erkennbar zu machen; sie tragen einen Gürtel aus Rotang, der weithin verrät, daß sein Besitzer„noch zu haben" ist, Ton der ftyazintbc und ihrer Zwiebel* Von C. Schen!ling. Die demnächst zur Blüte kommende Hyazinche wird in einfachen und gefüllten Arten— es sind deren beinahe 2000— gezüchtet. Nicht unbekannt ist, daß die sogen, gefüllten Blumen durch Kunstgriffe des Gäriners aus einfach-blühenden hervorgegangen find, und zwar in der Weise, daß fich die Staubblätter dieser in Blumenblätter uni« wandelten, so daß oie Blumenkrone oben„gefüllt" wurde. Das ist bei der Hyazinthe nicht der Fall gewesen. Die gefüllte oder doppelte Hyazinthe verdankt ihre Entstehung dem Zufa- dem Zipperlcin des Herrn Peter Voerhelm, eines dereinst weitbekannten Blumisten in Harlem. Der gestrenge Herr hatte sich zur Pflicht gemacht, in seinem Garten jedwede Knospe, die in ihrem Bau von dem Typus der der Pflanze eigenen Knospe abwich, als illegitim zu entfernen. Zu seinem größten Leid stand diese Behandlung auch dem Blütenstand einer von ihm sorglich gepflegten Hyazinthe bevor. Da hielt ihn das Zipperlein acht Tage lang im Zimmer fest, so daß er seine Pfleglinge nicht zu Gesicht bekam. Als dies endlich geschah, war er erstaunt über die herrliche Entfaltung jener Hyazinlhenblüte, die seiner zerstörenden Hand ent- gangen war. Von seinem engherzigen Wabn, die Natur stets korrigieren zu müssen, geheilt, ließ er von nun an seine Lieblinge sich frei entfalten und sah bald, wie sie im bunten Flor miteinander wetteiferten. Die Kunde von dem Blumeilwunder halte sich tvie ein Lauffeuer durch das Land verbreitet. Von nah und fern strömten Hyazinthenzüchter und-Freunde herbei, den Phönix zu sehen, mög- lichcrweise zu erwerben. Es war nicht leicht, dem Andränge und der Nachfrage zu genügen. Die erste gesüllle Hyazinthe hatte Voerheln, „Mary" getaust; sie aber wie zwei andere ihrer Art gingen ein. Eine diene, die in seinem Hyazinlhenflor erschien, taufte er„Kings of great Britain". Diese wird in Holland noch heute als die Stammutter aller gefüllten Hyazintheir bezeichnet. In Frankreich war die Hyazinthe einst ebenso bewundert und geschätzt wie in Holland. Die Gelehrten experimentierten mit ihr als„Wasserblume", indem sie die Zwiebel auf eigens dazu her- gestellten Gläser setzten, so daß die Wurzeln sich in das Wasser hinabsenkten, während die Zwiebel oberhalb die vollendestc» Blüien trieb. Sie erhielt dadurch einen poetischen Nimbus; man nannte sie den«über den Wassern schwebenden Geist", der also der Stamm- Vater unser Glas- und Wasserhyazinthen ist. 1737 legte der Marquis de Gouflier der königl. Agrilulturgesellschaft zu Paris eine Hyazintqenzwiebel vor, die mit Vorbedacht verkehrt auf ein mit Wasser gefülltes Glas gesetzt war. In dieser Stellung hatte die Blume Blätter und Blütenschaft ins Wasser getrieben, aber der nach oben und außen liegende Zwiebelkuchen, wie die abgeplattete Seite der Zwiebel genannt wird, hatte keine Wurzeln geschlagen. Die Laubblätter hatten auch im Wasser ihre intensiv grüne Färbung an- genommen, aber die Blüten, die blau sein sollten, waren weiß und entfärbt. Uebrigens lassen sich blaue Hyazinthen auch weiß färben, wenn sie der Einwirkung von Schwefeldamps ausgesetzt werden; ge- schieht das in geschickter Weise, so ist es möglich, an ein und dem- selben Blütenschaft weiße und blaue Blüten zu haben. Wie alle Zwiebelgewächse, vermehrt sich auch die HyazimHe durch Bildung von Tochterzwiebeln, die sich an der Multerzwiebel bilden, welcher wiederum durch die oberirdischen Teile Nahrung zugeführt wird. Der Berliner Botaniker Lindemuth machte nun vor ver- schiedencn Jahren die höchst merkwürdige Entdeckung, daß ab- geschnittene Hyazinthenstengel, in Wasser gestellt, nach einiger Zeit an ihrem unleren Teile eigenartige Knötchen und Schivellungen ge- bildet haben, die sich allmählich zu veritablcn Hyazinthenzwiebeln entwickeln. Da also die von dem Schaft getrennte Zwiebel nicht mehr imstande ist, Neubildungen zu produzieren, hilft sich die Natur insofern, als sie aus dem Schaft neue Zwiebeln entstehen läßt, um die Art zu erhalten. Der Forscher machte aber noch eine weitere nicht minder interessante Beobachtung. Er trennte von einer blühenden Hyazinthe die einzelnen Blütenglöckchen in der Weise ab, daß deren Stielchen stehen blieben, worauf er den Blntenschast ins Wasser setzte. Nach einigen Tagen bemerkte er an Stelle der ab- geschnittenen Blüten winzige Knöllchen, die sich bei genauer Üntersuchung gleichfalls als arterhaltende Zwiebeln erwiesen. So hat die Natur unserer Pflanze also ganz merk- würdige Mittel verliehen, um im Falle der Not, wenn gar kein Ausweg mehr vorhanden ist, ihre Art doch zu erhalten. Erläuternd sei dem zugefügt, daß die Hyazinthe in ihrer Heimat(Klein- und Jnnerastcn) auf moosigem, quelligem Boden wächst. Wie manche Primelarten an den Händen und im Gesicht von Personen, die viel mit ihnen zu schaffen haben, schmerzliche Ent- zündimgen erzeugen, so können auch die Zwiebel der Hyazinthen Ausschläge hervorrufen. Lange Zeit glaubte man, daß die Ursache dieser krankhaften Erscheinung in einem in der Zwiebel enthaltenem flüssigem Gifte liege. Dies konnte aber nicht nachgewiesen werden. Den Irrtum dieser Annahme nachzuweisen und die richtige Erklärung zu finden, gelang Dr. Morris vom Jodwall-Laboratorium in Kew. Er entdeckte in den Zwiebelschalen der Hyazinthe Ablagerungen von winzig kleinen, aber nadelspitzen Kristallen, die ans oxalsaurenr Kalk bestehen. Diese Ablagerungen, die dem Gelehrten inner dem Namen Naphiden bekannt sind, düiigen aus den feuchten, besonders aber aus den trockenen Zwicbclhäutcu in die Haut ein und rufen eben die Entzündungen hervor. Wenn der Duft der Hyazinthe auch jedermann angenehm ist. so sind doch die Ausströmungen eines Hyazinthenblütemneeres der Gesundheit schädlich. Dort ist eS das Aroma, das angenehm wirkl« hier ist es die Narkose, die betäubt. Und in Wirklichkeit hat auch die Hyazinthe in ihrer narkotischen Eigenschaft bereits dem Wer» brechen gedient, wie uns Mr. Sam in seinen Memoiren erzählt. „Ich war." schreibt er,«eines Abends zu einein Ball m den Tuilerien geladen und stand neben dem berübmten Chemiker Dr. LiSfranc. mich mit ihm unterbaltend, als er plötzlich erbleichte und schleunigst seinen Play verließ. In der Befürchtung, eS sei meinem Freunde nicht wohl, eilte ich ihm nach und fand ihn in der LnIIs de marechaux. Er halte sich soeben erholt, aber seine Stimme war noch erregt, als er mir sagte:„Ich sah soeben eine junge, reizende Frau mit ihrem zweiten Manne tanzen und bin jetzt überzeugt, daß sie ihren ersten Mann in verbrecherischer Weise ge» tölel hat". Ich sah ihn erstaunt an und wußte nicht, ob Lissranr, von einem Fieberparoxismus ergriffen, im Delirium oder mit klaren, Verstände zu mir redete. Er mochte diesen Zweifel in meinem Ge- ficht lesen, zog mich in eine Ecke des Saales, wo wir uns nieder- ließen und erzählte mir folgendes: „Die junge Frau, von der ich soeben sprach, heiratete vor zwei Jahren einen jungen Mann, der sehr reich und aus vornehmer Familie war. Die Sache machte damals so viel Aufsehen, weil sie vorher so gut wie verlobt mit ibrem jetzigen Manne gesagt wurde, der allerdings gänzlich unbemittelt war. Plötzlich wurde das Vcr- hältnis gelöst und sie vermählte sich, wie es hieß, aus Liebe ebci, mit diesem reichen Baron v. B. Da ich selbst niich für das schöne Mädchen interessierte, er- kündigte ich mich nach ihren, Ergehen und hörte, daß der junge Ehemann sehr kränklich sei und sickllich von Tag zu Tag mehr verfalle. Bald darauf erfuhr ich auch, daß er gestorben sei. Man hatte ihn eines Tages tot in seinem Schlaf- zimmer gefunden, das seine Frau mit einer Fülle stark duftender Hyazinthen auszuschmücken die Gewohnheit hatte. Der narkotische Ausfluß des Blütenduktes halte den Mann unzweifelhaft getöteü Ich wurde gerufen, die Ursache seines Todes festzustellen. Dabei er- innertc ich mich sehr genau, daß ich einst in der Gegenwart dieser Frau von einen, Vergistungsfall durch Hyazintben erzählt hatte, aber ich schauderte vor den, Gedanken einer solchen Absicht. Erst später erfuhr ich. daß sehr gravierende Dinge von ihr erzählt wurden, die sein Elend enlschiedcn herbeigeführt hatten. Jetzt habe ich nicht den leisesten Zweifel, daß die gewissenlose Frau diesen Weg der Vcr- nichtung ihres ersten Mannes wählte, um ihre Freiheit wieder zu gewinnen."__ Der �daffervorrat unserer 6rde. Die Trockenheit dcS letzten Sommers, deren üble Folgen noch lange nicht überwunden find, hat naturgemäß das wissenschaftliche Interesse für die Fragen der Wasserökonomie unserer Erde wach- gerufeii. So treffen wir in, letzten Vierteljahrsheft der«Dcutschci» Geographischen Blätter" einen lehrreichen Beilrag zu diesem Thema aus der Feder des Prof. W. H a l b s a ß an. In überaus klarer Form sucht er folgende Frage zu beantworten: Wie groß ist eigcnt- lich der gesamte Wasservorrat unserer Erde, welche Reserve» bleibe» uns, wenn die atmosphärischen Niederschläge Monat für Monat aus- bleiben oder wenigstens so unbedenlend sind, daß sie zum größte» Teil sofort wieder verdunsten und der Erde nicht zugute kommen. Ten anscheinend lvicbligsten und unbestreitbar größten Teil dieses Vorrats bilden die Gewässer des Ozeans, der fast zu drei Viertel unsere Erdoberfläche bedeckt und durch Tausende von größeren »nd kleineren Flüssen bis tief inS Innere der Kontinente vorgreift. Das Volumen dieses Ozeans hat man ans rnud 1330 Millionen Kubiklilometcr geschätzt, eine ganz ungeheure Zahl, wenn man bedenkt, daß in eincni einzige» hohlen Kubillilometer, daS beißt in einem Würsel von 1 Kilometer Länge, Breite und Höhe die sämtlichen Baulichkeiten aller Großstädte der Erde bequem Platz finden können. Von dieser ungeheuren Wasser», enge verdunste» jährlich etiva 381000 Kubikkiloinerer, das ist der 3100. Teil. ES vergehen also durchschnittlich 3160 Jahre, ehe ein im Ozean befind- liches Wasscrteilchen durchschnittlich verdunstet und den Kreislauf in der Atmosphäre mitmacht. Die Verdunstungen aus de», Ozean bilden die Hauptmasse— etwa— der Gesämtmenge der Niederschläge, die jährlich die Erde treffen; nur ein Sechstel, etwa 81 000 Kubikmeter, Iverdcn durch Verdunstung an der festen Erd- obcrfläche gedeckt. Nach den jüngsten Berechnungen des Professor Dr. Meinardus in Münster beträgt der gesamte Wassergehalt der Atmosphäre rund 12 300 Knbikkilomeler, das ist etwa Vas des gesamten jährlichen Niederschlages aus der Erde, so daß durchschnittlich der in die Atmosphäre aufgenommene, von, Land oder Meer verdunstete Wasserdampf nach 363: 38 oder 9—10 Tagen zur Erde zurückkehrt. In Wirklichkeit verdichtet sich dieser Zeitraun, sogar ans etwa 6 bis 7 Tage, da für die Niederschlagsbildung hauptsächlich nur die unteren Schichten der Atmosphäre in Frage kommen. Diese rasche Zirkulation erleidet sofort bedeutende Stönmgcn, Ivemi in der Abgabe von Wasscrdampf über dem Fcstlande oder dem Ozea» eine größere Aenderung cintri t. Ii, der Regel bringen die Winde mehr Wasserdamps vom Ozear nach de», Fcsilande als um- gelehrt. Stockt dagegen die ZnftiHt vom Meere— und diesen Sommer war das in ausgedehntestem Mäste der Fall—, so ber- ringert sich der Wassergehalt der Atmosphäre über dem Festlande, verzögert sich die Kondensation zu Regen, und dadurch wird wieder der Wasserdamps in der Atmosphäre verringert. Woher bezieht nun die Atmosphäre über dem Festlande ihren Wassergehalt, wenn der Zuschust vom Meere ausbleibt? Das Areal der Wasserflächen auf dem Festlande d. h. der Seen, Teiche und Flüsse macht etwa nur 2 Proz. des Gesamtareals der Landfläche aus; das Volumen dieser Wasserbehälter wird auf etwa eine halbe Million Knbikkilometer geschätzt, eine Masse, die im Ver- gleich mit dem Volumen der Ozeane gar nicht in Betracht kommt. Die Hanptverdunstung auf dem Kontinent, die jedenfalls etwa halb so intensiv vor sich geht wie die auf dem Ozean, geschieht also hauptsächlich vom festen Boden auS. Wo liegt nur ihre Quelle? Diese Quelle ist das Grund- oder Sickerwasser, die umfassende Sparbüchse der Natur. Eben dieses Wasser— und nicht tiefer unten austretende Quellen- oder Grubenwasier— tritt in den grosten Kreis- lauf des Wassers auf der Erdoberfläche ein und verhütet die schlimntcn Folgen, die sonst in vielen Gegenden beim Ausbleiben von Niederschlägen unfeblbar eintreten würden. Ersts in allerletzter Zeit haben sich die wissenschaftlichen und staatlichen Institutionen der systematischen Erforschung des Wasservorrats der obersten Boden« schichten zugewandt. Das wenige, was diese Untersuchungen bisher zutage gefördert, deutet darauf hin, dast gerade diese Wasser- vorritte"die wichtigste Rolle in der Naturökonomie spielen. Nach den Angaben der bekannten Geologen Behrend, Wahn- schaffe und Beyschlag soll das Gebiet unterhalb der Stadt Berlin in einer Gröhe von 4500 Quadratkilometer rund 6 Knbikkilometer in Form von Grund- oder Bodenwasser enthalten, was etwa der doppelten jährlichen Niederschlagshöhe entspricht. Prof. Ramann nimmt die Grnndivaflerhöhe im Münchener Gebiet auf etwa das Dreifache der jährlichen Niederschlagsmenge im dortigen Gebiet an. Lassen diese und ähnliche Zahlen vorläusig auch keine Rückschlüste auf größere Teile der Erdoberfläche zu, so zeigen sie trotzdem ganz deutlich, dast eS vornehmlich die Vorräte an Grundwasser sind, die unsere Pflanzen-� und Tierwelt zur Zeit auch kürzerer Regenlosigkeit am Leben erhalten. kleines femUeton. Literarisches. Achim von Arnims Werke gibt Reinhold Steig im Auftrage und mit Unterstützung der Familie des Dichter» im Jnsel-Verlage zu Leipzig in einer dreibändigen Auswahl heraus, die sich als Volksausgabe zeitgemäß, erzieherisch einführen will. Der ausnehmend niedrige Preis von 3 M. für die solide Ausstattung und den reichen Inhalt, der von der vor mehr als einein halben Jahrhundert erschienenen ersten Gesamtausgabe in 22 Bänden beinahe die Hälfte bietet, rechtfertigt allein diese- Be- Zeichnung nicht. Der Begriff, den sich Arnim und sein im gleichen Jdeenkreis allzu eng befangener Herausgeber vom Volke gebildet haben, entspricht keineswegs dem, was wir heute darunter ver- stehen, ja nicht einmal, tvas zu Arnims Zeiten den erfolgreich Strebenden dafür galt. Die romantische Schule deutscher Dich- tuug, an der nun schon seit einer Reihe von Jahren die Literatur- avissenschast aus fachlichen Motiven emsige und umfassende Wieder- ibelebungsversuchc anstellt, loar deswegen bei ihren eigenen Nach- fahren fo in Mistkredit gekommen, weil ihre praktischen Wirkungen ganz und gar in das Fahrwasser der politischen Rcattion, des preußischen Junkertums, der österreichischen Mettcrnichwirtfchast, geraten waren. Das hatte keineswegs so ausschließlich in ihren ersten Absichten gelegen. � Die Romantik ist ursprünglich von einer Universalität der Bestrebungen nach Form und Inhalt gewesen, wie kaum eine andere Richtung des deutschen Geisteslebens. Geboren war sie aus einem verkümmerten Bürgertum, das, von jeder Mitwirkung an der praktischen Macht mit Gewalt ausgeschlossen, seinen Schöpfer- drang in überirdischen Sphären, in sagcvergoldctcn, vergangenen Zeiten stillen mußte. Als nun die Gegner der französischen Re- volution vor dieser ohnmächtig zusammenbrachen, wurde die Welt- verlorene Dichterjchulc in ihrer gefühlsseligen Empfänglichkeit für den ihr vorgespiegelten vaterländische» Gedanken den staatlichen wnd kirchlichen Dunkelmännern ein leichter Raub. An diesen verhängnisvollen Wirkungen hat auch Arnim, von Abstammung märkischer Junker, von Gefühl mittelalterlicher Feudalist, seinen erheblichen Anteil gehabt. An der Reinheit seiner Gesinnung und seines ganzen Strebens ist kein Zlveifel. Aber er ermangelte der schöpferischen Persönlichkeit, die sich über die ihr lntttgegebenen Bedingungen führend erheben kann. Als Staats- lbürgcr blieb er in diesen fortschritthcischenden Zeiten völlig bei (seiner überlebten Klasse, als Po-t schloß er sich der Schule seiner Generation an. und man muß sagen, daß er, trotz einein allzeit vollen Herzen, in beiden Eigenschaften eigentlich nur zu dilettieren vermochte. Einmal aber hat der seiner wie vollends unserer Zeit Fremde auch den Weg zum Volke gefunden: das war. als er im Bunde mit Brentano die alten deutschen Lieder als„Des Knaben Wundcrhorn" sammelte und neu formte. Das ist eine Tat. die ivie feie Schlcgclsche ShiAcspcareübersetznng mit gleichem Wert neben iSerautworll. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Drgck«. Verlag: die eigenen der Werke der Klassiker gesetzt werden darf. Sie lernt man in der vorliegenden Auswahl nur stückweise kennen, E. Astronomisches. Muß di« Sonne einmal erlöschen? Diese Frage muß nach den Regeln des Verstandes bejaht werden. Ein Körper. der ständig Energie abgibt, ohne von außen her einen Ersatz dafür zu erhalten, muß dauernd an Kraft verlieren und somit schließlich gänzlich absterben. Freilich kann man einwenden, daß die Menschheil sich um diesen endgültigen Sonnenuntergang schwerlich zu bekümmern braucht, weil inan annehmen darf, daß die Sonne immer noch etwas länger vorhalten wird als die Erde, wenigstens so weit der bewohn- bare Znstand: res Planeten in Frage kommt. Außerdem läßt e» sich nicht als Durchaus sicher bezeichnen, daß die Sonne nicht eine Erneuerung ihrer Energie von außen her erfahren könnte, etwa durch den Zusammenstoß und die Vereinigung mit einem anderen Weltkörper. wobei freilich das Planetensystem wahrscheinlich gänzlich in die Brüche gehen würde. Nun hat aber Dr. Salet noch die Möglichkeit ins Auge gefaßt, daß die Sonne gerade durch Begegnung mit einem anderen Stern selbst zu- gründe gehen köimte, so daß sie aus einer solchen Katastrophe nicht die Erneuerung ihrer eigenen Kraft, sondern deren Vernichtung davontragen würde. Dr. Salet meint also, die Sonne habe wenigstens ebensoviel Aussicht, durch einen Unfall als an Alters- schwäche zu sterbe». Ter berühmte Mathematiker Poincarö hat in geistvoller Weise die Fixsterne, die bekanntlich ihren Namen zu Unrecht tragen und vielmehr mit ungeheueren Geschwindigkeiten den Weltraum durch- eilen— die Sonne beispielsweise mit einer solchen von mehr als 20 Kilometer in der Sekunde— mit den MolÄüle» eines Gases verglichen, die sich gleichfalls selbständig wie elastische Kugeln in dem ihnen verfügbaren Raum bewegen und durch ihre dauernden Zusammenstöße die Erscheinung hervorrufen, die man als Gasdruck bezeichnet. Danach Hai Poincarö berechnet, daß der mittlere Weg, den die Fixsterne zurücklegen, eine Oninquilliou umsaßt, und daß die mittlere Dauer bis zum Augenblick eines Zu- sammenstoßes Trillionen Jahre währen würde. Danach braucht sich das Menschengeschlecht um das Eintreten eine» verhängnisvollen Zusammenstoßes der Sonne mit einem anderen Weltkörper nicht zu sorgen. Mit dem Wärmeverlust der Sonne hat sich Hekmholtz ein- gehend beschäftigt. Er stellte die Hypothese auf, daß die strahlende Energie der Sonne sich dadurch selbst erhielte, daß ihre oberfläch- tichen Massen fortgesetzt gegen den Kern des ganzen Balls hin fallen. Die Erhaltung der Sonnenwärme würde also durch eine allmähliche Verminderung der Sonnengröße erkauft ivcrden. Hekmholtz bc- rechnete, daß die Sonne auf diese Weise ein Alter von dreißig Millionen Jahren erreichen könnte. Das ist nun im Vergleich zu den ungeheuren Ziffern, die Poincarö angegeben hat, mir ein verschwindender Zeitraum, und daraus müßte man schließen, daß die Sonne viel eher erlöschen als durch einen Zusammen- stoß zugrunde gehen wird. Dr. Salet bat nun aber in einem Vor- trage vor der französischen astronomischen Gesellschaft an dieser Berechnung von Hclmholtz Kritik geübt, und zwar mit Hinweis auf die Lehren der Geologie. Wenn auch seine Angabe, daß nach diesen die Bildung der Erde von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart zwischen Iva und 1000 Millionen Jahren in Anspruch genommen habe, etwas zu hoch gegriffen ist, so darf man ihm doch darin recht geben, daß die Wahrscheinlichkeit für eine Dauer der Erdgeschichte spricht, die größer als 30 Millionen Jahre wäre. Da die Sonne aber zweifellos die Erde um ein Vielfaches überdauern wird, so dürste Helmholtz in diesem Punkte kaum recht behalten. Trugsonnen. Die Beobachtung eines großartigen Himmels- ichauspiels wird von zwei verschiedenen Plätzen in Afrika an die Londoner„Nalure" gemeldet. Beide Male handelt eS sich um das Austreten sogenannter Trugsonnen in Verbindung mit prachtvollen und zum Teil farbigen Hötcn. Der eine Beobachtungsplatz war die kleine Elobeyinsel im Golf von Guinea, fast unter dem Aequator gelegen. Die Erscheinung wurde hier von ungewöhnlich heftigen Regenfällen gefolgt. Der Himmel war schon während de» Auftretens de» mächtigen, regenbogenfarbigen, die Sonne kreisförmig mngebciiden Hos» mit kleinen schnellziehenden Wolken bedeckt, so daß diese Erscheinung mehr in einem eigentlichen Regenbogen bestandeir haben muß, der sich aber nicht wie gewöhnlich an dein der Sonne entgegengesetzten HiniinelStcil, sondern im Kreis um das Tages- geslirn zeigte. Sech» Tage später wurde ein»ach der Schilderung noch weit schöneres Schauspiel ähnlicher Art in Kericho in Britisch- Ostastika bemerkt. Hier war die Sonne, die ziemlich hoch am Himmel stand, von zwei konzentrischen Ringen umgeben. � die sämtliche Regenbogenfarben in größter Schöll- heit aufwieseit. Außerdem ging ein dritter farbloser Ring durch die Somie und berührte die Peripherie des äußeren Kreise». Wo die Ringe einander schnitten, waren Trugsonnen sichtbar. Eine Au- ordmuig lvie die beschriebene wird als außerordentlich selten be- zeichnet. Gewöhnlich erscheinen Nebensonnen in den konzentrischen Ringen gerade zur Seite, über oder unter dem Gestirn. Erklärt lvird die Erscheinung durch Spiegelung der Sonnenstrahlen aus den Kristallflächen feiner Eisnadeln, wie sie die Wolken in höheren Schichten hnusig zuiammelisctzen. Vol.ivärtKHuchdriiFe:tziit.Ver!ggsa!'.stgltPagt.S!!>Ler�Eo.,:Lerj!>! SÄ,