Anterhallungsblatt des vorwärts Nr. 23. Dienstag den 6. Februar. 1912 lNachdruck vervolen.) pdle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNexö. «Mer Marie, das ist doch Deine Zausmiete," sagte Pelle erschrocken. „Was tut das? Das Geld werd ich bis zum Ersten schon wieder zusammen bringen." Ja, das würde sie schon fertig bringen? Pelle lachte der- zweifelt darüber. Wie leichtsinnig sie mit dem Gelde um sich warf, das ihr dreißig Tage peinlichen Sparens und Nach- denkens kostete, um es für jeden Monat zusammenzuschrapen. „Was meinst Du, was Peter und Karl dazu sagen würden, daß Du so mit dem Geld um Dich wirfst. Mach, daß Du die Schachtel wieder verwahrst und zwar ein wenig schnell!" „Ach�nimm Sie doch," sagte sie beharrlich und fuhr fort, ihm die Schachtel hinzuschieben.„Ja, dann werf ich sie zum Fenster hinaus!" Sie öffnete schnell einen der Fensterhaken. Pelle stand auf. „Das ist ja wahr, ich bin ja noch das Geld für die letzte Wäsche schuldig," sagte er und wollte eine Krone in die Schachtel stecken.„Gut, daß Tu mich daran erinnerst." Sie starrte ihn versteinert an und lief dann in die Stube hinein. Da drinnen ging sie wieder umher und trällerte mit ihrer harten Stimme: nach einer Weile ging sie aus, um Einkäufe zu machen, im grauen Umschlagetuch, mit ihrem Hausfrauen- korb über dem Arm. Er konnte ihren eigentümlichen Schritt verfolgen, der zart wie der eines Kindes, und doch so alt klang, ganz durch den Tonnengang hindurch. Tann ging er in die Wohnung der Kinder und zog die dritte Kommodcnschieblade auf, dort verwahrte sie immer ihre Gcldschachtel, die sie in ihrer Wäsche einwickelte. Er besaß noch zwei Kronen, die steckte er in die Schachtel. Auf die Weise pflegte er sie immer zu bezahlen. Wenn sie dann ihr Geld nachzählte und zu viel herausrechnete, glaubte sie, der liebe Gott habe das Geld in die Schachtel gc- legt und kam dann jubelnd hin und erzählte es. Das Kind glaubte blind an das Glück und nahm es hin wie eine Ans- erwählung: dies Geld war für sie etwas ganz anderes als das, was sie selbst zusammensparte. Um die Mittagszeit kam sie und bat ihn hereinzukommen. „Es gibt gebratenen Hering, Pelle, da kannst Du unnwglich nein sagen," sagte sie überredend,„denn das kann kein Born- holnier! Dann brauchst Du nicht das langweilige Essen vom Höker zu kaufen und fünfundzwanzig Oere dafür wegzu- werfen." Sie hatte eine halbe Stiege gekauft und fünf davon für die Brüder zurückgelegt, wenn die heimkamen.„Und es gibt Kaffee hinterher," sagte sie. Sie hatte allerliebst auf- gedeckt, mit einer reinen Serviette an dem einen Ende des Tisches. Der kleine Paul der Fabrikarbeiterin kam dazu und be- kam auch einen Mund voll ab. Dann lief er wieder auf den Gang hinaus und tummelte sich dort umher, der kleine Kerl war keinen Augenblick ruhig: von dem Moment an, wo ihn die Mutter am Morgen herausließ: da war so viel, was er nachholen mußte nach seiner langen Einsperrung. Aus dem kleinen Idioten, den die Mutter an dem Ofen festbinden mußte, weil er Wasser im Kopf hatte und sich zum Fenster hinausstürzen wollte, war ein richtiger Strolch geworden. Jeden Augenblick steckte er den Kopf zur Tür herein zu Pelle: und manchmal kam er ganz hinein, legte die Hand auf Pelles Knie und sagte:„Du bist mein Vater!" Tann stürzte er wieder von dannen. Marie half ihm bei der Besorgung von Großem und Kleinem— er suchte immer feine Zuflucht bei ihr! Nachdem sie ausgewaschen hatte, setzte sie sich mit ihrer Flickarbeit zu Pelle, dann saß sie da und schwatzte drauf los über ihre hansmütterlichen Sorgen:„Ich muß bald Lauf- jacken für die Jungen haben, schrecklich, was sie in dem Alter verbrauchen! Ich sehe jeden Tag bei der Trödlerin vor. Tu mußte auch eine neue Bluse haben, Pelle, die eine ist bald zu Ende, und dann hast Tu nichts zum Wechseln. Wenn Tu Dir Zeug kaufen willst, so will ich sie Dir schon nähen. Ich kann nahen! Meine feine Bluse habe ich mir selbst genäht. Hanne hat mir dabei geholfen. Warum gehst Du eigentlich nie mehr zu Hanne?" „Ach, ich weiß nicht?" „Hanne ist so sonderbar geworden. Sie kommt nie mehr auf den Hof hinunter und tanzt mit uns, sie hat es doch früher getan. Tann paßte ich am Fenster auf und lief hinunter. Es war so amüsant, mit ihr zu spielen. Wir gingen rund um sie herum und sangen: Vor Hanne wollen wir knixen, vor Hanne wollen wir uns verneigen, vor Hanne wenden wir uns alle um. Und dann knirten wir und verneigten uns alle und schließlich kehrten wir uns alle um. Tu kannst mir glauben, das war flott! Du hättest doch nur Hanne nehmen sollen." „Du magst es ja doch nicht, daß ich Ellen genommen habe, wozu soll ich denn Hanne nehmen?" „Ach, ich weiß nicht— Hanne das—" Marie schwieg lauschend und riß das Fenster auf. Unten in der„Arche" knallte eine Tür und ein langes Zischen kam daher gejagt, es klang fast wie ein heiserer Laut aus des tollen Vinzlevs Flöte oder wie der Zugwind in den langen Gängen, Gleich einem abgerissenen, lächerlichen Stück Melodie flatterte der Laut da unten umher, leckte hinter dem Holzwerk empor und brach ganz oben ini Tageslicht hervor, heiser, mit einem Anklang von Ekstase.„Hanne kriegt ein Kind! Die Märchen- Prinzessin erwartet ihre Niederkunft!" Wie ein Feuer flog Marie die Treppe hinab. Die Back- fische liefen kreischend auf dem Hof zusammen, die Frauen niurmelten einander draußen auf dem Holzwerk zu, hinauf, hinab. Nicht, daß das an und für sich etwas Neues gewesen wäre: aber hier war es ja Hanne selbst, die Unbefleckte, die zu beschmutzen noch keine Zunge gewagt hatte. Auch jetzt wagte man sich kaum damit hervor, so überraschend kam es. Sie hatten gewissermaßen mit ihr in ihren Schwärmen ge- lebt und mit ihr auf das Märchen gewartet: von klein auf war sie ausersehen gewesen, das Unfaßliche zu tragen, und nun sollte sie nur ein.Kind bekommen! Es war wirklich im ersten Augenblick wie ein Wunder, so überraschend kam es ihnen allen! Marie kam wieder herauf, schleppend und mit einem Aus- druck von Entsetzen und Staunen. Unten im Hofe gingen die kleinen rotznäsigen Göhren herum und trällerten, während sie Hand in Hand um den Rost der Kloake trabten, um den man so herrlich rund herum gehen konnte:„Bro— bro— drille fein, Hanne tiecht ein Tindlcin tein!" Sie konnten noch nicht einmal ordentlich sprechen. Aber da war es„Grete mit dem Kinde", das verrückte Frauenzimmer, das das Kellerfenster aufriß, sich auf den Rücken hinauslegte, mit ihrer Puppe auf dem Arm und durch den Hof hinausschrie, so daß es gellte:„Tie Märchenprin- zessin kriegt'n Kind und Pelle ist Vater dazu!" Pelle beugte sich über seine Arbeit und schwieg. Er war glücklicherweise nicht der verkleidete Königssohn hier! Aber er zankte sich nicht mit Frauenzimmern. Hannes Mutter kam in die Galerie hinausgestürmt.„Das sind unverschämte Lügen!" rief sie.„Pelles Name soll nicht dahinein gezogen werden. Das andere mag sein, wie es will!" Oben über ihrein Kopf kam der Leichcnwagcnkutscher herausgeschwankt.„Da hat sich die Prinzessin ja'nen Balken in'n Leid gerannt," brummte er in seinem gutmütigen Baß. „Ein Jammer bloß, daß ich niÄ Hebamme geworden bin. Man hat das verkehrte Ende zu fassen gekriegt." „Scher Tu Dich in Deine Höhle und Halts Maul, Du Leichenräuber," antwortete Frau Johnsen fauchend.„In alles mußt Du Deine Schnapsstimme hineinmischen." Er stand da oben in seinem Halbrausch über das Geländer gelehnt und plapperte neckend hinunter, ohne sich an Frau Johnsens Schelten zu kehren. Aber dann riß die kleine Marie ein Fenster auf und kam ihr zu Hilfe, und oben auf die Plattform kam Ferdinands Mutter hinaus!„Wieviel Schinken hast Du den letzten Monat gekauft? Hol Du Deine Bärenschinkcn raus und zeig uns die. Er schlachtet bei jeder Leiche einen Bären, der Trunkenbold." Von allen Seiten fielen sie über ihn her. Er konnte nicht dagegen an und be- gnügtc sich damit, Augen und Mund aufzureißen und„Bäh!"- zu sagen. Dann kam sein rothaariges Frauenzimmer heraus und zog ihn hinein. Pelle saß über seine Arbeit gebeugt und lauschte vcr- stöhlen. Seine Erscheinung pflegte dämpfend auf die tollen Anfälle der„Arche" zu wirken, aber hier hinein wollte er sich doch nicht nüschen. Und niemals hätte er sich träumen lassen. dafe Hannes Mutter so werden konnte. Sie war wie eine Furie, drehte den Kopf blitzschnell bald nach der einen Seite, bald nach der anderen und lauschte auf jeden Laut, bereit da- gegen loszugehen! Ach. sie verteidigte ihr Kind, jetzt wo es zu spät war! Einer fauchenden Katze glich sie. „Der allerjüngste von den Grafen—" sangen die Kinder unten auf dem Hof, das war Hannes Lied. Frau Johnsen stand da, als wolle sie ihnen an den Kopf fliegen. Plötzlich schlug sie die Schürze vor das Gesicht und ging schluchzend hinein. tFortsetzwig folgt.) (Nachdruck OcrboUn.l Cbadrchi-JVIurat. 6] Von Leo T o l st o i. Er sah im Traume, wie er mit seinen iapseren Getreuen unter Gesang und lautem Äampfgeschrei:„Chadschi-BZurat kommt!" gegen Schamyl losstürmte, wie er ihn samt seinen Frauen gefangen nahm, und er hörte das Schluchzen und Weinen seiner Frauen. Er erwachte aus dem Traume: das Kampflied„La Jllahal" das Kriegsgeschrei:„Chadschi-Murat kommt!" und das Weinen der Frauen Schamyls war in Wirklichkeit nichts anderes als das- Heulen, Weinen und Lachen der Schakale, die ihn aus dem Schlafe aufgestört hatten. Chadschi-Murat hob den Kops empor, sah nach dem bereits zwischen den Baumstämmen hindurchschimmernden Morgenhimmel und fragte einen der Muriden, der ein wenig ab- scits von ihm saß, ob Chan-Mahoma schon zurück sei. Als er. vernahm, daß Chan-Mahoma noch nicht da sei, ließ er den Kops von neuem sinken und schlummerte sogleich wieder ein. Er wurde durch die muntere Stimme Chan-Mahomas geweckt, der mit Bata von seiner Sendung zurückgekehrt war. Chan- Mahoma setzte sich sogleich zu Chadschi-Murat hin und begann ihm zu erzählen, wie die Soldaten ihn empfangen und zum Fürsten selbst geführt hätten, wie er mit dem Fürsten selbst gesprochen habe, wie der Fürst hocherfreut gewesen sei und versprochen habe, mit ihnen jenseits des Migik, aus der Schamylskischen Lichtung. wo die Russen Holz fällen wollten, zusammenzutreffen. Bata unterbrach immer wieder den Bericht seines Gefährten und flocht seinerseits allerhand Einzelheiten ein. Chadschi-Murat fragte seine Boten ganz eingehend und genau nach dem Wortlaut der Antwort, die Woronzow auf Chadschi- Murats Anerbieten, zu den Russen überzugehen, erteilt hätte. So- Wohl Chan-Mahoma wie auch Bata antworteten einstimmig, der Fürst habe versprochen, Chadslbi-Murat als seinen Gast zu empfan- gen und aufs beste zu behandeln. Chadschi-Murat erkundigte sich noch über den Weg, und als Chan-Mahoma ihm versicherte, daß er den Weg ganz genau kenne und ihn sicher hinführen würde, nahm er Geld aus der Tasche und gab Bata die versprochenen drei Silberrubel. Seinen Leuten befahl er. aus den Ouersäcken die kostbarsten, golddamaszierten Waffen und die Lammfellmütze mit dem Turban hervorzuholen, sich selbst aber äußerlich so blank und sauber zu machen, daß sie in den Augen der Russen wohl bestehen könnten. Während sie die Waffen, das Sattelzeug, das Geschirr und die Pferde putzten, ward der Sternenhimmel bleicher und bleicher. Bald wurde es ganz hell, und der Morgenwind rauschte leise durch die Wipfel der Bäume. S. Am frühen Morgen, noch in der Dunkelheit, Ivaren zwei Kam- pagnien mit Beilen unter dem Kommando Poltorazkijs bis auf zehn Werst vor das Schachgirinische Tor hinausmarschiert, hatten eine Vorpostenkette vorgeschoben und sich, sobald es zu tagen an- fing, an das Fällen der Bäume gemacht. Gegen acht Uhr begann der Nebel, vermischt mit dem dichten, stickigen Rauch der in den Lagerfeuern knisternden feuchten Baumzweige, höher zu steige». Die mit der Niederlegung des Waldes beschäftigten Soldaten, die einander vorher auf fünf Schritte nicht mehr gesehen, sondern nur noch gehört hatten, konnten jetzt sowohl die Lagerfeuer wie den von den Baumstämmen versperrten, quer durch den Wald führenden Weg deutlich unterscheiden. Die Sonne erschien von Feit zu Zeit als ein leuchtender Fleck im Nebel, um dann für eine Weile wieder unsichtbar zu werden. In einer kleinen Lichtung, abseits voni Wege, saßen auf den Trommeln Boltorazkij und sei» Subalternoffizier Tichonow, ferner zwei Offiziere der dritten Kompagnie und ein ehemaliger Offizier der Chevalicrgarde, namens Baron Freese, ein Bekannter Poltorazkijs vom Pageji- korpS her, der wegen eines Duells degradiert worden war. Um die Trommeln herum lagen leere Flaschen, Zigarettenstummel und Papicrhüllen, in denen die Offiziere ihr Frühstück mitgebracht hatten. Sie hatten sich durch ein Glas Branntwein und einen Imbiß gestärkt und dann ein Glas Porter getrunken. Der Tam- bour war eben dabei, eine neue Flasche zu entkorken. Poltorazkij war. obschon er nicht ausgeschlafen hatte, doch in jener ganz be» sonderen, sorglos heiteren und gehobenen Stimmung, die ihn in« mitten seiner Soldaten und Kameraden jedesmal überkam, soboild Gefahr ihn umwitterte. Die Ossiziere unterhielten sich lebhaft über die letzte Neuig- kcit— den Tod des Generals Sljepzow. Keiner von ihnen sah in diesem Tode jenen wichtigsten Augenblick des menschlichen Daseins, in dem das Leben zu Ende geht und zu jenem Urquell, aus dem es hervorgegangen, zurückkehrt— alle sahen vielmehr nur die Tapferkeit des kühnen Offiziers, der mit dem Säbel in der Faust kühn auf die Bergbewohner, losgestürmt war und verzweifelt auf sie dreingehauen hatte. Zwar wußten alle diese Offiziere, namentlich diejenigen von ihnen, die selbst schon mit im Feuer gewesen waren, daß es wäh- rend jenes Krieges im Kaukasus niemals und nirgends zu solch einem Nahkamps mit dem Säbel gekommen war, wie man sich ihn gewöhnlich vorstellt, und wie er auch vielfach geschildert wird. Sie wußten, daß, wenn schon ein Nahkampf mit Bajonett und Säbel vorkam, diese Waffen höchstens den Rücken des fliehenden Feindes bearbeiteten. Gleichwohl wurde die Fiktion eines solchen Nahkampfes von den Offizieren aufrecht erhalten, und sie war es, die ihnen jenen ruhigen Stolz und jene Heiterkeit verlieh, mit der sie teils in malerisch kecker, teils in vornehm reservierter Haltung auf den Trommeln saßen, rauchten, tranken und scherzten und sich nicht die geringste Sorge um den Tod machten, der jeden Augenblick an sie, ebenso wie an Sljepzow, plötzlich herantreten konnte. Und wie zur Bestätigung der Erwartung, in der sie da- saßen, fiel plötzlich mitten in ihr Gespräch hinein links vom Wege her ein kecker Büchsenschuß, und eine Kugql Pfiff lustig durch den Nebeldunst, um irgendwo in einen Baum einzuschlagen. Ein paar laute, dumpf knallende Schüsse aus den Gewehren der Soldaten antworteten aus den feindlichen Schuß. „Aha", rief Poltorazkij in heiterem Tone,„das war in der Vorpostenkette I Nun, mein lieber Kostja," wandte er sich an Freese, „Du hast wirklich Glück! Jetzt geh mal zur Kompagnie— wir werden gleich eine Schlacht haben, so wild und heiß, wie man sich sie nur wünschen kann. Das soll eine Galavorstellung werden." Der degradierte Baron sprang auf und begab sich raschen Schrittes nach jenem verqualmten Revier, in dem seine Kompagnie an der Arbeit war. Poltorazkij ließ sich seinen kleine», gelbmäuli- gen, dunkelbraunen Kabardiner vorführen, setzte sicb darauf, ließ seine Kompagnie antreten und führte sie in der Richtung, aus der der Schuß gefallen war, zur Vorpostenlinie vor. Die Vorposten- kette lag am Rande des Waldes, vor einer kahlen Schlucht, die sich niederwärts zog. Der Wind wohte nach dem Walde zu, und nicht nur der diesseitige Abhang, sondern auch die jenseitige Wand der Schlucht war deutlich sichtbar. Als Poltorazkij die Vorposten erreichte, trat gerade die Sonne aus dem Nebel hervor, und auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht, am Rande eines zweiten niedrigen Waldes, der dort begann, wurden in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten einige Reiter sichtbar. Es waren die Tfcbetschenzen. die Chadschi-Murat verfolgt hatten und sich davon überzeugen wollten, daß er wirklich zu den Russen ging. Einer von ihnen hatte nach den Vorposten hinübcrgeschossen, und ein paar Soldaten aus der Vorpostenkette hatten ihm geantwortet. Die Tschetsckenzcn hatten sich zurückgezogen, und das Gewehrfeuer war eingestellt worden, als jedoch Poltorazkij mit seiner Kompagnie anmarschiert kam, ließ er sogleich wieder schießen. Kaum war der Befehl erteilt, als auch auf der ganzen Linie alsbald ein ununter- brochenes keckes Knattern und.Knallen einsetzte und bald hier, bald dort zierliche kleine RauckNvölkchen aufstiegen. Die Soldaten, die in der Schießerei eine willkommene Abwechselung sahen,� luden in raschem Tempo ihre Gewehre und gaben Schuß auf Schuß ab. Die Tschetschenzcn waren nicht faul und schössen gleichfalls auf die Soldaten, indem sie einzeln Mann für Mann vorsprangen. Einer ihrer Schüsse traf einen Soldaten. Es war derselbe Awdjejew, der mit auf dem Gehcimposten gewesen war. Als die Kameraden zu ihm eilten, lag er mit dem Rücken nach oben da, hielt beide Hände auf die am Bauche befindliche Wunde, zuckte von Zeit zu Zeit und stöhnte leise. „Ich war gerade dabei, mein Gewehr zu laden, als ich ein Zischen hörte", erzählte Awdjejews Nebenmann,„und wie ich hinsckaue, seh ich, daß er das Gewehr fallen läßt." Awdjejew stand bei Poltorazkijs Kompagnie. Als dieser die Soldaten zusammenlaufen sah, ritt er an die Gruppe heran. „Hast Du was abbekommen, mein Lieber?" fragte er.«Wohin denn?" Awdjejew gab keine Antwort. „Ich war gerade dabei zu laden. Euer Wohlgeboren", wieder- holte der Ncbcnniann Awdjejelvs,„als ich ein Zischen hörte, und wie ick hinsehe, hat er das Gewehr auch schon fallen lassen." „Tss, tss", schnalzte Poltorazkij mit der Zunge.„Tut's weh. Awdjejew?" „Da? nicht, aber gehen kann ich nicht. Ilm einen Schluck Branntwein mächt ich bitten. Euer Wohlgeboren." Irgend jemand reichte eine Flasche mit Spiritus hin. wie ihn die Soldaten im Kaukasus zu trinken pflegten, und Panow goß mit finsterer Miene einen Becher davon ein. den er Awdjejew reichte. Awdjejew kostete, schob jedoch sogleich den Becher mit der Hand fort. „Die Seele mag ihn nicht", sagte er,„trink ihn nur selber." Panow leerte den Becher. Awdjejew versuchte wiederum, sich zu erheben, sank jedoch von neuem zurück. Tie Kameraden breiteten einen Mantel aus und legten Awdjejew darauf nieder. „Euer Wohlgeboren, der Herr Oberst kommtl", rief der Feld- tvebel Poltorazkij zu. „Gut— sieh Du hier nach dem Rechten", sagte Poltorazkij, schwang die Reitpeitsche und ritt in scharfem Galopp Woronzow entgegen. Wvvonzow kam, von einem Regimentsadjutanten, einem Kosaken und einem tschctschenzischcn Dolmetscher gefolgt, auf seinem Fuchshengst, einem echten englischen Vollbluttier, heran- geritten. „Was ist denn bei Ihnen los?" fragte er Poltorazkij. „Eine Schar von feindlichen Reitern ist drüben aufgetaucht; sie haben die Vorposten angegriffen", antwortete ihm Poltorazkij. „Und da mußten Sie gleich mit ihnen anbinden I" sagte der Fürst. „Nicht ich habe angefangen, Fürst," verfetzte Poltorazkij lächelnd,„sondern sie selbst." „Ein Soldat soll verwundet sein, wie ich höre?" „Ja, schade um ihn. Es ist ein tüchtiger Soldat." „Ist die Verwundung schwer?" «Sie scheint schwer zu sein, ein Bauchschuß." „Und wissen Sie, wohin ich jetzt reite?" fragte Woronzow. „Erraten Sie es nicht? Chadschi-Dturat ist angekommen; wir werden ihn sogleich treffen." „Nicht möglich." „Gestern hat er eine» Boten zu mir geschickt", sagte Woron- zow, nur mit Mühe seine Freude verbergend.„Er erwartet mich jedenfalls schon auf der Lichtung� Lassen Sie die Postenkette bis an die Lichtung vorgehen, und kommen Sie dann zu mir zurück." „Zu Befehl", sagte Poltorazkij, legte die Hand an die Fell- mütze und begab sich zu seiner Kompagnie. Er führte selbst einen Teil der Kette nach rechts hinüben, während er die Besetzung der linken Seite dem Feldwebel übertrug. Der verwundete Awdjejew war inzwischen von den Soldaten nach der Festung gebracht worden. Poltorazkij war bereits wieder zu Woronzow unterwegs, als er in seinem Rücken einen Reitertrupp gewahr wurde, der ihn ein- zuholcn suchte. Er machte Halt und erwartete die Herannahenden. Allen übrigen voran ritt auf einem weißmähnigen Pferde ein Mann von eindrucksvollem Aeuheren, mit einem Turban um die Lammfellmütze und mit kostbaren, goldvcrzicrten Waffen im Gürtel. Es war kein anderer als Chadschi-Murat. Er ritt an Poltorazkij heran und sagte zu ihm irgend etwas auf tatarisch. Poltorazkij zog die Brauen hoch und zuckte läckelnd die Achseln, zum Zeichen, daß er ihn nicht verstehe. Chadschi-Murat antwortete gleichfalls mit einem Lächeln, und dieses Lächeln überraschte Polto- razkij durch seine kindliche Gutmütigkeit. Poltovazkij hatte sich den kühnen Anführer der Bergbewohner ganz anders vorgestellt. Er erwartete einen finsteren, trockenen, absonderlichen Menschen zu sehen, und nun erblickte er einen harmlos schlichten Mann vor sich, der so gutmütig lächelte, als sei er ein alter Freund und Ver- trauter. Nur eins fiel an seinem Gesichte auf: die weit ausein- anderstehenden Augen, die ruhig, durchdringend und aufmerksam in die Augen anderer Leute schauten. (Fortsetzung folgt.) Der LaubcnkolomCt als Gärtner und Klcinricrzücbtcr. Bon Dieben und tierischen Schädlingen. Es gibt wohl nicht viele Menschen, deren Eigentum so wenig gesichert ist, wie das des Parzellenbesitzers und Laubcnkolonislen. Ein Einbruch in eine der Parzellen der Laubenkolonie, die fast durchweg nur ganz primitiv umfriedigt sind, ist die einfachste Sache von der Welt, namentlich jetzt im Winter, wenn die Kolonien voll- ständig verlassen liegen. Zahlreiche zweifelhafte Existenzen suchen deshalb, namentlich zur kalten Jahreszeit, ihren Vorteil durch Diebcsfahrten, die sie bei Nacht und Nebel einzeln, aber auch in kleineren und größeren Gesellschaften, oft ausgerüstet mit Gespann oder Handwagen, in die Kolonien unternehmen, um hier alles zu plündern, was nicht niet- und nagelfest ist. Die sogenannte heilige Hermandad kehrt sich fast allenthalben wenig oder gar nicht um das Eigentum des einfachen Kolonisten, von einer polizeilichen Be- wachung der Kolonien kann deshalb keine Rede sein. So feiert denn hier das Diebeshandwerk nach wie vor wahre Triumphe. Ganze Laubeneinrichtungen werden ausgeräumt, Hühner- und Kaninchcnställe ausgeräubert, brauchbare Bäume und Gehölze. namentlich Obstbäume und Rosen, im Schutze der Nacht in aller Gemütsruhe ausgegraben und fortgeschafft. Der Laubenkolonist ist diesen Diebereien gegenüber ausschließlich auf Selbsthilfe ange- wiesen. Diese Selbsthilfe wird in verschiedenen Kolonien auch in zweckmäßiger Weife ausgeübt, indem die Kolonisten dort, wo Laubeneinrichtungen, wertvolle Pflanzer»- und Kleintierbestände vorhanden sind, während des Winters einen eigenen Sicherheits- Nachtdienst einrichten, der abwechselnd Nacht für Nacht von einem andern der Beteiligten versehe, wird. Als im zweiten Jahre meiner Kolonistentätigkeit in einer milden Winternacht Langfinger die gesamten Rosen meines Grund» stücks gestohlen hatten, verfiel ich aus eine wirksame Selbsthilfe. Ich stellte auf den verschiedensten Teilen meiner Pflanzung große Fuchseisen, die durch Erdbedeckung absolut unsichtbar gemacht wur- den. und wies durch Warnungstafeln auf die Gefahr hin, die jeden bedrohe, der unbefugt die Pflanzung betritt. Einige größere Emaillctafeln mit der Aufschrift: Warnung, Fußeisen- erfüllten diesen Zweck. Selbstverständlich dürfen derartige Eisen nur in verschlossenen Räumen, also in abgeschlossenen Lauben, Garten- Häusern usw.. oder im Freien nur auf gut eingefriedigten Grund- stücken, die Kindern. Haustieren usw. nirgends Durchschlupf er- möglichen, aufgestellt werden. Akr hier übersteigt oder sich durch Ruinierung des Drahtzaunes widerrechtlich Eingang verschafft, muß eben die Folgen seiner Handlungsweise tragen. Seitdem ich die Warnungstafeln angebracht und Fuchseisen aufgestellt habe, bin ich von Diebereien jeder Art verschont geblieben. Freilich muß sich der Besitzer die Stellen, an denen er die Eisen ausgelegt hat, genau merken, am besten durch unauffällige Kennzeichen, und alle, die auf seinem Grundstück zu tun haben, vor dem Betreten der betreffenden Teile nachdrücklich warnen. Sonst ist die Gefahr groß, in eines der aufgestellten Eisen zu geraten und sich eine unter Umständen außerordentlich schioere Fußverletzung zuzuziehen. Ein Gauner, der in ein aufgestelltes Fuchseisen kommt, erhält für das ganze Leben einen Denkzettel. Es ist nicht nötig, daß sich jeder Kolonist mit einem Fuchseisen, das durchschnittlich— 5 M. pro Stück kostet, ausrüstet; einige wenige Eisen genügen für die ganzr Kolonie, wenn nur jeder Kolonist eine Warnungstafel anbringt. Die Gauner werden es dann nicht auf einen Versuch ankommen lassen. In der Laubenkolonie„Hoffnung" am Nonnendamm wurd«w in diesem Winter fortgesetzt Geflügeldiebstähle ausgeübt, ohne daß. es gelingen wollte, den Gauner zu fassen. Einer der Kolonisten stellte deshalb in seinem Hühnerstall ein Fuchseisen auf und hatte- das Glück, gelegentlich einer abendlichen Revision den gesuchte,» Dieb jämmerlich schreiend mit einem Fuße in der Falle zu finden. Wir haben aber auf unftrn Gartengrundstücken nicht nur einen Kampf mit Räubern in Menschengestalt, sondern auch einen solchen mit vierbeinigen und geflügelten Räubern zu führen. Als- vierbeinige Räuber kommen verwilderte Katzen, der Haus- oder Steinmarder, der Iltis, sowie das große und kleine Wiesel in Frage, allerdings nur da. wo Kleintierzucht betrieben wird. Der Fuchs wagt sich nur selten in die Kolonien. Gegen Katzen, Marder und Iltis kann das Fuchseisen gleichfalls zur Anwendung gelangen. Die Eisen haben eine Sicherheitsvorrichtung, die das absolut gefahrlose Aufstellen ermöglicht und erst dann gelöst wird, wenn sie fängig an Ort und Skelle stehen. Unauffällige Bedeckung mit lockerer Erde oder Laub ist zu empfehlen. Als Köder wir» am besten ein Hühner- oder Taubenei verwendet, da Vogeleicc Leckerbissen für alle diese Räuber sind. Um das Gefrieren und Platzen dieser Eier zu verhindern, bläst man sie vorher aus. Da die genannten Räuber eine feine Nase haben, empfiehlt«S sich» Fallen und Köder nur mit Lederhandschuhen anzufassen. Jeder- mann ist berechtigt, auf seinem eingefriedigten Grund und Bode» sich der Raubtier« jeder Art, mit Einschluß der wildernden Katzen. zu wehren, d. h. zu fangen und zu töten. Diese Selbsthilfe ist unter Umständen außerordentlich lohnend, da gute Winterfelle von Kürschnern stets gekauft werden. Der Handelswert eines guten Marderfelles beträgt z. B. 3l>— 40 M., für ein Iltisfell erzielt man 3—5 M., für den Winterpelz des großen Wiesels sHermelin) 2—3 Mark, während die Felle des kleinen Wiesels wertlos sind.� Alle diese kleinen Raubtiere sind bekanntlich außerordentlich blutdürstig» ein Marder oder Iltis, der in«inen Hühnerstall oder Taubenschlag gelangt, läßt nicht ein Tier am Leben. Leichter als in den Eisen fangen sich die genannten kleineu Räuber in Kaste»fallen. Die gut konstruierten Kaftensallen. für Katzen und Marder kost-'n freilich 45—20 M. pro Stuck tu» kleinen Kastcnfallen für Wiefel dagegen nur 3 M. In einer solchen. kleinen Kastenfalle habe ich im Dezember, von zahlreichen Mäusen abgesehen, einen Iltis, zwei große und«in kleines Wiesel ge- fangen. Der Iltis hatte mir nxnige Tage vorher 7 Tauben ge- würgt. Zu einer anderen Zeit sind bei mir in einer Nacht 1A- Kücken einem großen Wiesel zum Opfer gefallen, das ich bereits- am folgenden Tage im Eisen hatte, und ein kleines Wiesel hat mir einmal den ganzen Taubenbestand einer großen Voliere ver- nichtet. Am Morgen lagen die 12 wertvollen Tiere der Voliere mit ausgefressenem Gehirn am Boden. Wo weder Geflügel noch Kaninchen gehalten werden, da kann.. man das große und das kleine Wiesel dulden, da sie gute Mäuse- und Rattenvertilger sind. Bekanntlich sind auch die Ratten groge- Geflügel- und Kaninchcnfeinde, die in vielen Kolonien die Aufzuckt von Junggeslügel und die Taubcnbaltung unmöglich machen. Zum Fangen der Ratten kann man sich gleichfalls der kleinen Kasten- fallen, aber auch des kleinen Tellereisens bedienen. Mit dem großen Fuchseisen erw»hre ich mich auch der Krähen. und Elstern. Die Krähen sind in der weitesten Umgebung� von Berlin zu einer wahren Landplage geworden; sie suchen d,e Garten, Helm, plündern die Kirschbäume, an denen sie durch ihr Körper- gewicht auch noch schwere Astbrüche verursachen, schleppen die Kücken fort und tun sich im Herbst an den reifen Acpfeln und Birnen gütlich, die sie in großer Zahl von den Baumen herunter- hacken, ohne auch nur eine Frucht vollständig aufzufressen. Die Elster kommt bei uns nicht überall vor, sondern nur da, wo Gärten »>nd Aecker mit vereinzelt stehenden Feldgehölzen abwechseln, die ihr Schutz gegen ihre eigenen Feinde bieten(sie ist ein schlechter Flieger). Wo die Elster aber auftritt, mutz sie mit aller Eni- schiedenheit verfolgt werden, da sie ebenso wie Wiesel, Marder usw. die Nester der nützlichen Singvögel ausplündert, deren Ansiedelung für den Kolonisten von autzcrordentlichcr Wichtigkeit ist. Die Elster fängt sich autzcrordcntlich leicht im kleinen Tellereisen, auch in Fuchseisen. Die beiden bei uns vorkommenden Krähenarten, die Nebel- und die pechschwarze Rabenkrähe, sind autzcrordentlich vor- sichtige Vögel; das Eisen mutz deshalb gut verdeckt werden. Als Köder verwende ich für Krähen und Elstern ausschlietzlich faule oder sonst wertlos gewordene Taubencier. Raubvögel, namentlich Habichte, Sperber und Falken, find in der Umgebung Verlins gleichfalls ganz alltägliche Erscheinungen, die unter den Tauben- und Hühncrbeständcn einsam liegender Kolonien gründlich aufräumen. Das Abschictzcn dieser vorsichtigen und scheuen Vögel ist autzcrordentlich schwierig, leichter gelingt der Fang im Habichtkorbe. Als Köder dient hier eine hellfarbige, ausge- stopfte Taube. Reben diesen vierbeinigen und geflügelten Räubern, die den Kleintierzüchter schädigen, sind im Winter auch noch jene grötzeren Schädlinge zu bekämpfen, die unseren Kulturen nachstellen. An erster Stelle stehen hier der Feldhase und das wilde Kaninchen. Der Schaden, den beide, namentlich in schneereichcn Wintern, in den Laubenkolonien und aus den Parzellen anrichten, ist ein oft sehr erheblicher. Der einzige Schutz gegen Hasen- und Kaninchen- sratz bildet die solide Einfriedigung des Grundstückes durch Draht- gesiecht. Bei Ausführung eines Drahtzaunes achte man darauf, datz der Zaun mindestens überall dicht mit dem Boden abschlietzt, was bei unebenem Terrain selten der Fall ist. Es bleiben dann freie Räume zwischen Drahtgitter und Boden, die den Hafen und Kaninchen das Durchschlüpfen gestatten. Ist dann bei Schnee die Not grotz, so fressen diese Tiere, so hoch sie reichen können, die Rinde jüngerer Obstbäum« so vollständig ab, datz diese rettungslos verloren sind, ferner die Zweige der Beerensträucher, die Blätter der Erdbeeren, alles drautzenstchende Wintergemüse, namentlich Spinat, Feldsalat, Blätter- und Rosenkohl und viele Zierpflanzen, mit Vorliebe Nelken, sowie Rinde und Zweige der meisten Zier- gehölze, in großer Not sogar die bittere Rinde des Flieders, sowie die bitteren Blätter und Ranken des Efeus. Sich mit der Flinte in der Hand dieser Schädlinge zu erwehren, würde Jagdfrevel sein, den das Gesetz schwer ahndet. Dem Totschlagen auf eingefriedigten Grundstücken steht aber nichts im Wege. Schwierigkeiten macht dies Verfahren nicht, da die verfolgten Tiere in der Angst in der Regel das Loch nicht wiederfinden, dach ihnen den Eingang ermöglichte. Einen absolut sicheren Schutz gegen Hasen und Kaninchen bietet der übliche Drahtzaun nur dann, wenn das Drahtgeflecht 20 Zentimeter tief in den Boden eingelassen wird, womit ein Durchwühlen voll- ständig abgeschlossen ist. Die Anwendung dieses Verfahrens bietet auch eine gewisse Gerantie gegen das Eindringen der Maulwürfe, die zwar nur von im Boden hausenden Würmern und Insekten leben, deren Wühlarbeit aber von keinem Gartenbesitzer gern ge- sehen wird, und gegen das Eindringen der Wühlratten. Letztere machen sich in der weiteren Umgebung Berlins in immer bedenk- licherer Weise breit. Es sind lichtscheue Tiere, die ihren Bau tief im Boden anlegen, ihre Gänge aber meist dicht unter der Ober- fläche graben. Pslanzenwurzcln bilden fast die ausschlietzliche Nah- rung der Wühlrattc. Besonders grotz ist der Schaden, den die Wühlratten an Obstbäumen aller Art, namentlich an Apfelbäumen, anrichten; sie nähren sich von den starken Hauptwurzeln und zer- fressen im Laufe des Winters die Wurzelkronen selbst starker, ZO—lS jähriger Bäume derartig, datz man dies« Bäume wie Spazierstöcke aus dem Boden herausziehen kann. Ich habe gegen die Wühlratten alle möglichen Fallen probiert, darunter sehr sinn- reich konstruierte, und das Eingraben tiefer, innen glasierter Töpfe in die Gänge, auch das Auslegen von Eifthafer. Aber alles war vergeblich. Als einziges wirksames Mittel sind mir nur die Ratten- typhusbazillen bekannt, die die bakteriologischen Institute der Landwirtschaftskainmern der Provinz Sachsen in Halle a. S. und der Rheinprovinz in Bonn liefern. Tiefen für Mensch und Haus- ticre unschädlichen Bazillcukulturen find Gebrauchsanweisungen beigegeben.� Die Herstellung und das Auslegen der Brocken mutz im Dunkeln erfolgen. Besonders gut« Erfolge hatte ich mit getrockneten und in der Lösung aufgeweichten Mohrrübenschnitten, die von den Wühlratten am liebsten genommen werden. Nach iO—12 Tagen sterben die Schädlinge am Typhus. In neuester Zeit wird auch das Ausräuchern der Gänge mit Schwefel erfolgreich angewendet. Hierzu ist aber die Anschaffung eines besonders konstruierten Räuchcrapparatcs� erforderlich. Dies Verfahren dürfte in schwerem Boden bessere Erfolge haben als in unserem leichten, die Schwefel- dämpfe rasch durchlassenden Sandboden. Wo Feldmäuse lästig werden, empfehle ich die Anwendung von Gistweizen oder Gisthafcr nach der Schneeschmelze. Man gibt dann in sedes der überall sichtbare» D/äuselöcher 0— 8 vergiftete Körner und drückt dann die Löcher leicht zu, damit nicht etwa harmlose Vögel an das Gift gelangen. Wo Hausgeflügel gehalten wird, ist die Anwendung dieses Verfahrens natürlich ausgeschlossen. Uck. lfteines fcmlicton Bernsteinfischerei. Von den verschiedenen Arten der Bern- steingcwinnung, die sich bekanntlich der preuhische Staat als Regal vorbehalten hat, wird staatlich nur die rentaibelste, die berg- männische, betrieben. Weitaus der grötzte Teil allen Bernsteins kommt aus dem fiskalischen Bergwerk in Kraxtepcllen in Ost- preutzen. Neben dem Bcrnsteinbergbau beansprucht dann, wie im „Prometheus" ausgeführt wird, die Bernstcinsischerei ein gewisses Interesse als die ursprünglichste Methode, dieses wertvollen fossilen Harzes habhaft zu werden. Wenn ihre Erträge auch nicht mit denen des Bergbaues verglichen werden können, so verschafft sie doch der Strandbevölkerung, namentlich in Ostpreutzen, an der eigentlichen„Bernsteinküste", bei stürmischem Wetter für den Ausfall des Fischfanges einen gewissen Ersatz. Der Staat gibt deshalb das Recht zur Bcrnstcinfischcrci gegen eine jährliche Ge- bühr von 50 Pf. an Privatpersonen ab. Die Betriebsmittel zur Ausübung des Gewerbes sind einfach: Oelzeug und Wasserstiefel, die jeder Strandbewohner ohnehin hat, sowie ein festes Netz an langer Stange. Damit wandert der Samlandsischer, sobald der Sturm, der das Meer aufgewühlt hat, abzuflauen beginnt, an den Strand zu seiner nicht gerade leichten, in der rauhen Jahreszeit sogar Gesundheit und Leben gefährdenden Arbeit. Die See rollt Tangmaffen, Holz und allerlei andere Dinge heran, dazwischen den durch die Wogen vom Grunde hochgerissenen Bernstein, der nur wenig schwerer ist als das Waffer. Sie wirft ihn jedoch selten aus und nimmt das meiste wieder mit zurück. Darum mutz der Bernsteinfischer in die Brandung hinein. Soweit es die Tiefe des Wassers gestattet, dringt er vor und schöpft das, was die Wellen herantragen, in sein Netz. Ist dies genügend gefüllt, so kehrt er aufs Trockene zurück, leert das Netz aus und untersucht den Fang. wobei gewöhnlich die Frauen behilflich sind. Der Bernstein wird herausgelesen und in ein Säckchen gesteckt, das der Mann um- gehängt trägt, oder in den Korb der Frau, in den gelegentlich auch ein zufällig Mitgefangener Fisch wandert. So geht es an günstigen Tagen vom frühesten Morgengrauen den ganzen Tag hindurch. selbst nachts wird zuweilen gefischt. Die Konkurrenz ist grotz, und wenn einer eine gute Stelle gesunden zu haben scheint, so sind die anderen auch gleich da. Hygienisches. Das Glas Wasser zur Mahlzeit. Die Enthaltsam- keit von Getränken wird oft so weit getrieben, datz man es durch- aus vermeidet, zur Mahlzeit überhaupt einen Tropfen zu trinken, auch wenn es nur Wasser wäre. Manche Leute kommen sich dabei wohl recht heldenhaft und bedürfnislos vor und stützen sich übrigens auf die oft wiederholte Lehre, datz in den meisten Speisen an sich genug Wasser vorhanden sei. Die Gründe, die für das Verbot des Trinkens angegeben worden sind, betreffen ganz verschiedene Punkte. Einmal heitzt es, datz die Absonderung von Speichel und anderen die Verdauung fördernden Säften durch die Flüssigkeits- aufnähme behindert würde. Ferner sollen diese Säfte dadurch sehr verdünnt werden. Schlietzlich wird behauptet, datz die Flüssigkeit die aufgenommene Nahrung zu schnell durch den Magen hindurchtreibt, so datz deshalb nur eine unvollkommene Verdauung stattfindet. Ein amerikanischer Hygieniker, Professor Hawk, hat eine durch sieben Jahre fortgesetzte Untersuchung dieser Frage mit der Unterstützung seiner Schüler an der Staatsuniversität von Illinois ausgeführt, deren Ergebnisse in einer Reihe von zehn Ver- öfsevtlichungen niedergelegt sind. Das Endurteil lautet dahin,, datz alle gegen die Flüssigkeitsaufnahme beim Essen erhobenen Einwände hinfällig sind. Unter den vielen Experimenten, die er in dieser Beziehung angestellt hat, ist nicht nur niemals ein un- günstiger Erfolg des Trinkens von Wasser bei den Mahlzeiten bc- merkbar gewesen, sondern es hat sich sogar herausgestellt, datz dabei die Nahrungsmittel besser verdaut und ausgenützt werden. Ins- besondere werden die eiweißhaltigen Stoffe besser verwertet, aber auch die Fettstoffe. Im wesentlichen befinden sich diese Ergebnisse in Einklang mit den berühmten Forschungen von P a w l o w, der bereits den günstigen Einfluß von Wasser auf die Aussckcidung des Magen- softes und auf die Tätigkeit der Bauchspeicheldrüsen festgestellt hat. Nun wird man dem Professor Hawk darin nicht recht geben wollen, datz es um so vorteilhafter sei, datz man recht viel Wasser bei der Mahlzeit trinke. Vor allem werden auch individuelle Ver- schiedenheitcn zu berücksichtigen sein. Freilich ist es nicht gesagt, datz die Verdünnung der Verdauungssäfte von schädlichem Einslutz sein mühte. Professor Hawk hat vielmehr das Gegenteil nachgc- wiesen. Der Genutz von erheblichen Mengen von Wasser wird wohl aber nur in den seltensten Fällen unschädlich oder gar nützlich sein. Es empfiehlt sich schon überhaupt nicht, noch weniger beim Essen, und mutz namentlich von denen vermieden werden, die an einem etwas schwachen Magen leiden. Endlich wird noch zu be- rücksichtigen sein, datz die Temperatur der aufgenommenen Flüssig» keit von nicht geringem Einflutz auf ihre Wirkung ist. Große Mengen kalter Flüssigkeiten können nicht von Vorteil sein. Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: LorroärtsBuchdruckerei tt.Verlagsanst