Anterhaltungsblatt des Horwärt :C Nr. 27. Donnerstag den 8. Februar. 1912 (Nachdruck verbolrn.) 27] pelle der Gröberer. Der flrofjt Kampf. Roman von Martin AnderfenNexö. Der Weihnachtsabend war da. Die Männer kamen tor- kelnd in ibrcm schweren Trab, und die Fabrikarbeiterinnen kamen gestürzt. Hier und da sickerte ihnen aus den langen Gängen ein schwaches Weinen entgegen, so daß die milch- gefüllten Brüste schmerzten. Die Kinder liefen ununterbrochen hin und her und holten die letzten Zutaten. Unten am Aus- gang zur Straße mußten sie sich an zwei Kerlen vorbeidrängen, die dastanden und in der Kälte schauderten. Sie sahen so ver- dächtig aus.„Da unten stehen zwei, aber es sind keine richti- gen," meldete Karl.„Sie sehen aus wie die aus dem Kasino." „Lauf zu der alten Fransen hinüber und sag ihr das." Aber die Alte antwortete nur:„Gott sei Dank, dann haben sie ihn noch nicht gefaßt!" Drüben bei Ohlscns war die Tochter Elvira nach Hause gekommen. Das Rouleaux war nicht herabgelassen, und sie stand am Fenster mit ihrem mächtigen Hut mit den Blumen und ließ sich bewundern. Marie kam herein gelaufen:„Hast Du gesehen, wie fein sie ist, Pelle?" sagte sie ganz benommen. „Und all das kriegt sie umsonst von den Herren, bloß, weil sie finden, daß sie so hübsch ist. Aber des Abends dann malt sie ihre Backen bloß an!" Die Kinder trieben sich draußen auf dem Gang herum und warteten darauf, daß Pelle fertig werden sollte. Sie wollten nicht ohne ihn Weihnachten feiern. Aber nun machte er auch Feierabend: ek"varf eine Jacke über, packte die Arbeit ein und lief davon. Draußen auf der Plattform blieb er einen Augenblick stehen. Er konnte den Lichtschein aus der Stadt an dcni tief mit Sternen übersäten Himmel aufblinzeln sehen. Die Nacht war so feierlich schön. Unter ihm hing das Holzwerk verlassen und seufzte im Frost: alle Türen waren geschlossen, um die Kälte draußen und die Freude drinnen zu halten.„Hoch herab von dem grünen Baum," ertönte es von irgendwo her. Der Lichtschein fiel durch das Fenster und bahnte sich einen Weg die Kreuz und die Quer zwischen dem Balkenwerk. Plötzlich dröhnte es schwer auf der Treppe.— Der Leichenwagenkutschcr kam nach Hause geschwankt, einen Schinken unter jedem Arm. Dann wurde alles ruhig, so ruhig wie sonst nienials in der „Arche", wo beständig etwas jammerte Tag und Nacht. Ein Kind kam still hinaus und wandte oin Paar fragende Augen empor, um nach dem Weihnachtsstern zu spähen! Bei Frau Fransen war Licht. Sie hatte heute ein weißes Tuch vor das Fenster gehängt und es stramm davorgezogen: die Lampe stand dicht neben der Gardine, so daß derjenige, der sich da drinnen bewegte, keinen Schatten darauf werfen konnte. Das arme alte Wurm, dachte Pelle, während er lief, die Mühe könnte sie sich gewiß sparen. Als er die Arbeit abge- liefert hatte, lief er in die Hobbergstraße hinüber, um Ellen ein fröhliches Fest zu wünschen. In seiner Stube war festlich gedeckt, als er wieder nach Hause kam: Schweinskarbonade, Reisbrei und Wcihnachts- vier. Marie glühte vor Stolz über ihr Werk; sie saß da und nötigte die anderen, aß aber selbst fast nichts. „Solch gutes Essen solltest Du jeden Tag machen, Deern!" sagte Karl und hieb ein.„Du könntest, weiß Gott, in der königlichen Küche angestellt werden!" „Warum ißt Du denn gar nicht von dem schönen Essen?" fragte Pelle. „Ach nein, ich kann nicht," antwortete sie und griff sich an die Wangen: ihre Augen strahlten ihm entgegen. Sie lachten und plauderten und stießen mit dem Weih- nachtsbier an. Karl kam mit den neuesten Witzen und letzten Gassenhauern: so etwas sammelte er auf seinen«streiffahrten durch die Stadt ans. Peter saß da und sah unerschiitterlich bald den einen, bald den anderen an. Er lachte nie, aber von Zeit zu Zeit kam er mit einer trockenen Bemerkung, die da- von zeugte, daß er sich amüsierte. Sie sahen immer wieder nach dem Fenster der alten Fransen hinüber.— Es war gsn Jammer, daß sie nicht mit dabei sein konnte. Jetzt brannten da drüben fünf Lichter, sie saßen offenbar auf einem kleinen Tannenbaum in einem Blumentopf. Sie bewegten sich wie ferne Sterne durch den weißen Vorhang, > und Frau Fransens Stimme klang dünn und gesprungen: „O du fröhliche, o du selige, gnadcnbringcnde Weihnachtszsit!" Pelle öffnete das Fenster und lauschte: es wunderte ihn, daß die arme Alte so fröhlich sein konnte. Plötzlich ertönte eine warnende Stimme von unten hinauf:„Frau Fransen, es kommt Besuch!" Rings umher auf den Galerien flogen Türen und Fenster auf. Gestalten stürzten aus den Türen, ein Stück Butterbrot in der Hand und lehnten sich iibcr das Geländer.„Wer wagt es, den Weihnachtsfrieden zu stören?" fragte drohend eine tiefe Stimme. „Die Vertreter des Gesetzes", wurde von da unten aus der Dunkelheit geantwortet.„Verhaltet Euch alle ruhig, im Namen des Gesetzes!" Drüben an Frau Franscns Seite wurden zwei Gestalten sichtbar, die lautlos auf allen Vieren hinaufliefen. Dort oben geschah nichts, sie hatten offenbar den Kopf verloren.„Ferdi- nand, Ferdinand!" gellte eine Mädchcnstimme wild.„Nu kommen sie!" Im selben Augenblick flog die Tür auf. mit einem Sprung stand Ferdinand auf der Plattform. Er schleuderte einen Stuhl zu den Verfolgern hinunter und rüttelte rasend an dem Taugeländer, uni sie von der Treppe herunter zu stoßen. Tann faßte er nach der Dachrinne und schwang sich hinauf.„Adieu, Mutter!" rief er von da oben her: sein Sprung schallte in die Finsternis hinaus.„Adieu, Mutter, und fröhliches Weihnachtsfest!" Hohl, wie das Brüllen eines kranken Tieres stieg der Ruf weit hinaus in die Nacht und man hörte die strauchelnde Jagd der Schutzleute über die Dächer. Und dann wurde alles still. Sic kehrten unverrichtcter Sache zurück.„Na, den haben sie ja nicht gekriegt," rief Olsen überlegen von seinem Fenster hinaus. „Nein, glaubt Ihr, daß wir uns um seinetwillen den Hals brechen wollen?" erwiderten die Schutzleute und krab- bellen hinunter.„Spendiert keiner ein Glas Weihnachts- bier?" Als keine Antwort erfolgte, gingen sie. Die alte Fransen ging in ihre Stube hinein und schloß ab: sie war müde und sorgenvoll und wollte zu Bett gehen. Aber nach einer Weile kam sie iiber den langen Gang gelatscht. „Pelle," flüsterte sie,„er liegt in meiner Stube! Während sie auf den Dächern herumkrabbelten, bat er sich ganz leise über den Boden heruntcrgeschlichcn und sich in mein Bett gelegt. Großer Gott, seit vier Monaten hat er in keinem Bett ge- legen, er schnarcht schon!" Und dann schlich sie wieder hinaus. Ja, das war eine böse Unterbrechung! Niemand hatte Lust von neuem wieder anzufangen außer Karl, und den rechnete Marie nicht mit, denn der war immer hungrig. So deckte sie denn ab und plauderte, während sie aus und ein ging: sie mochte es nicht, baß Pelle ernsthaft war. „Aber das Geheimnis," rief sie plötzlich ganz überrascht aus. Die Jungen liefen zu ihr hinein: dann kamen sie wieder, dicht nebeneinander und Marie hinter ihnen mit etwas unter der Schürze. Die beiden Jungen warfen sich über Pelle und hielten ihm die Augen zu, während Marie ihm etwas in den Mund steckte.„Rat mal," riefen sie,„rat mal!" Es war eine Porzellanpfeife mit grünem, seidenem Quast. Ans dem Pfeifcnkopf war ein Zchnkroncnschcin abgebildet, Ellens Weih- nachtsgeschenk für ihn. Die Kinder hatten eine Tüte Tabak hinzugefügt.„Nun kannst Tu ordentlich rauchen." sagte Marie und klenimte seinen Mund um die Pfcifcnspitze zu- sammen. Du bist ja schon im voraus so klug." Die Kinder hatten Gäste zum Weihnachtsbaum einge- laden: Die Nähterin, den alten Nachtwächter unten vom Hof. die Fabrikarbeiterin mit ihrem kleinen Jungen, alle, die zu Hause saßen und das Weihnachtsfest allein feierten. Sie wußten selbst nicht, wie Meie! Hanne und ihre Mutter waren auch eingeladen, waren aber früh zu Bert gegangen. Sie waren nicht zu Geselligkeit aufgelegt. Nun kamen sie einer nach dem anderen angezogen mit munteren Gesichtern. Marie löschte die Lampe aus und ging hinein,«M den Weihnachtsbaum anzuzündex» Cle saßen schweigend und erwartungsvoll da. Der Schein aus dem Ofen flackerte lnunenvott im Zimmer hin und her, beleuchtete ein Gesicht mit gesenkten Augenlidern und ge- spannten Zügen und sprang mit einem kleinen Knall davon. Der kleine Junge der Fabrikarbeiterin war der einzige, der schwatzte: er hatte Zuflucht auf Pelles Knie gesucht und fühlte sich ganz wohlig in der Dunkelheit: die Kinderstimme klang so wunderbar licht in dieser Beleuchtung.„Paul mutz ganz hübsch still sein," wiederholte die Mutter ermahnend. Darf Paul gar nicht pechcn?" fragte der Junge und fühlte nach Pelles Gesicht. „Ja, heut abend darf Paul alles, was er will," ant- wartete Pelle. Daun plauderte der Junge weiter und stietz mit den kleinen Beinen nach der Dunkelheit. „Jetzt dürft Ihr kommen!" rief Marie und machte die Tür nach dem Gang auf. Drinnen im Zimmer der Kinder war ausgeräumt. Der Tannenbaum stand in der Mitte an der Erde und strahlte. Nein, wie prächtig er war und wie groß! Nun konnte man die Augen ordentlich aufsperren. Die Lichter blitzten darin und in den Fensterscheiben, in dem alten Mahagonispiegel und in dem Glas der Schillingsbilder, so daß man plötzlich zwischen Myriaden von Sternen sich be- wegte und alles Elend vergaß. Es war, als wäre man fort- gerückt von allen Sorgen und Kümmernissen, geradeswegs hinein in die Herrlichkeit: und auf einmal ertönte eine feine, klare Stimme, zitternd vor Verlegenheit saug sie: „Willkommen aufs neu, ihr Engelein klein, Vom hohen Himmelssaal, Mit schönen Kleidern aus Sonnenschein, Im Erdenschattental!" Es klang wie ein Gruß aus den Wolken. Sie schlössen die Augen und wanderten Hand in Hand um den Baum herum. Dann sckiwieg die Nähterin errötend.„Ihr singt ja gar nicht mit!" rief sie aus. „Jetzt wollen wir ein Weihnachtslied singen, das wir alle kennen," sagte Pelle. „Hoch herab von dem grünen Baum" schlug Karl vor. Ja, dann sang man das. Es paßte ausgezeichnet hierher, selbst der Name Peter paßte! Und es war amüsant mit all den Geschenken, die in dem Lied aufmarschiert kamen: jeder einzelne war bedacht! Das mit dem Geldbeutel am Ende war nur allzu wahr. Man konnte noch viel mehr über dies Lied sagen. Aber plötzlich setzten die Knaben den Ringeltanz in Bewegung, sie trampelten wie ein paar Soldaten, und das Ganze wirbelte dann in wilder Fahrt, ein wahrer Herentanz. „Hci, dicke dumm, Mein Mann siel um? Es war am Weihnachtsabend, Ich nahm einen Stock, Klopft ihm den Rock! Es war am Weihnachtsabend." Wie heiß all das Licht machte und wie es zu Kopf stieg! Tie Tür nach dem Gang mußte geöffnet werden. tFortsetzung folgt.) (NaSdruck verboten.) (�Kaäscbi-I�urar. Ls Von Leo T o l st o i. . Er fragte Eldar, der ihn aufsuchte, wo die Munden untergebracht seien, wo sich die Pferde befänden, und ob man ihnen die Waffen abgenommen habe. Eldar antwortete, die Pferde ständen im fürstlichen Marstall, und die Leute befänden sich in einem Schrippen; die Waffen habe man ihnen belassen, und für ihre Bewirtung mit Speise und Trank habe der Dolmetscher Sorge getragen. Chadschi-Murat schüttelte, während er seine Vorbereitungen zum Gebet traf, verwundert den Kopf. Nachdem er gebetet hatte. ließ er sich einen silbernen Dolch bringen, kleidete sich an, umgürtete sich und hockte in Erwartung der Dinge, die da kommen würden. auf dem niedrigen Diwan, der sich in dem Zimmer befind, nieder. Es war in der fünften Stunde, als er zur Tafel beim Fürsten gerufen wurde. Beim Mittagessen nahm Chadschi-Murat nur etwas von einer Reisspeise, und zwar genau an derselben Stelle, an der auch die Fürstin sich bedient hatte. „Er fürchtet, daß wir ihn vergiften könnten," sagte die Fürstin zu ihrem Gatten.„Er hat von derselben Stelle genommen wie ich." Nach Tisch lieh sie Chadschi-Murat durch den Dolmetscher agen, wann er wieder beten würde. Chadschi-Murat hob fünf inger in die Höhe und zeigte nach der Sonne. „Es ist bald so weit," sagte Woronzow, zog seine kunstvoll gearbeitete Breguetsche Taschenuhr hervor und drückte an einer Feder. Das Uhrwerk schlug drei Viertel auf fünf. Chadschi-Murat hörte mit Staunen die feinen, klingenden Töne— er bat, die Uhr genauer betrachten und das Schlagwerk noch einmal vernehmen zu dürfen. „Das scheint mir ein passendes Gegengeschenk für ihn, gib ihm die Uhr," sagte die Fürstin auf französisch zu ihrem Gatten. Woronzow bot die Uhr sogleich Chadschi-Murat an. Dieser kreuzte die Arme über seiner Brust und nahm die Uhr entgegen. Er setzte das Schlagwerk noch einige Male in Bewegung, lauschte aus den Klang der Uhr und nickte beifällig mit dem Kopfe. Nach dem Mittagessen wurde dem Fürsten der Adjutant des Generals Meller-Sakomelskij gemeldet. Der Adjutant hatte dem Fürsten auszurichten, daß der General, der inzwischen von der Ankunft Chadschi-Murats gehört hatte, höchst ungehalten darüber sei, daß ihm davon keine Meldung gemacht geworden. Er verlange nun, daß Chadschi-Murat ihm sogleich übergeben würde. Woronzow entgegnete, der Befehl des Generals werde erfüllt werden; er ließ Chadschi-Murat durch den Dolmetscher den Wunsch des Generals übermitteln und bat ihn, mit ihm zusammen zu Meller zu gehen. Als die Fürstin hörte, weshalb der Adjutant gekommen sei, begriff sie sogleich, daß zwischen ihrem Gatten und dem Generat leicht Mihhelligkeiten entstehen könnten, und so beschloh sie, trotz aller Einwendungen des Fürsten, mit ihm und Chadschi-Murat zusammen zum General zu gehen. „Es ist besser, Du bleibst hier— die Sache geht mich ganz allein an," meinte Woronzow. „Du kannst mich nicht hindern, der Frau Generalin einen Besuch abzustatten," gab sie zur Antwort. „Dazu ist jede andere Zeit ebensogut geeignet." „Und ich will gerade jetzt hingehen.", Er muhte sie gewähren lassen, und so begaben sie sich zu dreien nach der Wohnung des Generals. Als sie dort ankamen, geleitete Meller die Fürstin halb mürrisch, halb ehrerbietig nach dem Zimmer seiner Frau, während er Chadschi-Murat durch den Adjutanten nach dem Empfangszimmer führen lieh, das er bis auf weiteres nicht verlassen sollte. „Ich bitte," sagte er, nachdem er die Damen zusammengebracht, zu Woronzow und öffnete die Tür seines Kabinetts, in das er mit dem Fürsten eintrat. Ohne den Fürsten zum Sitzen einzuladen, trat er mit finsterer Miene vor ihn hin und begann: „Ich führe hier das Kommanda und habe daher alle Unier- Handlungen mit dem Feinde zu führen. Warum haben Sie mir die Ankunft Chadschi-Murats nicht gemeldet?" „Chadschi-Murat sandte einen Boten zu mir, mit der An- kündigung, dah er sich mir persönlich ergeben wolle," antwortete Woronzow, ganz bleich vor Erregung. Er war auf einen heftigen Ausfall des ergrimmten Generals gefaht, dessen zornige Erregung in ihm das gleiche Gefühl wachrief. „Ich frage, warum Sie mir keine Meldung erstattet haben?" „Ich hatte, die Absicht, es zu tun, Baron, indes..." „Ich bin für Sie nicht der Baron, sondern die Exzellenz," platzte der General heraus, und sein ganzer, lange zurückgehaltener Aerger kam alsbald zum Durchbruch. Alle Unzufriedenheit, die sich in seiner Seele angesammelt hatte, drang mit.Gewalt an die Oberfläche.„Habe ich meinem Kaiser," fuhr er fort,„vielleicht darum siebenundzwanzig Jahre lang treu gedient, dah mir nun. junge Leute von gestern, die sich auf ihre verwandtschaftlichen Be- Ziehungen etwas zugute tun, in meine Dienstangelegenheiten hinein- pfuschen?" „Exzellenz, ich bitte Sie, solche ungerechten Anschuldigungen zu unterlassen," unterbrach ihn Woronzow. „Es ist nur die Wahrheit, was ich sage, und ich lasse mir das nicht länger gefallen," versetzte der General, der immer er» regier wurde. In diescul Augenblick rauschte Maria Wassiljewna ins Zimmer. und hinter ihr her kam eine ältliche Dame von kleinem Wüchse und bescheidenem Aussehen herein— es war die Gattin Meller- Sakomelskijs. „Nun, lassen Sie schon gut sein, Baron— Simon hat nicht einen Augenblick daran gedacht, Ihnen irgendwelche Unannehm- lichkeiten zu bereiten," sagte Maria Wassiljewna. „Das habe ich auch nicht behauptet, Fürstin..." „Seien wir friedlich, General! Sie wissen: besser ein magerer Friede als ein fetter Streit. Das ist wenigstens meine Meinung," versetzte sie lächelnd. Der ergrimmte Krieger vermochte dem bezaubernden Lächeln der schönen Frau nicht zu widerstehen. Unter seinem mächtigen Schnurrbart zuckte gleichfalls ein Lächeln. „Ich gebe zu, dah ich nicht richtig gehandelt habe," sagte Woronzow,„indes..." „Na, und ich habe mich hinreihen lassen," versetzte Meller und reichte dem Fürsten die Hand. Der Friede war wieder hergestellt, und es ward beschlossen. dah Chadschi-Murat einige Zeit unter Mcllers Obhut bleiben und dann dem Befehlshaber des linken Flügels, General Koslowskij. übergeben werden sollte. Chadschi-Murat hatte, während die beiden Offiziere miteinander stritten, im anstohenden Empfangszimmer gesessen, und wenn er auch nicht verstand, was gesprochen wurde. jo begriff er doch so viel, dah der Streit sich um feine Persog drchte, daß sein Abfall von Schamyl für die Russen von großer Bedeutung war, und daß er, wenn sie ihn nicht verschickten oder töteten, für seinen Uebertritt einen hohen Preis fordern könne. Er hatte auch begriffen, daß Meller-Sakomelskij, abschon er den höheren Rang bekleidete, doch nicht den gleichen Einfluß wie der ihm untergebene Woronzow besaß, daß er sich daher an Woronzow und nicht an Meller-Sakomelskij zu halten habe. Als nun Meiler- Sakomelskij Chadschi-Murat vor sich beschied und ihn über seine Absichten und Pläne befragte, nahm Chadschi-Murat eine feierlich- stolze Haltung an und sagte, er sei aus den Bergen niedergestiegen, um dem weißen Zaren zu dienen, und werde alles Weitere mit dem„Sardar", dem Oberftkommandierenden, Fürsten Woronzow in Tiflis, verabreden. (Fortsetzung folgt.) (Barles Diekens. ii. In dem Jahre der Pickwickicr— 1837— wurde auf den eng- lischen Büchermarkt ein Werk geworfen, das die Französische Revo- lution in leidenschaftlichem Glühen schilderte. Es gab die Ereig- nisse der riesigen Bewegung ungeschminkt und unverzerrt. Jako- binische Neigungen lagen dem Verfasser fern, er wollte nicht zur revolutionären Inbrunst aufstacheln. Aber das Werk sollte politisch erziehen: es sollte warnen vor den Ausbrüchen sozialer Ver- zweiflung, sollte raten, die Ursachen solcher Ausbrüche zu beseitigen, ehe es zu spät war. Und das England der dreißiger Jahre war voll von solchem Zündstoff hungernder Verzweiflung. Geschrieben war das Buch von einem, der schon die schweren politischen und sozialen Zuckungen Englands nach den napoleonischen Kriegen und dann mit starken Hoffnungen den Reformkampf nach der Juli- revolution miterlebt hatte. Enttäuscht und gedrückt war das Er- gebnis von 1832 über ihn gekommen und die Erfahrungen der Gegenwart hatten nun an seiner Arbeit über die Französische Revo- lution mitgeschaffen. Thomas C a r l y l e, der Sohn eines schotti- sehen Maurers, hatte das Werk geschrieben, und wenn Dickens den Gedanken des Verfassers schon aus dem eigenen Erfahren der radi- kalen Bewegung von 1830 bis 1832 nahe war, wenn er sich mit ihm traf in gemeinsamem Hasse gegen all die verrotteten Einrich- tungen des Staates, so sollte sich nun geradezu eine Art Waffen- brüderschaft zwischen ihm und Carlhle, dem wissenschaftlich ge- schulten Kopfe, entwickeln. Das Buch über die Französische Revo- lution wurde ein Hausbuch Dickens'. Nach Jahren schrieb er ein- mal an einen Freund, er habe das„wundervolle Werk" schon fünf- hundertmal gelesen. Das war während seiner Arbeit an dem Roman Die Geschichte zweier Städte(1859), worin Einzelschicksale so eng mit den Ereignissen der gewaltigen Pariser Jahre verbunden sind, daß der Leser in ihre Wirbel mitten hinein- gerät. Das wichtigste an diesem Roman ist aber die Art, wie Dickens aus den unendlichen Drangsalen von Knechtschaft und Hunger die harte Unerbittlichkeit aufgehen läßt, die ohne Erbarmen vergilt, was das Volk lange machtlos hinnehmen mußte. Carlyles warnende Stimme ist in diesem Buche. Erst recht eine epische Dich- tung von der Verzweiflung der hungernden Massen ist der Roman Barnaby Rudge(1841), in dem der unheimliche Aufruhr von 1780 geschildert ist, der London tagelang mit Feuersbrünstcn, Er- stürmung von Gefängnissen, Plünderungen erschütterte. Auch dieses Werk sollte der Oefscntlichkeit zeigen, welche Schrecken kommen müßten, wenn dem Elend der Massen nicht beizeiten abgeholfen würde. Eine große und grausige symbolische Verkörperung ver- geltender Hungerwut ist Dickens in diesem Romane gelungen: Weithin sichtbar und immer dort auftauchend, wo der Aufruhr das Wildeste wagt, reitet der Anführer Hugh, mit der Axt in der Rechten, ans einem großen starken Braucrpferde, das mit abge- feilten Ketten aus dem erstürmten Gefängnisse von Newgate bc- hangen ist, die bei jedem Schritte ksirren und rasseln. Carlyle, der 1839 in die Bewegung des Tages eingriff mit der kritischen Schrift„Chartismus", war eine Natur, in der vorwärts- weisende Tatkraft und hemmendes Zaudern eng nebeneinander wohnten. Er war skeptisch nach zwei Seiten, nach oben und nach unten. Er zeigte den Herrschenden und ihrer Regierung, was ihre soziale Pflicht war, und war ein Gegner eigenen politischen Han- delns der Arbeitcrmasse, die eben anfing, sich als Klasse zu organi- sieren. Das Parlament war ihm seit der Reformbill zuwider, und nun kam� es in der Chartistenbewegung 1842 und 1843 zu Zu- sammenstößen zwischen dem antikornzöllnerischen Bürgertum und dem Proletariat, das sich von den politischen Forderungen der Volks- charte nicht auf Nebengeleise ablocken lassen wollte. Aufständische Erhebungen der Arbeiterschaft geschahen damals, und Carlyles Hoffnungen auf den guten Willen und die Macht der Regierung, die drängenden sozialen Fragen zu lösen, sanken tief herab. Das blieb auch auf Dickens nicht ohne Wirkung, aber er war doch immer die gläubigere Natur. In jenen kritischen Jahren, die für die rein proletarische Weiterentwicklung der chartiftischcn Sache wichtig waren, schrieb Dickens zwei kleinere Weihnachtserzähungen, die bis heute ihren dichterischen Ruf bewahren konnten und damals ins- besondere noch politische Aktualität besaßen. Die„S i l v e st e r- glocken" entstanden 1842 in Italien. Diese Erzählung war eben daS Ergebnis jener mißtrauischen Abkehr von dem Glauben an die Willigkeit der herrschenden Klassen, ihre soziale Pflicht zu tun. Nun sollte die Erzählung dem Bedrückten verkünden, daß er das Glück, das er suche, bei sich selber holen müsse. In vollen Güssen schleuverie ver Dichter seinen Hohn wider die heuchlerische. sinnverdrehte bürgerliche Wohltätigkeit. Als die Erzählung fertig war, ließ ihm der Wunsch, vor allem Carlyles Urteil zu hören. keine Ruhe: im Winter jagte er im Schlitten über Mailand und den Simplon durch Süddeutschland und Frankreich nach London und las das Werk im Freundeskreise vor; beglückt konnte er einige Tage später wieder nach Italien zurückkehren. Und wieder malte er in den„Silvesterglocken" die drohende soziale Zukunft in feu- riger Lohe.„Es wird, sagt der obdach- und arbeitslose Will Fern. heut« nacht ein Feuer sein. Es werden viele Feuer sein in diesem Winter, um die dunklen Mächte zu erleuchten im Osten und Westen, Süden und Norden. Wenn ihr den Himmel rot erstrahle» seht, dann werden sie beim Brennen sein; denkt dann nicht mehr an mich; oder wenn ihr es tut, erinnert euch, welch eine Hölle in meiner Brust angezündet war. und denkt, daß ihr diese Flamme» in den Wolken Widerscheinen seht." Faßt man all dos unermüdliche Bemühen Dickens', den Eni« erbten gegen die sozialen Hilfsmittel der Herrschenden— Arbeitshäuser und Gefängnisse— beizuspringen, zum Bilde zusammen, so zeigt sich freilich, daß er so wenig wie Carlyle und wie die sozial gerichtete Schicht bürgerlicher Politiker überhaupt zu irgend- welcher Klarheit über Richtung und Möglichkeiten der sozialen Entwicklung des Proletariats kam. Was der Klärung den Weg verrammelt, ist vor allem der vormärzliche bürgerliche Unglaube. daß die Arbeiterschaft selber fähig ist, sich zu führen. Carlyle rief den„captain of industry" zu den rettenden sozialen Taten auf, der auch für Dickens als der„Mann von Eisen" der Former der Zukunft zu sein bestimmt war. Was sollte werden, wo nun die Führerschaft von oben her ausblieb? Carlhle verlor sich hilflos ins Blaue mit der Mahnung vagen Hoffens:..Arbeiten, und nicht verzweifeln!" Und mit Carlyles Meinung harmoniert Dickens, wenn er in der Erzählung„W e i h n a ch t s l i e d", die 1844 ent- stand und von Thackeray als„nationale Wohltat" gepriesen wurde. zwei seltsame, elende, verwahrloste Geschöpfe vor dem in Geldgier hart gewordenen, gegen alle Freude feindlichen Kaufmann Scrooge erficheinen läßt. Der Geist, der Scrooge ins Gewissen redet und an dessen Gewand die beiden Wesen sich klammern, sagt:„Es sind des Menschen Kinder. Der Knabe ist Unwissenheit, das Mädchen Mangel. Hüte dich am meisten vor diesem Knaben, denn auf seiner Stirn sehe ich das Schicksal der Menschheit geschrieben, wenn diese Schrift bis dahin nicht ausgelöscht wird." So verkehrte sich dem bürgerlichen Ideologen die kausale Ordnung der sozialen Erschci- nungen. Er fand den Ausweg nicht aus dem Labyrinth der sozialen Wirrnis. Aus dem aber sollte sich nun gerade jene Zeit der vier- ziger und fünfziger Jahre herausarbeiten. Ins Grenzland dieser Klärungsarbeit führt der bedeutsame Roman„Harte Zeiten", den Dickens 1855 veröffentlichte. Er ist der treueste Spiegel der sozialen Gedanken Carlyles und war auch ihm gewidmet. Der Arbeiter Stephan Blackpool ist Dickens und Carlyle zugleich. Um ihn her organisiert sich die Arbeiterschaft als Klasse. Das Prinzip der proletarischen Kampforganisation ist bereits ihr oberstes Lebens- gesetz geworden: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Aber Blackpool bleibt für sich und wird abgestoßen, wie viel Achtung auch seine menschliche Vortrcfflichkeit einflößen mag. Die Zeiten sind unerbittlich hart. Blackpool sieht die soziale Wirklichkeit schleierlos deutlich, aber er weiß keinen Auswegs Er geht zu- gründe, indem er in einen totliegendcn Kohlcnschacht stürzt. Drunten liegt er mit dem Gedanken an die Unzähligen, die dort arbeitend gemordet wurden, und sein letzter Trost ist"ein Stern, der aus unendlichen Fernen als Botschaft einer entschädigenden besseren Welt in den Schacht herniederstrahlt. Sein soziales Denken war im Leben und kommt auch im Sterben nicht hinaus über das auf totes Gleis festgefahrene Wort:„Alles ist Konfusion." Von diesem bedeutsamen Roman, den Taine eine kurze Zu- sammenfassung aller in den übrigen Schriften Dickens niedergelegten Grundsätze und Ansichten nennt, ist gesagt worden, er gehöre zu Dickens unpopulärsten Werke». Er stand eben damit zwischen zwei Lagern. Auf der einen Seite hielt er eine vernichtende Abrechnung mit den nationalökonomischen Heucheleien und Verranntheiten und den sozialen Vorurteilen der profitgierigen Bourgeoisie, mit den manchcsterlichen Tatsachcn-Mcnschen, die die Arbeiter be- handeln,„als wären sie Ziffern in einem Rcchcnexempel oder Maschinen ohne Neigungen und Leidenschaften, ohne Erinnerungen und ohne Seelen, die hofften". Abrechnung auch hielt er mit jenen blasierten, schmarotzenden, junkerlichen Nichtstuern, deren einen er von sich sagen läßt: er sei„ein geldgieriges Stück Menschenfleisch, bereit, sich zu jeder Zeit für jede anständige Summe zu verkaufen". Von diesen junkerlichen und jenen bürgerlichen Typen aus verhöhnt Dickens auch den Parlamentarismus,� auch in diesem Punkte Carlyles überzeugter Genosse. Und auf der anderen Seite brach in den Harten Zeiten auch seine Abneiguiig gegen das ungefüge revolutionäre Schlagwort durch, das die Massen packt. In dieser Abneigung war er sich seit den Tagen der Londoner Skizzen gleichgeblieben. Der jakobinisch gestimmte Gaststubenredncr Rogers, den er damals zeichnete als TyPuS eines zahlreichen Geschlechts, das nicht wenig Unheil anrichte, hat sich in den seitdem verstrichenen zwanzig Jahren zu Slackbridge, dem . Sprecher der. organisierten Weber von Coketown, entwickelt, der Dickens ebensowenig wie einst Nagers sympathisch ist. Dickens mischt sich da mit persönlichem Wort in den Gang der Erzählung ein; er wundert sich, daß die Arbeiter ihrem Sprecher erregt folgen. Der Glaube ist in seinen Augen falsch, dag jeder seine einzige Hoffnung nun darin sieht, sich mit seinen 5tameraden zu verbinden. Aber er sieht, dag der Glaube„tief und wahrhaft «rnst" ist.„Auch konnte kein Zuschauer verfehlen zu wissen, dag diese Leute selbst noch in ihren Irrtümern große Eigenschaften zeigten/' Die ideellen Gründe, die den Dichter veranlaßten, die Aus- einandersetzung des Webers Blackpool mit den organisations- willigen Kameraden in breiter Ausführung in den Roman zu fügen, sind in jeder Beziehung für die Kenntnis Dickens wichtig. Gr sah in der Forderung des Anschlusses an die Organisation das Verlangen, daß„das Gefühl des einzelnen sich der allgemeinen Sache unterordne". Daß er sich gegen dies Verlangen der Kampf- disziplin wehrte, wird verständlich, wenn man bedenkt, wie un- erbittlich er zeitlebens gegen die seelische Verderbnis, gegen die geistige Verstümmelung und Vcrkrüppelung gekämpft hat, die, feit die Walze des rasend wachsenden neuen Kapitalismus über Gngland hinrollte, zum Kulturmcrkmal des Jnselrciches geworden war. Immer wieder schilderte er— gerade auch in den Harten Zeiten— die Ertötung des Phantasielebens unter der Herrschaft eines Erziehungssystcms, das einzig die Entwickclung des Ver- ftandes gelten ließ. Als Leiter und Redner zahlreicher Sitzungen und Kongresse von Arbeitcrbildungsvereinen trat er gegen das arge Uebel auf, und so witterte sein Mißtrauen nun auch in den neuen Organisationen eine neue Gefahr. Die Zusammenhänge von individueller Entwickclung und ihren erzieherischen Möglichkeiten mit den Machtverhältnissen des Klasscnstaatcs hat er nie kennen gelernt. Der sozialistischen Gedankcnbcwegung stand er fern, und als die neuen pädagogischen Anschauungen ihren Weg machten, zählte er nicht mehr zu den Lebenden. Aufgerieben durch eine ungeheuerliche Vortragstätigkeit und bloß 58 Jahre alt, starb er am 9. Juni 1870. In der Westminsterabtei ward er begraben. All die schreckliche Verwüstung der seelischen und auch körper- lichen Lebens, die er gesehen, der bethlehemitische Kindcrmord, den die kapitalistische Industrie vor seinen Augen vollbrachte, steht ober auch in engstem Zusammenhange mit der Liebe, die sein Dichten den Kindern bewiesen hat. Sie waren ihm die Keime kommender Kultur. Auch hier spornte ihn sein großer Glaube: die Reform der Gesellschaft müsse in der Besserung der Individuen vorgebaut und fundamcntiert werden. Kinder bargen in seinen Augen noch unverbildet die Möglichkeiten einer harmonischen AuS- bildung von Denken und Fühlen. Er gab ihnen Eigenschaften, die sie zu Vorbildern und Lehrmeistern der Erwachsenen machten. Ucber ihre Jahre hinaus haben sie klugen Verstand, eine Willensstärke, die selbst bei Erwachsenen selten ist, ein Pflichtgefühl, das Dickens wieder und wieder von den Großen forderte. Sie sind idealisiert durchaus, sind meist ein krasser Widerspruch gegen das Milieu ihrer Herkunft, aber auf ein ethisches Ziel lief alles Dichten Dickens' hinaus. Hier eben waltet mit herrlicher Kraft sein optimistischer Humor, der in allen Wesen, selbst im härtesten Heuchler und furchtbarsten Mörder den Kern menschlicher Vor- trefflichkeit freizuschälen weiß. Es ist das Wesen seiner Romane, daß sie mit unverfälschter Spiegelung der Wirklichkeit einsetzen und dann, wenn sie gezeigt haben, wie die Dinge und Menschen sind, eine Wendung in Hand- lung und Charakteristik geschehen lassen, die nun zeigt, wie die Menschen sein sollten, wenn die Welt werden soll, wie der soziale Ethiker sie träumt. � Fr. D. Wir möchten unsere Leser auf die neue Ausgabe von Dickens' Romanen hinweisen, die, von Richard Zoozmann vortrefflich her- gerichtet, im Verlage von Hesse u. Becker in Leipzig erscheint. Die bis jetzt herausgekommenen sechzehn Bände— jeder kostet gebunden und einzeln käuflich SM.— bringen alle wichtigeren Romane und jeder ist mit einer in kurzen Zügen brauchbar unter- richtenden Einführung versehen. Eine andere neu übersetzte Dickens-Ausgabe erscheint bei A. Langen in München. Huö Dickens' Schriften. Obdachlos. Obdachlos und ollein auf offenem Felde zu fein, wenn man den Wind heulen hört und durch die ganze, lange, beschwerliche Nacht dem Tag entgegenbarrt: den Regen niederklatschen zu hören und unter eine alte Scheuer oder in eine» Heuschober oder in die Höhlung eines Banmes zu kriechen, um auf der vom Wind geschützten Seile ein wenig Wärine zu finden: da? sind Dinge schauerlicher Art— aber doch nicht so schauerlich, wie eS daS Auf- und Niederwandern an Siätten ist, Ivo Obdach winkt und Betten mit Schläfern zu raufenden stehen, da? Wandern eines heimatlosen, verstoßenen Wesens l Von einer Stunde zur andern Stunde über die hallenden Steine zu schreiten, dieweil man die trägen Schläge der Glocken zählt— die Lichter zu beobachten, die in den Schlafstubcnfenslern blinken— zu denke», wieviel glückseliges Vergessensein ein jegliches Haus in sich einschließt: daß hier Kinder sind, die in ihren Bettchen gelauert liegen, daß hier Jugend, hier Alter, hier Armut, hier Reichtum, eins dem andern gleich in seinem Schlafe, ein« wie da? andere sich gleicherweise der Ruhe erfreut— nichts gemeinsam zu haben mit der schlummernden Welt um einen her, nicht einmal den Schlaf, diese himmlische Gabe, an der doch jegliches Geschöpf auf Erden seinen Teil hat; und mit nichts, nichts Verwandtschaft zu haben, als mit Verzweiflung— sich durch den elenden, jämmer« lichon Gegensatz zu allem und jedem um sich her und bei jeglichem Anlasse weit schrecklicher einsam und weit schrecklicher verlassen und verstoßen zu fühlen, als in einer pfadlosen Oedenei:— das ist eine Art von Leid und Weh und Qual, worüber sich gar manches Mal die Flüsse großer Slädle schließen, und die einzig und allein die Einsamkeit unter Massen zu erwecken vermag. Aus: Barnaby Rudge. « Die Stadt der Maschinen und Essen. Es war eine Stadt von roten Ziegeln oder von Ziegeln, die rot gewesen wären, wenn es Rauch und Ruß erlaubt hätten; aber unter bewandten Umständen war es eine Stadt, natürlich rot und schwarz gefärbt wie das gemalte Gesicht eines Wilden; es war eine Stadt der Maschinen und der hohen Essen, aus denen sich endlose Rauchschlangen beständig emporwanden und nie müde wurden. ES besaß einen schwarzen Kanal und einen Fluß, dessen Fluten rot, von übelriechender Farbe waren, und lange, vielstöckige Gebäude voller Fenster, wo es den ganzen Tag rasielte und zitterte und wo der Kolben der Dampsmaschine eintönig auf- und niederging, wie der Kopf eines von trübem Wahnsinn befallenen Elefanten. Es enthielt mehrere große Straßen, die sich alle sehr ähnlich sahen, und viele kleine Straßen, die sich noch �ähnlicher sahen, bewohnt von Leuten, die sich auch ähnlich sahen, die alle zu denselben Stunden, in dem« selben Takle, auf demselben Pflaster aus dem Hause kamen oder in die Häuser gingen, um dieselbe Arbeit zu verrichten, in denen jeder Tag ebenso war wie der gestrige und morgende, und jedes Jahr ebenso wie das vorige und das nächste. Aus: Harte Zeiten. » Was eS nicht bessern wird! „Sir, ich kann nicht mit meinem wenigen Wissen und meiner ungeschickten Weise dem Herrn sagen, wie es besser gemacht werden kann— obgleich es einige Arbeiter in dieser Stadt besser als ich tun könnten—, ober ich kann Ihnen sagen, was es nicht besser machen wird. Gewalt wird es nicht besser machen. Obsiegen und Triumph wird es nicht besser machen. Sich verständigen, daß die eine Seite unnatürlichcrweise immer und ewig recht hat, und die andere Seite unnatürlicherweise immer und ewig unrecht, wird es nie und nimmer- mehr besser machen. Die Sache gehen lassen, macht es auch nicht besser. Laßt Tausende und Abertausende unbekümmert ihres Weges gehen, alle das gleiche Leben führen und alle in dieselbe Konfusion geraten, und sie werden wie eine Masse sein, und sie eine andere, und zwischen beiden eine schwarze, unüberschreitbare Kluft so lange oder so kurze Zeit als ein solches Elend dauern kann. Sich nicht mit Freundlichkeit und Geduld und gemütlicher Weise mit Leuten ab- geben, die in ihren vielen Leiden so innig zusammenhalten und sich in ihrer Not mit dem unterstützen, was sie selbst bitter ent- behren— wie es, glaube ich in aller Demut, kein Volk, das der Herr auf seinen Reisen gesehen, besser macht—, das wird es auch nicht besser machen, ehe die Sonne zu Eis wird. Und endlich sie als so viel Menickenkraft abschätzen und sie behandeln, als wären sie Ziffern in einem Rechenexempel, oder Maschinen ohne Neigungen und Leidenschaften, ohne Erinnerungen und ohne Seelen, die hoffen— wenn alles ruhig geht, sie anstrengen, als besäßen sie nicht? von der Art, und wenn alles unruhig geht, ihnen vorwerfen, daß sie im Umgang mit Ihnen keine solchen menschlichen Gefühle verraten lassen, das wird es nie besser machen, ehe Gottes Schöpfung nicht umgeschaffen wird." � Aus: Harte Zeiten. Laßt mich ungeschorenl „Wenn mich die Arbeit nicht wie ein menschliches Geschöpf erhält— wenn ich so schlecht leben muß, daß ich in und außer dem Hanse hungre—, wenn ich sehe, daß ein ganzes Leben voll Tütig- kcit so beginnt, so fortfährt und so endet, ohne eine Aussicht auf einen Wechsel zum Besseren, dann sage ich zu dem vornehmen Volke: „Haltet euch fern von mir und laßt meine Hütte ungeschoren. Meine Türen sind dunkel genug, ohne daß noch euer Schatten dazukommt. Von mir dürft ihr nicht verlangen, daß ich in dem Parke die Schau- stellung vermehren helfe, wenn's da einen Geburtstag, eine schöne Sprüchemacherei oder etwas der Art gibt. Führt eure Komödien ohne mich auf, und mögen sie euch wohlbekommen. Wir haben nichts miteinander zu schaffen, und eS ist am besten, wenn man mich gehen läßt!" AuS: Silvesterglockcn. Verantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: ltorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SmgeräcCo., Berlin