HlnterhaltMgsblatt des vorwärts Nr. 32. Donnerstag den 15. Februar. 1912 (Nachdruck verboim.l 82] pelle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von MartinAndersenNezo. Der Laut kam wieder, stärker und langgezogener, und tzlwas darin erinnerte ihn an Stengaarden und weckte das Grauen seiner Kindheit in ihm: er saß und schwitzte über der Arbeit. Plötzlich hörte er draußen jemand tastend auf dem Gang gehen und an seiner Tür pusseln: er sprang ,hin und öffnete, die Spannung lief wie ein kalter Schauer durch seinen Körper. Draußen stand Hannes Mutter und zitterte in der Morgenkälte. „Pelle," flüsterte sie ängstlich,„jetzt ist es so weit, würdest Du wohl hinlaufen und Frau Blon? aus der Marktstraße holen?— Ich kann Hanne nicht verlassen. Dann sollte ich Dir auch von ihr Glück wünschen." Der Auftrag kam ihm gerade nicht sehr gelegen, aber er tief trotzdem. Und dann faß er da und lauschte hinüber, während er so still wie möglich arbeitete, um Vater Lasse nicht zu wecken. Aber dann war es Zeit fiir die Kinder aufzu- stehen: zum letztenmal pochte er an die Wand und hörte Mariens schlaftrunkenes„Ja— a!" Die nächtliche Stille war im selben Augenblick gebrochen, die Bewohner taumelten hinaus, rannten auf nackten Füßen an die Abwasche und knallten mit den Türen. Die Prinzessin jammert, sagten sie zueinander. Sie weint, weil sie das verloren hat, was sie nie wieder kriegt. Dann steigerte sich das Jammern zu einem lauten Schrei, und plötzlich wurde es still da drüben. Die arme Hanne! Nun hatte sie einen Mund zu ver- sorgen, und wo war der Vater dazu? Sie ging einer harten Zeit entgegen! Lasse ging heute nicht auf Arbeit, obwohl die Hochzeit erst am Nachmittag stattfinden sollte. Er war von früher Morgenstunde an feierlich gestimmt und gab acht auf Pelle, daß er nichts über kreuz legte und dergleichen. Und der große Pelle lachte jedesmal. „Ja, Du lachst," sagte Lasse,„aber dies ist ein wichtiger Tag, vielleicht der wichtigste im Leben. Da soll man wohl aufpassen, daß nicht die erste beste Kleinigkeit einem das Ganze verdirbt.„Er ging umher und betrachtete alles als Vorbedeutung. Mit der Sonne war er zufrieden, sie ging aus einem Sack auf und wurde im Laufe des Tages immer heller. Es war nie gut, wenn es zu strahlend begann. Marie ging umher und betrachtete Pelle mit einem Aus- druck unterdrückten Kummers,— wie eine Mutter, die ibr Kind hinaussendet und sich Mühe gibt, froh zu scheinen, dachte er. Ja, ja, sie hatte sich nach mancherlei Richtung hin seiner wie eine Mutter angenommen, obwohl sie noch ein Kind war: sie hatte ihn in ihr Nest aufgenommen wie einen verlassenen kleinen Vogel und ihm mit Staunen an sich vorbei wachsen sehen. Er hatte ihnen heimlich geholfen, wo er konnte. Aber was bedeutete das im Verhältnis zum Rhythmus, der ihm seine Arbeit leicht machte, wenn er sah. wie die drei Ver- waisten die Sache so nahmen, wie sie war, und selbst ihr ganzes Dasein auf nichts aufbauten. Wer sollte ihnen nun über die schwierigen Stellen hinweghelfen, ohne daß sie die Hand bemerkten? Er mußte ein wachsames Auge auf sie haben. Marie hatte hektische Wangen und glänzende Augen, als er ihre rauhe.Hand in der seinen hielt und ihr für gute Nachbarschaft dankte. Es kämpfte in ihrem engen Busen. Ein Widerschein verborgener Schönheit lag über ihr. Pelle hatte das Blut gelehrt, den Weg in ihr graues Antlitz zu finden: wenn er bei irgend etwas stark in den Vordergrund trat, glühten ihre Wangen, und ein wenig von der Farbe blieb jedesmal zurück. Es war, als ob die Säfte in ihr durch seine Gesundheit mitstiegen, und nun stand sie hier und suchte die verkrüppelte Schale zu zersprengen und ihm holde Fähig- keiten entgegenzustrecken, vermochte es aber nicht. Plötzlich fiel sie ihm um den Hals.„Pelle, Pelle!" sagte sie und bohrte ihr Antlitz in seine Brust hinein. Und dann lief sie in ihre Stube. Lasse und Pelle trugen die letzten Sachen in die Woh> nung hinüber und setzten alles an Ort und Stelle: dann klei- deten sie sich in den feinsten Putz und gingen zu Stolpes hinaus. Pelle hatte zum erstenmal in seinem Leben einen! Zylinder auf und sah ganz stattlich aus.„Du gleichst einem Großbürger," sagte Lasse und konnte sich nicht satt an ihm sehen.„Aber was meinst Du, daß sie zu dem alten Lassa sagen? Es sind doch halbwegs feine Leute, und ich verstehe ja gar nicht, mich zu gebärden. Wäre es nicht am Ende besser, wenn ich umkehrte?" „Ach, red' doch nicht so, Vater." sagte Pelle. Lasse freute sich ungeheuer darauf, zur Hochzeit zit kommen, hatte aber doch allerlei Bedenken. Die letzten Jahre hatten ihn Fremden gegenüber scheu gemacht, und er kroch gern in die Ecken. Seine Feiertagskleider waren auch mii drauf gegangen, und sein heutiger Staat war zusammen- geflickt: den Rock hatte er eigens zu diesem Zweck gemietet und der weiße Kragen und die Manschetten gehörten Peter. Er fühlte sich nicht heimisch in seinen Kleidern und sah aus wie ein genierter Konfirmand. Draußen bei Stolpes stand das ganze Haus auf dem Kopf. Die Gäste, die mit zur Kirche sollten, waren schon ge- kommen: sie gingen in der Wohnstube umher und vfjffen vor sich hin, sahen auf die Straße hinaus und langweilten sich. Stolpes Schreibtisch war in ein Buffett verwandelt und die Brüder zogen Bierflaschen auf und nötigten gemütlich:„Ach, nehmen Sie doch noch ein kleines Stück Knackbrot dazu, man wird ja ganz trocken im Hals, wenn man so lange dasteht und nichts sagt." Drinnen in der guten Stube ging Stolpe auf und nieder und brummte. Er war in Hosenträgern und wartete, daß an ihn die Reihe käme, die Schlafstube zu benutzen, wo Ellen und die Mutter sich eingeschlossen hatten. Von Zeit zu Zeit wurde die Tür ein klein wenig geöffnet, und Ellens nackter. weißer Arm kam zum Vorschein und warf dem Vater ein Kleidungsstück hinein. Tann bekam Pelle Herzklopfen. Auf dem Fensterbrett stand Frau Stolpcs Myrte und war ganz geplündert. Nun kam Stolpe herein und war fertig. Pelle mußte ihm nur den Kragen zuknöpfen. Er reichte Lasse die Hand und ging dann hin und nahm den„Arbeiter". Hier sollen Sitz mal hören, was sie von Ihrem Sohn sagen," sagte er und be- gann zu lesen: „Unser junger Parteigenosse Pelle feiert heute Hoch- zeit mit der Tochter eines der ältesten und wohlverdientesten Männer der Partei, Maurer Stolpe. Der junge Mann, der schon ein gutes Stück Arbeit für die Sache getan hat, wurde gestern abend einstimmig zun: Vorsitzenden seiner Organisation vorgeschlagen. Wir geben dem jungen Paar unsere besten Wünsche niit auf den Weg!" „Das läßt sich hören, was?" Stolpe reichte den Gästen das Blatt. „Ja, weiß Gott, das ist gut," sagten sie und ließen das Blatt von Hand zu Hand gehen. Lasse bewegte die Lippen. als wenn auch er die Notiz durchlese.„Ja, verteufelt, wie sie das zusammenstellen können," sagte er entzückt. „Aber was ist denn das mit Petersen, will er abgehen?" fragte Stolpe. „Er ist ja krank," erwiderte Pelle.„Ich bin übrigens gestern abend nicht dagewesen, daher weiß ich von nichts." Stolpe sah.ihn erstaunt an. Frau Stolpe kam und zog Pelle in die Schlafstube hinein. wo Ellen als schneeweiße Offenbarung stand, mit langem Schleier und Myrtenkranz im Haar.„Eigentlich solltet Ihr beide Euch ja nicht sehen, aber ich finde, das ist unrecht," sagte sie und schob sie mit einem liebevollen Blick einander in die Arme. Frederik, der aus dem Fenster hinausgelegcn hatte, um nach dem Fuhrwerk zu sehen, kam und donnerte gegen die Tür.„Ter Wagen ist da, Kinder!" brüllte er zwecklos laut. „Ter Wagen ist da! Und so rollten sie denn von bannen, die paar Schritte bis nach Sankt Haus hinüber. Pelle ivußte kaum von dem, was mit ihn, vor sich ging, ehe sie wieder im Wagen saßen, man mußte ihn anstoßen, wenn er irgend etwas tun sollte, er sah nur©lieft. Sie war seine Sanne, alles andere ging ihn nichts an. Am Altar hatte er ihre Hand ergriffen und sie während der ganzen Handlung in der seinen behalten. Frederik war zu Haufe geblieben, um Boten und Leute, die mit Glück- wünschen kamen, anzunehmen. Als sie zurückkehrten, lag er zum Fenster hinaus und warf Frösche und Knallerbsen vor die Pferde, als Salut für das Brautpaar. Man trank ein Glas Wein, stieß mit dem jungen Paar an und besah die Hochzeitsgeschenke. Stolpe sah nach der Uhr, es war noch sehr früh.„Ihr müßt ein wenig spazieren- gehen, Vater," sagte Frau Stolpe.„In den ersten zwei Stunden können wir noch nicht essen." Da gingen die Männer nach Ventegodts Garten hinüber, um eine Partie Kegel zu schieben, während die Frauen das Essen bereiteten. Pelle wäre am liebsten bei Ellen zu Hause geblieben, aber er mußte ja mit; er und Lasse gingen nebeneinander. Lasse hatte Pelle noch gar nicht so recht Glück gewünscht: er hatte sich das aufgespart, bis sie unter vier Augen sein würden. „Nu, Glück und Segen, mein Junge," sagte er bewegt und drückte Pelles Hand.„Nun bist Du also ein Mann mit Familie und Verantwortung� Vergiß nu auch nicht, daß die Frauenzimmer wie die Kinder sind. In ernsten Sachen soll man nicht zuviel Wesens aus ihnen machen, sondern kurz und gut sagen: so soll es sein! Das paßt ihnen am besten. Fängt man erst an, allzuviel mit ihnen zu verhandeln, dann wissen sie nicht, nach welcher Seite sie wollen. Sonst sind sie ganz gut, und es ist leicht, mit ihnen auszukommen, wenn man sie bloß � gut behandelt. Mir ist es nie schwer geworden, denn eine feste Hand mögen sie gern. Mit Deinen Schwiegereltern kannst Du zufrieden sein: das sind prächtige Leute, wenn sie auch ein bißchen fachstolz sind. Und Ellen wird Dir eine gute Frau werden, wenn ich mich recht auf die Weiber verstehe. Sie paßt auf ihre Sachen auf und wird die Zteste gut zusammenzuhalten wissen. Lang an Leib ist sie wie das lange Jahr.— An Kindern wird es Euch nicht fehlen." Draußen im Wirtsgarten wurde schwedischer Punsch serviert, und Lasses Humor stieg. Er versuchte, eine Partie Kegel zu schieben, das hatte er noch nie getan, und er bekam auch Mut, Witze zu machen.„Her mit den Scherben, Vater," sagte Pelle, als abgerechnet wurde. Der Alte hatte verloren. „Ja, an Scherben ist hier kein Mangel," erwiderte Lasse munter,„ich habe seinerzeit viele Fuder Steine zu Scherben zerklopft." Und dann lachten die anderen, und Lasse richtete sich auf und kam aus seiner Schale heraus.«Prächtige Leute, die Kopenhagener," flüsterte er Pelle zu.„'ne flotte Hand zum Spendieren haben sie, und ein gescheites Wort halten sie für alles bereit." �Ehe man sich's versah, war es dunkel geworden, nun mußte man nach Hause! Daheim waren die Tische gedeckt, und die übrigen Gäste waren gekommen. Frau Stolpe war schon ganz nervös, daß sie so lange fortgeblieben waren.„Nun wollen wir mal alle'n bißchen auf den Beinen schlingern," flüsterte Stolpe draußen im Entree,„dann schilt meine Frau uns aus!" «Na, Mutter, hast Du nun warmes Essen für uns?" fragte er und taumelte in die Stube hinein. „Ach, Du. Narr, glaubst Du. daß ich Dich nicht kenne?" rief Frau Stolpe lachend aus.„Nee, meinen Mann braucht man nicht in den Wirtschaften zu suchen." tFortsetzung folgt.) (.Ilaiixai verdoltn.l CbacUcbi-JVIurat» 13] Von Leo Tolstoi. Am folgenden Tage, einem Montag, fand, wie gewöhnlich, beim Statthalter eine Abendunterhalwng statt. In dem großen, hell erleuchteten Saale erklcnigen die munteren Weisen, die ein im Wintergarten hinter einer Wanv von grünen Gewächsen ver- borgenes Orchester spielte. Junge und nicht mehr ganz junge Frauen in Kleidern, die Hals, Arme und Brust frei ließen, wir- besten mit Männern in bunten Uniformen eng umschlungen durch den Saal. Lakaien in- roten Fräcken, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen standen am Büfett, schenkten den Herren Cham- agner ein und präsentierten den Damen Konfekt. Die Gemahlin es SardarS ging, trotz ihres Alters, gleichfalls halb entblößt, zwischen den Gästen umher, lächelte ihnen verbindlich zu und ließ auch Th-ü>schi-Murat. der in derselben Gleichgültigkeit wie gestern im Theater die Gäste musterte, durch den Dolmetscher ein paar freundliche Worte sagen. Nach der Fürstin traten auch die andern halbnackten Frauen aus Ctzadschi-Murat zu, standen, ohne eine Spur von Scham zu empfinden, vor ihm und richteten lächelnd alle dieselbe Frage an ihn: wie ihm das, was er hier sehe, wohl gefalle. Auch der Statthalter selbst, der diesmal an seiner llni» form goldene Achselstücke und Epau�tten und um den Hals das weiße Kreuz an einem breiten Bande trug, kam auf ihn zu und stellte ihm die gleiche Frag«, offenbar in der Ueberzeugung. die auch alle übrigen Fragesteller teilten, daß alles das, was Chaoschi-Murat sah, ihm unbedingt gefallen mußte. Chadfchi- Mural gab Woronzow die gleiche Antwort, vie er auch den andern erteilt hatte: daß es bei ihnen zu Hause so etwas nicht gebe, wo- mit er unentschieden ließ, ob er das, was er sah, für schön oder häßlich hielt. Chadschi-Murat machte den Versuch, auf dem Balle mit Wo- ronzow über die Auswechselung der Seimgen zu reden, doch Wo- ronzow tat, als höre er darauf nicht, und ließ ihn stehen. Loris- Melikow erklärte darauf Chadschi-Murat, daß der Ballsaal nicht der geeignete Ort sei, um über die Angelegenheit zu reden. Als es zwei Uhr schlug, sah Chadschi-Murat, um die Zeiten zu vergleichen, auf die Uhr, die ihm der junge Woronzow ver- ehrt hatte, und fragte Loris-Melikow, ob er nun wohl gehen könne. Loris-Melikow meinte, es stehe dem nichts entgegen, doch sei es besser, er warte noch ein Weilchen. Gleichwohl brach Chadschi-Murat auf inU) begab sich in dem Phaethon, der ihm zur Verfügung gestellt war, nacki dem ihm zugewiesenen Quartier. XI. Am fünften Tage seines Aufenthaltes in Tiflis erhielt Chadschi-Murat den Besuch Loris-Melikows, des jungen Ndju- tanten des Statthalters. Er kam im besonderen Auftrage seines hohen Vorgesetzten. ..Kopf und Hände sind bereit, dem Sardcrr zu dienen," sagte Chadschi-Murat mit seiner gewohnten, diplomatisch vorsichtigen Miene, indem er den Kopf neigte und die Hand auf die Brust legte.„Gebiete Deinem Diener." sagte er, und sah dabei Loris- Melikow freundlich in die Augen. Loris-Melikow nahm in einem Sessel, der am Tische stand, Platz, während Chadschi-Murat sich ihm gegenüber auf einen niedrigen Diwan setzte, die Arme auf die Knie stützte, den Kopf vorneigte und mit Aufmerksamkeit anhörte, was Loris-Melikow zu ihm sprach. � Der Adjutant, der das Tartarische gut beherrschte. sagte, daß der Fürst, obschon er Chadschi-Murats Vergangenheit sehr wohl kenne, doch seine Lebensgeschichte aus seinem eigenen Munde zu hören wünsche. „Erzähle sie mir." sagte Loris-Melikow,„und ich werde sie aufzeichnen und ins Russische übersetzen, damit der Fürst fie dem Zaren übersenden kann." Chadschi-Murat schwieg ein Weilchen: er war gewohnt, nicht nur denjenigen, mit dem er sprach, ohne Unterbrechung ausreden zu lassen, sondern auch immer noch, sobald der andere geendet, ein Weilchen zu warten, ob er vielleicht noch etwas hinzuzufügen habe. Als er meinte, daß der Adjutant nichts weiter zu sagen habe, hob er mit einer raschen Bewegung den Kops empor, daß die Lammfellmütze ihm in den Nacken glitt. Um seinen Mund spielte jenes besondere, kindliche Lächeln, das auch der jungen Fürstin Woronzow so wohl gefallen hatte. „Das kann geschehen," sagte er— er fühlte sich offenbar ge- -schmeichelt bei dem Gedanken, daß der Zar selbst seine Lebens- geschichte lesen würde. „Erzähle mir alles, ohne Dich zu übereilen, ganz von Anfang an," versetzte Loris-Melikow, ihn nach tatarischer Sitte duzend, während er sein Notizbuch aus der Tasche nahm. „Das kann geschehen, wie gesagt," meinte Chadschi-Murat, „nur gibt es da sehr, sehr viel zu erzählen, weil ich sehr viel erlebt habe." „Wirst Du an einem Tage nicht fertig,- dann erzählt Du am nächsten Tage weiter," sagte Loris-Melikow. „Soll ich von Ansang an beginnen?" „Ja. ganz von Anfang an— wo Du geboren bist, wo Du von Jugend auf gelebt hast." Chadschi-Murat neigte den Kopf vor und saß so eine ganze lange Weile. Dann nahm er einen Stock, der neben dem Diwan lag, zog unter dem mit einem Elfenbeingriff versehenen, goldver- zierten Dolche ein haarscharf geschliffenes kleines Messer hervor und begann damit an dem Stocke herumzuschnitzen, während er zu gleicher Zeit seine Schicksale erzählte. „Schreib also," begann er.„Ich bin in einem kleinen Dorfe. Zelmes beißt es, geboren, mit einem Esclskopfe, wie man bei uns in den Bergen von Leuten sagt,, die ihren Kopf für sich haben. Nicht weit von unserem Dorfe, vielleicht auf zwei Schußweiten ent- fcrnt, liegt die Ortschaft Chunsach, in der die Chane lebten. Unsere Familie stand ihnen sehr nahe. Als meine Mutter meinem ältesten Bruder Osman das Leben geschenkt hatte, nährte sie den ältesten Sohn des Chans, Abununzal-Chan mit Namen. Auch den zweiten Sohn des Chans, Umma-Cban, hatte sie an der Brust, doch mein weiter Bruder Achmet starb, und als ich nun geboren wurde und ie Frau des Chz?s ihren dritten Sohn B-Jatscy-Cho-- um die gleiche Zeit zur Welt brachte, wollte meine Mutter nicht wieder den Ammendienst übernehmen. Mein Vater befahl es ihr, die Mutter aber weigerte sich, es zu tun, weil sie meinte, daß ihr eigenes Kind dabei wieder zugrunde gehen könne. Da stach mein Bater, der ein Hitzkopf war, mit dem Dolch« nach ihr»nd hätte sie getötet, wenn man ihn nicht von ihr fortgerissen hätte. So behielt sie mich denn und nährte mich allein und hat dann selbst ein Lied darauf gedichtet. Doch das brauche ich Dir nicht zu er- zählen.. „Doch, erzähle es nur. laß nichts aus," sagte Loris-Melikow. Chadschi-Murat begann nachzusinnen. Er gedachte seiner Mutter und sah fie im Geiste, wie sie ihn oben auf dem Dache der Hütte neben sich schlafen legte und mit dem Pelze zudeckte, und wie er sie bat, ihm die Stelle an ihrer Hüfte zu zeigen, an der die Narbe von jenem Dolchstich zu sehen war. Er besann sich auf das Lied und sagte es her. Es lautete: „Dein stählerner Dolch hat meine weiße Brust durchbohrt, und ich legte mein holdes Sonnenkind, meinen Sohn, an die Wunde, ich wusch ihn mit meinem warmen Blute, und die Wunde vernarbte ohne Kräuter und Wurzeln. Ich habe den Tod nicht gefürchtet, und auch xr. mein Sohn, mein tapferer Dschigit, wird ihn nicht fürchten." „Diese meine Mutter ist jcbt in Schamhls Händen und mutz ausgelöst werden," sagte Chadschi-Murat. In schweigendem Brüten saß er hierauf eine ganze Weile da. Er gedachte des mageren Hundes, der ihm, als er selbst noch klein war, das Gesicht beleckt hatte, und des besonderen Duftes von Rauch und saurer Milch, den er jedesmal verspürte,, wenn die Mutter ihm ein Stück Fladen gab. Er erinnerte sich, wie ihn die Mutter in einem Korbe auf dem Rücken über die Berge getragen hatte, zum Großvater auf die Farm. Er erinnerte sich des grau- bärtigen, runzeligen Großvaters, der mit den sehnigen Armen das Silber schmiedete und den Enkel die Gebete lehrte. „Sie nahm also nickt wieder als Amme Dienste," fuhr er dann, den Kopf zurückwerfend, fort.„Die Frau des Chans nahm eine andere Amme, blieb aber mit meiner Mutter befreundet. Und die Mutter führte uns Kinder nach dem Hause des Chans, und wir spielten mit den Kindern des ChanS, und die Frau des Chans war uns allen sehr gewogen." „Es waren drei Zunge Chane: Abununzahl-Chan, der Milch- br.cker meines Bruders Osman, Umma-Chan, mein BlutS�-uder, und Bulatsch-Chan, der jüngste, den Schamyl in den Abgrund gestürzt hat. Doch davon später." „Ich zählte fünfzehn Jahre, als die Muriden die Dörfer zu durchwandern begannen. Sie schlugen mit hölzernen Säbeln an die Steine und riefen:„Muselmänner, Chasawatl"(der heilige Krieg). Die Tschetschenzen gingen alle miteinander zu den Mu- riden über, und auch die Awaren begannen sich ihnen anzuschließe,.. Ich lebte damals am Hofe der Chane. Ich war wie ein Bruder des Chans, tat, was ich wollte, und gewann Reichtümer. Ich hatte Pferde und Waffen, und auch Geld hatte ich. Ich lebte in Saus und Braus und machte mir keine Gedanken. So lebte ich bis zu der Zeit, da Kasi-Mullah getötet ward und Hamsat an seine Stelle kam. Hamsat schickte Boten an die Chane, mit der Drohung, daß er Chunsach zerstören würde, wenn sie das Chasawat nicht an- nähmen. Da hieß es wohl überlegen. Die Chane zögerten aus Furckt vor den Russen, das Chasawat anzunehmen, und die Mutter der Chane sandte mick mit ihrem zweiten Sohne Umma-Chan nach Tislis zum Oberstkommaudierendcn, den wir um Hilfe gegen Hamsat bitten sollten. Oberstkommandierender war damals Rosen, der Baron. Er empfing weder mich noch Umma-Chan. Er ließ uns sagen, daß er uns Hilfe senden werde, hat aber in Wirklichkeit nichts getan. Nur ein paar seiner Offiziere suchten uns in Tiflis aus und spielten mit Umma-Chan Karten. Sie gaben ihm Wein zu trinken und führten ihn in die Höhlen des Lasters, und er verlor alles, was er hatte, an sie im Kartenspiel. Er war so stark wie ein Stier und so tapfer wie ein Löwe, an Geist aber so schwach wie das Wasser. Er hätte unser letztes Pferd und unseren letzten Säbel verspielt, wenn ich ihn nicht aus Tiflis weggebracht hätte. Nach diesem Besuche in Tiflis war ich anderen Sinnes gr- worden und redete der Mutter der Chane und den jungen Chanen zu, sie sollten das Chasawat annehmen." (Fortsetzung folgt.) ScKalom Hieb. Die Gastfreiheit N. N. Cbodotows") wird zweifellos einmal in der Geschichte der russischen lilcrarisch-künstlerischen Boheme vennerkt werden. Viele bekannte Schriftsteller werden ssch noch lange an die froh- kicken Abende in der Wohnung ChodotowS erinnern. Zu jeder be- liebigen Tageszeit kommen Schriftsteller, Scbauspieler, Kunstler, essen, trinken oder ruhen sich aus. All' das völlig ungezwungen, ge- mütlich und lustig. Hier lernte ich Sckalom Asch kennen. Um wieviel Uhr? Ich glaube, um fünf oder secks Uhr morgens. Asch ist ein hochgewachsener, schlanker Mann mit einem frischen, fugendlicken Gesicht, großen schwarzen Augen, einem kleinen ickwaricn Schnurrbart und roten, gesunden Backen. Auf den ersten Blick würde man in ihm nicht den Sohn de-Z finsteren ruisisch-jüdiscken Gbcltos erkennen, man würde ihn eher für einen Bankicrssohn aus Berlin halten. Aber wenn man die ernste Nachdenklichkeit seiner Augen, #) Ein Schauspieler des kaiserlichen Alexandertheaters in St. Petersburg. die hastige Beweglichkeit seines ganzen Wesens näher bcovackteh da erkennt nian allmählich die Spuren des polnisch-jüdischen Städtchens, aus dem er stammt. In der großen, geschmackvoll eingbvichteten Wohnung ChodotowS herrschte sorglose Fröhlichkeit. Einer spielte Klavier, mehrere andere sänge» dazu im Chor. Wieder ein anderer kopierte in der Ecke täusckend eine Engländerin, die Negerlieder vorträgt. Anderswo stritt man erbitten über die moderne Literatur. Schalom Asch lag aus dem Diwan, beobachtete alle mit seinen etwas zusammengekniffenen Augen und lächelte. Einer der Anweienden begann ein ganz schwieriges Kunststück zum besten zu geben: er imitierte das Heulen des Sturmes in einer Wmtcrnacht in einem abgelegenen Torf, unterbrochen von fernem Hundegebell. Die Jllnsion war vollständig. Schalom Äfch richtete sich auf, öffnete die Augen weit und wiederholte ganz begeistert auf deutsch:„Gut, gut, ausgezeichnet l" Wir gingen mit noch einigen anderen inS Nachbarzimmer. Asch kann sich nur mit großer Austrenguug auf russisch ver» ständlich machen. Da begann jemand richtigen jüdischen Jargon zu sprechen. Sogleich nahm Asch das Gespräch auf und begann lebhaft seine Muttersprache zu sprechen, wobei er beständig die charakteristischen, heftigen Gesten machte. „Ich hasse alle diese bürgerlichen Juden." sagte er:„Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Finanzmänner. Sie haben nie etwas für das jüdische Volk getan und werden auch nichts tun. Ich liebe die Juden aus dem Volke, die jüdische Masse. Sie ist gesund, einheitlich, in ihr ist nichts Mißgearteles." Einer stimmte ihm zu- und erwähnte einige Typen, die er ge- schildert habe. Die Augen Aichs flammten freudig auf. Er begann von den Eindrücken zu sprechen, die er unter den Juden der abgelegensten Orte des„AnsäisigkeitsrayonS" empfangen hatte, er erzählte uns von den jüdischen Volksliedern. Einer bat ihn. sie vorznlragen, und er begann, sich im Sessel wiegend, eine traurige Melodie zu singen. „Wie schön das ist," entrang es sich ihm. In diesem Augenblick sah ich ihn im wahren Licht: der begabte Sohn des jüdischen Proletariers., Seltsam und unsinnig erschienen mir plötzlich seine elegante Kleidung und seine amerikanischen Schuhe. In diesem Augenblick war er vollendet offen und aufrichtig. Die Einfälle der Gäste im anderen Zimmer schienen nn- erschöpflich. Ta fanden sich vorzügliche Tänzer, meisterhaste Er- zähler und die Zeit bis zum Mittag verging unmerklich. Der eine oder der andere, der Müdigkeit zu verspüren begann. drückie sich unbemerkt, um nicht die Fröhlichkeit der übrigen zu stören. Die Gardinen wurden zurückgezogen. In die Zimmer fiel der belle Schein der mittäglichen Früblingsionne. Der erloschene Samowar auf dem Tisch, die Halbgeleerren Tassen und Gläser. die Batterie von Flaschen— das alles hatte plötzlich seinen Reiz verloren. Man sehnte sich nach frischer Lust. Ein Abstecher nach der Stadr, eine Automobilfahrt wlirden vorgeschlagen. Es war Sonntag, und der gastfreie Hausherr Chodotow mußte WS Theater, um dort aufzurreten. Nach einer kurzen Berawng beschloffen wir, ihn nicht zu Verlaffen und mit ihm ins Theater zu fahren. In seinem kleinen Aiiklcidezimmer war es etwas eng, aber schließlich fanden wir doch einigermaßen Platz. Chodolow begann sogleich sich umzukleiden. Man gab„Armut schändet nicht" von Ostrowski. Aich hatte daS Stück noch nie ge- sehen und wollte eS sicv ansehen. Es war eine Schülervorstellung und infolgedessen wurden keine Billetts verkauft, so daß es uns erst nach vielen Bemühungen gelang, im Orkdestcr Platz zu finden. Asch konnte den Blick gar nicht losreißen von dem Meer von Kindcrköpfen, das den Zuschmierraum füllte. Als die Kinder anfingen zu klatschen, sprang Asch buchstäblich auf. bcgan» selbst zu klatschen und rief immer wieder:„Welche Musik, welche Musik, diese zarten Kinderhändchen l" Der erste Akt machte aus ihn wenig Eindruck, dafür aber der zweite Akt, in dem der Vater der Tochter den reichen, alten Freier zuführt, einen um so größeren. Er war ganz niedergedrückt. Ich betrachtete anfnierkiam sein Gesicht und sah. wie es zuckte. Einige Male wandle er sich von mir weg und ich bemerkte, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen. Nach dem Ende des Aktes stand er ganz gerührt auf, drückte mir kräftig die Hand mtd sagte lebhaft:„Die Welt ist noch nicht ganz verdorben." Während der Pause sprach im Ankleidezimmer ChodotowS jemand den Gedanken aus, daß dicieS Stück ebenso wie alle Werke Ostrowskis echt national und typisch russisch sei. Da geriet Asch in Aufregung. „Davon ist gar keine Rede." widersprach er, eS könnte ebenso gut ein jüdisches Stück sein. Es ist allgemein-menschlich, weil es schön ist." Das Gespräch kam dami auf Asch's eigenes Schaffen. Jemand hielt ihm vor, daß er doch ans'chtietzlich jüdisches Milieu schildere. „DaS ist nicht wahr," em»egnele Asch hitzig,„ich schildere Juden, weil sie mir nahe stehen und mir teuer find, aber ich schUdere jie als Menschen überhaupt und»icht ab» Juden. Ich sehe die Welt iMBBBMBBHBHB durch dies PriSina. Eure russischen Schriftsteller beschreiben Juden und wollen beweisen, datz das auch Menschen sind. Ich beschreibe Menschen im allgemeinen, aber es kommt immer so heraus, dag es Juden sind, und anders kann es auch gar nichr sein, denn ich bin selbst Jude und die Juden sind meines Blutes." Das literarische Gespräch kam nun in Gang. Jcniand führte die Meinung eines russischen Kritikers über Asch an. Asch ließ ihn gar nicht ausreden, sondern unterbrach ihn mit der eigenwilligen Bemerkung: „Was geht mich die russische Kritik an? Was verstehen die Leute von dem, was ich schreibe? Da, Georg Brandes hat von mir geschrieben.. Er war so kindlich-unmittelbar bei diesen Worten, so grobartig einfach, datz wir alle unwillkürlich lächeln nmbten. Asch bemerkte es, und lachte selbst laut heraus. Der dritte Akt begann schon, und wir gingen alle auf unsere Plätze. DaS Leid der Braut und der Mutter packten Asch wieder heftig. Er konnte sich nicht halten, wandte sich zu uns und sagte lächelnd: „DaS ist eine dumme Eigenschaft von mir. Ich weine wie ein Kind." Als der Vorhang gefallen war und wir noch lange wütend applaudierten und die Darsteller vorriefen, sagte Asch zu mir: „Ich muß das beschreiben, diesen Zuschauerraum voller Kinder... Man Ivird unniittelbarer, reiner..." Oskar KartofchinSky. Kleines f euilleton» Archäologisches. Steins neue Funde im Herzen Asiens. Die ge- heimnisvolle und großartige indochinesische Kultur in Turkestan, in der sich der weltbebcrrschende Einflub des hellenistischen Stils so interessant spiegelt, ist erst in jüngster Zeit näher erforscht tvorden, »vobei sich die Deutschen, besonders durch die Forschungen Grün- Wedels, einen bedeutenden Anteil gesichert haben. Neben ihnen bat der bekannte englische Archäologe W. M. Aurel Stein das Wichtigste geleistet. Vor mehr als zehn Jahren entdeckte er die im Sand be- grabenen alten Kulturstätten Chinesisch-Turkestans und enthüllte in ihnen jene eigenartigen Wechselbeziehungen zwischen der Zivilisation Griechenlands und der Indiens und Chinas. In den Ruinen Khotans fand er die deutlichen Spuren für die Einwirkung der klassischen Kunst, die zu der Blüte eines griechisch-buddhistischen Stils geführt bat. Aber Khotan war nur die Pforte zu dem Eintritt in diese rätselhafte Kultur im Herzen Asiens; auf einer zweiten großen Forschungsreise, die von 1906— 1908 währte, hat Stein, immer weiter nach Osten vordringend, seine Forschungen fortgesetzt und veröffentlicht nun seine neuen Resultate in einein um- fastenden Werk:„Ruinen der Wüste Cathah", das soeben in London erschienen ist. Die mannigfachsten Schwierigkeiten und Gefahren mußten von dem Archäologen, der zugleich Reisender in ciuein von der Kultur noch wenig berührten Lande war, überwunden werden, auf seiner Reise, die ihn von der indoafghanischen Grenze über das Pamirgcbirge in die Wüsten JnnerasienS führte. Die gcolo- gischcn und ethnologischen Beobachtungen, die er machte, bezeichnen aber nur das Nebcnwerk, das dem Hauptziel, der archäologischen Forschung, parallel lief. Stein stellte fest, daß die Städte der Wüste Cathay einst unter indischer Herrschaft gestanden haben; doch die Kunst der gewalligen Tempel war von dem griechischen Einfluß bestimmt, der sich bis an die Grenzen Chinas ausdehnte. Die wichtigsten Entdeckungen waren die Auf- findung einer großen, zweihundert englische Meilen langen Mauer, die von den Chinesen in der Wüste gegen die Hunnen errichtet worden war, und die Freilegung des großen Heilig- tums der„Tausend Buddha", mit Hunderten von Höhlen- und Felsentcmpeln. Hier wurden zahlreiche Mannskripte entdeckt, aus denen sich die Geschichte dieser Kultur wird entziffern lassen. Stein vertritt die Ansicht, daß Zentralasien ein Wunderland der Archäologie ist, an historiicher Bedeutung Aegypten vergleichbar, aus besten Trümmerstädien ein großartiges Stück bisher unbekannter Menschheitsgeschichte durch die Forschung erschlosten werden kann. Aus dem Pflanzenleben. Pflanzenleben im Frost. Die strenge Kälte der letzten Wochen hat manche Frostschäden verursacht. Aber diese Schäden treffen höchstens Saaten und andere Kulturpflanzen, denn unsere einheimische Vegetation ist gegen niedrige Tempera- turen nur empfindlich, wenn sie zu ungelegener Zeit im Frühjahr auftreten. So lang« die winterliche Ruhepause dauert, ist unseren heimatlichen Gewächsen der Stand des Thermometers ziem- lich gleichgültig. Sie kann sich nicht wie Mensch und Tier zur kalten Jahreszeit in Häusern und Schlupfloinkeln verbergen, sich nur mit ihrem Wurzelsystem in das wärmer bleibende Erdreich zurückziehen, und sie ist daher mit den oberirdisch ausdauernden Teilen durch die Jahrtausend« hindurch einem Anpassungsprozetz Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u.Verlag: an niedrige Temperaturen unterworfen worden, der alles Frost» empfindliche ausschalten mußte. Mensch und Tier bekleiden sich im Winter mehr als im Sommer, die Bäume und Sträucher ent- kleiden sich im Gegenteil, indem sie alles von sich werfen, was dem Froste angreifbar ist und ihr« Gefäße nach Möglichkeit von Waper befreien, dessen Gefrieren die meisten Gefahren mit sich bringen würde. Das Fließen der Säfte hört auf oder verringert sich außerordentlich, wie der Herzschlag und das Atmen der winter» schlafenden Tiere. In diesem Winterschlaf haben unsere Bäume und Sträucher allenfalls Schneebruch zu furchten, aber nicht den Frost. Man bemerkt zwar oft, daß die Aeste der Bäume im Froste sich etwas senken, um sich später bei steigender Temperatur wieder zu heben, aber zu wirklichen Schädigungen kommt es nur aus- nahmsweise. Schwerlich ist ein bei uns heimisches Holzgewächs jemals durch Frost getötet worden. Noch mehr halten die niederen Gewächse aus. Wie sehen grüne Pflanzen in den Gräben und Teichen einfrieren und im Frühzahr weiterivachsen. An den Rinden der Bäume verwandelt der Frost Moose und Flechten in brüchige und bröcklige Gebilde, die gleichwohl unter den Sonnen- strahlen sogleich wieder ihre Lebenstätigkeit aufnehmen, wenn sie auch hundertmal im Winter zu Eis erstarren. Die stärkste Anpassung an das Ertragen tiefer Temperaturen haben die Pflanzen der arktischen Gegenden erfahren. Hier hat die. natürliche Auslese begreiflicherweise nichts am Leben gelaffen/'wäs nicht Temperaturen ertragen konnte, bei denen sogar das Queck« silber erstarrt. Bei' uns können höhere Pflanzen, von Kiefern, Siechpalmen und anderen Gewächsen mit wintcrgrünen, aber lederigen Blättern abgesehen, keine saftig-grünen Organe durch- wintern, ohne sie zu verlieren. Im Norden aber gibt es auch das? Das berühmteste Beispiel dafür ist jenes Löffelkraut, daß die Ex- pedition des„Vcga"-Schiffes vor langen Jahren beobachtete, als sie an einem nördlichen Punkte der sibirischen Küste überwintern mußte. Die Pflanze stand auf einem Sandhügel, über den ständig eisige Winde nördlicher Richtung gingen. Sie hatte im Sommer 1878 geblüht und Früchte angesetzt und wurde vom Winter über- rascht, als sie noch zahlreiche offene und geschlossene Blüten, Früchte in allen Stadien und grüne Blätter trug. Monatelang gingen nun tiefe Temperaturen über sie hin, 30 Grad Celsius war nichts außergewöhnliches, und an einem Tage wurde sogar die enorme Kälte von 46 Grad Celsius beobachtet. Als dann der Sommer 1879 anbrach, setzte das tapfere Löffelkraut sein Blühen, Früchte- reisen und Wachsen genau an derselben Stelle fort, an der der Winter es unterbrochen hatte- Weder eine Blüte noch ein Blatt waren erfroren! So finden sich auf dem Erdenrund die stärksten Gegensätze zwischen Pol und Aequätor vereinigt, und nichts ordnet sich nach einer Schablone. Es gibt tropische Gewächse, die schon bei Wärme- graden von 2 bis 5 Grad Celsius„erfrieren", und es gibt bei Werchojansk in Sibirien, wo die Temperatur bis auf 60 Grad im Winter sinkt, einige hundert Pflanzenarten, die dort gedeihen. Diese arktischen Pflanzen würden sich bei uns so wenig wohl fühlen, wie etwa Eskimos und Eisbären, und man ersieht auch aus diesen Beispielen, daß die Wärme ein durchaus relativer Be- griff ist. Medizinisches. Knochenveränderungen durch die Dicht. Daß die Gicht grausame Verunstaltungen namentlich an den Gliedmaßen deS Menschen hervorruft, ist leider sckon durch den Augenschein bekannt genug. Es bilden sich an den Händen und zwar vorzugsweise an den Gelenken der Finger und der Miltclband die sogenannten Gicht» knoten. Die Schmerzen, die durch diese Veränderung verursacht werden, find sehr verschieden, steigern sich aber bei hochgradigen Formen der Gicht, insbesondere bei der deformierenden Gicht, zu fast unerträglicher Stärke und Dauer. Dabei läßt sich noch nicht einmal sagen, daß mit dieser Krankheit eine Lebensverkürzung verbunden ist» obgleich sie den Lebensgenuß oft geradezu aufhebt. Es ist einer der vielen Vorzüge der Röntgenstrahlen, daß sie dem Arzt eine Möglich« keil geben, diese Vorgänge genauer zu studieren. Die ersten Ausnahmen dieser Art wurden bereits vor etwa 15 Jahren veröffentlicht: eS waren damals schon die blasenartigen Aushöhlungen der Finger» gliedcr in der Nähe der Gelenke festzustellen. Man nahm an, daß diese Höhlungen von harnsauren Salzen erfüllt sind. Weiter wurde der wi.utige Schluß daraus gezogen, daß diese Veränderungen nicht auf einer Verkümmerung des Knochens beruhen, sondern auf dem Ersatz der gesunden phosphorsauren Substanz durch harnsaure Verbindungen, die eben durch die Gicht von ihrem natür« lichen Wege abgelenkt und in den Körper hinem verteilt iverden. Seitdem sind natürlich noch unzählige Röntgen» Photographien von gichtischen Gliedern ausgenommen worden, niemals aber in so hoher Vollendung, wie sie jetzt von dem bekannten Röiitgenologen, Dr. Köhler in Wiesbaden, in den Archiven für Röntgenstrahlen nachgebildet und erörtert worden sind. Die Dar» stellung einer gichtischen Hand in stärkster Entwickelung der Krank« heit zeigt an den Gelenkenden der meisten Fingerglieder gewisse scharf umrisiene hellere Flächen, die sich zuweilen vollkommen kreis- förmig schließen. Außerdem tritt deutlich hervor, daß auch die Knochen der Mittelhand sich gegeneinander verschieben, was äußer» lich, wenigstens zuweilen, in Verkrümmungen des ganzen Hand» gelenks zum Ausdruck kommt.__ vorwärlsBuchdruckerelu.Verlagsanjtalt Paul Singer�Co., Berlin SW.