Anterhaltungsblatt des Dorivärts Nr. 38. Freitag den 23. Februar. 1912 (Nachdruck verbolen.) S8Z Pelle äer Eroberer. Der grojie Kampf. Roman von Martin AndersenNexö. -„Ich glaube nicht, das etwas Gutes aüs einer Revolution kommen würde," sagte Pelle hell. Er fühlte die alte Kampf- bereitschaft wieder in sich. „Darauf verstehst Du Dich nicht, wenn Du es nicht in Dir gefühlt hast!" antwortete Morien heftig.„Revolution ist Gottes Stimme, die Recht und Gerechtigkeit übt, und über die sich nicht streiten läßt. Wenn sich die Armen erhöben und sich ihr Recht verschafften, so wäre das Gottes Urteil, und es würde nicht umgestoßen werden. Die Zeit hat wohl das Recht, sich selbst wieder einzuholen, wenn sie in irgend- einer ernsten Sache in Rückstand geraten ist: und das ge- schiebt nur durch einen Sprung vorwärts. Aber sie erheben sich nicht, sie sind wie feuchtes Pulver! Du bist wohl einmal da unten in dem Keller des Eisenhändlers unter der„Arche" gewesen und hast sein Lager von Lumpen und Knochen und altem eisernen Gerümpcl gesehen? Das ist lauter Abfall vom Müllplah her, Dinge, die die menschliche Gesellschaft ein- mal verbraucht und dann da hinansgcschickt hat. Er holt es wieder herein, und nun können die Armen es kaufen. Er kauft auch das Brot von den Soldaten, wenn sie auf den Bummel gehen wollen und es auf den SchmuhhaUfen werfen: es heißt, es sei Pfcrdcfuttcr. aber die Armen kaufen es ihm ab und essen es. Der Miillplatz ist die Speisekammer der armen Leute, das heißt, wenn die Schweine genommen haben, was sie haben wollen. Die Amager Bauern mästen ihre Schweine damit, und die Gesundheitskommission denkt daran. das zu verbiete»: aber mit den Kopenhagencr Armen hat niemand Mitleid." Pelle schauderte. Es lag etwas Dämonisches in Martens schrecklichem Wissen, er wußte ja mehr von der„Arche" als Pelle selbst.„Bist Du denn auch unten in diesem widerlichen Lumpenkcller gewesen," fragte er,'„oder woher weißt Du das?" „Nein, aber ich weiß es nun einmal, das ist ja mein Zsluchl fskrag selbst nach, ob sie nicht Suppen aus den verfaulten Knochen von da draußen kochen. Und nicht einmal die Giftstoffe des Müllplatzes können sie entzünden. Sic fressen es auf und langen nach mehr. Ich ertrage es nicht. wenn nicht irgend etwas geschieht! Jetzt hast Tu Dich aus dem Staub gemacht, so geht es mit jedem, der etwas aus- richten sollte, mit einem nach dem andern: weil sie zu- frieden sind oder weil sie ihrem eigenen jämmerlichen Vorteil nachgehen. Die, die was taugen, kneifen aus, und nur die Elenden bleiben übrig." „Ich babe Euch nicht im Stich gelassen," sagte Pelle warm. JÄu sollst sehen, daß ich es nicht getan habe." „Es ist nicht zu verwundern, daß sie müde werden," fuhr Marten fort.„Selbst Gott verliert die Geduld mit denen, die sich fortwährend niedertreten lassen. Ueber Rächt träumte mir, daß ich zu denen gehörte, die hungern. Ich ging die Straße hinab und war betrübt über meinen Zustand, und da begegnete ich Gott. Er war gekleidet wie ein alter Kosaken- offizier, und hatte die Knute um den Hals hängen. „Hilf mir, lieber Gott!" rief ich und fiel vor ihm auf die 5!nie.„Meine Briider wollen mir nicht Helsen." „Was fehlt Dir?" fragte er,„und wer bist Du?" „Ich bin einer von Deinem auscrwählten Volk, von den Armen." antwortete ich.„Ich hungere!" „Du hungerst und kommst und klagst Deine Brüder an, die Eßwaren im Ucbcrfluß für Dich hingelegt haben?" sagte er ganz aufgebracht und zeigte auf alle die schönen Läden. „Du gehörst nicht zu meinen Auserwählten, mach, daß Tu tvegkommst!" Und dann schlug er niich mit der Knute über den Rücken. Morien ging trübselig dahin und sprach nicht mehr: c?- schien, als wenn er weder sehe noch höre, er war ganz zu- sammengebrochen. Plötzlich bog er ab, ohne sich zu verab- schieden. Pelle ging nach Hause: er war ärgerlich über Martens Heftigkeit, die, so fühlte er, ein Angriff auf ihn war. Er wußte bei sich selbst, daß er nicht kreulos war: das Glück, eine Familie zu stiften, sollte ihm niemand mißgönnen. Er war ganz empört, zum erstenmal nach langer Zeil. Hier kamen sie und stichelten auf ihn, der mehr für die Bewegung getan hatte, als die meisten, nur weil er für eine Weile sich mit seinen eigenen Angelegenheiten befaßt hatte. Drinnen in ihm regte sich etwas Unbändiges, er empfand ein plötzliches Bedürfnis, nach der Seite um sich zu schlagen, einen gehörigen harten Kampf auszufechtcn und die häusliche Wärme aus dem Körper zu schütteln. Unten an den Kanälen war man im Begriff, das Eis aufzuhauen, um dem Wasser Luft zu schaffen. Es war schon Vorfrühlingstrieb darin, es führte die Eisstücke von dannen. dem Meere zu, mit unglaublicher Langsamkeit. Das wäre im Grunde eine Arbeit für Dich, dachte er ausweichend. Er fühlte, was eigentlich dahinter lag, ließ es aber nicht in sich aufkommen. Sobald er innerhalb seiner vier Wände war, beruhigte er sich wieder. Ellen saß am Ofen, mit dem kleinen Lasse beschäftigt, der auf ihrem Schoß auf dem Bauch lag und zappelte. „Sieh doch bloß einmal, was für ein süßes kleines Bröt- chen er hat," sagte Ellen,„er ist auch nicht'no Spur wund!" Siebzehntes Kapitel. Von seinem Platz am Fenster konnte Pelle über den Kanal mit der Zuchthausbrücke hinübersehen, wo die Gefan- genen auf dem Holzfloß lagen und Wolle wuschen. Er er- kannte Ferdinands große kräftige Gestalt: kurz nach Weih- nachten hatte man ihn in einer nntcrirdischcn Grabkammer auf dem Friedhof eingefangen, wo er sich eingerichtet hatte; der Schnee hatte sein Versteck verraten. Und nun faß er hier, so in der Nähe der„Arche" und seiner Mutter! Von Zeit zu Zeit erhob er den kurz geschorenen Kopf und sah da hinüber. Auf der andern Seite der Brücke— nach dem Markt zu — lag der Töpfer mit seiner Schute: er hatte seine jütischen Töpferwaren aus dem Kai aufgestapelt, und die Frauen von Ehristianshafcn kamen und handelten init ihm. Und da- hinter ragte die Masse der„Arche" auf. So ungeheuer sie auch war. wirkte sie doch nicht wie eine Kaserne, sondern lag da mit ihrem willkürlichen Dorf- gepräge, als seien hundert Dörfer zu einem unentwirrbaren Haufen zusammengefaßt. Ursprünglich war es wohl ein kleiner Fachwerkskasten von einem Stockwerk mit Tachgiebcl gewesen. Dann hatte es angefangen, Großstadt zu zeugen. hatte Knospenbildung nach allen Seiten angesetzt, und nach oben hinauf ganz kaleidoskopisch zu einem mächtigen Klumpen mit kleinen Stücken Fassade, einem Keildach, tiefen Winkeln und vornüberhängcnden Giebeln, durcheinander, in einem cnd- losen Wirrwarr,— ganz hinauf bis zu dem fünften Stock- werk über der Mitte. Da oben schlrebte immer ein blauer Dunstkreis und gab den Schacht an, das gemeinsame Atem- loch für das Gewimmel der„Arche". Hier konnte man Frau Franscns Mansarde mit der Rauchmütze darüber erkennen. und weiter hinab, in einer tiefen Gruft, die sich in die Massen hineinschnitt, unterschied er Hannes Fenster. Sonst konnte er nicht viele von den kleinen Fenstern unterbringen. Sie starrten hinaus wie gebrochene Augen. Selbst Kohlenmann. der Vi�ewirt>var. wußte nur schlecht Bescheid in den Gängen und Winkeln der„Arche". Er sah die Bewohner der„Arche" sorglos und mit kurzem Ziel über die Brücke hin und her laufen: sie waren immer im rechten Augenblick im Gange und stürzten dahin. Es lag etwas Rührendes über ihrer Vergeßlichkeit, die die Rot hervorgerufen hatte: in der„Arche" sorgte man erst für das Esten, wenn man sich zu Tisch gesetzt hafte und entdeckte, daß nichts da war. Und zwischen ibncn wanderten Arbeiter in kleinen Scharen über die Brücke ein und ans: der taktfeste Schritt von Norderbrückc hatte sich bis hierher verpflanzt, als suche er ihn hier auf. � Es gärte nicht länger wild in den Massen, statt dessen war ein eiserner Willen im Werden. Aus der Verirrung und dein chaotischen Wirrwarr tauchten seht Linien auf, ein gemeinsames Bewußtsein sammelte sich auf dem Boden und ivard zur Richtung. Aus eine tvnuderliche Weise hatten sich Taufende beruhigt und schritten nun langsam und bedächtig vor. unter dem Gedanken des Zusammenschlusses. Jiir einen, der weniger scharf hörte, konnte es den Eindruck erlvecken, als wenn nichts vor sich gehe— als hätten sie sich tvieder bei ihrem Schicksal beruhigt: aber Pelle wußte, was sich da regte. Er hatte selbst die Schulter dagegen gestemmt und war im geheimen bei dein Ganzen mit dabei. Glücklich nahm er Ellens verdoppelte Liebe hin und alles, was br unternahm, galt ihr und dem Kinde. Aber in ihm hallten die Fußtritte wider und ließen sich nicht zum Schweigen bringen sie Ware» tiefer eingedrungen, als er selbst kommen konnte. Es war, als sei plötzlich ein Lautdämpfer weggenommen, er mochte es wollen oder nicht, er hörte jeden Schritt der Wanderung da draußen. Tie schlechten Zeiten veranlaßten sie, sich still zu bewegen, aber im Berbor- geneil arbeitete es. Tie neuen Ideen waren im Begriff, ihnen geläufig zu werden, das Blatt drängte sich mit ihnen in die Jaiililien ein. sie ertönten von den Rednertribiinen des Volkes und bei den Mahlzeiten auf den Arbeitsplätzen. Tie Ansteckung drang über Treppengänge und ging von Tür zu Tür. Trganisationcn, die gebildet und mehrmals ansein- andergcgangen waren, wurden von neuem gebildet und dies- mal, um zu bestehen. Tie Arbeitgeber bekämpften sie, konnten sie aber lucht niederschlagen: es war wie ein inneres Gesetz in der Masse, wonach sie sich lagern in u ß t e. (goitjetzmia folgt.) (?!achd»ick DfrEütfn.) Cbadrcbi-JVIurat. 19] Bon Leo Tolstoi. Als er in dieser Nacht in sein Schfo-szimmcr zurückgckchri lrar, und sich auf seinem schmalen, harten Feldbett ausgcilrcckt halte, tonnte er unter dem Soldatenmantel, der ihm als Bettdecke diente, und den er selbst für mindestens so berühmt hielt wie den derühm- tci» Hut Napoleons, lange Zeit keinen«chlaf sinden. Er stellte sich bald das halb scheue und halb verzückte Gcsichtchen dieses jungen Mädchens, bald die üppigei? Schultern seiner ständigen Geliebten, der Nelidowa, vor und verglich beide miteinander. Ter Gedanke, daß die Ausschweifungen eines verheirateten Mannes aller Sittlich- Icit ins Gesicht schlugen, lag ihm himmelweit fern, und er wäre im höchstem Maße erstaunt gewesen, wenn ihm jemand deshalb ein Wort des Tadels gesagt hätte. Trotzdem er nun fest davon über- geugt war, daß niemand an seiner Handlnngsweise etwas aussetzen tonnte, hatte er doch einen etwas bitteren Nachgeschmack davon, und um diesen loszuwerden, bedieMc er sich eines Mittels, das ihn -stets ganz außerordentlich beruhigte: er begann darüber nachzu- denken, was für ein großer Mann er doch im Grunde genommen sei. Obwohl er erst sehr spät eingeschlafen war, stand er doch be- rcits in der achten Stunde auf, machte seine gewohnte Toileae, rieb den großen, feisten Äörper mit Eis ab und verrichtete seine Morgen- gcbetc in der von Kindheit auf gewohnten Zufammcnstellung: zu- erst das Gebet an die Mnttcrgottcs, dann das Glaubcnsbctennlnis und hierauf das Vaterunser— ohne sich im übrigen bei den Worten, die seine Lippen murmelten, auch nur das geringste zu denken. Nach- dem er sich so für den Tag vorbereitet hatte, verließ er durch den kleinen Ausgang das Palais und begab sich nach dcut Nctvaquai, um seinen gewohnten Morgcnspazicrgang zu machen. Auf dem Luai war ihm ein junger Hörer der Rechtsschule, in Uniform und Hut, begegnet— ein Mensch von der gleichen Riesengestalt wie er selbst. Als Zar Nikolaus die Uniform des In- ftitutS erblickt«, die er wegen der unter den Schülern herrschenden freien Gejinnung gar nicht leiden mochte, runzelte er unzufrieden die«tirn. Aber die stattliche Erscheinung des Rechtsschülers, feine stramm« Haltung und das streng vorschriftsmäßige Bor- strecken des iW>ogcns beim Honncur besänftigten seine Unzufrieden- Heid ein Weng. „Wie heißt du?" fragte er den jungen Niesen. „Polossalow, Ew. Majestät." „Bist ein strammer Bursche!" Ter Schüler stand mit der Hand am Hute da, ohne sich zu rühren. Ter Kaiser trat aus ihn zu. „Willst du Offizier werden?" «Zu Befehl— ircin, Ew. Majestät." „Tölpel!" sagte Nikolaus und wandte sich ab. Während er weiterging, sprach er das erste beste, Wort, das ihm aus die Lippen kam, laut vor«ch hin.Koppcr'.oein, Koppcrwein." wiederholte er mehrmals— es war der Name des Mädchens, das er gestern lcnncn- gelernt halte.„Zn dumm, zu dumm," sagte er dann weiter, ohne über den Sinn der Worte, die er mechanisch hervorstieß, nachzu- denken.„Fa. was toädc Rußland ohne mich!" �fuhr er in seinem Selbstgespräch fort und fühlte, daß in seiner Seele wieder jcne-Z unzufriedene Empjindcn ausstieg.„Ja, was tvärc Rußland, was ;o- wäre Europa ohne mich!"— und er gedachte seines-SchloagcrS. des Königs von Preußen, und seiner Schwäche und schüttelte de» Kopf. Als er nach dem Palais zurückkehrte, sah er an der Salthkow- auffahrt den Wage» der Großfürstin Helena Pawlowna mit dem Lakaien in der roten Livree auf dem Bock. Helena Pawlowna war für ihn die Verkörperung jener hohl- löpfigcn, überflüssigen Leute, die nicht nur über Wissenschaft und Dichtkunst, sondern auch über die Kunst des RegicrenS grübelten und sannen und sich cinbildeten. sich selbst besser regieren zu können, als er, Nikolaus sie regierte. Er wußte, daß diese Leute, so sehr er sich «uch bemühte, sie untcrzuduckcn, doch immer und immer wieder an die Oberfläche cmportauchtew. Er gedachte seines jüngst ver- storbcncw Bruders Michail Pawlowitsch, und ein Gefühl des Un- willens und der Niedergeschlagenheit überkam ihn. Er machte ein finsteres Gesicht und begann- wieder das erste, beste Wort vor sich hin,-ii flüstern. Er hörte erst auf zu flüsterm als er das Palais längst betreten halte. In seinem Schlafgeniach glättete er vor dem Spiegel Backenbart, Scheitel und Schiäfcnhaar, drehte seine Schnurrbartspitzcn nach und begab sich darauf i» das Kabinett, in dem er die Bor träge der Minister entgegenzunehmen pflegte. Der Kriegsni-iwisler wurde zuerst von ihm cmpfanaelr. Tscherny- schcw sah sogleich am Gesichte und vor allem rn den Augen des Zaren, daß dieser heute ganz besonders mißlaunig war. Er wußte von den gestrigen Erlebnissen- des Kaisers und erriet daher auch sogleich den Grund der schlechten Stimmung. Ter Kaiser begrüßte Tschernyschcw kühl, forderte ihn auf. sich zu fetzen, und richtete seine leblosen Augen auf ihn. Tie erste Angelegenheit, die Tschernyschew vorbrachte, war eine umfangreiche Unterschlagung, die von einigen Fntendanturbeamten begangen worden war; dann kam eine Dis- lozicrung der an der preußischen Grenge liegenden Truppenteile zur spräche, worauf noch eine Anzahl von nachträglichen NeujahrS- gratifirationeu für solche Leute, die in der erstgn Liste übergangen worden waren, zur Genehmigung gelangte. Die näckste Sache war der Bericht Woronzows über die Ankunft Ebadschi- Murais in Tiflis, und zu allerletzt kam dau-n noch die uiiangcnehnlc Affäre eines Studenten der medizinischen Akademie zur Sprache, der ein Altentat auf einen Professor verübt hatte. Schweigend, mit zusammengepreßten Lippen, die große. tveiße Hand mit dem einen Goldreif am Ringfinger über die vor ihm liegenden Papierblättcr hinführend, hörte Nikolaus den Be- rieht über die spitzbübischen Intcndanturbeamtcn an, ohne auch nur einen Blick von der Stirn und dem Scheitel Tschernyschews zu ver- wenden. Nikolaus war fest davon überzeugt, daß alle Welt in Rußland stehle. Er wußte, daß- er diese Jutendanturbeamten bestrafen urußto. daß sie alle miteinander als gemeine soldaten in irgendein Regiment einzustellen feien, aber er wußte auch, daß dies ihre Nachfolger durchaus nicht davon abhalten würde, gleichfalls zu stehlen. ES war eben- einmal die Eigenart der Beamten, zu stehlen-, wie es seine Pflicht war, sie dafür zu bestrafen, und so sehr er dessen auch fckwn überdrüssig war, so erfüllte er doch diese seine Pflicht mit ruhigein Gewissen. „Es gibt eben bei unS in Rußland nur einen einzigen ehrlichen Renschen." sagte er. Tschernyschcw verstand sogleich, daß er mit diesem„einzigen ehrlichen Menschen" sich jelbst meinte, und lächelte beifällig. «so ist's. Ew. Kaiserliche Majestät," sagte er. „Mb her, ich will meine Resolution daneben schreiben." sprach Nikolaus, nahm- das Aktenstück und legte eS links neben sich auf den Tisck,. Hierauf hielt Tschernhschew über die Gratifikationen und die Verlegung der Truppen Vortrag. Nikolaus sah die Liste der vom Minister für die Gratifikationen vorgeschlagenen- Personen durchs strich einige Namen darin und ver- fügte dann kurz und resolut die Verlegung zweier Divisionen an -die preußische Grenze. Er konnte es dem Könige von Preußen nicht verzeihen, daß er nach dem Jahre 48 seinem Lanc-e eine Konstitution verliehen hatte, und hielt es trotz aller Frcundschajlsver- sicherungen, die et in seinen Briefen- an diesen seinen schlvager zum Ausdruck brachte, doch für geraten, auf jeden Fall an der preußischen Grenze die nötige Truppenzahl zusammen zu haben. Diese Truppen konnten unter Umständen auch Verwendung finden, falls etwa in Preußen ein Bolksaufruhr— Nikolaus wittlerte-übcr- all den Aufruhr— stattfinden sollte; seine Krieger würden dann den Thron des Schwagers ebenso beschützen, wie sie seinerzeit den österreichischen Kaiser gegen die Ungarn beschützt hatten. Auch waren- diese verstärkten Trupvenkonrin-geute vonnöten, um feinen verwandtsckmftlichcn Ratschlägen beim Könige von Preußen grö» ßeres Gewicht zu verleihen. „Ja, wie stände es wohl jetzt mit Rußland, wenn ich nicht wäre!" dachte er wiederum. „Nun, was gibt es noch weiter?" sagte er dann. �„Aus dem Kaukasus ist ein Kurier angekommen," begann Tschcroyschew und erstattete seinen Bericht darüber, was Woronzow über Chadschi-Murat und seinen Uebcrtritt zu den Russen gemcl- dct hatte. „Sich dal" sprach Nikolaus—„das ist ja ein ganz hübscher Anfang!" „Der Kriegsplan, den Ew. Majestät entworfen haben, beginnt seine Früchte zu zeitigen," soglc Tschernyschew. Dieses Lob seine» strotegischen Fähigkeiten war Nikolaus ganz besori&crs angenehm, odschon er im Grunde seiner Seele fühlte. datz sie gar nicht vorhanden waren. Ee legte nun einmal Wert darauf, auch als großer Statcge zu gelten, und wollte das ihm gespendete Lob recht ausHiedig gemetzcnr ..Wie denkst du eigentlich über meinen Plan?" fragte er den Minister. „Ich denke, daß der Kaukasus längst unterworfen wäre, wenn man den Plan Ew. Majestät, allmählich, wenn auch langsam, vor- zudringen, indem man die Wälder mederschlägt und dem Feinde die Möglichkeit der Berproviantienung benimmt, schon früher zur Ausführung gebracht hätte. Daß Chadschi-Murat sich ergeben hat, führe ich nur darauf zurück. Er ist zu der Einsicht gelangt, daß er sich nicht länger halten kann." „Ganz richtig," sagte Nikolaus. Der Plan, nur allmählich, unter Ausrodung der Wälder und Abjchncidung der Zufuhr, in das Gebiet des Feindes einzudringen, stammte tatsächlich von den Generalen Jermolow und Wcljami- now, und er stand zu dem Kriegsplane des Zaren in schroffem Gegensatz, der vielmehr darauf abzielte,.Schamyls Residenz durch einen großen Coup in rufstsche Gewalt zu bringen und dieses Räubcrneft zu zerstören. Nach diesem Plane des Zaren war auch die im Jahre 18sS ausgerüstete Expedition gegen Dargo unter- nommen worden, die so viele Menschenleben gekostet hatte. Gleich- wohl schrieb Zar Nikolaus auch jenen andern Plan, das Land in langsamem Vordringen, unter ällmählicher Nicderlegung der Wäl- der und Aushungerung der Bevölkerung, zu erobern, sich selbst zu. Man hätte meinen sollen, daß, wenn- er diese letztere Art des Vor- gchens zu der scinigen machte, er unbedingt wünschen mußte, sein lebhaftes Eintreten für die auf einem ganz entgegengesetzten Gedanken beruhende Expedition von 1845 vergessen zu machen. Er legte hierauf jedoch nicht den geringsten Wert, sondern war auf beide Pläne, die nach feiner Meinung ihn persönlich zum Urheber hatten, in«leicher Weise stolz, obsckon sie beide miteinander in schroffem Widerspruch standen.Die beständige, den Tatsachen ins Gesicht schlagende, grobe Schmeichelei, deren sich seine Umgebung ihm gegenüber befleißigte, hatte ihn so weit gebracht, daß er die Widersprüche in seinem Handeln nicht mehr sah, daß er nicht mertte, wie seine Worten und Taten aller Logik und alles gesunden Menschenverstandes spotteten, und fest davon überzeugt war. dast alle seine Anordnungen, so unvernünftig, ungerecht und unlogisch sie auch sein mochten, einzig dadurch, daß sie von ihm ausgingen, vernünftig, gerecht und logisch umeden. � Das trat auch jetzt wieder bei seiner Entscheidung in Zachen jenes Studenten der medizinisch- chirurgischen Akademie zutage. über dessen Assäre ihm Tschernyschew nach seinem Bericht über die kaukasischen Angelegenheiten Vortrag hielt. (Fortsetzung folgt.) Die frage nack dem diluvlakn Mn leben/) Soweit uns die Geschichte in die Vorzeit zurückblicken läßt— und in den allen Kulturlärrdern Aegypten und Babylonien reichen die historischen Dokumente bis in das fünfte, ja sechste Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung—, finden wir sichere Anzeichen dafür, daß damals schon die gleichen Unterschiede zwischen den verschiede- ncn Völkern und Rassen bestanden haben, wie sie uns heute cnt- gcgcntretcn. Es sprach sich das Selbstgefühl der herrschende» Kul- tnrrasscn in einer Geringschätzung und Verachtung der Barbaren in ältester Zeit kaum weniger scharf aus als in unseren Tagen. und wenigstens aus dem vierten Jahrtausend vor uns stammen schon plastische Abbildungen und graphische Darstellungen aus den Wänden ägyptischer Denkmäler, die uns mit einer gewigcn Treue und Realistik des Vortrags die Körper- und namentlich die Gesichts- Verhältnisse vcrschicoener Stämme zeigen, mit denen die Aegypter in Beziehung traten. Ein klassischer Zeuge. G. Fritjch, hat mit voller Bestimmtheit diese Uebcreinstimmung der ältesten ägyptischen Porträtdarstcllungen mit den heutigen in und um Aegypten leben- den Menschcntypcn erst neuerdings wieder hervorgehoben. Das persische Weltreich herrschte über Völker aller Hautfarben und führte auch Stämme schwarzer Haut, die Aethiopen aus Tüdindien und Nordasrika, gegcn die jugcndfrischc Geistcskultur Griechenlands inS Feld. Um den Urmenschen, aus dessen Bariierung die verschicocncn Typen der heutigen Menschheit hervorgegangen sind, zu finden, müssen wir viel weiter in ältere geologische Epochen zurückgehen, gegen deren nur nach Lichtzeit zu messende Aeonen die wenigen Jahrtausende, deren Ansänge das Dämmerlicht der älteste» Historie erleuchtet, nur als eine verschwindend kurze Zeit- spanne erscheinen. *) Durch das Entgegenkommen des Bibliographischen Instituts in Leipzig sind wir in der Lage, unsere Leser mit einem inter- rssantcu Abschnitt aus Pros. Dr. Joh. Rankes ncubearbcitetcr Anthropologie„Der Mensch" bekannt zu machen, die durch das Erscheinen des zweiten Bandes demnächst in dritter Auflage voll- ständig wird. � AIS tut Anfang deS lt. Jahrhunderts die Nalurforschung be» gann, die geologischen und paläonlologischen Erscheinungen Europas wissenschaftlich auszunehmen, erschien es selbstverständlich, zunächst nach den Zeugnissen jener gewaltigen Katastrophe zu suchen, die nach den übereinstimmenden'sagen der Kulturvölker uns der Auto- rität des hebräischen Berichts die älteste Periode der menschlichen Entwickelung von der vergleichsweise modernen Zeit trennen sollte. Die Alte Welt erzählte sich von gewaltigen Wasserslute», die Berg und Tal übergössen und die alte Menschheit vernichteten, ein Unter- gang, au? dem sich nur wenige, die Ahnen des heutigen Menschen- geschlechts, zu retten vermochten; die altgcrmanische sage berichtete. daß aus dem schmelzenden Eise das Leben der neuen Zeit sich erhoben habe. Die„große Flut", das Diluvium, schien in vcrständ- licher Weise jene längst beachteten Reste in Stein verwandelter Organismen, welche die Gebirge überall bergen, und die wunder- bare Mischung von Land- und Mccrtiercn zu erklären, die in den geologAchcn Schichten der Talgehänge ebenso wie aus der Höhe der Berge gefunden worden waren. Das sind die Ansänge der wissen- schastlichen Geologie und Paläontologie, aus welche die Jetztzeit zwar mit Lächeln zurückzublicken liebt, in der aber schon Probleme angeregt und Antworten daraus gesucht wurden mit einer wissen- schastlichen Energie, wie eine solche für die betreffenden Fragen die Wigenschast erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder- gewonnen hat. Bor allem gilt das für das Problem vom„dilu- vialen Menschen". War der Mensch wirklich, wie die Mythen übereinstimmend berichten, Zeuge des Diluviums, eür Begriff, unter dem damals noch die gesamte geologische Urzeit zu sirm menge saßt wurde, so mußten sich, ebenso wie die Reste so zahlreicher anderer animaler Wesen, auch die scinigen in den Erdschichten vcrborgcn�und er- halten noch aufsinden lassen. Da brachte der gelehrte Schweizer Ratursorschcr Scheuchzer im dritten Jahrzehnt des 13.' Jahr- Hunderts in feinen unter Leitung von Johann Andreas Pfeffcl in Augsburg von ausgezeichneten Künstlern mit mustergültigen Kupferstichen illustrierten Folianten der„Hipica sacra" unter anderen vortrefflichen Abbildungen paläontologischcr Objekte auch die geradezu klassische Darstellung einer Platte aus den an Per- sicinerungen. reichen Oeningcr Schieserbrüchcn, aus der er die Knochen eines menschlichen Kindes zu erkennen glaubte. Ter Mensch, der Zeuge des Diluviums gewesen, schien gesunden, und über der näheren Beschreibung seiner vermeintlichen Reste steht im Geschmack jener Zeit der später vielbelachtc Bcrs: „Betrübtes Bein- Gerüst von einem alten Sünder, Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßhcits-Kiuder." Es währte nicht lange, so stieß man auch anderwärts unter den Knochen vorsintflurlichcr Tlerc aus MenscheuZnocheu. Ter Pfarrer I. F. Espcr hatte in den Knocke»höhlen der Fränkischen«chwciz, die seit alter Zeit zur Gewinnung von versteinertem Elsenbcin, „ebur fossile", dienten, als Ivelches die Knochen Voriveltlicher Tiere ein viclgesuchtcs und teures Arzneimittel darstellten, bei der wissen- schastlichen Ausbeutung derselben zweifellose Mcnschenknocheu gc- sunden. Seine Beschreibung der Fuirdgcschichte vom Jahre 1774 ist so einfach und natürlich, daß wir an der Genauigkeit seiner Mitteilung nicht zwciscln dürfen. An einer volllommc» unver- schrien Stelle, geschützt von einem Steinvorsprung der Höhle u- ivaud. fand er in demselben Lehm mit Mnocheu des Höhlenbären und anderer diluvialer Tiere einen llnterticser und ein Schulter- blatt des Menschen; später kam auch ein ziemlich wohlerhattcncr Menschenschädel zutage. Esper argumentiert in seinem durch»och heute vollkommen brauchbare Abbildungen der von ihm entdeckten diluvialen Hühlentiere gezierten Werke„Ausführliche Nachricht von »euemdccktcn Zoolithen" ganz im«aime der modernen Wissenschaft: der Mensch, dessen Reste mit denen der diluvialen Säugeriere in dem Höhlenschlamm begraben wurden, muß auch mit diesen Tieren gelebt haben, er war sonach ein Zeuge der„großen Flut". Aber schon hatten sich für die Beurteilung seines Fundes die allgemeinen wissenschaftlichen Anschauungen und Verhältnisse ungünstig gestaltet. C u v i e r, der Begründer der modernen, ans vergleichende Anatomie ausgebauten Paläomologie. dem feine Zeit mit Begeisterung nachrühmte, er verstehe es. aus einem einzigen Knochen das wahre Bild eines oorwelUichen Tieres„init Haut und Haar" wieder zu ergänzen, erkannte zwar die ivissenschastiichc Aich- tigkcit der sonstigen Esperschcn Funde achtungsvoll an. aber für den diluvialen Menschen war in seinem Weltsystem kein Raum. Seine Katastrophciilheoric, die bis gegcn die Mitte des 19. Jahr- Hunderts die allgemeine Anerkennung der Wissenschaft besaß. basierte auf der Annahme gewaltiger E r d r e v o l u t i o n e n. welche die organischen Schöpfungen der je rwranfgehenden geologischen Periode vollkommen vernicklet habe» sollten. Durch Neu» schöpsuilg von Organismen habe sich dann»ach jeder der- artigen Revolution die Erde neu bevölkert. Man hatte eS an der Hand der Bcrgleichnng der vonocltlichci» Organismen schon ge- lernt, die geologische Vorzeit in verschiedene zeitlich auseinander folgende Epochen zu scheiden, die man Schöpsuiigs c poche n zu nennen pflegte, da sich eine jede durch die in ihr lebenden besonderen Or- ganismen scharf von der anderen trenuen lassen sollte. Die beiden jüngsten geologische» Epochen sind A! l u v i u in und Diluvium. Ter Epoche des Alluviums, in der die Menschheit gegcnwärlig lebt, geht die Epoche des Diluviums voraus, aber nach CuvierS Ansicht von der jüngsten Epoche, dem Alluvium, durch eine jener Vernich» tenden Umwälzungen der Erdoberfläche getrennt, die es undenkbar erscheinen ließe, baß sie ein lebendes Wesen überdauern sollte� Wie Erdschichten Europas, die dem Diluvium, in dieser damals neuen Definition Cuviers, angehörten, charakterisiert werden durch die Knochen des Mammut-Elefanten, des Nashorns und des Fluß- pferves, des Löwen, der Hyäne und des kolossalen Höhlenbären, so sollten d»e Menschenknochen die„Lcitfofsilien" sein für die neuesten, dem Alluvium angehörenden Erdschichten. Erst nach dem Aussterben der großen diluvilen Dickhäuter, so lautete das Dogma, ist der Mensch in Europa aufgetreten. Und wie lächerlich hatte sich des guten Scheuchgcr angeblicher Fund des blomc, diluvii" testis, d. h. des Menschen als Zeugen der Sintflut, entlarvt: Cuvicr er- kannte in ihm die Knochenreste eines etwa 1 Meter langen Wasser- molches, der an Größe und Gestalt dem japanischen Ricscnsala- mander ähnlich ist. Man lachte. Und nichts bringt sicherer und dauernder eine Meinung zum Stehen und bald zum Rückgang und Verschwinden als der Fluch des Lächerlichen. An Espers Entdeckungen, an die sich noch eine Reihe ähigjchcr aus anderen Höhlcngegenden anschlössen, konnte an sich nicht� ge- zweifelt werden; ober waren sie für die Anwesenheit des Menschen in Europa während des Diluviums denn wirklich beweisend? Es wurde die Parole ausgegeben, daß es trotz Espers gegenteiliger An- gaben ein Grab aus späterer Zeit gewesen sei, in dem alle jene Gebeine lagen, und noch in neuester Zeit hat Boyd Datokins diese Meinung wiederholt. Das Suchen nach dem diluvialen Menschen hörte auf, die„Anthropolithen", nach denen man früher so eifrig geforscht hatte, wurden, wenn sie sich gelegentlich fanden, als zweifellos jünger nicht nur nicht beachtet, sondern meist als wert- los beseitigt. Die Herrschaft der Cuvierschen Meinungen war eine absolute. Um für den diluvialen Menschen in dem naturwissen- schaftlichcn System wieder Platz zu schaffen, mußte erst dieser dog- matische Bann, der die Forscher so lange gefesselt hielt, gebrochen werden. Es war bor allen der große englische Geologe Sir Charles Lyell, der eine Wandlung der allgemeinen Anschauungen von dem Wesen der Schöpfungsepochcn anbahnte und durchsetzte. Er kam zu der Ueberzeugung, daß, wenn nur eine genügend lange Zeit gegeben sei, dieselben umändernden Einflüsse, die heute lang- sam und in ihrem Einzcleffekt kaum merklich, aber unaufhaltsam die Erdoberfläche umgestalten, hinreichen würden, um die Vcr- änderungen der Erde und ihrer Bewohner in den vorausgehenden geologischen Epochen im wesentlichen zu erklären, wozu Cuvier und nach ihm der gesamten zünftigen Wissenschaft die Annahme Plötz- lich hereingebrochener gigantischer Erdrcvolutioncn notwendig er- schienen war. Im langsamen Uebergang, im Laufe einer fast un° endlich erscheinenden Zeit haben sich nach und nach und allmählich die Umwandlungen vollzogen, deren Größe Zeugnis ablegt nicht von der Gatvalt unbekannter, plötzlich wirkender Kräfte, sondern von der Länge der Zeit, während welcher die uns bekannten, nur scheinbar kleinen und ohnmächtigen Ursachen tätig waren. Ganz wie einst Cuvicr, so herrscht gegenwärtig Lyell in den Anschauungen der Zeit, und man pflegt dabei zu vergessen, daß die Katastrophen- thcorie doch nicht so lange zur Befriedigung der besten Forscher und Denker zur schematischen Erklärung der geologischen Tatsachen hätte verwendet werden können, wenn sie sich nicht doch auch auf ein? Summe sicherer Tatsachen hätte stützen können. Auch hier liegt die Wahrheit zwischen den Extremen der Theorie. Durch den Sieg Lyells war der Theorie Darwins Bahn gebrochen. Der präzise Ausdruck, den Darwin selbst in seinem epochenrachcndcn Werke seiner Lehre gegeben hat, lautet:„Ich bin vollkommen überzeugt, daß die Arten(Spezies) nicht unveränder- lich sind, daß die zu einem sogenannten Genus zusammengehörigen Arten in einer Linie von anderen, gewöhnlich erloschenen Arten abstammen in der nämlichen Weise, wie die anerkannten Varietäten einer Art Abkömmlinge dieser Art sind." Wenn aber die Ahnen der jetzt lebenden Arten(Spezies) als gemeinsame, das Genus re- präsentierende Stammformen auf der Erde in früheren gcologi- schen Epochen gelebt haben, muß sich da nicht auch für das Genus Mensch, das jetzt in so verschiedenartige Varietäten zerfällt, die gemeinsame Stammform, der Urmensch, in den Erdschichten frühe- rcr Wcltaltcr nachweisen lassen? So lautet die neuerdings wieder aufgeworfene Frage nach dem Urmenschen: Run erinnerte man sich wieder, daß schon lange Funde von Menschcnknochen und sogar von rohen, doch zweifellos vom Menschen herrührenden Artefakten signalisiert worden waren, aus denen man auf eine Gleichzeitigkeit des Menschen mit den wichtig- sten diluvialen Tieren schließen durfte. Bald gelang es der wissenschaftlichen Forschung, mit aller Bestimmtheit zu bc- weisen, das; der Mensch wirklich schon in der der jetzigen gcologi- schen Epoche, dem Alluvium, vorausgehenden Tiluvialepochc trotz des Cuvierschen Dogmas gleichzeitig mit den großen diluvialen Dickhäutern und ihren Genossen in Europa gelebt habe. Aber wie sehr hatte sich inzwischen in den Anschauungen der Wissenschaft der Begriff des Cuvierschen Diluviums verändert! Wenn es einst aus der Anwesenheit von Ticrformen. die heute nur noch in tropischen Gegenden gefunden werden, wie Elefant, Löwe usw.. festgestellt scheinen konnte, daß in der Diluvial- oder Ouar- tärcpoche, wie man sie in der Reihe der vier großen geologischen Weltzeitaltcr nennt. Europa ein warmes, ja tropisches Klima bc- sesscn habe, so daß nian sich den europäischen Urmenschen in einem Paradiese unter Palmen wandelnd denken durfte, schien nun in dem Lichte neuer Erfahrungen kn jener Epoche der ganze euks- päische Kontinent, ja wohl die ganze Erde, von Eis zu starren. An die Stelle der„großen Flut" und als unmittelbare Ursache der zweifellos auf Wirkungen mächtiger Waflermassen hindeutenden Erscheinungen des geschichtlichen Diluviums war die Annahme der Eiszeit getreten, die zunächst als allgemeiner„Schüttelfrost der Erde" aufgefaßt wurde, der auf die Fieberhitze eines vorausgehen- den allgemein wärmeren Klimas in der Tertiärepoche gefolgt wäre. DaS einstige Paradies der europäischen Urmenschen erschien in eine froststarrende Eis- und Schneewüste verwandelt. Die neueste Zeit ist von so extremen Ansichten wieder zurück- gekommen. Die getvaltigen Eisbedeckungen, von denen man den Begriff der Eiszeit abgeleitet hatte, erscheinen uns jetzt nicht mehr als ein gleichzeitig und allgemein über die Erde verbreitetes, son- dcrn als ein überall lokal beschränktes und in der nördlichen und südlichen Erdhemisphäre vielleicht zu verschiedenen Zeiten auf- getretenes Phänomen. Damit werden uns auch die Verhältnisse des Menschen während der Eiszeit verständlicher, kleines Feuilleton. Aus dem Pflanzenleben. Die Sinne der Pflanzen. Daß Pflanzen sehen, fühlen und schmecken und auch ein elementares Richtungsempfinden haben. erscheint dem Biologen Coupin, der hierüber in..La Revue"(Paris) berichtet, unzweifelhaft. Natürlich sollen diese Eigenschaften: Sehen, Fühlen, Empfinden usw. nichl in menschlichem Sinne auf- gefaßt werden; man spricht davon ohne diese Uebcrtragung auch bei der niederen Ordnung tierischen Lebens. Das Sehvermögen eines Insekts ist von ganz anderer Art, als das eines Menschen; noch geringer natürlich ist das Sehvermögen einer Pflanze. Was der Gelehrte mcmt, ist dies: Pflanzen reagieren auf die sie um» gebenden Anrcizungen und unterscheiden sogar zwischen diesen, so daß man bei ihnen auf ein gewisses Empfindungsvermögen schließen kann— das Wort im weitesten Sinne gebraucht. Am höchsten entwickelt in diesem Sinn ist wohl das Gesicht der Pflanzen; es ist ja bekannt, daß Pflanzen unter den schwierigsten Verhältnissen immer das Streben zeigen, ihre Blätter dem Licht zuzuwenden. Dieselbe Sensibilität dem Licht gegenüber haben die Wurzeln, jedoch mit dem Unterschied, daß sie das Licht meiden. Es gibt da ein verblüffendes Beispiel für den Einfluß des Lichts auf die mikroskopische Alge, die zahlreich im Wasser vorhanden ist und die Macht der Bewegung hat. Wenn etwas von dem grünlichen Wasser, da? in Sümpfen steht, in eine durch Lampenruß äußerlich geschwärzte Glasröhre getan wird, auf die man ein Wort schreibt, derart, daß der Lampenruß, die Linien der Schriftzeichen der- folgend, ausgekratzt wird, so wird man folgende Wahrnehmung machen: das Licht fällt durch die Buchstaben in die Glasröhre, die Alge wird sich an diesen Stellen sammeln, und wenn man die Röhre nach ein- bis zweitägigem Stehen in der Sonne von dem übrigen Lampenruß reinigt, so wird das Wort durch grüne Algen geschrieben auf dem Glas erscheinen. Stark entwickelt ist auch das Gefühl der Pflanzen. Es gibt solche, die bei der leisesten Berührung ihre Blättchen zusammen- schließen. In neuerer Zeit hat man die empfindungsfähigen Pflanzen eingehend studiert und dabei ein fein verzweigtes Gewebe von Zellen entdeckt, die miteinander durch winzige Uebergänge aufs wunderbarste verbunden und zusammengefügt sind, wie ein Netz von Nerven, das jeden fühlbaren Eindruck der übrigen Pflanze über- mittelt. Das Blatt der„Venusfliegcnfalle" schließt sich beispiels- weise sofort, wenn ein Uisekt sich plötzlich darauf niederläßt und fängt somit den Eindringling. Es ist jedoch festgestellt, daß die Bewegung nur dann entsteht, wenn eins der drei feinen Härchen im Innern des Blattes berührt wird. Man kann also mit Recht sagen, daß die Pflanze fühlende Organe besitzt, genau so, wie sie sich in der Epidermis der meisten Tiere befinden. Was den Geschmack betrifft, so besteht nach Coupin kein Zweifel darüber, daß er bei den niederen Pflanzenartcn, wie der Alge, existiert. Wenn man beispielsweise dem Wasser, in dem sie leben, andersartige Teile beifügt, so werden nur einige davon von der Alge aufgenommen. Es zeigt sich, daß sie die Fähigkeit besitzt» Gerüche wahrzunehmen und zu wählen, was bei den höher kulti- vierten Gewächsen schwerer festzustellen ist. Man kann auch die Beobachtung machen, daß, sobald man auf das Blatt einer fleisch- fressenden Pflanze(z. B. Sonnentau) ein Insekt setzt oder ein Stückchen Fleisch legt, die Fühlfäden, mit denen eS bedeckt ist, diese Dinge erfassen, während sie gegenüber nicht nahrhaften Stoffen völlig bewegungslos bleiben. Schließlich kann man neben diesen Eigenschaften noch von einem besonderen Richtungssinn sprechen. Man bringe eine vcrti» kale Wurzel in horizontale Lage und sie wird alsbald ihre äußersten Spitzen dem Mittelpunkt der Erde zuneigen. Tut man das gleiche mit einem Stengel, so wird er sich in entgegengesetzter Richtung dirigieren, gegen den Zenith. Die Physiologen nennen diese Er- schcinung Geotropismus. Dieser Sinn ist hochentwickelt in der Pflanzenwelt und die Gewächse reagieren auf empfindliche An- rcizungcn mit unfehlbarer Sicherheit._ Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtSBuchdruckereiu.VerlagSanitnltPaulSingertCo.,BerllnLW.