Unterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 39. Sonnabend, den 24. Februar 1912 (Naqdru« wtsoten.) 39) pelle der Gröberer. Der große Kampf. RoMaik vön MartinAnderfenNexö. Man besteuerte sich selbst und stahl sich die Bissen vom Munde ab. um die Verbandskasse zu kräftigen, in blinder Ueberzeugung, daß doch noch irgend etwas Wunderliches aus dem Ganzen herauskommen müsse. Tie Armen brachten Vermögen zuwege durch Hunger. Entbehrung und Tränen und hatten dafür die Befriedigung, daß sie doch reich waren durch ihre Organisation. Indem sich viele zusammenschlössen, schmeckten sie die Süße des Reichtums: und dankbar, wie sie waren, betrachteten sie schon das als ein Ergebnis. Das Ge- fühl des Wohlstandes stellte sie über die Unorganisierten, in sozialer Beziehung fühlten sie sich ihnen überlegen. In den �achvcrein einzutreten, bedeutete jetzt einen Aufstieg in der Gesellschaftsordnung. Das bewegte viele, und andere wurden durch starke Kontrolle von den Hausbewohnern in den Verein hineingetrieben. Die großen Arbeiterkasernen wurden all- mählich von den Ideen durchsäuert: lvcr sich ihnen nicht an- schließen wollte, mußte verziehen, sie wurden als eine Art Abschaum betrachtet und konnten sich nur in bestimmten Stadt- vierteln aufhalten. Jetzt schien es nicht mehr unmöglich zu sein. Festigkeit in die Organisation hineinzubringen, und etwas für das Fach auszurichten, falls sich ein tüchtiger Mann an die Spitze stellte. Daß die meisten daheim in ihren Logis arbeiteten, konnte sie nicht länger unsichtbar machen, die Bewegung hatte überall Augen. Pelle ertappte sich dabei, daß er dasaß und Pläne für den Fortgang der Bewegung machte. Er wies es von sich und richtete sein ganzes Sinnen auf Ellen und das Kind. Was hatte er mit fremder Not zu schaffen, wenn die beiden all seiner Fähigkeiten und Kräfte bedurften, um nur das Notwendige zu haben? Er hatte sich genug gequält unter dem Druck des Elends— zu keinem Zweck! Und hatte seine Befreiung hier gefunden in einer ge- segneten Tätigkeit, die zu bewältigen war, wenn er nichts versäumte! Was sollte dann dies inwendige Mahnen, als versündige er sich gegen seine Pflicht? Er brachte die innere Stimme zum Schweigen durch seine Freude über die beiden. Aber sie kam hinterlistigcrweise wieder und spukte schattenhaft in seinem Gemüt. Zuweilen rief etwas, wenn er ruhig dasaß: Pelle, Pelle! oder es klopfte mitten in der Nacht. Dann richtete er sich lauschend im Bett auf. Ellen und das Kind schliefen fest, er hörte den Atemzug des kleinen Lasse wie weiches Flöte», er ging zur Tür und öffnete, schüttelte dann den Kopf über sich selbst. Das war ja eine Mahnung, jemand von denen, die ibm nahestanden, mußten Not leiden? In dieser Zeit stürzte er sich mit all seiner Heftigkeit in das Zusammenleben mit Ellen und dem Kinde: er lebte so stark mit ihnen, als stünde er vor einem schleunigen Aufbruch. Sie hatten sich einen Kinderwagen auf Abzahlung an- geschafft, jeden Sonntag packten sie Butterbrote in die Ltlappe und rollten dann hinaus nach dem Gemeindcangcr oder kehrten in einem Wirtshausgarten in der Umgegend der Stadt ein, wo sie ihre mitgebrachten Vorräte verzehrten und 5taffee tranken. � Oft zogen sie auch den Strandweg entlang und fuhren ganz bis in den Wald hinaus. Lasse-Frederik, wie ihn Ellen nannte, thronte in all seinem Staat im Wagen und glich einem kleinen Götzen, und Pelle und Ellen fuhren ihn abwechselnd. Ellen wollte das nicht.„Es ist nichts für einen Mann, den Kinderwagen zu fahren," sagte sie.„Tu wirst auch nicht sehen, daß irgendein anderer das tut! Sie lassen ihre Frauen hübsch den Rumpelkasten schieben." „Was geben die andern mich an," erwiderte Pelle,„ich halte ja kein Pferd." Sie sandte ihni einen dankbaren Blick zu, mochte es aber trotzdem nicht gern. Da draußen hatten sie herrliche Stunden. Der kleine Lasse durfte umherkrabbeln, so viel er wollte, und es war ganz wunderbar, wie er sich tummeln konnte: er lvar wie ein ausgelassener junger Bär.„Ich glaube, er kann die Erde unter sich spüren." sagte Pelle, der seinen eigenen Kindheits- rausch wiedererkannte. „Es ist doch ein Jammer mit den Kasernen da drinnen!" Ellen sah ihn verständnislos an. Sie kamen nicht vom Fleck. es genügte ihnen aber, dazuliegen und sich über das Kind zu freuen, wenn sich der Kleine plötzlich auf den Hintern setzte und sie verwundert ansah, als entdeckte er sie erst jetzt.„Nun fängt er an zu denken," sagte Pelle lachend.„Du kannst mir glauben, er ist hungrig. Und Klein-Lasse krabbelte ganz rich- tig zur Mutter hin. stieß mit dem Billen der Hand au ihre Brust und sagte: Mamm, Mamm! Pelle und der Kinder- »vagen mußten sich davorstellen, während er gefüttert wurde. Wenn fie nach Hause kamen, war es Abend. War die Fußmatte fortgerückt, so war jemand dagetvescn,»»m sie zu besuchen: aus der Stellring konnte Ellen erkennen, wer es »var. Einmal stand sie aufrecht an der Wand. „Das ist Dein Onkel Zimmermann," sagte Pelle leise. Der kleine Lasse hing schlafend auf seinem Arn», den Kopf gegen seine Schulter gelegt. „Nein, Kusine Annas sind eS gewesen," erwiderte Ellen und öffnete.„Gott sei Dank, daß wir nickt zu Hause waren, denn dann hätten wir die ganze Bescherung zu Abend gebabt. Sie essen des Sonntags nie was zu Hause, sondern trinken. bloß einen Schhick Kaffee und dann gehen sie herrnn und rfessen die Verwandten aus ihrcin Haus hinaus." 18. Pelle dachte oft mit Sorge an die drei Vertvaistcn in der „Arche". Sie lernten nichts, ivas ihnen für die Zukunft zu- gute kommen konnte, sondern hatten nur damit zu tun, sich durchzuschlagen. Die schlechten Zeiten trafen auch sie, nament- lich litt Karls Verdienst darunter: die Leute kargten mit den Trinkgeldcrir. In diesen Zeiten hatten sie nie mehr als einen Tag Vorsprung vor dein Mangel, das geringste Unglück brachte es ihnen auf den Leib. Aber sie ließen sich nichts davon merken, wurden nur ein»venig ernsthafter und stiller als sonst. Er hatte sich an verschiedenen Stellen erkundigt, um ihnen Hilfe zu schaffen, aber es ließ sich nichts machen, wenn sie nicht zugleich auscinandergerissen wurden. Alle. die imstande waren, ihnen zu helfen,»viirden auch gegen diese kleine Häuslichkeit einschreiten: und das würde das schlimmste sein, nms den Kindern zustoßen konnte. Wenn er zu ihnen kam, hatte Marie immer genug zu erzählen und zu fragen: er war noch ihr einziger Vertrauter und mußte ihre häuslichen Sorgen anhören und ihr Rat er- teilen. Sie schoß jetzt hoch auf und sah frischer a»ls als früher, seine Gegenwart brachte Freude in ihre Augen und machte ihr rote Wangen, lieber Vater Lasse hielt sie Lob- reden in gerührten» Toi», als sei er ein kleines hilfloses Kind: aber wenn sie nach Ellen fragte, blitzte ein»venig Schaden- freude in ihren Augen. Eines Vormittags, als er daheim saß und arbeitete und Ellen mit dem Kind aus war, schellte es. Er ging hinaus und öffnete. Im kleinen Briefkasten steckte eine Nuinmer des„Arbeiters" mit der Aufforderung, die Zeitung zu halten. Eifrig öffnete er das Blatt,»rährend er sich wieder an den Arbeitstisch setzte: ein merkwürdiger Drang in ihm veran- laßte ihn. zu allererst die Unglücksfälle zu durchlaufen. Er zuckte zusammen. Obenan in der Rirbrik stand von einem vierzehnjährigen Jungen, der in einer Blechwaren- fabrik arbeitete und dem die Finger der rechten Hand abge- schnitten waren. Eine Ahnung sagte ihm, daß das Unglück über die kleine„Fainilie" eingebrochen fei: er zog schnell eine Jacke an und lief in die„Anhe" hinüber. Marie kan» ihn» unruhig entgegen.„Kannst Du be- greifen, was es mit Peter ist? Er ist über Nacht nicht zu Haus? gctveseu!" sagte sie bekümmert.„Viele Jungen streifen ja des Nachts aus den Straßen herum: aber so ist Peter bisher nie gewesen, und ick habe sein?ssen bis Mitternacht warn» gehalten. Vielleicht ist er in sastechte Gesellschaft ge- rate», dachte ich." Pelle zeigte ihr den„Arbeiter". Binnei» kurzem würden die Be»vohner der„Arche" die Notiz bemerken und dann damit hereingestiirzt komme»». Da war es doch besser, er be» rettete sie vor.„Aber es ist ja gar nicht sicher," sagte er er- numtemd.„Vielleicht ist er es überhaupt nicht." Marie brach in Tränen aus:„Ja natürlich ist er es! Ich bin so oft in Sorge uinhergegangen, wenn er von den scharfen Messern erzählte, die immer zwischen ihren Fingern herumlaufen. Und orgentlich in acht nehmen können sie sich ja auch gar nicht, denn es muß schnell von der Hand gehen, sonst kriegen sie ihren Abschied. Äch, lieber, armer Peter!" Sie war auf dem Stuhl niedergesunken, saß da und wiegte sich über ihren Schoß wie eine unglückliche Mutter. „Sei nun erwachsen und vernünftig," sagte Pelle und legte die Hand auf ihre Schulter.„Vielleicht ist es gar nicht so schlimm: die Zeitungen übertreiben immer. Nun will ich hinlaufen und sehen, daß ich ihn auffpüren kann." „Geh doch erst in die Fabrik," rief Marie und erhob sich energisch,„da wissen sie es natürlich am besten. Aber Du darfst auf keinen Fall sagen, wo wir wohnen, hörst Du! Denk daran, daß wir nicht zur Schule gewesen sind, und er ist auch nicht beim Pfarrer angemeldet, um konfirmiert zu werden. Wir können bestraft werden, wenn man das entdeckt." „Ich will mich schon in acht nehmen," sagte Pelle und pilte von dannen. Draußen in der Fabrik erhielt er den Bescheid, daß Peter im Hospital liege. Er lief dahin und kam gerade noch recht- zeitig zur Besuchszeit. Peter saß aufrecht im Bett, die Hand in einer Binde: sie sah wunderlich verkrüppelt in der Binde aus. Und in das Gesicht des Knaben hatte der Gram schon die tiefen, unauslöschlichen Spuren hineingetreten, die so . traurig die Invaliden der Arbeit kennzeichnen. Die sürchter- liche Tragweite der Verstüiumelung stand in seinem grübeln- den Kinderblick geschrieben. lForisetzung folgt.) lNackdriick verraten.) CKaälcKi-l�iirat:. 20) Bon Leo Tolstoi. Der Tatbestand war folgender: Der junge Mensch war bereits zweimal im Examen durgcfallen, und als nun der Examinator ihn zum drittenmal durchfallen ließ, ergriff der krankhaft nervös veranlagte Prüfling, in der Meinung, daß er ungerecht behandelt werde, ein auf dem Tische liegendes Icdcmneffer und brachte da- mit in einem Anfall von Raserei dem Professor einige unbedeutende Wunden bei. „Wie heißt der Bursche?" fragic Nikolaus. „Brzozowski, Ew. Majestät." „Ein Pole, wie?" „Er ist polnischer Abstammung und Katholik," antwortete itschernhfchew. Nikolaus runzelte die Stirn. Er hatte den Polen schweres Un- rcclit zugefügt, und um dieses Unrecht zu rechtfertigen, mußte er in sich die Ueberzcugung erhalten, daß alle Polen Schurken seien. Und er hielt sie. in der Tat dafür und Hatzte sie: er haßte sie in dem Matze, wie er ihnen unrecht getan hatte. „Warte ein Weilchen," sagte er, schloß die Augen und senkte den Kopf. Tfchernhschcw kannte diese Gewohnheit des Zaren, sich,' wenn es palt, irgendeine wichtige Angelegenheit zu entscheiden, für einige Augenblicke zu konzentrieren, als wenn eine Erleuchtung über ihn käme und eine innere Stimme ihm sagte, was er zu wn habe. Die so zustande gekommene Entscheidung sollte gleichsam von selbst er- wachsen und über jeden Zweifel erhaben erscheinen. Auch diesmal sann er in solcher Selbstversunkenheit über eine Entscheidung nach, die seinem durch das Verhalten dieses Studenten neu belebten Hasse gegen da? Polcntum Befriedigung aewährte, und die innere Stimme fand denn auch eine Lösung, die diesen Zweck erfüllte. Cr nahm den schriftlichen Bericht des Ministers über die Angelegenheit des Studenten zur Hand und machte dazu in seiner unnatürlich großen Schrift die nacküolgende Marginalbemerknng: „Er verdient die Todesstrafe. Doch gibt es bei uns, Gott sei Dank, keine Todesstrafe. Und es ist nicht mein Wille, sie einzu- Jührcn. Er soll zwölfmal an tausend Mann vorübergeführt wer- cn. Nikolaus." � Nikolaus wußte, daß zwölftausend Spießrntenhiebe einen qualvollen, sicheren Tod bedeuteten, ja daß die Verhängung einer solckien Strafe geradezu eine wollüstige Grausamkeit dokumentierte, tm bereits fünftausend Hiebe genügten, um den stärksten Mann zu töten. Aber es bereitete ihm eben einen besonderen Genutz, un- «rbittlich grausam zu sein und sich dabei sagen zu können, daß es �bei uns keine Todesstrafe gebe". Nachdem er seine Resolution betreffs des Studenten hin- geschrieben hatte, schob er das Schriftstück wieder dem Minister hin. »Da— lies", sagte der Zar. Tschcrnhschew las die Randbemerkung und nickte zum Zeichen seines ehrerbietigen Erstaunens über die Weisheit der gefällten Entscheidung mit dem Kopfe. „Za— und alle Studenten sollen auf den Platz geführt werden und der Exekution beiwohnen," fügte Nikolaus hinzu und dachte dabei im stillen:„Es kann ihnen nicht schaden— ich will diesen revolutionären Geist mit der Wurzel ausrotten." „Zu Befehl," sagte Tschernhschew, schwieg dann«in Weilchen und kam nochmals auf seinen Bericht über die kaukasischen Vor- gänge zurück.,> „Was befehlen also Ew». Majestät an den Fürsten Woronzowi zu schreiben?" „Er soll sich streng an mein System halten— soll ihre Wohn- stätten zerstören, soll' der Tschetschna die Verproviantierung un- möglich machen und sie immer wieder durch Ueberfälle beun» ruhigen", sagte Nikolaus. „Und was soll betresfs Chadschi-Murats geschehen?" fragte Tschernhschew. „Nun, Woronzow schreibt doch, daß er sich im Kaukasus seinev Person bedienen will." „Ist das nicht zu gewagt?" versetzte Tschernyschew, indem et dem Blicke des Kaisers-auszuweichen suchte.„Ich fürchte, daß dcv Statthalter zu vertrauensselig ist."> „Und was meinst Du denn?" fragte Nikolaus, der Tscherny* schews Absicht, den Vorschlag Woronzows in ungünstigem Lichte darzustellen, sehr wohl durchschaute. 9 „Ich meine, daß es entschieden ungesährltcher ist, ihn nach Ruß» land zu senden." „So— das meinst Du!" sagte Nikolaus svötiisch.„Ich aber meine das nicht, sondern gebe Woronzow recht. Schreib ihm in diesem Sinne.". „Zu Befehl," sagte Tschernyschew, stand auf und verneigte sich zum Abschied. Auch Dolgoruki„ der während der ganzen Audienz nur, alS Antwort auf ein« Frage des Zaren, ein paar Worte über die Truppenverschiebungen an der Westgrenze geäußert hatte, verab» schiedet« sich vom Kaiser. Nach Tschernyschew kam der Generalgouverneur der West- Provinzen, Bibikow, zum Wort. Er berichtete über die Maßnahmen. die er gegen die aufrührerischen, der Bekehrung zum orthodoxen Glauben widerstrebenden Bauern angewandt hatte, und der Kaiser billigte diese Maßnahmen und befahl ihm, olle diejenigen, die den Gehorsam verweigerten, vor ein Kriegsgericht zu stellen. DaS hieß nichts mehr und nichts weniger, als sie zum Spießrutenlaufen verurteilen. Einen Zeitungsredakteur, der in seinem Blatte, den Tatsachen gemäß, berichtet hatte, daß auf Befehl des Kaisers einige Tausend Staatsbauern in ApanagÄauern umgeschrieben worden seien, befahl er. als gemeinen Soldaten in ein Regiment zu stecken. „Wenn ich die Bauern habe umschreiben lassen, so geschah eS darum, weil ich diese Maß«gel für notwendig hielt." sagte der Zar.„Jedenfalls gestatte ich nicht, daß jemand darüber räsoniert." Bibikow begriff sehr wohl die ganze Grausamkeit der Anord» nung, daß die zur unierten Kirche gehörenden Bauern, falls si« nicht" zur rnsiifchen Kirche gehörenden Bauern, falls sie nicht zur russischen Kirche übertraten, vor ein Kriegsgericht kommen sollten. Er begriff auch, welche Ungerechtigkeit darin lag, daß jene Staats- dauern— die einzige Kategorie von freien Bauern, die es zu jener Zeit in Rußland gab— nun plötzlich in Aponageoauern. das heißt in Leibeigene der kaiserlichen Familie, umgewaobelt werden sollten. Er durfte es jedoch nicht wagen, gegen diese Anordnung einen Ein- wand zu erheben. Dem Kaiser zu widersprechen, hieß für ihn nichts andere?, als sich der glänzenden Position berauben, die er durch so viele Jahne innegehabt und weidlich ausgenützt hatte. Er verneigte daher gehorsam seinen dunllen, graumelierten Kopf, zum Zeichen» daß er bereit sei, die kaiserlichen Befehle, die ebenso grausam wie unvernünftig und eigennützig ivaren, zur Ausführung zu bringen. Als Bibikotv entlassen war, streckte Nikolaus im Bcwutztseilr seiner redlich erfüllten Pflicht behaglich seine Glieder, sah auf die Uhr und erhob sich, um sich in den Empfangssaal zu begaben. Er legte seine Uniform mit den Epauletten, den Orden und dem großen Band um und trat in den Saal hinaus, in dem bereits über hundert Menschen, Herren in Uniform und Damen in kostbarei« ausgeschnittenen Kleidern, sich in fest bestimmter Ordnung auf» gestellt hatten, um zitternd und zagend das Erscheinen des Gcwal- tigen zu erwarten. Mit leblosem Blick, die Brust weit vorstreckend und den ein- geschnürten feisten Leib nach Möglichkeit einziehend, trat er zu den ihn Erwartenden hinaus. Er fühlte, daß aller Augen mit dem Ausdruck sklavischer Demut tmf ihn gerichtet waren, und nahm eine noch feierlichere Miene an. Da und dort fiel ihm ein bekanntes Gesicht auf, er suchte sich zu erinnern, wen er vor sich habe, blieb stehen, sprach auf russisch oder französisch ein paar Worte und> hörte mit einem kalten Ausdruck der leblosen Augen die Erwide- rung des Angesprochenen an. Nachdem der Zar die Glückwünsche zum neuen Jahre emp» fangen, begab er sich in die Kirche. Wie die Menschen da drinnert im Empfangssaal, so hieß nun auch Gott ihn durch seine Diener willkommen, und er nahm die ihm von den Würdenträgern der Kirche entgegengebrachten Huldigungen, obgleich er sie schon bis zum Uebcrdrusse oft vernommen hatte, mit Genugtuung«ntgegert, Alles das mußte so sein, weil von ihm das Heil und Glück der xanz-cn Tcr{ ablzin?. und Kenn die Sache ihn auch ein tvenig an- Lnü, so Wollte er oca) der Welt seine guten Dienste nicht vorent- halten. Als nach Beendigung des Hauptgottesdienstes der prächtig an- gezogene, glatt gescheitelte Diakrm das Zarenlied„Viel Jahre lang" anstimmte und der Sängerchor mit seinen herrlichen Stimmen me- lodisch«infiel, ließ Nikolaus seinen Blick durch das Gotteshaus schweifen und bemerkte an einem der Fenster die Nelidowa mit ihren prächtigen Schultern. Er verglich sie noch einmal mit dem jungen Mädchen von gestern, und der Vergleich fiel nicht zugunsten der kleinen Schwärmerin aus. Nach dem Gottesdienst begab sich Nikolaus zur Kaiserin und brachte, mit seinen Kindern und seiner Gemahlin scherzend, einige Minuten im Familienkreise zu. Dann ging er durch die Eremitage zum Hausmimster Wolkonskij und wies ihn unter anderem an, aus seiner Privatschatulle der Mutter deS jungen Mädchens von gestern eine Jahrespension zu zahlen. Kon dort aus unternahm er seinen gewohnten Spaziergang. Das Diner wurde an jenem Tage im Pompejanischen Saale eingenommen; außer den jüngeren Söhnen des Zaren und des Großfürsten Michail waren der Baron Lioven, Graf Rzewuski, Dolgoruki, der preußische Gesandte und der Flügeladjutant des Königs von Preußen zur Tafel geladen. Während die Gäste die Ankunft des Kaiserpaares erwarteten, hatten Baron Lieven und der preußische Gesandte miteinander ein interessantes Gespräch über die letzten alarmierenden Nachrichten, die aus Polen eingegangen waren. „Polen und Kaukasus sind die beiden Krebsgeschwüre Ruß- lands," sagte Lieven.„Wir brauchen ungefähr 100 000 Mann in jedem der beiden Länder." Der Gesandte stellte fich höchst verwundert über diese Mit- teilung. „Polen, meinen Sie..." sagte er. „Jawohl, es ist ein Meisterstück Metternichs, uns diese Last aufgebürdet zu haben..." In diesem Augenblick trat die Kaiserin mit dem wackelnden Kopfe und dem erstarrten Lächeln im Gesichte ein. und gleich nach ihr kam auch Nikolaus. Bei Tisch erzählte Nikolaus von der Waffenstreckung Thadschi- Murats. Er fügte hinzu, daß der Krieg im Kaukasus nun wohl bald infolge seine» Befehl», die Bergbewohner durch Niederschlagen des Waldes und Errichtung eineS Festungsgürtels zurückzudrängen, ein Ende nehmen werde. Der Gesandte warf dem Flügeladjutanten einen Blick zu; noch an diesem Morgen hatten sie miteinander über die unglückliche Schwäche des Zaren, sich für einen großen Strategen zu halten, ge« sprachen. Jetzt erging sich der Gesandte in lauten Lobeserhebungen über den Kriegsplan des Zaren, der wieder einmal seine glänzende strategische Begabung ins rechte Licht gesetzt habe. (Fortsetzung folgt.) SckmieÄeeisen. (Ausstellung im Kunstgewerbemuseum.)») Gibt es etwas, wa» den Willen zur Form deutliche» zum Ausdruck brächte, al» da« der Hammer tut, der mit schweren Schlägen das Eisen bändigt? Der Schmied, der den kantigen Stab dehnt oder staucht, fich biegen und winden macht, der ihn spaltet, der einen an den anderen schweißt,«inen durch den anderen hin- durchsteckt, der Schmied ist ein prachtvolles Symbol vom Siegen der bildlichen Vorstellung über die Zähigkeit des Stoffes. Leider war uns der Anblick solcher muskulösen Leidenschaft während der letzten Jahre nur selten gegönnt; die Schmicdelunst war durch den Guß und durch eine Reihe anderer Surrogate, vor allem durch das maschinelle Stanzen von Blechen, verdrängt worden. Zu einem Teil hatte sie sich auch selber Schaden zugeführt;, sie hatte die Mög- lichkeiteN ihres technischen Könnens überspannt, sie ergötzte sich cm Wetteifern mit der natürlichsten Natur. Die Schmiede machten aus Eisen Rosen, die wie gewachsen aussahen, und Weinlaub, des ein wahres Wunde» zu sein schien, dabei aber jede Spur des Eiser- nen verloren hatte. Das waren für die Kunst des Schmiedens öde Zeiten. Nun soll eS wieder besser werden. Die Ausstellung, die im Lichthof des Kunstgewerbemuseums(besorgt durch den Direktor Peter Jessen, aufgestellt durch den Architekten Hans Bernoulli) zur Schau steht, zeigt, daß auch die Schmiedekunst an dem Wieder- erwachen der Handwerke teilnimmt. Die Ausstellung zeigt zugleich, daß die handwerkliche tüchtige Schmiedekunst, so sehr sie auch ihr technisches Können den alten Meistern entlehnt; sehr gut die aus der Gegenwart geborenen Formen zu zwingen vermag. Moderne Architekten haben sich in das Wesen des Eisens hineingelebt, tm •) Am Sonntag, den 25. Februar, ivird der Schmiedemeister Julius Schramm durch die Ausstellung führen. Fachgenossen und Freunde des Handwerks find eingeladen. Versammlung pünktlich um 11 Uhr in der Vorhalle des Museums« engsten Zusxmmenfühlen mit ihnen haben iberkfreudige� Meiste» des Hammers, das alte Handwerk erneuernd, eine neue Schmiede- kunst geschaffen. Es ist nun freilich noch nicht alles, was in dieser Ausstellung zu sehen ist, niustergültig. Es gibt sogar noch einige Gegenbeispiele« die sich hierher verliefen. So einen Feuerbock, der wuchtig ge- schmiedet scheint(beschnurrbarteie Drachen), und der mit eine« Hand hochzuheben ist— aus Blech. Es gibt auch noch Reliefs, mit der Hand getrieben, schwierige, aber völlig verfehlte Arbeiten; es ist eine Vergeudung an Energie, hämmern zu wollen, was der Pinsel viel leichter leisten kann. Man soll aus Metall keins Bilder schlagen. Auch sonst ist mancherlei nicht ohne Einwand an- zusehen. DaS große Tor, das in der Mitte des Lichthofes steht, ist gewiß ein anerkennenswertes Stück; doch wirkt es so merkwürdig dünn und trotz der Bronzierung im peinlichen Sinne billig. Das liegt an einem Doppelten; einmal wurden in der Tat dort Blecys verwandt, wo man nach dem Augeneindruck massives Eisen ver- muten würde, zum anderen gibt die Verteilung der Gitterfeldeo einen streifigen und löchrigen Eindruck. Das Tor links daneben, das der Wilmersdorfer Stadtbauinspektor Ritze gemeinsam mit den« Architekten Wolfgang Schütz entwarf, ist dagegen eine trefsliqs Arbeit. Von Schütz(ausgeführt durch Paul Golde) sehen wir noch zwei, drei sehr charakteristische Beleuchtungskörper. Einige Proben Iehren uns, daß auch Bruno Paul, Hcms Jessen, Möhring uno andere sich erfolgreich um eine neue Schmiedekunst mühen. Am meisten konsequent von allen arbeiten Petersen, Seeck, Bräuning und Bernoulli, die miteinander ihre Entwürfe durch den Schmiede» meister Julius Schramm ausführen lassen. Wobei es vielleicht! auch umgekehrt richtig ist: daß Schramm als der Führende miU jenen, den Architekten, arbeitet. Es wäre töricht, diesen Zusammen- hängen nachzuspüren; im Gegenteil, wir freuen uns an dem Widerspiel der Kräfte, an der Innigkeit, mit der hier Formen- denker und Materialbezwinger fich durchdringen. An einigen Stücken, die Schramm ohne Hilfe eines Architekten schmiedete, sieht! man deutlich, daß das Wesentliche all dieser Arbeiten eben das Schmiedhafte ist. Die kraftstrotzenden Meisterwerke aus Danzlgs Straßen, die straffen Rhythmen, auch das lustige Spiel der Gotih fühlen wir neubelebt. Ein Oberlichtgitter, wie es Petersen entwarf. droht mit gebundener Energie, ein anderes scheint bej sehniger Festigkeit fast zierlich. Ganz meisterhaft ist es, wenn! ein Stab durch Drehung aus der Fläche in den Hochkant wechselt, wenn dann an einzelnen Stellen noch Dornen abgespalten und! auswärts gebogen wurden. Sehr interessant sind auch oft die Ver- bindungsstellen bei längeren Geländern oder dergleichen; da sucht! Schramm nicht durch ein Zusammenschweißen von zwei Stücken dm endlose Reihe vorzutäuschen; sein handwerklicher Instinkt treibt» ihn, die Notwendigkeit des Nebeneinander, die Kunst der Vereint- gung, zu betonen. Von ganz besondere»» Reiz sind die Bünde (Gitter und Treppengeländer für das JoachimLtalsche Gymnasium), mit denen zwei aneinander vorbeigeführte Glieder zusammen» gehalten werden; in der Seitenansicht gibt das ein kerniges Relief, da? noch gesteigert wird, wenn etwa im Lauf eines Gitters das Hochkantige mit dem Spießkantigen wechselt. Zu dem Kräftigsten gehört der Prozeß des Durchsteckens, wenn eine Horizontale eine Vertikale durchdringen muß und nun nicht, wie in den Zeiten einer schlechten Technik, an ihr vorbeigvleitet, mit ihr bernuict wird, sondern kühn und energisch den getroffenen Widerstand durch, dringt. R. B, j�eiie lynfehe Anthologien erscheinen alljährlich in nicht geringer Zahl, und die besten, die schon vorhanden sind, wachsen zu hohen Auflageziffern empor. Mit dieser Gunst de-Z Marktes dürfte denn auck einige Verbindung haben, daß alte Gedichtsammlungen neu bearbeitet herauskommen: dickleibige Werke, die ihre Verleger mit erheblichen Kosten belasten. In Goethes AllerSzeit führt die eine Anthologie zurück:„WolfsS poetischer Haus schätz des Deutschen VolkeS". der von Dr. Heinrich Frankel erneut worden ist(Otto Wigand, Leipzig), ein Buch von über tausend Seiten. Die andere ist der. D e u t s ch e Dichter- w a l d", den Georg Schcrer vor gut 60 Jahren begründete und den jetzt der Münchener Literatnrmann Artur Kutscher bearbeitet bat(Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart). Beide Sammlungen stehen seitab der modernen Gruppe, die mit stofflichen An- ordnungen Neues, dos im Leben der Gegenwart wurzelt, schafft. Der Hausschatz ordnet nach Zeitgrnppen und Geburtsdaten, der Dichtcrwald halt sich an die alphabetische Reihenfolge. Jener will einen Neberblick über das lyrische Schöffen von alldeutschen Nr- zelten her geben, dieser setzt diesseits von Goethe, Schiller und den großen Romantikern an: bei den Dichtern, die feit den BefreinngS- kriegen auch das Leben ihrer Gegenwart wieder als Ouell deS lyrischen Schaffens gelten ließen. Bei der Neubearbeitung beider Sammlungen dürfte der in den bürgerlichen Schichten der letzten Generationen gut seßhaft gewordene Buchtitel eine Rolle gespielt haben. Der politischen Empfindlichkeit dieser bürgerlichen Schichten sind anZgiebig Opfer gebracht worden. Nicht daß die beiden Samm- lnngen fich grundsätzlich sozialen und politischen Stoffen verschlossen hätten! Aber wenn Kutscher, dem Vorgange SchereS folgend,»in beziig auf Erotik, aus Staats- und Weltanschauung gewisse Grenz- knien anerkannt' hat, so dedeutet das den Ausschluß der rebolu- tionären Lyrik, und vor der ist auch Frankel stillschweigend zurück- gewichen. Nur den verschwommenen politischen Radikalismus hat Kutscher gelten lassen, und wenn man überprüft was er von Heine, Lenau, Freiligrath, Beck, Pfau aufgenommen und nicht aufgenommen hat, so kann man nicht sagen, daß sein Satz:.Ich bringe hier da», was für den einzelnen Dichter und seine Zeit charakteristisch ist," in allen Teilen durchgeführt ist. Von Freiligrath fehlt alles, was auf das„Glaubensbekenntnis* von 1844 folgte I Und bei Heine fehlt ganz und gar jeder politische Ton l Mit Fränkels Auswahl steht eS nicht besser: bei Freiligrath fehlt alleS Politische überhaupt, Heine ist auch nur ärmlich bedacht, Grün, Pfau. Sollet desgleichen, und Karl Beck fehlt ganz und gar. Das drückt natürlich den Wert beider Anthologien sehr wesentlich herab. Wiegt man ihren künstlerischen Wert gegeneinander, so schnellt Fränkels Schale aufwärts. Seine Arbeit leidet an bedenklichen Un- gleichheitcn! ein Beispiel nur: Clemens Brentano ist nur mit zwei Gedichten gekennzeichnet, ebenso Maria Janitschek. aber einem Bewer sind dreizehn Gedichte eingeräumt. Wichtiges ist erst in einem er- gänzenden Anhang« mitgeteilt, und Wichtiges, wie die Beachtung des neuen PhantasuS von Arno Holz, fehlt auch dort ganz und gar, während notorische Banalitäten Aufnahme gefunden haben. Kutschers Arbeit ist in der Auswahl des einzelnen ästhetisch vollwertig, aber ihr Ziel, das für den einzelnen Dichter und seine Zeit Charakteristische zu geben. erreicht sie nicht, weil sie durch die alphabetische Anfreihung daS Aufkommen zedeS intensiveren Zeitgefühls unmöglich macht. Auch Anthologien sind Kinder ihrer Zeit, und ihr Recht, historisches Dokument zu fein, sollte nicht geschmälert werden. Wer heute eine lyrische Anthologie schaffen will, must vor allem von der �anz anderen Bedeutung ausgehen, die der Lyrik heute zu- gefallen ist. Wir stellen— anders als eine ältere Vergangenheit— die Litcraturkennerschaft weit hinter den lebendigen Wert der Dichtung zurück, und den hat weder Frankel noch Kutscher durch eine originelle, sieghaft eindrucksvolle Form herausgearbeitet. Die Werke beider haben schliesslich nur das eine Verdienst, aus den Schatz- kammern deutscher Lyrik mancherlei Einzelnes besier sichtbar gemacht zu haben, das freilich ein besieres Los verdient als das Blühen im Aerborgcnen. In dieser Hinsicht hat Kutscher entschieden den An- spruch auf besonders hohen Dank. Er bat ja auch bei anderen Ge« legenhciten genugsam bewiesen, tust er der deutschen Lyrik und ihren Dichterpersönlichleiten mit Wissen und Empfinden eindringend nahe steht. So gibt er uns wohl einmal eine Anthologie, die' auch der Form nach als eine Bereicherung unseres Voltsbesitzes gelten kann. In diesen Besitz fügen sich vielleicht zwei Sammlungen Volks- lieder ein, die in jüngster Zeit entstanden: Georg WehrS Samm- lung„A u S Volkes Mund und Herz*, die von der Berliner Freien Lehrcrvereinigung für Kimstpflege bei R. Voigt- ländcr-Leipzig in schlicht hiibsi�nn äussern Gewände herausgegeben wurde(1,80 Marks, und Joseph Beifus'„Die b u n t e G a r b e*, die bei Martin Möricke in München herauskam. Beide Sammlungen liehen in der Aufordnung ihres Stoffs alles Literarische beiseite. Wehr las ans der Fülle der alten Volkslieder da? aus, was heute noch im Volksmmide lebendig ist oder doch der lyrischen Art nach sein könnte. Er ist der Ueberzeugung, dag der alte lebendige Volksgesang im Eilöschen begriffen und dah seine Wiederbelebung'anssichtslos ist. und will nun durch ein Volksbuch die Freude am Schönen, Gemüthaftcn und Humorvollen des allen Volksliedes sichern. Sein Buch, das die Lieder nach ihrem Sinn in guter innerer Geschloffenheit aufreiht, gewinnt man lieb. Joseph BcifuS greift die Aufgabe von anderer Seite ans an. Wenn schon da? alte Volksliedgut zerbröckelt und verweht, so schafft doch zugleich das Voll an anderen neuen Voltsliederir, und auf diesem Gegen- wartSfelde heimste Beifns nun Ernten ein. Sein Buch hat eine flotte Frischei>nan wandert darin wie am hellen Tage und spürt die Vergaiigenheitsstimmungcn nicht, die in andern Volkslieder- sammlungen so mächtig sind. BeifuS baute eben sein Buch aus Liedern, die er selbst singen hörte: auf der Landstrahe, am Herde, in der Schenke, in den Winkeln und Gassen der Städte. So steht Altes und Neues in eigenartiger Mischung beieinander und daS gibt den besonderen Klang. Ueber die Zukunft des Volksliedes denkt Beifus sebr optiinistisch, und manchmal zaudert man beim Lesen des Nachwortes. Er hält die Kaserne heute für die vorzüglichste Pfleg- stätte des Volksliedes, nennt sie eine Art von Liederbörsc. die den Austausch und die Ausbreitung über das ganze Land erleichtere, und läht sich nickt ängstigen durch das unheimlich Schnelle, mit der Gassenhauer, Tingeltangel- und Opcrettcnlicder in die entlegensten Gegenden dringen. Ihn tröstet die Tatsache, daß sich diese Lieder nicht lange lebendig erhalten. Aber das Verderbliche liegt hier wohl vor allein darin, daß sie dem Besseren den Weg versperren und das einst reichgcwellte Gelände der Volksliederdichtung zu öder, platter Einförmigkeit abwalzt, die dem mamiigfaltig Volkseigenen den Wurzelbode» schmälert. Daß BeifuS nicht ebenso aufmerksam wie die Lieder die Knudenlieder beachtet, bringt eine Lücke in sein Buch. Die Gesellcnlieder. die er mitteilt, stammen aus dem Milieu dcS alten zünftigen HandioerkS. Er weiß sehr wohl und sagt es auch selbst, daß das Volkslied jederzeit bedingt ist durch soziale, religiöse und wirtschaftliche Verhältnisse. So bleibt seiner weiteren Arbeit also noch das llmschauen in der Welt der Arbeiter von heute. Hans Osterwald hat ihm da gut vorgearbeitet. 0. Scbacb* Unter Leitung von S. Alapt». Boshard. ab cd« f g h 2+ a w-iqa*t) Schachnachrichten. Das internationale Meisterturnier von San Sebastian ist diesmal stur von 11, allerdings sehr be- achtenswerten Teilnehmern besetzt, die aus nachstehendem Stand nach den ersten zwei Runden ersichtlich sind: Rubinstein 2, Spiel- mann V/g, Perlis V/g, Duras 1, Teichmann 1, Schlechter 1, Fleisch- mann 1, kZurrasch Marshall V», Leonhardt ,0, Niemzowilsch 0. Wegen der geringen Teilnehmerzahl wird daS Tuniier doppelrundig sei». Die Korrespondenzparticn Berlin— Riga haben folgende Eröffnungözüge: Berlin, Weiß: 1. o4, öS: 2. Lk3, Sc6; 3. Lb5, a6; 4. La4, Sf6; 5. 0—0. Riga. Weiß: 1. s4. e5; 2. Sf3, Scö; 3. Sc3, Sf6; 4. Lb5, Lb4; 5. 0—0, 0—0; 6. 63, 66. Also„Spanisch" und .Vierspringerspiel". Am Sonnabend, den 17. Februar, hielt der Berliner Arbeiter- Schachklub seine ordentliche Mitgliederversammlung ab. Die bis- herige Vorstandschaft wurde wiedergewählt.(Adresse des ersten Vorsitzenden, an den man sich in Klubangclegenhcilen zu wenden hat, ist Robert Oeblschläger, Berlin dl. üö, Hockstädter Straße 10.) Es wurden im verflossenen Jahre ISt neue Mitglieder aufgenommen und zwar ausnahmslos gewerkschaftlich oder parteipolitisch organi- nene Arbeiter. Demgemäß befchloß der Berliner Verein in die Satzungen des zu gründenden Arbeiter-Schachbnndes folgenden Passus aufzunehmen:„Die Mitgliedschaft ist abhängig von der Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei oder einer sreigewcrk- schaftlichen Organisation. Vorstandsmiiglieder müsien beiden Orga- nisationen angehören". Zu der in Nürnberg am 7. April statt- findenden Bundesgründungskonferenz ist Robert Ochlschläger delegiert. DaS Inventar des Berliner Vereins zählt 166 Schachspiele, 11 Demonstrationsbretter und 22 Schachbücher. Springcrgambit vom Schachturnier in Abbazia. Spielmann. Reti. 1. s2— s4 v7— oö 2. f2— f4 vSXtt 3. Sgl— f3 Sg8— f6 Nicht empfehlenswert. Am besten ist 3.... gö I um cvent. mit LgT nebst h6 den Mchrbcsitz des Gambit- bauern zu sichern. 4. Sbl— 3..... Viel stärker ist 4. öS!. 81,5: 5.Le2!, nebst 0—0 und cvent. Sei. 4...... 67-65 5. e4— e5..... Wir hätten hier eX65 vorgezogen. Aus den Tertzug sollt« Schwarz das besser« Spiet erlangen. 5...... Sf0— e4 Auch Sh5 käme jetzt stark in Be- Iracht. 6. Lfl— e2..... Es ist nuiimebr eine Stellung ent- standen, die sich auch aus der„Wiener Partie" mittels 1. e4, e3; 2. Sc3, SfC; 3. 14, 65: 4. fXe5, SXel; 5. 813, Lb4; 6. Le2 ergibt. Der Unterschied beitcht nur im Vorhanden- sein des L14, was i» gegebener Partie doch nnr zuglmsle» von Schwarz sein lann. 6...... SbS— c6 6..... 1,1)4!, um die soeben er- wäbnic Analogie mit der„Wiener Partie" hcrbcizusnhre», lam in Be- lrachl. 7. 62-63 So4Xc-3 8. b2Xc3 g"— g5 9. 0—0 Th8— g3 Statt dieses zweiselhasten Angriff- versuche» war 9.... 65—64! sicher- lich vorzuziehen. 10. 63— 64 g5— g4 11. 813— el 14— k3 12. Le2— 63 D68— h4 13. Lei— f4 f3Xg2 14. SclXg2 Dh4— li5 15. Tal-bl!..... Wie man sieht. Ist der Angriff von Schwarz ganz illusorisch. Weiß ist besser entwickelt und deshalb bat sein Angriff mehr Aussichten, durchzudringen. 15...... SeG— 68 Verhältnismäßig besser b7— b6 I 16. c3— c4 LeS— 06 17. Sg2-e3 65Xc4 Vorzuziehen war c7— c6. 18. L63— e4! c7— c6 19. 64—65! LfS— c5 19.... cX65; 20. 8X65 mit den Drohungen Slvs- oder SoTf ist ebenfalls für Schwarz verderblich. 20. Xgl— bll Lc5XeS 21. 65XeC 868X06 22. Lf4Xc3 Dh5Xe6 23. Le4Xh7 Tg8-h8 24. Tfixnii...... Entscheidend und schön gespielt. 24...... Ta8— 68 24....KXT; 25. DdTf ,c. 25. D6lXg4 De5Xe8 26. Lh7— g6 Ausgegebett. Min ii; 111 vii l�in vmijtufcvfciiv*.« 1*—— I � x»miyvijvi-v*»- Keraimoortl. Redatteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Perlag: LorwartsBuchdruckereiu.P.erlagsanstaltPai)lSlngeltCo.,BersinSV,