Nnlerhattungsölatt des Horwärts Nr. 40. Dienstag den 27. Februar 1S12 (Nachdruck verbalen.) 40Z pelle der Broberer. Der große Kampf. Roman vSnMartinAndersenNexö. Er freute sich, als er Pelle sah, und machte eine unwill- kürliche Bewegung mit der rechten Hand: dann besann er sich und reichte ihm die linke.„Nja, nun muß man ja die linke Flosse geben," sagte er mit einem vergrämten Lächeln.„Das wird mir noch schnurrig vorkommen. Wenn ich man über- Haupt was tun kann, denn sonst—", er machte eine drohende Bewegung mit dem Kopf.„Das will ich Dir man sagen, Marie und Karl werde ich nicht mein ganzes Leben lang zur Last fallen. Glaubst Du, daß ich wieder arbeiten kann." „Wir werden schon etwas für Dich finden," sagte Pelle, »,es gibt auch gute Menschen. Vielleicht hilft Dir irgend jemand, daß Du studieren kannst!" Er wußte selbst nicht, wie ihm gerade dieser Gedanke kam: er selber hatte noch nie einen solchen Fall gesehen. Die Märchenträume seiner Kind- heit erzeugten diesen ganzen Vorstellungskreis, der durch die Anekdoten von armen Knaben aus den Lesebüchern genährt war. Er stand dem Unmöglichen gegenüber und griff ganz einfach nach dem Unmöglichen. Peter hatte keine Lesebücher hinter sich.„Gute Leute!" rief er höhnisch aus,„die haben ja selbst nie was, und ich kann ja nicht einmal lesen. Wie soll man da studieren lernen? Karl kann lesen: er hat sich das aus den Schildern auf der Straße rausgetiipfelt, wenn er Botengänge machte: er kann auch schreiben! Und Hanne hat Marie ein wenig unterrichtet. Aber ich bin ja mein ganzes Leben nur in der Fabrik ge- Wesen." Er starrte bitter vor sich hin: es war traurig, wie verzehrt sein Gesicht war, so ganz eingefallen! „Mach Du Dir nur jetzt keine Sorgen!" sagte Pelle zu- versichtlich.„Wir finden schon etwas." „Aber verschon mich mit der Armenpflege. Lauf bloß nicht hin und bettele für mich," erwiderte Peter zornig,„und, Pelle," er fliisterte, damit niemand in der Stube es hören sollte,„hier ist es wirklich nicht amüsant, lieber Nacht lag da ein alter Mann und starb dicht neben mir. Er starb am Krebs, und sie stellten nicht einmal einen Bettschirm davor. Die ganze Zeit lag er da und glotzte mich an! Aber in ein paar Tagen kann ich auch schon rauskommen. Dann muß ja bezahlt werden, sonst kommt die Sache an die Armenverwal- tung, und die fangen gleich an zu schnüffeln. Ich habe ihnen was aufgebunden. Pelle! Kannst Du nicht kommen und mich auslösen? Marie hat Geld für die Hausmiete liegen, das kannst Du ja nehmen." Pelle versprach es und eilte heim an seine Arbeit. Ellen war zu Hause. Sie ging uniher und sah verwundert aus. Er machte sie mit der lsache vertraut.„Ein ganz prächtiger Junge ist er," sagte er fast weinend.„Etwas zu ernst von all der Arbeit, und jetzt ist er ein Kriippel. Nur ein Kind und schon Arbeitsinvalide: es ist schrecklich auszudenken!" Ellen trat an ihn heran und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter, beruhigend strich sie ihn: über das Haar. „Wir uiüssen etwas fiir ihn tu», Ellen," sapte er duinpf. „Du bist so gut. Pelle. Du würdest gern allen Menschen helfen: aber was können wir tun? Unsere Sparpfennige haben wir ja für die Wochenbettgeschichte aufgebraucht." „Wir müssen irgentk was von unseren Sachen verkaufen oder versetzen." Sie sah ihn entsetzt an.„Pelle, unser liebes Heim! Hier ist ja auch nicht mehr als gerade das allernotwcndigste, und so wie Du unsere armseligen Sachen liebst! Aber wenn Du meinst, dann natürlich! Du tust ja doch schon was für ihn, indem Du ihm Deine Zeit opferst." Da schwieg er. Sie fing mehrmals von der Sache an, als etwas, das überlegt werden müsse, aber er antwortete nicht. Ihr Gerede peinigte ihn, entweder handelte man oder man schwieg. Am Nachmittag machte er sich in der Stadt zu tun und ging zur Fabrik hinaus. Er wandte sich an das Kontor, und es gelang ihm, den Fabrikanten selbst zu sprechen. Der Fabrikant war unangenehm berührt von dem Vorgefallenen, wußte aber geltend zu machen, daß es ausschließlich die Folge von Unvorsichtigkeit sei. Er riet Pelle, eine Sammlung unter den Arbeitern der Fabrik in Gang zu setzen, und eröffnete die Sammlung selbst mit einem Betrag von zwanzig Kronen« Außerdem stellte er in Aussicht, daß Peter, der ein zu- verlässiger Junge sei, die Stelle als Bote und Einkassierev erhalten könne, wenn er genesen sei. Peter war beliebt unter seinen Kameraden: es kam eins hübsche kleine Summe zusammen. Pelle bezahlte seinen Hospitalaufenthalt, und es blieb so viel übrig, daß er nach Hause gehen und unbekümmert ausruhen konnte, bis die Hand geheilt war und er den Platz als Bote der Fabrik antreten konnte. Der kleine Invalide war ganz guter Laune, weil er sein Auskommen gesichert wußte: er wandte die Zeit an, um in der Stadt herumzuschlendern, wo Musik war, um neue Melodien zu lernen.„Das sind die ersten Ferien, die ich gehabt habe, seit ich auf die Fabrik kam," sagte er zu Pelle. Den Platz als Bote bekam er nicht: es war ihm ein anderer zuvor gekommen, aber er erhielt Erlaubnis, wieder an seine alte Arbeit zu gehen! Mit den Ueberresten der rechten Hand konnte er die Blechplatte auf den Tisch nieder- drücken, die linke mußte sich nun darin üben, sich zwischen den sich drehenden Messern herumzubewegen. Das erforderte nur Zeit und noch etwas mehr Aufmerksamkeit. Das Unglück brannte sich in Pelles Seele ein und rief seinen ruhenden Gram wach! Der Zufall hatte ihm drei Verwaiste zu Geschwistern gegeben, und er fühlte Peters Schicksal so brennend, als habe es ihn selbst getroffen. Eine Schande war es, daß Kinder ihren Unterhalt durch lebens- gefährliche Arbeit fristen mußten, um sich die abscheuliche Armenverwaltung vom Leibe zu halten. Was war das für eine Gesellschaftsordnung? Er empfand ein erstickendes Be- dürfnis, darauf los zu schlagen. Die Last von Dues Schicksal legte sich wieder auf sein Antlitz, vermehrt durch dies neue: Ellens weiche Hände konnten es nicht wegstreifen.„Sieh doch nicht immer so wiitend aus, Du machst das Kind ja bange," sagte sie und reichte ihm den kleinen Lasse hin. Und Pelle versuchte zu lachen. Aber es ward nur ein grimmiges Lächeln. Er empfand kein Bedürfnis, Ellen in seine blutende Seele hineinsehen zu lassen und sprach mit ihr über gleichgültige Dinge. Sonst saß er da und schallte in die Ferne, wachsam nach jedem Zeichen spähend: das Gcfiihl, zu etwas Be- sonderein auserwäblt zu sein, erfüllte ihn wieder. Es war sicher, daß eine Botschaft fiir ihn unterwegs war. Und dann starb Schuster Petersen, und er wurde wicdet aufgefordert, die Leitung des Fachvercins zu iibernehmen. „Was sagst Tu dazu?" fragte er Ellen, obwohl sein Be- schluß unwiderruflich gefaßt war. „Das mußt Du ja selbst wissen," erwiderte sie zurück- haltend.„Wenn Du Vcrgniigen davon hast, dann natürlich!" „Ich tue es nicht um meiner selbst willen," sagte Pelle finster.„Ich bin ja kein Frauenzimmer." Er bereute sofort seine Worte und ging hin und küßte sie. Sie batte Tränen in den Augen und sah ihn ver- wundert an. 19. Da war»och genug zu tun. Die Abtrünnigen mußten der Organisation wieder eingefügt werde», eingefügt oder hineingezwungen werden: Pelle nahm die Willigsten zuerst und ließ die Zabl auf die anderen wirken. Die ganz Störrigen ließ er einstweilen noch ihren eigenen Kurs segeln: wenn sie isoliert und gut gekennzeichnet waren, konnten sie keinen weiteren Schaden anrichten. Er war gut ausgeruht und ging ganz methodisch zu Werke. Das Gefühl, Kräfte bis an das Ende des Weges zu haben, verlieh ihm eine breite Ruhe, die Vertrauen einflößte. Er übereilte sich nicht, sondern nahm das Ganze von Grund auf: die eigentliche Frage ließ er ruhig liegen, bis die Be- dinguugen, sie zu lösen vorhanden waren. Vom letztenmal wußte er. daß man ohne fest zusammengeknüpfte Reihen nichts ausrichten konnte. Damit ging der letzte Rest des Sommers dahi«. Und Tum stand die Organisation fertig da, und es sah so aus, als iönne sie einein Druck widerstehen; die erste Frage war der Tarif. Ter war veraltet und schlecht, fast in allen Punkten rückständig; das Fach skufzte unter den niedrigen Sätzen, die nicht Schritt gehalten hatten mit der EntWickelung und Vcr- teuerung aller Dinge. Aber Pelle ließ seinen praktischen Sinn herrschen. Der Zeitpunkt war nicht günstig für eine Lohnerhöhungssorderung. Die Organisation konnte der Forderung nicht genug Nachdruck verleihen, man mußte sich vorläufig damit begnügen, dem geltenden Tarif Achtung zu verschaffen. Mehrere von den größeren Meistern richteten sich nicht danach, obgleich sie ihn selber mit eingeführt hatten. Namentlich mit Hofschuhmachermeister Meyer sah es arg aus; er benutzte alle möglichen Auswege, um die klarsten Lohnsätze zu drücken. Es liefen beständig Beschwerden ein, und eines Tages ging Pelle zu ihm hin, um sein Verhältnis mit ihm zu be- sprechen und zu einem Ergebnis zu gelangen. Er war bereit, einen Kampf wegen der Unantastbarkeit des Tarifs auf- zunehmen: sonst konnte ja jeder große Versprechungen geben und sich nachher zurückziehen. Er hatte eigentlich erwartet, daß der Hofschuhmacher ihm die Türe weisen würde; das ge- schah jedoch nicht, aber Meyer behandelte ihn mit einer Arr höflicher Unverschämtheit. Der Haß gegen den alten Feind erwachte bon neuem in Pelle; er hatte seine liebe Not, sich zu beherrschen.„Die Sperre wird über Sie verhängt werden, wenn Sie sich nicht innerhalb von acht Tagen mit Ihren Gesellen einigen," sagte er drohend. Meyer lachte spöttisch:„Was Sie sagen! Ja, Ihre Sperre die kennen wir ja. Aber dann erklärt der Meister- verein Lockout sür das ganze Fach— was meinen Sie dazu? Denn sind alte Hüte billig zu haben!" Pelle schwieg und zog sich zurück; das war die einzige Weise, wie er sich die Kaltblütigkeit zu bewahren vermochte. Jetzt war gesagt, was gesagt werden mußte, und er war kein Diplomat, der ruhig lächelnd mit einem Teufel im Augen- Winkel dastehen konnte. Meyer geleitete ihn dienernd bis an die Tür:„Wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann, mit Arbeit zum Bei- spiel? Ich kann in dieser Zeit sehr gut einen Arbeiter für Kinderschuhzeug gebrauchen." lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verbalen.) CKadsdn-j�iirat:. 21] Von Leo T o l st o i. Nach dem Diner begab sich Nikolaus ins Ballett. Wo ein ganzes Hundert nackter, nur mit Trikots bekleideter Frauen an ihm vor- ilbermarschierte. Eine der Ballett damen gefiel ihm ganz besonders. und er ließ den deutschen Ballettmeister in seine Loge kommen, •dankte ihm für den Genuß, den er ihm bereitet, und ließ ihm einen Erillantring als Geschenk überreichen. Als am nächsten Tage Tschernhschew wieder zum Bortrag er- -schien, schärfte Nikolaus ihm nochmals ganz besonders ein, er möge Woronzoto dahin instruieren, daß er jetzt, nachdem Chaoschi-Murat zu den Russen übergegangen, mit verstärktem Nachdruck die Tschetschna beunruhigen und sie durch einen Kordon eng ein- schließen solle. Tschernyschew schrieb in diesem Sinne an Woronzow, und der zweite Kurier begab sich, wieder ein Dutzend Pferde zuschanden fahrend und ebenso viele Postillone blutig prügelnd, mit seinem Bescheid nach Tiflis zurück. 16. In Ausführung dieses Befehls deS Zaren Nikolaus wurde so- gleich im Januar 18ö2 ein Ueberfall auf die Tschetschna unter- uominen. Die Truppenabteilung, die mit der Ausführung des Unter- nehmens beauftragt war, bestand aus vier Bataillonen Infanterie, zweihundert Kosaken und acht Geschützen. Die Kolonne marschierte auf der Heerstraße daher. Zu beiden Seiten der Kolonne nahmen in ununterbrochener Kette die Jäger in ihren hohen Stiefeln, Halbpelzen und Lammfcllmützen, die Büchse auf dem Rücken und die Patronentasche am Bandelier, über Berg und Tal ihren Weg. Wie inimer, bewegte sich die Abteilung unter Beobachtung mög- lichster Stille im Feindesgebict vorwärts. Nur von Zeit zu Zeit ließ sich beim Hcrüberschaffen der Geschütze über einen Graben leises Gepolter vernehmen; ab und zu wieherte oder schnaubte ein Artillericpferd. das den Befehl, es solle in aller Stille marschiert werden, nicht verstand, oder ein Vorgesetzter rief mit rauher, vcr- haltener Stimme ärgerlich seinen Untergebenen zu, sie sollten dar- auf achten, daß die Kette sich nicht zu locker auseinanderziehe oder zu weit von der Kolonne entferne. Nur einmal wurde der stille Marsch unterbrochen, als aus der Dornenhecke, die sich zwischen der Schützenkette und der Haupikolonne hinzog, pjötzlich eine Wildziege mit weißem Bauch und grauem Rücken hervorsprang und ein eben- solcher Bock mit kleinem, nach rückwärts gebogenem Gehörn ihr folgte. Die geängstigten, zierlichen Tiere liefen in großen Sätzen, die Vorderbeine w-eit vorstreckend, aus die Kolonne zu und kamen ihr so nahe, daß die Soldaten schreiend und lachend hinter ihnen hereilen und sie fast mit den Bajonetten aufspießen konnten. Dia Tierchen zogen es jedoch vor, wieder kehrt zu machen, brachen durch die Schützenkette hindurch und-entwischten, von etlichen Berittenen und Kompagniehunden vergeblich verfolgt, glücklich in die Berge. Es war noch im Winter, doch die Sonne stieg bereits höher, und um die Mittagszeit, als die am frühen Morgen abmarschierte Kolonne schon eine gute Anzahl Werst hinter sich hatte, brannte sie so heiß, daß sie den Soldaten lästig wurde und das Auge, wenn es auf die blitzenden Bajonette oder auf die spiegelblanken, die Sonnenstrahlen grell reflektierenden Geschützrohre schaute, einen Schmerz empfand. Hinter der Kolonne lag der rasch fließende, klare Fluß, den sie soeben durchschritten hatte, vor ihr breiteten sich in den flachen Tälern die bestellten Felder und Wiesen aus. Roch weiter nach vorn erhoben sich die geheimnisvollen, von dunklen Waldungen bedeckten Bergzüge. Hinter den dunklen Bergen folgten hohe Felsenmassen, und über ihnen ragten ganz hoch am Horizont in ihrer ewigen, un- wandelbaren Schönheit, wie im Diamantschmuck schimmernd, die Schnceberge empor. Vor der fünften Kompagnie schritt in der Fellmütze und dem schwarzen Unisormrock, den Äibel über der Schulter, ein stattlicher, hochgewachsener Offizier namens Butler daher, der erst kürzlich von der Garde zu den kaukasischen Truppen herübergekommen war, Das Gefühl frischer Lebensfreude, verbunden mit der Aufregung, welche die Nähe des Todes und das Bewußtsein, an einem großen, von einem einzigen starken Willen geleiteten Werke teilzunehmen. hervorbringt, erfüllte ihn ganz. Butler kam heute zum zweiten Male in Aktion, und er ertvartete jeden Augenblick, daß die feind- lichen Kugeln auf rh» niederprasseln würden. Er war überzeugt» daß er nicht nur den Kopf vor den Geschossen der feindlichen Ge- schütze nicht beugen noch auf das Pfeifen der Flintenkugeln achten würde, sondern im Gegenteil diesen seinen Kopf, wie er es schon früher getan, noch höher tragen, mit lächelndem Blick die Käme- räden und Soldaten betrachten und mit der kaltblütigsten Miene von der Welt über irgend etwas ganz Gleichgültiges plaudern würde. Die Kolonne war von der gut instand gehaltenen breiten Straße abgebogen und in einen wenig befahrenen, durch ein Mais- feld führenden Weg eingelenkt. Sie näherte sich eben einem jen- seits des Feldes befindlichen Laubwald, als plötzlich irgendwoher mit unheimlichem Zischen eine Kugel geflogen kam, die dicht am Wege— da, wo etwa die Mitte der Kolonne marschierte— in daS Maisfeld einschlug. „Jetzt fängts an," sagte Butler mit heiterem Lächeln zu dem neben ihm herschreitcnden Kameraden. In der Tat zeigte sich gleich darauf am Waldrande ein dichter Trupp von berittenen Tsck'etschenzcn, die einige Feldzeichen mit- führten. In der Mitte der Schar sah man deutlich eine große grüne Fahne, und der alte Feldwebel der Kompagnie, der gut und sehr weit sah, meinte zu dem kurzsichtigen Butler, das könne kein an- derer als Schamhl selber sein. Tie feindliche Schar ritt bergab, erschien dann auf einer Anhöhe zur Rechten und ivandte sich wieder talwärts. Der kleine General in dem warm gefütterten schwarze:i llniformrock, mit dem weißen Kreuz am Halse und der Lammfell- mützc auf dem Kopfe, ritt auf seinem Paßgänger zu Butlers Kam- pagnie heran und befahl ihm, die rechts am Bergabhang nieder-- kletternden Reiter anzugreifen. Butler führte seine Kompagnie rasch nach der angedeuteten Richtung, hatte jedoch kaum den Tal- grund erreicht, als in seinem Rücken rasch hintereinander zwei Kanonenschüsse erdröhnten. Er sah sich um: zwei blaue Rauch- Wolken stiegen über der Artillerieabteilung der Kolonne auf und zogen sich lang durch die Talschlucht hin. Die feindliche Schar hatte offenbar nicht erwartet, auf Artillerie zu stoßen, und ging zurück. Butlers Kompagnie nahm das Feuer gegen die Bergbewohner auf, und die ganze Schlucht ward in Pulverdampf gehüllt. Oberhalb des Tales nur sah man, wie die feindlichen Reiter sich eilig zurück- zogen und auf die ihnen nachsetzenden Kosaken Feuer gaben. Die Kolonne nahm die Verfolgung der Feinde auf, und als sie die nächste Talschlucht erreichte, erblickte sie auf dem gegenüberliegen- den Abhänge ein Tschetschenzendorf. Butler stürmte mit seiner Kompagnie im Laufschritt, dicht hinter den Kosaken, in das Torf hinein. Von den Einwohnern war niemand zu sehen. Die Sol- daten erhielten Befehl, das Getreide und Heu sowie die Hütten niederzubrennen. Dichter, stickiger Rauch erfüllte das ganze Dorf, und die Soldaten sckfivirrtcn darin hin und her, schleppten aus den Hütten heraus, waS sie darin fanden, und verlegten sich nament-- lich darauf, die Hühner zu fangen oder zu schießen, welche die Berg- bewohner nicht hatten mitnehmen können. Die Offiziere hatten sich ein wenig abseits an einer Stelle, die durch den Rauch nicht so arg belästigt wurde, niedergesetzt und nahmen ihr Frühstück ein. Der Fckowcbel brachte ihnen auf einem Brett eine Anzahl Honig- scheiden. Von den Tschetschenzen war nichts zu sehen und zu hören. Bald nach Mittag erging das Kommando zum Antreten, wobei Butlers Kompagnie die Nachhut bildete. Kaum hatte die Kolonne sich tn Marsch gesetzt, als mich die Tscheischenzen erschienen und sie mit ihren Schüssen zu beunruhigen begannen. Sobald die Kolonne das offene Feld erreichte, zogen die Berg- bewohncr sich zurück. Butler hatte keinen einzigen Verwundeten und kehrte in der besten und heitersten Gemütsverfassung heim. Als die Kolonne jetzt, auf dem Rückmarsch, die Furt des Flusses passiert hatte, die sie bereits am Morgen durchtvatct hatte, und nun in langem Zuge über die Maisfelder und Wiesen marschierte, traten die Sängerchöre an die Spitze der einzelnen Kompagnien und ließen laut ihre Lieder erschallen.„Ei, wie schmuck und ei, wie munter ist doch solch ein Jägersmann!" sangen Butlers Leute, und sein Pferd begann unwillkürlich nach dem fwtten Takt des Liedes zu marschieren. Der zottige graue Kompagniehund Tresorka lief wie ein besorgter Chef, den Schweif hoch emporhaltend, der Kom- pagnie voraus. Immer frischer und froher ward Butler zu Mute. Er sah das Wesen des Krieges im Spiel mit der Gefahr, mit der Möglichkeit des Todes, und dieses Spiel brachte ihm, wenn es glück- lich ablief, Belohnungen und die Hochachtung der hiesigen Käme- raden wie der Freunde in der Heimai ein. Die andere Seite des Krieges— der Tod so vieler Menschen, die Wunden der Soldaten, der Offiziere, der Bergbewohner— kam ihm, so seltsam das schei- ncn mag, gar nicht zum Bewußtsein. Um seine poetische Auffassung vom Kriege nicht zu beeinträchtigen, blickte er instinktiv niemals nach den Toten und Verwundeten hin. Auch diesmal achtete er ihrer nicht. Die Kolonne hatte drei Tote und zwölf Verwundete. Butler ging an einem der Gefallenen, der aus dem Rücken dalag, vorüber und sah nur gleichsam mit einem Assge die seltsame Haltung der wachsbleichen Hand und einen dunkelroten Fleck am Kopfe, nach dem er jedoch weiter nicht hinsah. Die Bergbewohner erschienen ihm lediglich als berittene Dschigits, vor denen man auf der Hui sein mußte. „So also geh! es bei uns zu, Väterchen," sagte der Major wäh- rend einer Pause im Gesänge.„Nicht so wie in Ihrem Petersburg: Augen links, Augen rechts!... Na, nun haben wir unsere Arbeit getan, nun geht's nach Hause. Maschurka wird uns jetzt eine gute Suppe und eine schöne Pastete dazu austischen. Das soll ein Leben werden— was? Na, nun singt mal:„Als das Morgenrot er- schien"!" rief er den Soldaten zu, die alsbald sein Lieblingslied anstimmten. Es war windstill, und die Lust war so frisch, so rein und durch- sichtig, daß die Schneeberge, die wohl an die hundert Werst entfernt waren, ganz nahe zu sein schienen. Sobald die Sänger schwiegen, ließ sich der gleichmäßige Takt der Soldaten und das Klirren der Waffen vernehmen, gleichsam als Hintergrund der Lieder, die der Cangerchor vortrug.'Das Lied, das Butlers fünfte Kompagnie sang, war von einem Junker des Regiments zu dessen Ehren gc° dichtet; die Melodie lehnte sich an ein bekanntes Tanzmotiv an, und der Refrain lautete:„Ei, wir schmucken, ei. wir schmucken Jägers- leut', Jägersleut'l" (Fortsetzung folgt.) Srbmonardne und ptycbiatne. Für die Erforschung der menschlichen VererbungSgesetze gibt cS kein reicheres Material als die Geschichte der monarchiichen Familien. Dennoch sind gerade diese Quellen bisher nur wenig und sehr de» hntsam ausgeschöpft worden. Leicht erklärlich in monarchisch regierten Ländern. Sind doch die Einzelerscheinungen in der Biologie der Fürstengeschlechter ebcnsoviele Talsachen zur Bekämpfung der Erb- »nonarchie. Was die Vernunft ohne weiteres einsehe» läßt, bestätigen alle Ergebnisse forschender Erfahrung. Im Lichte der Vererbungs- forschung wird das Goltesgiiadenluin zu einer Schicksalstragödie unheimlicher und unentrinnbarer erblicher Belastung. Gespenster tausendjähriger Vergaugenheil gebe» im Blut und Gehirn der re- gicrenden Fanlilien um. Die Ahnentasel wird ziiu» Altenarchiv psychiatrischer Merkmale. Gerade ans diesem Gebiete der Forschung bat freilich äußerste Vorsicht zn walten. Man darf nicht Eigenichaslen aus Vererbung zurücksührcn, die immer anfs neue durch die besonderen Lebens- bedingungen der monarchischen Sprößlinge erworben seilt können. Wo man die dnnkcn Geheimnisse des„Blutes" zn enträtseln versucht, hat man es vielleicht nur mit den zwingenden Wirkungen der staatS- rechtlichen Ordnung zu tun. Im Wesen der Monarchie selbst liegen gefährliche Doicinsbedingungen nicht nur für die ihr llnlerivorsenen, sondenl auch für ihre Träger. Sofern aber auch uuzweiselhafi geistig- körperliche Bererbungserscheinungen vorliegen, wo in der Tal die Summe der Ahnen das fürstliche Jndividuiim besliminr, muß noch be- hutiam abgetvogen werden, ans welche Weise die jeweiligen poli- tischen, sozialen, gesellichastlichc» Zeitumstände die erbliche disvonierte Beschassenheil des dynastischen Faiiiilicusprosfen in besonderen Meinungen, Enipssiidnngen und Handlniigeir»ach außen treren lassen. Berücksichtigt man alle diese anderen Einwirkungen und sondert sie von der Kausalität der Vererbung, so bleibt immer noch ganz Bedeutsames zn erforichen, was nnslreilig nur auf de», Gebiete der Abstammung seine Lösung finden kann. Daß die Kölligslinie der Willelsbnchcr in zwei geisteSkranleil Brüdern endigt, in Ludwig II.. der bei einem Fluchtversuch oder durch Selbstmord im Starnberger See umkam, und in Otto I., der immer noch in einem Winkel des einsamen Schlosses Fürstenried als lebender König hindämmert, ist gewiß nicht allein durch ihr monarchisches Amt, auch nicht durch bayerisches Parteiwesei:, preußische Macht- und Kriegs- Politik, auch nicht durch Richard Wagner und liberale Minister-- intrigeu hinreichend zu erklären. Ebenso wenig, wie aus solchen Umständen erklärt werden kann, daß Ludwig IL an Verrücktheit (Paranoia), sein Bruder an frühzeitiger Verblödung erkrankte (Dementia praecox).'Auf die Elstlingsformen, auf Ablauf unk» Bcschleuuiguitg der Krankheit haben bei Ludwig H. die besonderen Umstände, in denen er wirkte, sicher bedeutsam eingewirkt, feine geistige Organisaiion aber war sicher von Geburt bestimmt. In einer lesenswerten Studie unternimmt es soeben der Jenaer Professor Stroh mayer aus der Abstammung der beiden Wittels- bacher ihr Verhängnis zu erkläre».*) Ter Forscher geht äußerst vor- sichiig zu Werke. Er bindet sich nicht an die Bererbungsgesetze, die in der Wissenschaft heute Geltung haben, wie sehr er auch immer die Menvelschen Vererbungsformelii anerkenitt. Er geht unbefangelr von den Erfahrungstalsachen und einer Forschungsmethode aus, die sich an den Ergebnisien der Pferdezucht geschult hat. Nirgends findet die Vererbungslehre so sicheres Material wie in den Stamm- bäumen lPeäiArees) der edlen Gestüte. Die geistige Anormalität in alten Fürstenfamilien läßt sich weder mit dem Schlagwort„Entartung" erledigen, noch durch den Fibel- begriff„Inzucht" erklären. Die talsächlichen Vorgänge find viel ver» wickeller. Inzucht ist nicht an sich rasseverderbend. Aber die Binnen- fortpflanzung hat die Wirkung, sowohl die guten wie die schlechten Eigciischaslen zu häufen. Wird die Inzucht durch Generationen ge» trieben, so wächst die gefährliche Wahrscheinlichkeit, daß gleich gerichtete Gebrechen der Gepaarten verheerend wuchern. Der Ebenbürtigkeits- wähn der Dynastien leistet diesen Entartungen der Inzucht Vorschub. und vielleicht wäre die Schicksalstragödie der regierenden Ebenbürtig- keit noch viel grausiger, wenn nicht hier und da ein strammer Stall- knecht, illegitim zwar, doch wohltätig für die Auffrischung des verpesteten Blutes gnädig gesorgt hätte. Stroh, naher geht nicht allzu tief in die Jahrhunderte der Ahnen zurück. Und doch, welche Häufung unseliger Gestalten drängt sich schon um die verfluchte Wege des Gekrönten: Wahnsinnige und Sondcrtinge, Narren und Wüteriche, Trunkenbolde und Wüstlinge weben das Geschick ihrer Nachkommen. Syphilis, Schwindsucht, Gicht, Wassersucht vergiften den Keim des Königsgeschlechts. Rympho» manen unter den Fraueil. Urninge unter den männlich Gebotenett ebnen die Bahn zum endlichen Zusammenbruch. Melancholie, Ver- folgungs- und Größenwahn, Impotenz, moralischer Schwachsinn, delirierende Vielgeschästigkeit webe» das Netz, in dem sich die letzteit Nachkommen nuemrinnbar verfangen. Die grausige Erbbürde haben Ludwig und Otto, nach der Meinung des Forschers, weniger von den väterlichen WittelSbacherit als von den mütterlichen Hohenzollerrr übernommen, von Marie, der Prinzessin von Preußen. Diese Frau schleppt mit sich das Ver- bängnis vielfältig und trankhast gehäufter Inzucht. Ihre Eltern find Gejchioisterkinder auS dem landgräflichen Haufe Hesien-Darmsiadt. Auch die mütterlichen Urgroßeltern sind Gcschwisterkriider. Mit ihren Urgroßeltern väterlicherieits. Sie stainint von dem Prinzen Angust Wilhelm von Preußen, dem Bruder Friedrichs II.(deS„Großen") ab. in dem das kranke Brounschiveiger Blut in potenzierter Inzucht gärt; August Wilhelms Mutter ist die Tochter von Geschwisterkindern» und sie heiratet ihren Vetter. Die verschlungenen VererbungSsädett der Bayernkönige Ludwig und Otto laufen immer wieder aus jenen Wilhelm den Jüngeren, Herzog von Brauiischioeig-Lünebilrg, zurück» in dessen Lebenszeit von 1535—1592 sich daS Schicksal eines großen Teils der sürsilichen ZnkunrtSgeschlechter Europas entschied. Wilhebn der Jüngere endete im Wahnsinn, dessen Keim er in sieben Söhne und acht Töchter verpflanzt hatte. AnS seinem Geschlecht und seiner Art ist der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Vater des„großen" Friedrich; maßlose Wutausbrüche wechseln mir frömmelnd menschenscheuer Zerknirschung. Er leidet an Gichtansällen, hält pietütiiche Predigten, will gelegentlich seine Krone niederlegen und versucht eininnl, sich in tenieni Rollstnhl mit einem Strick zu erdrosseln. Mutterlicherscits gehört Friedrich Wilhelm einer Familie von männlichen und weiblichen Säufern au; so ist die Luise Juliane von Oranien iiu Säuferwahnsinn gestorben: Pfälzer Alkoholismus und Braunschweiger Geisteskrankheil ver- jchlcchlert das oranische Erbe. Sehen wir uns weiter in der Familie um. so finden wir Georg I. von Hannover, von dessen„wunderlichein Hirnkasten" eimnal seine Base, die Liiekotle spricht: niißtraniich und verschlossen bis zur Ver- rücktheil. Freilich brachten die Hannoveraner auch einen wertvolleir Blnisttopten in Da« Ge'chlecht der Hohcnzollern, de» der Eleonore d'Olbrcuse, einer französiiche» Adligen, deren Familie tüchtige Individuen aufweist. Aus diesen«ninoiiarchische» französischen Ein- ichlag führt Sirolnnayer die geistige Bedeutung ihrer Enkelin Sophie Dorothea von Preußen und auch die Fähigkeiten Friedrichs IL vo» Preußen zurück. Wir treffen ferner auf Georg IL, die Karikatur eines vogl- köpfigc» Pedanten, mit tollem Geiz behaftet, erblindend; lein Enkel i war der geisteskranke Christian Vkl. von Däncma'.k. Georgs III. *) Psychiatrisch- genealogische NittersuchiMg der Abstammung König Ludwig IL und Otto I. von Bayern. Von Professor D. W. Strohmayer. Verlag von I. F. Verginann. Wiesbaden. Wesen erklärt der Arzt olS arteriosklerotische Hirndegeneration' er starb, blind, in kindischer Verblödung. Sein Hang zur Einsiedelei trägt manche Züge Ludwigs II. Dessen Sobn, Georg IV.. war ein Böller und Säufer, der Branntwein literweise vertilgte. Blind war auch Georg V., dessen schrankenloser, romantischer Königswahn an die letzten Jahre Ludwigs gemadnt. Dies unselige Braunschweiger Blut läht sich auch in den hohen- zollerischeir Vorfahren der Bayernkönige verfolgen. Prinz August Wilhelm litt an Gehirnschwäche. Dessen Brüder Friedrich H. und Prinz Heinrich starben ohne Nachkommen, und beide waren Homo- sexuell veranlagt. Hier kann man eine ganze Dynastie von Urningen sich entwickeln sehen, von Jakob VI. von England über die beiden Hohenzollcrn und Wilhelm HI. von Oranien bis zu Ludwig II. und den in die Gegenwart führenden Fäden,„die hier aufzudecken(schreibt der Verfasser) die schuldige Achtung vor den Lebenden verbietet." Die Gemahlin August Wilhelms bringt wieder die Ergebnisie Braunschweig-Wolfenbütteler Inzucht in die Ehe und das Geschick ihrer Nachkommen. Da treffen wir auf einen Syphilitiker, der— nach einem grausamen Witz Friedrichs II.— seine Nase in einer Schlacht gegen die Franzosen(Lues) verloren halte. Auch der Typ des phantastisch abenteuernden Kunstdilletanten begegnet uns in Ferdinand Albrecht I. von Braunschweig-Wolfenbüttel, der mufizierte und dichtete, selbst die Gesängnisse mit seinen grotesken deutschen, lateinischen und französischen Inschriften zierte, Schlösser nach dem Stil seines verschrobenen Gehirns baute und einrichtete, schließlich als ein von Vcrfolgungsidccn gepeinigter, melancholischer Paranoiker endete. Dessen Enkelin ward durch die Heirat mit dem Prinzen August Wilhelm von Preußen Vorsahrin Ludwigs II. und Ottos I.; diese Frau ist doppelt belastet; der väterliche Großvater ist Paranoiker, der mütterliche ein ausschweifender Syphilitiker. Die körperliche und geistige Entartung Friedrich Wilhelm? U. von Preußen, des Sohnes des Prinzen August Wilhelm, ist allgemein bekannt; auch seine Ehefrau brachte aus dem Hause Hessen-Darmstadt eine reiche Mitgift menschlicher Veränderlichkeiten mit. In Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt finden wir den hemmungslosen Despoten, herrisch und ängstlich, gespenstergläubig, der aus Furcht des Nachts wacht und erst bei Tagesanbruch zur Ruhe geht. Auch die schönen Künste drangsaliert er; viele Tansende von Märschen hat er„kom- poniert". Der ganze Stamm ist wurmstichig. Jeder der direkten Vorfahren Ludwigs IX..ist mit einem kleinen Narrenzeichen ver- sehen"; dies kleine Rarrenzeichen besteht mehrfach in grauenhafter Geschlechtskrankheit. Eine minder schwere Erblast ruht auf den väterlichen Ahnen Ludwigs II., den Wittelsbachern. Immerhin ist auch da? Blut diese? Geschlecht? nicht gesund genug, um die furchtbaren Wir» kungen deS Muttererbes aufzuheben. Die bayerischen Könige stammen von den Zweibrücken-Birkenkelder Pfalzgrasen, von denen Friedrich Michael l74ö katholisch wurde.(Das heute Bayern regierende HauS ist also ursprünglich protestantisch I) Dieser Konvertit ist der Vater deS ersten Königs von Bayern, Max I.. deffen Bruder Herzog Karl von Zwcibrücken einer der wüstesten Menschenschinder der Zeit gewesen ist, grausam bis zur Bestialität, ein sinnloser Ver- schwcnder sür Weiber, Hunde und Pferde. Bon den 9 Kindern Max I. zeigen die Kinder der Prinzessin Ludovica Spuren geistiger Anormalität, so die österreichische Kaiserin Elisabeth, die Lucchen« tötete, und Sophie, die Berloble Ludwigs II.. die zeitweilig an melancholischen Zuständen litt. Max' ältester Sohn König Ludwig I. ist nicht nnversehn— weder in seiner Leidenschaft zur Lola Montez noch in seiner Partizipial- und Stelzen-Dichtcrci. Seine Gattin steuerte zu dem Familienschatz seelischer Monstrositäten nicht unerheblich aus den sächsischen Herzogtümern bei. In dereit Ahnen- reihe hängen Serenissimusfiguren wie Ernst August 1. von Sachsen- Weimar, berühmt durch seine Verordnungen; so befahl er als un- fehlbareS Mittel, Brände zu löschen:.in alle» Städten»md Dörfern hölzerne Teller mit einem Feum'feile. nach beigesetzter Zeichnung verseben, anzuschaffen, uiid diese Teller Freitag? bei abnehinendeni Monde zwischen 1l— 12 Uhr mit frischer Tmte und neuer Feder mit den Worten beschrieben:.An Gottes Allmacht liegt?. ConZuminatum eot" bei jeder vorfallende» Feuersbrunst im Namen GotteS ins Feuer zu werfen." Seine Frau war niaun stall. Ludwigs I. Kinder sind lciiicSweg« intakt. Neben so rüstigen Erscheinungen wie dem Prinzregenlen Luitpold findet sich doch auch die geisteskranke Prinzessin Alexandra, die sich einbildete, ein Klavier oder Sofa im Kopf zu babeu. So schleppte aurd der Tdroncrbc Max II., Luitpolds ältester Bruder, schon ein gefahrvolles Erbe mit sich, das dann die Paarung mit der preußischen Prinzessin zur Kala- strope steigerte.... Die Erbmonarchie trägt den Verfall und Untergang'm eigenen Blute. Erst die Befreiung vom Monarchismus wird die Familien- tragödie der Fürstcngeschlechter vom dunklen Ahnensluch erlösen. kleines Feuilleton. Hygienisches. Die Bekämpfung der Verdauungsträgheit. Die Verdauuugsträgheit und ihre Beseilignng ist von alters her und Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: bleibt wohl auch für die Zukunft eine beliebte Domäne der Laien« medizin. Daran werden die schärfsten Kurpfuschereigesetze nichts ändern. So darf man auch weiteren Kreisen Ausführungs« bestimmungen ziigäiiglich machen, die der bekannte Berliner Internist Prof. Dr. Blumentbal in der.Medizinischen Klinik" dafür gibt. In vielen Fällen ist an dem Versagen der normalen Darmtätigkeit die zu gute Ausnutzung der genossenen Nahrung schuld. Es bleiben dann nur spärliche Reste zurück, die infolge ihrer geringen Menge den Darm nicht zur Tätigkeit anzuregen vermögen. Bei anderen spielt eine mangelnde Bewegung, vieles Sitzen die Hauptrolle für die Darmträgheit. Abhilfe schafft oft die Aenderung der Ernährung, wenn fleischarme und gemüsereiche Kost eingeführt wird. Die Schlacken der Gemüse, Zerealien und Hülsenfrüchte bilden einen mächtigen An- reiz sür die Darmschleimhaut. Erst wo die zellulosereiche Diät ver- sage, treten Abführmittel in ihr Recht. Am beliebtesten sind mit Recht die Klistiere. Schon einfache Waffereinläufe sind wirksam, be- sonders kalte unter 18 Grad Celsius. Die Flüssigkeitsmenge soll Vz bis IVj Liter betragen. Als Zusatz dient Soda(einprozentig), ein Eßlöffel Haushalt- oder Schmierseife. Auch ein Eßlöffel Essig tut die gleichen Dienste. Die Wasserklistiere können wachen- und jahrelang sortgesetzt werden, ohne zu schaden. Häufig laffen sie aber bekanntlich in ihrer Wirkung nach, Dann empfiehlt es sich, sie durch Oel- oder Glyzerinklystiere zu er- setzen. Besonders ausgezeichnet sind diese bei Darmkoliken. Zweck- niäßig ist eS, das Oel vorher zu erwärmen. Die Menge soll einen halben bis einen ganzen Liter betragen, bei Kindern genügen 39 bis SO Kubikzentinwter. Diese Ratschläge mögen für die gewöhnlichen chronischen Fälle genügen. Wo aber irgend welche akuten Er- scheinungen am Darm austreten, wie heftige Koliken, umschriebene Schmerzen usw., versäume man keine Zeit mit nutzlosen, aber oft schädlichen Experinienten, sondern wende sich an die sachverständige ärztliche Stelle, Denn sehr viele schwer« Krankheilen treten zuerst unter dem Bilde der Verstopfung auf.' Aus dem Gebiete der Chemie. Ein Nebenbuhler des Radium. Neben dem Radium in seinen verschiedenen Formen hat namentlich das Thorium als strahlendes Element die Aufmerksamkeit der Wissenschaften in hohem Grade erregt. Nachdem auch die Medizin diese Stoffe für ihre Zwecke zu prüfen begonnen hat, ist man beim Radium nicht stehengeblieben, sondern hat die Untersuchungen auch auf die vor- bandencn Elemente Uranium, Aktinium usw. und auch auf das Thorium ausgedehnt. Man war aber bis jetzt bei dem Urteil ge- blieben, daß sie eine zu geringe Strahlungsfähigkeit besitzen, um in dieser Hinsicht wirksam zu sein. Nunmehr scheint die Eni- dcckung des Mesothoriums durch Otto Hahn einen neuen Fort- schritt angebahnt zu haben. Dieser Körper entsteht durch die Zer- setzung des Thoriums und wurde bei dem Versuch gefunden, daS sogenannte Radiothorium aus dem Thorium zu gewinnen. Es ist nun festgestellt worden, daß es nicht nur dieselben Strahlen ab- gibt wie das Radium, sondern auch noch mit verstärkter Kraft. Außerdem kommt der wichtige Umstand in Betracht, daß viel größere Mengen von Thorium auf der Erde zur Verfügung stehen als vom Radium, so daß der Stoff auch billiger hergestellt werden kann. Andererseits ist die Eigenschaft ungünstig, daß das Thorium eine weit kürzere Lebensdauer besitzt als das Radium, nämlich nur eine solche von etwa sieben Jahren. James Davidson hat mit Unter- slützung von William Ramsay die medizinischen Einflüsse des Mcso- thoriums erforscht, zunächst auf eine von Röntgenstrahlen her- rührende Brandwunde an der Hand, wie sie früher crsolgrcick mit Radium behandelt worden ist. Das Mesothorium erwies sich als ebenso wirksam, nur stellte sich der Erfolg etwas später ein. Gegen den sogenannten Frnhlingskatarrh soll die Behandlung mit Mcso- thorium besser sein als irgendeine andere, und es besteht auch die Hoffnung, daß sich der neue strahlende Körper sogar gegen krebsige Geschwülste bewähren wird. Ans dem Tierleben. liebet daS Gedächtnis der Fische bat der französische Forscher Oxner interessante Forschungen angestellt, deren Ergebnis jetzt der Aladeinie der Wissenschaften unterbreitet Ivorden ist. Die blsherigen Kcnittiiisic über da« Gedächtnis der Fische enthielteii biete Widersprüche, die sich zun, großen Teil dadurch erklären lassen, daß es meist Laien waren, die die Bcobachtungeii vornahmen. Oxner hat seine Versuche metbodiich durchgeführt. Es zeigte sich dabei. daß ein Fisch, der durch eine Schlinge mit einem Köder gefangen und dann wieder ins Waffer gesetzt ivurde, sich immer wieder sangen ließ. Das Tier bat keine äußere Möglichkeit zu erkennen. daß mit de», Köder eine Schlinge verknüpft ist und die Gier nach Nahrung läßt es immer wieder in die Falle gehen. Ganz anders aber werden die Resultate, wenn man dem Fische die Möglichkeit gibt, den Zusammenhang zwischen dem Köder und der Schlinge zu erkennen. Oxner befestigte zu diesem Zwecke unmittelbar über dem Köder eine rote Scheibe. Der Fisch. der diese Scheibe wahrnimmt, assoziiert die Erinnerung an die Schlinge alsbald mit der Scheibe. Nach sieben bis acht Versuchen rührt er den Köder nicht mehr an, sobald die rote Scheibe anstauchl; wenn diese Warnung aber entfernt wird, greift er alsbald wieder de» Köder auf. Es ist also kein Zweifel, daß der Fisch bis zu einem gewissen Grade Gedächtnis besitzt.____ VorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSingertCo.,BerllnL>V.