Anterhaltungsblatt des'Dorivarts Nr. 41. Mittwoch den 23. Februar. 1912 (NaSdruck»erdolen.Z *1] pcllc der Eroberer. Der große Kampf. Roman vonMartinAnderfenNexv. l Als Pelle auf die Straße hinabkam, atmete er tief auf. »,Puh, ha, das war hart; ein paar Grobheiten und eins ans Maul, das wäre ja die natürlichste Antwort auf die Un- Verschämtheit des Mannes gewesen. Na, das war eine Probe für seinen hitzigen Sinn und jetzt war sie bestanden! Wenn er den Mund hielt, konnte er also eine Situation beherrschen! „Nun, verhängen wir also die Sperre über Meyer," dachte er, während er die Straße hinabging.„Und was dann? Ja, dann schlägt er wieder und macht Lockout. Können wir das aushalten? Nicht recht lange, aber die Meister können es auch nicht. Dann werden ihre Geschäfte ruiniert. Aber dann lassen sie sich Gesellen aus dem Ausland kommen— oder, falls diese Wirtschaft nicht geht, lassen sie die Arbeit anderswo ausführen; sie führen Fabrikware in großen Mengen ein und führen Maschinen ein, womit sie ja schon so bei kleinem angefangen haben!" Pelle blieb mitten auf der Straße stehen. Verdammt und verflucht, dies ging nicht! Er mußte acht geben, daß er nicht die ganze Geschichte zu Rührei machte. Bekamen alle diese Dinge erst einen Einlaß, so war die ganze Menge im selben Augenblick brotlos gemacht. Aber den Hoflchuhmacher wollte er fassen; es mußte ein Mittel geben, um dem Blutsauger eine Ohrfeige zu versetzen, so daß er es in seinem Geldbeutel fühlte! Am nächsten Morgen kam er wie gewöhnlich zu Meister Beck. Beck sah ihn von weitem über die Brille an.„Ich habe nichts mehr mit Ihnen zu schaffen, Pelle," sagte er leise. „Nanu!" rief Pelle erschreckt aus.„Aber wir haben doch so viel zu tun, Meister!" „Ja, aber ich kann Sie nicht länger beschäftigen. Es ge> schieht nicht mit meinem guten Willen; ich bin immer sehr zu- frieden mit Ihnen gewesen; aber die Verhältnisse liegen nun einmal so. Da ist so vieles, was man in Betracht ziehen muß: ohne Material kann ein Schuster nicht arbeiten, und Kredit beim Lederhändler kann man auch nicht entbehren." Mehr wollte er nicht sagen. Aber Pelle hatte auch hinreichend verstanden. Als Vor- sitzender des Meistervereins hatte Meyer Beck gezwungen, ihn zu verabschieden, durch Drohungen ihm seine Bezugsquellen zu verstopfen. Pelle ward getroffen, weil er an der Spitze der Organisation stand, obwohl sie jetzt anerkannt war. Das war ein Eingriff in das Koalitionsrecht. Und doch war nichts dagegen zu machen; man hatte das Recht, einen Mann zu verabschieden, wenn man keine Verwendung mehr für ihn hatte. Meyer war ein pfiffiger kkerl! Pelle trieb sich eine Weile mutlos umher. Er hatte keine große Lust, mit der traurigen Nachricht zu Ellen zu kommen, und ging zu verschiedenen Meistern, um sich nach Arbeit um- zusehen. Aber sobald sie hörten, wer er sei, fiel ihnen ein. daß doch eigentlich nichts für ihn zu tun sei. Er merkte, daß man ein Kreuz hinter seinen Namen gesetzt hatte. So mußte er sich denn auf die Heimarbeit beschränken und versuchen, mehr unter den Bekannten seiner Bekannten aufzustöbern. Und sonst bei Tag und bei Nacht bereit zu sein, falls ein kleiner Meister, der ohne Hilfe hcrumnusselte, plötzlich mehr zu wn bekam, als er erledigen konnte. Ellen nahm die Verhältnisse hin, wie sie waren, und beklagte sich nicht. Aber gegen die Ursache leistete sie stummen Widerstand. Pelle fand keine Unterstützung bei ihr in seinem Kampf; was er dort vorhatte, mußte er allein ausfechten. Es verrückte seinen Kurs nicht, sondern erzeugte vielmehr Eigensinn in ihm. Da war eine Seite in ihm, die Ellens Wesen nicht zu decken vermochte; nun ja, sie war ja ein Frauenzimmer. Man mußte Nachsicht mit ihr haben! Er war gut gegen sie und stellte sie in seinen Gedanken immer mehr auf eine Stufe mit dem kleinen Lasse. Dadurch be- freite er sich von ihrer Ansicht über ernste Dinge und fühlte sich mehr als Mann. Dank dem kleinen Gehalt, das ihm sein Posten als Vorsitzender brachte, litten sie keine Not. Es war sonst eigentlich nicht nach Pelles Sinn, und er hatte große Lust, auf die paar hundert Kronen zu verzichten. Es floß keina Spur von Beamtenblut in seinen Adern; er begriff nicht recht, daß man Vergütung für den allgemeinen Nutzen haben sollte, den man ausrichtete. Aber nun kam ihm das Geld doch sehr gelegen, und er hatte andere Dinge zu tun, alS von Kleinigkeiten Aufhebens zu machen. Die Sperre Hatto er aufgegeben: aber das Gehirn grübelte beständig nach Auswegen, um den Hofschuhmacher zu fassen; das beschästigts ihn Tag und Nacht. Eines Tages strauchelten seine Gedanken über Meyer? eigene Taktik! Ganz unschuldig hatte man ihn aus deo Arbeit hinausgedrängt. Wie, wenn er es ebenso machte und ganz im stillen dem Hofschuhmacher seine Leute wegnahm? Meyer war der böse Geist des Faches. Er saß wie ein Tyrann da. krafl seiner Uebermacht und hielt das Ganze nieder. ES würde nicht so unmöglich sein, als Vergeltung ein Kreuz hinter seinen Namen zu setzen! Und Pelle hatte nicht die Absicht, es so genau mit den Mitteln zu nehmen. Er beredete die Sache mit dem Schwiegervater, de? wieder Zutrauen zu ihm gefaßt hatte. Stolpe, der ein alter gerissener Taktiker war, riet ihm, keine Versammlung wegen dieser Angelegenheit einzuberufen, sondern das Ganze unter vier Augen mit jedem einzelnen zu ordnen, so daß man den Fachverein nicht fassen konnte.„Du hast ja jetzt Zeit genug," sagte er.„Geh Du erst zu den zuverlässigen Leuten und mache ihnen begreiflich, was für ein Kerl Meyer ist, und nimm ihm zu allererst seine besten Leute weg; daß er die schlechten behält, kann ihm ja nicht viel nützen. Du kannst! die Kameraden ja anfeuern, wenn Du willst! Mach Deine Sache so gut, daß niemand mehr den Mut hat, an den Platz derer zu gehen, die ihn verlassen. Er muß von Mann zu Mann als der gestempelt werden, der er ist." Pelle schonte sich nicht; er ging von einem Genossen zum anderen, stark und anfeuernd. Und was sich vor drei Jahren als unmöglich erwiesen hatte, ließ sich jetzt ausführen; der Groll gegen das Unrecht hatte sich in den Gemütern fest« gesetzt. Meyer hatte die Manier gehabt, seine Arbeiter umsonst nach Arbeit rennen zu lassen, es sei nicht ganz eingerichtet, sie mußten wiederkommen! Und wenn ihnen die Arbeit dann ausgeliefert wurde, sollte sie gewöhnlich über Hals und Kopf fertig gemacht werden. Es lag eine Absicht hierin. Es machte die Leute demütig und fügsam. Aber nun ward der Spieß umgedreht. Die Arbeiter kamen nicht und lieferten die dringliche Arbeit nicht zu der verabredeten Zeit ab; er mußte danach schicken und erhielt seine eigenen Worte als Antwort: Sie sei noch nicht ganz fertig: aber sie mMtekt sehen, was sich tun ließe! Er mußts seinen eigenen AnTeitern die Tür einrennen, um seine feine Kundschaft nicht vor den Kopf zu stoßen. Die ersten Fälle behandelte er durch die Bank mit Verabschiedung. Aber das half nichts; es war ein Hochmutsteufel in die einfachen Schuhmachergesellen gefahren! Es sah aus, als wenn sie die Begriffe Herr und Untergebener auf den Kopf stellten! Die harte Hand mußte er aufgeben und es mit guten Worten ver- suchen. Das Geschäft hatte die ganze vornehme Welt als Kundschaft und bedurfte immer eines Stabes von Elite- arbeitern. Aber nicht einmal Freundlichkeit half. Kaum hatte er einen guten Gesellen bekommen, so war der auch schon wieder weg, und ftagte er nach dem Grunde, so erhielt er immer dieselbe foppende Antwort: Sie hätten keine Luft zu seiner Arbeit. Er bot hohen Arbeitslohn und verschrieb mit hohen Unkosten Leute von auswärts; aber Pelle war stets unterrichtet und suchte sie sofort auf. Wenn sie nur einige Tage unter seinem Einfluß gestanden hatten, reisten sie wieder ab oder gingen zu anderen Meistern, die jetzt, wo es mit Meyers Geschäft zumckging, mehr zu tun bekamen. Die Leute, die ins Lager kamen, erzählten, daß er oben umher- ging und wütete und die Unschuldigen ausschimpfte und auch sie von sich jagte. Meyer fühlte eine Hand hinter diesem allen, er ver« langte, daß der Meisterverein LoSout erklären sollte. Aber die anderen Meister' witterten einen Schmfmig darin von seiner Seite. Sein eigenes Geschäft lag tot danieder, und da wollte er auch ihre zum Stillstand bringen. Sie hatten vielleicht im Grunde nichts gegen den neuen Zustand einzuwenden; eine Grundlage für einen Lockout konnten sie auf alle Fälle nicht finden. So bequemte er sich denn, an Pelle zu schreiben und ihn zu einer Verhandlung aufzufordern, um die Unruhe im Fach zu heben. Pelle, der noch keine Uebung in der Ver- Handlungskunst befaß, antwortete Meyer so, als ob er ihm einen Marsch blasen wollte. Er zeigte jedoch dem Schwicger- vater seine Antwort, ehe er sie absandte. „Nein, zum Teufel, das geht nicht!" sagte Stolpe. Siehst Du, mein Junge, aus den Ton kommt das Ganze an, wenn man Gewerkschastspolitik betreiben will! Tie Großen, die fehen verdammt auf die Verpackung! So war ich im An- sang auch— raus mit der Wahrheit und sie ihnen gerade ins Gesicht geschleudert! Aber das ging nicht, man war zu un- gehobelt, mit so einem konnten sie nicht verhandeln. So ein bißchen Lügerei, das macht sich viel besser! Na ja. man muß Diplomat sein und einen Fuchs mit einem anderen Fuchs einfangen. Schreib nun mal nieder, was ich Dir sage. Ich will Dir wohl ein Muster geben, also—!" Stolpe ging eine Weile im Zimmer auf und nieder und sah nachdenklich aus; er war in Hemdärmeln und Pantoffeln und batte die beiden Zeigefinger in die Westentasche gesteckt.„Bist Du so weit, kleiner Schwiegersohn? Na, denn man los!: ».An den Vorsitzenden des Meistervereins der Schuhmacher Herrn Hosschuhmachermeister Meyer! Indern ich den Empfang Ihres sehr Geehrten vom gestrigen Datum bestätige, gestatte ich mir zu bemerken, daß, so weit mir bekannt ist, zurzeit im Fach überall beste Rrihe und geordnete Verhältnisse herrschen. So daß die Grundlage zu einer Verhandlung nicht vorhanden ist. Im Namen des Fachvereins. Hochachtungsvoll Pelle." „So, das hat Hand und Fuß, was? Tarunter hätte Napoleon auch feinen Namen setzen können, ohne sich zu genieren, und boshaft genug ist es auch, sagte Stolpe ver- gnügt.„Schreib das nun ein bißchen hübsch ab, und dann nimmst Du einen großen Briefumschlag." Pelle fühlte sich ganz imponiert von dem Schreiben, als er es auf einem großen Bogen Papier abgeschrieben hatte; es glich dem Tagesbefehl von einem Amtmann oder Bürger- meister daheim. Nur in bezug auf das Bobhafte darin hegte er seine Zweifel. Ein paar Tage später saß er vormittags zu Hause und arbeitete. Die dazwischen liegenden Tage hatte er Löscharbeit im Hafen annehmen müssen, jetzt saß er da und versohfte ein Paar Seestiefel fiir einen Matrosen von einem Kohlenschiff. Auf der anderen Seite des Tisches saß der kleine Laste und plauderte und ahmte seine Bewegungen nach, und jedesmal, wenn Pelle einen Pflock einschlug, klopfte der Junge mit der Klapper auf den Rand des Tisches. UnjvJBelle lachte ihm zu. Ellen ging zwischen der Küche und der Stube ein und aus. Sie war ernsthaft und schweigsam. (Fortsetzung folgt.) »erdolcn.1 Cbadfcbi-JVIiirat. 22] Von Leo T o l st o i. Butler ritt neben seinem nächsten Vorgesetzten, dem Major Petrow, her, mit dem er zusammemvohnte. Er war von aufrirch- tigster Freude darüber erfüllt, daß er sich entschlossen hatte, den Dienst in der Garde aufzugeben und nach dem Kaukasus zu gehen. Der Hauptgrund, weshalb er sein Garderegiment verlassen, war, daß er in Petersburg sein Vermögen im Kartenspiel zugesetzt hatte. Er hatte gefürchtet, daß er. falls er noch bei der Garde verbliebe, immer wieder in dieses Laster zurückfallen würde, und so hatte er, zumal er nichts mehr zu verspiele?, hatte, der Residenz den Rücken gekehrt. Jetzt lagen alle diese Dinge hinter ihm, ein Leben, so kühn, so abwechslungsreich und schön,©clbst sein zerrüttetes Vermögen und feine unbezahlten Schulden hatte er vergessen. Der Kaukasus, der Krieg, die Soldaten, die Offiziere, diese ewig be- zechte»� gutmütigen, tapferen Jungen, der Major Petrow— alles dies erschien ihm so herrlich, daß er eS zuweilen gar nicht glauben konnte, daß er wirklich nicht mehr in Petersburgs verqualmtes Spielsalons die Karten bog und voll Grimm gegen den Bankhalter mit einem dumpfen, schweren Schmerz im Schädel, pointierte, sondern hier in diesem prächtigen blande unter den wackeren kautasi» schen Helden weilte. Der Major lebte in wilder Ehe mit der Tochter eines Feld» schcrs zusammen, die zuerst nur seine„Maschka" gewesen war, nach und nach aber zur Diaria Dmitrijewna avanciert war. Ma- ria Dmitrijewna war eine hübsche blonde Person, mit sehr viel Sommersprossen, etwa dreißig Jahre alt nnd-ohnie Anhang. Welches auch ihre Vergangenheit geinesen fem mochte, jetzt war sie jedenfalls die treue Gefährtin des Majors, die ihn pflegte wie eine Kinder- frau, und das hatte der Major, der sich nicht selten bis zur Bewußt- losigkcit betrank, sehr nötig. Als sie in der Festung anlangten, fanden sie alles so vor, wie der Major es vorausgesagt hatte. Maria Dmitrijewna setzte ihm und Butler sowie den beiden Offizieren der Kolonne, die der Major noch eingeladen hatte, ein ebenso nahrhaftes wie schmackhaftes Mittagessen vor, und der Major aß und trank sich so voll, daß er nicht mehr sprechen konnte und sich auf sein Zimmer begab, um ein Schläfchen zu machen. Auch Butler war müde, doch im übrigen recht zufrieden mit dem Tage. Er hatte von dem trefflichen kaukasischen Rotwein nur «in klein wenig über den Durst getrunken und begab sich nun gleich- falls auf sein Zimmer. Kaum hatte er die Aeider abgelegt und sich, die flache Hand unter dem übschen, lockigen Kopfe, auf dem Bette hingestreckt, als er in einen festen, traumlosen Schlaf verfiel, aus dem ihn nichts so leicht erweckt hätte. 17. Das Dorf, das bei dem Ueberfall zerstört worden war, war dasselbe, in dem Chadschi-Murat die Nacht vor seinem Ucbergange zu den Russen zugebracht hatte. Sado. bei dem Chadschi-Murat damals genächtigt hatte, war beim Herannahen der Russen mit den Seinigen in die Berge geflüchtet. Als er nach dem Dorfe zurück- kehrte, fand er seine Hütte zerstört; das Dach war eingestürzt, die Tür und die Säulen des Altans waren verbrannt und das Innere in widerlicher'Weise beschmutzt. Sein Sohn, jener hübsche Knabe mit den blitzenden Augen, der so begeistert auf Chadschi-Murat geschaut hatte, war auf einem mit einem Filzmantel bedeckten Pferde tot nach der Mchchee gebracht worden. Er war durch einen Bajonettstich in den Rücken getötet. Sados ehrbare Gattin, die Chadschi-Mura damals mit seinem Besuche aufgewartet hatte, stand jetzt im zerrissenen Hemd, das ihre welken Brüste den Blicken preis- gab, mit zerrauftem Haar über der Leiche des Sohnes, kratzte sich selbst vor Schmerz dos Gesicht blutig und wehklagte voll Verzwcif- lung. Sado war, mit Hacke und Spaten versehen, in Begleitung der"Verwandten fortgegangen, um für den Sohn ein Grab zu graben. Ter alte Großvater saß, an die Wand der eingestürzten Hütte gelehnt, da, schnitzte mechanisch an einem Stecken und starrte dumpf vor sich hin. Er war soeben erst aus seinem Bienengarten herübergekommen. Die beiden Heuschober, die sich dort befunden hatten, waren verbrannt, die Aprikosen- und Kirschbäume, die er selbst gepflanzt und gehegt hatte, waren zerbrochen und halb ver- kohlt, und auch die Bienenstöcke samt den Bienen waren ein Opfer der Flammen geworden. In das Wehklagen der Weiber klang das Angftgeschrei der Kinder hinein, und das hungrige Vieh, für das es kein Futter gab, brüllte dazwischen. Die größeren Kinder dach- ten nicht ans Spiel, sondern schauten mit erschrockenen Augen auf die Erwachsenen. Der Dorfbrunnen war, offenbar vorsätzlich, verunreinigt, so daß die Einwohner auch das Wasser entbehren mußten. Auck die Moschee war in gleicher Weise verunreinigt, und der Mullah mußte sie mit Hilfe der Moscheediener erst wieder säubern. Kein Wort des Hasses gegen die Russen wurde laut. Das Gefühl. das alle Tschetschenzen vom jüngsten bis zum ältesten diesem Feinde gegenüber hegten, war stärker als der Haß. Sie sagten sich, daß diese russischen Hunde keine Menschen seien, und ein solcher Abscheu und Ekel, ein solches Erstaunen über die sinnlose Grausamkeit dieser Kreaturen ergriff sie, daß der Wunsch, sie auszutilgen, wie man Wölfe, Ratten und giftige Spinnen austilgt, ebenso natürlich er- scbien wie der Trieb der Selbsterhaltung. Die Einwohner des Dorfes hatten nun die Wahl: entweder, in dieser Feindschaft ver- harrend, am alten Platze zu verbleiben und mit größter Mühe, auf die Gefahr einer Wiederholung dieses wahnwitzigen Zerstörungs- Werkes hin, die dem starren Felsen abgerungene Heimstätte wieder herzurichten— oder, dem religiösen Gefühl und der tiefen Ab- neigung gegen alles Russische zum Trotz, sich durch Unterwerfung den Frieden zu erkaufen. Tie Aeltesten des Dorfes suchten Stär- kung im Gebet und beschlossen einmütig, Boten zu Schamyl zu senden und ihn um Hilfe zu bitten. Dann machten sie sich sogleich daran, das Zerstörte wieder herzustelle-- 18. Um Tage nach dem Ueberfall verließ Butler ziemlich spät am Vormittag auf der Hintertreppe das Haus, um bis zum Früh- stückstee, den er gewöhnlich mit Petrow zusammen trank, sich auf der Straße zu ergehen und frische Luft zu schöpfen. Die Sonne war bereits über den Bergen emporgestiegen, und die Augen sckmcrzten ihn, als er nach der rechten Seite der Straße hinüber- sah, wo die weißgetünchten, grell beleuchteten Häuser sich erhoben. Um so herzerfrischender und wohliger wirkte der Anblick der sich zur Linken hinziehenden, von dunklem WaldeZdickicht bedeckten Bergs, hinicr denen sich die schimmernde Kette der Schneegipfel erhob, die oun weitem dicht geballten weißen Wollenmaffen glichen. Butler schaute nach den Bergen hinüber, sog die frische Luft in vollen Zügen ein und war von Freude darüber erfüllt, daß er— gerade er lebte, noch dazu an einem so herlichen Orte. Ein klein wenig freute es ihn auch, daß er sich gestern so trefflich gehalten hatte, beim Hinmarsch sowohl wie namentlich beim Rückmarsch, der sich ziemlich unangenehm gestaltet hatte. Auch die 'Erinnerung an den gestrigen Abend bereitete ihm Freude— wie er nach dem kühnen Marsche mit den Kameraden von Maria Dmitri- jemna, der Freundin Petrows, bewirtet worden war, und wte sie mit allen, namentlich aber, wie ihm schien, mit ihm so lieb und nett gewesen roar. Mit ihrem vollen Haar, den breiten Schultern, dem vollen Busen und dem strahlenden Lächeln in dem mit Sommer- sprossen übersäten, gutmütigen Gesichte übte sie unwillkürlich auf den jugendlicbcn, kräftigen, ledigen Butler einen starken Eindruck aus, und es schien ihm, daß auch er ihr nicht gleichgültig sei. Er war jedoch der Meinung, daß es eine Schlechtigkeit gegenüber dem gutmütigen, braven Kameraden gewesen wäre, wenn er sich Maria Dmitrijewna genähert hätte, und so verkehrte er mit ihr auf durch- aus anständigem, ehrerbietigem Fuße, lind er freute sich darüber, daß er sich in diesem Punkte zu beherrschen wußte. Eben, wie er auf der Straße daherschritt, dachte er hierübe: nach, als seine Gedanken durch deutlich vernehmbares Pferdcge- trappel, das auf der staubigen Straße näher und näher kam, ab- gelenkt wurdem Es mußte ein größerer Reitertrupp sein, der sich da auf ihn zu bewegte. Er blickte auf und sah am Ende der Straße eine Schar von Reitern: an der Spitze von etwa zwanzig Kosaken ritten zwei Männer, der eine in einer weißen Tscherkeska und einer hohen, turbanumschlungenen Lammfcllmützc. der andere ein rrissi- scher Offizier, brünett, mit einer Sldlernase, in reichem Silberschmuck au Kleidern und Waffen. Der Reiter im Turban saß auf einem prächtigen Fuchs mit kleinem Kopfe, schönen funkelnden Augen, weißer Mähne und ebensolchem Schweife. Der Offizier ritt ein großes, schmuckes, karabachisches Pferd. Butler, der sich gut auf Pferde verstand, wußte das treffliche Tier des Turbanträgers sogleich richtig einzuschätzen und tlieb stehen, um zu hören, wer diese Leute wären. Der Offizier wandte sich an Butler und fragte:„Ist dies das Haus des Platzkommandanten?" Er sprach das Russische mit etwas fremdartiger Betonung, und man hörte ihm sogleich an, daß er nicht von russischer Herkunft ivar. Butler bejahte seine Frage. „Wer ist denn dieser da?" fragte Butler, an den Offizier her- antretend und nach dem Manne im Turban hinüberblinzelnd. „Das ist Chadschi-Murat. Er ist hierher geritten und wird beim Platzkommandanten bleiben," sagte der Offizier. Butler hatte von Chadschi-Murat und seinem Ueberiritt zu den Russen gehört, doch hatte er nie erivartet, daß er ihn hier, in der kleinen Grcnzfestung, zu Gesicht bekommen würde. Chadschi-Murat warf ihm einen freundlichen. Blick zu. „Sei willkommen— kotkilda," sagte Butler, mit seinem bißchen Tatarisch prahlend. „Sc-ubul," antwortete Chadschi-Murat kopfnickend. Er ritt an Butler heran und reichte ihm die Hand, an deren Fingern die Reitpeitsche hing. „Der Kommandant?" fragte er. „Nein, der Komiuandant ist im Hause, ich will ihn rufen," sagte Butler zu dem Offizier, ging die Treppe hinauf und suchte die Tür zu öffnen. Tie auf„die Paradetrcppe", wie Maria Dmi- trijewna sie nannte, hinausgehende Tür war indes verschloffen. Butler klopfte dagegen, uns als niemand im Hause sich meldete, ging er um das Haus ijenuu und trat von der Hintertreppe«mS ein. Er rief seinen Burschen, und als dieser sich nicht meldete und ebensowenig zu finden war wie der Bursche des Majors, begab er sich nach der Küche. Maria Dmitrijewna hantierte hier, ganz rot im Gesichte, mit einem Tuche auf dem stopfe und die Aermcl über den runden»reißen Armen hoch aufgestreift, eifrig herum— sie war gerade dabei, den ftachgerollten Teig, der ebenso weiß war wie ihre Arme, in kleine Streifen zu schneiden und daraus Pasteten zu bereiten. (Fortsetzung folgt.) Zum ioo. Geburtstage von ßcrtbold Huerbacb. Zwischen dem fünften bis siebenten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts gab es im deutschen Bürgertum ein entzücktes Schwärmen für sogenannte„Dorfgeschichten". Das war damals ein funkelnagelneues Genre und wurde„Mode". Tics um so wehr als auch gerade das allgemeine Reisefieber erwachte. Nicht daß die Ströme fremd- wie inländischer Touristen sich auf Nord- deutschland beschränkt hätten, wie bisher; nein, jetzt ergossen sie sich rheinauswärtS. Man hatte plötzlich die wunderbare Pracht des süddeuffdben Landschaftsbildes entdeckt und die Bevölkerung allda. inmitten einer rttchW vshezu Lausendjährigeg Kgltur. Kas alles war wohl schon früher von manchen wissenschaftlichen Männern bemerkt und verbucht worden. Aber noch war der Natursinn und das kulturelle Jnteress» nicht in die breiteren Schichten gedrungen. Beides mußte erst erschloffen luerden. Diese höchst dankbare Auf» gäbe übernahm mit einem Male die Dorfgeschichte. Und der Begründer dieser neuzeitlichen Gattung hieß Berthold Auer- bach. Daß es gerade ein Jude sein sollte, mochte damals den» begrenzten Untertanenverftande noch als höchst sonderbar erscheinen. Indes— man war um so williger, umzulernen, von alten Raffen» Vorurteilen loszukommen, als Auerbach sich seines schwarzwäldle» rischcn Heimatvolkes warmherzig annahm. Berthold Auerbach, am 28. Februar 1312 zu Nordstetten(Würt» temberg) geboren, studierte in Tübingen, München und Heidelberg zunächst Jurisprudenz und Theologie, dann Philosophie. Jr» burschenschaftliche Untersuchungen verwickelt, war er zwei Monats lang Gefangener auf dem Hohenasperg, wo ja auch einst der genial« Dichtermusiker Schubart eine siebenjährige furchtbare Kerkerhaft hatte verbüßen müssen. Darauf lebte- Auerbach in rheinischen Städten, am längsten in Mainz; dann in Weimar, Leipzig, Dres- den, Berlin, Breslau und Wien, bis er 1860 bleibenden Aufenthalt in Berlin nahm. Die erste Etappe seiner schriftstellerischen Tätig» keit wird durch die aus dem Lebensgebiet des Judentums geschöpften Romane„Spinoza" und„Dichter und Kaufmann" bezeichnet. So ward er der Urheber eines neuen literarischen Genres, nämlich der nun ungemein zahlreich folgenden Geschichten aus dem jüdischen Familienleben und noch viel mehr durch seine„Schwarz» Wälder Dorfgeschichten". Ein ganz unbekannt gebliebenes Feld war die deutsche Mrf« geschichte zwar nicht; denn sie reicht bis ins Mittelalter zurück und war auch in neuerer Zeit von Jung-Stilling, Pestalozzi, Brentano und Jmmermann gepflegt worden. Ja, und in der Schweiz hatte erst kürzlich der Pfarrer Albert Bitzius(„Jeremias Gotthels") mehrere kraftvolle naturalistische Dorfromane(„Uli der Knecht". „Uli der Pächter" usw.) geschaffen; sie waren jedoch noch in Deutsch- land so gut wie unbekannt. Von dieser Seite aus wurde indessen Auerbach am wenigsten oder gar nicht beeinflußt. Ausschlag» gebend mögen wohl die„Elsäsfischen Dorfgeschichten" von Alexander Weil gewesen sein, die gerade in die Oefsentlichkeit traten, als Auerbach in seinem Roman„Dichter und Kaufmann" das Ver- mögen seiner poetischen Begabung eben erprobt hatte. Gleichviel jedoch, von wem die unmittelbare Anregung ausgegangen ist: die Dorfnovclle zur künstlerischen Vollendung erhoben zu haben, ist Auerbachs dauernder Ruhm. In ihr fand er sich auf seinem Heimatsboden zurecht, und aus diesem erwuchs ihm die Kraft für die Gestaltung des kmdvolüichen Lebens. Die ungeheure Wirkung seiner„Schwarzwälder Dorfgeschichten" auf das zeit- gcnössische Lesepllblikum läßt sich mit der des Goetheschen..Werther" vergleichen; denn sie machten, in die meisten Kultursprachen über« setzt, die Runde über den Halben Erdkreis. Den allerhöchsten Aus» druck dieser Begeisterung, bildet zweifellos Freiligraths bekannte? Gedicht an Auerbach, Mau würde aber sehr irren, wenn man an- nehmen wollte, Auerbach hätte durch seine Dorfnovcllen nur die touristische Erschließung der engeren Heimat bezwecken wollen; denn dann würde er sich in nichts von seinem Nachahmer Maximi- lian Schmidt unterscheiden, dessen bayerische Waldromane nichts weiter als schablonenhaft gemachte Hans-und-Gretcl-Geschichten sind. Sondern Auerbach ging von weit höheren Gesichtspunkten aus. Ihm war es darum zu tun, für die Armen und Unter» drückten, selbst für verbrecherische Kreaturen zu kämpfen. Er scheute dabei vor einer Ivahrhaftigen Schilderung der Zustände und der Landbewohner nicht zurück. Sonach konnte es ihm auch nicht bei- fallen, das dörfische Leben in die Farben arkadischer Unschuld zu tauchen. Wohl liebt seine über alles gütige Art das Holdselig« und Zarte in feinen Gestalten, zumal bei Mädchen und Frauen» wohl schwelgt er, der die Natur so tief inS Herz geschlossen, förm» lich in malenden Worten und Vergleichen, wohl Pflegt er gern beim Glücke braver Menschen zu verweilen; aber gleichzeitig und eigent- lich überwiegend bringt er doch heftige Schinerzen und er» schütternde Schicksalsfügungen. Wenn wir eine Anzahl mit we» niger Glück gestaltete Zeitromane von vornherein ausschalten, so bleiben der eigentlichen Dorfgeschichten noch immer etwa ein Dutzend Bände. Von seinem Geburtsort Nordstetten, wo Auerbach auch begraben liegt— et starb zu Cannes ain 8. Februar 1882— ist er ursprünglich ausgegangen. Er hatte sich die Aufgabe gestellt, ein ganzes Dorf gewissermaßen vom ersten bis zum letzten Hause zu schildern, Erstaunlich ist dabei die Mannigfaltigkeit der den Novellen zu» gründe gelegten Stoffe. Solchen, die nur persönlichen Schicksalen gelten, reihen sich solche an, die bald den Protest der Landbewohner gegen eine ihnen aufgedrungene polizeistaatliche„Kultur", bald gegen die Bevormundung der katholischen Klerisei aufzeigen. An» dere Erzählungen(„Sträflinge",„Das Nest an der Bahn". „Florian und CreSzenz",„Ein eigner Herr",„Diethelm von Buchen- berg") behandeln sozialethische Motive. Wieder in anderen wird der verderbliche Wahn des Bauernvolkes gegen die Unteilbarkeit der Güter odit seine Abneigung gegen den rationellen Betrieb der Landwirtschaft köstlich abgewandelt. Gern schildert Auerbach das Leben von.Handwerker:», so den Maurer(in„Brost und Moni"), den Musikanten(in„Geigerlex"), die Schwarzwälder Uhr» macher(in„Edelweiß"). Daß der Dichter trotz aller realistischen Kleinmalerei der dörf- � lichen Verhältnisse feine Landgestalten in einer idealisierten Aus- Fassung zeigt, ist allerdings ein Vorwurf, der ihm schon zu seinen Lebzeiten mit Berechtigung gemacht wurde. Diesen Fehler hat er jedoch mit den meisten Dichtern jener epigonalen Periode gemein. Wenn Auerbach schließlich ins Hintertreffen geriet, so lag die Schuld auch an der großen Schar seiner weniger talentierten Nach- treter. Die Dorfgeschichte war eben Mode geworden, wie die Touristenfexerei auch— und allmählich kriegte das Publikum den Geruch eines mit Lavendel beräucherten Salonbauerntums herz- lich satt. Die bereits am Horizont aufsteigende„Moderne" fegte auch über Auerbachs Schwarzwaldgeschichten mit rauhem Besen chinweg. Vieles an ihnen ist heute veraltet. Der kulturhistorische Einschlag und die schlichte poesicvolle Art der Gestaltung verbleibt als Gewinn. Und es ist wohl möglich, ja es ist sogar im Interesse einer wahrhaft guten Volksliteratur höchst wünschenswert, daß die besten Auerbachschen Schöpfungen Allgemeingut werden, sobald� seine Werke honorarfrei geworden sind, was mit Beginn des nächsten Lahres eintreten wird. e. k. Leuchtende Luft. Von Hanns Günther. Vor rund 150 Jahren teilte einer der berühmtesten Gelehrten seiner Zeit, der große Lavoisier, in dem die wissenschaftliche Chemie der Neuzeit ihren� eigentlichen Begründer sieht, der französischen Akademie der Wissenschaften mit, daß die Luft kein Element sei, wie man 2000 Jahre lang— gestützt auf die Aussagen und Auf- Zeichnungen der Alten— angenommen hat, daß sie vielmehr eine lockere Vereinigung von Stickstoff und Sauerstoff darstelle. Lavoisier berief sich bei dieser Angabe aus seine eigenen sehr genauen Ver- suche, vor allem auf die Forschungen des deutschen Apothekers Scheele und des englischen Pastors Priestley, die beide in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, etwa zu gleicher Zeit, aber ohne voneinander zu wissen, über die Eigenschaften der atmosphäri- schen Luft gearbeitet hatten. Lavoisier fand bei der französischen Akademie damals keinen Glauben für die„Ungeheuerlichkeit", die er vortrug. Man lachte ihn geradezu aus und Beaume, ein anderer berühmter Chemiker jener Tage, urteilte mit dem Brustton der vollsten Ueberzeugung: „Die Urelemente(Luft, Wasser, Feuer und Erde) sind von den Physikern aller Länder und Zeiten erkannt und bestätigt worden. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Elemente, die zwei Jahrtausende lang als solche galten, heute in Bestandteile aufgelöst werden können. Und man müßte mit absurden Folgerungen, um nicht mehr zu sagen, vorgehen, wenn man die Existenz der Luft und der Erde anzweifeln wollte. An nichts mehr könnte man glauben, wenn Luft, Wasser, Feuer und Erde nicht mehr als Elemente an- erkannt würden." Doch all dieser Widerstand nutzte nichts. Die Tatsachen sprachen zu laut und allmählich drang die Ueberzeugung durch, daß die Lust kein Element sei. Aber es war nur der erste Schritt auf einem langen Wege, der damit getan war, und er blieb ein volles Jahr- hundert lang leider der einzige. Man nahm an, das Geheimnis der Atmosphäre sei gelöst und betrachtete sie hinfort als ein Ge- menge von Sauerstoff und Stickstoff mit— das hatte man auch noch entdeckt— ganz wenig Kohlensäure und Wasserdampf. Dann kam eines der Sonntagskinder in der Geschichte der Wissenschaften und warf das schon selbstverständlich Scheinende mit einem Ruck wieder um. Der englische Chemiker Lord Raleigh hatte Unter- jsuchungen über den atmosphärischen Stickstoff angestellt und dabei gefunden, daß dessen Dichte nicht mit der des im Laboratorium entwickelten, chemisch reinen Stickstoffes übereinstimmt. Aus diesem Befund ließ sich schließen, daß der Luftstickstoff noch mit anderen Gasen gewissermaßen verunreinigt sei, und Raleigh ging zusam- mcn mit seinem Fachgenossen und Freunde Ramsay an die Arbeit, diese Gase zu ermitteln. Das erste Ergebnis war um 1894 die Entdeckung des Argons. Ramsay setzte die Untersuchungen fort und im Jahre 1900 konnte er mitteilen, daß er noch vier weiwre Gase: Helium, Krypton, Neon und Tenon in der Luft entdeckt und daraus abgesondert habe. Alle diese Gase kommen allerdings nur in äußerst geringen Mengen in der Atmosphäre vor, beispiels- weise enthält 1 Gramm Luft nur Veoooo Gramm Neon. In anderer Hinsicht waren diese Gase noch merkwürdiger. Sie zeigten zu keinem der bekannten Elemente chemische Verwandtschaft und gingen daher auch keine chemischen Verbindungen ein. Da Gold und Platin, überhaupt di- Edelmetalle die gleiche Erscheinung zeigen, wurden die neuen Grse„Edelgase" genannt. Soweit wäre die Sache ganz interessant als Beispiel für das, was die moderne Chemie leistet. Wirklich wichtig aber werden solche Entdeckungen für uns erst dann, wenn sie greifbare prak- dische Folgen zeitigen. Das geschah mit einem der Edelgase vor kurzer Zeit. Das Neon scheint uns ein neues Licht zu verheißen! Anders gesagt, die Luft wird künftig zu Be- leuchtungszwecken arsgenutzt werden können. Man hatte Glasröhren mit Edelgasen gefüllt, um Untersuchun- (gen darüber anzustellen, wie sich diese Gase beim Durchgang hoch- gespannter elektrischer Ströme verhielten. Bei diesen Versuchen zeigten die mit Neon gefüllten Röhren sehr lebhaftes Aufleuchten Verantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck p. Verlag: in einem leicht rötlichen, äußerst hellem Schein. Man ging der Sache nach und suchte die Entdeckung praktisch nutzbar zu machen, DaS gelang nach manchen Schwierigkeiten dem französischen Phy- siker George Claude, der sich bereits früher durch die Entdeckung eines sehr wirtschaftlich arbeitenden Verfahrens zur Herstellung flüssiger Luft bekannt gemacht hatte. Die Schwierigkeiten lagen vor allem darin, daß das Neon an» fänglich immer geringe Mengen Stickstoff beigemischt enthielt, die die Leuchtkraft stark beeinflußten. Man mußte also zunächst eine Reinigung des Gases vornehmen. Dazu benutzte Claude nach dem Vorbilde Dewars die Eigenschaft sehr stark abgekühlter Holzkohle, flüssige Gase zu absorbieren und in sich aufzuspeichern. Die Holz» kohle nimmt dabei die Gase um so leichter auf, je leichter sie zu verflüssigen sind und je tiefere Temperaturgrade in Frage kommen. Neon wird schwerer flüssig als Stickstoff, folglich ist durch dieses Verfahren ihre Trennung bequem zu bewerkstelligen. Man versieht die mit Neon gefüllte Röhre mit einem Ansatz, in den ein Stück Holzkohle kommt und taucht darauf die ganze Röhre in ein Ge- fäß mit flüssiger Luft. Der Stickstoff verdichtet sich nach und nach und sammelt sich in den Poren der Holzkohle an, während das Neon unbeeinflußt bleibt. Nach durchschnittlich 15 Stunden ist daS Gas genügend rein. Man schmilzt dann den Ansatz nach der Röhre hin zu und trennt so die Holzkohle mit dem Stickstoff ab. Claude benutzte bei seinen ersten Vorführungen in der Pariser physikalischen Gesellschaft eine mit Neon gefüllte Röhre von 4,5 Zentimeter Durchmesser und 6 Meter Länge,'die ausgezeichnete Ergebnisse lieferte. Etwas später machte man einen größeren Ver- such, indem man mit Neonlicht bei der letzten Automobilausstellung in Paris die Hälfte einer der Hauptstraßen des Ausstellungsfeldes erleuchtete. Das Licht war leicht orangerot und füv die Äugen sehr angenehm, die notwendige Stromstärke betrug neun Zehntel Amp., die Betriebsspannung 1000 Volt. Dabei ergab sich eine Lichtstärke von 220 Normalkerzen auf 1 Meter Röhrenlänge, daS entspricht bei dem oben angegebenen Stromverbrauch einem Verbrauch von 0,7 Watt für die Normalkerze. Claude glaubt je- doch, daß es ihm gelingen wird, den Stromverbrauch auf 0,5 Watt herabzumindern, und damit würde die neue Beleuchtung durchaus konkurrenzfähig werden. Nun steigt natürlich sofort die Frage auf, woher man Neon in so großen Mengen bekommen soll, wie es nötig wäre, um solche Lampen allgemein einzuführen. Claude hat für die Beantwortung dieser Frage bereits gesorgt, indem er ein Verfahren ausarbeitete, nachdem sich Neon bequem in großen Mengen aus der Luft ab- sondern läßt. Auf dessen technische Einzelheiten kann ich hier je- doch nicht eingehen, da das zu weit führen würde. Interessant ist aber zum Schluß ein Streifblick darauf, wie weit wir nun schon in der Ausnutzung der Atmosphäre gekommen sind: Luftsauerstasf als Heizmaterial, Luftstickstoff als Düngemittel, jetzt Neon als Licht k Wohin wird unser Weg da wohl weiter gehen? kleines feuületon. Aus der Vorzeit. Haben unsere Vorfahren Erde gegessen? Unter den Naturvölkern und sogar bei den höher entwickelten Stämmen der Gegenwart ist das Esien oder wenigstens Kauen verschiedener Erdartcn so weit verbreitet, daß es nicht sehr unwahrscheinlich klingt, wenn man annimmt, daß auch der vorgeschichtliche Mensch von dieser Gewohnheit nicht ganz frei gewesen ist. Unsere Vor» fahren haben es sicher überhaupt nicht leicht gehabt, sich die not» wendige Nahrung zu verschaffen, da sie aus Mangel an tüchtigen Waffen die Jagd nur mit mäßigem Erfolg betreiben konnten. Sie werden daher recht oft den Hunger gefühlt haben, und es wäre ihnen aus diesem Grunde auch wenig zu verargen, wenn sie ihre Leichen, wie es inutmaßlich geschah, auf dem Wege der Menschenfresserei begruben. Ferner mögen sie gelegentlich alle erdenklichen Mittel angewandt haben, um den Hunger zu be» täuben. Professor Baudouin, der führende Kenner deS vorgeichicht» lichen Menschen in Frankreich, hat jetzt auS der Untersuchung von Zähnen deS Urmenschen den Schluß gezogen, daß auch unsere Vor- fahren Erdesscr gewesen sind. Schon früher hatte man bei Zähnen ausgewachsener Skelette, die aus den Gräbern der jüngeren Steinzeit stammten, eine sonderbare Abnutzung festgestellt. die an Stärke die durchschnittliche Abnutzung an den Zähnen deS Menschen der Gegcnwarr oder des Mittelalters übertrifft. Baudouin hat nun dieser Erscheinung seine besondere Auf» merkiamkeit zugewandt und sie auch in vielen Fällen bei Zähnen von Kindern gesunden, und zwar namentlich an den vordersten Back- zähnen(Prämolaren), und hält eS denn auch für zweifellos, daß sie auf eine besondere Nahrung zurückgeführt werden muß. die den Kindern und Erwachsenen gemeinsam gewesen ist. Man braucht nicht gerade anzunehmen, daß der vorgeschichtliche Mensch reine Erde ge» gessen habe, sondern nur. daß er Wurzeln und Körner, die vielleicht auf sehr roben Steinmühlcn zerkleinert worden, waren, zugleich mit erheblichen Mengen von Sand zerkaut und heruntergeschluckt habe. Bei erdessenden Völkern Asiens und Afrikas lassen sich genau dieselben Merkmale an den Zähnen nachweisen._ vorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstaltPaulSinger>ZrCo., Berlin LW.