Nntethalwngsblatt des vorwärts Nr. 42. Donnerstag 0en 29. Februar. 1.912 (Nachdruck verbore«.) 421 Pelle der Eroberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNezö. Es schellte. Sie stürzte an den Ofen und riß etwas Kinderwäsche herunter, dann ging sie hinaus und öffnete. Ein brünetter, korpulenter Herr im Spazierpelz trat dienernd ein, den hohen Hut hielt er vor sich hin, zusammen mit den Handschuhen und dem Stock. Pelle wollte seinen Augen nicht trauen— es war der Hofschuhmacher. Er kommt wohl, um mit Dir abzurechnen! dachte er und bereitete sich auf einen Kampf vor. Er bekam Herzklopfen, und etwas in ihm fing an. hinab zu rutschen, alte Untertänigkeit war im Begriff aufzusteigen und sich seiner zu bemächtigen. Aber das währte nur einen Augenblick, dann war er seiner selbst wieder sicher. Ruhig bot er seinem Gast einen Stuhl. Meyer saß da und sah sich in dem einfachen, netten Stäbchen um, als wolle er erst die Hilfsmittel seines Feindes mit seinen eigenen vergleichen, ehe er etwas unternahm. Pelle fing etwas in seinem wandernden Blick auf und ward plötzlich eine ganze Menge klüger in seiner Menschenkenntnis. Er sitzt da ja geradezu und guckt herum, ob er nicht etwas entdecken kann, was in die Leihbank gewandert ist, dachte er empört. „Hm, ich ha"? Ihr geehrtes Schreiben erhalten," begann Meyer endlich.„Sie sind also der Ansicht, daß keine Ver- anlassung zu einer Erwägung des Zustandes vorliegt; aber — äh— ich meine doch—" „Nein, das meine ich allerdings nicht," erwiderte Pelle, der sich vorgenommen hatte, den Ton des Schreibens fest- zuhalten.„Es herrscht ja überall die beste Ordnung. Ueber- Haupt scheint es ja jetzt, als wenn die Sache gehen sollte, jetzt, wo wir jeder unseren Verein haben, der die Sachen un- parteiisch erwägen kann." Er sah Meyer unschuldig an. „So, also das meinen Sie? Es kann Ihnen doch nicht unbekannt sein, daß mich meine Arbeiter einer nach dem anderen verlassen, um nicht zu sagen, daß sie mir weg- genommen werden. Ich kann Ihnen nicht den Gefallen tun, das geordnete Verhältnisse zu nennen." Pelle saß da und ärgerte sich über Meyers geleckten Ton. Zum Teufel auch, warum brauste er nicht auf, wie ein ordent- licher Mann, statt dazusitzen urtd Anspielungen hinaus zu schwitzen! Aber wollte er Firlefanzereien haben, dann man zu!„Ah— Ihre Leute verlassen Sie?" fragte er interessiert. „Ja. das tun sie," sagte er und sah überrascht auf. Pelles Ton machte ihn unsicher.„Und sie schikanieren mich, halten ihre Verabredungen nicht inne und lassen meine Boten ver- gebens laufen. Früher hat jeder Mann seine Arbeit geholt und gebracht, jetzt muß ich Boten dazu halten; das kann das Geschäft nicht tragen." „Die Gesellen haben ja auch vergebens laufen müssen, ich habe ja selbst bei Ihnen gearbeitet," erwiderte Pelle.„Aber Sie sind also der Ansicht, daß wir den Zeitverlust besser tragen können?" Meyer zuckte die Achseln.„DaS ist doch ein Glied in Ihrem Erwerb, die Verhältnisse sind nun einmal auf die Ord- nung basiert. Aber wenn ich dann nur wenigstens sicher wäre, Leute zu haben. Das da geht nicht so weiter, Mensch!" schrie cr plötzlich auf.„Verdammt und verflucht, das geht nicht so, das ist nicht ehrlich!" Der kleine Lasse sprang in die Höhe und fing an zu brüllen. Ellen kam hastig herein und trug ihn in die Schlaf- kammer. Ein scharfer Zug prägte sich um Pelles Mund aus. „Wenn Ihre Leute Sie verlassen, dann werden sie wohl Grund dazu haben." erwiderte er; er hatte freilich mehr Lust, Meyer direkt ins Gesicht zu sagen, daß er ein Aussauger sei. „Ter Fachvcrein kann seine Mitglieder nicht zwingen, für einen Mann zu arbeiten, mit dem sie vielleicht nicht aus- kommen können. Ich habe selbst eben den Abschied in einer Werkstatt bekommen— aber aus dem Grunde kann man doch picht zwei Vereine alarmieren." Er sah seinen Widersacher fest an, indem er ihm den Hieb versetzte; die Züge in seinem Gesicht zitterten leicht. „Aha," erwiderte Meyer und rieb sich die Hände mit einem Ausdruck, der sagte, daß er nun endlich festen Boden unter seinen Füßen fühlte.„Ach so— da kam es endlich her- aus. Sie sind ja auch Diplomat, ein großer Diplomat!— Sie haben einen klugen Mann, kleine Frau!" wandte er sich an Ellen, die sich am Büfett zu schaffen machte.„Hören Sie einmal, Herr Pelle, Sie sind ein Mann für mich, und wir müssen zu einem Ergebnis kommen. Wenn zwei tüchtige Leute miteinander reden, dann kommt auch etwas dabei her- aus— das kann gar nicht anders sein! Ich habe Verwendung für einen intelligenten und tüchtigen Fachmann, der den Maß- Zeichnungen und Zuschneiden vorstehen kann. Der Platz ist gut gelohnt, und Sie können einen schriftlichen Kontrakt auf eine Reihe von Jahren bekommen. Was sagen Sie dazu?" Pelle erhob den Kopf mit einem Ruck. Ellens Augerr stoben Funken, sie wurden wunderlich dunkel und legten sich zwingend über ihn, als wollten sie einen Willen in ihn hin- einbrennen. Einen Augenblick starrte er verwirrt vor sich hin. Das Anerbieten kam ihm so überwältigend und über- raschend; dann lächelte er. Ei, ei, sollte er sich jetzt als Hand- langer des Aussaugers verkaufen! „Das ist wohl nichts für mich," antwortete er. „Sie müsien sich mein Anerbieten natürlich überlegen," antwortete Meyer und erhob sich.„Sagen wir drei Tage?" Als der Hofschuhmachcr gegangen war, kam Ellen lang- sam hin und legte den Arm auf Pelles Schulter.„Was für ein kluger und tüchtiger Mann Du doch bist," sagte sie leise und spielte mit seinem Haar; in ihrem Wesen lag etwas, das einer Abbitte glich. Das Anerbieten erwähnte sie mit keinem Wort, sondern sing an, bei ihrer Arbeit zu trällern. Es war lange her, daß Pelle sie hatte singen hören; und der Gesang war ihm eine lichte Versicherung dafür, daß er diesmal siegen würde. 20. Pelle führte den Kampf unverdrossen weiter, schlug sich mit widrigen Verhältnissen und mit Abtrünnigkeit herum und ging nur immer wieder kühn drauflos. Zahlreiche Male im Laufe des Kampfes war cr immer wieder auf demselben Fleck; Meyer hatte eine neue Abteilung Arbeiter aus dem Auslande bekommen, und er mußte wieder von vorne an- fangen: sie zu bearbeiten, so daß sie wieder abreisten öder sie unter den Hausbewohnern unmöglich machen, so daß sie ver- ziehen mußten. Ter Nachwinter war hart und kam Meyer zu Hilfe. Er lohnte seine Arbeiter jetzt gut und hatte eine Schar Unorganisierter zusammengebracht: eine Zeitlang sah es so aus, als könne er sein Geschäft wieder in Gang bringen. Aber Pelle hatte den Unorganisierten nur infolge von Zeit- mangel Ruhe gelassen; jetzt suchte er sie auf und kam mit mehr Autorität als das lctztemal. Man sprach schon von seinem. Willen, die meisten übergaben sich ihm im voraus.„Dem kann kein Teufel widerstehen," sagte sie. Er schwankte nicht in seinem Glauben an den Sieg und ging überall drauflos, er philosophierte sich nicht auf die eine Seite des Resultates hinüber, sondern setzte alle Kräfte daran, um es wirklich zu erreichen. Starke Mächte regten sich in ihm, führten ihn den geraden Weg. Tie Vereinsgenossen folgten ihm willig und nahmen die Entbehrungen, die die Entvölke- rung der Werkstätte mit sich führte, willig hin. Er besaß ihr Vertrauen, und sie fanden, daß es im Grunde ein herrlicher Spaß war, dies Spießumdrehen, wo sie ausnahmsweise ein- mal den Druck auf den Ausgangspunkt zurückkehren ließen. Sie hatten es bitter erprobt, was es heißt, vergebens zu laufen, um Arbeit zu betteln, und um ihr Guthaben zu betteln und zu zanken— die Kleinen zu sein. Es war amüsant, die Rollen zu vertauschen. Jetzt spielten die Mäuse mit der Katze und amüsierten sich gut dabei, obwohl ihre Krallen sie hin und wieder kratzten. Pelle fühlte das Zutrauen von Mann zu Mann durch die Bereitwilligkeit, mit der sie ihm folgten, als sei cr nur der Ausdruck ihrer eigenen Gesinnung. Und wenn er auf den Generalversammlungen und Zusammenkünften stand, um einen Bericht abzulegen oder zu agitieren und der Belfall der Kameraden ihm entgegenschlug, spürten sie, wie rhre starke« Kräfte in ihm zusammenflössen. Er war wie der Leithammel des Schiffes, die ganze Kraft ging mit ihm vor.� Er fing an. sich zurechtzufinden als Ausdruck für etwas Größeres: er war zu etwas ausersehen. Der Pelle, der tlug und ruhig mit Meyer verhandelt und festgenagelt hatte, was er wollte, ohne auch nur ein böses Wort zu sagen, war nicht der gewöhnliche Pelle! Ein größeres Wesen arbeitete in ihm, mit mehr Verantwortung, als er selbst es ahnte! Er prüfte sich selbst, um sich dies Bewußtsein anzueignen, er fühlte, daß dort Kräfte waren. Dies Höhere stand in mystischem Zusammenhang mit so Vielem, bis ganz zurück in die früheste Kindheit konnte er «s als eine reiche Verheißung verfolgen. So viele hatten auch unwillkürlich etwas von ihm erwartet: er hatte ihnen nur verwundert gelauscht, jetzt ward es zur Prophezeiung. Er achtete genauer auf die Worte in seinem persönlichen Verhältnis, jetzt, wo ihre unbegrenzte Tragweite sich ihm ofsenbart hatte. Aber bei der Agitation waren ihm die stärksten Worte die natürlichsten, sie kamen wie ein Echo aus dem leeren Raum, der unbegrenzt hinter ihnen lag. Er be- schäftigte sich mit feiner Persönlichkeit. Alles das, was er bisher sorglos einen freien und unbeherrschten Spielraum gegeben hatte, mußte jetzt am liebsten eingefriedigt werden und einem Zweck dienen. Auch sein Verhältnis zu Ellen lprüfte er, entschuldigte sie und gab sich Mühe, ihre Ansprüche on das Glück zu verstehen. Er war sanft und gut gegen sie, über unbeugsam im wesentlichen. Wegen des Hofschuhmachers machte er sich kein Gewissen. Er hatte lange genug seine Uebcrmacht auf allen Gebieten mißbraucht: durch sein großes Geschäft hatte er die Zustände geschaffen und beherrscht, die schlechten Verhältnisse mußten auf ihn zurückgeführt werden. Es war jetzt Sommer und eine gute Zeit für die Arbeiter, und sein Geschäft ging stark gurück. Pelle sah seinen Fall voraus und fühlte sich als ge- xechter Rächer. Der jahrelange Kampf nahm seinen ganzen Sinn in An- spruch. Immer war er unterwegs, kam nach Hause gestürzt gu der Arbeit, die dalag und auf ihn wartete, schaffte sie bei- feite wie ein Wütender, und eilte wieder von dannen. Von Ellen und dem kleinen Lasse sah er in dieser Zeit nicht viel, sie lebten ihr Leben ohne ihn. Er wagte nicht, sich bei der Tatsache zu beruhigen, daß Las Zusammenhalten jetzt stark war. Beständig war er unterwegs, um noch mehr zu stützen und zu unterbauen: er wollte dem Unvorhergesehenen nicht zum Opfer fallen. Seine Unermüdlichkeit steckte die Kameraden an, sie wurden eifriger und eifriger, je mehr sich der Kampf in die Länge zog. Er wuchs für sie durch die Opfer, die er erforderte, und durch die Kraft des Widerstandes: Meyer wuchs allmählich zu einem Koloß heran, den niederzuhauen jeder feine Wohlfahrt ein- fetzen mußte. Familien gingen dabei zugrunde: aber je mehr Opfer der Kampf erforderte, um so sorgloser schienen sie drauflos zu gehen. Und sie jubelten vor Freude an dem Tage, als der Koloß fiel und einige von ihnen unter seiner Masse begrub.! lFortsetzung folgt.) < Na«dru über, ihre Angelegenheiten mit Schamyl zu reden, andere waren einfach Bettler, und noch andere waren erschienen, um sich vor ihm als Richter zu verantworten und sein Urteil entgegenzunehmen. Als Schamyl auf den Hof geritten kam. erhoben sich alle Anwesenden und begrüssten den Jmam ehrerbietig, indem sie die Hände auf die Brust legten. Einige kknieten nieder und verblieben« in dieser Haltung, bis Schamyl den Hof vom äusseren« bis zum inneren Tore durchmessen hatte. So manches Gesicht, dessen Anblick ihm unangenehm war, und so man- chen lästigen Bittsteller erkannte Sckamyl unter den Wartenden. doch ritt er an allen mit demselben unbeweglich starren Gesichte vor- über, lenkte in den inneren Hof ein und stieg an der Galerie seiner Behausung links vom Tore ab. Nach den Anstrengungen des Kricgsyuges, der zwar von Schamyl und den Seinigen als Sieg gefeiert wurde, aber doch in Wirklichkeit ein Misserfolg war, sehnte � sich«Schamyl jetzt nur nach Ruhe. Abgesehen von der Einäscherung! und Zerstörung zahlreicher Tschetscheugendörfer, hatte dieser Zug! zur Folge, dass dos wankelmütige Volk in den Bergen unsicher und der Unterwerfung unter das russische Regiment zugänglich gemacht war, und Schamyl war von der Notwendigkeit von Gegenmassregelv« fest überzeugk. Jetzt aber lagen ihm diese Gedanken, ferst. Im «Schosse der Familie, unter den Liebkosungen der schwarzäugigen, schmellfüssigen Aminet, seiner achtzehnjährigen Lieblingsgattin. wollte er sich zunächst von den kberftandenen, mehr geistigen, als körperlichen Strapazen erholen. «Fortsetzung folgt.) Die Scbilddrürc. Die Schilddrüse gehört zu den Organen des menschlichen KötS« pers, denen man früher keine Bedeutung zumass. Die Untersuchun- gen der letzten Jahrzehnte haben indessen gezeigt, dass sie von lebenswichtiger Bedeutung ist; Tiere, denen die«Schilddrüse her- ausgenommen ist, gehen in kurzer Zeit unter sehr eigenartigen Krankheitserscheinungen zugrunde. Heute wissen wir, dass auch« gewisse Krankheiten des Menschen auf einer Entartung oder ab- normen Entwickelung der Schilddrme beruhen. Es wäre heute ein grober Kunstfehler, einem Menschen dieses Organ ettacr zu operativen Zwecken völlig zu entfernen. Das Gcivicht der Drüse, die unmittelbar vor und zu beiden Seiten des Kehlkovses und der Luftröhre gelegen ist, schwankt zwischen 3l1 und LO Gramm; sie besteht aus zwei Seitenlappen, die durch ein- schmales Miltelstück miteinander verbunden sind und dadurch eine HuseisenäHnliche Gestalt bekommen. Bei manchen Menschen kann die Drüse eine sebr erbebliihe Grösse erreichen, zum Kropf entarten und mannigfach? Bcicr«werden hervorrufen. Die Drüse kann cuipfindliche Organe, Nervenstränge, die in der Nähe liegen, drücken und dadurch Lähmungen hervorrufen; besonder» häufig als Begleiterscheinung von Schilddrüsenerkrankungen ist die Lähmung des Stimmnerven, der die Oefsnung und Schliessung der Stimmbänder zu besorgen hat. Solche Menschen find andauernd heiser, können keine Stimme bilden, während ihre Sprech« Muskulatur ungestört ist; sie können also die einzelnen Wortbil- düngen mit der Zunge, dem Gaumen usw. gut formen, sie abev nicht zum Tönen bringen, weil ihre Stimmbildung geschädigt ist. Solche Lähmungen sinl) natürlich nur Nebenbefunde; sie haben mit dem Wesen der Scknlddrüse nicbts zu tun. Wie wir aus ge nauen chemischen Untersuchungen wissen, wird in der Schilddrüse ein jodhaltiger Eiweisskörper. das sogenannte Thyreojodin. produziert; es scheint, dass dieser«sloff das wirksame Prinzip der «Schilddrüse darstellt. Uebrigeus ist die Scknlddrüse auch das ein- zige Organ des menschlichen Körpers, das eine jodhaltige Substanz herstellt. Die grosse Bedeutung des Thyreojodins für den menschlichen Organismus hat uns die experimentelle Physiologie gelehrt. Die Chirurgen hatten früher, als man die Bedeutung der Schilddrüse unterschätzte, das lcicbt vorn am Halse zugänglich« Organ bei kropfiger Entartung herausgeschnitten. Es zeigte sich aber bald, dass die vollständige Entfernung der«Schilddrüse unangenehme Er» scheinungen zur Folge hatte, Wachstumsstörungen, Knocbcuerlran» hingen und auck> Beeinträchtigung der geistigen Funktionen hervor» rufen konnte. Man machte bald die Erfahrung, dass diese Folge» zustände vermieden wurden, wenn em kleiner Teil der Drüsensub» stanz im Körper zurückblicb, und änderte auf Grund dieser Ergeh- nisse, die in vielen Tierexperimenten ihre Bestätigung fanden, bis Operation entsprechend ab; man liess also einen kleinen Teil der Drüse ans alle Fälle zurück. Einige kühne Forscher konnten am Tiercxperiment zeigen, dass die bösen Folgeerscheinungen auch aus» blieben» wenn nach der radikalen Entfernung der Schilddrüse ein Teil davon an eine andere Stelle des Körpers verpflanzt(trans- plantiert) wurde. Es war also nicht nötig, dass die Drüse ihren Sitz am Halse behielt, es war nur nötig, sie bezw.«inen Teil von ihr an einer gut ernährten Stelle des Körpers zu erhalten. Weiter« Versuche führten sodann zu dem Resultat, dass auch der blosse Ge» nutz von Schilddrüsensubstanz die Folgen der Totaloperation auf» heben kann. Wir werden noch sehen, dass diese Erfahrung heut« dazu benutzt wird, gewisse Allgemeinerkrankungen, die aus ein« Verkümmerung der«Schilddrüse zurückgeführt werden können, in« sehr wirksamer Weise zu bekämpfen. Die«Schitddrüs« wirkt also nicht örtlich, nicht lokal, wie di« meisten anderen drüsigen Organe, die Speicheldrüsen des MundeS, die Bauchspeicheldrüse, die Nieren, sondern sie übt eine Allge» mein Wirkung auf den Körper aus. Sie braucht darum nicht an« eine bestimmt« Stelle des Körpers gebunden zu sein. Die� am meisten verbreitete Ansicht geht dahin, dass die jodhaltige Substanz der Schilddrüse den Zweck habe, giftige Stoffwechselprodukte des Körpers unwirksam zu machen, also eine Entgiftung des Körpers herbeizuführen. Das Wesen der«Schilddrüscnwirkung ist bisher noch durchaus nicht voll aufgeklärt; wir wissen nur soviel, dass Menschen und Tiere schwere Allgemelnerschcinungen bieten, wenn ihre«Sckvlddrüse nickt normal ftinktioniert. Dabei ist sowohl der völlige Mangel der Drüse als auch die übermässige Produktion der wirksamen Drüscnsubstanz schädlick; beide Zustände kommen beim Menschen vor, die mangcll-astc EntWickelung und die Ilcberent, Wickelung der Sckilddrüse. und sind für bestimmte KrankheitSzu» i stände charakteristisch; crstcre für eine ganz bestimmte Art geistiger ! und körperlicher Zu« iickgcblicbenheit, den sogenannten K r et i» niSmus und das ihm nahestehende Myxödem, letztere füll die bekannte Basedowsche Krankheit. Bei ben Kretins, geistig zurückgebliebenen Menschen VON bfie sonderet Art, die �erklärlicherweise in gewissen GebirMcgenden Häufig angetroffen werden, ist die Schilddrüse oft abnorm groß, aber chunktionsuntüchtig, degeneriert; bei manchen fehlt sie auch vollkommen. In allen Fällen von Knt.niLmuS liegt jedenfalls eine Störung der Schilddrüsenfunktion vor. Sehr häufig geht mit der mangelhaften EntWickelung der geistigen Fähigkeiten auch eine Störung des Körperwachstums einher. Die Kinder gedeihen nicht recht, bleiben klein, sehen hätzlich und plump aus; sie haben im Gesicht einen gleichgültigen, blöden Ausdruck. Unter der Haut dieser Kinder sammelt sich eine sulzige. schleimige Flüssigkeit an, !so daß sie ein gedunsenes Aussehen bekommen; serner bleiben sie erheblich im Knochenwachstum zurück, lernen oft erst sehr spät stehen und laufen. Durch alle diese Eigenschaften wird ein angeborenes Krankheitsbild charakterisiert, das in der medizinischen Wissenschaft als Myxödem bezeichnet wird. Gerade diese angeborene Ver- ckümmerung oller geistigen und körperlichen Funktionen ist in hohem Matze der Besserung fähig, wenn den Kindern in irgendeiner Form Schilddrüsensubstanz zugeführt wird, wie es heute mit großem Erfolg geschieht. Auf den Zusammenhang dieser Erkrankung mit der Schilddrüsenfunktwn ist man erst durch die praktischen Ersah- rungen der Chirurgie gekommen. Namentlich der berühmte Schweizer Chirurg Kocher hat festgestellt, daß sich nach totaler Schilddrüsenentfernung auch beim gesunden Menschen Erscheinun- gen einstellen, die mit denen des angeborenen Myxödems die größte Aehnlichkeit haben. Durch die Erfolge der künstlichen Schilddrüsen? Verabreichung beim Myxödem wurde dieser angenommene Zusam- »nenhang weiter gesichert. In einem Gegensatz zum Myxödem, einer auf Verkümmerung t>er Schilddrüse beruhenden Erkrankung, steht die Basedowsche Krankheit. Von allen Symptomen der Krankheit fällt am meisten das Hervortreten der Augäpfel aus den Augenhöhlen auf; dadurch bekommen diese Kranken einen ganz besonderen Ausdruck, der ihre Erkrankung sofort auch dem Unkundigen verrät. Außerdem findet sich bei ihnen eine oft kolossale Vergrößerung der Schild- drüse, eine sehr erregte Herztätigkeit, sowie eine allgemeine psy- chische und körperliche Erregtheit. Meist mogern die Kranken auch sehr ab. Die Symptome stehen also in einem gewissen Gegensatz gu denen des Myxödems. Bei letzlerer Krankheit eine allgemeine Stumpfheit der geistigen Funktionen, bei der Basedowschen Krank- Heit eine Uebererregtheit, bei elfterer eine Verlangsamung der körperlichen Funktionen, Zurückbleiben des Wachstums, Trägheit der Herztätigkeit, bei der Basedowschen Krankheit Beschleunigung beS Herzschlages, zitternde Erregung des ganzen Körpers, beim Myxödem Hautverdickungen und unförmige Anschwellungen, beim Wasedow allgemeine Abmagerung. Der Nervenarzt Möbius hat zuerst auf diesen Gegensatz aufmerksam gemacht und die Theorie «ufgestellt, daß auch bei der Basedowschen Krankheit eine abnorme Funktion der Schilddrüse vorliegen mutz, aber nicht, wie beim Myxödem, eine mangelhafte Funktion, sondern im Gegenteil eine gu reichliche Produktion der in der Schilddrüse hergestellten Stoffe. Damit im Einklang steht die kolossale Vergrößerung der Drüse bei Ider Basedowschen Krankheit, sowie der unverkennbare Gegensatz ährer Symptome zu den Erscheinungen der Schilddrüsenverkümme- rung. Nach dieser Anschauung gewinnen die Stoffe, die in der Schild. drüse zur Entgiftung des Körpers gebildet werden, die Oberhand »ind wirken nun selbst als Gifte. Daß die Schilddrüse die Ursache der Erkrankung ist, unterliegt keinem Zweifel mehr. Den Beweis dafür haben wiederum die praktischen Resultate der Chirurgie ge- liefert. Die beste Behandlung der Basedowschen Krankheit ist gegenwärtig die operative; durch Entfernung eines großen Teiles der abnorm entwickelten Schilddrüse wird die Krankheit oft in kurzer Zeit gebessert. Man muß sich dabei nur hüten, die Schild- drüse, wie es früher geschah, völlig zu tntsernen, da dadurch, wie