Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 46 Mittwoch den 6. März. 1912 (Nachdruck»ervolen.Z ie] pelle der Sroberer« Der grobe Kampf. Roman von Martin AnderfenNexo. 23. Das Jahr war, wenn möglich, noch schlechter als die vor- hergehenden. Schon im September standen die Arbeitslosen in langen Reihen an den Kanälen und Marktplätzen, die Füße im Nassen. Die Knöchel an ihren Handgelenken waren groß und blau und verrieten einen strengen Winter, die Leichdörner der alten Leute hatten ihn schon lange geweissagt, und unter den Kesseln der armen Leute liefen Feuersterne hin.„Nun kommt der große Winter und schließt das Elend ab," sagten die Leute,„und dann bekommen wir gute Zeiten!" Im Oktober meldete sich der Frost und fing an, alles ab- zusperren, was die schlechten Zeiten noch nicht gehemmt hatten. In der Stadt der Armen geht das Leben von der Hand in den Mund, schlägt ein Tag fehl, so sieht man es am nächsten Morgen an den Tellern. Die Not liegt immer zusammen- gerollt unter dem Tisch der zehntausend Häuslichkeiten: wie ein Bär im Winterschlaf liegt sie den Sommer da, entsetzlich eingefallen und knurrend mit bösen Träumen. Aber sie sind an ihre Gesellschaft gewöhnt und achten nicht darauf, solange sie nicht ihre schwere Pfote auf den Tisch legt. Einen Tag Krankheit oder Fehlschlag in der Arbeit und sofort ist sie da. „Ach, wie gut wäre es, wenn wir eine Salztonne hätten, in die wir greifen könnten," sagten die, die sich noch des Lebens auf dem Lande erinnern konnten.„Aber der liebe Gott hat uns unsere Salztonne genommen und uns statt dessen die Pfandleiher gegeben," und dann fingen sie an, von ihren Habseligkeiten zu versetzen. Es war arg, wie die Leute zusammenkrochen! Die Stadt, die im Sommer in alle Winde zerstreut war, verdichtete sich: die Obdachlosen rückten vom Gemeindeanger herein, und die großen Gutsbesitzer kamen und nahmen ihre Winterpaläste in Gebrauch. Frau Rasmussen auf der Mansarde konnte Plötz- lich mit einem Mann auftreten, der Suff-Walde war zurück- gekommen, die Kälte trieb ihn sozusagen in ihre Arme. Das erste Frühlingszeichen würde ihn wieder von bannen jagen, hinüber in die Arme seiner Sommerliebsten, der Frau Gras- maier. Aber solange er hier war,- war er hier! Den ganzen Tag hindurch stand er lungernd unten im Torweg, mit Daunen in dem struppigen Nackenhaar, das so trocken und wuschelig aussah, mit Strohhalmen auf dem großen flachen Rücken. Das Leder an seinen Holzschuhen war immer fein geputzt, das besorgte Frau Rasmussen für ihn, ehe sie am Morgen auf die Arbeit ging. Und sie war doppelt hinterher, wenn ihr großer schöner Nichtsnutzer von Gras Zeit hatte, um dazustehen und sich zu jucken. Die Kälte sperrte von Woche zu Woche immer mehr ab, sie sperrte die Erde ab, so daß die Erdarbeiter nicht hinein- kommen konnten, sie sperrte den geringen Kredit der Armen. Ringsumher hatte sie schon alle Häfen geschlossen. Der Fern- verkehr schrumpfte fast zu nichts zusammen, die Hafenarbeiter konnten nach Hause gehen. Sie schnürte die Gemüter zu- sämmen und die großen Geldbeutel, die alles im Gange hielten. Die festen Betriebe fingen an, mit beschränkter Ar- beitszeit zu arbeiten, und die losen hörten ganz auf. Die Unternehmungslust der Leute schrumpfte ein, sie begannen nichts Neues und arbeiteten nicht auf Lager: es war ein Schrecken in sie gefahren. Alles, was seine Fllhlfädcn aus- wärts hatte, zog sie ein, sie froren ihnen gleichsam ab. Die Erde hatte ihre Säfte in sich hineingezogen und eine Eiskruste darüber gelegt, die Menschen taten das gleiche. Die armen Leute zogen ihr bißchen Blut in das Herz hinein, um den Lebenskeim zu erhalten. Die Glieder waren kalt und blutlos, die Haut grau. Sie krochen in sich selbst hinein und in die finstersten Winkel, dicht nebeneinander. Sie verbrauchten nichts. Und viele von denen, die genug hatten, gönnten sich kaum die Nahrung, die Kälte fror ihre Bedürfnisse weg und setzte Angst an ihre Stelle. Der Verbrauch geriet ins Stocken. Nach dem Thermometer konnte man sich nicht richten, nach ihm zu rechnen, hatte es früher viel ärger gefroren. „Was, es ist nicht schlimmer!" sagten die Leute stutzend. Aber sie fühlten sich doch darum ebenso verfroren und elend. Was versteht sich das Thermometer wohl auf den großen Winter. Der ist der Geselle der schlechten Zeiten und geht seinen ge- raden Weg, es mag frieren oder tauen�— und frieren tat es! In den Armenvierteln lagen die Straßen wie entvölkert da. Ein Schneefall konnte die Bewohner aus ihrem Versteck herauslocken: er milderte die Luft und gab*>aar Kronen Verdienst für die Wegschaffung des Schnees. Dann ver- schwanden sie wieder, verfielen in eine Art Starre und fristeten ihr Leben von unsagbar wenig, von nichts. Nur des Morgens früh waren die Straßen belebt, wenn die Männer auszogen, um Arbeit zu suchen. Ueberall, wo Verwendung für einen Mann war, stellten sich Hunderte ein und boten sich an. Bei Tagesanbruch sah man sie niedergeschlagen nach Hause schleichen und sich verkriechen: sie verschliefen die Zeit nur oder saßen den Tag da mit den Ellenbogen auf dem Tisch und starrten vor sich hin, ohne ein Wort zu sagen. Die Kälte, die alles andere versperrte, hatte die entgegen- gesetzte Wirkung auf die Herzen: das Mitleid war groß. Viele, deren Verstand die Kälte ausgesroren hatte, so daß sie ihren Betrieb nicht in Gang zu halten wagten, hatten keinen Schaden am Herzen genommen und setzten ihre Mittel in Mildtätigkeit um. Gute Menschen riefen die Armen her- bei und bemühten sich, sie aufzusuchen, sie waren nicht leicht zu finden. Aber der liebe Gott hat Wesen geschaffen, die auf der Erde leben, Wesen für die Luft und Wesen für das Wasser: selbst im Feuer lehen Geschöpfe, die zeugen und sich ver- mehren. Und etwas entfaltete sich auch in der Kälte, eine ganze Schar von Wesen, die dicht an der Arbeit leben und davon schmarotzen. Die guten Zeiten sind ihre schlechten, dann fallen sie hin, und es ist nicht viel mit ihnen los. Aber sobald die Kälte und die Not da ist, wimmeln sie hervor: sie sind es, die die Mildtätigkeit wachrufen und den besten Teil einkassieren. Sie wittern das Mißjahr und überschwemmen den Stadtteil des Reichtums.„Nein, wieviele Arme dieses Jahr an unsere Türen kommen," sagen die Leute und öffnen den Geldbeutel.„Es sind schwere Zeiten für die Armen." Im Herbst war Pelle nach Norderbrücke hinausgezogen und wohnte nun in einer kleinen Zweizimmerwohnung auf dem Kapellenwege. Er hatte jetzt seine Anknüpfungspunkte hier draußen und wollte auch Ellen gern in der Nähe ihrer Eltern wissen, wenn sie nun niederkommen sollte. Lasse wollte nicht mitziehen, er zog es vor, in der„Arche" zu bleiben: jetzt hatte er sich mit den Bewohnern dort eingelebt und konnte sich ganz ordentlich ernähren durch Gclegenheits- arbeit ringsumher im Stadtviertel. Pelle känipfte tapfer, um sich und den Seinen den Winter vom Leibe zu halten. Auf der Werkstatt war nichts zu tun, und er mußte von früh bis spät unterwegs sein. Ueberall, wo es Arbeit gab, stellte er sich ein und drängte sich zwischen hundert Mann hindurch. Seine Kunden hatten jetzt mehr denn je Schuhzeug nötig, aber sie hatten nichts, um es zu bezalilcn.ind fanicn sich jn dieser Zeit nahe und lernten sich von einer neuen Seite kennen. Die schwere Zeit führte sie zusammen, und er hatte Gelegenheit, die Stärke in ihrem Gemüt zu bewundern. Sie nahm die Verhältnisse mit einem wunderbaren Willen auf und machte viel aus wenig. Nur mit dem Ofen konnte sie nicht fertig werden.„Er frißt alles auf, was wir zusammenschraben können," sagte sie betrübt. „Er pufft alles zum Schornstein hinaus und wärmt nicht. Heute habe ich zwei Scheffel Kohlen in ihn hineingesteckt, und es ist hier noch ebenso kalt. Da, wo ich diente, konnten wir zwei große Stuben mit einem Eimer voll heizen! Ich muß ein Schaf sein, aber vielleicht siehst Du einmal nach?" Sie war kurz davor, zu weinen. „Das niußt Tu Dir nicht so zu Herzen nehnien." sagte Pelle düster„So sind die Ocfen armer Leute nun einmal. Das sind alte Dinger, die kassiert sind, und dann kaufen die Hausbesitzer sie als altes Eisen und stellen sie in den Ar- beiterwohiiungen auf. So geht es ja mit allem! Wir Armm bekomnien das Schlechte und bezahlen es am teuersten, obwohl wir die Sachen fabrizieren. Armut ist ein Sieb." „Ja. Ö ist schrecklich," antwortete Ellen und sah ihn Heidend an.„Und ich kann Dich jetzt so gut verstehen!" Die drohende Not hatte sie unter seine Fittiche geführt. Sie wagte selbst nicht mehr zu denken und nahm alles aus seiner Hand. Eines Tages, bald nach dem Wochenbett, forderte sie Pelle auf, einmal hinzugehen und sich nach Vater Lasse umzu- sehen.„Sieh zu, daß Du ihn mitbekommst!" sagte sie.„Wir können ihn gut hier haben, wenn wir ein wenig zusammen- kriechen. Ich fürchte, daß er Not leidet." Pelle freute sich über das Anerbieten und ging gleich hinaus. Es war groß von Ellen, ihr Herz dem Alten zu er- schließen, gerade jetzt, wo sie selbst keinen sicheren Ausweg für ihr Auskomm" hatten. Die„Arche" lag da und sah ganz verheert aus. Die Gar- dinen waren überall verschwunden, ausgenommen bei Olsens. Zusammen mit der vergoldeten Leiste brachten sie doch immer fünfzig Oerel die Blumen an den Fenstern waren erfroren. Man konnte direkt in das Ganze hineinsehen, und drinnen war es auch leerer geworden. Es lag etwas Schamloses über dem Winter, der so entkleidete, statt einzukleiden und immer zuerst die schirmende Wand veräußerte. Die Aborte auf dem Hof hatten Türen und Deckel eingebüßt, und Pelle hatte seine liebe Not, auf die Mansarde hinaufzugelangen! Das meiste von den Balustraden war verschwunden, und jede zweite Stufe fehlte: die„Arche" half sich, so gut sie konnte. Drüben bei Frau Johnsen fehlte der Kübel aus Eichenholz, der sonst immer in der Ecke auf der Galerie stand, wenn er nicht aus- geliehen war. Die„Arche" hatte nur den einen. Und nun war der verbrannt oder verkaujt- Pelle guckte da hinüber, hatte aber nicht den Mut, sie zu begrüßen: Hanne war ar- beitslos, das wußte er. Fortsetzung folgt.) (NaAdrock verboten.) Chadfdri-JVIurat» 27] Von Leo Tolstoi. 22. Um die Mitte der Nacht hatte er seinen Entschluß gefaßt. Er hatte sich dahin entschieden, daß er in die Berge fliehen, mit den ihm ergebenen Awaren in Schamyls Residenz einfallen und ent- weder untergehen oder die Seiniaen befreien müsse. Lb er dann mit ihnen zu den Russen zurückiehrcn oder nach Chunsach gehen und unter Chamhls Fahnen kämpfen würde, wollte er noch nicht entscheiden. Er wußte nur, daß er jetzt gleich die Rusien verlaffen und in die Berge fliehen müsse. Und er traf sogleich alle Beran- staltungen, u« seinen Entschluß zur Ausführung zu bringen. Er zog seinen schwarzen, wattierten Bcschmct unter dem Kissen hervor und begab sich nach dem Zimmer, in dem seine Muriden unter- gebracht waren. Es war durch den Hausflur von seinem Zimmer getrennt. Als er in den Hausflur trat, verspürte er die Kühle der taufrischen Mondnacht, die durch die offene.Haustür hereinströmte, und vernahm das Trillern und Flöten der Nachtigallen in dem an daS Haus anstoßenden Garten. Er durchschritt den Hausflur und öffnete die Tür nach dem Zimmer der Muriden. Es war kein Licht darin, nur die Sichel des zunehmenden Mondes warf ihren silbernen Schein ins Zimmer. Der Tisch lind die beiden Stühle waren zur Seite ge- rückt und vier der Muriden lagen auf Teppichen und Filzmänteln hingestreckt da. Chanefi schlief draußen bei den Pferden. Als Hamsalo da? Marren der Tür vernahm, richtete er sich auf, sah Chadschi-Murat groß an und legte sich, als er ihn erkannt hatte, wieder hin. Eldar hingegen, der neben ihm lag, sprang auf und begann in Erwartung ein� Befehls seinen Beschmet anzuziehen. Chan-Mahoma und Bata schliefen. Chadschi-Murat legte seinen Beschmet auf den Tisch. Ein Geräusch, wie wenn ein fester Gegen- stand dumpf aufschlüge, ließ sich vernehmen— es rührte von dem Golde her, das in den Beschmet eingenäht war. „Näh' auch das da noch ein," sagte Chadschi-Murat zu Eldar und reichte ihm die Goldstücke, die ihm Kirillow gebracht hatte. Eldar nahm das Gold und den Bcschmet, ging an das vom Mond- licht erhellte Fenster, zog sein kleines Messer unter dem Dolch her- vor und begann das Futter des Beschmets aufzutrennen. Hamsalo hatte sich gleichfalls wieder erhoben und saß mit gekreuzten Beinen da. „Und Du, Hamsalo, sag' unfern Jungen, sie sollen ihre Ge- wehre und Pistolen nachsehen und sich Patronen in Vorrat zurecht machen. Morgen treten wir einen langen Marsch an." „Kugeln und Pulver sind da, alles wird bereit sein," sagte Hamsalo und stieß einen unverständlichen Laut aus. Hamsalo be- griff, wcShalb Chadschi-Murat alle diese Vorbereitungen treffen ließ. Er hatte von Anfang an nur den einen Wunsch gehabt, der mit der Zeit immer stärker und stärker geworden war: recht viele von diesen russischen Hunden niederzuschlagen und niederzustechen und dann wieder in di« Berge zu fliehen. Jetzt sah er. daß auch Chadschi-Murat nichts anderes wollte, und er war zufrieden. Als Chadschi-Murat hinausgegangen war, weckte Hamsalo die Gefährten, und alle vier brachten nun den Rest der Nacht damit tu, ihre Büchsen, Pistolen und Feuersteine nachzusehen, die um- rauchbaren gegen neue umzutauschen, frisches Pulver auf die Pfannen zu schütten, die Patronenhülsen, die sie vorn an der Tscher- keska befestigt hatten, mit der nötigen Pulvermenge zu füllen und mit den in ölige Läppchen gewickelten Kugeln zu verstopfen, die Säbel und Dolche zu schleifen und die Klingen einzuölen. Bevor noch der Tag anbrach, trat Chadschi-Murat wieder in den Hausflur, um Wasser zu seinen Waschungen zu holen. Noch heller und lauter als am Abend klang jetzt, vor Tagesanbruch, das süße Lied der Nachtigallen an sein Ohr. Aus der Stube der Mu- riden vernahm er den halb zischenden, halb kratzenden Laut, den das Wetzen der Dolche auf dem Stein hervorbrachte. Chadschi- Murat hatte bereits Wasser aus der Tonne geschöpft und nähcrto sich wieder der Tür seines Zimmers, als er aus der Stube der Mu- riden plötzlich leisen Gesang vernahm: Chanefi war es, der ein Chadschi-Murat bekanntes Lied angestimmt hatte. Er blieb stehen und lauschte. In dem Liede ward erzählt, wie der Dschigit Hamsat mit seinen tapferen Genossen eine Herde weißer Rosse bei den Russen geraubt und der Russenfürst sie jenseits des Terek eingeholt und mit seinen Kriegern, die so zahllos waren wie die Bäume des Waldes, umzingelt habe. Das Lied schilderte weiter, wie Hamsat die Pferde getötet, und wie er mit seinen Genossen hinter dem blutigen Wall, den sie aus den Pferdeleibern gebildet, sich so lange gegen die Russen gewehrt hätten, als sie noch eine Kugel im Laufe, den Dolch am Gürtel und Blut in ihren Adern gehabt hätten. Und bevor Hamsat gestorben, habe er eine Vogelschar oben am Himmel erblickt und den gefiederten Boten zugerufen:»Fliegt hin üjr lieben Vögel, fliegt nach unseren Häusern und sagt unseren Schwestern und Müttern und unseren weißen Mädchen, daß wie alle für das Chasawat gestorben sind. Sagt ihnen, daß unsere Leiber nicht in Gräbern liegen werden, sondern daß gierige Wölfe unsere Glieder verschleppen und benagen und schwärze Raben uns die Augen aus den Höhlen hacken werden." Damit endete das Lied, dessen letzte, melancholisch klingende Worte auch der muntere Bata mitgesungen und um ein laut hinausgeschmettcrtcs„La illach il allah" erweitert hatte. Dann war alles still geworden, und Chadschi-Murat- vernahm wieder nur dos Flöten der Nachtigallen und das Wetzen der Dolche hinter der Tür. Er war so in Ge- danken versunken, daß er gar nicht bemerkte, wie der Wasscrkrug sich überneigte und das Wasser aus ihm überfloß. Er schüttelte über sich selbst den Kopf und begab sich in sein Zimmer. Nachdem er das Morgengebet verrichtet, untersuchte er seine Waffen und setzte sich dann auf sein Lager. Alle Vorbereitungen waren ge- troffen. Wollte er ausreiten, dann mußte er den Kommissar um Erlaubnis fragen. Es war jedoch noch dunkel, und der Kommissar schlief wohl noch. Chanefis Lied hatte Chadschi-Murat an jenes andere Lied er- innert, das seine Mutter Patimat dereinst gedichtet hatte, nachdem der Bater sie, die ihn als Säugling an der Brust hielt, mit dem Dolche verwundet hatte. Er stellte sich lebhaft seine Mutter vor, nicht als die alte, runzelige, grauhaarige Patimat mit den schwarzen Zahnftumpfen, als die er sie zuletzt verlassen, sondern als hübsches, junges, kräftiges Weib, wie sie ihn, den fünfjährigen, schweren Jungen, in einem Korbe auf dem Rücken über die Berge zum Großvater getragen. Und er gedachte auch des runzeligen, grau- bärtigen Großvaters, der mit seinen sehnigen Armen das Silber schmiedete und den Enkel die Gebete lehrte. Er gedachte des Springbrunnens am Fuße des BergeS, zu dem er mit der Mutter, sich an ihren Pumphosen festhaltend, nach Wasser gegangen war. Er gedachte des mageren Hundes, der ihm das Gesicht geleckt hatte, und des rauchigen Dunstes und säuerlichen Milchgeruches, der die Luft erfüllte, wenn er mit der Mutter beim Melken der Kühe und beim Abkochen der Milch zugegen war. Er gedachte des Tages, da ihm zum ersten Mal der Kopf rasiert worden war: wie er damals seinen runden, bläulich schimmernden Schädel in dem glänzenden Kupferbeckcn erblickt hatte und über sein Aus- sehen höchst verwundert war. Und wie er so seiner eigenen Jugend gedachte, trat ihm auch sein geliebter Sohn Juffuf vor die Seele, dem er selbst zum ersten Mal den Kopf rasiert hatte. Jetzt war dieser Juffuf schon ein stattlicher junger Dschigit. Er sah seinen Sohn so. wie er ihn zum letzten Male geschaut: das war an jenem Tage, da er sein Heiuiatsdorf Zelmes verließ. Der Sohn hatte ihm sein Roß vorgeführt und ihn gebeten, mit ihm ziehen fu dürfen. Er war bereits angezogen und bewaffnet und hielt ein eigenes Roß am Zügel. Jussufs hübsches, rotwangiges Gesicht und seine ganze schlanke, stattliche Gestalt— er war größer als der Vater— strotzte nur so von Lebenslust, Mut und Jugcndftische. Die trotz seiner jungen Jahre bereits gutentwickelten, breiten Schultern, die wohlgebildeten, schlanken Hüsten, die kräftigen Arme und die Gewandtheit und Sicherheit, die sich in allen Bewegungen deS jugendlichen Körpers ausdrückte, waren stets die Augenweide und Freude des Vaters gewesen. „Bleib lieber daheim," hatte Chadschi-Murat zu ihm flsfallk. „Du bist jetzt der einzige Mann im Hause. Beschütze Deine Mutter und Deine Großmutter." Und Chadschi-Murat gedachte jenes kühnen, stolzen Ausdrucks in JussufS freudig errötendem Gesichte, als er zur Antwort gab, solange er lebe, weder seiner Mutter noch seiner Großmutter ein Leid zugefügt werden solle. Er hatte sich aufs Pferd geschwungen und dem Vater bis aum Bache das Geleit gegeben; dann war er zurückgekehrt, und seither hatte Chadschi-Murat weder Gattin noch Mutter noch Sohn gesehen. Und diesen Sohn wollte Schamhl jetzt des Augenlichts berauben. Daran, was der Schändliche seiner Gattin zugedacht, mochte Chadschi-Murat gar nicht denken. Diese Gedanken und Erinnerungen hatten Chadschi-Murat so erregt, dah er nicht mehr ruhig dasitzen konnte. Er sprang auf, schritt mit seinem hinkenden Gange rasch nach der Tür, öffnete diese und rief Eldar herein. Die Sonne war noch nicht aufge- gangen, doch war es bereits ganz hell. Die Nachtigallen sangen noch immer. Geh, sag' dem Kommissar, daß ich einen Spazierritt machen möchte, und sattelt Eure Pferde." 23. Butlers einziger Trost während dieser ganzen Zeit war die Poesie des Krieges, die er nicht nur im Dienste, sondern auch außerhalb desselben, in seinem Privatleben, suchte und fand. Mit Vorliebe trug er sein tscherkessisches Kostüm, tummelte nach Art der Dschigits sein Rotz und legte sich mit dem wegen seiner Tapfer- keit berühmten Bogdanowitsch zweimal in den Hinterhalt, um die Feinde zu belauern— beide Male vergeblich, da ihnen niemand ins Garn ging. Die nähere Bekanntschaft und Freundschaft, die er mit Bogdanowitsch schloß, gab ihm in seinen eigenen Augen einen ganz besonderen kriegerischen Nimbus. Eine neu eingegangene Spielschuld hatte er bezahlt, ein Jude hatte ihm gegen ungeheure Zinsen das Geld vorgestreckt. Er verhehlte sich nicht, datz dies nur ein Auffchub war, datz die drückende Verpflichtung bestehen blieb, doch bemühte er sich, nicht weiter über seine Lage nachzudenken, und soweit die Poesie des Krieges ihn nicht über die Situation hinwegtäuschte, half er mit kaukasischem Rotwein nach. Er trank immer mehr und mehr und verlor mit jedem Tage mehr seinen sitt, lichen Halt. Was Maria Dmitrijcwna betraf, so war er ihr gegen- über nicht mehr der keusche Josef, sondern machte ihr in ziemlich grober Weise den Hof, stieß jedoch zu seinem nicht geringen Er- staunen bei ihr auf einen recht energisckKN Widerstand und mutzte beschämt von ihr ablassen. Gegen Ende April traf in der Festung die Kolonne ein, die Barjatinskij für die neue Expedition nach der für undurchdringlich gehaltenen Tschetschna bestimmt hatte. Zu der Kolonne gehörten auch zwei Kompagnien des kabardinischen Regiments, die nach einer beim kaukasischen Heere eingeführten Sitte von den in Ku- rinskoje liegenden Kompagnien als Gäste aufgenommen und be- wirtet wurden. Die Soldaten der Kolonne begaben sich nach der Kaserne und wurden dort nicht nur mit einem aus Rindfleisch und Grütze bestehenden Abendbrot, sondern auch mit Branntwein rega- liert, während die Offiziere bei den Kameraden Quartier nahmen und nach gutem altem Brauch von diesen bewirtet wurden. Das Ende vom Liede war ein grohes Zechgelage, bei dem die Kompagnie- chöre ihre Lieder zum besten gaben. Major Petrow hatte einen so mächtigen Rausch, datz sein Gesicht nicht mehr rot, sondern blatzgrau aussah und er, rittlings auf einem Stuhle sitzend, laut schimpfend und lachend mit dem Säbel nach einem vermeintlichen Feinde schlug, zur Abwechselung die Kameraden umarmte und nach dem Takte seines Lieblingsliedes:„Schamyl war ein schlimmer Mann, machte Rebellion— trairai ratatai, machte Rebellion"— einen Tanz aufführte. Auch Butler war mit von der Gesellschaft, und er war geneigt, auch in den Streichen des Majors ein Stück lustiger Kriegspoesie zu sehen, wenn ihm dieser nicht andrerseits leid getan hätte. Es wo? mit ihm, sobald er erst so weit war, gar nichts mehr anzufangen, und so begab sich Butler, der auch selbst schon ein wenig benommen war, in aller Stille allein nach Hause. Der Vollmond schien auf die kleinen weitzen Häuser und die steinige Straße herab. Es war so hell, datz jeder Kiesel, jeder Strohhalm, jedes Stück ffuhdünger auf der Straße zu erkennen war. Als Butler sich dem Hause des Majors näherte, stieß er plötzlich auf Maria Dmitrijewna. die ein Tuch um Kopf und Hals geschlagen hatte und irgendwohin ging. Nach der Abweisung, die Butler bei ihr erfahren, schämte er sich ein klein wenig und wäre ihr am liebsten aus dem Wege gegangen. Aber der Mondschein und der Wein, den er getrunken, taten das Ihrige, und so trat er, an- scheinend sehr erfreut über die Begegnung, auf sie zu. „Wohin denn so spät?" fragte er in einschmeichelndem Tone. �Jch will einmal nach meinem Alten sehen," antwortete sie freundlich. So entschieden sie auch Butlers Bewerbungen abge- lehnt hatte, so peinlich war es ihr doch wieder, datz er ihr in der letzten Zeit ganz aus dem Wege gegangen war.« „Was ist da groß nachzusehen? Er wird schon von selbst kommen." „Meinen Sie?" „Wenn er nicht kommt, wird man ihn eben bringen." (Fortsetzung folgt.) Der deutfebe Opcrnfpiclplan. Zum geistigen Besitzstand der Nation gehört mit in erster Linie die Schaubühne. Und neben der Pflege der klassischen Dichtung ist die vornehmste Aufgabe der deutschen Schaubühne die Verwaltung jener künstlerischen Auslese von internationalen Opernwerken, die den mehr oder minder festen Bestand 0eS deutschen Opernrepertoir» bilden. Wenn irgendwo, gilt der parteilos-vornehme Grundsatz von der.Jnternationalität der Kunst" in der Oper. Wenn irgendwo, ist Rassenrendenz und Chauvinismus verächtlich in der(auch in der Bere schwistening mit dem Drama noch reinen und übersinnliche«) Musik! Ehrenvoll, schwierig und verantwortungsvoll ist daS Amt derer, die den mit den Früchten der musikalischen Weltliteratur bestellten Tisch) der Oper zu verwalten haben. Aber die Opernleiter der Hof- und Stadt- und Privattheater machen sich diese Aufgab« in der Reg«? unverantworwngsvoll leicht. Sie sollen einen überlieferten Kunst- Hort hüten und bewahren, sie sollen aber auch vorwärts blicken und da« Schaffen zeitgenössischer Talente durch mutige Aufführung neuer wertvoller oder doch interessanter und selbständiger Werke fördern. Aber auch sie pfeifen auf den unrentablen Idealismus, beugen sich willig dem kassemachenden Kunst- JndustrialismuS und dienen dem herrschenden oberflächlichen Ge- schmack der unterhaltungsbedürstigen Bourgeoisie, die einen möglichst leichtgeschürzten Opernspielplan mit Einschlutz natürlich der TageL- sensationen wünscht. Was bestimmt nun eigentlich die Auslese und Anordnung jener in- und ausländischen Opern, die in ihrer Gesamtheit eben daS ständige Repertoire der Opernbühnen bilven? Der Wille eines Ein» zelnen? Zeitumstände, Publikum, rollentragende Virtuosen, die Kritik, der künstlerische Wert eines musikalischen Werkes? Dieser leider zuletzt, zu vv Prozent aber einzig und allein geschäftliche Rücksichten der Intendanz oder Direktion, der Kassenerfolg einer Oper. Der Kassenrapport bestimint den Spielplan, denn das Theater ist ein Geschäft wie jede andere Institution in der bürgerlichen Wirtschasts- ordnung. Es handelt eben mit dramatischer Kunst. Kassenrapporte find entscheidend. Was aber füllt die Kassen? Der Geschmack deS Publikums. Sieht- man die Erfolgopern des letzten Jahrhunderts (mit Ausnahme der Wagner-Opern, die eine historische Ausnahme von der Regel bilden) durch, so wird man finden, datz Se. Majestät daS Publikum mit gesetzmäßiger Sicherheit immer lieber Billetts zu Opern gekaust hat. in denen grobsinnliche, brutale Handlung mit entsprechender Musik begleitet zu sehen war, als zu Opern idealen StilS, die sich an geläutertes Schönheitsempfinden wandten und deren Stoffe in die Bezirke des Seelenlebens eingriffen. Meyer beer, der sich mit Freund ScribeS und seiner eigenen banalen Melodien Hilfe vortrefflich auf die Pfefferragouts solcher pseudodramatischer Texte verstand, ist ein klassisches Beispiel hiersür» Auf der anderen Seite Fidelis und Mozarts beseelte Rokokoopern. Es ist eine den vielbemsenen„deutschen Idealismus" beschämend« Tatsache: Mozart ist auch heute erst von den Spitzen der musikali» schen Intelligenz, den genießenden Kennern in der ganzen Ties« seiner Schönheit und Anmut, seines Ernstes und seines Geinüts er- kannt. Die andern gehen in seine Openi, weil eS seit seine» Münchener Wiederentdeckung durch Possart und Levi zum guten Ton gehört oder weil internationale Trillerlerchen Mozartsche Arien mit erhöhtem Entree exekutieren. Aber um ein Billett zur Folteroper „ToSka", zur Harakirioper„Butterflh", zu den mit Blut, Brunst und Mord aufgedonnerten Armseligkeiten Mascagnis und LeoncavalloS bricht man sich die Hälse. Und alles dies, trotzdem der National» gcnius aller mit sittlichem Pathos erblich behasteten deutschen Kunst- Philister, Schulpfaffen, Dogmatiker, Germanisten und ErlöiungS« bedürftigen, trotzdem Richard Wagner die Hohlheit und Faden» scheinigkeit der älteren wie der„Grotzen" Oper mit BlitzeSschärse beleuchtet hat, trotzdem seine Jünger, die mhthisch-mystisch ver» feuchten Gralshüter, daS Gleiche mit der romantisch-romanischen, ganz zu schweige» von der realistisch modernen Oper, taten und die Bizet, Verdi, Puccini, Wolf-Ferrari weit weg wiesen auS dein Saal der Seligen und Echten. Dr. Hans Löwenfeld, der geistvolle und tatkräftige Opernregisseur und Leiter der Hamburger Bühne, hat jüngst m einem Hamburger Vortrag, der allen denkenden Bühnenvorständen zum ersprießlichen Studium hiermit enipfohlen sei, an der Hand von Statistiken ausgeführt, wie die zirka 80 Opern, die man im engeren Sinne als deutsches Opernrepertoire betrachten darf, in der Praxis verteilt und verwaltet werden. ES find in seinen ver- nünstigen Ausführungen feste Richtlinien und Zielpunkte gezogen, nach denen jeder Operndirektor, dem die Kasse nicht daS einzig« „ethische Moment" seines Wirken? ist(eö soll noch ein paar solche schnurrige Käuze geben, am Rhein sitzen sie, an der Waterkant und in der„schwäbischen Gartenstadt"), einen Spielplan aufstellen kann, der sowohl den Modelieblingen deS verehrlichen Publikums gerecht wird, als der höheren Aufgabe, das unaufhaltsame Streben künst» lerisch edler Werke möglichst zu hindern. Löwenfeld erkennt richtig, datz ein Thcaterdireklor andere Pflichten hat, wie ein Museums- direktor. Seine Liebe muß der Gegenivartsproduktion gehören, denn er wendet sich ja an ein Publikum, das absolut im musikalischen Leben der Gegenwart steht und sich nicht mit historischen Studien, Kompromissen und Reminiszenzen befassen kann. Das Publikum in seiner Gesamtheit ist nun einmal nicht für den historischen Geschmack zu erziehen. Der Opernleiter macht seine Bühne zum Spiegelbild sowohl des Bedeutenden wie des Erfolgreichen, der eS versteht einmal alte gute Opern auf seinem Spielplan lebenskräftig zu erhalten, ohne in histo- rische Ausgrabungen zu verfallen, dann aber dem Nachwagnerischen Repertoire durch wertvolle Novitäten der deutschen und romanischen Produktion dauernden Zuwachs zu geben, ohne durch waghalsige, von vornherein aussichislose Experimente die komplizierte und kost- spielige Maschinerie einer Operneinstudierung unnütz in Gang zu setzen. Dazu eine dritte, am schwersten zu ersiillende„ideale Forde- rung'. Der gute Opernleiter soll, ohne auf seinen Kassierer zu hören, die Borherrschaft Richard Wagners gegenüber allen älteren und neueren Kun st werken, so viel in seinen Kräften st eht, beseitigen helfen, er soll„das für den musikalisch-geistigen Horizont des Volkes schädliche Ueber- gewicht der Wagnerschen Schöpfungen' abwehren. Man sieht, der wahrhast gute Opernleiter hats nicht leicht. Er steht vorläufig ja auch nur auf dem Papier. Im Leben wird mit weniger idealen Faktoren gewirt« schaftet. Die Mißstände der bureaukratisch von ausrangierten Generälen, Hofmarschällen, Kamnierherren oder Zeremonienmeistern kommandierten deutschen Hoftheater sind in der Oper fast noch schlimmer wie im Schauspiel. Ein abschreckendes Beispiel, wie ein musikalisches Nationalinstitut nicht verwaltet werden soll, bietet ja ' gerade die Berliner k g l. Oper. Die ehrliche, rücksichtslose, keinem System, sondern nur der Kunst dienende Kritik— man sucht sie in bürgerlichen Blättern aus tausend Gründen vergebens, sie ist nur in unserer Parteiprefie noch zu finden!— hat oft eingesetzt, um Schäden im Betrieb der Opern von Dresden, Wien, München, Hamburg, Köln und andere» großen Stadttheatem aufzudecken, Schäden, die größtenteils tief im Wesen der kunstkapitalistischen Organisation der modernen Geschäststheater mit ihrem Starsystem begründet lagen, aber neidlos mußte fie anerkennen, daß Berlin auch hier an der Spitze marschierte. Im preußischen Abgeordneten- Haus hat bekanntlich im vorigen Jahre Herr Kopsch den Mut gehabt. von parlamentarischer Stelle aus die teils auf Arroganz, teils auf Unfähigkeit gestützten Mißstände in der Leitung der Berliner kgl. Oper einer schonungslosen Kritik zu unterziehen. Er enthüllte offen das schädliche System Hülsen-Haeseler mit seinem brutalen Unteroffizierton, dem Vorherrschen des engherzigsten BureaukratiSnmS nach Schema? über fachmännische Initiative sdaS schließlich die beiden genialen Dirigenten und Organisatoren R. Strauß und Muck fortekeln mußte und dafür den Berlinern die braven Kapellmeister von Strauß und Blech erhielt, mit seinen un- zulänglichen künstlerischen Ensemble-Leistungen, seinem verrosteten, überall nachhinkenden oder bei Novitäten daneben greifenden Repertoire, seinem ServiliSmus den Machwerken adeliger Dilettanten gegenüber, seiner maßlosen Auslandspoussiererei, seinen hohen Ein« trittspreisen, seiner hochnäsigen Behandlung der nicht wohlmeinenden Presse usw. usw. Kopsch tat einen Schlag ins Wasser. Das preußische Abgeordnetenhaus erklärte sich in dieser künstlerischen Frage für nicht.kompetent'. Die angegriffene Exzellenz arrangierte eine gefühlvolle Entrüstungsmatinee. Personal, rechtgläubige Presse, Photographen traten an. Hülsen nahm den Zylinder in die Hand, zerdrückte eine Träne k la Possart. wünschte nicht,„daß durch äußere Einflüffe auch nur der leiseste Schatten zwischen Ihm und Seinen Mitgliedern bestehe', bedauerte die Abgeordneten-Jmmunilät, drohte zum Schluß mit Entlassungsgesuch. Und alles blieb beim Alten. Berlin WW., dem theaterbesuchendcn Geheimrats- und Börsianer- Milieu, ist's gerade so recht. Jedenfalls ist die Hoffnung aus- geschlossen, daß das ausschließlich der„Diplomatie' in der Musik', höfischer Kunstpflege und dem Unterhallungsbedürfnis einer zahlungsfähigen Oberschicht dienende Berliner Opern- Haus ein nationales. allgemeinen Kulturinteressen sachlich dienendes Kniistinslitut werden wird, so lange der Höfling Hülsen am Ruder ist. Traurig, nein eigentlich selbstverständlich ist es, daß sein bureaukratisches System heute noch von bürgerlichen Berliner Blättern, sogar die linksliberale Presse einbegriffen, mehr oder »veniger verschämt gestützt wird. So erscheint auch der von einigen geteilte Glaube, daß an der vornehmsten preußischen Oper in Zukunft ernste deutsche Komponisten vom Range Pfitzners, Kloses, Thuilles, Wolf-Ferraris den Vorrang erhalten vor dilettierenden Aristokraten k la Chelius, talentlosen Verfassern von Indianer- Opern und assyrisch-brandenburgischen Marlgrafen-Festspielen, allzu optimistisch. Wie ernst eS dieses höchst merkwürdige Kunstinstitut, das nebenbei den Ehrgeiz zu haben scheint, alle durchgefallenen aus- ländischen Opern aufzuführen, mit seinen nationalen Pflichten nimmt, beweist sein aufdringlicher Leoncavallo-Kult. Es hatte nicht genug mit der bösen Schlappe, die ihm seinerzeit der„Roland von Berlin', die danebengelungene Hohenzollern-Huldigung des Stehcn- gebliebensten und dabei Strebsamsten unter den jungitalienischen Bühnenkomponisten eingebracht hat, es nahm Signore Leoncavallo auch noch seine künstlerisch noch impotentere Blut- und Mordoper „Maja' ab. Es kam, was kommen mußte. Das Publikum quittierte den neuesten Reinfall Hülsens mit leeren Häusern. Da? Publikum, ja das Publikum! ES ist das Zünglein an der Wage. Es hat ein Menschenalter lang die Opern WagnerS ignoriert lind verspottet und heute verlangt es das internationale AufführungS- Monopol für das Haus Wagner und die Bühnenleiter sind dazu b:reit. Sind sie doch mehr oder minder abhängig von der groß- artigen Tantiemeanstalt Ren-Bayreuth.KCo.,Berlind'>V.