Zlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 47. Donnerstag den 7. Marz� 1912 tStachdruck vervoua.) 47} pelle der Gröberer. Der grohe Kampf. Koman von Martin AndersenNexo. Aus dem dritten Stockwerk kam eine Frau heraus- geschlichen und brach ein wenig von dem Holzwerk ab; sie nickte ihm zu.„Für einen Schluck Kaffee." sagte sie,„und Gott segne den Kaffee! Man kann ihn so dünn machen, wie man will, wenn er bloß gut warm ist." Die Wohnung stand leer, Lasse war nicht da. Pelle er- kundigte sich auf dem langen Gang. Er erfuhr, daß er im Keller bei der Trödlerin hause. Mehrere magere graue Ge- sichtcr kamen einen Augenblick in den Türen zum Vorschein und starrten ihn an, dann verschwanden sie lautlos. Der Keller der Trödlerin war mit Gegenständen über- häuft, der Winter wehte die Habseligkeiten der Armen hier hinab. Lasse saß in einem Winkel und stickte an einer Ma- tratze, er war allein hier unten.„Sie ist ausgegangen, um sich was anzusehen," sagte er,„in dieser Zeit hat ihr Geld viel zu tun! Nein, ich will nicht mit Dir gehen und Euer Brot aufessen. Ich habe mein Essen und Trinken hier, dafür helfe ich ihr. Wieviele andere können wohl sagen, daß sie in diesem Winter ihr Auskommen gesichert haben? Und eine Ecke, wo rch liegen kann, habe ich auch. Aber kannst Du mir nicht sagen, was aus Peter geworden ist? Eines Tages war er da oben aus dem Zimmer weg, und seitdem habe ich nichts wieder von ihm gesehen." „Dann ist er wohl mit seiner Braut zusammengezogen." erwiderte Pelle.„Ich will mal sehen, ob ich es nicht erfahren kann." „Ach ja, wenn Du das wolltest. Es waren so gute Kinder die drei, es wäre ein Jammer, wenn einem von ihnen etwas zustoßen sollte." Pelle wollte den Vater nicht aus einem sicheren Verdienst herausreißen.„Wir wissen ja selbst nicht mal, was wir Dir dafür bieten können. Vergiß aber nicht, daß Du uns immer willkommen bist, Ellen selbst hat mich hierher geschickt." *Ja, ja, dank ihr vi�smals dafür! Nun geh Du jetzt nur, ehe die Alte wiederkommt," sagte Lasse ängstlich.„Sie mag es nicht, wenn hier jemand ist, sie ist bange für ihr Geld.—" Das erste, was draufgehen mußte, war Pelles Winter- Überzieher. Er versetzte ihn eines Tages, ohne daß Ellen es wußte, und kam nach Hause und überraschte sie mit dem Geld, das er froh auf den Tisch warf, Krone für Krone.„Wie das singt!" sagte er zu Klein-Lasse. Der Junge sprang und wollte das Geld zuni Spielen liaben. „Was soll ich mit einem Winterüberzieher?" entgegnete er auf Ellens freundliche Vorwürfe. Mich friert nicht und er hängt hier ja nur herum. Nun habe ich mich den ganzen Sommer damit herumgeschlagen.— Ach, wie der wärmt!" sagte er zu dem Jungen, als Ellen Feuerung geholt hatte. „Das war wirklich ein guter Winterüberzieher, den Vater ge- habt hat! Der kann Mutter und Schwester und Klein-Lasse wärmen." Der Junge legte die Hände auf seine Knie und guckte in das Feuer hin nach Vaters Ueberzieher. Das Feuer entzündete Flammen in seinen großen Kinderaugen und spielte auf den roten Wangen.„Ein schöner Ueberzieher!" sagte er und lachte über das ganze Gesicht. Von den Hausbewohnern sahen sie nicht viel und von der Familie auch nicht. Die Leute lebten still und kämpften in ihren vier Wänden jeder mit seiner eigenen Not. Des Sonn- tags setzten sie den Kleinen bei einem von den Nachbarn ein, gingen in die Stadt und standen eine Stunde vor irgend- einem Konzertlokal und froren, während sie der Musik lauschten. Dann gingen sie wieder nach Hause, saßen da und fingen Grillen, ohne Licht anzuzünden beim Schein des Ofens. Eines Sonntags sah es schlimm aus.„Die Kohlen reichen nur noch bis heute mittag," sagte Ellen.„Wir müssen aus- gehen." Essen haben wir auch nicht mehr. Aber vielleicht können wir zu den Alten gehen, dann laden sie uns am Ende zu Abend ein." Als sie gehen wollten, kam Ellens Bruder Otto mit seiner Frau und zwei Kindern zu ihnen zu Besuch. Ellen wechselte einen verzweifelten Blick mit Pelle. Der Winter hatte auch ihnen ihr Gepräge aufgedrückt: ihre Gesichter waren schmal und ernst. Aber warme Kleider hatten sie doch noch.„Ihr müßt Eure Mäntel anbehalten," sagte Ellen,„denn ich habe keine Feuerung mehr: ich hatte gestern so viel zu tun und mußte es bis heute aufschieben, und da will das Unglück, daß beim Kohlenhändler keiner zu Hause ist." „Wenn die Kleinen nur nicht frieren," sagte Pelle,„wir Erwachsenen können uns schon warm halten." „Na, solange ihnen keine Eiszapfen unter der Nase hängen, schadet es ihnen auch nicht!" sagte Otto Stolpe mit einem Anflug von seinem allen Humor. Sie trippelten unruhig in der Stube hin und her und sprachen von den schlechten Zeiten und der wachsenden Not. „Ja, es ist schrecklich, daß es nicht genug für alle Menschen gibt," sagte Ottos Frau.„Aber nun macht der strenge Winter der Not ein Ende und dann wird es wieder gut!" „Du meinst, daß der Winter uns zuerst den Garaus machen wird?" sagte Otto und lachte verzweifelt. „Nein, nicht uns— dem Elend natürlich. Ach, Du weist wohl recht gut, was ich meine. Aber so ist er immer," wandte sie sich an Pelle. „Sonderbar, daß Ihr Frauenzimmer noch immer in dem alten frommen Glauben umhergehen könnt, daß es nicht genug von allem gibt," sagte Pelle.„Ter Hafen liegt doch voll von Kohlenhaufen, und in den Läden fehlt es nicht an Eßwaren. Im Gegenteil, da ist viel mebr als sonst, weil so viele ent- lehren müssen. Das kannst Du auch daraus sehen, daß in der Stadt jetzt alles billiger ist. Aber was kann das nützen, wenn man kein Geld hat? Mit der Verteilung ist es schlecht bestellt." „Ja, Du hast ganz Recht!" sagte Otto Stolpe.„Es ist auch wirklich verteufelt, daß man nicht den Mut hat, zuzu» greifen!" Pelle'hörte Ellen durch die.Küchentür gehen, und nach einer Weile kam sie mit Feuerung in der Schürze zurück, sie hatte etwas Holz geliehen.„Ich habe doch noch ein bißchen zu- sammengeschabt." sagte sie und legte sich vor dem Osen auf die Knie.„Es ist auf alle Fälle genug, um eine Tasse Kaffee wärmen zu können." Der Bruder und seine Frau baten sie eindringlich, sich doch keine Mühe zu machen: sie hatten eben Kaffee getrunken. ehe sie von Hause weggegangen waren, nach einem soliden Frühstück.„Des Sonntags essen wir immer ein solides Früh- stück," sagte die junge Madam Stolpe,„das tut so gut!" Während sie sprach, verfolgten ihre Augen mechanisch jede von Ellens Bewegungen, als ob etwas in ihr rechnete, wie schnell der Kaffee wohl fertig werden könne. Und Ellen redete, während sie anzündete. Ja, natürlich, aber eine Tasse Kaffee tollten sie haben. Trockenen Mundes dürften sie nicht weggehen. Pelle faß da und lauschte ihnen verwundert und traurig, ihre unschuldigen Prahlereien beleuchteten ihm das Elend nur noch greller. Er konnte es Ellen ansehen, daß sie sich in einer schrecklichen Verlegenheit defand und folgte ihr in die Küche. „Pelle, Pelle!" sagte sie ganz verzweifelt.„Sie haben darauf gerechnet, daß sie heute bei uns zu abend essen können, und ich habe keinen Bissen: was sollen wir nur machen?" „Sagen, wie es ist. natürlich!" „Das kann man doch nicht! Und sie haben heute auch nichts zu essen bekommen— kannst Tu ihnen das nicht an- sehen?" Sie brach in Tränen aus. „Na. laß mich die Sache nur ordnen." sagte er tröstend. „Aber was willst Tu uns denn zum Kaffee geben?" „Das weiß ich nicht! Ich habe nichts als Schwarzbrot und etwas Butter!"„ „Großer Gott! So f." kleines Schäfchen!" sagte er lachend und nahm ihren Kovf in seine Hände,„und dann stehst Du da und jammerst, willst Du wohl nwchen, daß Du das Butterbrot streichft!" Ellen machte sich zögernd an die Arbeit. Ehe sie aber die Bewirtung hereintrug, hörten sie sie lärmend mit der Haupt- tür klappen und die Treppe hinablausen. Nach einer Weile kam sie wieder herein.„Nun Hat, weiß Gott, der Bäcker alles Feknbrot ausverkauft." sagte sie..IM müßt Ihr mit Butter. brot zum Kaffee vorlieb nehmen." „Herr Gott, daß ist ja großartig, sagten sie,„Butterbrot schmeckt gerade a'.u allerschönsten zu Kaffee. Es ist nur eine Schande, daß wir Euch so viel Mühe machen!" „Hört einmal," sagte Pelle endlich,„es mag ja sein, daß es Euch Pläsir macht, Versteck miteinander zu spielen, mir aber nicht!— ich will offen von der Leber reden: Hier bei uns herrscht Schmalhans und bei Euch wird es Wohl auch nicht besser sein. Wie steht es bei den Alten eigentlich?" „Die schlagen sich schon durch," erwiderte Otto,„Kredit haben sie immer, und ein wenig in der Hinterhand haben sie auch, glaube ich. Wollen wir da nicht hingehen und da heute zu Abend essen? Sonst fürchte ich, daß wir nichts be- kommen?" �.Ja, ttm wir das! Wir sind freilich erst vorgestern bei den Alten gewesen, aber was nützt das, irgend woher muß es ja doch kommen und es bleibt ja in der Familie!" Die Kälte hatte keinen Einfluß auf Pelle, das Blut rollte rasch in seinen Adern. Er war immer warm. Die Not faßte er als Mahnung auf und fühlte sich nur stärker als bisher. er benutzte den unfreiwilligen Müßiggang, um für die Sache zu arbeiten. Da war keine Zeit zu Volksversammlungen und stark tönenden Worten. Viele hatten nicht einmal Kleider, um die Versammlungen zu besuchen. Die Bewegung hatte in der Kälte ihren Schwung verloren, man hatte genug zu tun, um zusammenzuhalten, was da war. Pelle faßte es als seine Aufgabe auf, die Hoffnung in den Verzagten aufrecht zu halten und war viel unterwegs: er kam mit vielen Menschen in Berührung. Das Elend legte sie bloß und entwickelte seine Menschenkenntnis. Ueberall, wo ein Beruf in Stillstand geriet und die Not Einkehr hielt, waren er und die anderen bei der Hand, um der Demoralisation vorzubeugen und von dem herrschenden Zustand aus zu agitieren. Er sah, wie sich die Not gleich der Pest verbreitete und allmählich das Ganze eroberte, es war eine harthändige Gemeinschaft in dem Schicksal der Massen. In acht, vierzehn Tagen konnte die Arbeitslosigkeit einein Heim alle Traulichkeit nehmen, die durch viele Jahre zu- fcmmengeschrapt und gespart war, so schreiend war das Miß- Verhältnis. Hier war genug, um eine Auffassung in alle hinein zu ätzen, die niemals verging, und genug, um die Agi- tation zu fördern. Jeder, der nicht schlaff geworden war, konnte jetzt einsehen, was sie bezweckte. Hier gab es Leute, die noch so waren wie die daheim! Die Not machte sie noch demütiger. Sie begriffen nicht die Gnade, daß sie Erlaubnis hatten, auf der Erde zu gehen und zu hungern. Mit denen war nicht auszukommen. Sie waren geborene Sklaven und das Sklavenmai saß tief in ihren Ge- mütern als jammervoller, hündischer Sinn. Das waren Leute über ein gewisses Alter hinaus, von einer älteren Generation als die seine. Die jüngere war aus ganz anderem, härterein Stoff, er mußte oft.erstaunt lauschen, so kräftige Gedanken hallten in ihren Gemütern wider. Sie waren bereit zu wagen und setzten hart gegen hart. Da mußte man zurückhalten, damit sie der Bewegung nicht schadeten: denen ging es nie schnell genug vorwärts. lFortsetzung folgt.) (NaSdruck verdolen.) CKacIsdn-IVIiirat. 28] Bon Leo Tolstoi. „DaS ists ja, was ich nicht möchte. Es ist immer so peinlich. Sie meinen, ich soll nicht hingehen?" sagte Maria Dmitrijewna. „Nein, gehen Sie nicht. Kommen Sie lieber mit nach Hause." Maria Dmitrijewna machte kehrt und ging mit Butler zurück. Der Mond schien so hell, daß Butler trotz des beschattenden Tuches ihr sympathisches Gesicht deutlich sehen konnte. Er schaute sie an und hätte ihr gern sagen mögen, wie sehr sie ihm noch immer ge- falle, doch wußte er nicht, wie er sein Kompliment herausbringen sollte, ohne einen neuen Abfall zu erloben. Sie wartete ihrerseits, was er wohl sagen würde, und so waren sie schweigend bis in die Nähe des Hauses gekommen, als plötzlich eine Abteilung Kosaken mit einem Ofsizier an der Spitze aus einer Seitengasse nach der Straße einbog. „Wer kommt denn t>a noch so spät?" sagte Maria Dmitrijewna und wich den Reitern zur Seite aus. Der Mond schien diesen auf den Rücken, so daß sie den voranreitcndcn Offizier erst er- kannten, als er ganz dicht neben ihnen war. Es war Leutnant Kamenew, der früher mit Major Petrow zusammen gedient halt« und von damals her mit Maria Dmitrijewna bekannt war. „Peter Nikolajewitsch— sind Sie es?" sprach sie den Offizier an. „Ich selbst in eigener Person." versetzte Kamenew.„Ah, Butler — guten Abend! Sie schlafen noch nicht, sondern promenieren hiev mit Maria Dmitrijewna? Daß Ihnen der Major nur nicht auf den Kopf kommt! Wo steckt er denn?" „Hören Sie denn nicht?" sagte Maria Dmitrijewna und zeigte nach der Richtung, aus der sich das Dröhnen einer großen türki» schen Trommel und lauter Licderklang vernehmen ließ.„Dort zechen sie wieder mal ganz gehörig." „Wer? Die hiesigen Herren?" „Nicht die allein— es sind Gäste da, Kameraden aus Chiflif, Jurta." „Ah, da Hab' ichs ja gut getroffen. Ich muß den Major sprechen, nur einen Augenblick..." „Was gibts? Geschäfte?" fragte Butler. „Ja, eine kleine Sache." „Gut oder schlimm?" „Wie maus nimmt. Für uns entschieden gut— für andere Leute mags schlimm sein," antwortete Kamenew lächelnd. In diesem Augenblick waren sie ganz dicht am Hause des Majors angekommen. „Heda. Tschichirew!" rief Kamenew einem seiner Kosaken zu —„komm doch mal heran!" Einer der donischen Kosaken ritt aus der Reihe heraus und kam an die Offiziere heran. Er trug die Kelduniform seines Truppenteils, hohe Stiefel, den Mantel und den Oucrsack hinterm Sattel. ..Hol' das Ding mal heraus," sagte Kamenew, während er vom Pferde stieg. Der Kosak stieg gleichfalls ab und holte aus dem Ouersack einen zweiten, kleineren Sack hervor, in dem sich ein rundlicher Gegenp stand befand. Kamenew nahm den Sack aus der Hand des Ko» saken und steckte die Hand hinein. „Wollen Sie es sehen? Erschrecken Sie aber nicht," wandte er sich an Maria Dmitrijewna. „Warum soll ich denn erschrecken?" meinte sie. „Da!" sagte Kamenew, zog einen menschlichen Kopf aus dem Sacke und hielt ihn gerade gegen das Mondlicht. „Erkennen Sie ihn?" Es war ein glattrasierter.Kopf, mit zwei Wulften über den Augen und kurz gehaltenem schwarzen Barte. Das eine Auge stand offen, das andere war halb geschloffen; der blutig« Schädel war von Säbelhieben zerhackt, und in den Nasenlöchern befand sich geronnenes schwarzes Blut. Um den Halz war ein blutiges Hand- tuch gewickelt. Trotz der Wunden, die auch das Gesicht entstellten, lag ein kindlich gutmütiger Ausdruck um die blauen Lippen. Maria Dmitrijewna sah eine Weile hin, wandte sich dann um und ging, ohne ein Wort zu sagen. m,t raschen Schritten in das Haus. Butler vermochte seine Augen von dem grausigen Bilde nicht abzuwenden: es war der Kops Chadsckn-Mnrats, mit dem er noch vor ganz kurzer Zeit die Abende in so freundschaftlichen Gesprächen verbracht hatte, was er da sah. „Wie ist denn das gekommen? Wer hat ihn getötet?" fragte er. „Ausrücken wollte er, aber wir haben ihn gekriegt," sagte Ka- menew und ging mit Butler in das Haus hinein. Er ist übrigens als ein Held gestorben," fügte er hinzu. „Wie konnte das nur geschehen?" „Warten Sie. bis Iwan Matwjejewitsch kommt, dann will ich alles haarklein erzählen. Das ist ja meine Mission. Ich reite von Festung zu Festung, von Dorf zu Dorf, und zeige ihn herum." Man schickte nach Iwan Matwjejewitsch. Er kam schwer be- trunken an, mit zwei Offizieren, die gleichfalls einen tüchtigen Rausch hatten, und begann Kamenew zu umarmen. „Ich habe Ihnen Chadschi-Murats Kopf mitgebracht," sagte Kamenew. „Nicht möglich! Habt Ihr ihn getötet?" „Ja, er wollte uns entwischen. „Ich hab's ja immer gesagt: er wird uns hinters Licht führen! Wo hast Du ihn also, den Kopf? Zeig' mal her!" Man rief den Kosaken, und er brachte den Sack mit dem Kopfe. Der Kopf wurde herausgenommen, und Iwan Matwjejcwitsch sah ihn lange mit seinen trunkenen, blöden Augen an. „Er war doch ein ganzer Kerl," sagte er.„Gib her— ich will ihn küssen!" „Ein pfiffiger Kopf War'S— ja, das muß man ihm lassen." meinte einer der Offiziere. Nachdem alle den Kopf zur Genüge betrachtet hatten, wurde er wieder dem Kosaken übergeben. Der legte ihn in den Sack zurück und setzte ihn vorsichtig, damit er kein Geräusch mache, auf den Boden. „Sag' mal, Kamenow— was erzählst Du denn den Leuten» wenn Tu ihn so herumzeigst?" fragte einer der Offiziere. „Nein, gib ihn her, ich muß ihn noch einmal küssen— er hat mir ja einen Säbel geschenkt!" schrie der Major. Butler trat auf die Haustreppe hinaus. Maria Dmitrijewnn saß dort auf der zweiten Stufe. Sie warf eft'en Blick auf Butler und wandte sich dann zornig ab. _„Was ist Ihnen denn, Maria Tmitrijcwna?" fragte Butler. .Ihr seid alle Mörder! Ich Sann Euch nicht leiden, ihr-> Mörder," sagte sie und erhob sich. „So kann es doch jedem von uns gehen," meinte Butler, der nicht recht wußte, was er sagen sollte.„Das ist mal nicht anders im Kriege..." „Im Kriege? Ist denn das noch Krieg? Mörder seid Ihr. weiter nichts! Statt den Toten der Erde zu übergeben, treibt Ihr Euren Spott mit ihm— ihr Mörder!" wiederholte sie immer wieder, ging dann die Treppe hinunter und verschwand um die HauSecke, um durch den hinteren Eingang nach ihrem Zimmer zu gehen. Butler kehrte in das Zimmer des Majors zurück und bat Ka- inenew zu erzählen, wie sich alles zugetragen hatte. Und dieser erzählte, was er wußte. 24. Es war Chadschi-Murat gestattet worden, in der Nähe der Stadt Spazierritte zu machen, doch nur in Begleitung einer 5dosakencskorte. Es befand sich in Nucha im ganzen ein halbes Hundert Kosaken, von denen zehn Mann beim Kommando Dienst taten, während die anderen da und dort Verwendung fanden und für die erforderlichen Dienstleistungen oft kaum genügten. Sollten nun, wie angeordnet war, mit Chadschi-Murat stets zehn Mann ousreiten, so fehlten an anderen Stellen die nötigen Mannschaften. Am ersten Tage wurden ihm, wie befohlen, zehn Mann beigegeben, dann aber entschied man, daß immer nur fünf Kosaken mitreiten sollten, und man bedeutete Chadschi-Murat, er solle nicht inMcr seine sämtlichen Muriden mitnehmen. An dem verhängnisvollen Tage jedoch ritt er mit allen seinen Getreuen aus. Während er sein Pferd bestieg, bemerkte der Kosakenoffizier, daß alle fünf Muriden sich anschickten, Chadschi-Murat zu begleiten. Der Offizier machte ihn darauf aufmerksam, daß ihm die Mitnahme seiner sämtlichen Leute untersagt sei, doch Chadschi- Murat tat, als ob er seine Worte nicht höre, und ritt davon, worauf der Offizier ihn gewähren ließ. Der ihm beigegebene Unteroffizier war ein stattlicher, untersetzter, blonder junger Mensch namens Nasarow, die Wangen wie Milch und Blut, das Saar vom Scheitel aus nach dorn und hinten gekämmt und rund herum abgeschnitten. Mit Stolz trug Nasarow das GeorgSkreuz für Tapferkeit auf der Brust. Er war der älteste Sohn einer armen altgläubigen Familie, der den Vater früh verloren hatte und seine alte Mutter samt fünf jüngeren Geschwistern unterhielt. „Laß ihn nicht zu weit reite», Nasarow!" rief der Offizier ihm nach., „Zu Befehl, Euer Wohlgeboren," antwortete Nasarow und setzte, während er die Büchse auf dem Rücken zurechtschob, seinen großen, ttlichen Fuchswallach in Trab. Die vier Kosaken ritten hinter n her. Der eine von ihnen war der als Dieb und Bcutemacher bekannte Ferapontow, ein langer, hagerer Mensch, von dem Ham- salo Schießpulver gekauft hatte. Dann war da ein älterer Kosak, Jgnatow mit Namen, dessen Dienstzeit eigentlich schon um war— ein stämmiger Bursche, der gern mit seiner Stärke prahlte. Der dritte der Kosaken, Mischkin, war ein noch nicht volljähriges, schmächtiges Kerlchen, ühcr das alle sich luftig machten. Pctrakow, der vierte, war ein blonder junger Mann, stets munter und freundlich, der einzige Sohn seiner Mutter. (Fortsetzuilg folgt.) Die Kopfjägern auf Celebea.. Die furchtbare Sitte der 5kopfjögcrei hat zum Glück eine nicht allzu weite Verbreitung unter den Wildvölkern der Erde. Häufig kommt sie nur in Südostasien— vornehmlich im Bereiche der Ma- laien— und auf den Indonesien benachbarten, zu Australien gc- rechneten Inseln vor; in Afrika und unter den Indianern Süd- amerikas nur vereinzelt. Die Sitte läßt sich nicht aus Mordlust erklären, sondern hängt mit abergläubischen, religiösen Vorstellungen zusammen, unter denen im indo-australischen Archipel solche zweier- lci Art hervorzuheben sind. Zumeist herrscht dort die Anschauung, der Jüngling müsse, che er heirate, den Kopf eines lebenden Menschen erbeuten, damit dessen Seele Schutzgeist für die zu grün- dende Familie werde. Andere Stämme dagegen wollen auf diese Weise den Seelen der verstorbenen Eltern oder Geschwister ein Opfer darbringen, damit die Verwandtenseelen durch den Besitz des Schädels des Geköpften dessen Seele sich dienstbar machen können und infolgedessen bei guter Laune bleiden. Eigentümlich ist dabei, daß in einem Teile von Celebcs die Kopfjägerei zum Gewerbe eines bestimmten Stammes, der Tololaki, geworden ist. Man braucht dort nicht mehr selbst einen Kopf zu erbeuten, was ja manchmal, wenn es sich auch immer nur um Meuchelmord handelt, ein nicht ungefährliches Unternehmen ist, sondern bestellt bei einem Krieger jenes Stammes den erforderlichen Kopf. Die Eingeborenen lassen sich Europäern gegenüber selten über die Sitte aus. Ziemlich genaue Nachrichten über die Kopfjägerei in Südost- Celebes erhielt dort indessen die Frankfurter Sunda-Expedition, deren Leiter, Dr. I. Elbert, sie in dem eben erschienenen ersten Bande seines großen Werkes:„Die Sunda-Expedi- tion des Vereins für Geographie und Statt st ik zu Frankfurt a. M," mitgeteilt hat. Die Beobachtungen beziehen sich meist aus die bis dahin uner» forschte Landschaft Rumbia, die noch wenig oder gar nicht unter holländischem Einfluß stand. Stirbt dort«in Fürst oder dessen Frau, so muß ein Kopf erbeutet werden. Vor allem aber muß eine fürstliche Frau, die wieder heiraten will, einen Kopf beschaffen und ebenso d«r fürstliche Witwer, der eine neue Ehe eingehen möchte. Denn würde er nicht vorher für ein Schädelopfer sorgen. so würde die Seele der verstorbenen ersten Frau über die Familie der jungen Gattin Unheil bringen, ja selbst den Tod des Mannes bewirken. Beim Tode eines gewöhnlichen Sterblichen ist das Darbringen eines Kopfes nicht so unbedingt erforderlich; man pflegt sich in diesem Falle viel Zeit zur Erfüllung dieser Ehrenpflicht zu lassen und begnügt sich mit einem einzigen Schädel für alle, die innerhalb eines Jahres in der Gemeinde gestorben sind. In der Nachbarlandschaft Mengkoka aber soll ein Kopfjagdzug schon dann für notwendig eracbtet werden, wenn ein unangenehmer Traum, den man dem Einfluß der abgeschiedenen Seelen zuschreibt, auf böse Ereignisse hindeutet.' Die Beschaffung und Opferung eines Schädels findet in Rumbia in Verbindung mit dem Feste der Reis- ernte Ende August oder Anfang September statt. Rückt die Ernte heran, so gehen die Männer wohlbewehrt in einer besonderen Rüstung auf die Kopfjagd. Die Rüstung besteht aus einer ärmel- losen Panzerjacke, die aus den Bastfasern eines Baumes gefertigt ist und Nacken und Schulter durch Klappen aus sckmppenartig übereinander greifenden Büffclfellstückchen schützt. Dazu kommt ein aus Nottang geflochtener Helm und Fellüberzug. Der so bekleidete Jäger trägt einen Schild aus Holz, Schwert und Lanzen und ähnelt einem römischen Gladiator. Das Opfer sucht man beim Nachbar- stamm. Es werden aber auch Sklaven des eigenen Stammes ver- wendet; die Häuptlinge schicken sich gegenseitig den dem Tode Ge- weihten mit einer Botschaft zu, wobei sie sich gewisser Geheimzeichen bedienen. Die Kopfjäger besckleichen ihr Opfer meist beim Sammeln tm Walde oder auf dem Felde und töten es mit der Lanze. Dann schlagen sie dem Gefallenen den Kopf ab und verschwinden, ohne die Leiche weiter zu verstümmeln. Der glückliche Kopfjäger wird in seinem Dorfe mit großen Ehren empfangen, und man rührt kräftig die Trommel. Vor dem Betreten seines Hauses muß er der Sitte gemäß die Rüstung mit der einfachen Jacke aus Baum» rinde vertauschen. In Mengkoka fertigt ihm seine Familie einen turmartigen Hut an. den er bei dem nun folgenden Kopfjägerfest tragen muß. Dieses Fest dauert mehrere Tage. Es werden Büffel, auch Schweine geschlachtet; überall wird stark gegessen und viel Palmwein getrunken. Als Opfer für alle Seelen der seit Jahresfrist gestorbenen Gemcindemitglieder gilt ein Umtrunk aus dem erbeuteten Schädeldach, das man dann am Giebel des über dem Grabe errichteten Häuschen anbringt. Bei diesen Festen wird auch viel getanzt, gespielt und gesungen. Besonders beliebt sind die Ringtänze(die Tänzer bewegen sich langsam im Kreise), bei denen die beteiligten Männer unbekleidet und die Frauen in Röck- chen aus Palmblattstreifen auftreten. Die Gesänge sind vor- wiegend religiösen Inhalts oder stellen einen Heldenmythus dar. Zwcikämpfer in Kopfjägertracht führen unter Musikbegleitung Scheingefechte auf, tanzen umeinander, machen plötzlich Ausfälle und Seitensprünge, rennen mit den Schilden zusammen und führen Schwcrthiebe. Durch den Palmweingenuß angeregt, geraten die Fechter manchmal in eine wahre Wut. Stundenlang dauern diese Kampfspicle, bei denen alle Männer der Reihe nach ihre Kräfte erproben; die Menge sitzt im Kreise um sie herum und zollt Beifall. Die Kopfiagd hängt, wie angedeutet, mit dem Totenkult zu- sammen. Bis zur gemeinsamen Bestattung bei Gelegenheit deS Erntefestes bewahrt man die Toten in bootförmigen Särgen in einem besonderen Häuschen im Walde auf. Die Leiche eines Fürsten bleibt bis zur Becodigung in diesem Hause. Die Leiche eines Priesters erhält überhaupt kein Erdgrab, sondern ein eigenes Hüttchen, wo sie ständig bleibt. In manchen Gegenden aber be» gräbt man jeden Toten für sich, schon- nach einigen Tagen. Im Sarge liegt die Leiche nackt und mit zusammengebundenen Beinen; die Kleider weiden zu Bündeln verpackt und unter Kopf, Füße und auf den Leib gelegt. Ein Fürst bekommt außerdem ein Schwert. Nachdem der Leiche noch etwas Erde in den Mund gesteckt und ihr der Kopf auf die rechte Seite gedreht worden ist, verschließt man den Sarg, verschmiert alle Ritzen und stellt Eß- und Genußwaren daneben hin. Bei der engen Verbindung der Kopfjagd mit dem Totenkult und den religiösen Anschauungen der Eingeborenen der Sundawclt darf es uns nicht wundern, wenn man sie nur ganz allmählich und mit größter Vorsicht einzuschränken vermag. Mit einem allgemeinen Verbot und Ausrottungsmatzregeln wäre nichts zu erreichen. Ueberdies könnte einem Verbot nur dort Nachdruck verliehen werden, wo die holländischen Beamten die nötigen Macht- mittel in Händen haben, und das ist in dem weiten Archipel außer auf Java noch lange nicht überall der Fall. Kleines feuilleton. Astronomisches. DieLeeredcsWeltalls. Wer in klaren Winternächten den Blick auf das Firmament richtet, dessen Augen gewahren ein schier unermeßliches Gewimmel von Sternen, die mit hell flim» merndem Licht blitzen, von anderen, die mild, leuchten, und noch — 188— ltchtschwächeren, deren Schein gerade noch unsere Netzhaut erreicht. Wie ein goldenes Band aber zieht sich die Milchstrasic über den nächtlichen Himmel; wir vermögen die Myriaden von Sonnen, die ihren matten Glanz ausmachen, nicht einzeln zu unterscheiden, aber wir ahnen in dieser unfaßbaren Vielheit von gewaltigen Sonnen die unermeßliche Größe des Weltalls. In unermüdlicher, scharfsinniger Arbeit hat der Menschengcist Ordnung in diesen scheinbaren Wirrwar gebracht; er hat die Sonnen, die seinen Hilfsmitteln zugänglich� zu zählen versucht, er hat durch die Spektralanalvse ihre Materie erforscht, ihre Wärme gemessen, er hat die Richtung ihrer Bahn und ihrer Geschwindigkeit ergründet. Er hat gefunden, daß es Sonnen gibt, die auf uns zu, und andere, die von uns hinwegeilen. Viele Kilometer in der Sekunde legt jeder dieser Weltcnkörpcr zurück; eine unfaßbare Geschwindigkeit für unser irdisch begrenztes Vorstellnngsvermögcn. Würde aber der Mensch nicht unwillkürlich überall seine eigenen irdischen Maßstäbe auch im Weltall(unwillkürlich) zum Vergleich heranziehen, so würde er finden, daß jene scheinbar so ungeheuren Geschwindigkeiten in Wirklichkeit gar nicht so groß sind. Denn alle Raum- und Zeit- Verhältnisse sind relativ; dem Bakterium würde, wenn es denken könnte, die Geschwindigkeit, mit der der für seine Begriffe uner- mcßlich gigantische Mensch sich fortbewegt, ebenso unfaßbar groß erscheinen, wie uns Menschen die Schnelligkeit eines seine Bahn verfolgenden Himmelskörpers sich darstellt. Nehmen wir zur Ver- sinnbildlichung dieses Rclativitätsprinzips einmal unsere Sonne an. die eine Shrgel von 1 386 700 Kilometer Durchmesser ist. Diese ungeheure Kugel eilt in der Sekunde um 20 Kilometer im Welten- räum fort. Um also ein Stück Weges, gleich ihrer eigenen Aus- ldehnung, zurückzulegen, braucht die Sonne nicht weniger als -19lH Stunden. Die Schnecke, für uns das Sinnbild langsamer Fortbewegung, braucht für eine entsprechende Strecke nur einige Sekunden. Eine in voller Fahrt befindliche Schnellzugslokomotive legt in der Sekunde gar 30 Meter, also das Dreifache ihrer Aus- dichnung Ist auch die Größe der Himmelskörper, ibre Materie kolossal, so stehen ihnen doch auch unendlich große Räume zu Gebote. Bleiben wir zur Versinnbildlichung dieser Vcrhältniye bei unserem Sonnensystem. Das Volumen der Erde beträgt rund 1 Billion Kubikkilomcter, ihr Gewicht macht 5,7 Quadrillionen Kilogramm auS. Die Sonne dagegen wiegt 2 Ouintillionen Kilogramm, und die Totalmasse allen Körper unseres Sonnensvstems in Kilogramm wird durch eine Zahl mit 42 Nullen ausgedrückt. Kein menschliches Gehirn ist imstande, sich bei diesen Zablen noch etwas Greifbares zu denken. Trostdem sind diese Massen unbedeutend, geradezu winzig im Verhältnis zu dem Raum, der ihnen zu Gebore steht. Denn denkt man sich ein kugelförmiges Gebiet, dessen äußere Grenze durch die Bahn des Planeten Neptun dargestellt wird, so bat man den Raum, der den Körpern unseres Sonnensvstems zu Gebote steht. Dieses Gebiet bat einen Halbmesier von 4467 Mil licnen jtilometer, und sein Rauminhalt beträgt danach ungefähr 373000 Ouadrillionea Kubikkilomctcr. Würde man auf diesen Raum die Masse aller Körper unseres Sonnensystems gleichmäßig verteilen, so käme auf ein Kübikmeter nicht mehr als 5V6 Tausendstel Milligramm Materie. Das gleiche Volumen atmosphärischer Lust bat dagegen ein Gewicht von ungefähr Ich Kilogramm. Tie durchschnittliche Dichtigkeit unseres Sonnensystems auf den ihm zur Verfügung stehenden Teil'des Weltraumes berechnet, ist also 240 Millionen mal geringer als die der Luft. Tie unfaßbar große Masse der Himmelskörper schrumpft also im Räume zu einem wahren Nichts zusammen. Diesen Gedanken von der Winzigkeit der Materie im Räume hat zuerst der deutsche Astrophysiker S ch e i n e r entwickelt. Beim Verfolg seiner Ideen kommt man zu noch verblüffenderen Ergeb- wissen. Verlassen wir unser Sonnensystem und lenken wir den Blick auf die uns nächste fremde Sonne. Zwischen dieser und unserer Sonne liegt ein völkig leerer Raum, der so groß ist. daß sein Durckmcsser ungefähr 7000 mal die Entfernung des Planeten Neptun von der Sonne ouSmackt. Dieser uns nächste Fixstern ist der Stern Alpha im Bilde des Centauren. Sicherlich werden überhaupt die einzelnen Sonnensysteme alle ungefähr so weit von den Nachbarshstemen entfernt fein. Infolgedessen steht jedem Sonnensystem, auch dem unfcrigen, in Wirklichkeit ein 7000 mal größerer Raum als der vorhin durch die Ncptunsbahn begrenzte Raum zur Verfügung. Man muß sich daher die Masse des Sonnen- systems über das Innere einer Kugel ausgebreitet denken, die 43 000 Millionen mal größer ist als die. deren äußerste Grenze die Ncptunsbahn bildet. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Dichtigkeit der Materie, die 240 Millionen mal 43 000 Millionen, oder 10 Trillionen mal geringer jst als die Mchtigkeit der Lust. Geht man schließlich, wie Professor Scheiner, von der Annahme aus, daß die großen Fixsternsvfteme, wie etwa unsere Milchstraße, voneinander durch leere Räume getrennt sind, deren Ausdehnung durcbschnittlich ungefähr 100 mal größer ist als der Durchmesser jedes dieser Systeme, so erhalten wir als durcbschnittliche Dichtigkeit des ganzen unseren schärfsten Instrumenten noch zugänglichen Universums einen Wert, der 10 Ouadrillionen mal kleiner ist als der Wert, der die Dichtigkeit der Atmosphäre an der Erdoberfläche ausdrückt. Es gibt also keine größere Raumberschwendung als die im Weltall. Unendliche öde Weiten breiten sich aus zwischen spärlich verstreuten, sangsam dahinschleichenden Kugeln, alle von gleichet; Gestalt und meist aus der gleichen Materie. Medizinisches. Neue? von der Schlafkrankheit. Die Berichte über die Verheerungen durch die Schlafkrankheit in Afrika werden immer bedenklicher. Prof. Sandwith hat in einem Vortrage in London hervorgehoben, daß die Zahl der während der letzten 10 Jahre im Kongogebiet an der Schlafkrankheit gestorbenen Eingeborenen wenig- stenS eine halbe Million betragen hat. Man führt die Verbreitung der Seuche jetzt zun, großen Teil auf die Reisen Stanleys zurück. der mit seinen Begleitern die Krankheit unwistentlich in weite Ge- biete von Jnnerafrila verschleppt habe» soll. Insbesondere macht man ihn für die Pest in Uganda verantwortlich, wo der Schätzung noch im Jahre 1908 allem von einer Gesamtbevölkerung von 300 000 nicht weniger als 200 000 an der Schlafkrankheit ge» storbcn sind. Mittlerweile wird der Kampf gegen die Schlafkrankheit und um die endliche Auflösung ihres RälselS mit Eifer fortgesetzt. Die englische Schlafkraiilheitskommiision, die dos entvölkerte Uganda während der Jahre 1908—1910 für ihre Forschungen auswählte, bat jetzt ihren letzten Bericht veröffentlicht. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Eniwickelmig des Keimes der Krankheit(Trypaaosoma gymbiense) in der Tsetsefliege und mit der Frage seiner Ueber- iragung durch dies Insekt. Es hat sich als wahrscheinlich herMtgestellt, daß eine Fliege, die einmal, mit dem Keim an- gesteckt ist, diesen bis an ihr Lebensende verbreiten kann. Bon der Aufnahme des Keims bis zur Aiisteckuilgsfähigkeil vergeben 28 Tage. ES ist immerhin noch ein Glück zu nennen, daß die Keime sich in der Fliege nicht immer entwickeln, fondern nur in einem von zwanzig Fällen, wenn die Fliegen an einem oiigsstecklen Tier gesogen haben. Nach den bisherigen Untersuchungen kommt überhaupt auf 600 Tsetsefliegen nur eine, die zur Uebertragung der Schlafkrankheit sähig ist. Bei den ungeheueren Mengen aber, in denen das Insekt vorkommt, ist auch das schon schlimm genug. In einem zweiten Abschnitt werden die Ergebnine der Forschungen mitgeteilt, die über die Aufnahmefähig- keit verschiedener Tiere für den Keim der Schlaikrankheit angestellt| worden sind. Sie haben zu dem Schluß geiührt, dag sowohl Rinder wie Antilopen in einem verseuchten Gebiete Wirte für den Krankheitskeim werden können. Ueberhonpt scheinen die frei» lebenden Tiere noch zu größeren Bedenken Beranlaiiung zu geben, als man bisher zugestanden hat. Es kann wohl nur ihr Verichulden sein, wenn die Tsetsefliege in einem Gebiete drei Jahre lang an- steckend gewesen ist, nachdem die Bevölkerung bereits völlig ver- schwunden war. Technisches. DaS Seeschiff der Zukunft? Im Jahre 1812 bot sich Europa der erste, erstaunliche Anblick de? neuen Dampfbootes. der den Amerikanern bereits vertraut war. Und schon nach hundelt Jahren, in einer für die Entwickeliing eines so wichtigen und vor» gangSlosen Verkehrsinittcls verhältnismäßig stürzen Zeit scheint es durch einen neuen Typ verdrängt werden zu sollen: das Diesel- schiff, dem noch der offizielle Rame fehlt, für daS jedoch das Charakteristische ist, daß der Dampfkessel durch den Dieselmotor ersetzt wird. Und zwar sind eS große Uebeneeichiffe, die man auf diese Weise auszurüsten beginnt. Die Hamburg— Amerika-Linie bat mit ihrem ersten Versuch lern Glück gehabt; an Stelle der be- schädigten Motoren hat sie wieder Dampfkessel in das Probeschiff einbauen müssen. Dagegen find jetzt der größten Kopenhagener Werst überraschende Erfolge mit 7000-Toiinenschiffen gelungen, infolge deren sich die Aufträge, auch auS anderen Ländern, bSlifcn. Besonders angenehm überrascht war man von dem absolut sicheren Rückwärtsmanövrieren des neuen Modells, da man gerade in dieser Beziehung Befürchtungen gehegt hatte. Dazu kommen die großen Annehmlichkeiten gegenüber dem Schmutz und der Geräusch- solle de« Dampfer«. DaS zum Betriebe der Motoren erforderliche Petroleum findet seinen Play in den Tanks des Doppelbodens, die bei den Dampfern den Wayerballast halten. Die Schornsteine find überflüssig geworden, da eS keine Kohle und keinen Rauch mehr gibt; aber infolgedeffen auch keinen Ruß. Die nötigen Ansstoß- röhre liegen in den Masten versteckt. Der Maschinenraum wird aus dies« Weise, verglichen mit denen der Dampser, zu einem behaglichen Aufenthalt. Keine Hitze und ungesunde Luft, kein ohrenbetäubender Lärm und kein Schmutz und Kohlenstaub machen den Aufenthalt, wie namentlich in den Tropen, zur Hölle. Denn die ersten fertigen Schiffe des neuen Typ«„Selaitdia* und Fiona' werden für die Dänisch-Ostasiatische Kompagnie regelmäßig zwischen Genua und Bangkok laufen. Nur hin und wieder hört man einen kleinen, scharfen Knall, wie von einem Pistolenschuß, weun etwas von der komprimierten Luft aus einem Sicherheitsventil ent» weicht. DaS ist alles, im übrigen steht ein Maschinenmeister an zwei Handgriffen und reguliert das Werk, setzt das Schiff in Gang oder bringt es zum Stehen, so leickt als man sonst eine Taschenuhr auszieht Wenn auch der Typ im Verlaus der Zeit gewiß noch Ver» befferungen erfahren wird, so ist doch der Beweis erbracht, daß er seinen Zweck völlig zu ersüllen imstande ist. daß der Erfindergeist incht nur wie üblich für die Passagiere und Aktionäre, sonder» auch ür die Bedienungsmannschaft wesentlich günstigere Bedingungen ge- schaffen hat. Lerantwortl. Redakteur; Albert Wach?, Berlin. Druck u. Verlag; VorwärtSBuchI>rucke.ein.VerlagsanstoltPaulSlngertCo..BerlinLVV.