Attterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 53. Freitag> den 15. März. 1912 (Nachdruck verdoien.) 53] pelle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersettNexö. In der Mittagspause scharten sie sich um ihn.-„Was nun?" fragten sie und ihre Augen hingen an ihm, ihre Fäuste zitterten.„Sollen wir nicht zusammenpacken und sofort gehen? Denn nun wird es doch bald zu arg mit diesem Scheren. Jedesmal wenn wieder ein klein wenig Wolle auf uns gewachsen ist." „Abwarten!" antwortete Pelle.„Wartet nur ab! Laßt die anderen das Ganze machen und laßt uns sehen, wie weit sie gehen werden! Tut, als sei nichts vorgefallen und ver- richtet Eure Arbeit. Ihr habt Vercmtwortung für Frau und Kinder!" Sie folgten murrend seinem Rat und gingen wieder an die Arbeit. Er wunderte sich nicht über sie: es hatte eine Zeit gegeben, in der auch er die Arbeit hinwarf, wenn man ihm zu nahe trat: selbst wenn alles zum Teufel gehen sollte. Aber jetzt stand er mit der Verantwortung für die vielen, das sollte einem Mann wohl Besonnenheit verleihen.„Abwarten!" sagte er wieder und wieder zu ihnen,„morgen wissen wir mehr als heute! Es gehört Ueberblick dazu, ehe man handelt!" So legten sie denn den neuen Tarif zur Seite und gingen an ihre Arbeit, als sei nichts geschehen. Die Leitung der Fabrik schien die Sache als geordnet zu betrachten, die Di- rektoren gingen umher und sahen so vergnügt aus. Pelle bewunderte die Fassung der Kameraden: nach ein paar Tagew war derselbe Humor wieder da, sie trieben allerlei Kurzweil in den Essenspausen. Sobald es zu Mittag pfiff, hielten die Maschinen an, und alle Leute warfen das Werkzeug hin. Einige zogen schnell eine Jacke über und wollten nach Hause, um einen Löffel voll warmen Essens zu bekommen, einzelne gingen- in eine Keller- Wirtschaft in der Nähe und aßen dort. Die einen weiten Heimweg hatten, ließen sich auf den Drehbänken nieder und hielten dort ihre Mahlzeit ab. Wenn das Essen verzehrt war, scharten sie sich in Haufen zusammen«, plauderten und foppten bald diesen, bald jenen- Kameraden. Pelle benutzte oft die Mittagspause, um in die„Arche" hinüberzugehen und Vater Lasse zu begrüßen, der Arbeit in einem der Speicher bekommen hatte und sich ganz ordentlich durchschlug. Eines Mittags stand Pelle mitten in einem Haufen und zeichnete einen aufgeblasenen Werkmeister mit Kreide auf eine große Eisenplatte. Die Zeichnung erregte viel Munter- keit. Ein paar von den Kameraden hatten- sich währenddem über den aufrechtstehenden Teil der Maschine in einem Taucherboot gezankt. Pelle wischte schnell seine Karikatur aus und entwarf schtveigend einen Riß von der Maschine. Er hatte sie so oft gesehen, wenn das Boot daheim im Hafen lag. Die anderen mußten zugestehen, daß es so war. Es trat eine plötzliche Stille ein, als einer der Ingenieure einen Augenblick durch die Halle ging. Er erblickte die Zeich- nung und fragte, wer sie angefertigt habe. Pelle mußte mit aufs Kontor hinaufkommen. Der Ingenieur fragte ihn nach allerlei aus und war erstaunt, daß er niemals Zeichenuntcr- richt gehabt hatte.„Vielleicht können wir Sie hier oben ge- brauchen," sagte er.,„Wollen Sie es versuchen?" Es ging ein plötzliches Zucken durch Pellcs Herz. Jetzt war das Glück da, das wahre, große Glück, das er des Fort- schritts halber über Bord geworfen hatte, das seinen Mann nahm und ihn jäh in lichte Gefilde emporzog.„Ja," stammelte er.„ja, vielen Dank!" Die Gemütsbewegung war nahe daran, ihn zu ersticken. „Dann kommen Sie morgen um sieben Uhr. auf die Zeichen stube," sagte der Ingenieur.„Nein, was yaben wir heute für einen Tag? Sonnabend, also Morltag morgen." Und dann war die Sache abgemacht, ohne Umschweife irgend- welcher Art. Das war ein Mann nach Pelles Herzen! Als er dann wieder hinabkam, scharrten sie sich um ihn, (um das Ergebnis zu erfahren.„Jetzt ist Dein Glück ge- macht," sagten sie,„jetzt wiift Du beim Zeichnen angestellt, und wenn Du Deine Sache verstehst, bekommst Du selb- ständige Aufgaben und wirst Konstrukteur. Den Weg ist! Direktor Jebbesen gegangen, er hat hier unten bei den Sandformen angefangen, fetzt ist er Matador!" Ihre Ge- sichter leuchteten vor Freude über sein Glück. Er sah es Ihnen an. daß sie ihn für fähig hielten, es zu allem Möglichen zu bringen. Wie im Traum verbrachte er den Rest des Tages und- eilte dann nach Hause, um Ellen die Neuigkeit mitzuteilen: er war ganz verwirrt, es fachte in seinen Ohren wie in der Kindheit, wenn ihm das Lcden plötzlich eines seiner Wunder offenbarte. Ellen schlang die Arme vor Freude um ihn, sie wollte ihn nicht wieder loslassen, sondern hielt ihn fest und starrte ihn an, bewundernd wie in den ersten Zeiten.„Ich! habe immer gewußt, daß Du zu etwas bestimmt bist," sagte sie und sah ihn stolz an.„Du gleichst ja keinem andern? Und jetzt sieh nur! Die Kinder, die sollen es auch wissen." Und dann riß sie Schwesterchen aus dem Schlaf und erzählte ihr» was geschehen war. Die Kleine fing an zu weinen.„Du er» schreckst sie ja mit Deiner Freude," sagte Pelle und lachte! selbst über das ganze Gesicht. „Aber was nun? Nun werden wir wohl mit feinen! Leuten verkehren müssen," sagte Ellen plötzlich, während sie den Tisch deckte.„Wenn ich mich nur dazu eigne. Und der! Junge soll in die Bürgerschule gehen." Als Pelle gegessen hatte, wollte er sich an eine Flick- arbeit setzen.„Nein," sagte Ellen bestimmt und nahm ihm die Arbeit weg,„das ist jetzt keine Arbeit mehr für Dich!" „Aber es muß doch fertig gemacht werden," sagte Pelle« „wir können doch keine halbfertige Arbeit abliefern." „Das will ich schon fertig.inachen, zieh Du jetzt nup Deine guten Kleider an. Du siehst ja aus wie ein—" „Wie ein Arbeitsmann, nicht wahr?" sagte Pelle lachend. Pelle kleidete sich um und ging nach der„Arche", um Lasse die Neuigkeit mitzuteilen. Später wollte er dann die andern bei Ellens Eltern treffen. Lasse war zu Hanse und saß da und verzehrte sein Abendbrot, er hatte sich ein Spiegelei im- Ofen gebraten, und aus dem Tisch standen Bier und Brannt- wein. Er hatte sich eine kleine Kammer auf dem langen Gang neben dem blöden Vinzlev gennetet: da war kein Fenster, sondern nur eine Fensterscheibe iiber der Tür nach dem dunklen Gang hinaus. Der Kalk war von den Wänden abgefallen, so daß der Lehm in großen Flächen hervorguckte. „Ei, ei. sieh mal einer an," sagte Lasse entzückt/„Nu is es also doch gekommen. Ich habe mich oft bei mir selbst ge- wundert, wozu Du die unnütze Gabe bekommen hast, so da zu liegen und Wände und Papier zu bemalen. Du, ein armev Arbeiterjunge. Etwas muh wohl damit beabsichtigt sein» habe ich so in meinem stillen Sinn zu mir gesagt, vielleicht ist! das die Gottesgabe, die ihn vorwärts bringen soll! Und nun scheint es ja wirklich, als wenn sie ihren Nutzen schaffen soll." „Hier bei Dir ist es nicht gemütlich. Vater!" sagte Pelle. „Aber nun nehme ich Dich bald von hier fort. Du magst wollen oder nicht. Wenn wir jetzt ein wenig von unseren Schulden vom Winter her von der Hand geschafft haben, dann ziehen wir in eine Dreizimmerwohnung, und dann bekommst Du die eine Stube zu Deiner Verfügung: aber dann darfst Du nicht mehr auf Arbeit gehen, darauf mußt Du Dich ge-» saßt machen." „Ja, ja, ich habe nichts dagegen, bei Euch zu wohnen» wenn es erst so weit ist, daß ich den andern nicht das Brot vom Munde wegnehme. Ach nein, Pelle, es wird mir nicht schwer werden, mich von der Arbeit zurückzuziehen: ich habe mich abmaracht, seit ich habe kriechen können: fast siebzig Jahre habe ich mich um mein tägliches Brot abgemüht, und nun bin ich müde! So habe denn vielen Dank für Deine gute Gesinnung. Ich will die Zeit schon mit den Kindern hin- bringen. Schick Du mir man Bescheid, wenn Du willst." Die Neuigkeit war in der„Arche" schon bekannt, und sie kamen heran und wünschten ihm Glück als er ging.„Nu läufst Du hier nicht mehr herum und plauderst mit uns, wenn Du erst in Deine neue Tätigkeit gekommen bist," sagten sie.„das geht ja nicht an! Aber vergiß uns darm« doch nicht ganz, weil wir arme Vögel sind." _»Ich ne, Pelle hat so viele Zungerzeiten mit uns Armen durchgemacht: er ist keiner von denen, der alte Freundschaft übertüncht!" antworteten sie sich selbst. Erst jetzt, wo er die„Arche" verließ, fiel ihm ein, daß buch er Abschied zu nehmen hatte. Es war die herzliche Ge- »neinschaft mit all seinesgleichen, ihr lichter Glaube an ihn, und sein eigener Glaube an seine Aufgabe dort: es hatte eine eigene Freude in dieser halbverkümmerten Sorglosigkeit in der Gemeinschaft und in dem Kampf gelegen. War er nicht gewissermaßen der Prinz der Armut, zu dem sie alle aufsahen und von dem sie erwarteten, daß er sie in das Un- gewöhnliche hineinführen sollte? Und konnte er es verant- Worten, die Vielen um seines eigenen Glückes willen im Stich zu lassen? Vielleicht war er wirklich ausersehen, die Be- wegung durchzuführen, als einziger, der es konnte. Dieser Glaube hatte die ganze Zeit hindurch schwach in Pelle gedämmert, hatte hinter seiner Ausdauer im Kampf gestanden und hinter all der Freude, mit der er die Ent- behrungen trug. Jetzt, wo er sich bewußt formte, verwarf er ihn als Hochmut, nein, so aufgeblasen war er nicht! Da waren genug, die außer ihm die Sache durchführen konnten, und das Glück hatte bei ihm angepocht.„Geh vorwärts. Pelle!" sagt es in ihm.„Was ist da noch zu besinnen? Du hast nicht das Recht, das Glück von Dir zu stoßen! Willst Du Dein eigenes Verderben, ohne den anderen zu nützen? Du bist ein guter Kamerad gewesen, aber hier trennen sich eure Wege. Gott selbst hat Dir das Talent gegeben, schon als kleiner Junge übtest Du es ja: niemand hat Nutzen da- von. daß Du im Elend bleibst. Wähle jetzt Deinen eigenen Weg!" Ja, Pelle hatte bereits gewählt! Er wußte sehr wohl, daß er das Glück annahm, was auch alle Welt dazu sagen mochte. Es tat ihm nur weh, die anderen dasitzen zu lassen! Er war viel zu herzlich mit der Armut verbunden, so schwer solidarisch fühlte er sich, daß es schmerzte, sich loszureißen. Durch die gemeinsamen Sorgen war er Mensch geworden, und der Kampf hatte eine eigene glückerfüllte Kraft gespendet. Nun kam er also nicht mehr zu den Versammlungen! Es war so sor�erbar, daß er fortan dort nichts mehr zu schaffen hatte, sondern auf die andere Seite gehörte, er, Pelle, der der lichte Brand gewesen war. Nun. sie im Stich lassen würde er nie, das wußte er; selbst wenn er hoch empor stieg— und in der Beziehung hegte er keinen Zweifel—. so würde er doch immer für die alten Genossen fühlen und ihnen den Weg zu guten Verhältnissen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern weisen. Ellen merkte seinen Ernst, vielleicht ahnte sie auch die Gewissensbisse: sie wollte ihm helfen, sich darüber hinwegzu- setzen.„Wollen wir Deinen Vater nicht schon morgen zu uns nehmen?" sagte sie.„Er kann ja im Wohnzimmer auf der Chaiselongue liegen, bis wir die neue Wohnung be- kommen. Es ist unrecht, ihn so da herum gehen zu lassen, und in Deiner neuen Stellung kannst Du das auch gar Nicht tun." 27. Die Unruhe nahm ringsumher auf den Arbeitsplätzen zu: niemand, der etwas in der Organisation zu schaffen hatte, fühlte sich so recht sicher. Es war offenbar die Absicht, die Arbeiter zum äußersten zu treiben und sie dahin zu bringen, daß sie den Frieden brachen.„Sie wollen die Fachvereine zer- trünimern, um uns die Butter wieder vom Brot nehmen zu können," sagten die Arbeiter.„Sie meinen wohl, daß das jetzt leichter geht, da uns der Winter dankbar für eine trockene Kruste gemacht hat. Aber das sollen ausgestunkene Lügen werden!" Die Erbitterung brodelte stärker und stärker in den Massen: überall waren sie kampfbereit und wünschten nichts lieber, als drauflos zu schlagen. Die Frauen weinten und graulten sich, die meisten begriffen nur, daß die Not des Winters jetzt wieder von vorne anfangen sollte. Sie unter- nahmen verzweifelte Schritte, um vorzubeugen, warfen ein 'Umschlagetuch um und rannten auf die Kontore, zu den Fabrikbesitzern und flehten sie an, doch das Unglück abzu- wenden. Vom Zentrum wurde beständig zu Ruhe und Vor- ficht ermahnt. Alles hing davon ab, daß man der Oefsentlich- keit gegenüber das Recht auf seiner Seite behielt. Pelle wurde es nicht schwer, zu verfolgen, was vor sich ging, sonst stand er ja jetzt außerhalb des Ganzen. Er ging in seinem guten Anzug und in Schuhen mit Gummizügen zur Arbeit, brauchte erst um sieben anzu'treleü, während die anderen schon um sechs da sein mußten, das verschob sofort den Gesichtspunkt. (Fortsetzung folgt.) Kalfaktor KumKe. Von Hans H yan. Die Frühlingssonne schien durch das hochliegende Zellenfcnstcr auf den Tisch des Gefangenen, der mit Zigarrenmachen beschäftigt war und eben die„Rapper" auf ihre Festigkeit prüfte. Er zog die in weiße Kartontüten gehüllten„Wickel" zwischen den drei in schmalem Zwischenraum übereinander geordneten Brettern der „Presse" hervor und sing, sie befühlend, an, die schon trockener» auszusortieren. Nun holte er sein Leinwandpaket mit den„Deck- blättern" auS der Kiste, die rechts neben dem Arbeitstisch stand» und legte ein? der großen, zarten und feucht gehaltenen Tabak- blätter auf das glatte Brett, das er vor sich hatte, um mit geschick- ter Hand die„Decke" zu schneiden und in einer einzigen, flinken Bewegung den Wickel einzurollen. Er hatte eben die„Spitze" mit dem Zichorienkleister�„geklebt" und die erste Zigarre, beschnitten» fortgelegt, als das Schloß in der schweren Zellentür ging— wie es dem Gefangenen schien, leiser als gewöhnlich... Kam denn jetzt, so dicht nach dem Mittagsessen, der Aufseher? Da schlief der doch für gewöhnlich'n bißchen... Aber die Tür öffnete sich und herein trat der Kalfaktor. Er blieb an der Tür stehen. Der Gefangene war in einem großen Schreck beim Anblick der blauen Gefängniskleidung zusammengefahren, obwohl er solche dock» selbst am Leibe trug. Seine Hände, mit denen er an der ver- waschenen Arbeitsschürze fingerte, die beiderseitig an den Tisch- ecken festgehackt war, um das Herunterfallen des Tabakabfalles auf den Zementfutzboden zu verhüten— die Hände des Gefangenen zitterten. „Bumkel" sagte der Kalfaktor, sein Geficht hatte tausend Falten um die Nase herum,„Mensch, steh uff, wenn de mit'n Vor- jesetztcn sprichst!" Der noch junge Zuchthäusler am Tisch erhob sich zitternd. Seine matten und ein wenig entzündeten Augen hefteten fich neugierig und furchtsam auf den Kalfaktor, der in die Zelle trat, als wenn er wirklich ein Beamter und Vorgesetzter wäre. „Weswejen biste hier? Wat haste jemacht?" inquirierte Bumke. Der andere atmete schwer. Aber in seinem spitzen, käsigei» Gesicht schien sich eine Art von ZNderstand zu regen. ,... geht ja keinen was an!" sagte er schließlich murrend. „Ick komme in Ufftrach von 82 und 207! Varstehste? 82, da liegt„Plinse", ooch jenannt.Schnauzenschulze", un 207, det i» „Karl der Jroße"!— Js Dich der Zusammenhang nu klar?" Der Kleinere, der die blaue Schürze jetzt losgemacht hatte vom Tisch und sie vor seinem mageren Körper mit den dünnen Händen zusammenhielt, der blickte an dem Fragesteller vorbei nach der halboffenen Zellentür, als hoffte er von dorther einen Beistand. „Du mecnst, der Affe wird kommen?" Bumke lächelte und die Falten au diesem großen, kahlgeschorenen Schädel wurden unzähl- bar.»Da beruh'je Dir man, mein Sohn, der kommt nick»! Bor- leifig wenichsten nicht!... varstehste? der pennt! den hält der liebe Jott de Oogen zu, for'ne halbe Stunde!... Der kann uns nich steren!... Uff ihm kannst Du also ooch nich hosten, varstehste? ... un nu los! sage, wat Du jemacht bast, westerwejen Du hier bist!" »Wejen Einbruch..." „Det iS nich wahr! Du traust da' ja keene Kommode uffzu- machen, un wenn der Schlisse! drin steckt! Jibb de Wahrheet de Ehre, sag' ick Dir, varstehste!... Denn wenn ick Dir erst an't Jedächtncs tippe, denn denkste, Du mutzt de Zijarren mit de Veens drehen!... Eule!" Und wie der Kleinere immer nur vor Angst und Empörung leise schnaufte und die Luft durch die platten Nasenlöcher blies» gleich einem unwilligen Tier, gab der Kalfaktor ihm mit der linkei» Hand eine leichte Backpfeife und meinte: „Vorschuß!... vostehste!... Aber ick will Da' die Sache aleichtern!... Du bist rinjekomm, weil de Dummheeten jemacht hast mit'n kleenet Meechen!... Ja, ja, wir find janz jenau in- formeriert ieber Dir. varstehste!... sonst hätte Dir de Polente nicht injestochen!... Du bi't ebent'ne janz jewehnliche Nummer! ... Du!... Mit Dir kann de BeHeerde keene Bilder nich raus- stechen? Du vaderbst se det janze Jemälde mit Deine Fassade? Un wenn Du ooch noch so ville ansten'je Menschen in't Kittchen bringst, wo weiter nischt jemacht haben, wie'n bisken den sojenann- t»n Eijentumsbejriff varrickt! Jawoll!... halt'S Maul?... rede keen Ton!... Du bist'n Achtjroschenjunge un weiter janischt, varstehste!" „Ich habe keinen anjezeigt!... ich nich?..." wollte sich der Jüngere verteidigen. Doch der Kalfaktor strich mit einer einzigen Gebärde seiner unförmigen, mit schwarzen Nägeln bewehrten Krall« jedes Wort förmlich aus der Luft. »Mensch, liege nich!... Wat liegste denn fortwährend?! Du tust am besten, wenn de de! Maul janich uffmachst! Denn Du liegst doch bloß! So'n Liegneri" «Aber nein!" „Jawoll!... Schnauze! sag' ick! Schnauze!.., Mit Dir mutz man deitsch reden! Du dastehst et sonst nich!... Also 82 und 207 lassen Dir sagen, se wer'n Dir morsen früh uff'n Hof bei'n.Rundloof" jreifen un vor alle Uffseher dcrartich vamebeln, det De Dir heite schon in't Lazarett vormelden lassen kannst, var- ftehste!...„Schnauzenschulze" will Dir übrichtens noch'n Ohr abreißen, dett De jezeichnet bist sor't janze Leben, varstehste! det seder Dir kennt, un det De nich nochmal eenen vamasseln kannst. varstehste. Du! varstehste!" Er hatte den Kleinen dabei dreimal nachdrücklich mit seinem harten Knöchel gegen den Kopf gestoßen, so daß der jedesmal ein Endchen von ihm wegflog. „Wenn De wenichsten bei de Wahrheet bliebtest!" fuhr Bumke dann fort.„Du! nu sage mal, wat hat Dir denn der„Faule" dafor jejeben, det De ihm die bceden Schentlemänner vapfiffen hast, wat? ... Tu willst et nich sagen?... na, denn nich!... Denn nehm ick'n„Pfund" an!... Und det Pfund, det sind zwanzich Merker! Det hast Du abzuarbeeten, varstehste!... Det vadienst Du ab, un wat Du davon an„Schicrig" koofst, det jehcert Plinse'n un Karl'n!... Ick wer' se't rejelmäßig ieberbringen!... Freitag, so wie det de Zukost ausjejeben is, bin ick bei Dir! denn lieferste ab, varstehste!... Wat De jedesmal bestellen sollst, det bestimme ick ebensofalls!... Du wirst Da hier iebahaupt in jede Weise nitzlich machen?... Wenn eener Kostschmälerung hat, vastehste! oder Kostentziehung, denn trittste an und jibbst'n Sticke Brot ab! ... Jeden Dach, solange, bis den Mann seine Strafe alle is!... Du kommst ooch mit Mee Kanten aus, varstehste!... Wenn eener 'n Denunzjantc is, der braucht nich so ville zu fressen!... var- stehste?" Mut besaß der Kleine nicht. Aber er hatte mit der Zeit wohl seine Frechheit wiedergewonnen. Er suchte an dem Kalfaktor vor- beizurommen und die Klingel zu erreichen, die nach der Aufseher- zelle herabging. Aber ein schlimmer Hieb der roten, hartknochigen Tatze, die einem ehemaligen Stauer gehörte, warf den Schwächling in die Zelle zurück, gegen das aus Eisengurten geflochtene Bett- gestell, das an der Wand hochgeklappt war. „So. nu kannste mir ja ooch vadibbern! Du!" sagte Bumke ohne jede Gemütsbewegung,„aber det merke Dir, Du, wenn ick heite hochjehe und flieje in Kasten, denn hast Du hier keene ruhije Stunde nich mehr! Denn kriechste erschtens Deine Keile, denn der andere Kalfaktor hat ooch'n Schlissel, jrade sg gut wie icke! Un den finden die Affen ooch nich! Un wenn s'n finden, wird'n andrer jemacht, dafor haben wa Schloffer hier in't„Z"I... varstehste?... Aber et is noch lange nich allens, wat Dir bliehtl ... Wenn de baden jehst, denn is det Wasser so heiß, det de Pelle abjeht!... un rin mußte, sonst wirste anjezeicht von den Bade- ialfaktor un fliegst rin!... Bei't Essen wirste jeden Dach'ne andre Jeberraschung finden: mal haste Sand drin oder ooch'ne kleenc Maus— oder ooch vasalzen, det de es nich essen kannst! Un denn spuckt der Kalaktor ooch mal rin bei Dir, wejen de Abwechslung, varstehste!... Ach ja. Du kannst et hier jut haben. Du brauchst bloß den Uff- seher een Wvcht sagen, det ick drin war bei Dir, varstehste!... jlooben tut er't nebenbei doch nich?... also, wat willste?... wirste Dir fiejen un den Schierig an die beeden Kollejen abjeben, die de unschuldijer Weise in't Unjlick jestirzt hast, wah?" Der kleine Zigarrenmacher schwieg still; er wußte sich keinen Rat; und wenn auch seine feige, hinterhältige Natur in der Zu. kunft nach Auswegen suchte, vorläufig, das sah er ein, mußte er klein beigeben. „Nu setz' da mal vor all'n Dingen wieder hin un arbeete!" ermahnte Bumke,„sonst kommt der Affe un find't Dir nich an D»sch sitzen und denn kriechste jleich Deine Bawarnung!.,. Du wahst woll noch nich ofte hier?... Na ja, also, denn mach' man. wat ick da' sage, varstehste! Ick bin hier Staoimgast uw kenn de Jebräuche?... Ohne mir wer'n se janich fertig!... Un wenn ick mal'n halbet Jemmchen draußen bin, denn Weeg der Uffseher Munter vor lauter Angst nich, wat er machen soll!... Det is iebahaupt'n Dussel!... Den mutzte bloß immer nach de Oogen kieken, wenn er bei Dich rinkommt, var- stehste!... Denn looft er jleich wieder raus!... Ebenso mit'n Oberaufseherl... Aber den kuckste nach de Stiebe! l varstehste! Det kann er nich leiden, der is soja schon patalogisch!... Aber det vastehste nich. det geheert in de Piffjatrie!... Wohinjejen mit den Direkter, mit den Mann kannste'n Ton reden, wenn er bei Dir rinkommt! Der schreibt'n Buch über uns! Wird ooch'n scheener Klamauk sind!... Aber wenn de den azehlst. Dein Vater war Saifer un Deine Mutter hat ooch jerne een' jenomm, denn bist'n Objekt vor ihm, denn studiert er Dir un denn kannste unta Umstände Krankenkost kriejen, varstehste?... Ja. Du. det mach' man!.... von det Futter, wat de da krichst, haste natierlich an Schnauzenschulze und Karin ooch wat abzujeben!... Bloß mit'n Paster seh' Dir vor!... Der Mann is sonst'ne Seele von Mensch, un nischt iS leichter, wie den zu vaäppeln... Aber dir! Dir wird er woll uff de Riebe haben!... Mit sonne Sachen, wo Du jemacht hast, da sagt er, kann'n eena graulich mit machen!... Ja, ja, Mensch, varstehste?... Du bist'n Vabrecher!... Det is nich bloß so aus Not oder weil'n ander mehr hat. wie Du!... Nee, mit Dir is de Sache janz anders varstehste!.,, Dir vaachtet soja de Chawruffe!... Du weest doch, wat det is... Det is die janze ausjetragene Jenossenschaft, wo sich mit fremde Sachen befaßt, ob se nu offen liegen oder hinter Schloß und Riegel!... Du!... Det merk Dir man, Du?... Wat, Du weenst?"' Der alte Zuchthäusler, der mehr Jahre seines Lebens hinter den Gittern wie draußen in der Freiheit verbracht, hatte doch Achtung vor der Reue, die über die schmalen Wangen des verkomme» neu Jungen tropfte; er schüttelte den haarlosen Kopf: „Det häitste Dir frieher überlejen sollen... Du, varstehste! Anderthalb Jahre haste, wat? Na, Mensch, die sitzte doch aus: eene Backe ab!... Da brauchfte doch nich weenen, Du!" Der Jüngere hob leicht den Kops zur Seite. Aber Bumke hatte daS Geräusch«er sich leise nähernden Auf« seherschritte auch vernommen. „Bild' da man nischt in. Du!" grinste er,„noch nich!!" unv war draußen, die Tür lautlos ins Schloß ziehend... Dann putzte er draußen herum; der Zigarrenmacher hörte ihn mit dem vorbeigehenden Aufseher reden... Die ohne Vaterland« Im November 1908 sah ich Hermann Bang. Es war in Köln. Er sollte in der literarischen Gesellschaft lesen. Ich hatte wiederholt über ihn geschrieben. Sein Werk in seiner tiefen, Schicksal- umschleierten Melancholie übte solch? Anziehung auf mich aus. Nun besuchte ich ihn. Klein, zart, mit großen, vor Einsamkeit müden und traurigen Augen saß er vor mir. Seine Stinnne war singend weich. leicht umslort. Wir sprachen vom künstlerischen Schassen, und er warnte mich vor den Gefahren der Subjektivität, vor dem Allzu- wichtignchmen des Individuums.„Als ich die„Hoffnungslosen Geschlechter" schrieb," erzählte er,„sprach ich nur von mir. Ich ver- wandte lebende Modelle. Kopenhagen geriet darob in Entrüstung. - Später habe ich eingesehen, daß das Individuum gar nicht so wichtig 'ist. Ich habe die Zähne zusammengebissen, mich vor mir selber abgewandt und das Leben und seine stummen, tiefen Tragödien zu fassen versucht. Erst viel später, nachdem ich das Leben gesehen, mit ihm um sein Geheimnis gerungen, durfte ich im„weißen" und „grauen Hause", in„Michael" und in den„Vaterlandslosen" wieder von mir sprechen, in einem tieferen, schicksalsvolleren Sinne."— Ich sah den Zusammenhang dieser Bücher, wie ich ihn aus der langen Beschäftigung mit ihnen schon herausgefühlt hatte. Das Buch vom weißen Hause, in dem er der zarten Gestalt seiner Mutter ein Denk- mal errichtete, das doch auch soviel von ihm erzählt. Das graue Haus des vornebmen, aber verbrauchten väterlichen Geschlechts vor dem Zusammenbruch. Er sprach bittere Worte über Popularität und Berühmtheit und über die Hetzpeitsche des Ruhmes, die ihn immer wieder auftrieb, trotzdem er wohl am liebsten ruhen, tief ruhen mochte. Ich dachte an das Wort von„Leben und Tod", über die Nutzlosigkeit aller Philosophie!„Ein Bauernburfch hat mehr Per- gnügen von feinen gesunden Gliedern." Und ich sah den Maler Zoret vor mir aus„Michael", dem die Kunst das Leben verbaut hat. der am Ende geehrt, aber einsam, mit leeren Händen, liebeSarrn vor dem Leben steht. Scheinleben, Surrogat, Beschwichtigung der Sehnsucht nur die Kunst!— Und Bang sprach von seinem letzten Roman:„Die ohne Baterland", der damals noch nicht übersetzt war. Es schien etwas wie eine letzte Rechnungslegung vor dem Leber» für ihn zu sein; die Bilanz eines Einsamen, der nie eine Heimat im Leben gefunden hat. Man denkt an den Bang, der durch die Welt hetzte und auf einer kleinen amerikanischen Station starb; der ein Leben zwischen reisenden Komödianten und Künstlern in inter» nationaler, buntgewürfelter Gesellschaft verbrachte; der eine Rolle schauspielerte, die nicht seine wahren Züge trug; der vielleicht nur im Spiel leben konnte und durfte— vor sich und anderen.— Nun der Dichter heimgegangen, erscheint dieses Buch in deutscher Ausgabe (Berlin, S. Fischer). Man sieht tiefer unter die Maske eines Eni- wurzelten, der ein König des Schmerzes war. Man sieht einen, der fremd in Leben und Heimat war und sehnsüchtig und glücklos daS Lied seiner Schmerzen spielte. Man sieht in letzte Beweggründe einer Künstlersrele, die vor eines ihrer Werke die Worte setzte:»Ich habe den Menschen von meinen Schmcrzen gegeben, das hat sie ge- rührt— für mich war es nichts, ich Hab mein Herz dabei ver« schwendet, ohne zu empfangen, ohne froh zu sein."— In der Donau, von keiner Karte verzeichnet, liegt die Insel der Verfluchten. Sie ist, auf der Grenzschneide Ungarns und der Balkanländer gelegen, keiner Natwnalimt zugeteilt; ein Zufluchts- ort für die Verlorenen. Hier hat seit alters das Geschlecht der llhijazis seinen Stammfitz. Alte-serbische Sagen knüpfen sich m» dieses Stück Erde, auf dem keine Frau leben soll. Der letzte Uhijazii hat sich eine Dänin geholt. Aber sie siecht dah,n und läßt den kleinen Joan auf diesem unfreundlichen Jnselbodcn zurück. Das Gefühl der Heimatlosigkeit wird zum bestimmenden Faktor im Dasein deS Knaben. Ueberall ist er der Baterlandslose, ausgestoßen oder be- mitleidet. Seine einzige Heimat ist die Kunst, die sehnsüchtigen Lieker. die seine Mutter sang. Er Wied zum berühmten Teigen- Lpieler. dem alle Welt lauscht. Er spielt die dänischen Weisen der Mutter; er spielt sie aber wie ein Zigeuner. In Schlafwagen und Hotels, zwischen herumzigeunernden, dem Ruhm nachirtenden Kunst- menschen, verbringt er sein Leben, die Sehnsucht nach einer Heimat im Herzen und die Augen des Wurzellosen im Kopfe, die anders und scharfer sehen als die Augen der in den Kreis des gebundenen Daseins Gewöhnten. Er ist der Geiger des Schmerzes. Und er möchte doch ein Geiger des starken Lebens, des neuen Jubels sein, wie der große Jens Lund. Die Sehnsucht führt ihn in das Heimat- land seiner Mutter. Hier spielt er. Vielleicht spielt er zum ersten Male so groß und herrlich wie Jens Lund. Und er glaubt für Momente eine Heimat zu finden mit ihrem Glück an Liebe und Herzlichkeit. Aber eS ist eine Täuschung. Dieses kleine, innerlich zerklüftete Dänemark mit seinen lacberlichen Kabalen und seinen engen, gehässig verteidigten eingebildeten Interessen ist keine .Heimat. Und so geht er zurück zu seiner Insel, um dort zu warten, bis das große Schweigen kommt. Die Geige wird er nicht mehr anrühren; denn er hat Jens Lunds neues Sternen- und Lebens- jubellied vernommen, das er nie erreichen wird. Und die Liebe? »Die Insel hat keine Frauen., Welche sollte ich lieben?" Künstlerisch will mir dieses Buch nicht so einheitlich und be- beutend erscheinen wie Bangs frühere Sachen. Vielleicht ist das Motiv auch zu umfassend für die minutiöse Momenttcchnik des Dichters. Gewiß sind die Schilderungen bedeutend, so die Heimat- bilder, das Leben in dem Orientzug mit seiner vielfarbigen Gesell- schaft; und die kleinstädtische Gesellschaft in dem dänischen Nest. Aber eS ist auch viel beieinander in diesem Buche. Die Auseinander- setzung mit Dänemark z. B. Wiederholt hat der Dichter sich um das Problem der Heimat bemüht. Weniger einsichtig noch in den„Hoff- 'nungslosen Geschlechtern", trotzdem es hier deutlich im Hintergrund steht und die Lage der dänischen Jugend erst verständlich macht. Dann aber bor allem in dem großen Roman„Zusammenbruch", in dem er dem WirtschaftS- und Kulturproblem der Heimat nahe zu kommen sucht. Und nun in der subjektiven Stellungnahme der «Vaterlandslosen".-*■ Aber auch noch eine andere Zusammensetzung bringt das Werk. Bang machte mich darauf aufmerksam. Jens Lund ist I. V. Jensen, der den Dichter vor einigen Jahren in recht persönlicher Art angriff. Hier ist die Antwort: die vornehmste, die je gegeben ward: eine Verbeugung vor dem großen, starken Gegner. — Es heißt, daß Bang Aufzeichnungen hinterlassen hat, die aber erst nach Prüfung durch seine Aerzte an die Oeftentlichkeit kommen sollen. Aber er bat uns in seinen Werken die Geschichte seiner Seele gegeben, in der ihn finden kann, wer ihn sucht. Die dem neuen Tag Dienenden werden sich vielleicht abwenden von ihm als von einem, den der Verfall des Alten gezeichnet. Aber viele werden ihn lieben als einen, den der Schmerz geheiligt. Und er war ein großer Künstler, trotz Jen? Lund. Er sang den Schmerz seiner Sehnsucht nicht weniger groß und unvergeßlich inS All hinaus, wie dieser den Rausch seiner Kraft; zwei Zeiten singen hier ihr Lied._ P. H. Kleines feuilleton. Aus dem Pflanzenreich. Die Muskatnuß findet im Hausbalt mannigfacke Der- Wendung, und dock, ist über Ursprung und Herkunft dieser Ge» würzfrucht wenig bekannt. Im iüdwestlichen Teil deS indischen Archipels, auf einigen Molukkeninieln, wächst der Lieferant dieser S tuchr wild, er heißt der Muskarnußbaum, Myristica moschata. eit langer Zeit wird die Pflanze in ihrer Heimat, dann aber auch auf den Philippinen, auf Mauritius, in Brasilien und einigen an- deren Ländern angebaut. Der Muskatnußbaum wird etwa 15 bis 2v Meter hoch; in der Kultur werden etwa 10 Meter hohe buschige Pflanzen bevorzugt. Er beginnt im achten Jahre, manchmal auch schon zeitiger, zu tragen und bleibt bis zum 80. Lebensjahre fruchtbar. Auf eine regelmäßige, brauchbare Ernte wird vom zehnten Lebensjahre an gerechnet. Fast das ganze Jahr hindurch trägt die Pflanze zu gleicher Zeit Blüten und Früchte. Letztere werden in sieben bis neun Monaten reif. Für gewöhnlich wird dreimal im Jahre geerntet, am reichlichsten Ende Juli, dann im November und endlich noch einmal im März. Ein gesunder kräftiger Baum bringt durchschnittlich 2000 Früchte. AuS all diesem läßt sich entnehmen, daß die Ernte der MuSkaMüsse recht reich ist. Wenn trotzdem der Preis für dieses Gewürz recht hoch steht, so rührt dieS daher, weil die holländische Regierung den Handel so ziemlich zu monopolisieren verstand und nicht mehr Ware auf den Markt kommen läßt, als eben gebraucht wird. Der Muskatnußbaum zählt zu den zweihäusigen Pflanzen, daS heißt, männliche und weibliche Blüten sind auf zwei verschiedene Pflanzen verteilt. Die Frucht von der Größe einer Birne ist bell- gelb. Im Reifezustande platzt sie auf und zeigt nun die glänzend braunen Nüsse in einer larmoisinroten Fruchtfleiichhülle eingebettet. Durch die Kontrastwirkung der Farben werden Bögel angelockt, die die Früchte verzehren, aber nur das Fruchtfleisch verdauen, während der eigentliche Same, die Nuß. unverdaut wieder preisgegeben wird. So sorgen die Böge! für die Verbreitung dieser Pflanze. Die reifen Früchte werden gepflückt oder abgeichlagen. Die Rüsse werden herausgenommen und einige Zeit in Kalkwaster gelegt. lflerantwortl. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag: Räch dem Abtrocknen find fie mit einer Kalkschicht überzogen, die der Ruß den Geschmack erhält und fie vor Fäulnis und vor Infekten- angriffen schützt. Auch die Tonnen, in denen die Rüffe in den Handel kommen, werden mit Kalkmilch ausgestrichen. Als Nebenprodukte bei der Nußernte ergibt sich die Muskatblüte oder MaciS, das ist der dickfleischige Samenmantel, der die Nüsse umfaßt. Dieser wird bei der Ernte einige Tage an der Sonne oder über einem mäßigen Feuer geröstet und dann mit Seewasser be- feuchtet, wodurch ein Brechen vermieden werden soll. lr. Medizinisches. lieber die Ursachen des Verbrennungstodes ist man bisher nur auf Vermutungen angewiesen gewesen. Erst in letzter Zeit ist es der Forschung gelungen, diese Frage aufzuhellen. und vornehmlich die Chemie ist es gewesen, der wir den Aufschluß hierüber verdanken. In seiner Antrittsrede gibt der Marburger Chirurg Dr. M. H e h d e einen Ueberblick über die verschiedenen An- schauungen, die bis heute über die Ursachen des Verbrennungstodes in der wissenschaftlichen Welt im Schwange waren, und berichtet über die Ergebnisse der letzten Untersuchungen auf diesem Gebiete, die zu der Hoffnung berechtigen, daß die Behandlung schwerer Verbrennungen in Zukunft günstigere Resultate zeitigen wird als früher sMed. Klinik, Nr. 7, vom 18, Februar 1912). Apf« fällig war die Tatsache, daß viele Patienten, die, abgesehen von den örtlichen Beschwerden an der Verbrennungsstelle, sich ganz wohl befanden, plötzlich am 12.— 15. Tage ihres Krankenlagers starben. Man schloß daraus, daß nicht die Verbrennung selbst— außer in den Fällen, wo die Verunglückten wenige Stunden nach dem Unfall starben—. sondern erst ein durch fie hervorgerufener Folgezustand den Tod verursacht habe. Zuerst nahm man an, daß er infolge einer Zerstörung der roten Blutkörperchen, der Träger des Sauerstoffs im Blute, eintrete; da jedoch nur 2.4 Proz. von ihnen zugrunde gingen, also noch genügend rote Blutkörperchen übrig blieben, suchte und fand man die Erklärung darin, daß sich in dem verbrannten Gewebe Eiweißabbauprodukte bildeten, die eine den Bakteriengiften ähnliche Giftwirkung zeigten. Es ließ sich experi- mentell nachweisen, daß auch der Harn solcher Kranker giftig ist, wenn er Tieren, z. B. Meerschweinchen, unter die Haut gespritzt wird, und daß verbrannte GewebSstücke, wenn sie, gleichviel auf welchem Wege, einem gesunden Tiere einverleibt werden, die betreffenden Tiere ebenso krank machen und töten, als wenn sie selbst„an- gebrannt" worden wären, während die verbrannten Tier«, denen man die GewebSstücke entnommen hatte, am Leben blieben, sofern nur die verbrannte Partie rechtzeitig herausgeschnitten wnrd«, bevor die Giftprodufte ins Blut übergehen konnten. Auf Grund dieser und noch einiger anderer Versuche bat man ermittelt, daß sich gegen das spezifische Gift, das sich in Brandwunden entwickelt und das als Methylguanidin bekannt ist, mit Erfolg Chlorkalzium und A t r o p i n, ein Giftstoff, der sich in der Tollkirsche, im Stech- apfel und im Nachtschatten vorfindet, anwenden läßt, und daß namentlich die sofortig» Ausschneidung der verbrannten Körper- Partie die ficherste Gewähr für einen glücklichen Ausgang deS HeilungS- Prozesses bietet. Technisches. ReueS vom Kautschuk. Der Kautschuk ist durch die im- geheure Steigerung deS Bedarfes namentlich in der elektrotechnischen Industrie, in seiner Bedeutung für den Weltmarkt außerordentlich gewachsen. Besonders in allen Erörterungen, bei denen es sich um die Ausnutzung tropischer Länder handelt, steht die Frage der Kautschukgewinnung an einer der ersten Stellen. In den letzten Jahren hat auch die Chemie in der Erforschung des Kautschuks überraschende Fortschritte gemacht, so daß sich wahrscheinlich schon in einer nahen Zukunft die überaus wichtige Möglichkeit ergeben wird, den Kautschuk im Laboratorium billig genug herzustellen. Mit diesem neuen Zweig wird die chemische Industrie ähnliche Erfolge erringen, wie sie mit der Verdrängung des Indigo bereits erreicht worden find und mit der Einführung des künstlichen Kampfers unmittelbar zu erwarten stehen. Einen neuen Schritt in dieser Richtung soll der russische Chemiker Ostromislenskh von der Universität Wilkau getan hoben, dem eS angeblich gelang, den künstlichen Kautschuk durch ein hinreichend einfache« Verfahren darzustellen. Nach einer Meldung von„English Mechanik" steht die Errichtung einer Versuchsfabrik bereits bevor. Bei dem Verfahren, das angeblich den reinsten Kautschuk ergibt, werden ulttaviolette Strahlen durch Vermittelung einer Quarzlampe benutzt. Etwa« verdächtig erscheint der Zusatz. daß der so erhaltene Kautschuk für den Gebrauch zu rein sei und daher eines Zusatzes bedürfe. Bielleicht ist da« neue Erzeugnis danach überhaupt kein richttger Kautschuk im eigentlichen Sinn, sondern nur eine neue Art von Stoffen, die schon jetzt unter diesem Namen im Handel zu finden sind. Eine andere interessante Mitteilung spricht von der Entdeckung eine« Lagers von sogenanntem mineralischen Kautschuk im nordamerikanischen Staat Kolorado. DieS ist jedoch dahin zu verstehen, daß diese Massen nur eine Art von Erdpech sElaterit) sind, das zwar einige Aehnlichkeit mit Kaut» schul besitzt, in der Hauptsache aber mir zur Bereitung von Leucht- ga« benutzt wird. Der Elaterit von Kolorado soll fteilich sogar eine Politur annehmen, und daS Lager wird auf mehrere Millionen Tonnen geschätzt.__ vorwärtöBuchdruckerei u.VerlagSanjtalt Paul SingeräiCo., Berlin SVV.