Mnlerhallungsblatt des Horwärts Nr. öS. Mittwoch � den 20. März. 1912 tZZachdru« Mrüoten.) eej pelle der Gröberer. Der grohe Kampf. Noman von MartinAnderfenNexo. Da war auch allerlei, worüber man jetzt klug wurde. Da war man umhergegangen und hatte sich einreden lassen, daß die Deutschen der Erbfeind seien und daß das Vaterland allem voranginge. Aber jetzt riefen die Arbeitgeber ganz ruhig deutsche Mietstruppen ins Land, um ihre eigenen Landsleute in das Elend zu treiben. Das mit dem Vater- lands gefühl waren nur schöne Worte, es gab nur zwei Nationen, die Unterdrücker und die Unterdrückten! Ja, so verhielt es sich wohl bei Licht besehen! Man sollte nicht zu sicher glauben, was von oben her erzählt wurde, und von daher kam ja doch aller Unterricht. Die Geistlichen waren ja so brav, sie wußten wohl, welchem Herrn sie zu dienen hatten! Nein, man hätte seine eigenen Schulen haben sollen, wo die Kinder anstatt in Religion und Patriotismus in dem neuen Geist unterwiesen würden. Dann wäre es längst vorbei ge° Wesen mit dem Fluch der Armut!— So benutzten sie den Kamps und den erzwungenen Müßiggang, um über die Dinge nachzudenken und versuchten das und jenes festzuhalten. Das Gespenst des Hungers begann alsbald von Haus zu Haus zu ziehen, aber die Wirkung war nicht die erwartete; es erweckte nur Haß und Trotz in ihnen. Gerade auf diesem Gebiet hatten sie ihre Unüberwindlichkeit! Im Laufe der Zeit hatten sie gelernt zu leiden, hatten nichts weiter gelernt, und das kam ihnen jetzt zugute. Sie hatten unerschöpfliche Fonds, zu denen sie griffen und aus denen sie ihre Wider- standskraft schöpfen konnten, sie waren nicht tot zu kriegen. Ob sie sich wohl nicht bald ergeben würden? Nun, dann ein neues Tausend auf die Straße. Aber das Elend wurde dem Anschein nach deswegen nicht größer. Sie hatten es gelernt, gebildet mit ihren Entbehrungen umzugehen, das war ihr Anteil an der steigenden Kultur. Man sah keine hervor- tretende Not, sie fanden sich damit in den Winkeln ab und sahen mutig aus. Das schwächte den Glauben der Widersacher an die Unfehlbarkeit des Mittels. Und sie adoptierten selbst den Hunger als Kampfmittel, boykottierten die Arbeitgeber und ihre Angehörigen und schlugen den Feind, wo sie konnten. Manch eine Tür wurde von dem großen Arbeiterheer mit einem Kreuz gekennzeichnet und alle hinter ihr dem Untergang geweiht. Es war, als wenn der Mut in den Masten steige, je drohender die Not ihnen auf den Leib rückte. Niemand konnte wissen, wie lange Zeit dies währte; man mußte sich amüsieren, solange man noch lockiges Haar hatte. Noch waren die Kleider in Ordnung und man machte bald Ausflüge in den jungen Lenz, zog singend mit Fahnen an der Spitze aus und kehrte singend heim. Es war das erste Mal, daß man frei hatte, obwohl es Arbeit genug gab.— Also die ersten Ferien! Als feien sie Matadoren der Kauftüchtigkeit, boy- kottierten sie alle die Geschäfte ihres Viertels, die nicht auf feiten der Arbeiter standen. Der Haß war in ihnen erwacht, es hieß für oder wider, alles mußte Stellung nehmen. Die Krämer versteckten ihre Auffassung, falls sie überhaupt eine hatten, und wetteiferten in Arbeiterfrcundlichkeit. Auf den Ladentischen lagen Kuponbücher für die Sammlung, einzelne gaben Prozente von ihrem Umsatz. Man hatte gute Zeit, seinen Leuten auf die Finger zu sehen, und der Haß war er- wacht; es>vard bitterer und bitterer. Die Führer hielten zurück und mahnten zur Besonnen- heit. Aber es lag etwas Berauschendes in diesem Kampf um die nackte Existenz und um sein Glück, etwas, das zu Kopf stieg und sie in Versuchung führte, Kopf oder Schrift zu spielen. Die Leitung hatte ihre Aufmerksamkeit stark darauf gerichtet, die Anzahl der ledigen Hände zu beschränken; es konnte schwer halten, ausreichende Mittel zu beschaffen. Aber die Arbeiter, die noch Arbeit hatten, verließen sie, um sich in blinder Solidarität ihren ausgeschlossenen Kameraden anzu- schließen. Sic meinten, das gehöre mit dazu! Eines Tages erhoben die Maurer unerwartet Anspruch darauf, daß eine Stunde von der Arbeitszeit gestrichen werde. Sie erhielten einen Abschlag; aber des Abends hörten sie um sechs Uhr auf statt um sieben Uhr. Die Bevölkerung war aus allen Fugen; mitten im Stillstand nach einem harten Winter verlangte man kürzere Arbeitszeit! Dieser Zug kam der Kampfleitunx überraschend. Man fürchtete, daß dadurch die allgemeine Sympathie für die Arbeiter verscherzt werden könnte. Es überraschte namentlich, daß der erprobte, besonnene Parteimaurer Stolpe sich nicht dem Beschluß widersetzt hatte. Als vieljähriger Vorsitzender der Organisation hatte er große Macht über die Leute: er mußte sehen, sie zu bewegen, daß sie die Arbeit wieder auf- nahmen. Pelle verhandelte mit ihm. „Das ist nicht meine Sache," erwiderte Stolpe.„Ich habe die Arbeitsniederlegung nicht vorgeschlagen; aber auf der Generalversammlung war die Mehrzahl dafür, und damit ist die Sache abgemacht. Ich gehe nicht gegen die Kamerad- schaft an." „Aber das ist verkehrt von Euch," sagte Pelle.„Du trägst doch die Verantwortung, und Euer Fach hat auch die besten Arbeitsbedingungen, und Ihr solltet an den Kampf denken, in dem wir stehen." „Ja, der Kampf! Natürlich haben wir an den gedacht. Und Du hast recht, ich habe ein gemütliches und gutes Heim, weil mein Fach gut gestellt ist, wir Maurer haben uns gute Zugeständnisse geschaffen und verdienen ordentlich. Aber sollten wir vielleicht uns gütlich tun und zusehen, daß die andern um das trockene Brot kämpfen? Nein, wir gehören mit dahin, wo es losgeht!" „Aber die Unterstützung von Euch, das sind die Woche zehntausend Kronen, und die müssen wir jetzt entbehren! Und Eure Handlungsweise kann unberechenbare Folgen für uns haben. Du kannst die Sackze rückgängig machen, Schwiegervater. Du mußt sehen, daß die Majorität nicht an- erkannt wird." „Das soll Diplomatie sein, was? Aber heb Du die lieber für unsere Gegner auf! Bei uns halten wir die Ab- stimmung in Ehren, und die soll das Ganze reformieren. Fängt man erst an bei den Stimmzetteln zu rühren, so—" „Aber das tut ja gar nicht nötig! Die Leute sind sich ja nicht klar darüber, was sie tun, man kann keinen Ueber- blick von ihnen verlangen. Darum könntest Du eine neue Abstimmung vornehmen, wenn ich erst niit ihnen über den Kampf geredet habe!" „So. Du meinst, wir könnten nicht übersehen, was wir tun!" erwiderte Stolpe beleidigt.„Aber die Folgen hin- nehmen, das können wir doch! Jawohl, Du willst auf die Tribüne steigen und sie um die Ecke herum schwindeln, und dann sollten sie für das Entgegengesetzte stimmen! Nein, keine Fixefarereien hier. Sie haben nach ihrer Ueberzeugung gestimmt, und nun steht die Sache fest.jiwg sie richtig oder verkehrt sein, daran gerührt wird nicht!" Pelle mußte es aufgeben, der Alte war nicht von semem Standpunkt abzubringen. Die Maurer vermehrten die Spaziergänger um ein paar taufend Mann. Die Arbeit- geber benutzten diesen Uebergriff, der sie in der öffentlichen Meinung vorteilhaft hinstellen mußte, um eine entscheidende Schlacht" zu schlagen. Tie allgemeine Aussperrung wurde erklärt. 30. Daheim bei Pelle sah es ärmlich aus. Sie hatten den Winter noch nicht verwunden, als er in den Kampf hinein- gerissen wurde; und die Vorbereitungen für seine neue Stellung hatten sie in Schulden gestürzt. Pelle erhielt die- selbe Unterstützung wie die anderen Ausgesperrten, zehn, zwölf.Kronen die Woche; dafür sollte Ellen Essen und Feuerung für sie schaffen. Sie meinte, ihm, als Führer, sollte mehr zukommen, aber Pelle selbst wünschte keine anderen Be- dingungen, als sie jedem anderen beschicden waren. Wenn er nach Hause kam, ganz zu Ende vor Müdigkeit nach seinem anstrengenden Tage, begegneten ihm fragende Augen. Sie sagte nichts, aber die Augen wiederholten hartnäckig ihre Frage. Tag für Tag. Es war als sagten sie: Nun, hast Du denn Arbeit gefunden? Das reizte ihn, denn Ellen wußte ja gut. daß er keine Arbeit suchte, und daß da überhaupt keine zu suchen war. Sie kannte die Sachlage eben so gut wie er, tot aber hartnäckig, als wisse sie nichts von allem, dem er und seine Kameraden ausgesetzt waren, und wenn er die Rede darauf brachte, schwieg sie störrisch; sie wollte nicht darüber Bescheid wissen. Die Hitze des Kampfes stieg Pelle zu Kopf, mit niemand wollte er seine Stimmung und Feldzugspläne lieber teilen als mit ihr. Ellen hatte ihn auf anderen Gebieten angc- spornt, und er hatte es als einen Zuwachs empfunden, als eine Bestätigung seines Wesens; aber hier schwieg sie. Sie hatte ihn und ihr Heim und die Kinder, und alles andere ging sie nichts an. Die Winternot hatte sie mit ihm geteilt und war doch froh gewesen; die war unverschuldet, aber hier konnte er Arbeit bekonunen, wenn er nur wollte. Sie hatte ihren stummen Widerstand wieder aufgenommen, und das wirkte hemmend auf ihn, nahm ihm etwas von der Freude, im Feuer zu stehen. Wenn er nach Hause kam und erzählte, was an dem Tage angerichtet und geschehen war, �wendete er seine Rede an Lasse. Sie ging in ihren eigenen Sorgen umher, als sei sie taub; und plötzlich unterbrach sie seinen Bericht, indem sie ihni erzählte, daß ihnen dies oder das fehle. Da gewöhnte er es sich ab, mitteilsam zu sein, und legte die ganze Arbeit außer Hause. War da etwas zu schreiben, oder sollte mit Leuten verhandelt werden, so wählte er irgendein Wirtshaus, um von ihrer hemmenden Gegenwart befreit zu sein. Er ver- mied es, ihr von seinem Vertrauensposten zu erzählen; und obwohl sie nicht umhin konnte, auswärts davon zu hören, tat sie doch, als ahne sie nichts. Für sie war er immer nur der Arbeiter Pelle, der sich der Versorgung von Frau und Kin- dern entzog. Diese hartnäckige Ausfassung quälte ihn; bitter, bitter, wie er von Hause aus war, legte er noch mehr Kräfte in den Kampf hinein, und bekam eine reichlich harte Hand. Lasse ging umher und sah sie an und war unglücklich. Er wollte gern vermitteln, wußte aber nicht, wie es ange- griffen werden mußte; er fühlte sich auch überflüssig. Jeden Tag zog er seine alten Kleider an und ging aus, um seine Arbeitskraft für zufällige Vorkommnisse anzubieten, aber da waren ledige Hände genug, die jünger waren als die seinen. Er hatte auch Angst, sich auf etwas einzulassen, wodurch er den andern ihre Arbeit wegnehmen konnte. Auf den Kampf verstand er sich nicht, es ward ihm schwer, zu entscheiden, was verbotenes Land war; aber vor Pelle hatte er unbedingten Respekt. Wenn der junge Sohn so sagte, so war das richtig, selbst wenn man darüber verhungern mußte; der Junge war zu etwas ausersehen. Eines Tages verließ er stillschweigend das Haus; Pelle merkte es kaum, so in Anspruch genommen, wie er war.„Er ist wohl wieder zu der Trödlerin nach der„Arche" gegangen", dachte er.— hier ist es ja auch nicht amüsant. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck derSolen.) Sisberge. Von Marcel G o l l e. Wenn der Frühling über die nördliche Halbkugel der Erde geht, beginnt eine Zeit ernster Gefahren für die zwischen Europa und Amerika fahrenden Schiffe— die Zeit, wo in Nacht und Nebel plötzlich gigantische Eismassen, wahre schwimmende Berge im Meere—, auftauchen und die Fahrstraße bedrohen. Nicht bloß im Gebiet des Polarmecrcs, um Spitzbergen herum und am Franz- Josefsland irren diese Eisberge mit oft fabelhafter Geschwindig- keit durch die Meeresströmungen, sondern sie treiben bis weit nach Süden herunter die amerikanische Küste entlang und kreuzen den Kurs der nach Montreal, Newyörk und Philadelphia gehenden Passagier- und Handelsbootc. So hat man sie in manchen Jahren in Meeresstrcckcn beobachtet, welche der geographischen Breite von Porto und Sevilla entsprechen. Tie meisten dieser schwimmenden Kolosse bilden sich in der Nähe der Südspitze Grönlands, wo sie vom nördlichen Eismeere her zunächst als kleinere„Schollenhügel" antreiben, um sich dann— auf eine Strecke von 150 bis 200 Kilo- metcr hin— nach und nach zu gigantischen Gebilden aufzutürmen. Durch den fortwährend erneuten Zustrom an Eis, das im Verein mit den Wind- und Meeresströmungen einen starken Druck aus- übt, gerät die aufgetürmte Masse in Bewegung, zerstückelt sich in furchtbarem Anprall und schwimmt alsdann in einzelnen„Brocken" dem Süden zu. Diese„Brocken" sind allerdings von einer respck- tablen Größe. Die kleinsten von ihnen erheben sich 20 bis 30 Meter über den Meeresspiegel, nicht selten erreichen sie eine Höhe von 40 bis 50 Metern und man ist selbst solchen von 80 bis 100 Metern begegnet. Da der Eisberg bloß zu ein Achtel aus dem Wasser her- vorragt, hat man es schon bei den unbedeutendsten von ihnen mit Kofosscn pyg 80 Metex Höhe zu tun ujih hcj tzen größeren, die zudem häusig sehr breit sind, mit veritablen Giganten, angesichts deren sich auch die stolzesten modernen Dampfer wie Puppenspiel- zeug ausnehmen. Im übrigen gewähren die Eisberge, wenn sie. bei klarem Wetter von der Sonne beschienen, im tiefgrünen Wasser dahintreiben, einen majestätischen, ja feenhaften Anblick. Sie glei- chen dann gewaltigen Burgen mit seltsamen Türmen, Erkern und Zinnen und mit Wänden aus lauter Spiegeln; oft auch erscheinen sie als stolze Pyramiden oder als massive, mit Panzerbuckcln ver- sehene„Eissorts", nicht selten als riesige Tore, unter denen selbst ein großes Schiff bequem durchfahren könnte. In der Regel wird es sich allerdings sehr hüten, selbst bei Tage dem schwimmenden Ungetüm allzu nahe zu kommen. Besonders wenn der Eisberg schon längere Zeit auf der Fahrt ist und seine unteren Partien stark abgeschmolzen sind, ist jeden Augenblick Gefahr vorhanden, daß er das Gleichgewicht verliert und umfällt; selbst wenn das Schiff nicht direkt von ihm getroffen würde, müßte es in dem durch den Sturz der Eismasse entstehenden Strudel zugrunde gehen. Ein Umstand, der die Gefahr noch vermehrt, ist der dichte Ncbek, der im Frühjahr in den nördlichen Meergegendcn zu herrschen pflegt. Was es dann bedeutet, zumal bei Nacht, mit der Geschwindig- keit eines in voller Fahrt befindlichen Ozeandampfers diese Regio- nen zu durchfahren, hat niemand packender geschildert, als der Deutschamerikaner Urban in seiner Novelette„Der Eisberg". Es ist abends nach dem Diner. Während die Passagiere sich im großen Gesellschaftssaal amüsieren und schlechte Witze reißen über die „Polarungeheuer", denen man ja doch nie begegne, sind oben an Deck alle Mann auf ihrem Posten. Die Thermometer, die rapide fallen, signalisieren das Vorbeikommen von Eisbergen. Der Kapitän hat längst die Maschine auf„halbe Fahrt" stellen lassen, da man wegen des dichten Nebels nur eine kurze Strecke weit sehen kann. Schon glaubt man. daß die Gefahr vorüber sei, als plötzlich vor dem Schiff eine riesige, bis an den Himmel reichende weiße Masse austaucht.„Volldampf rückwärts!!" Der Kapitän hat gut kommandieren— volle drei Minuten noch wird es dauern, bis das Schiff, von der Kraft der Maschinen und seinem eigenen Gewichte geradeaus gerissen, dem neuen Kommando gehorchen und tatsächlich rückwärts gehen kann. Man lese bei Urban nach, was in den Seelen der braven Männer vorgeht, die, den Tod vor Augen, mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit auf dem Posten bleiben, bis nach den Minuten des Entsetzens der Dampfer dem neuen Steuer- druck gehorcht und— just im letzten Augenblick— vor dem grausigen weißen Gespenst zurückweicht. Nicht immer enden die nächtlichen Begegnungen der Schiffe mik den„Eiszyklopen" so glücklich, und die Geschichte der Seefahrt weiß von mancher furchtbaren Katastrophe zu erzählen, wo die Fahrzeuge mit Mann und Maus zugrunde gingen. Solch ein Schicksal erlitt z. B. der amerikanische Dampfer„Huronian", ein stolzes Schisi von 4400 Tonnen, das mit 350 Mann Besatzung im Atlantischen Ozean versank; man fand nachher seine Trümmer zwischen schwimmenden Eisbergen eingeklemmt und erfuhr so, wie es untergegangen war; von der Besatzung wurde niemand mehr wiedergefunden. Im Jahre 1881 verlor eine englische Schiffs- gesellschaft einen ihrer prächtigsten Dampfer durch eine ähnliche Katastrophe. Das Schiff befand sich auf der Fahrt nach Kanada und begegnete unterwegs zahlreichen Eisbergen. Es gelang ihm stets, ihnen rechtzeitig auszuweichen und schon hatte es sich der Küste bis auf wenige Meilen genähert, als es in der letzten Nacht gegen einen riesigen Eisblock rannte. In Zeit von wenigen Minu- ten sank das Fahrzeug in die Tiefe; nur ein einziger Matrose, dem es galang, den Eisberg zu erklettern, konnte sich retten. Vier Tage und vier Nächte schwamm er auf dieser„Rettungsplanke" die Küste hinunter, bis er von Fischern gesehen und an Land geholt wurde. Noch unvergessen ist das Unglück, welches dem Dampfer „Arizona" in einer Novembernacht des Jahres 1879 auf der Reise von Liverpool nach Ncwyork widerfuhr. Das große Schiff, das nicht weniger als 550 Mann Besatzung und Passagiere an Bord hatte, lief in der genannten Nacht in voller Fahrt gegen einen Eisberg. Der Stoß war so heftig, daß die dicken Stahlplatten des Bugs wie Kartonblätter zusammengequetscht wurden. Im Nu ergoß sich das Wasser in Strömen ins Innere des Schiffes. Dieser kritische Augenblick zeigte den Kapitän, einen ergrauten Seebär, auf der Höhe seiner Aufgabe. Ohne sich durch den fürchter- lichcn Wirrwarr, den die aus dem Schlafe geschreckten Passagier«: verursachten, beirren zu lassen, ließ er die wasserdichten Schotten des Vorderschiffes schließen und„donnerte" die Mannschaft an die Pumpen. Erst nach stundenlangen, übermenschlichen Anstrengun- gen gelang es, einem weiteren Steigen des Wassers Einhalt zu tun; wieder begingen Stunden, und man stellte nach und nach ein Abnehmen der Flut fest. Trotzdem auch ein Teil der Maschinen unbrauchbar geworden war, brachte man das Schiff am folgenden Tage wieder notdürftig in Gang, so daß man sich, immer noch unter verzweifelter Arbeit an den Pumpen, der Küste nähern und den nächsten Hafen anlaufen konnte. Wie sich nachher heraus- stellte, hatte der Dampfer bei dem furchtbaren Zusammenstoß über 200 Tonnen Eis aus dem ihm begegnenden„Zyklopen" gerissen; diese Masse füllte das Leck aus. Sic hatte im übrigen, indem sie die Bresche gleichzeitig einigermaßen verstopfte, mit dazu beige« tragen, das Schiff über Wasser zu halten. Die direkten Zusammenstöße mit den Schiffen sind nicht ein« mal dje einzigen Gefahren, welche die Eisberge verursachen. Schoij ihre verhältniZmaM kleinen Trümmerstücke können den Fahr» zeugen verhängnisvoll werden. Geraten nämlich diese Trümmer in die mit großer Geschwindigkeit herumwirbelnden Schrauben, so zerschmettern sie deren Flügel wie sprödes Glas, und das Schiff ist hilslos. Eine gleichfalls sehr gefährliche Lage bedeutet die Einschließung eines Fahrzeuges durch Eisberge und deren trei- bende Stücke. Letztere, die anfangs bloß vereinzelt den Kurs des Schiffes stören, treten schließlich zu Tausenden auf, umgeben das Fahrzeug, so daß es nur noch mit Mühe vorwärts kommt und backen sich ringsum zu einer unbeweglichen Kruste zusammen. Diese nimmt das Schiff förmlich gefangen, vereinigt sich mit den herantreibenden Eisbergen zu einem sich immer höher auftürmen- den Chaos, das Blöcke und Lawinen herabsendet und zwischen wel- chem auch das stärkste Fahrzeug schließlich wie eine Nuß„zerknackt" wird. Man erinnert sich, daß die zu den Nordpolfahrten ausge- rüsteten Schiffe besonders stark gebaut zu werden Pflegen, um diese ungeheure Eispressung aushalten zu können.— Noch wenige Worte über die Eisberge, welche vom Südpol aus in das umgebende Weltmeer hinausschwimmen. Sie sind in der Regel weit größer, als die im Norden beobachteten und bilden gigantische„Bänke" von 25 bis 40 Meter Höhe und 15, 20 ja 30 Kilometer Länge. Man hat sogar mehrfach solche von an- nähernd 50 Kilometer Längenausdehnung und entsprechender Breite und Höhe gefunden und für wirkliche Inseln gehalten, da sie sich infolge ihrer Größe naturgemäß sehr langsam fortbewegen. Die letzten Trümmer dieser Riesenbänke schwimmen bis weit gegen Norden und machen zum Beispiel die Schiffahrt an der argentini- schen Küste bis zur Breite von Buenos Aires mitunter gefährlich. Desgleichen Pflegen sie auf der Route von Asien nach Australien, Neuseeland und� den südlichen Inselgruppen des Stillen Ozeans bisweilen den Schiffen zu begegnen, und auch die Seefahrer, die um das Kap der Guten Hoffnung segeln, wissen von ihnen zu erzählen. In welche Abenteuer und Gefahren diese Eisbänke die Fahrzeuge bringen können, erhellt mit großer Deutlichkeit aus dem Bericht des Kapitän Blondet, welcher im Jahre 1890 das französische Segelschiff„President Thiers" von Barcelona nach Tahiti führte.„Am 11. November", so erzählt der Kapitän,„also zu einem Zeitpunkt, der auf unserer Halbkugel dem Monat Mai entspricht, erschienen mehrere Eisgipfel vor uns. Als wir uns ihnen näherten, bemerkten wir, daß sie zu einer ungeheuren„Bank" gehörten, die nicht weniger als 20 Meilen sg? Kilometer) lang und 150 Meter hoch war. Es gelang, dem Hindernis auszuweichen, aber um 4 Uhr nachmittags erschien das Eis von neuem. Noch einmal änderten wir den Kurs, jedoch ohne Erfolg. Am folgenden Morgen war das Schiff ringsum von Eisbänken eingeschlossen. Ter Mann am Ausguck meldete eine Oeffnung gegen Südwesten. Sofort steuerten wir dorthin. Neue Enttäuschung: eine Bank, von der man nach beiden Seiten kein Ende sieht, versperrt den Weg. Wir segelten demgemäß nach Süden zurück und es gelingt uns. zwischen zwei riesigen Eisgebirgen eine Passage zu entdecken. Aber erst nach viertägigem(!) Lavieren gelang es, der eisigen Umilamme- rung zu entrinnen." Die größte„Eisbank", die sich vielleicht je gebildet hat. wurde im Jahre 1893 an der Ostküste Patagoniens im Atlantischen Ozean beobachtet. Sie setzte sich aus ungezählten riesigen Pyramiden, Kuppeln und bergehohen Eisfelsen zusammen und hatte eine Aus- dehnung von 300 Kilometern! Mehr als ein Dutzend Schiffe rannten gegen diese Eisbarre und gingen zugrunde.— Was im übrigen den Seedienst zwischen Europa und Amerika betrifft, so wird das Auftreten von Eisbergen regelmäßig gemeldet und den interessierten Schiffskapitänen alles Erforderliche mitgeteilt, damit sie den„weißen Zyklopen" nach Möglichkeit ausweichen können. Hier leistet eine der neuesten Errungenschaften, die drahtlose Telegraphie, dem Seeverkehr besonders wertvolle Dienste. Das älteste Kuck der Melt. Im Sommer 1907 wurden in Elephantine, der südlichen Grenzfestung Aegyptens, zahlreiche Papyros gefunden, mit aramä- ischen— ein dem Hebräischen verwandter Dialekt— Schriftzeichci' bedeckt. Sie erwiesen sich als Urkunden und literarische Fragmente einer jüdischen Militärkolonie ans dem 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung unter der Perserherrschast. Daneben fand man massenhaft Aufzeichnungen auf Tonscherben; die Papierrollen waren teuer und so benutzte man auch die im häuslichen Betrieb zer- brochenen Tonkrüge zu schriftlicher Betätigung. Gerade die inhaltlich wichtigen Papyrus zerfielen beim Aus- graben in Staub. Dennoch gelang es menschlichem Scharfsinn und gelehrter Geschicklichkeit, die winzigen Stück« so zusammenzu- fügen, daß sich in verständlichen Zusammenhängen große und wich- tige Texte ergaben. Im vorigen Herbst hat Eduard Sachau in einenl Textband und 75 Lichtdrucktafeln die Fund« herausgegeben, und jetzt unternimmt es Eduard Meyer, der Forscher und Darsteller alter Geschichte, in einer gemeinverständlichen Schrift die vor- läufigen wissenschaftlichen Ergebnisse zusammenzufassen.") ") Der Paphrusfund von Elephantine. Dokumente einer jüdi- fchcn Gemeinde aus der Pcrscrzeit und daS älteste erhaltene Buch der Weltliteratur. Von Eduard Meyer, Leipzig(I. C. Hinrichschc Buchhandlung) 1012. Die Urkunden führen unmittelbar in die entscheidenden rekA giösen Kämpfe und Wandlungen des Judentums hinein und gebe» der Bibelkritik neue bedeutsame Aufschlüsse und Sicherungen Außerdem finden sich die Reste eines altorientalischen Lese- un> Märchenbuchs, einer Polksdichtung, die wir aus zahlreichen neuere» Fassungen kennen:„Die Geschichte Achiquars", die im 2. Jahr« hundert eine Nachahmung in dem Tobit-Buche der Bibel fand. Diese Blätter stellen in der Tat das älteste erhaltene Buch der Weltliteratur dar, und es ist nur ein Zufall, daß diese Blätter. die wir jetzt in einer Abschrift des 5. Jahrhunderts v. Chr. be- sitzen, nicht auch in der Schristensammlung, die wir Bibel nennen, Aufnahme gefunden haben. Anklänge der im Fund von Elephan- tine erhaltenen Sprüche Achiquars an die in der Bibel überlieferten Spruchweisheiten sind bereits festgestellt worden; die Erforschung des Textes ist im einzelnen noch nicht abgeschlossen. Achiquar ift der weise Minister des Assyrerkönigs Sanherib. Unter seinem Sohne Affarhaddon fällt er in Ungnade infolge der Verleum- düngen des königlichen Neffen Nadan. Achiquar soll hingerichtet werden, aber der mit der Exekution beauftragte Beamte schont ihn. Ueber den vermeintlichen Tod des weisen Achiquar steut sich der Pharao von Aegypten, und dieser fordert den Assarhaddon auf. eine Burg in der Luft zu bauen; könne der Assyrerkönig diese Aufgabe lösen, so solle er drei Jahre lang Tribut empfangen, andernfalls müsse er Tribut zahlen. Keiner der Räte Assarhaddons weiß die Lösung zu finden. Da gesteht jener Beamte, daß Achiquar noch lebt. Er wird geholt und der weise Mann schafft Rat in der Not. Zum Dank wird ihm der boshafte Nadan vom König ausgeliefert. Achiquar läßt seinen Feind fesseln, prügeln und in einem dunklen Verließ am Eingang seines Hauses einsperren— bei Wasser und Brot. Jedesmal, wenn Achiquar sein Haus betritt oder verläßt, hält er dem Eingesperrten weise Strafpredigten, die sein Diener aufzeichnet. Nadan aber schwillt vor lauter Bosheit so an, daß er schließlich elendiglich platzt. Woraus wohl die hübsche Moral zu ziehen, daß der gemeine Mensch an der Weisheit der Gerechten vor Wut zugrunde geht— eine Beobachtung, die wir auch heute in politischen wie wissenschaftlichen Kämpfen beobachten können. Das ist also eine jener Erzählungen, wie sie in der Bibel ge« sammelt worden sind— zum erstenmal in einer alten Handschrift. Ungleich wichtiger noch als dieses altorientalische Literatur- denkmal sind die politischen Eingaben und Erlasse, die in dem Pa- pyrus von Elephantine— neben mancherlei zivilrechtlichen Ur- künden— erhalten sind. Die jüdische Gemeinde von Elephantine bestand aus militari« scheu Söldnern; sie zählte insgesamt 000— 800 Köpfe. Wir sehen in diesen Dokumenten nicht nur die Spuren der älteren erhaltenen jüdischen Volksreligion, sondern es wird auch aufgeklärt, durch welche Einflüsse jene junge jüdische Gesctzgebunq des Ezra und Nehcmia zustand« kam, die dann mehr als zwei Jahrtausende als „göttliche Offenbarung" galt. Als die Israeliten um 1400 vor Christo aus der Wüste vom Osten in Palästina einbrachen, brachten sie mit sich den Kult des Gottes Jahwe, der ursprünglich auf einem Vulkan östlich des Ost» armes des arabischen Golfs feinen Sitz hatte. Es war ein Gott vulkanischer Ausbrüche, der eifcrsiichtijje, leicht reizbare Gott der biblischen Schriften, der erst bei Nacht sichtbar wird„als rauchender Ofen und feurige Fackel". Uebcrall waren seine Opferstätten, in jeder Ortschaft, auf jeder Höhe und unter jedem grünen Baum". Es war aber durchaus nicht der einzige Gott, wie er in der späteren Gesetzgebung erscheint. Diese Volksreligion, deren Spuren wir auch überall in der Bibel finden, hielt sich natürlich in fernen jüdischen Ansicdlungen reiner als in Jerusalem, wo die religiösen Parteikämpfe unmittelbar brandeten. So finden wir denn bei den Juden des 5. Jahrhunderts noch die alte Bolksreligion, wie sie bestand, als etwa um 050 unter der ägyptischen Herrschaft Psamme- tichs I. diese jüdischen Soldaten nach Aegypten und Elephantine kamen. Die jüdische Gesetzgebung von 021— das Dcuteronomium — berührte die Juden von Elephantine nicht, ebenso wenig wie die abschließende Reform des Ezra und Nehemia unter der Perser- Herrschaft. Schon das Gesetz von 021 hatte zugunsten des einen Jahwe-Tempcls in Jerusalem alle anderen Kultstätten aufgehoben und gleich den Bilderstürmern der christlichen Zeiten wurden da- mals alle Wahrzeichen zerstört. Glcichtvohl behielten die Juden von Elephantine ihren eigenen Jahwe-Tempel; ja, als dieser von ägyptischen Söldnern im Jahre 410 zerstört wurde, hahen sie wiederholt an Bagoas, den Statthalter von Inda, das Ersuchen gerichtet— trotz der inzwischen erfolgten Gesetzgebung des Ezra- Nehemia—, den Tempel wieder aufbauen zu dürfen; eine dieser Eingaben, vom Jahre 407, ist in den Papyros erhalten. Noch im Jahre 419 waren die Juden von Elephantine keine Monotheisten; aus dieser Zeit nämlich stammt eine Liste der Kultussteuern der Gemeinde, zu denen auch Frauen beitrugen, und von der zur Ver- fügung stehenden Gesamtsumme wurde fast zu gleichen Teilen für den Äott Jahwe(Jahn) und zwei Göttinnen �— Schon-bet-el und Anat-bct-cl— verwandt; die Göttin Anot ist dieselbe wie die grie- chische Kriegsgöttin Athene. Diese Vielgötterei— wobei der Vorrang Jahwes freilich gewahrt war bestand in dieser jüdischen Militärkolonie, obwohl am 30. Oktober 445 das streng monotheistische Gesetzbuch Ezras eingeführt war. Die wohlhabende» babylonischen Juden hatten 458 durch große Gcldopfer vom Pcrserkönig ArtaxcrxeS 1. die Voll, macht erwirkt, daß der Priester Ezra das von ihm verfaßte Gesetz- buch in Juda und Jerusalem einführen durfte, was dann nqch der Ernennung Nehcmias zum Statthalter von Inda geschah. Mit diesem Gesetzbuch begann die Priestcrhcrrschast, während zuvor die Priester einen höchst untergeordneten Rang eingenommen hatten. Das ist daS verhältnismäßig junge— jetzt im vollen Licht der Geschichte durchleuchtete— persönliche Werk eines einzelnen Men- ■fchen, das noch heute den Schulkindern und den Gläubigen als In- lbegrifs göttlicher Offenbarung demonstriert wird. Unerklärlich war bisher aber, welche Rolle die persischen Herr- scher bei dieser Gesetzgebung, die recht eigentlich die Gründung des Judentums und damit auch der cbristllchen Religion bedeutet, spielten. Auch darüber verbreiten die Paphros von Elephantine neue Erkenntnis. Unter den Urkunden befindet sich ein Erlaß des Perscrkönigs Darius II. aus dem Jahre 4l9 über die Kult- Ordnung des Passah- oder vielmehr des daran anschließenden Mazzenfcstes. Die persische Dynastie erscheint also hier als die treibende Kraft für die Ausbreitung des neujüdischen Gesetzes, das vom Verfasser der tieferen Wirkung halber in graue Vorzeit zurückdatiert wurde; und damit wird jene— oft als unecht be- zweifelte— Urkunde des biblischen Ezrabuches bestätigt, in der Artaxerxes!. Ezra bevollmächtigt, sein Gesetz einzuführen. Die Papyrusfetzen von Elephantine, die menschliche Wissen- sckaft nach zweieinhalb Jahrtausenden zu entziffern vermochte, find selbst wieder Urkunden dafür, daß alle geistige Kultur auf Erden M e n s ch e n w c r k ist._ Kleines feuületon Brief« Lnssnllrs an Otto Danimcr. Im Grünbergschen Archiv für die Geschickte des Sozialismus gibt Hermann Oncken unver- öffentlichte Briese berauS, die Lassalle an Dr. Otto Dammer in Leipzig, den Vizepräsidenten des Allgemeinen Deulschen Arbeiter- Vereins, gerichter har. In dem ersten Brief vom 13. Dezember 1862 gibt er den Leipziger Arbeitern, um ib: Vertrauen zu gewinnen, eine kurze Lebensbeschreibung. Er gibt dieie Uebcrsickl,.weil in dieser angestrengten, sechzehnjährigen wissenschaftlichen Tärigkeit, hervor- gegangen ans cineni und demselben unverrückbar festgehaltenen Gedanken, die einfachste und beste Garantie liegt, die ich Ihnen für den Ernst geben kann, mit welchem ich mich der Sache der Arbeiter gewidmet habe. Ich halle es nicht erst der Mühe wert, näher zu erwähnen, daß ich sechzehn Jahre lang die Verfolgungen der Regierung gciragen habe, ohne jemals in irgend einem Konflikt einen Fußbreit zu weichen". Was seinen zu haltenden Vortrag anlangt, so sei es das beste, wenn er.nichts anderes als das nächste praktische Ziel der Bewegung und das Mittel dazu ent- wickele.— Wir müssen ebenso vorsichtig als kühn und bestimmt auftreten'. Ueber fein„Offenes Antwortschreiben' urteilt Laffalle in einem Brief vom 13. März 1863: „Schulze-Delitzsch und sein ganzer Standpunkt ist aufgeschlitzt und seine Eingeweide ans Licht gekehrt. Alle Illusionen sind auf- gelöst.... Der Haß. der mich dafür treffen wird, wird beispiellos zein l... Mir ist daS gleichgültig. Ich hatte die Pflicht, Wahrheit zu geben, schonungslose, nackte Wahrheit, und ich gab sie. Alles andere ist mir einerlei I So gleichgüttig mir aber der Haß der Bourgeoisie ist, und wenn sie mich vor Wut auffräße, so wenig gleichgültig ist mir die Wirkung unrer den Arbeitern. Die Schritt wird eine entscheidende Probe fiir mich sein, wie weit es bereits mit der Reife des ArbeiterstandeS getommen ist oder nicht. Da die Schrift in eine ohnehin bereits bestehende praktische Bewegung fällt, so müßte sie. falls der Arbcilcrstand nicht noch sehr rräge und gedankenlos ist. eigentlich eine Wirlung hervorbringen analog der- jenigen der TheseS an der Wittenberger Schloßkirche von 15171 Wenn sie nicht eine ungeheure Agitation im Arbeiterstand erzeugt. so ist damit der beste Beweis geliefert, daß mit denrselben auch nicht? zu machen ist." Laffalle aber will die Wirkung seiner Sache, nicht seiner Person. ES wäre nur ein Selbstbetrug, wenn er lediglich durch die Macht feines Wortes Schulze-Delitzsch niederschlüge:.Ich würde glauben. eine Masse hinter mir zu haben, die so denkt wie ich. während ich nur eine Masse hinter mir hätte, die einen Moment von dem Atem meines Mundes fortgerissen ist. Ich würde glauben, eine selbständige Bewegung hinter mir zu baben, für die ich nur ihr bewußter Aus- druck bin— und ich würde nur das Schaltenspiel meiner eigenen Beweglichkeit und Rübrigkeit hinter mir baben. Eine solche Be- wegung würde mit Blüme und Ohnmacht schließen müffcn I Nein, ich brauche, wenn ich mich an Eure Spitze setzen und Eure Sache in meine Hand nehmen soll, den Beweis, daß die Arbeiter auf dem- selben Gedankcnboden stehen, daß ihnen diese Dinge innerliches Eigentum geworden find und daß�sie meine persönliche Anwesenheit nicht mehr nötig haben, um zu wisien, wie sie deuten sollen." In demselben Briefe wendet sich Lassalle gegen die»große Un- geschicklichkeit' Vablteichs, weil er die.soziale Selvstbilfe' angegriffen habe. Erstens sei etwas ganz Wahres an der sozialen Selbsthilfe und zweitens.muß man sich nie umlötig dem Geist banaler, popu- lärer Phrasen, die eigentlich gar nichts sagen sund das ist mit der .sozialen Selbsthilfe" der Fall) entge�enstemmen". Bielfach beschäftigt sich Laffalle in diesen Briefen mit dem Vor- Wurf, er sei ein Werkzeug der Reaktion..An Arbeitern(heißt es «inmal), die sich durch Schmähungen oder Verleumdungen mit Bis- marck irremachen laffen, ist nichts verloren. Solche Arbeiter muffen sehr dumm sein.' lieber innere Streitigkeiten schreibt Laffalle am 5. April 1864: .Sollten gar in unserem Verein Reibungen, Kleinlichkeiten. In« trigen, Slreittgkeiten in Fortschrittler-Weise um sich greifen, so würde ich— ich bin ohnehin des Ekels voll, sehr voll— mein Amt sofort niederlegen und es den Herren überlasten, sich unter- einander zu zanken l Die Disziplin, die unser Verein bisher im ganzen beobachtet hat, war noch das einzige, was mich davon ab- hielt und bestimmte. Ekel und Aerger weiter in mich hinein- zuwürgen. Diese Disziplin ist daS einzige, wodurch wir nach innen bestehe».' Das Werden einer wissenschaftlichen Internationale. Ter Haag, der Sitz der holländischen Regierung, hat sich namentlich seit 1899 eine besondere Stellung in den internationalen Bestrebungen erworben, und in erfreulicher Weise sind diese bereits über das polttische Moment hinauSgcschritten. Durch die Gründung eines besonderen Verein? für die Förderung des Internationalismus sind diese Pläne in ein günstigeres Fahrwasser gelangt. Der Leiter des provisorischen Bureaus dieser Gründung, Dr. Eijkman, hat in zwei größeren Schriften über den medizinischen und natur- wissenschaftlichen Internationalismus die Ziele dieser Schöpfung eingehend auseinandergesetzt. Diese richten sich hauptsächlich dar- auf, gleichsam eine Organisation von Organisationen zu schassen. und es liegt auf der Hand, daß damit der Wissenschaft und ihrem Einfluß auf die Menschheit ein großer Dienst geleistet werden kann. Die dadurch erteilte Anregung hat schon manche Folge gezeitigt, die eine bedeutsame Entwickelung verspcicht. Nicht nur auf politischem, sondern auch auf wissenschaftlichem Gebiet ist die Ge- lezcnheit zu einem internationalen Einvernehmen und zur Rege- lung gewisser Fragen und Aufgaben von großer Wichtigkeit für den Fortschritt der menschlichen Erkenntnis. Einzelne Zweige der Wissenschaft sind mehr als andere auf ein internatio» nales Zusammenarbeiten angewiesen, in hervorragendem Grade beispielsweise die Astronomie. Ueberall finden sich Möglichkeiten, aus einem internationalen Zusammenwirken Vorteile zu ziehen. Aus diesem Bedürfnis sind ja die internationalen wissenschaftlichen Kongresse entstanden. Deren Ent- Wickelung weist jedoch manche Schattenseite auf. Es ist daher schon mehrfach der Weg beschritten worden, neben den Kongressen stän- dige internationale Ausschüsse einzusetzen, um den Versamm« lungen ein sicheres Rückgrat zu verleihen. Durch die Schaffung einer Zentralstelle, in der gewissermaßen der Extrakt des wissen« schastlichen Internationalismus aus den einzelnen Wissenszweigen zusammenläuft, würde ohne Zweifel ein großer Nutzen gestistet werden können, zumal oljne das eine U Übersicht gar nicht mehr möglich ist. Dr. Eijkman hat eine Liste von mehr als 600 internationalen Organisationen zusammengestellt, und die Zahl der regelmäßig ab- gehaltenen Kongresse beläuft sich allein innerhalb des Gebietes der exakten Wissenschaften auf rund 125. Der Wert dieser Veranstal- jungen ist sehr ungleich. Vor allem äußert sich eine Schädigung darin, daß die Aufgaben dieser Kongresse vielfach nicht scharf genug «cgene inander abgegrenzt sind, so daß Reibereien und Wieder- olungen entstehen. Zum Ausgleich solcher Unstimmigkeiten wurde vor zwei Jahren der Weltkongreß der internationalen Vereinigun- gen in Brüssel einberufen. Die Ausgaben dieser Veranstaltung erwiesen sich aber als so ungeheuer, daß ihre umfassende Lösung unmöglich war. Einige größere Gründungen sind bereits inZ Leben getreten. und haben den Nachweis ihrer Bedeutung erbracht. An erster Stelle steht die internationale Vereinigung der Aka» d e m i e n, die seit ihrer ersten Versammlung im Jahre 1991 meh» rere große Arbeiten in Angriff genommen hat. namentlich die Ver. öffentlichunq einer vollständigen Ausgabe der Werke von Leibniz, ein« Enzyklopädie des Islam, eine kritische Ausgabe der Mahabharata, eine jährliche Publikation physikalischer und chemischer Konstanten, die neue AuSmeffung eines Meridianbogens. die Organisation eines Zentralausschusses für das Studium des Gehirns usw.— sämtlich Arbeiten, die ohne Zweifel nur, oder wenigstens am besten, durch ein internationales Einvernehmen in großem Stil ausgeführt werden können. Bis jetzt aber besitzt die internationale Vereinigung der Akademien kein dauerndes Heim. und entbehrt auch der geregelten Wechselbeziehungen zu ähnlichen Organisationen einzelner Wissenszweige. Diesen Zweck zu er- füllen, würde eine der Aufgaben der neuen Gründung zur Förde- rung des Internationalismus sein. Professor Winslow bezeichnet in der.Science" als ihr Ideal die Errichtung einer Zentral« stelle im Haag, in der alle diese Organisationen ihre festen BureauS und damit ununterbrochene Fühlung haben sollten. Einige Schritte sind in dieser Richtung schon geschehen. Der internationale medizinische Kongreß hat die Errichtung eines Bureaus der permanenten Kommission dieser Kongresse beschlossen. Eine ähn» liche Maßnahme hat ferner der internationale Kongreß für Pharmazie getroffen. Ein drittes ständiges Bureau im Haag ist eben auch für das internationale statistische Institut entstanden. Andere Gründungen ähnlicher Art werden ohne Zweifel folgen, und so wird sich allmählich in der holländischen Resioenz eine Stätte des wissenschaftlichen Internationalismus für alle in Betracht kommenden Gebiete entwickeln. Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwartsBuchdruckereiu.VerlagsanstgUPaglKingerJeteo., Berlin L�V.