Interhattungsblatt des Ostwärts Nr. 60. Dienstag, den 26. März. 1912 lNaqdrua fc«5pten.J 60] pelle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von MartinAndersenNexö. Es lag keine Morgenstimmung über der Stadt, die Aus- sperrung lag wie eine lähmende Hand auf dem Ganzen, der Umsatz war träge, und der Mittelstand seufzte. Aber eine Aussicht auf Friedensschluß war nicht da, beide Parteien waren unversöhnlich. Die Arbeiter hatten nichts durch die unüber- legte Arbeitsniederlegung der Maurer verloren, die Sym- pathie für die Unterklassen war politischen Ursprungs: vom Lande her strömten die Beiträge noch immer ein. Auch aus dem Auslande kamen bedeutende Summen. Der Kampf kostete den Arbeitern jetzt eine halbe Million in der Woche, und die Hilfe von außen her war wie ein Tropfen im Meer. Aber sie wirkte als moralische Stütze, wirkte anspornend auf die Selbstbesteuerung, die das Ganze trug. Die hundert- tausend Häuslichkeiten der Arniut ließen ihre letzten Habselig- leiten springen, um den Kampf durchzuführen: jetzt wollten sie eine Entscheidung für die Zukunft erzwingen. Die Arbeit- geber versuchten die große Landessammlung zu hemmen, in- dem sie die Obrigkeit auf eine uralte Verordnung über Bette- lci aufmerksam machten: aber das erregte nur Heiterkeit. Ein wenig Lachen erlaubten die Mittel doch noch. Die Arbeiter hatten sich mit dem Hunger eingerichtet. Sie zogen nicht mehr in den Wald, fondern schritten besonnen durch die Straßen wie Leute, die zu viel Zeit haben, und verliehen dem Gesicht der Stadt ein eigenes Gepräge von armem Nachdenken. Ihre Schritte waren zu zögernd, um Widerhall zu geben, und in den Häusern war Ruhe zum Nach- denken. Die lärmenden, immer hungrigen Kinder waren über das ganze Land zerstreut, die hatten Wenigstens gutes Essen. Aber leer lvar es hier,>vo sie fehlten I Pelle begegnete ihnen in Abteilungen, sie befanden sich auf dem Wege zu den verschiedenen Musterungen. Sie er- hoben den Kopf, als er vorüberging: seine Schritte gaben Widerhall für sie alle. Es waren vierzigtausend Mann, die da kamen, ihre Hoffnung, ihr Wille— Pelle war der Aus- druck des Ganzen für sie! Sie starrten seiner unüberwind- lichen Gestalt nach und richteten sich auf.„Satanskerl!" sagten sie fröhlich zueinander,„er sieht so aus, als könne er das Ganze niedertrampeln I Seht ihn einmal an, er weicht ja kaum dem großen Lastwagen aus! Wir wollen ihn leben lassen, Kameraden!" Die Wirtshausbesitzer standen in ihren Kellerhälsen und gähnten zu dem Morgenhimmel aus, es war eine teure Zeit für sie! In den Fenstern der Wirtschaften hingen Papp- schilder mit der Aufschrift: Hier werden Beiträge für die Ausgesperrten angenommen! Drinnen auf dem großen Hof des Arbeitergebäudes waren die Hafenarbeiter zur Zählung zusammengekommen. Der Vorsitzende kam Pelle im Torweg entgegen: es war der- selbe Arbeiter, dessen sich Pelle und Heulpeter eines Abends im Hafen angenommen hatten: jetzt verstand er sich auf das Neue! „Nun, wie geht's?" fragte Pelle und drückte ihm die Hand. „Großartig! Von tausend Mann fehlen nur sieben." „Aber wo ist der fröhliche Jakob? Ist er krank?" „Der ist eingelocht," erwiderte der Vorsitzende finster. ..Er konnte es nicht mit ansehen, daß seine alten Eltern hun- gerten, da hat er einen Einbruch bei einem Krämer verübt, er und der Bruder. Jetzt sitzen sie alle beide!" Einen Augenblick wurden die Runzeln auf Pelles Stirn entsetzlich tief und grau: er stand da und starrte blind vor sich hin, die lichten Züge in seinem Gesicht sanken und legten sich zu schwerem Jammer zusammen. Die Arbeiter starrten ihn an. Stand er nicht da und schlief ein in ganz aufrechter Stellung! Aber dann nahm er sich zusammen. „Na, Kameraden, wird Euch die Zeit denn auch lang?" fragte er munter. „Ach, was das anbetrifft! Es ist ja das erste Mal, daß man Gelegenheft hat, Frau und Kinder ordentlich keinen zu lernen," antworteten sie.„Wer deswegen wäre es doch ganz ulkig, bald wieder anzufangen." Es war ersichtlich, daß der Müßiggang jetzt anfing, sie zu bedrücken: es saß ein beständiges Grübeln in ihren still- stehenden Zügen, die Augen richteten sich auf ihn mit einem anhaltend harten Fragen. Sie verlangten, daß das, was er unternahm, nach der einen oder anderen Seite entscheidend sein sollte. Weichlich waren sie nicht geworden, sie stimmten immer dafür, weiter zu gehen. Da draußen in der Verlän- gernng des Kampfes lag das, was sie suchten, und sie spähten' in Pelles Gesicht nach einem Zug, der das Glück bestätigen konnte. Viele wunderliche Fragen mußte er beantworten: eS wuchsen sonderbare phantastische Vorstellungen aus der Not auf und verrieten, daß ihr ruhiges, beherrschtes Auftreten das Ergebnis vieler beobachtender Kräfte war. „Nehmen wir den Großen jetzt die ganze Macht und den Reichtum weg?" fragte ein Arbeiter, nachdem er Pelle lange grübelnd angestarrt hatte. Der Kampf hatte seine Gestalt hart mitgenommen, dafür aber einen Funken in seinen Augen entzündet. »Ja, jetzt nehmen wir uns unser Menschenrecht und sor- dern, daß der Arbeiter respektiert wird," antwortete' Pelle. „Dann gibt es nichts mehr, was Herr und kleiner Mann heißt." „Aber wenn sie dann nun wieder in die Höhe wollen? Wir müssen ihnen ein schnelles Ende machen, daß sie nicht wieder heraufklettern und auf uns reiten können." „Tu willst sie wohl auf den Anger hinaustreiben und sie alle totschießen? Aber das ist nicht nötig," sagte der Nach- bar.„Wenn dieses überstanden ist, dann wagt kein Mensch mehr, uns das Essen vom Mund wegzunehmen." „Gibt es dann gar keine Armut mehr?" fragte der erste wieder, zu Pelle gewandt. „Nein, wenn wir unsere Sache erst richtig in Gang be- kommen, dann wird eS in allen Häusern gut sein. Liest Du denn Dein Blatt nicht?" Wohl las er es. aber es schadete nichts, das Große von Pelle selbst bekräftigt zu hören. Und Pelle konnte es tun, weil er nie einen Zweifel hegte. Es war schwer für die Massen gewesen, zu der neuen Ansicht über die Dinge zu ge- langen, so schwer, als drehe er einen Erdball! Deswegen mußte etwas Großes geschehen. Einige von ihnen hatten ein paar Stück Butterbrot hervorgeholt und fingen an zu essen, während sie die Dinge beredeten.„Mahlzeit," sagte Pelle und nickte ihnen zum Ab- schied zu. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen, er dachte daran, daß er weder getrunken noch gegessen hatte. Aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken: er mußte zu Stolpe und wegen der Postierung der Streikposten Verab, redungen treffen. Da drüben stand Marie mit einer weißen Mütze und einem Korb am Arm: sie nickte ihm zu mit roten Wangen. Die Verpflanzung hatte ihr Wachstum verliehen: von Mal zu Mal, daß er sie sah, wurde sie aufrechter und schöner. Bei den Schwiegereltern herrschte Schmalhans, allerlei von ihren Habseligkeiten lvar aus dem sonst so traulichen Heim fortgewandert: aber an guter Laune fehlte es nicht. Stolpe ging umher und wartete auf das Frühstück, auch er war schon früh im Gange gewesen. „Was macht das Mädel?" fragte er,„wir sehen sie ja gar nicht mehr." „Sie hat ja viel zu tun," sagte Pelle entschuldigend, »Nun geht sie auch auf Arbeit ans." „Naja, sie ist wohl auch nicht zu gut, um unter diesen Verhältnissen mit Hand anzulegen. Aber wir wissen recht gut, was ihr fehlt. Sie ist eine Protestnatur! Gottlob, daß sie kein Mann geworden ist, denn dann hätte sie Auflösung in die Reihen gebracht." Das Frühstück bestand aus einer Portion Hafergrütze und Kaffee mit Butterbrot. Madam Stolpe konnte ihr hübsches neusilbernes Kaffeegeschirr, das sie von den Kindern zur silbernen Hochzeit bekommen hatte, gar nicht finden, „Ich muß es versetzt haben," sagte sie. „Na ja. das wird sich schon wiederfinden, Mutter!" sagte Stolpe.„Nun kriegen wir bald ibessere Zeiten; Z>ann kommen viele schönen Tinge wieder zum Vorschein, das sollst Du nur sehen!" „Bist Du heute morgen bei der Maschinenfabrik gewesen, Schwiegervater?" fragte Pelle. „Ja, ich bin da gewesen. Aber da ist nichts mehr für die Streikposten zu tun. Die Arbeitgeber haben alle Mann auf der Fabrik einquartiert, da bekommen sie volle Verpsle- gung und alles. Es sollen eine Menge ausländischer Streik- trecher darunter sein, die Arbeit ist in vollem Gange." Das war eine niederschlagende Nachricht. Die Eisen- fabrikanten hatten den ersten Sieg gewonnen! Sehr schnell würde das niederschlagend auf die Arbeiter wirken, wenn sie sahen, daß ihre Betriebe auch ohne sie in Gang gehalten werden konnten. „5Da muß man einen Pricken vorsetzen," sagte Pelle. „Sonst fahren sie in ihrem Kurs fort, und das Ganze löst sich auf. Wir müssen denen da drinnen eine Laus in den Pelz setzen." „Wie sollen wir das nur machen, wenn sie eingesperrt sind, und die Polizei Tag und Nacht vor den Türen pa- trouilliert. Wir können ja nicht einmal mit ihnen reden." 'Stolpe lachte verzweifelt. „Dann muß sich ein Mann hineinschleichen und so tun, als wenn er Arbeit annähme!" Stolpe zuckte zusammen.„Als Streikbrecher?— Dazu kriegst Du nie im Leben einen anständigen Mann, selbst wenn es nur aus Scherz geschieht! Ich tat es selbst auch nicht! Ein Streikbrecher ist doch ein Streikbrecher, man mag es drehen und wenden, wie man will." „Ein Streikbrecher, sollt ich meinen, ist doch wohl einer, der den Kameraden schadet? Wer seine Haut für sie wagt, verdient wohl einen andern Namen." „Darauf will ich mich nicht einlassen," sagte Stolpe. -„Das ist mir wohl ein wenig zu hoch, ich werde mich schön hüten, mit Dir zu disputieren. In meinem Katechismus da steht, daß der ein Streikbrecher ist, der Arbeit annimmt, wo Zuzug verboten ist und daran halte ich mich!" Pelle konnte reden, soviel er wollte: der Alte ließ sich nicht vom Fleck bewegen.„Aber eine andere Sache wäre es ja, wenn Tu es selbst ausführen wolltest," sagte Stolpe.„Tu hast ja keine Rechenfchast dafür abzulegen, was Du tust, son- dern gehst nach Deinem eigenen Kopf." „Ich habe der Bewegung Rechenschast abzulegen!" er- widerte Pelle scharf,«und ich will es gerade darum selbst tun!" Stolpe saß da und machte die Arme krumm und streckte sie wieder aus.„Ach, es würde gut tun, wieder Arbeit zu haben!" rief er plötzliK aus.„Der Müßiggang setzt sich einem wie Gift in die Glieder, und nun ist da die Miete, Mutter. Wo zum Teufel sollen wir die nur hernehmen? Sonnabend muß sie auf dem Tisch liegen, sonst werden wir rausgesetzt, hat der Wirt gesagt." „Das wird sich schon finden. Vater!" sagte Frau Stolpe. '„Verlier' Du darum den Mut nur nicht!" Stolpe sah sich in der Wohnung um.„Ja, ein bißchen ist da ja noch zu nehmen, wie der Hunger sagte, als er mit hem Darm angefangen hatte. Höre mal, Pelle, weißt�Du was? Freilich bin ich Dein Schwiegervater, aber eine Frau wie meine hast Du denn doch nicht!" „Ich bin mit Ellen zufrieden, so wie sie ist," erwiderte Pelle. Es schellte, es war Stolpes Bruder, der Zimmermann. Er sah mitgenommen aus, mager und ärmlich in der Klei- dung: seine Augen waren von roten Flecken umgeben. Er sah keinen an, dem er die Hand gab. „Setz Dich, Bruder," sagte Stolpe und schob ihm einen Stuhl hin. „Tanke, ich will gleich wieder gehen. Es war— ich wollt Dir nur etwas sagen, na ja—" Er starrte zum Fenster hinaus. „Ist bei Euch zu Hause irgendwas los?" „Nein, nein, das gerade nicht. Ich wollte Dir bloß sagen, daß— nun melde ich meinen Austritt an!" stieß er plötzlich hervor. Stolpe sprang auf, er war kreideweiß geworden.„Be- denk doch, was Du tust," sagte er drohend. sFortsetzung folgt.l! Semem. Dem Leben Abgelauschles. Von Betty Mayer. L Ein armer Teufel lief mit zerrissenen Schuhen durch die regen« nassen Straßen. Das brüchige Leder rieb ihm die Füße wund, dehnte sich, wurde weich und ließ die Zehen durchgucken. Ein ekles Kältegefühl, von dem nassen Körper aufsteigend, kroch durch seinen schlecht genährten Körper.— Der arme Teufel hielt die blaugefrorenen Hände in den Taschen der schäbigen Kluft, stand zitternd an der Straßenecke und trat von einem Fuß auf den andern, um sich zu wärmen. Schmutzigbraune Zehen guckten aus dem feuchten, zerrissenen Schuhiverk. „Jemein"— näselte ein Dandy in Lackstiefeln, der am Arm seiner geschminkten Maitresse vorüberging.— n. „Drei Paar forn Fröschen"— klagte die dünne Kinderstimme. Elend magere, schmutzige Händchen hieiten schwarzglänzende Schuh-- riemen hoch. Aus dem gelbblassen, frübwelken Kindergesicht blickten scheue, hungrige Augen auf die vorllbcrflutende Menge.— An der Hand der Gouvernante ging das Bankierstöchterchen vorüber, wohlgenährt, in warme, weiße Wolle gekleidet. Sein heller Blick sah, wie das magere Kerlchen mit den Schuhriemen sich ver- stöhlen bückte, ein halbzertretenes Stück Brot vom schmutzigen Straßenrand aufnahm und hastig in den Mund steckte. „Sehen Sie nur. Fräulein, das unsaubere Kind", sagte daS propre, blühende Mägdlein. „Gemein", murmelte das Fräulein und wandte sich mit einem Ausdruck des Ekels ab.— in. Im Dachgeschoß lebten zwei, die hatten sich lieb. Wenn sie abends von der Arbeit kamen,- dann deckten sie ibr wackelig Tischchen, bereiteten Pellkartoffeln und Heringe, hielten graziöse Mahlzeiten und küßten sich und lachten. Fröhlich waren sie wie die Spatzen vorm Fenstersims, und da? Lichtermeer der Großstadt lag ihnen zu Füßen. Zum Standesamt langte es immer noch nicht, auch nicht zu goldenen Ringen,— aber noch mehr verheiratet konnten sie eigent» lich nicht sein— und lieber konnten sie sich wohl auch nicht haben. Dem dicken Hauswirt war ein anonymer Brief ob seiner un» moralischen Datbstubenmieter zugesandt worden. Der war gerade schlechter Laune.— Sein Verhältnis hatte sich beklagt, daß er nicht genug für Toiletten aufbringe, daß er sie wohl wegen der Mizzi vernachlässige, und gedroht, mit seinem Freunde, dein Börsenmakler, anzubinden; zudem wolle sie ihm bei seiner Frau denunzieren, die er ja doch nur des Geldes wegen geheiratet hätte. Also der Herr Hauswirt hatte Grund, schlecht gelanut zu sein. Und nun noch das Pech, in dem eigenen, reinen Hause unmoralische Mieter zu haben. Wütend kratzte die Feder die Kündigung aufs Papier. Nicht gesetzlich verheiratet 1 1 „Gemein"— schimpfte der Hauswirt.— Der„Verftand" der Säugetiere.� Die Säugetiere hat man, weil der Mensch körperlich zu ihnen gehört, ihm auch geistig auf eine Weise nahe und an die Seite gestellt, die sich mit unbefangener Beobachtung nicht verträgt und wissenschaftlicher. Kritik nicht standhält. Darin muß unbedingt gründlich Wandel geschafft werden, und das ist gerade auf diesen Blättern hier um so mehr Pflicht, als die fvüheren Auflagen unseres„Tierlebens" wohl nicht ganz unschuldig an jener un» berechtigten Vermenschlichung der Tiere sind. „Prüft man", sagt der Leipziger. Philosoph Wundt in seinen „Vorlesungen über die Menschen- und Tiersecle",„alles, was von wohlverbürgten Beobachtungen vorliegt, genauer, und läßt man sich zugleich von jenem Gesetz der Sparsamkeit leiten, nach dem zu verwickelten Erklärungsgründen erst dann gegriffen werden darf, wenn die einfachen versagen, so läßt sich das gesamte intellek- t u e l l e Leben der Tiere vollständig auf die einfachen Assoziations- gesetze zurückführen, während überall da, wo die entscheidenden Merkmale einer wirklichen Reflexion oder einer aktiven Verstandes-- oder Phantasietätigkeit eintreten müßten, solche Merkmale fehlen." Dürch das Entgegenkommen des Bibliographischen Instituts in Leipzig sind wir in der Lage, unsere Leser mit einem Abschnitt aus dem zehnten Bande(der Abteilung„Säugetiere" erster Teil) von..B r e h m s T i e r l e b c n" bekannt zu machen, das, völlig neu- bcarbci�t, gegenwärtig in vierter Auslage erscheint. Heck hat dies mit anderen Worten an anderem Orte so ausgedrückt: Es ist„bis jetzt noch kein einwandfreier Fall festgestellt, wo sich die geistige Leistung eines Tieres über das Niveau erhoben hätte, das der Psycholog mit der von ihm sogenannten Assoziation bezeichnet; das ist die Verbindung von Sinneswahrnehmungen und-erfahrun- gen mit Handlungen in zweckmäßiger Weise, meist so, daß die Handlungen dem persönlichen Wohle oder der Erhaltung der Art des Tieres zugute kommen". Diese Assoziationen sind aber ganz äußerlicher Natur, beruhen nicht aus Ueberlegung und wirklicher Einsicht in den inneren Zusammenhang nach Ursache und Wirkung. Das haben zeitgenössische Forscher in Nordamerika durch lange planmäßige Versuchsreihen erwiesen. Sie ließen allerlei Versuchs- tiere(Ratten, Katzen, Assen) nur dadurch zur Nahrung oder Freiheit gelangen, daß die Tiere einen bestimmten, mehr oder weniger umständlichen Weg fanden oder einen bestimmten Me- chanismus in Bewegung setzten. Sie lernten das alle schneller oder langsamer; doch war stets unverkenbar, daß sie zunächst völlig planlos herumprobierten und dabei ganz zufällig früher oder später das Richtige fanden. Dadurch war dann die entsprechende Assoziation gegeben, die sich so befestigte, daß die Versuchstiere nach einiger Uebung in späteren Wiederholungsfällen sofort das Ztveck- mäßige zu tun wußten. Niemals aber kam es vor, daß ein Ver- suchstieo zunächst nichts getan, sondern verständig überlegt und, nachdem es das Richtige erkannt, gleich mit seiner ersten Hand- lung die zweckmäßige Lösung vollführt hätte. Auch da also, wo Mensch und Tier gleicherwe'ie zweckentsprechend handeln, kommen sie aus verschiedenen Wegen dabin: das Tier, auch das höhere und höchste Säugetier, mittels zufälliger, im Gedächtnis befestigter Er- sahrung, der Mensch mittels vernünftiger Ueberlegung und wirk- licher Einsicht in den ursächlichen Zusammenhang. Selbst da, wo tierische und menschliche Leistungen in einem Maße zusammen- ftinlmen, daß gar keine andere Erklärung mehr denkbar erscheint, als dem Tiere menschliche Geisteskräfte zuzuschreiben, stellen sich bei wirklich wissenschaftlicher Nachprüfung doch völlig andere Zu- sammenhänge und Entstehungsweisen heraus. Ein klassischer Schul- fall für alle Zeiten ist der vor einigen Jahren so viel genannte «kluge Hans", das„gelehrte" Plerd des Herrn v. Osten in Berlin, dem sein Herr angeblich die Bildung eines Bolksschülers, Lesen, Schreiben und Rechnen, beigebracht hatte mit denselben, nur der Sprachlosigkeit des Tieres angcipatzten Mitteln, wie sie in der Volks- schule beim Kinde angewendet werden.„Am klugen Hans haben wir gelernt", sagt Heck,„daß bei Tieren geistige Leistungen möglich sind, welche äußerlich und scheinbar spezifisch menschlichen aufs Haar genau gleichen, innerlich und in Wirklichkeit aber auf ganz andere Weise zustande kommen. Der kluge Hans rechnete und bucbstabierte scheinbar genau wie ein Volksschüler, und tatsächlich wußte er von Zahlen und Buckistaben gar nichts, sondern achtete nur scharf auf kleinste unbewußte Bewegungen des vor ihm stehen- den Menschen, die ihm anzeigten, wann er mit dem Hufscharren (das beim„Unterricht" durch ein sehr geschicktes System an die Stelle des Sprechens gesetzt war) aufhören mußte, um Mohrrüben und Brotstückchen zu erhalten." Das entdeckt und durch Nach- Prüfungsversuche bewiesen zu haben, ist das große Verdienst Oskar Pfungsts, eines jüngeren Berliner Psychologen.„Man mache sich nur einmal klar", fährt Heck fort,„wie zweifelnd wir notwendiger- weise nach dieser Erfahrung allen scheinbar unwiderleglichen Be- weisen außergewöhnlicher Intelligenz gegenüberstehen müssen, welche uns von Tieren in der Literatur berichtet werden I" Manchmal ist es ja offenbar, wie unnötig und unzulässig hoch eine Handlung eingeschätzt wird. So bei der oft wiederholten Geschichte von der Elesantenmutter, die ihr Kalb aus der Fallgrube retten will. Sie „hält getreulich bei ihm aus, bis das Nahen der Jäger sie vertreibt. Man findet den Boden der Fallgrube hoch bedeckt mit Erde und Zweigen und schließt daraus ohne weiteres, daß die Alte das alles ,nit Absicht hineingeworfen habe, um dem Jungen das Heraus- klettern zu«möglichen, während doch viel näher die einfache, fast selbstverständliche Annahme liegt, daß sie unabsichtlich durch ihr Gewicht die Erde und die Zweige vom Rande der Grube hinab- gedrückt und hinabgctreten habe bei ihren fortgesetzten Versuchen, ihr Junges mit dem Rüssel wieder hcrauszuziebcn". Manchmal scheint zunächst jede Hoffnung auf eine andere Erklärung als eben hie vielbeliebte, daß die höheren Säugetiere sozusagen sprachlose Menschen seien, vergebens. In solchen Fällen müßte man immer der Sache auf den Grund gehen: man würde oft staunen über den Erfolg! Das Ergebnis einer solchen Nachforschung Hecks z. B. war, daß von einer langen, wundersamen Rührgeschickte von einem Freundschaftsverhältnis zwischen Woli und Meerschweinchen in einem Zoologisckjen Garten, die von weiblicher Seite einem unserer vornehmsten Familienblätter eingeschickt wurde, nicht ein wahres Wort übrigblieb. Und mit wieviel anderen mag eS ähnlich sein bei der über- kriebenen, deshalb aber nicht weniger festen Ueberzeugung so vieler Tierlicbhaber von dem„Menschenverstand" ihrer Lieblinge. In welchem Lichte erscheint da gleich alles, was diese leisten, wie wird es unwissentlich ausgeschmückt und übertrieben! Sicher aber ist jeder nüchterne Betrachter, jeder kritische Prüfer ein„lieb- und verständnisloser Nörgler". Und doch ist es wahrlich höchste Zeit, daß wieder einfachere, unbefangenere Anschauungen Platz greifen auf dem Gebiete der Tier-, zumal der Säugetierpsvchologie, soweit die große Menge der Tierfreunde und Tierliebhabcr auf diesem sich betätigt. Auf dem Wege zur Kenntnis von der wahren Natur der geifti- gen Leistungen der Tiere sucht man neben dem Leitscil der Logik und wissenschaftlichen Exaktheit noch nach dem Wegweiser der Anatomie, des augenfälligen Befundes am Gehirn. In diesem Sinne will uns Edinger-Frankfurt a. M. dienen durch seinen Vortrag über„Die Beziehungen der vergleichenden Anatomie zur vergleichenden Psychologie", den er auf dem dritten Kongreß für experimentelle Psychologie hielt. Tort heißt es zum Schluß Z „Was aber alle Tiere vom Menschen unterscheidet, das ist die Ge» samtgröße des Neencephalon"(nach Edingers Namengebung die Gehirnteile, die den höheren geistigen Leistungen dienen, in erster Linie die beiden Hemisphären des Großhirns).„Ein riesengroßer Gorilla hat ein kleineres Gehirn als ein Menschensäugling. Münl ist geradezu verblüfft, wenn man es aus dem Schädel heraus« nimmt, ob der Kleinheit. Wäs hier fehlt, ist, abgesehen von der geringen Gesamtausbildung des hinteren und mittleren Ab« schnittes, namentlich der Stirnlappen. Diese Stirnlappen unter« scheiden vor allem Mensch und Tier. Die menschliche Pathologie (in diesem Falle das Studium der Gehirnkrankheiten im Hinblick auf die damit zusammenhängenden geistigen Störungen) aber läßt vermuten, daß durch sie(die Stirnlappen) gerade die Mög» lichkeit zu den höheren seelischen Funktionen, zu den Abstraktionen, zur Begriffsbildung gegeben wird. Sie entwickeln sich offenbar erst mit den Sprechfunktionen zusammen. So dürfen wir ver« muten, daß die Säuger zu sehr vielen Handlungen, die Erlernen, Erfassen, Behalten erfordern, fähig sind, daß sie auch viele dieser Handlungen kombinieren können, daß aber die Fähigkeit zu Ab« straktionen und also auch zu allen Handlungen, die auf solchen beruhen, fehlt, oder daß sie ganz gering ist." Neuere Unter« suchungen, namentlich von Vogt und Brodmann, lassen übrigen? vermuten, daß auch das Scheitelhirn, das sich beim Menschen eben- falls durch Größe auszeichnet, für die höheren seelischen Leistungen von wesentlicher Bedeutung ist. Aber nicht nur das: dank den exakten Untersuchungen der beiden obengenannten Hirnforscher sind wir heute so weit, daß wir sagen können: die vielfältige Ausbildung von Hirnzentren, die histologische, unterm Mikroskop am Zellgewebe erkennbare Differenzierung von Partialorgancn ist es, die den Menschen auszeichnet. Ter Mensch hat vielmal mehr Spezial« zentrcn in seinem Hirn, die nicht niedere Sinnes- oder Bcwegungs» zentren sind. Was bei den Tieren, selbst bei den Menschenaffen. ein gleichartig gebautes Hirnfcld ist, zerfällt beim Menschen wieder in mehrere, als verschieden erkennbare Unterzentren. Im mensch« lichen Stirnhirn allein sind bis jetzt gegen 70 solche Zentren nach- gewiesen. Das Tier, auch der Menschenaffe, bringt es in demselben Hirngebicie höchstens auf 12! Die Gesamtfläche der niederen Leistungen dienenden Sinneszentren gegen die Gesamtfläche� der großen Hirnrinde überhaupt beträgt beim Menschen höchstens 20 Proz., denen 80 Proz. übergeordnete, höheren Leistungen dienende Hirngebiete gegenüberstehen. Schon bei einem Durch- schnittsaffen der geschwänzten Gruppen aus der Alten Welt ist daS Verhältnis gerade umgekehrt; so tief steht er schon unter dem Menschen! Heck setzt diesen Gedankengang fort, indem er zu dem sinn- fälligsten Hauvtunterschied zwischen Mensch und Tier, der Sprache, überleitet:„Es besteht eine Grenze zwischen menschlicher und tierischer Intelligenz; begriffliches, abstraktes Denken bleibt dem Tiere versagt, und deshalb fehlt ihm auch diejenige Fähigkeit, die der sicherste Beweis für begriffliches, abstraktes Denken ist, die Sprache. Das Tier besitzt zwar gewisse Elemente der Sprache. es erreicht gewisse Vorstufen zur eigentlichen Sprache im mensch- lichen Sinne dadurch, daß es imstande ist, seine Gemütsbewegungen durch Laute zu äußern, und im besten Falle auch gewisse Vor« stellungcn, die mit Sinncswahrnehmungen und daraus entstehenden Gemütsbewegungen zusammenhängen. Aber zur Sprache im höheren Sinne, zur begrifflichen Sprache mit logisch gegliederter Wort- und Satziorm, kommt es nickt— ganz einfach, weil daS begriffliche Denken fehlt, dessen Ausdruck die Wörtsprache ist. Wundt meint daher:„Auf die Frage, warum die Tiere nicht sprechen, bleibt also die bekannte Antwort: weil sie nichts zu sagen haben, die richtigste." llnd ich möchte hinzufügen: Wenn man so die Sachlage erfaßt, wie sie ist, dann hat es auch gar nichts Ver- wunderliches mehr, daß am Kehlkopf, der Zunge und den andere» etwa noch für die Lautbildung der Sprache in Betracht kommenden Organen des Menschen sich nicht die geringste besondere Ausbildung und Einrichtung findet, die auf eine besondere Fähigkeit dieser Organe hindeutet. Die gegliederte Wortsprache ist eben keine Leistung des menschlichen Kehlkovfes und der menschlichen Zunge, sondern eine Leistung des menschlichen Gehirnes. Tort, in unserem Gehirn, finden Fvir wirklich auch nachweisbar eine Sprachfphäre lokalisiert in dem sogenannten Sprachzentrum oder Brocaschen Zentrum, d. h. in der dritten Stirnwindung. Aber nicht nur in diesem, das lediglich dem eigentlichen äußerlichen Sprechen dient; ihm gesellt sich nock als Gegenstück im Schläfenlapvcn, wahrschein» lich der ersten Schläfenwindung, das in den 1880er Jahren von Wernicke entdeckte zweite Sprachzentrum für das Verstehen. Nun können wir auch nickt mehr im Zweifel sein, wie wir den Besitz der Sprach« beim Menschen, das Fehlen beim Tier aufzufassen haben. Es fehlt den Tieren nicht im Kehlkopf, sondern im Gehirn. und daß die Sache so liegt, das ist eben der beste Beweis dafür, daß es doch einen tiefgreifenden Unterschied zwischen menschliche» und tierischem Geistesleben gibt. Cm Sumpfvolk in Innerafrika. Der Forschungsreisende Graf Erik Von Rosen, der Leiter der schwedischen Rhodcsia-Kongo-Expcdition, hat an der schmalen Halb- rnsel des Bangweulwsees, die sich Von der Mündung des Luapula Aach den südlich Vom See gelegenen riefigen Papyrussümpfen er- streckt, ein Sumpfvolk entdeckt, das bisher nur von einigen Weißen gesehen worden war und dessen Existenz sogar vielfach bezweifelt wurde. Nur wenige dieser Sumpfbewohner vom Batuastamm haben ihre Hütten auf dem trockenen Boden der Halbinsel aufgeschlagen; die meisten wohnen in jenen nahezu 10000 Kilometer weiten Papyrussümpfen, hinter deren großen Stauden sie sich beim Herannahen von Fremden völlig unsichtbar machen. Rosen hatte erfahren, daß er die Batuas niemals zu Gesicht bekommen würde, wenn er nicht waffenlos zu ihnen käme. Den wenigen Weißen, die sich bisher dem Sumpf genähert, waren sie niemals feindselig entgegengetreten; aber Schwarze, von denen sie sich beleidigt glaubten, hatten ihr Leben meist mit einem Fischspieß zwischen den Schultern beschließen müssen. Rosen beschloß daher, mit seinem Expeditionsgenossen Dr. Fries und wenigen Eingeborenen sich den Ansiedlungen der Butuas zu nähern. Er schildert in einem interessanten Rrisebrief, den die ..Umschau" veröffentlicht, wie es ihm gelang, das Sumpfvolk auf- zustöbern und mit ihm in enge Berührung zu treten. Bald erblickten die Reisenden einige kleine Grashütten im Sumpfe, aber kein Bewohner war zu sehen; sie hatten sich im undurch- 'dringlichen Rohr und Schilf versteckt. Große Schnüre verlockender weißer Glasperlen in den Händen, schritt Rosen auf die Hütten zu, aber niemand zeigte sich und der Versuch, näher heranzukommen, wurde durch den brodelnden Morast verhindert. Nach halbstündigem vergeblichem Schwenken mit den Perlenketten kommt endlich ein langes schmales Kanoe heran, das ein schwarzbrauner Junge mit einem langen groben Papyrusrohr geschickt durch das sumpfige Wasser steuert. Durch den unendlichen Sumpf mit seinen hohen Stauden und den prächtigen in allen erdenklichen Farben schimmern- den Seerosen naht so aus schlankem, lautlos durch das Schilf gleitendem Boot der erste Abgesandte eines bisher unbekannten Volkes. Als er herangekommen war, erhielt er eine Handvoll Glas- perlen und gab dafür auf Verlangen seinen großen schöngeformten Bogen, der vollständig mit Schlangenhaut umwickelt war. Er fuhr dann wieder ab, kehrte aber, nachdem noch eine Anzahl Perlen- schnüre als Geschenk bei den Hütten der scheuen Bewohner auf- gehängt waren, zurück und nahm den Grafen in sein Kanoe, einen schmalen ausgehöhlten Baumstamm, in dem man nur stehen und sehr mühsam das Gleichgewicht halten konnte. Die Insel der Batuas, an der das Boot nun landete, besteht ausschließlich aus Sumpf, der durch aufgelegte Schilf- und Grasbündel fester gemacht war; bei jedem Schritt schaukelte der Boden, Wasser und Morast stiegen bis über die Knöchel. Die Hütten, die hier zu- fammen gedrängt waren, sind bienenkorbartig, von etwa zwei Meter Höhe und Durchmesser, die Türöffnung kaum 80 Zentimeter groß. Männer und Frauen hocken vor ihnen, auf Schilfunterlagcn, um einigermaßen trocken zu sitzen. Die Kinder krabbeln wie große häßliche Frösche direkt im Sumpf herum. Es gelang Rosen ziem- lich rasch, mit seinen Wirten nähere Bekanntschaft zu schließen, und er konnte nun einen ausgedehnten Hausfleiß im Morast beobachten. In den Hütten lagen über eine Unterschicht von zu- 'sammengebundcnen gcfpaltenen Rohrstäbchen, die das Eindringen der Feuchtigkeit verhinderten, hübsch geflochtene GraSmatten. Ton- töpfe, Löffel und Näpfe aus Muschelschalen, Schildkröten und Kür- bissen bildeten das wichtigste Gerät. An den Wänden hingen mit Schlangenhaut geschmückte Bogen und Dolche; die Pfeile waren vergiftet und mit nadelscharfen Widerhaken verschen. Allerlei mit Hautstrcifen, Holzstückchcn usw. geschmückte Leckwe- und Sitatunga- hörner dienten als Jagdfetische. Die großen und kräftig gebauten Männer arbeiteten fleißig; einer ritzte auf die haarlose Seite eines Leckwefelles verwickelte, außerordentlich schöne Ornamente ein, die an orientalische Arbeiten «rinnern. Die Frauen trugen solche reich ornamentierten Felle als Mäntel; die Männer waren nur mit Schurzfellen aus Leo- 'parden- und Tigerkatzen fcll bekleidet, während die jungen Knaben zumeist nackt gingen. Mit Flußpferd- und Fischharpunen sowie mit langen Wurfspießen töten die BatuaS das Wild und führen 'gegen die im Sumpf lebenden Riesenschlangen Kämpfe auf Leben und Tod; sie verstehen es, wie viele andere wilde Völker, das Wasser im Sumpfe zu vergiften, so daß die Fische betäubt werden und an die Oberfläche kommen. Bei einem solchen Fischfang wurden 'in dreiviertel Stunden 11g Fifche erbeutet. Die Sumpfleute sprechen einen Chibisadialekt;«in charakteristisches Merkmal, um dessentwillen die umwohnenden Babisaneger sie verspotten, ist ihre Jhciscre Baßstimme. Sie können außerordentlich lange unter Wasser 'schwimmen, selbst da, wo man glauben möchte, daß Sumpf- und Wasserpflanzen alles Weiterkommen unmöglich machen. Auf dem schaukelnden Sumpfboden führen sie zum eintönigen Gebrumm Hoher schmaler Holztrommel» merkwürdige Tänze auf; sie verstehen auch, auf einem Instrument mit Saiten aus gedrehtem Gras zu spielen, worin man wohl die Urform aller Saitenmusik erblicken darf. Trotzdem sie in einem so feuchten, von Moskitos erfüllten Milieu leben, leiden sie doch selten an Sumpffieber und besitzen ein eigenartiges Mittel gegen Malaria. Es wird an der Schläfe ein Schlitz gemacht und unmittelbar darüber ein Verantwortl. Redakteur: Albert W«>chs, Berlin.— Druck u. Verlag: kurzes Antilopenhorn mit durchbohrter Spitze gesetzt, an der dann ein Kamerad saugt. Das kleine Loch wird schnell mit einem pcch- artigen Stoff verschlossen; nun sitzt das Horn fest an der Schläfe des Patienten und wirkt wie ein gewöhnlicher Schröpfkopf. Graf Rosen, der bald täglich in den Dörfern der Sumpfleute seine Be- suche machte, wurde von ihnen in der freundlichsten und gefälligsten 'Weise in seinen Forschungen unterstützt. So ist es ihm gelungen, vollständige Sammlungen ihrer Erzeugnisse anzulegen, und ihr tägliches Leben, ihre Jagd- und Fischmcthoden, ihre Tänze in Photographien festzuhalten, so daß man nun zum ersten Male ein anschauliches Bild von der Kultur dieses Sumpfvolkes emp- 'fangen wird. kleines feuilleton. Sprachwissenschaftliches. Sankt Nimmerstag. Ein Tag. der in keinem Kalender steht, ist der Nimmerleinstag, Nimmermehrstag, Rimmerlstag oder St. Nimmerstag. An diesem interessanten Termin werden die Dummen gescheit, werden gewisse Schulden bezahlt usw. Dieser weh- mütig-schöne Tag, den alle Völker zu kennen scheinen, wird durch allerlei schöne Redensarten umschrieben. So sagt man in der Provence: Das oder jenes wird geschehen.in der Woche mit den vier Donnerstagen", in der Romagna aber verweist man auf„daS Jahr mit den beiden Karnevals", das leider niemals kommen wird. In England sagt man spöttisch: Wenn zwei Sonntage aufeinander fallen, trifft das oder jenes ein I Der Preuße meint: Am Zweiunddreißigsten I Unser Landvolk deutet das „Niemals" an durch die Wendungen: Wenn es schwarzen Schnee gibt— Wenn die Schnecken bellen— Wenn die Schaben ins Salz kommen— Wenn Karfreitag auf den Gründonnerstag fällt— Wenn die Katzen Ganseier legen— Wenn die Hennen vor sich scharren— Wenn es Salz regnet, usw. Die wunderbaren Regen spielen hier überhaupt eine gewisse Rolle.„Wenn es Rosinen und Feigen regnet..." lautet auch die neapolitanische Umschreibung für den St. Nimmerstag, und ein Thüringer Reck- verschen heißt:„Wenn's Bratwürste regnet und Kirschkuchen schneit, dann werden die Jenaischen Mädel gescheit!" Unter den Nimmerleinsworten gibt es allerdings hier und da auch eines, das bereits veraltet und von der Welt überholt worden ist. So klingt zum Beispiel im Zeitalter der künstlichen Eisbahnen die Redensart„zu Pfingsten auf dem Eis" gar nicht mehr so hoffnungslos. An Nimmermebrslvendungen hat eS übrigens auch den Alten nicht gekehlt. Die Römer liebten zum Beispiel den Aus- druck:„Ad graoeas calendcs",„Zu den griechischen Kalenden", — weil es ja keine griechischen Kalenden gab. Auch machte man zu ähnlichem Zweck eine Anleihe bei der Astronomie. Anno maxnc» LIatonis, im Großen, Platonischen Jahr— so tröstete man sich spöttisch— wird dies oder jenes geschehen. Wenn das auch nicht gerade bedeutete: ES wird n i e geschehen!— so war eS doch— da das Platonische Jahr der Astronomen eine Periode von etwa 26 000 gewöhnlichen Jabren umfaßt— ein etwaS fragwürdiger Trost stir menschliche Eintagsfliegen. Astronomisches. Der Brennpunkt der Astronomie. Nächst der Witterungskunde ist keine Wissenschaft so sehr auf eine internationale Verständigung ihrer Vertreter angewiesen, wie die HimmelSknnde. DieS Bedürfnis ist mit der Zeit immer mehr anerkannt worden, und eS gibt jetzt bereits eine größere Anzahl internationaler Ver- einigungen, die sich zur Förderung umfassender astronomischer For« schungcn dauernd zusammengetau haben. Vor allem aber hat sich die Himmclskunde schon vor längerer Zeit einen Mittelpunkt geschaffen, in dem sich alle Nachrichten von wichtigen Entdeckungen und einzelnen Beobachtungen sammeln, um möglichst schnell zur Kenntnis der Fachgenossen gebracht zu werden. Dieser Brennpunkt der astro- nomischen Forschung ist die im Jahre 1882 begründete Zentralstelle in Kiel. Wenn ein neuer Komet, ein neuer Planet entdeckt oder das Aufstrahlen eines neuen Fixsterns beobachtet worden ist, vollzieht der beteiligte Astronom in seinem eigenen Interesse und in dem der Wissenschaft zuerst die Pflicht, nach Kiel ein Telegramm zu senden, worin er das Ereignis nntteilt, und von dort wird die Nachricht dann sofort an alle Sternwarten weitergegeben. Als diese Ein- richtung im Jahre 1882 zuerst getroffen wurde, bestanden in Kiel bereits die„Astronomischen Nachrichten", die als die bedeutendste Zeitschrift ihres Fachs galten. Es wurde nun vereinbart, daß die Leitung dieser Zeilschrist als„Zentralstelle für astronomische Telegramme" dienen sollte. Bei dieser Abmachung waren sämtliche europäischen Sternwarten nebst der von Taschkent im russischen Zentralasien und der von Algier beteiligt. Jetzt steht die Zentralstelle außerdem noch in besonderer Beziehung zu sechs Sternwarten in anderen Erdteilen. die gewissermaßen als Hilfsstellen tätig sind, indem sie ihrerseits wieder Beobachtungen aus den umgebenden Gebieten eim'ammcln. Diese Sternwarien sind die der Harvard-Universität in Cambridge bei Boston für Nordamerika, in Rio de Janeiro sür Südamerika. die Kapstcrnwarte sür Südafrika, die Sternioarte in Madras für Indien, die Sternwarte in Hongkong für Ostasien und die von Melbourne für Australien._ vorwärtSBuchdruckerei».Verla gSanjtalt Paul SingerLEo.,BerunL',v.