Nnterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 66 Mttwoch den 3. April� 1912 (Nachdruck dwoownji eöj pelle der Eroberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNexS. Pelles Vorschlag wurde angenommen, und er ging gleich hinaus nach Westerbrücke zu dem Vorsitzenden deS Vereins der Abfuhrleute. Der war gerade aufgestanden und saß bei seinem Mittagessen. Er war ein kleiner gemütlicher Mann, der immer einen Schelm im Auge hatte: er war aus der Köhler Gegend. Pelle hatte ihm seinerzeit geholfen, die Or- ganisation in Gang zu setzen und wußte, daß er mit ihm und seinen Leuten rechnen konnte. „Weißt Du wohl noch, daß ich Euch einmal gezeigt habe, daß Ihr die wichtigsten Arbeiter in der Stadt seid. Las Hansen?" fragte er. Der Vorsitzende nickte.„Ja. man müßte ja ein reines Rindvieh sein, wenn man das vergessen könnte! Nie, solange ich lebe, werde ich die Wirkung vergessen, die Deine Worte auf uns verachtete Abfuhrleute gehabt haben! Du warst es ja, der uns den Glauben an uns selbst schenkte und uns eine Organisation gab! Und selbst wenn wir nicht gerade die allerwichtigsten Arbeiter sind, so—" Las Hansen saß da und starrte grübelnd in die Lampe hinein, während er kaute.„Wir stehen ja in einer Art kon traktlichem Verhältnis zu der Stadt," sagte er endlich lang sam.„Sie können uns dafür strafen und unS zwingen, die Arbeit wieder aufzunehmen. Aber wenn Du es durchaus willst, so tun wir es natürlich. Darüber herrscht nur eine Ansicht unter den Kameraden! Was Du dann dadurch er- reichst, mußt Du ja selbst am besten wissen." "Danke!" sagte Pelle und reichte ihm die Hand.„Das ist also abgemacht, es fährt kein Wagen mehr aus. Die Straßen- kehrer müssen wir auch zur Arbeitseinstellung bringen!" „Dann schieben die Fuhrleute andere Arbeiter ein, zu der Arbeit finden sich genug Hände." „Das werden sie nicht tun, denn dann legen wir ihnen das Handwerk!" „Ja, das ist eine schlimme Geschichte, das wird eine eklige Sache für die Feinen werden I Den armen Leuten kann es ja einerlei sein, denn die haben ja nichts zu essen.— Aber wenn nun das Militär dazu abkommandiert wird!" Es blitzte in Pelles Antlitz auf:„Hör mal, Kamerad! Wenn Ihr nun die Arbeit niederlegt, so liefert Ihr ja sofort alle Schlüssel ab, damit die Obrigkeit Euch nicht fassen kann, steckt die dann alle in Säcke und schüttelt sie gut durchein- ander." Las Hansen brach in ein schallendes Gelächter aus.„Das wird ja eine verteufelte Komödie!" stöhnte er und schlug sich auf die Schenkel.„Dann müssen sie zu uns kommen, denn kein anderer kann die Geschichte so schnell auseinander finden! Ich will die Schlüssel selbst hinfahren und mich da oben noch so unschuldig anstellen!" Pelle dankte ihm noch einmal.„Ihr rettet das Ganze," sagte er still.„Es ist das Brot und das Zukunftsglück von vielen Tausenden, das Ihr jetzt in Euren Händen haltet!" Er lächelte hell und verabschiedete sich. Sobald er allein war, erblaßte sein Lächeln und machte einem Ausdruck von Tod- Müdigkeit Platz. Pelle ging auf den Straßen umher, hierhin und dorthin schlendernd. Jetzt war alles geordnet. Es gab nichts mehr, wofür man sich ins Zeug legen mußte. Inwendig in ihm war alles zusammengebrochen, da waren nicht einmal mehr Kräfte zu einem Beschluß, was er mit sich selbst anfangen sollte. Er ging und ging, kam in die Hauptstraße und bog wieder in die Seitenstraßen ein. In einem Materialladen stand Karl lächelnd und adrett hinter dem Ladentisch und expedierte einige Kunden.„Du solltest eigentlich hineingehen und Dich erkundigen, wie es ihm geht," dachte er, schlenderte aber weiter. Auf einmal blieb er vor einer Mietkaserne stehen und sah unwillkürlich auf. Hier hatte er ja gerade aus- gerichtet, was er wollte. Hier wohnte ja der Vorsitzende der Abfuhrleute. Nein, jetzt war die Tagesarbeit getan, nun lvollte er nach Hause zu Ellen und den Kindern! Nach Hause? Er hatte ja keine Häuslichkeit mehr, et war verlassen und einsam! Und doch ging er hinüber nach Norderbrücke: welchen Weg er eingeschlagen hatte, wußte er nicht, aber er fand sich selbst vor der Tür stehen und auf de» kleinen verrosteten Briefkasten starren. Da drinnen ertöntevl jammernde Laute, er hörte Ellen dort hin und her gehen: st« bereitete alles für die Nacht vor. Dann ging er hinab, eilt« fort und atmete erst wieder auf, als er um die Straßeneck« gebogen war. Er bog wieder und wieder um, von einer Seitenstraße i» die andere hinein. Drinnen in seinem Kopf ging es wunder� sich um: bei jedem Schritt knickte es ein. Plötzlich war es ihm. als ertönten bekannte, hastige Schritte hinter ihm— Ellen. Er wandte sich um: da war niemand. Nun, dann war es also eine Einbildung! Aber die Schritte waren wieder da, sobald er ging. Es war etwas in diesen Schritten, als wollten si« ihm etwas sagen, ein Wille, als wollten sie ihn an sich heran- ziehen, spürte er deutlich in ihnen. Er blieb mit einem Ruck stehen— da war niemand, und es kam auch niemand aus dep Dunkelheit der Seitenstraße. Lag denn dieses sonderbare Gehen nicht in ihm selber?! Pelle fühlte das Unbegreifliche und bekam Herzklopfen, die entsetzliche Müdigkeit machte ihn wehrlos. Und Ellen— was hatte sie nur? Dies vorwurfsvolle Jammern, das in seinen Ohren klang! Verstehen— was sollte er nur verstehen? Sie hatte es auS Liebe getan, sagte sie. Ach was— weg damit l Er war zu müde, um ihr Vergehen auch noch zu verteidigen. Aber was war das nur für ein Wandern? Nun fielen die Schritte mit den seinen zusammen, sie hatten einen doppelten Laut. Und wenn er dachte, sprach ein anderes Wesen mit darein— aus der innersten Tiefe. Es lag das- selbe Hartnäckige darüber wie über Mörlens Einfluß: eine Ansicht, die sich überall Bahn brach, selbst wenn sie zum Schweigen gebracht wurde. Was wollte dies alles von ihm, hatte er nicht treu genug gearbeitet? War er nicht Pelle, der den großen Kampf durchgeführt hatte, zu dem alle aufsahen? Aber es lag keine Freude darin, der Takt von den Schritten der fünfzigtausend Kameraden hallte nicht in seinen Schritten wider. Man hatte ihn im Stich gelassen, hatte ihn allein ge- lasten mit diesem verdammten Etwas hier in den öden Straßen, die Einsamkeit lag über ihm! Du bist wohl vor dir selbst bange geworden, dachte er mit einem bitteren Lächeln. Aber Pelle wollte nicht allein sein und lauschte stark um sich. Alles, was er besessen hatte, war dahin, der Kampf hatte es verschlungen. Da war doch eine Gemeinschaft, so trübselig sie auch war, zwischen ihm und dem Elend um ihn her. Was hatte er sich da zu beklagen? Entsetzlich lag die Stadt der Armen um ihn herum, der- heert vom Kampf und der Arbeitslosigkeit, durch Weinen und Nachtkälte und Not! Drinnen aus den Hinterhöfen drang das Weinen der Kinder: sie weinten um Brot, das wußte er: betrunkene Männer schwankten um die Ecken, und in den Hinterstuben und auf den Höfen ertönte das Schreien von Frauen. Ach, dies war ja die Hölle! Gott Lob! daß der Sieg nahe war. Irgendwo hörte er deutliche Stinnnen: Kinder, die weinten, und eine Frau, die im Zimmer hin und her ging, sie beschwichtigend und das Kleinste, das sie wohl auf dem Arme hatte, in den Schlaf lullend. Es klang so deutlich zu ihm herab, er sah hinauf. Da waren keine Fenster in der Woh- nung. Die sollen wohl durch Zug hinausgetrieben werden, dachte er empört und lief die Treppe hinauf: er ivar gewöhnt, für die Unglücklichen einzuspringen. In der Wohnung ging eine Frau mit einem kleinen Kinde auf dem Arm auf und nieder. Der Lichtschein aus der ladt beleuchtete sie halb: den Rock hatte sie über den Kopf geschlagen, um auch das Kind zu bedecken, unten war sie nackend. Da war keine Spur von Hausrat. Die Kinder lagen in einer Ecke, mit den Ueberresten ihrer Kleider zugedeckt. „Der Wirt hat Türen und Fenster herausgenommen: er wollte uns auf die Straße setzen, aber wir gehen nicht, denn wo sollen wir wohl hin? Da will er uns durch Zug ver- treiben, so wie die Wanzen! Meinen Mann haben sie in den Tod gejagt!" Plötzlich erkannte sie Pelle.„Ach, Du bist eS, Du verfluchter Teufel!" schrie sie.„Du selbst hast ja damit an«. ..... r A. �- ,3-..«E gefangen, ihn zu Hetzen I Weitzt Du wohl noch, wie er aus der Flasche trank? Friiher hatte er sich immer so ordentlich gehalten. Du hast ja auch gesehen, daß wir aus der St. Hans- Straße herausgeschmissen wurden, die Bewohner verdrängten uns. Hast Du das nicht gesehen? Ach, Ihr Henkersknechte I Ucberall habt Ihr ihn verfolgt, ihn wie ein Tier gehetzt, auf ihn gestichelt und ihn zu Tode gequält! Weim er in eine Wirtschaft hinunter ging, dann standen die anderen so- fort aus, und der Wirt mußte ihn bitten, zu verschwinden. Aber er hatte mehr Ehrgefühl als Ihr! Ich bin mit Pest be- haftet, sagte er, und eines Morgens hatte er sich aufgehängt. Ach, wenn ich doch den lieben Gott bitten könnte, daß er Dich treffen möchte!" Sie hatte keine Tränen, ihre Stimme war trocken und heiser. „Das brauchst Du nicht mehr zu tun," sagte Pelle bitter.—„Er hat mich getroffen! Aber Deinen« Mann habe ich nichts Böses gewollt: die beiden Male, wo ich ihn traf, wollte ich ihm helfen. Wir müssen ja zum Besten aller leiden, und mein eigenes Glück ist auch in Scherben gegangen.„Er brach plötzlich in linderndes Weinen aus. „Das sollten sie nur sehen die Arbeiter, daß Pelle weint: dann würden sie wohl nicht Hurra rufen, wenn er kommt!" rief sie höhnisch aus. „Ich habe noch zehn Kronen,«villst Dl« sie haben?" sagte Pelle und reichte ihr das Geld. Sie nahm es zögernd. „Das solltest Du wohl für Frau und Kinder gebrauchen, das ist ja Deine Unterstützung aus der Kassel" „Ich habe keine Frau und Kinder mehr. Nimm es nur!" „Großer Gott! Ist Deine Häuslichkeit auch dabei drauf- gegangen! Konnte Pelle es nicht einmal zusammenhalten? Ja, ja, es ist ja nur natürlich, daß der, der sät, auch erntet!" Pelle ging seiner Wege, ohne zu antworten. Das un- gerechte Urteil dieser Frau betrübte ihn mehr, als ihn der Beifall der Tausende erfreut hatte. Aber es rüttelte ihn auch zu starkem Protest auf. Da, wo sie schlug, konnte er nicht getroffen werden: er hatte nicht seine eigenen kleinen Ange- legenheiten gepflegt, sondern ehrlich und redlich der großen Sache gedient und sie zuin Siege geführt. Die Gefallenen und Verwundeten hatten kein Recht, ihn anzuklagen. Er hatte mehr verloren als irgendein anderer, alles hatte er ver- loren I Mit kummerbelastetem Gemüt, aber wunderbar ruhig, ing er nach der Norderbrücke und mietete sich in einem illigen Logishaus ein. lFortsetzung folgt.l lTiaSdnick verdoten.Z Gift. Von Hans Hyan. Die Angeklagte war ein Mädchen von sechzehn Jahren; ein auffallend gutgewachsenes Geschöpf, mit voller Brust und starken Hüften, das selbst in der schlechtsitzendcn Gefängniskleidung den allerbesten Eindruck machte. Ihr Gesicht, obwohl verweint und schmerzvcrzogcn, hatte den sanften Zauber der Hingebung, die blauen Augen blickten flehend zu den Richtern hin, für deren Objektivität man fürchten mußte, dem Reiz dieses ein wenig vollen, sinnlichen Gesichtes gegenüber. Auguste Balzer, die in der Anklagebank stand, drückte mit den beiden kräftigen Händen die Löckchcn an den Schläfen fest und öffnete den Mund, diesen purpurroten, lebensvollen Mund, dem man seinen Schmerz nicht glauben mochte. Aber sie sprach nicht. Der noch junge Borsitzende strich mit der schlanken, für einen Mann eigentlich zu schmalen Hand über den dunkelblonden Schnurr- bart; sein vornehmes Gesicht wollte unbewegt aussehen;. aber die ein wenig blasierte Stimme konnte den weichen Klang nicht ver- leugnen, als er sagte: „Nun, etwas müssen Sie uns �doch darüber sagen, Angeklagte!... Sie geben selbst zu, die Sublimatpastillcn besessen zu haben, freilich nicht die Baldriantropfen, in denen Sie das Gift aufgelöst haben, um es der Getöteten leichter beibringen zu können. Diese Tropfen kann man aber jederzeit in einer Apotheke kaufen. Wie sind Sie denn zu den Sublimatpastillen gekommen?" „Ich habe bei Heri$ Mannhuber gedient, und der hatte.. sie stockte schon wieder. Der Vorsitzende nickte. „Jawohl, der hatte ein Drogcngcschäft, das wissen wir. Die Anklage nimmt nun an, daß Sie aus dem Laden des Drogisten, dessen 5finder Sie ja bis in die letzte Zeit noch besucht haben und wo Sie jedenfalls auch gut Bescheid wußten, daö Gift entwendet haben, zu dem Zwecke, Frau Schwarz, von der Sie sich schlecht be- handelt glaubten, aus der Welt zu schaffen?" Das MA�hcn, offenbar wenig redegewandt, machte nur eine verneinende Bewegung. „Wenn dem nicht so ist, so müssen Sie uns doch jedenfalls eine Erklärung geben!... Wir lassen Ihnen ja Zeit! Vielleicht ist Ihnen das alles nicht mehr so im Gedächtnis.... Denken Sie doch nach!... Hat Ihnen jemand das Glft gegeben oder haben Sie es sich genomliien?" Auguste schüttelte ihren lichten, blonden Kopf. „Sie haben es nicht genommen?" sagte der Präsident, dessen Geduld man bewundern niußte und der es so in der Tat fertig bekam, das Mädchen zum Reden zu bringen. Sie holte erst noch einmal tief Atem. „Nein, Herr... nein..." sie wurde sehr rot,„der vorige Gehilfe, der hat's mir jegcben!" „Aha!" Der Richter lächelte liebenswürdig.„Das haben Sie bei den Berhören auch schon gesagt.... Sie hatten also ein Ver- hältnis mit ihm?" Das bis in die Stirn gerötete Gesicht senkte sich immer tiefer. man sah nur die blanke, blonde Haarfülle, auf welche durch die hohen Saalfenster ein Strahl der Nachmitwgssonne fiel. „Wollte er Sie denn heiraten?" fragte der Vorsitzende, in dein angesichts des prächtigen Geschöpfes der Mann lebendig«vurde und vielleicht, wenn auch nur unbewußt, der Neid auf den sozial Tiefer- stehenden, der skrupellos genommen hatte, was sich ihm bot. Die Schöne sagte nichts. „Da wollten Sie dem wohl auch schon ans Leben?" In dem Gesicht des Mädchens, dessen Farben die Gefängnis- luft nicht hatte bleichen können, kam ein Lachen auf. „Ich hab'n dock, lieb jehabt!" sagte sie einfach. Dieser Richter hatte ein feines Gefühl. Schon in den regel- mäßige» Zügen der Angeklagten hatte sein Kriminalinstinkt nicht eine einzige von jenen Spuren finden können, die die grausame Idee des Giftmordes in das Gesicht des Verbrechers gräbt.... Ihre Stimme Ivar klar und in den wenigen Worten, die sie hören ließ, klang die Kraft der Ueberzeugung.„Aber," dachte der, der hier mit ein paar anderen über ein Menschenleben richten sollte, „man lernt nie aus... und in einem Weibe kennt die Verstellung keine Grenzen!" Und so wurde der Ausdruck, mit dem der Mann mit dem schwarzen Barett jetzt die Angeklagte maß, süffisanter, miß- trauischer, ja feindseliger. „Sie haben sich nun sehr geschickt von den drei Gehilfen, die bei Herrn Mannhuber angestellt waren, gerade den herausgesucht. den wir absolut nicht auffinden können. Er meldet sich auch nicht, olmiohl ihm für ein Delikt, das er begangen, Straflosigkeit zu- gesichert worden ist!" „Er hat ja auch»ich jestohlen," sagte das Mädchen. „So?... Sic wissen das?... Nun, das interessiert unS hier nicht. Tatsache ist, daß der einzige Mensch, der Sie entlasten könnte, nicht aufzufinden ist.... Wenn ich nun frage,«vozu Sie sich das Sublimat haben schenken lassen," die Stimme des Fragen- den klang jetzt härter, sein Gesicht hatte die Nachgiebigkeit verloren. —„so werden Sie uns wohl abermals eins Ihrer Märchen auf« binden?" Das Mädchen strafte den Mann durch sein Schweigen Lügen. „Also wozu wollten Sie das Gift?... Am Ende sich selbst das Leben nehmen, wenn Ihnen Ihr Liebster mal untreu wurde?" „Ja," sagte Auguste. Jemand im Zuschauerraum lachte. Die Angeklagte Ivandte den Kopf und sah starr dorthin, woher das Lachen kam. „Die Zeugen haben nun in der Voruntersuchung ausgesagt," fuhr der Richter fort,„daß Sie vom ersten Tage an mit der Frau Schlvarz im Streit gewesen sind." Auguste schüttelte den Kopf. „Das wollen Sie also in Abrede stellen?" „Nein... ich... ich... ich nicht... Sie hat immer gc- schimpft... aber es war gar nicht so schlimm... bloß sie konnte nicht anders,...«renn man tat, was sie wollte, dann... ich habe mir ja solche Mühe gegeben... und sie hat gesagt,'ne bessere hält' sie noch gar nicht jehabt!" Jetzt lachten mehrere Leute dort drüben, wo hinter der Zeugen» bank eine dichtgedrängte Menge von dunklen Figuren wie ein riesiges Untier herübcrstarrte� auf ein Todesurteil wartend. Der Vorsitzende verbat sich jede Aeußerung. Als er wieder auf die An- geklagte blickte, weinte Auguste. „Daran hätten Sie früher denken sollen," sagte er nun wieder milderen Tones,„eh' Sie sich zu so einer schrecklichen Tat ent- schlössen." „Ich war's doch aber nich!" Zum erstenmal fuhr sie auf, klang ihre Stimme trotzig,„ich Hab' sie ja nich verjiftet, die Frau!"' Das tvar dem Vorsitzenden lieb. Er konnte jetzt scharf und energisch werden. Seine Stimme klang wie Stahl, alS er sagte: „Gut. Wir werden die Zeugen hören! Der Zeuge Schwarz!" Ein Mann erhob sich von der Zeugenbank, unter Mittelgröße, stark, etwa vierzig Jahre alt. „Kommen Sic hierher!... so... und sprechen Sie mir nach: Ich schwöre... bei Gott dem Allmächtigen..." Die Zuschauer sahen den auffällig langen Arm, den der, die Eidesformel Satz für Satz Nachsprechende mit zwei cmporgereckten Fingern hoch in die Lust hielt; sie sahen auch die großen Ohren an dem mit grauem, kurzgeschnittenem Haar bedeckten Kopf des Zeugen, die sich beim Sprechen ein wenig bewegten. Der Mann sprach mit leiser, kaum hörbarer Stimme, so datz der Borsihende, der auf die Trauer des Schwarzgekleideten Rückficht nahm, ihn freundlich ermahnte, etwas deutlicher zu sein. „Hatten Sie Verdacht auf das Mädchen, Herr Schwarz?" „Verdacht?... Nein. Das heiht, wie der Herr Kriminal- bcamte das Gift fand, da natürlich I" „Und Sie haben gehört, dafi die Angeklagte Ihrer Frau gegen- über schwere Drohungen ausgestoßen hat?" In diesem Augenblick warf das in der Anklagebank stehende Mädchen den Kopf auf, wie ein Tier, das die Gefahr wittert.— Der Zeuge antwortete sehr leise. „Lauterl" sagte der Richter,„die Herren Geschworenen wollen uns auch verstehen!... Sie haben also gehört, wie die Angeklagte sagte:„Das tränk' ich Ihnen ein, Frau Schwarz! Sie sollen an mich denken!" und„Ihnen wird Ihr Kaffee bald nicht mehr so gut schmecken—" nicht wahr?... so steht's wenigstens hier in den Akten!" Die Angeklagte hatte sich, die Hände auf die braune Holzbank gestützt, etwas vorgebeugt. Ein ungläubig hilfloser Ausdruck lag auf ihrem geröteten Gesicht, sie lauschte. Der Zeuge hatte zu Anfang seiner Aussage rasch nach ihr hin- gesehen, jetzt sprach er fließend mit gedämpfter Stimme. Er er- zählte, wie ihm die ja meistens nur stumme Gegnerschaft des Mäd- chens schon immer Angst gemacht hätte. Aber er habe ihren Drohungen kein so großes Gewicht beigelegt. Seine Frau sei auch oft schlechter Laune und jähzornig gewesen.... „Sie widersprechen sich da in etwas," meinte der Präsident, „einmal sagen Sie, Sie hätten schon immer für Ihre Frau ge- fürchtet, und dann wieder, Sie hätten den Drohungen der Ange- klagten kein Gewicht beigelegt, wie ist das nun?... Die Aeuße- rungen haben sie jedenfalls doch bestimmt gehört?" „Ja." sagte der Zeuge,„das Mädchen hat meine Frau bedroht!" „Nun, wir werden ja auch noch eine andere Zeugin darüber hören, die unverehelichte Neumann, die bekunden wird, die An- geklagte habe gesagt: man müßte der Alten Rattengift in den Kaffee machen!" „Das hat er gesagt!" Die Aeußerung aus dem Munde des blonden Mädchens kam so plötzlich, daß alles auf sie hinblickte. „Wer?" fragte der Präsident.„Der Herr Zeuge?" „Ja!" schrie die Angeklagte.„Der da!" Ihr Gesicht erlitt bei diesem Ausruf eine furchtbare Verände- rung. Die dunkelrotc Farbe hatte einer Leichenblässe Platz gemacht; Auguste schwankte und stürzte mit dumpfem Gepolter in die An- klagebank. Der neben ihr sitzende Schutzmann sprang zu. Die sachvec- ständigen Aerzte näherten sich und konstatierten eine tiefe Ohn. macht. Man trug die Ohnmächtige ins Beratungszimmcr. „Darf ich vielleicht jetzt geh'n?" fragte der Zeuge Schwarz mit scheuem Umblick,„ich fühle mich so angegriffen." „Sic müssen bleiben!" erwiderte der Vorsitzende mit kaltem Blick auf das fahle, schwcihbedccktc Gesicht des kleinen, dickbäuchigen Mannes. Bald darauf trat einer der Aerzte wieder in den Saal und redete, von hinten an den Vorsitzenden herantretend, leise mit ihm. Die Geschworenen reckten die Hälse, der Zeuge stand noch immer dicht vor dem grünen Tisch. Er atmete schwer. � Der Richter fixierte ihn einige Sekunden lang mit krauser Stirn und zusammengekniffenen Lippen. .Mir wird soeben gesagt, daß die Angeklagte schwanger ist und daß«sie sie als den Vater angibt. Stimmt das, Zeuge? Der kleine dicke Mensch antwortete nicht, er zitterte nur. „Und nun will ich Ihnen etwas sagen!" Der Vorsitzende stand plötzlich auf und richtete sich zu seiner vollen, stattlichen Höhe empor. „Nicht das arme Mädchen dadrin, Sie selbst haben den Mord an Ihrer Frau begangen! Sie sind der Mörder!!" „Nein! nein!" heulte Schwarz.„Ich... ich... es is nich wahr!... Die lügt!... Die!... Das is alles nich wahr!" Aber der Vorsitzende, hoch aufgerichtet und mit starker Stimme, ließ den sich Windenden gar nicht zur Besinnung kommen. „Ich will Ihnen sagen, wie das war: Sie haben dem Mädchen heimlich das Giftbüchschen, das sie von ihrem Liebsten hatte, aus dem Korb genommen und die Baldriantropfen damit präpariert! Die Tropfen hat die Auguste Balz dann ahnungslos Ihrer Frau gegeben! Sic aber, der das Mädchen erst in Schande und Unehre gebracht hat, Sie haben sich durch diesen unerhörten Schurken- streich von der Frau und von dem Mädchen zugleich befreien wollen! Das ist ein so grauenvolles Verbrechen, daß Sie nichts tun können, als Ihre Seele Gott befehlen, und sich von dieser furchtbaren Last durch ein offenes Geständnis erleichtern!" Bis dahin hatte der dicke Mann mit irrem Entsetzen in den Augen zu dem Richter aufgeblickt. Jetzt war's, als risse ihn eine unsichtbare Hand plötzlich an der Schulter herum, er stürzte vor- wärts, nach der Saaltür zu. „Halt! Schutzmann! fesseln Sie diesen Menschen!" Und während der laut Heulende und Schreiende mit Hand- schellen geschlossen und abgeführt wurde, trat, von den Acrzten gestützt, das blonde Mädchen wieder herein. Sic wußte gar nicht, warum alle diese Menschen, die doch eben noch ihr Leben verlangt hatten, ihr nun auf einmal zujubelten. tNaldvrua verbol«».! Das paradoxe und das<£Uinderbare. Von Prof. Ernst Mach. Die Körper unserer Umgebung sind nicht nur sichtbar, sondern auch greifbar und in der Regel auch unfern übrigen Sinnen wahr« nehmbar. Wir fühlen sie beim Betasten heiß, warm, kühl oder kalt; wir hören sie, wenn wir daran stoßen oder klopfen, und zu- weilen zeigen sie noch einen gewissen Geruch oder Geschmack. Viele dieser Körper sind starr, d. h. von unveränderlicher oder wenigstens schwer veränderlicher Form und Größe, andere wieder weich und biegsam. Die meisten können von einem Ort zum andern bewegt werden. Wir finden sie dort, wo wir sie gelassen haben, mit allen ihren Eigenschaften wieder vor. Dieser Inbegriff der Körper mit ihren bekannten aneinander gebundenen Eigenschaften macht unsere gewohnte, behagliche Umwelt aus, die wir kennen, nach der wir uns einrichten, in der wir uns zurechtfinden. Ihre Kenntnis macht das Leben nicht nur bequem, sondern überhaupt erst möglich. Wäre unsere Umwelt jeden Augenblick eine andere, so könnten wir sie weder kennen lernen, noch benutzen, noch in irgendeiner Weise mit ihr vertraut werden. Die Beständigkeit der Umwelt bedingt auch unsere leibliche und geistige Beständigkeit. Eine bedeutende Aendi» rung in unserer Umwelt, z. B. nur ein Wärmegrad, der alle? Waffer dauernd zu Eis machen, oder alles Wasser in Dampf ver» wandeln würde, das Fehlen oder die starke Verminderung de» Sauerstoffs in der Luft, ein großes Uebergewicht der Kohlensäure in der Zltmosphäre usw., würde auch unsere Beständigkeit in Frage stellen bezw. aufheben. Kleinere Schwankungen der Umgebung, etwa den Wechsel von Sommer und Winter, lernen wir durch unser Verhalten ausgleichen; wir lernen die Umwelt in einem weitern Spielraum kenne» und beherrschen durch Vergleichung auch geistig die Bedingungen des Wechsels. Für uns Menschen ist nicht nur ein gewisser Grad von Bestän» digkeit notwendig, sondern auch ein Grad von Veränderung förderlich. Ein Knabe, der mit einer Weinflasche spielt, hat den Eindruck eines Körpers von recht unveränderlicher Größe und Form. Versenkt er aber etwa die Flasche zur Kühlung in Wasser, s scheint sie sich zu verkürzen. Diese Erfahrung macht ihn stutzig und auf Aehnliches aufmerksam. Er merkt auch, daß ein klarer Bach weit weniger tief erscheint, als er sich bei dem Versuch, durch- zuwaten oder beim Sondieren mit einem Stab erweist. Bei dem Versuch, einen Fisch im Wasser zu treffen, muß er mit der Flinte oder mit der Gabel tiefer zielen, als der Fisch zu stehen scheint. So findet der Knabe sich zunächst praktisch mit den Variationen der Umstände seiner Umgebung ab. Auf den reiferen Menschen wirken nun derlei Erlebnisse als Paradoxic» sauffallende Sonderbarkeiten), die das Denken nicht mehr zur Ruhe kommcn lassen. Er wundert sich, daß er gewöhnlich die Objekte in der Seh» richtung, d. h. in der Richtung des Lichtstrahls trifft, im Falle der Versenkung der Gegenstände ins Wasser aber nicht. Er bemerkt schließlich die Ablenkung des aus Luft ins Wasser oder umgekehrt übertretenden Strahles und verstefft nun beide Fälle, den ge« wohnlichen und den ungewöhnlichen, nach derselben Regel, durch die Richtung des ins Auge gelangenden Lichtstrahls. So ergeben sich in unscheinbaren Beobachtungen die Anfänge der Wissenschaft und Technik, die den Menschen intellektuell und praktisch zugleich fördern. Der Erfahrungskreis des Menschen ist von Haus aus größer, als jener der Tiere, und ist zudem durch die Kultur mächtig ge» wachsen. Wir setzen voraus, daß greifbare Körper auch sichtbar, sichtbare auch greifbar sein müßten, kurz, daß Körperliches im all- gemeinen allen Sinnen zugänglich ist. Doch haben wir Körper kennen gelernt, denen manche sinnliche Merkmale fehlen. Ein« zelnen Körpern fehlen fast alle sinnlichen Merkmale; diese können nur durch besondere Veranstaltungen herbeigeführt werden. So wird die Luft nur durch heftige Bewegung oder durch Einschließen in einen Schlauch tastbar, durch Glülen in einer elektrischen Röhre sichtbar. Der Mensch kennt auch als Kulturprodukt das Glas, durch das er zivar hindurch sehen, durch das er aber nicht hindurch greifen kann. Ein solches Kulturprodukt ist auch das Feuer, um nur das wichtigste und auffallendste zu nennen. Wenn selbst der Mensch zum erstenmal einem Ding gcgcnübertritt, das nur einem Sinn zugänglich ist, wie das Bild im Planspiegel, oder noch mehr das reelle Bild im Hohlspiegel, das nur sichtbar, aber nicht greifbar ist, so bedingt dies einen ganz ungewöhnlichen, wunderbaren, er« schütternden, ja gespensterhaften Eindruck. Besonders stark können wir diesen bei Kindern der Wildnis beobachten, aber auch bei Tieren mit ausgebildetem Gesichtssinn, bei Vögeln, Katzen, Affen. Diese Tiere �wollen erst durch das Glas hindurch, suchen dann hinter dem Spiegel nach dem vermeintlichen Gefährten, verlieren aber meist bald das Interesse, wen» sie diesen nicht finden. Nur der Affe st a u n t noch ein Weilchen rbcr diesen Fall. Der„klügste Affe", der Mensch, fängt aber gerade hier erst an nachzu» denken. Hunde, deren Hauptorakel die Nase ist, verhalten sich gegen dieses Wunder meist gleichgültig. Da nun selbst der Mensch gegen Objekte, wie das Glas und das Feuer, wenn sie ihm noch unbekannt wären, einfach anrennen würde, so dürfen wir un! nicht wundern, daß Tiere, besonder» solche von niederer Organisation, diesen Dingen ganz ratlos gegenüberstehen. Verirrt sich ein Vögelchen durch em oftrne» Fenster in unsere Wohnung, s« fliegt e» leicht einigemal uwzestüm gegen die Glasscheiben des geschlossenen Fenster» an. E» meint, wo e» durchsehen tan», mühte e« auch durchfliegen können. Durch wiederholten Versuch lernen die Stubenvögel da» GlaS kennen. Biel schlimmer sind die Fliegen, Bienen, Wespen. Falter daran. Die sind durch keine Erfahrung zu belehren; sie summen und flattern sich an einer Fensterscheibe zu Tode. Ja der Mensch. wenn er die Vorsehung spielen und sie au» einer so kritischen Lage befreien will, hat oft eine recht harte Arbeit mit ihnen; er muh sie einfach fangen und zum geöffneten Fenster hinauswerfen, wenn er nicht an einem späteren Tage die verdorrte, getrocknete Leiche am von der Sonne beschienenen Fenster finden will. Nur die Stubenfliege, die vertraut« Genossin de» Menschen, kennt ein wenig das GlaS und benimmt sich etwas klüger. Sie fliegt auch nur ganz ausnahmsweise in die Flamme, während unsere Lampen- flammen an Sommerabcnden da» Grab unzähliger Falter und anderer geflügelter Insekten werden. Ebenso fuhren die Leucht- türme den Untergang zahlreicher Vögel herbei, die sich an ihnen gu Tode stohen. Die Insekten und Vögel haben eben den Leben». inftinft erworben, nach dem Lichten und Farbigen zu fliegen: da» Eeuer ist aber ein zu seltene» Naturobjekt, al» dah e» in deren ebensgewohnheiten einhezogen werden könnte. Man hat gelegent. lich auch an den Mond gedacht und gefragt, warum die Falter »icht nach dem Monde fliegen? Einfach oarum, weil sie die» nicht leisten können. Ins Mondlicht fliegen sie schon. Denn, wenn etwa ein Wasserfall im Mondlicht glänzt, stürzen sich ganze Scharen von Faltern in diese» Ziel, da» ihnen erreichbar ist und finden dort oft ihren Untergang. Die leibliche und seelische Natur de» Menschen und der Tie« ist wesentlich dieselbe. Was den Menschen einer gröheren Aende- tung' der Umwelt gegenüber widerstandsfähiger macht, ist sein stärkeres Gedächtnis, seine lebhaftere vergleichende und ordnende Erinnerung der Erlebnisse. Au» dem beständigen Anteil der Um. well schöpft er, wie das Tier, die substantielle(wesenhafte) Auf- fasiung dieser Umwelt. Jede Störung dieser gewohnten Auf- fassung empfindet er ebenfalls zunächst al« eine B e u n r u h i- oung. Ein ftind spielt mit einem Wasserstoffballon; dieser hat durch einen zufälligen Nadelstich eine klein« Lücke erhalten; er steigt noch auf, fällt aler alsbald, zu einem kleinen, unscheinbaren Ding geschrumpft, herab. Das Kind wendet suchend den Blick nach allen Seiten, um das grosse Ding zu finden, da» eben noch da war und dessen plötzliche» Verschwinden es nicht fassen kann. E» verhält sich ebenso, wie der Hund, von dem Romane» erzählt. der durch das Platzen grosser Seifenblasen beftemdet war. Ein einen Knochen benagender Hund zog sich scheu zurück, al» dem Knochen durch einen unsichtbaren Faden eine anscheinend selb- ständige Bewegung beigebracht wurde. Durch geschickte Irreführung der hartnäckig substantiellen Auffassung der Umwelt erzielt der Taschenspieler seine schönsten Erfolge. l Schluß folgt.) kleines Feuilleton. Der Naueuer Telesunkenturn. Befremden und Verwunderung mag am Sonnabend bei den Telegraphisten der fern auf dem Welt- meere schwimmenden Ozeandampfer geherrscht haben, al« plötzlich jede Verständigung mit Nauen, der größten radiotelegraphischen Station der Well, ein End« hatte. Sie konnten nicht wissen und sie wissen vielleicht heute noch nicht, dass der Sturmwind den himmelan ragenden Turm gefällt und der Verständigung au» dem Herzen Deutschland« bis in die Weiten des Weltmeeres für längere Zeit ein Ziel geletzt hat. Erst zu Ende de» Vorjahre» hatte man diese» riesige Bauwerk um das Doppelte seiner Länge, bi» auf 2vv Meter, erhöht; e« scheint aber, dass da» Ungetüm auS Stahlgerippe mit seiner giganriichen Länge dem gewaltigen Druck des Frühjahrssturmes gegenüber doch nicht widerstandsfähig genug konstruiert war. Nun liegen die Einzrlglieder de» genial erdachten technischen Hilfsmittel» zerschmettert am Boden, zwischen ihnen ein unentwirrbare» Durcheinander von Drähten, die dazu bestimmt waren, die im Telegraphistenhouse gegebenen elektrischen Wellen in die Weite deö Weltalls au« zusenden und gleichzeitig die au» der Ferne kommenden drahtlosen Nachrichten aufzunehmen. ES wird geraume Zeit dauern, bis für den umgestürzten Turm ein Ersatz geschaffen ist; denn man wird nach den Erfahrungen, die man leider hat machen müssen, gewiss für eine solidere Konstruktion und eine feste Verankerung Sorge tragen. WaS der Nauener Station ihre erstaunliche Aktionsfähigkeit gab, die sie befähigte, quer über Europa, dnö Mittels?eer und Nordafrika hinweg, über dm hohe Gebirge hinüber, varunter über die Alpen, mit Kamerun in direkte Verbindung zu treten, da» war besonder» die grosse Ausdehnung ihres Netzes von Sendedrähteir. Denn die so- genamUe Telegraphie ohne Draht hängt doch zum Teil noch von Drahtlertungen ab. Freilich nicht von solchen im landlänsigen Sinne. Der elektrisch« Funk» sendet bekanntlich Well« nach allen Richtungen au». Aber diese Well« Hab« nur eine Verhältnis« mäßig gering« Wanderfähigkeit. wenn sie ausschliesslich von dem räumlich sehr kleinen Funkengebild«, da» die elektrisch« Wellen hervorruft, ausstrahlen. Wenn man an dem Gebeapparat für die Funkentelegramme ein« Droht befestigt und ihn hoch in di» Luft führt, so hat dieser Draht di« Eigenschaft, eben- fall» elektrische Wellen auszustrahlen. Und löst man d« Draht in ein grosse», weitgespannte» Netz von Drähten aus, so hat man ein« weite Fläche gewonnen, die in ihrer ganzen Ausdehnung elektrische Wellen strahlt. Je höher der Sufhängepunkk diese» Neye» liegt, desto grösser wird die StrahlungSfläche und desto weiter der Raum, den die Aetherschwingungen frisch und lebendig durchstreichen können. In Nauen hat man zum erstenmal in Deutschland mit diesen Sendedrähten einen Versuch im ganz Grossen gemacht. Man hat ihnen einen Turm von der ungewöhnlichen Höh« von 100 Metern erbaut, und man hat infolgedessen die bereit» erwähnte Verständigung auf 6600 Kilometer bl» nach Kamerun erzielen können. Die Erhöhung des Turme» auf 200 Meter Höh« sollte die Leistungsfähigkeit der Station gewissermassen von jeder Entfernung unabhängig machen, und man gab sich der Hoffnung hin, unmittelbar von Berlin nach New Dork sprechen zu kömien. Das mit einem sehr beträchtlichen Kostenaufwand« errichtete Bauwerk gab der Raumer Station einen bedeutenden Vorrang über alle fest- ländisch« Funkenstationen. Da» von der Turmspitze allseitig sich dehnende elektrische Netzwerk umfasste schon zurzeft der früheren, nur 100 Meter betragenden Höhe de» Turmes einen Flächenraum von 60000 Quadratmeter. Staunenswert erscheint dem Beschauer da» geheimnisvolle Werk der Telefunkenleute. Im Stationshause, neben dem der schlanke Turm riesenhaft gen Himmel stieg, und neben dem er gewiss recht bald wieder zu seiner allen Höhe emporwachsen wird, befinden sich aus einem kleinen Tisch einige Apparate, darunter ein Morseschreiber. Will der Telegraphist sehen, ob etwa irgendwo aui der Erde telegraphiert wird, so dreht er einen von der Decke herabhängenden Hebel, womit er die Turmdräht« von den Gebeapparaten, die die Depeschen aussenden, abschaltet und sie al» Aufnehmer der etwa durch den Weltenraum sich bewegenden elektrischen Wellen für die Empfangsapparate der Station wirkiam macht. Oft dauert es nur wenige Sekunden, während der der Telegraphist an den Hebeln dreht, bis der Morseapparat zu klappern beginnt, ganz scharfe und deutliche Schläge. Der ablausende Papierstreifen zeigt in der Punkt« und Strich- schrift Nachrichten von irgendeinem in weiter Ferne auf dem Atlantischen Ozean seinen Kurs nehmenden Dampfer, oft deutsche, oft englische Meldungen. Mehrere Tagereisen, viele Tausend Seemeilen mag das Schiff entfernt sein; aber was in seiner Telegraphenkabine der Schiffstelegraphist über die Spitze de» Mastbaum» in den Aether sendet, da« äussert sich im gleichen Moment auf der Telefunken« station de« kleinen märkischen Städtchens mit grösster Deutlichkeit. Wunderbar« Erfindung des Menschengeistes, die derart Raum und Zeit mit absoluter Souveränität zu überwinden versteht I Ans der Vorzeit. Ein vorgeschichtlicher Wald. Wie bedeutende Um« wälzungen am Meeresstrande durch starke Stürme hervorgerufen werden, beweist eine überraschend« Entdeckung, die an einer gewiss gut bekannten Küste gemacht worden ist. Am St. CeorgSkanal liegt im südwestlich«» Wales der Ort Freshwater, und hier trat Ende März eine ungewöhnlich hohe Springflut in Verbindung mit einem heftigen Sturm auf. Dadurch erfolgten grosse Umlagerungen von Sand- und Schlammassen, und infolgedessen kamen die Rest« eines uralten Waldes zum Vorschein, von dem bisher niemand gewußt halte. Ohne Zweifel gehört er bereits der vorgeschichtlichen Zeit an, denn die erhalten gebliebenen Baumstümpfe, die noch mit ihren Wurzeln in dem schwärzlichen Sandstein sestiassen, waren bereits Über einen Fuss hoch in eine Torfschicht gebettet. Später ist dann da? Ganze vom Meer bedeckt und durch die Brandungswellen und Strömungen mit Sand und Schlamm beschüttet worden. Da auch in den Ueberlieferungen nirgend von einem Wald an diesem Teil der englischen Küste die Rede ist. so ist anzunehmen, daß er bereits untergegangen war, ehe das Menschengeschlecht in die Zeit der eigentlichen Geschichte eintrat. Leider sind bisher keine Reste gesunden worden, die auf die Tätigkeit des Menschen an diesem Platz deuten können, aber nach der vorläufigen Untersuchung wird da» Alter dieser Ablagerungen mit ziemlicher Sicher- heit auf di« jüngere Steinzeit verlegt, die an anderen Stellen der englischen Küste nachgewiesen worden ist. Danach ist es erstaunlich, dass daS Holz der Baumstümpfe sich noch so gut er- halten hat. An einigen Stellen fteilich macht es einen verkohlten Eindruck, war an andern aber nur wenig gedunkelt, auch noch ganz hart und biegsam. Die meisten Stämme zeigen eine feste Kruste von Sandstein, der vielleicht zu ihrem Schutz beigetragen hat. In einer der sandigen Deckschichten, die zum Teil einen grossen Gehalt an Eisenkies aufweist, ist ein gewaltiger Knochen von» Fuss Länge und 20 Zentimeter Dicke in gutem ErhaltungSzuftand aufgefunden worden. Er stammt wahrscheinlich von dem Schädel eine» Wals, der hier nebst bedeutenden Massen von Treibholz m Sand begraben wurde. Solche versunkenen Wälder find übrigens auch an den nord- deutscheu Küsten bekannt._ Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckereiu.Veriagsanstclt Paul Singer&Ho., Berlin LVV.