Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 67. Donnerstag den 4. April. 1912 !l?!aKl>ruit xerbottn.) 67] pelle der Gröberer. Der ßrofte Kampf. Roma» vonMartinAndersenNexZ. 35. Die letzten Verhaltungsmaßregeln der Arbeiter versetzten die Stadt in furchtbare Empörung. Sie bekamen mit einem Schlag die ganze Oeffentlichkeit gegen sich: die Presse wütete und stieß Drohungen aus. Selbst die freisinnigen Blätter machten geltend, daß die Arbeiter die Gesetze der menschlichen Humanität überschritten hätten. Aber der„Arbeiter" machte kaltblütig darauf aufmerksam, daß es sich für die Unter- klassen um Leben oder Tod handelte. Sie seien bereit, bis zum äußersten zu gehen; sie hätten es noch in der Hand, Wasser und Gas abzusperren— die Betriebsmittel und die Lebensmittelversorgung der Hauptstadt. Da wandte sich der Druck gegen die Arbeitgeber, irgend- wo mußte man sich ja Luft schaffen. Wofür wurde denn im Grunde gekämpft? Um eine ganz einfache Machtfrage l Sie wollten allein bestimmen und Hand- und Halsrecht über ihre Arbeiter haben. Die Finanzleute, die hinter den großen Unternehmungen standen, hatten die Sache jetzt auch satt. Es wurde nachgerade eine teure Geschichte, und der Vorteil, der daraus erwuchs, wenn daS Zusammenhalten der Arbeiter zerbrochen würde, war nicht groß, sobald die Industrie gleich- zeitig vernichtet würde. Pelle sah, wie daS Werk wuchs, während er in den kleinen Straßen umherging und nach Vater Lasse suchte. Jetzt also vollzog sich die Sache von selbst, und er konnte ruhen. Eine unendliche Last war von seinen Schultern ge- nommen, und nun wollte er auch die Erlaubnis haben, die Ueberreste seines eigenen Glückes zu sammeln— und endlich einmal etwas für den sein, der sich immer für ihn geopfert hatte. Jetzt wollten er und Lasse eine Wohnung zusammen nehmen und das alte Zusammenleben wieder aufnehmen: er freute sich darauf. Vater Lasses Gemüt war doch das einzige. was niemals an dem seinen zerschellen konnte, sondern das durch alles hindurch gehalten hatte: es war wie die Liebe einer Mutter. Lasse hauste nicht mehr in seinem Nest hinter der Bäcker- straße. Das alte Frauenzimmer, mit dem er zusammen gelebt hatte, war vor kurzem gestorben, und da war er ver- fchwunden. Pelle fragte sich weiter und. bekannt wie er unter den Armen war, wurde es ihm nicht schwer, die Spur des Alten zu verfolgen, die allmählich nach Kristianshafen hinauswies. Während seines Forschens stieß er auf viel Elend, das ihn aufhielt. Jetzt, wo sich der Kampf selbst abspielte, sprang ihm die Not in die Augen, und altes Mitleid quoll stark in ihm auf. Er half, wo er konnte, stampfte Auswege aus der Erde, mit seiner gewohnten Energie. In der„Arche" selbst war Lasse nicht gewesen, aber irgend jemand hatte ihn in arger Verfassung auf der Straße gesehen: wo er sich aushielt, wußte niemand.«Hast Du schon in den Kellern des„Handelshauses" da drüben nachgesehen?" fragte der alte Nachwächter,„da hausen viele in diesen schlimmen Zeiten. Jeden Morgen um sechs Uhr schließe ich den Keller auf, und dann rufe ich hinunter und warne sie, da- mit sie nicht gefaßt werden. Wenn ich dann glücklich weg bin, kommen sie herauf geschlichen. Mir ist, als hätte ich von einem alten Mann gehört, der da unten liegen soll, aber sicher bin ich nicht, denn ich habe ja Watte in den Ohren. Da- zu bin ich in meiner Profession gezwungen um nicht allzuviel zu hören!" Er ging mit Pelle hinüber. Das„Handelshaus", das im achtzehnten Jahrhundert das Palais einer der großen Kristianshafener Handels- familien gewesen war, war jetzt Speicher: es lag nach einem der Kanäle hinaus. Die tiefen Keller, die sich ganz unter dem Wasserspiegel des Kanals hinzogen, lagen jetzt unbenutzt da. ES war stockdunkel und unwegsam da unten, die Luft legte sich fressend auf die Stimme. Sie leuchteten zwischen den Pfeilern herum, hier und da fanden sie ein verlassenes Nacht« lager aus Stroh.„Hier ist niemand," sagte der Wächter« Pelle rief und hörte ein schwaches Räuspern: tief drinnen! in einem der Mauerlöcher lag Vater Lasse auf einer Matratze� „Ja. hier liege ich und warte auf den Tod," flüsterte er.„Jetzt währt es nicht mehr lange: die Ratten haben schon ange« fangen, an mir herum zu schnüffeln." Die naßkalte Luft hatts ihm die Stimme genommen. Er war überhaupt in jammervoller Verfassung, abe« Pelles Anblick belebte ihn doch so weit, daß er auf den Beinen! stehen konnte. Sie brachten ihn nach der„Arche" hinüber, der alte Nachtwächter trat ihnen seine Stube ab und zoz selbst zu der Witwe Johnsen hinauf. Da er de? Tages schlief und des Nachts auf Arbeit war, ließ es sich einrichten, obwohl sie nur ein Bett hatte. Als Lasse in das warme Bett gekommen war, lag er dai und zitterte: ganz klar im Kopf war er nicht. Pelle'wärmte Bier, der Alte sollte eine Schwitzkur durchmachen: von Zeit zu Zeit setzte er sich an das Bett und sah den Vater be- kümmert an. Lasse lag da und klapperte mit den Zähnen, die Augen hatte er geschlossen: hin und wieder versuchte er zu sprechen, konnte aber nicht. Der warme Trank half ihm ein wenig, das Blut strömte wieder in die toten, eiskalten Hände, und die Stinime brach sich Bahn. „Glaubst Du, daß wir einem strengen Winter entgegen- gehen?" fragte er plötzlich und wandte sich nach der Seite um. „Wir gehen jetzt dem Sommer entgegen, lieber Vater," erwiderte Pelle.„Aber Du mußt nicht mit dem Rücken bloss liegen." „Mich friert so schrecklich, beinahe so, wie ich im Winter gefroren habe; das möchte ich nicht gern noch mal durch- machen. Die Kälte greift mir so in das Rückgrat hinein. Großer Gott, die armen Leute, die auf See sind!" „Um die brauchst Du nicht besorgt zu sein, sieh nur zu, daß Du wieder gesund wirst: heute haben wir Sonnenschein und schönes Wetter auf See!" „Laß mir dann doch ein wenig Sonnenschein hier herein." sagte Lasse gereizt. „Da ist eine große Brandmauer vor dem Fenster, Vater," sagte Pelle und beuge sich über ihn nieder. „Na ja, ich werde wohl schon fertig werden, das bißchen Zeit, das rch noch iibrig habe! Und dem Nachtwächter kann es ja egal sein; der wacht des Nachts und sieht die Sonne doch nicht. Das ist eigentlich ein merkwürdiger Beruf! Aber es ist ja gut, daß jemand über uns wacht, während wir schlafen." Lasse lag da und wackelte ungeduldig mit dem Kopf. „Ja, sonst kämen sie wohl in der Dunkelheit der Nacht und nähmen uns unser Geld," sagte Pelle scherzend. „Ja, das würden sie wohl tun!" Lasse versuchte zu lachen.„Wie steht es denn mit Deiner Sache, Junge?" „Die Verhandlungen sind im Gange; gestern haben wir die erste Versammlung abgehalten." Lasse lachte, so daß es in seinem Hals siedete.„Dann haben die Feinen den Most doch nicht länger vertrage» können! Ja, ja, ich habe ja Bescheid gewußt, wenn ich auch da unten krank in der Dunkelheit gelegen habe. Des Nachts, wenn die anderen hereingeschlichen kamen, erzählten sie mir davon: dann haben wir ordentlich gelacht über Deinen Ein- fall.— Aber mußt Du denn nicht bei den Verhandlungen da- bei sein?" „Nein, ich habe mich entschuldigt, ich habe keine Lust, da zu sitzen und an den Enden eines Paragraphen zu zerren. Jetzt will ich auch bei Dir sein, und dann wollen wir beide es uns gemütlich machen." „Ich bin bange, daß wir nicht mehr viel Freude von- einander haben werden. Junge!" „Du bist ja jetzi wieder ganz munter. Morgen sollst Du sehen..." „Ja— nein, der Tod betrügt nicht. Ich habe den Keller nicht vertragen können." „Warum hast Du das auch nur getan. Vater? Du. wußtest doch, daß Dein Platz zu Hause dastand und auf Dich wartete." -"-.„TSo, Tu mukt mir meinen Eigenwillen vergeben, Pelle. Aber, um beim Kampf zu helfen, war ich zu alt, und dann dachte ich: du willst ihnen wenigstens nicht zur Last liegen, solange die Sache noch währt! Auf die Weise habe ich auch mein Teil dazu beigetragen, und glaubst Tu wirklich, daß was dabei heraus kommt?" ..Ja, jetzt siegen wir. und dann fängt die neue Zeit finden armen Mann an!" „Ach ja, an dem Schonen habe ich keinen Anteil mehr. Dies war. als diene man bei dem bösen Kobold, wo über der Tür steht: Heute arbeiten, morgen essen! Und morgen, das kam nie. Was mir an Gutem widerfahren ist, haben mir die Meinen geschenkt: ein armer Vogel zupft sich ja die Federn aus, um den anderen zu bedecken. Ich kann mich auch nicht beklagen-, böse Tage habe ich gehabt, aber es gibt wohl Menschen, die es noch schlimmer gehabt haben. Und die Frauenzimmer sind immer gut gegen mich gewesen. Bengta war ja ein Gnatzpott, aber sie meinte es nicht böse: Karna hat mir Geld und Gesundheit geopfert. Gott sei Dank, daß sie es nicht mehr erlebt hat, wie sie mir den Hof wegnahmen. Denn ich bin auch Hofbesitzer gewesen, das hätte ich beinah in allem meinem Elend vergessen. Ja, und die alte Liese, die Bettelliese, wie sie sie nannten, hat ja Brot und Bett mit mir geteilt! Sie ist am Hunger gestorben, so flott wie sie tat. Willst Tu das wohl glauben? Iß! sagte sie. wir haben Essen genug! Und ich Teufel aß die letzte Kruste auf und ahnte nichts, und am Morgen lag sie tot und kalt an meiner Seite: da war auch nicht eine Faser Fleisch an ihrem ganzen Körper. nur die Haut über den trocknen Knochen. Aber ein Engel Gottes war sie doch! Wir haben das Lied zusammen gemacht, sie und ich.— Ach, ja, arnie Leute essen einander das Brot vor dem Munde weg." Lasse lag eine Weile in Erinnerungen versunken da und fing an zu singen, mit den Gebärden von den Höfen her. Pelle hielt ihn zurück und suchte, ihn zur Vernunft zu bringen: aber der Alte glaubte, daß er es mit den Straßenjungen zu tun habe. Als dann der Vers von seinem Sohn kam, da weinte er. „Weine doch nicht, Vater," sagte Pelle ganz außer sich und legte seine schwere Stirn gegen die des Alten.„Ich bin ja wieder bei Dir!" Lasse lag eine Weile da und blinzelte mit den Augen, seine Hand tastete über den Kopf des Sohnes hin und her. „Ja, Du bist ja auch bei mir," sagte er matt,„und ich glaubte. Du wärest wieder fort. Weißt Tu was. Pelle? Tu bist alle Zeit das Licht meines Lebens gewesen! Damals, als Tu zur Welt kamst, war ich ja schon über meine besten Jahre hinaus: dann kamst Du, und es war, als wenn die Sonne von neuem geboren würde. Was er wohl mit sich bringt, sagte ich zu mir selbst und hob Dich in die Höhe. Du warst nicht größer als eine Dreiviertel-Literflasche. Vielleicht wird erchas Glück einfangen, dann fällt auch ein bißchen für Dich ab! So dachte ich und habe das immer geglaubt. Jetzt muß ich es ausgeben. Aber Dein Ansehen habe ich doch noch erlebt. Ein reicher Mann bist Du nicht geworden, und das kann auch gleichgültig fein: die Armen sprechen gut von Dir. Tu hast den Kampf für sie ausgefochten, ohne etwas für Deinen eigenen Mund zu nehmen! Jetzt verstehe ich es, und mein altes Herz freut sich darüber, daß Tu mein Sohn bist!" tFortsetzung folgt.)' Olteroäe. Der BormittagSdienst ist zu Ende. Es ist die Zeit des Kctn- pagniccxerzierens, des schlimmsten Drills. Morgens um halb sieben begann es mit Turnen auf den Korridoren, Armausrcißcn nennt man es in der Soldatenfprachc. Um acht standen die Leute auf dem Exerzierplätze, einer von Mit- liardcn Tritten festgestampslen Sandplatte außerhalb der Stadt. Dort ging es ohne Pause bis zum hohen Mittag: Einzelmarfch. Rottenmarsch, Frontmarsch in Gliedern, Gruppen und Halbzügen; dann die Halbzüge zu Zügen, die Züge zu Kompagnien zusammen- gezogen. Darauf Griffe; Einzelgriffc, Griffe in Zügen und in der .ilompagnic; Richtung üben, dies erschöpfende Stillstehen straffster Konzentration des ganzen Körpers; das Kommando: Laufschritt in Halbzügen üben! bederrtct eine Erlösung dagegen. Drei Viertel- stunden geht es ohne Rast kreuz und quer über den Platz. Atcni- pausen von dreißig Sekunden und dann laufen und dabei in Tritt bleiben und das Gewehr stillhalten. So ging es einen Tag wie alle Tage. Von der Rekrutenvor- stcllung im Januar bis zu den letzten Märztagcn.„Kerls," hieß es,„jetzt beim Kompagniccxerzieren müßt Ihr alles hergeben, was Ihr habt!" Ab«r so heißt es bei jedem Dienst. find wenn der Kompagnicchcf einen erblickt, von dem er glaubt, er gäbe nicht alles her, was er hat, so verordnet er Nack)- Hilfe. Erste Form: während die übrigen einrücken, bleibt der un- geschickte oder schwächliche Bursche aus dem Kasernenplatze und übt weiter: Marsch, Laufschritt, Marsch. Am meisten Laufschritt, weil der am meisten wirkt. Zweite Form: Taueranschlag mit aufgc- pflanztcm Seitengewehr. Kniebeuge mit Gewehrstrcckcn nach Zählen usw. Dritte Form: Faustschläge gegen die Kinnbacken, Tritte in das Gesäß, Schläge mit der Säbelscheide gegen die Fingcrknöchcl« Alle drei Formen sind sehr modifikationsfühijj. Wenn die Leute nach solchen Leistungen auf�ie Stube kommen, sinken sie erschöpft aufs Bett oder schieben den Schemel in die Ecke und setzen sich. Ter Körper kennt nur ein Bedürfnis: Ruhe. Da schrillt die Stimme des Vorgesetzten: Habt Ihr Eure Sachen schon im Schuß? Heute abend ist Appell mit Kochgeschirren I Oder mit Stiefeln Tornistern, Brotbeuteln, Röcken. Tie Leute erheben stch, recken mühsam die schnell steifgewordcnen Glieder gerade, taumeln an ihren Schrank und bringen die Sachen„in Schuß". Aber sie fühlen sich ungebührlich belästigt, zu Unrecht gequält. Sie wollen ja gern ihre Schuldigkeit tun, wollen laufen und mar- schieren, turnen und springen; es muß ja Wohl so sein. Aber wenn sie nun so über alle Maßen müde in die Kaserne gelommen sind. dann wollen sie ihre Ruhe haben. Und wenn sie sich eben nieder- gelassen haben, da jagt sie die Stimme des Vorgesetzten wieder empor. Gereizt werfen sie mit den Sachen umher und der Zorn glimmt in ihnen. Zuweilen flammt er in einem galligen, bitteren oder heftigen Worte auf. So ging es Tag für Tag. Schwere Strapazen beim Exer- zieren, kleinliche Schikane beim inneren Dienst, bei beiden äußerste Strenge, durch hämische und grobe Redensarten vergiftet. Zuerst achtete man des Schicksals der übrigen nicht, man freute sich nur, daß man selbst leidlich durchkam. Bei einigen regte sich auch die Schadenfreude, wenn der andere litt. Aber das verging. Tie ewige Wiederkehr der gleichen Grobheiten, der gleichen Stra- pazcn, der gleichen Mißhandlungen wob leise ein Band um die Leute. Halb unbewußt zuerst setzte sich etwas wie ein Zusammen- gehörigkeitsgcfühl in ihnen fest. Das ward mit jedem Tage stärker, denn jeder Tag brachte neue Unbill. Solch ein Zustand wirkt sehr unterschiedlich. Ter eine schimpft: verfluchte Bandet und ist erleichtert. Der zweite droht: wenn ich erst wieder frei bin! und hat damit für den Augenblick ebenfalls den aufsteigenden Zorn beschwichtigt. Der dritte sagt gar nichts, aber seine Sinne sind bis auf den tiefsten Grund aufgewühlt. Und jeder neue Tag, jeder Anblick frischer Leiden läßt die innere Glut mächtiger werden. Aber er verschließt sie und zeigt weder in Gebärden, noch in Worten, wie es in ihm aussieht.� Er verschließt sie. Und diese eingeschlossene Glut schmilzt tausend und aber tausend klare und unklare Gedanken zu einem Kristall zusammen, zu einem Vorsatz, so hart wie Kristall und so klar wie Kristall. Der Vormittagsdienst ist zu Ende. Nach fünf Stunden angc» strengten Dienstes ist die Kompagnie eingerückt, nicht um zu ruhen, sondern um noch schnell vor dem Mittagessen mit irgendeinem Stück— waren es Stiefel oder Halsbinden?— einen Appell zu bestehen. Ter Hauptmann selbst sieht die Sachen nach. Dieser Hauptmann, etwa fünfzig Fahre alt und Junggeselle, der die Seele des ganzen anstrengenden und aufreizenden Treibens ist. Er hat den zweiten oder dritten Mann vor. Mit scharfem, strengein Blick mustert er, und die Leute zittern innerlich vor ihm. Da fällt ein Schuß. Ein harter, scharf knallender Schuß. Und da fällt der Hauptmann. Ein lähmender Schrecken zuckt durch alle und läßt sie für eine Sekunde oder den Bruchteil einer Sekunde so starr werden, starr an Leib und Seele, wie die Kaserncnmauern, die sie umgeben. Dann verschieben sich die schnurgerade ausge- richteten zwei Glieder, und alles blickt und drängt nach der Stelle, wo der Hauptmann liegt. Und ivährend ein letztes verlorenes Zucken durch den hinge- streckten Körper geht, fällt ein zweiter Schuß; etwas dumpfer als der erste. --- Zwei oder drei Minuten später sagt es der eine dem anderen: Der Vduskelicr Ehmerslebcn hat erst den Hauptmann und dann sich selbst erschosien. Sie blicken sich entgeistert dabei an und atmen tief. * Und die Zeitungen finden die Sache rätselhaft, weil Ehmcrs- leben ein guter Soldat und schon zum Gefreiten vorgemerkt war. Er sei etwas ideal veranlagt gewesen. Der Hauptmann hätte zwar ein strenges Regiment gefuhrt und der Oberst hätte ihn erst kurz vorher ersucht, den Bogen nicht zu straff zu spannen. Aber des- wegen dürfe man nicht behaupten, die furchtbare Tat sei eine Folge der strengen Behandlung. Zumal dem Ehmerslebcn ja nie etwas geschehen sei! Man werde die selbstverständlich sofort eingeleitete Untersuchung abwarten müssen. Nun haben wir sie abgewartet. Man hat erfahren, daß der mit der Untersuchung betraute KricgSgerichtSrat zu der zwcifelssrcicn Feststellung gekommen ist, daß sich der Rerut Ehmerslcben die zn der Tat benutzten scharfen Patronen widerrechtlich angeeignet hat. Das hat man öffentlich bekanntgegeben, und wenn Ehmerslebcn noch lebte, so würde er jetzt wegen Diebstahls in die zweite Klasse des Soldatcnstandes versetzt werden. Und einige Tage später hieß es:„Die Leiche des Mu-kctierS Ehmcrsleben ist am Sonntagabend, nach Eintritt der Dunkelheit, in aller Stille ocgrabcn.",. Nach Eintritt der Dunkccheit— das ist recht; denn der Fall selbst beleuchtet wie ein Scheinwerfer die ganze Armee. In der Stille— auch dagegen ist nichts zu erinnern; der Rekrut Ehmers- leben braucht keine Grabrede und auch kein Denkmal. August Winnig. (Rackdruck verbolen.) Das paradoxe und das Wunderbare. Von Prof. Ernst M a ch. (Schluß.) Jede auffallende Veränderung am Futterplatz der Vögel er- regt deren Sorge; ein Blatt Papier, ein neues Brett verscheucht sie, bis ein hungriger kleiner Held es wagt, mit seinem Beispiel voranzugehen. An dem Käfig meines zahmen Sperlings darf nicht die geringste Aendcrung vorgenommen werden, ohne seine Behag- lichkeit zu stören. Wenn das Tier auf dem Tisch herumhüpft, be- achtet es den ruhig daliegenden Serviettenring nicht; sowie aber dieser durch irgendeinen Anstoß ins Rollen gerät, nimmt der Vogel sofort eine drohende oder entsetzte Kampsttellung ein und hackt mächtig auf den Ring los, wenn er in seine Nähe kommt. Mit jedem neuen auffallenden Körper kann man das Tier erschrecken und verscheuchen. Es klingt gar nicht so unwahrscheinlich, daß ein zum Angriff bereiter Tiger Reißaus nahm, als eine zu Tode erschrockene Dame ihren Sonnenschirm gegen ihn ausspannte. Oft sind die Tiere scheinbar mutig aus Entsetzen, so wenn ein kleiner schwacher Vogel die ihn fassende Hand�beißend bearbeitet. Gar manche Spinne, Raupe oder ein anderes harmloses Tierchen wird von mancher überempfindlichen Dame nur aus Entsetzen zertreten. Wenn nun ein Mensch durch eine ungewohnte Beobachtung überrascht, befremdet oder erschreckt wird, so kommt es auf seine Denkfähigkeit an, ob er wie der Wilde vor dem phowgraphischen Apparat die Flucht ergreift, oder ob er versucht, das Neue, durch das schon Bekannte, wie in den obigen Beispielen dargelegt, zu begreifen. Je nach der Stärke seiner intellektuellen Erschütterung steht er in der Mondfinsternis ein beängstigendes, unverständliches oder phantastisch ausgelegtes Wunder, oder er entschließt sich. in einer sorgfältigen Vergleichung seiner Erinnerungen die Auf- Ilärung zu versuchen, d. h. die Gleichmäßigkeit der Auffassung des Alten und des Neuen herzustellen. Für die meisten Tiere liegt in der Scheu, in der Furcht vor dem Neuen ein wichtiger, förderlicher Schutz vor unbekannten Ge- fahren, der für diese Tiere desto wichtiger ist, je seltener sie Ge- Icgcnheit haben, in einem langen Leben oft verwertbare Erfahrun- gen zu sammeln. Was nützt einem kleinen Vogel, den schon ein Habicht in den Klauen hat, noch diese Erfahrung? Wann lernt eine Fliege die Spinne und ihr Netz kennen? Sie fliegt einmal aus dem dunklen Gebüsch durch eine Lücke ins Helle. Plötzlich fühlt sie sich von Fäden, die sie kaum sehen kann, umstrickt, dann weiter eingeschnürt, und schon steckt in ihrem Leib der hohle Dolch, durch den sie ausgesaugt wird. Für solche Tiere ist wohl der Instinkt wichtiger, alles was in der Lust fliegt oder sich sonst bewegt, furcht- sam zu meiden. Jeder, der Falter und andere Insekten sammelt, weiß, wie sehr er darauf achten muß, sich nicht zwischen seine Beute und die Sonne zu stellen, damit nicht sein Schatten das Tier der- scheuche. In früher Jugend steht das Denken des Kindes jenem der Tiere sehr nahe, und auffallende Beobachtungen sind da auch von einer nicht nur intellektuellen Erregung begleitet. Ich erinnere mich, daß ich in einem Alter von etwa 3 Jahren erschrak, als ich die Samenkapsel einer Balsamine drückte und diese sich öffnend nicincn Finger umfaßte. Sie erschien mir belebt, als ein Tier. Achnlich muß ein plötzlich in einer Falle gefangenes Tier fühlen. —- Im Alter von 5 oder 6 Jahren sah ich einmal, vor mir in der Luft schwebend, ein schönes, farbiges und andersfarbig gesäumtes Blättchcn, das bald sich vergrößernd von mir entfernte, bald sich verkleinernd näherte, bald sich hob, bald sich senkte, so daß ich es nicht ergreifen, nicht erhaschen konnte. Der ganze Vorgang er- schien mir geradezu als ein Wunder, bis ich endlich merkte, daß das Ding in meinem Auge sei. Es war wahrscheinlich ein Bleu- dungsbild von einem in der Sonne glänzenden Gegenstand, das sich mit meinen Augen bewegte, mit Aenderung der Konvergenz sich näherte und entfernte. Sehr den Intellekt betäubend und störend, sonst aber auch ge- mütlich erregend, wirkt die Vorstellung von einer dem eigenen I ch analogen, unkontrollierbaren, etwa feindlichen Macht, die bei einem ungewöhnlichen Ereignis Einfluß nimmt. Wenn ich meinem zahmen Sperling, den ich nun schon 7 Jahre beherberge und der mich sehr gut kennt und mir befreundet ist, des Abends in der Dämmerung in die Nähe komme, so sträubt er die Federn, fängt an zu fauchen und sich ganz entsetzt zu gebärden, gerade so, als ab er einen Feind oder ein feindliches Phantom erblicken würde. Bei einem im Freien lebenden Sperling, der jede Nacht van irgendeinem Ungetüm angegriffen und gefressen werden kann, ist dies ein ganz natürliches Verhalten. Es scheint dies eine an- geborene ererbte Furcht vor Feinden zu fein, die ganz den Eindruck der Gespensterfurcht macht. Tie Furcht unserer Kinder im Dunkeln können wir kaum anders auffassen. Eine kleine Nichte von mir.> die bei Tag sehr lüstig und lebhaft Hcrümwettcrte, pflegte sich abends still auf das Sofa zu setzen und die Beine hinaufzuziehen. Auf die Frage, warum sie dies tue, kam die Antwort: damit ihr der„Fuchs" nicht die Füße abbeiße. Ein kleiner, sonst sehr intelli-- genter Junge gestand mir, er fürchte sich so sehr, wenn er bei Nacht das Kindermädchen schnarchen höre. Auch die Gespenstcrfurcht der Erwachsenen ist Wohl noch ein Rest jener des Sperlings nur hat letztere den Vorzug, daß sie auf realer Grundlage beruht. Ein Herr übernachtet in einem Hotel, wird aber aufmerksam gemacht, daß es in diesem Raum nicht ge- heuer sei. ein anderer sei aber leider nicht mehr zur Verfügung. Er legt sich lachend und ruhig zu Bett. Nachts erwacht er. fühlt aber, als er sich umdrehen will, seinen linken Arm festgehalten. Es gruselt ihn schon, doch gelingt es ihm noch, mit dem freien Arn» Licht zu machen. Ein Haien an der Wand hielt das Hemd und durch dieses den Arm fest. Der Intellekt und auch das Gemüt waren hierdurch entlastet.— In irgendeiner Gegend hatten die Bauern die Gewohnheit erworben, alles abzuschwören. Der ver-> zweifelte Gerichtsbeamte saßt sich ein Herz und verbindet ein- mal, einen Meineid erwartend, das beim Schwur zu berührende Kruzifix mit einer geladenen Leidener Flasche. Der Schwur unter- bleibt, und die Meineide sollen seither in jener Gegend sehr jelten. geworden sein.— Eine Kellnerin wird gehänselt, sie hätte nicht den Mut, jetzt bei Nacht aus dem Beinhause des nahen Friedhofs einen Schädel zu holen. Sie macht sich jedoch ohne Zögern auf dm Weg. Sie ergreift einen Schädel. Da tönt es mit Grabesstimme: „Laß mir meinen Kopfl" Sie greift nach einem andern. Wieder eine warnende Stimme.„Ach was. Du Teppl Du hast nicht zwei gehabt." Die stramme Maid, wohl mit den Geistern der Finsternis vertraut, hatte kalten Blutes die Gleichheit der stimmen erkannt und enteilte mit dem Schädel. Also, ruhig Blut, lieber Leser, wem» Dir auch.einmal eine Gespenstergeschichte passiert l Camille F l a m m a r i o n, der angesehene Schriflsteller, be- handelt in seinem Buch„Das Unbekannte und die psychifcheir Probleme" eingehend die Gefpenstererscheinungen, versucht sogar statistisch sl) nachzuweisen, daß die Gespenster keine Fabel sind. Das Buch hat übrigens zwei ausgezeichnete Kapitel, die jeder lescr» sollte: 1. die Ungläubigen und 2. die Gläubigen. Tie Menschenindividucn, obgleich sie nicht mehr organisch mit» einander zusammenhängen, wie die Individuen eines Polypen» stockes, der gewissermaßen nur e i n Individuum höherer Ordnung ausmacht, stehen dennoch in dem stärksten leiblichen und seclischm Zusammenhang. Sie leben mit- und füreinander, denken an- und füreinander, ja sie können einzeln weder leben noch denken. Diese merkwürdige Tatsache will erkannt und weiter erforscht sein. Ob außerdem ausnahmsweise noch ein abnormaler, sozusagen unterirdischer psychischer Zusammenhang zwischen einzelnen Individuen besteht, wie C. Flammarion behauptet, scheint mir dem allgemeinen Zusammenhang gegenüber gar nicht von Belang. Fanderlpracbe und Schuldeutfcb* Bon Karl R ö t t g c r. Das ist ein Thema, dem nicht nur die Lehrer, sondern auch die Eltern nachgerade ihre Aufmerksamkeit widmen sollten. In den Kreisen der Lehrer hat die Kinbersprache zumeist ihre Aner- kennung errungen— lvenigstens theoretisch. Sie ist„im Prinzip" anerkannt worden—• d. h. man brandmarkt die Kindersprache nicht mehr so ohne weiteres als falsche Sprache. Ausnahmen gibt es natürlich immer noch. Wieweit man aber nun praktisch der Ent. ioicklung der Kindersproche freien Lauf läßt, das kann man viel» leicht daran erkennen, welche Sprache in den Schulen heimisch ist. Leider kann ich dq� Picht Stenogramme von der Sprache irgend, welcher Lehrer in den Schulstunden bringen(was ja sicher das beste wäre), trotzdem läßt sich die Sprache der Schule in etiva feststellen. Wir wollen dabei annehmen, daß die von den Lehrern in den Unterrichisstunden gesprochene Sprache besser ist, als die man inl den Schul- und Präparationsbüchern findet. Denn die ist durchweg schlecht. Und meist so schlecht, daß man notgedrungen davon reden muß.— In einem Aufsatz von der Sprache in der„Sonde" habe ich darauf hingewiesen, welche Wandlungen in der Anschauung über den Ursprung der Sprache und über das Wesen der Sprache wir in diesen Jahren gerade durchmachen. Ich denke mir, wenn ich einmal die Kindersprache in Beispielen zusammen mit der Päda» gogensprache(das gibt es nämlich— leider!) zeige, wird manches klar werden.— Ich gebe zunächst eine Reihe Beispiele der Kindcrsprache. Hier die Erzählung eines etwa Vk-jährigen Jungen, die ich nachschrieb: ..„da läßt der Potifar 2 Pollezistcn kommen und läßt Josef ins Kittckien stecken. Der Bäcker und der Schenke kam auch rein. Der hat fürn König immer die Plätzen gebacken, und der Schenke hat den König immer Wein eingeschenkt. Am andern Morgen—(des Nachts haben se was geträumt)— da hat er gefragt, warum seid ihr so traurig. Da haben sie im das erzählt. An einen Wcinstock, da waren drei Aeste dran und drei Weintrauben. Und er hätte sie abgepflückt und in ein Glas laufen lassen— den Saft— Da hat der Josef gesagt, was das bedeuten soll, die Aeste bedeuten drei Tage und in die drei Tage kommste raus und wirst dasselbe was du gewesen bist. Und da hat der Bäcker seinS erzählt. Der Bäcker hat gesagt, er hätte drei Körbe auf dem Kopfe und in den obersten Korb- tvarsn lauter feine Sachen brin aind ba kamen bis Vögel und haben davan gepickt. Und da hat er gesagt, was das bedeuten soll. 3 Körbe, die bedeuten 3 Tage und nach drei Tage kommste raus und denn kömmt einer vom König und hängt dich auf... Ich mutz hier bitten, Auge und Ohr beim Lesen solcher Sprache -nicht ethisch reagieren zu lassen. Bietmehr sich möglichst -intensiv zu denken: man hörte dies von einem Kinde seiner Be- fanntschast erzählen. Alsdann bekommt man die richtige Stellung. Kinderspvache will zunächst als gesprochene Sprache einmal ge- wertet tverden. Wie kann man aber gegenüber solcher spontanen Leistung eines Knaben im Erzählen noch sagen, die Kinder mutzten idie deutsche Sprache noch lernen? Ist in diesem Stück nicht eine ganz intensive Anschauung, und in der Einfachheit und Treff- sicherheit des Ausdruckes nicht eine mächtige Wirkung?..Und denn kömmt einer vom König und hängt dich auf!". Hier die ganz freie Erzählung eines Kindes:„Es war einmal «in kleines Mädchen, die hietz Lotte, die wollte gern einen kleinen Hund haben. Da sprach sie zu ihrer Mutter, wenn wir doch einen kleinen Hund hätten, so würde ich ihn an eine Strippe binden und würde mit ihm spazieren gehn. Da sprach die Mutter zu dem Mädchen: such dir einen. Da ging das Mädchen in den Wald. Da setzte sie sich auf einen Stein und hörte einen Hund bellen. Da stand sie auf und ging weiter. Da sah sie einen Hund sitzen und ging hin und nahm ihn auf den Arm. Da ging sie nach hause. Und als sie auf den Hof kam, sperrte sie den Hund in den Stall. Da ging sie in die Stube und sagte zu ihrer Mutter, ich habe den Hund in den Stall gesperrt. Da sprach das Mädchen: habt ibr schon Mittagbrot gegessen. Die Mutter sagte, jetzt essen wir. Und nun atzen sie."(Aus Filo Schwerdts„Schulmeister von Schöben» dorf".) Und nun noch den Anfang eines Märchens: Es war einmal ein Mann und eine Frau, und die sind ganz arm geworden, und hatten viele Kinder. Und da mutzten sie oft gar nicht, wie sie ihre Kinder satt kriegen konnten, und die hatten doch immer Hunger. Und da mutzte der arme Mann gar nicht, was er mit seiner Frau und den Kindern anfangen sollte. Und da war der Mann auf -einmal ganz still geworden, und war so ganz in Gedanken und dachte immer nach, was er nur anfangen könnte um Geld zu kriegen, damit er wenigstens für seine Frau und seine Kinder was gu essen kaufen könnte. Und da kuckte er immer zum Fenster raus, und da sah er auch das Abendrot, und kuckte immer ins Abendrot hinein. Erst war eS purpurrot und dann wurde es feurig rot, datz man glauben könnte, eS brannte am Himmelsende. Und auf ein- mal, da wurde es so ganz golden und so' schön und immer goldner und da dachte er, jetzt wird es Zeit usw." Dies letzte Stück ist nicht reine AlterSmunbart, sondern ein von einer Erwachsenen in ihrer Sprechsprache geschriebenes Stück, das aber mit der Kindersprache ziemliche Verwandtschaft hat.(Aus Verena zur Lindes„Märchen für Kinder und Haus".) Aus allen diesen« Stücken(ich könnte sie noch ins Endlose vermehren) wird man al! eins der Hauptmerkmale den leichten Flntz der Erzählung erkennen. Dann, die grotze Einfachheit der Darstellung, die gleichwohl nie an Anschaulichkeit einlnitzt. Ich setze «nun ein paar charakteristische Beispiele der Schulbuchsprache da- neben:„Die Kartoffel. Eines der verbreitetsteu Gewächse ist die Kartoffel. Sie ist niicht so hoch wie die Eiche(l) und ihre Blüten sind nicht so wohlriechend(l) wie die Rosen, und dennoch wird sie von jedermann geschätzt. Woher kommt da»? Die Kartoffel ist die wohlfeilste Speise der Armen»nd liefert zugleich wohlschmeckende Gerichte für die Reichen. Sie gerät fast in jedem Boden und mitz- rät fast in keinem Jahr ganz. Sie braucht wenig Wartung und liefert doch reichlichen Ertrag." Das ist ein Pröbchen aus einem ..der besten neuesten Lesebücher". Und ist nicht etwa eine Ausnahme schlechter Sprache. Man blättere einmal die Lesebücher durch, da Hann man Wundersames entdecken. Vor allem fällt an solcher Sprache der grotze Mangel an KinderpsychBWgie und Unkenntnis über den Sprachumfang des Kindes auf. Das sind eben Dinge, die noch viel zu wenig studiert wurden. Was der Vergleich von Kar- toffel und Eiche und Kartoffel und Rose hier zu tun hat, wird nicht nur einem Kinde, sondern jedem Erwachsenen« unklar bleiben. Ab- strakta wie„Wartung" und„Ertrag" können ganz gut durch eine konkretere und ästhetisch wertvollere Darstellung ersetzt werden. (Das Buch, aus dem ich zitierte, ist für da» zweite Schuljahr ge- dacht.) Es ist ein grotzer Irrtum, etwa zu meinen, man müßte die schriftbeuischen Wendungen so schnell als möglich in die Sprache des Kinde» clnführen. Dadurch gerade verliert es seine plastische klare Darstellung. In Paul Staude»„Präparationen für den ersten Religion?- Unterricht"(also einem Buch für die Hand des Lehrers) heißt es u. a.:„Hört nun. wie sie in» Trauerhau» kamen. Da war schon alles zum Begräbnis bereit. Hier wurde also der Tote gleich an demselben Tage beerdigt..., bei un» findet das Begräb- u i S am dritten Tage statt. Wie geht es denn bei uns zu, wenn der Morgen des dritten Tage» gekommen ist? Still und feierlich lst'S vor dem Hause. Still und feierlich tragen die Leichewdiener während des Gesanges den Sarg aus dem Haus in den Wagen, der mit Kränzen und Palmzweigen geschmückt ist. Still und feier- lich setzt sich der Zug in Bewegung— hinaus geht's zum Gottesacker..." So also reden wirklich Schulmänner mit sechs- und siebenjährigen Kindern! Und das sollen sechs- und hebenjährige Schulkinder verstehen?_ Merantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Gelbst Kehr schreibt im„AnschauungKunierrichi itt Schule ttft8 Haus":.. Tiefer Schnee bedeckt die Erde. Die vielen tausend Blumen, die un» im Sommer auf Wiesen und Feldern durch ihr« bunten Farben und ihren köstlichen Geruch ergötzten(I!), sind ber« schwunden. Die befiederten Sänger(ll>. die uns im Sommer in Feld, und Wald erfreuten, sind in ferne fremde Länder gezogen..." Mag man schließlich das Wirken jedes Schulmannes ehren, und also auch Kehr-— aber: mit Verlaub, die» ist die Herrschast der Phrase und nicht? anderes! Das ist kein Anschauungsunterricht. sondern eine Anleitung zum Sprechen von Zeitungsdeutsch. In Kahnmeher und Schulzcs Realienbuch findet man solchen Stil: „Seit den Zeiten Karl» des Großen besaß das deutsche Königtum dem Papste gegenüber mehrere Jahrhunderte hindurch die Herr- schende Stellung. Zu jener Zeit bestieg Hildebrand, der Sohn eines Zimmermanns, als Gregor VII. den päpstlichen Stuhl. Durch ihn wurde die päpstliche Macht auf den hoch- st e n Gipfel erhoben." Man male sich dieses Phrasendeutsch einmal aus. besonders, wenn man noch fähig ist, kindlich zu fühlen. Denn ein Kind hat ja gar nicht alle diese übertragenenBe- deutungen der Worte in seinem Sprachbewutztsein.„Besä ß dem Papste gegenüber die herrschende Stellung" usw. Und was soll man erst sagen, wenn ein Schulmann aus seinem Unter- richi„freie" Kinderaustätze drucken läßt, in denen solche Stilblüten vorkommen:„Manchmal begebe ich mich, hauptsächlich de» Sonntags, mit meinen Eltern zum Friedhost. Vor dem Tore be» merken wir schon einige Blumen, die gerade wunderschön blühen. Wir treten ein. Stumm begrüßen die Steine und di« Denkmäler den Eintretenden, Stiller Friede umfängt uns. ES scheint, al» wären wir die einzigen, die hier verweilen. Immer weiter lenken wlr unsere Schritte... plötzlich bleibt der Zug stehen. Wer Sarg wird hinabgesenkt in die kühle Gruft. Ein Schauer durchzieht mich. Der Herr Pastor hält eine Rede inherzergreifendenWorten...." Da ist weiter nichts zu sagen als Erziehung zum Schwätzen, zur schlechten Sprache. Dieser Junge, der sich in acht Jahren eine solche Sprache angequält hat, kann ja ohne weiteres Reporter bei einem Generalanzeiger werden. Wenn da» das Ziel deS Sprachunterrichts ist— dann— dann—. Nun, er ist e» nicht! Immerhin, die Fürchterlichkciten der Schulspraöhe sind noch derartig, datz man nicht genug darauf hinweisen kann. Möchten die Eltern und Lehrer dock auf diese? Problem achten! Damit sie merken, daß die Sprache der Kinder schöner und wertvoller ist. als dies Deutsch, das sie lernen sollen Auch auf die Sprache in den Jugendschristen sollte viel mehr geachtet werden. Jugendschriftenkntik sollte doch eigentlich in allererster Linie sich mit der Frage beschäftigen: Wie ist die Sprache des Buches? Ist es eine kinderiümliche Sprache? Ist's eine Sprache, die dem Kinde verständlich ish und die nicht Kltscheewendungen, Phrasendeutsch usw. enthält. � die dem Sprachumfang deS Kindes entspricht? Auf solche Fragen haben die vereinigten deutschen Prüfungsausschüsse bisher gar nicht genug geachtet. Dr. Otto zur Linde hat in einem seiner geiswollen Essays die Sprache von ein paar am meisten von den Ausschüssen gelobten Büchern gekennzeichnet. Er zitiert aus Kröpelins„Naturstudien":„Wirklich ein prächtiger Herbsttag heutet sagt Dr. Ehrhardt zu seinen Knaben, die ihn auf einem Spazier- gange durch die Anlagen vor der Stadt begleiten. Ich freue mich doch daß ich die schwierige Arbeit nun abgeschlossen habe, die mich lange Wochen an den Schreibtisch fesselte(!).' Dr. zur Linde bemerkt dazu ganz richig:„Also Herr Dr. Ehr- Hardt spricht zu seinen Kindern wie ein verschimmelter Prwat- gelehrter mit dem Lokalreporter von Ritzebüttel sprechen würde. den er siebenmal in der Woche beim Abendschpppen trifft. Und erst seine Jungens:„Mutter meinte auch sie sei stoh. daß Du wieder aufatmen könntest.. Und in den„Tiergeschichten"» die auch sehr stark empfohlen werden, heißt eS:„Ecn paar alte Veteranen des Hochwaldes waren« noch stehen geblieben.... die Gegend im Umkreis des Teiches war von der weidenbewachsenen, schilfigen Beschaffenheit, die Katzen und Pstrde der- meiden, die jedoch das Rind aufsucht..." Nun, diese Proben müssen für sich selber reden, oder diese Arbeit ward zwecklos ge» schrieben. Beides war mir wichtig, auf die.Kindersprache und auf das Schuldeutsck und die schlechte Sprache so vieler Jugendschristen hinzuweisen. Ein» kann man durch da» andere besser erkennen, ES kommt darauf an, daß jeder einmal auf da» Problem auf« merksam wird und nun anfängt, darüber nachzudenken: und nicht bloß das: auch seine Ohren aufzutun, sein Sprachgefiihl zu schär- fen, damit ihm die Unischönheiteu de» phrasenhaften Deutsch suhl» bar werden, und damit er die Sprache der Kinder(der unver- bildeten!) in ihrem Wesenhaften erkennt. Al» Literatur möchte ich noch empfehlen„Kindesmundart" von Verihold Otto(Verlag H. Ehbock), dann den„Schulmeister von Schöbendorf" von Filo Schwerdt(Charonverlag), der ein wunder- volles Material von Kindersprache beibringt und selbst auch in einer ganz urwüchsigen, crdhasteu oder schönen Sprache geschrieben ist: und die„Märchen für Kinder und Hau»" von Verena zur Lind« (Charonverlag), die zwar nicht in einer Kindersprache, aber in einer ihr naheliegenden Sprechweist geschrieben sind. Auf die Kinder sind die Märchen, nach den Erfahrungen vieler Lehrer, von geradezu frappanter Wirkung._____ UorwäctsBuchdruckerelU.Vertagsanstalt Paul SingeräCo., Berlins�.