Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 63� Freitag den 6. April l912 (Nachdruck verdolen.Z SSI pelle cler Gröberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNexo. Wenn Lasse einschlummerte, legte sich Pelle ein wenig aufs Sofa. Aber viel Ruhe bekam er nicht: der Alte schlief einen Vogelschlaf und schlug jeden Augenblick die Augen auf. Wenn er den Sohn nicht neben sich am Bett sah, lag er da und warf sich hin und her und jammerte im Halbschlaf. Mitten in der Nacht richtete er den Kopf auf und hielt ihn aufrecht in lauschender Stellung. Pelle erwachte. „Was willst Du, Vater?" fragte er und taumelte auf die Beine. „Ach, ich kann etwas dahinziehen hören— weit da draußen, wo das Meer aufhört! Es ist, als wenn sich die Wasser in den Abgrund stürzen, aber solltest Tu jetzt nicht zu Ellen nach Hause gehen? Ich werde über Nacht wohl allein fertig, und sie sucht vielleicht und ängstigt sich, wo Du ab- bleibst." „Ich habe zu Ellen geschickt und ihr sagen lassen, daß ich über Nacht nicht komme," erwiderte Pelle. Der Alte lag da und betrachtete den Sohn mit grübelndem Ausdruck.„Bist Du nun auch glücklich?" fragte er.„Es kommt mir vor, als wenn in Deiner Ehe etwas ist, wie es nicht sein sollte." „Ja, Vater, es geht ganz gut," erwiderte Pelle mit halb erstickter Stimme. „Nun, dann sei Gott Dank! Eine gute Frau hast Du auch in Ellen bekommen, und prächtige Kinder hat sie Dir geschenkt, was macht der kleine Lasse? Ich möchte ihn gern noch sehen, ehe ich von dannen ziehe, das ist doch ein Lasse!" „Morgen früh will ich ihn Dir holen," erwiderte Pelle. „Und nun solltest Du sehen, das; Du noch ein wenig schläfst, Vater, es ist rabenschwarze Nacht!" Lasse wandte sich fügsam nach der Wand um. Einen Augenblick darauf drehte er vorsichtig den Kopf wieder um, um zu sehen, ob Pelle schlief. Seine Augen konnten nicht quer durch die Stube gelangen, da versuchte er dann, aus dem Bett herauszusteigcn: stöhnend fiel er wieder zurück. „Was hast Du nur, Vater?" fragte Pelle bekiimmert und war gleich wieder bei ihm. „Ich wollte nur mal nachsehen, ob Du bei dieser Kälte auch was über Dich gedeckt hast! Aber meine alten Glieder taugen nicht mehr," sagte der Alte beschämt. Gegen Morgen fiel er in einen ruhigen Schlaf, und Pelle veranlagte Frau Johnson, sich zu ihm zu setzen, während er nach Hause ging, um Klein-Lasse zu holen. Das war kein leichter Gang: aber der letzte Wille des Alten mußte erfüllt werden. Und er wußte, daß Ellen das Kind nicht in fremde Hände ausliefern würde. Ellens versteinertes Gesicht erhellte sich, als er kam: sie hatte einen Freudenausruf auf den Lippen, aber sein Ausdruck tötete ihn.„Mein Vater liegt im Sterben," sagte er finster,„er möchte gern den Jungen sehen." Sie nickte und schickte sich still an, Klein-Lasse zurecht zu machen. Pelle stand am Fenster und sah so lange hinaus. Ihm war wunderlich zumute, daß er nun wieder hier war: die Erinnerungen aus der kleinen Häuslichkeit quollen in ihm auf und machten ihn schwach. Schwester mußte er doch sehen! Ellen führte ihn schweigend in die Schlafkammer: die Kleine schlief in ihrer Wiege, es lag eine wunderlich tiefe Ruhe über ihrem breiten Kopf. Hier drinnen kam ihm Ellen gleichsam näher, er fühlte ihre starken Augen auf sich ruhen. Er nahm sich krampfhaft zusammen und ging in die Stube, hier hatte er nichts mehr zu suchen. In diesem Heim war er ein Fremder! Ein Gedanke tauchte in ihm auf, ob sie wohl fort- fuhr mit diesem? Obwohl ihn das gar nichts anging, wollte die Frage doch nicht weichen: er sah sich nach einem Zeichen, das darauf hindeuten könne, um. ES war hier ärm- lich, alles Ueberflüssige war von dannen gewandert. Aber eine Schusternähmaschine war hinzugekommen, und darauf lag Arbeit. Strcikbrecherarbcit! dachte Pelle ganz mechanisch. Aber nicht verurteilend: zum ersten Male war er froh, Streik- brechcrei konstatieren zu können. Sie hatte also angefangen zu nähen, und abgearbeitet sah sie aus. Das tat ihm förm- lich gut. „Jetzt ist der Junge zum Mitgehen fertig," sagte sie. Pelle warf einen Abjchiedsblick durch die Stube.„Hast Du auch irgend etwas nötig?" fragte er. „Danke! Ich helfe mir selber!" erwiderte sie stolz. „Du hast das Geld nicht angenommen, das ich Dir Sonn- abend schickte." „Ich werde selbst fertig— wenn ich nur den Jungen be- halten kann. Vergiß nicht, daß Du mir einmal gesagt hast, er sollte immer bei mir bleiben." „Er muß eine Mutter haben, die ihm frei in die Augen sehen kann, denke daran, Ellen!" „Daran brauchst Du mich nicht zu erinnern," erwiderte sie bitter.-- Lasse war erwacht, als sie kamen.„Ei, das ist doch ein echter Karsten," sagte er.„Der artet nach unserer Familie. Sieh doch mal, Pelle, mein Junge! Er hat dieselben Schlapp- ohren, die Du als Junge hattest, und die Glückslocke auf der Stirn hat er auch. Der wird schon gut durch die Welt kommen. Ich muß die kleinen Hände küssen, denn die Hände, das ist unser Segen, das einzige Gute, was wir mitbekommen haben. Man sagt, die Welt werde von den Händen armer Leute in die Höhe gehalten: ich möchte wohl wissen, ob das stimmt. Ich möchte wohl wissen, ob das Neue jetzt schon kommt. Denn dann ist es doch ein Jammer, daß ich es nicht mehr erlebe!" „Du kannst es noch sehr gut erleben, Vater!" sagte Pelle, der unterwegs den„Arbeiter" gekauft hatte und nun dastand und eifrig darin las.„Sie verhandeln mit voller Kraft, und in den allernächsten Tagen ist der Kampf vorbei. Dann wollen wir beide es uns gemütlich machen!" „Nein, das erlebe ich nicht mehr! Der Tod hat mich ge- packt, ich kann merken, daß er mich schon auseinander zupft. Aber wenn was dahinter steckt, dann wäre es ja schön, wenn ich da oben sitzen und sehen könnte, wie sich das Glück an Euch vollzieht. Du bist den schweren Wog gewandert, Pelle. Lasse ist nicht dumm! Aber vielleicht bekommst Du zur Belohnung eii-en angesehenen Posten, wenn Ihr nun selbst die Leitung übernehmt. Dann mußt Du auch daran denken, daß Du die Armen nie vergißt!" „Das ist noch weit hin, Vater! Und zu der Zeit gibt es keine Armen mehr!" „Du sagst das so gewiß: aber der Armut ist nicht so bei- zukommen, die hat sich zu tief hineingefressen! Klein-Lasse kann vielleicht ein erwachsener Mann werden, ehe es geschieht. Aber nun solltest Dn den Jungen wegnehmen, ihm ist es nicht gut zu sehen, wie das Alter stirbt. Er sieht so blaß aus, kommt er wohl ordentlich an die Sonne?" „Tie Sonne, die haben die Großen geliehen, und sie haben« vergessen, sie wieder zurückzugeben," erwiderte Pelle bitter. Lasse lag da und zog die Stirn in die Höhe, als strenge er sich mit irgend etwas an.„Ja, ja! Es gehören gute Augen dazu, um in die Zukunft zu sehen, und meine wollen nicht mehr. Aber nun solltest Du gehen und den Jungen mit- nehmen. Du mußt auch Deine Angelegenheiten nicht ver- säumen, und den Tod kannst Dn doch nicht überlisten, so klug Du auch bist." Er legte seine welke Hand anf�lein-Lasses Kopf und wandte sich dann nach der Wand herum. Pelle ließ Frau Johnsen den Jungen nach Norderbrücke hinausbringen und blieb selbst bei dem Alten. Ihre Wege waren in den letzten Jahren so wenig zusammengelaufen, für immer sollten sie sich jetzt tr.'nnen und weit auseinander führen. Er hatte das Bedürfnis, im Abschied zu verweilen. Während er umherging und Feuer anmachte, Essen aufwärmte, und es für Vater Lasse so gut niachte, wie er es nur vermochte, lauschte er der springenden Rede des Alten und ließ sich zurückführen in die Sorglosigkeit der Kindcrjabre. Wie ein tiefes gut- miitiges Weltgeinurmcl hatte Lasses eintönige Rede seine Kindheit ausgefüllt: und als er hinauszog, wurde sie nur zu dein nie verstummenden Gerede der Vielen über die Verhalt- nisse des Lebens. Jetzt ward er still den Weg wieder zurück- geführt von den Tausenden zu Vater Lasse und sah, eine wie große Welt der gutmütige Greis getragen hatte. Alt und ab- gearbeitet war er immer gewesen, solange Pelle zuriickdenken konnte. Die Arbeit raubte dem arnieir Mann schnell die . 2' Jugend und machte dafür sein Alter lang! Aber gerade dies Hinfällige verlieh ihm die übermenschlichen Züge des Vaters! Groß hatte er das Elend getragen, ohne schlecht oder selbst- süchtig oder engherzig zu werden: immer das Herz voll von Opsersreudigkcit und Zärtlichkeit, stark selbst in seiner Ohn- macht! Wie die Alliebe selber hatte er Polles ganzes Dasein mit seinem warmen Herzen umgeben, entsetzlich würde es werden, wenn sein gutmütiges Gerede nicht länger hinter allem klang. Seine fliehende Seele kreiste über der Bahn, die er zurück- gelegt hatte, in größeren und größeren Kreisen, wie die Tauben, wenn sie fortfliegen. Jedesmal, wenn er ein wenig Kräfte gesammelt hatte, nahm er sein Leben von neuem auf: „Etwas ist da ja doch immer gewesen, worüber man sich freuen konnte, weißt Du, aber vieles ist ja nur ein zweckloser Kampf gewesen. Damals, als ich es nicht besser wußte, ging es ja ganz gut: aber von dem Augenblick an, wo Du geboren wurdest, lehnte mein alternder Sinn sich gegen die Zustände auf, und ich konnte keinen Frieden mehr finden. An Dir war etwas wie eine Vorbedeutung, und seither ist das immer in mir herum gewandert: mein Trachten ist so ruhelos gewesen, wie das des Schuhmachers von Jerusalem. Es war, als habe irgend etwas mir armseliger Laus plötzlich die Verheißung auf ein schöneres Dasein gegeben, und die Erinnerung daran fuhr fort, in mir zu wandern u�d zu wandern. Ist es wohl die Sehnsucht nach dem Paradies, aus dem sie uns einstmals herausgejagt haben? dachte ich oft. Willst Tu es mir wohl glauben, ich armseliger Stümper habe großartige Träume ge- träumt von einem schönen und sorgenfreien Alter, wo mein Sohn mit Frau und Kindsnt zu mir kommen und mich in meiner traulichen Stube besuchen würden und wo ich sie ein wenig nett bewirten wollte. Ich habe das nicht einmal bis zu allerletzt aufgegeben. Ich ging umher und phantasierte von einem Schatz, den ich auf dem Müllplatz finden würde. Ach, ich wollte ja so gern, daß ich Euch etwas hinterlassen könnte. Ich habe so armselig wenig für Dich sein können." „Und das sagst Du, der Du Vater und Mutter für mich gewesen bist? Während meiner ganzen Kindheit standest Du schützend hinter allem: wenn mir irgend etwas zustieß, dachte ich immer: Vater Lasse wird das schon in Ordnung bringen! Und als ich dann heranwuchs, merkte ich bei allem, was ich in mich aufnahm, daß Du mir heben halfst. Es wäre wohl auch nur kläglich mit der ganzen Sache gegangen, wenn Du mir nicht ein so gutes Erbe gegeben hättest!" „Nein, sagst Du das?" rief Lasse stolz aus.„Sollte ich wirklich meinen Anteil an dem haben, was Ihr für die Sache des armen Mannes getan habt? Ja, ja, schön hört es sich auf alle Fälle an! Nein, aber Du bist mein Leben gewesen. Junge, und ein schwacher armer Mann, wie ich war, mußte ich mich wohl über meine Kräfte in Dir wundern! Was ich kaum zu denken gewagt hatte, hast Du machtvoll ausgeführt! Und nun liege ich ja hier und habe nicht einmal soviel, daß ich dafür sterben kann. Tu mußt mir versprechen, daß Du meinetwegen nichts auf Dich ladest, was über Deine Kräfte geht, sondern die Sache der Armenpflege überläßt. Visher habe ich mich davon frei gehalten, aber das war nur ein dummer Stolz. Ter arme Mann und die Armenpflege gehören nun doch ein- mal zusammen. Ich habe in der letzten Zeit gelernt, vieles anders anzusehen: und es ist gut, daß ich sterbe. Wenn mir nun diese Gedanken in der Kraft meiner Jugend gekommen wären, so hätte ich vielleicht irgend etwas Hartes verübt. Ich hätte nicht Deine besonnene Klugheit besessen, Eier in einem Hopfensack herumzutragen..." (Fortsetzung folgtj ßöbchcn. Von Hermann Lon». Unser Bob war das, was man so im Volke unter einem Tcrrier versteht, denn er war kurzhaarig, von weißer Farbe mit schwarzen Flecken, zu kurz kvupiert und äußerst frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch Terrierblut in sich, ganz entschieden, und er war auch ein hübscher Hund, das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. von ihm verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein Schabloncntcrrier sei, sondern eine Jndividuali- tat und mehr auf persönliche, denn auf generelle Rasse Wert legte. Seine Mutter hatte übrigens blauestcs Terrierblut, aber ent- schieden die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs Vater war un- bekannt und blieb es, denn: die Feststellung der Vaterschaft ist verboten. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, so besaß et dafür eine doppelte Portion von Temperament. Leider hatte 0- er verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, sintemal er ein Damenhund war. Er gehörte nämlich meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges männliches Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr aus. Ueber ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden war, wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob oder ich. Bob be- nahm sich, als ob ich nichts zu sagen hätte. Das durste ich mir nicht gefallen lassen und trat ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der Kampf mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den Türen und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der Zwille und Schrot Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; Bob erkannte meine phbsische Ueberlegenheit in gewisser Hinsicht an. besonders wenn es ihm gerade paßte, und gehorchte mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch zu betonen, daß er„bö" sagte. Im übrigen liebte er mich trotz der Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig unzweckmäßigen gelegentlichen Verwen- dung meines rechten Absatzes. Er liebte mich allerdings mehr mit den. Verstände, mehr aus praktischen Gründen, denn aus innerer Neigung: er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging, sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn Emailletöpfe apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser tauchen ließ und die Stellen kannte, wo es Feldmäuse, Hamster und Zaunigel gab. Er war von Natur ein Mausefänger. Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand er regungslos und wartete, bis die Maus wiederkam, und ruhig und besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer von den Damen des Hauses, legte die Maus auf ihre Schuhspitze und machte hübsch; das hieß:„Ich bitte um ein Stück Zucker zum Lohne!" Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu jagen» das war doch etwas anderes, das war noch schöner als Emaille» töpfe zu trudeln und Seife und Aetherflaschcn zu bekämpfen. Ja» wohl! Seife beißt, Aether auch, also sind es wilde Tiere und tvilde Tiere gehören totgebissen, meinte Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, und biß hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der Schaum vor der koddrigen Schnauze stand. Genau so machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen.„Ster» ben mußt du", dachte er,„und wenn du noch so beißt", und schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker Zaunigek. das war doch noch schöner, und das beste war ein Hamster, ein ganz dicker und fetter, der sich gehörig wehren konnte, denn ein Hamster, der ist doch reeller als die infomigen Schweinskatzen, die das unfaire Aufdiebäumegeklcttre nicht lassen können, dachte Böbchen. Wer wehe der, die er erwischte; sie mußte hin werden, voraus» gesetzt, daß es eine alte war; denn jungen Katzen tat er nichts. weil er zu kinderlieb un!d zu sehr Kavalier war. Letzteres ging daraus hervor, daß er liebcndgern Sekt trank, nur mußte er sich etwas beruhigt haben, und dann aß er Spargel- köpfe für sein Leben gern. Leider brach das väterliche Erbteil immer wieder bei ihm durch. So war er in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und verkehrte mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß des ganzen Stadtviertels ein- brachte. Wenn ihn die Hunde des Kohlenfuhrmanns nur von weitem sahen, dann murrten sie dumpf und das sollte heißen: „Den ganzen Tag nisckt tun, als bloß fein Hessen, und wir können nachher die Alimente bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen gehen und aufpassen müssen!" Aber Bob feixte sie frech an und knurrte ihnen zu:„Seht euch bloß vor. ich Habe eine Zwille." Und das glaubten ihm die Schatköpfe wirklich. Ein» mal aber hatten sie ihn doch zu fassen bekommen, und er kam als Beefsteak a la Tartare nach Hause. Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, während ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der Haustüre auf dem Arme. Da ging der eine Kohlenhund vorbei und machte eine höhnische Bemerkung. Im Hui war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf drei Beinen auf ihn los. und da Bob halb in weiße Leinwand genäht war« kratzte der andere Hund entsetzt aus. Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen Ausflügen nie etwas zustieß. Er konnte wochenlang den anständigen jungen Mann von Erziehung markieren, aber mit einem Male blieb er über Nacht aus. So um vier oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre; machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- oder Wgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche Männer, er beugte vor und schnauzte, sobald er in das Haus kam. damit er nicht angeschnauzt wurde. War er dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage"zu meiner Schwieger- mutter, sondern in das Erdgeschoß in unsere Küche, wo er sich unter den Herd legte. Da blieb er den ganzen Tag liegen, roch nach Bier und gemeinen Zigarren, aß nichts und soff abscheulich viel Wasser, solchen Brand hatte er. und duftete übel. Anfangs wußten wir nie. wo er gewesen war; später bekamen wir heraus. daß er in einer Destille in der Nachbarschaft verkebrte. wo es einen tadellosen Harzkäse gab. Außerdem mußte er noch anderswo ver- kehren, denn als er einmal wieder einen ausschweifenden Lebens- Wandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit einem Bomben- jammer, sehr dreckig und voll von Flöhen heimgekehrt war, kam ein Herr, gab sein Halsband ab und sagte, Bob Pflege öfter bei ihm zu schlafen; er ginge durch das Gitter, hüpfe auf die Veranda und von da in das Eßzimmer, wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, denn das fand er taktlos Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur aus einem Glase. Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob oben jemand zu Hause wäre, lief er die Treppe hinauf, hängte sich an den Klingelzug und läutete, daß das Haus bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte:„Brauner Kuchen!", so hörte er das sofort, obschon er manchmal tat, als wenn er stocktaub wäre. Wenn es draußen nichts, anderes gab, bog ich ihm einen Ast her- unter und dann hängte er sich daran, schwebte frei in der Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. Er litt an Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, denn�er hatte sich an Steinen und Emailletöpfen alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon zehn Fahre alt war, brauchte man nur au einen zentnerschweren Stein oder an einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen:„Schönes Steinchen!" und dann versuchte er mit furchtbarem Getöse das Ding vor sich hcrzutrudeln, wie er es vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpschen und Blecheimern zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals aber brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir in die Nähe der Stadt kamen, stellte er den Pott in den ersten besten Hausflur. Ms ich jedoch mit ihm einmal verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn niemand kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und nahm ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr gern Zwetschen, deren Steine er mit hörbarem Avcc aus der linken Maulecke spuckte. Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine Nase brauchte er höchstens, um sich von der Beschaffenheit der Atmo- sphärilien, die dem Erdgeschoß entströmten, loa die Küche lag, ku überzeugen. Er kannte jeden Freund des Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten wir, daß es Besuch gab; nie benahm er sich so. wenn der Briefträger kam. Als dann Muk. der blond- gelockte Teckel, einzog, brachte der ihm bei, daß der Hauptsinn des Hundes die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und alle Reh- fährten bis dahin völlig kühl gelassen hatte, fand allmählich Ge- fallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er damals schon zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er nicht dahinter, fiel jede neue Fährte an, die die andere kreuzte, bis es ibm zu dumm wurde und er reuevoll zu seinem Blech topfe zurückkehrte. Wenn er sich auch manchmal etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt » streng auf die hergebrachte Sitte. Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, einen lieben Hund; ich würde den König und den Kronprinzen von Serbien, Castro und andere entbehrliche Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich Battermann damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, denn wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte er nie die üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das sah. war er starr; ganz schnell lief er hin und scharrte, um dem dummen jungen Hunde zu zeigen, was sich gehöre. Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr Mode. Was sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, also kratzte er jedesmal, wenn Battermann das unterließ, wenn er sich auch nicht mehr bis zu der betreffenden Stelle hinbrmühte. Aber er kratzte. Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit Ruhm bedeckt, und wäre er ein Mensch gewesen, hätte der Erdball unter ihm so gedröhnt, wie unter dem ersten Napoleon, denn was Furcht war, das kannte er nicht. In aller Lerchcnfrühe nahm ich ihn ein- mal in den Zoologischen Garten mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an der Leine gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen können. Ohne sich zu besinnen fiel er eine esels- große Dogge an, und Bullen auf Wcidekämpen zu Hetzen, das dünkte ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es einmal. ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl der Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab radelt. die Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. Das war in einer Gastwirtschast; da sah er ein großes weißes Tier, das ganz sonderbar roch. Er wollte es totbeiße», aber es nahm ihn auf die Hörner und warf ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit einem furchtbaren Fluche rappelte er sich zusammen und fiel das Ungetüm wieder an, aber all« Mühe, die er sich gab, es von hinten zu erwischen, war vergebens; mit Schaum vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab, ging in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete die schönsten Bleckipötte nicht und aß nichts zu Abend, denn allzusehr war sein Selbst- bewußtsein zerknittert. Und nocb etwas gab es, daS ihn mit Hilflosigkeit erfüllte, ein Flob auf dem Rücken. Dann fühlte er sich wie Lazarus. Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nack der anderen den Weg aller Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; ein Stock versetzte ihn in Aerger, die Hundepeitsche in Zorn und die Zwille in schäumende Wut. Aber Angst? Keine Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war.-mmer lustig, immer frech.. immer ein Verehrer der Weiblichkeit. Ganz plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß gab ihm ein schnelles Ende. Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, wenn er mich durch Piepen und Kratzen bei der Arbeit störte. Aber viel Freude habe ich doch an ibm aehabt, und immer denken wir gern zurück an unser Böbchen. f)anätverksburfckengebraucke im Mittelalter. Wie jede andere Gesellschaftsklasse des Mittelalters hatten auch die Handwerksknechte ihre besonderen Vorschriften über dais zulässige und erlaubte Benehmen ihrer Mitglieder im gegenseitigen Verkehr in einem besonderen, für jeden Handtverksgenossen bindenden Sittenkodex festgelegt. Mit dieser Maßnahme sollte erzieherisch auf die Gesellen eingewirkt und verhindert werden, daß einzelne von ihnen sich den Vorwurf„Unflat" zuzogen, der fürch- terlichste Schimpf, der einem damaligen Haudwcrksknechte zugefügt werden konnte. Zweifellos wurde die erzieherische Absicht all dieser Vor» schristen, die den Gesellen in der Werkstatt, auf der Straße, der Kneipe, der Wandersthaft zur immerwährenden Selbstaufsicht, Höf- lichkeit, Sauberkeit und Ordnung mahnten, durchaus erreicht. Später fanden allerdings eine Menge teils überflüssiger, teils lächerlicher Formalitäten in den SiUcnkvmment der Handwerks- burschen Eingang, die mit Erziehung und Anstand durchaus nichts mehr zu tun hatten, deren Spitzfindigkeiten nur eins bezweckten, durch die für ihre Uebertretung verhängten Geldstrafen die Ge- scllcnkasse zu füllen. Schon im rein Aeußerlichen, der Kleidung, durfte ein Geselle der Gesamtheit durch Schlampigkcit und Sudelei nicht Schande machen. Daher schreiben die Freiberger Gerbergesellcn tSSb vor» „so auch einer innerhalb der Wochen will auf den Markt gehen, soll er nicht barschentlich gehen, auch nicht einem Feiertage ein Kleid, so mit Kalk besudelt, antragen bei Strafe von ö Pfennigen, item, welcher Geselle ohne Hosen auf die Herberg kommt, der soll geben einen Groschen". Aehnlich sagt eine Badcovdnung auS Lüneburg,„auch soll niemand an heiligen Tagen barbeinig ohne Hosen gehen auf den Straßen bei Strafe von l Pfund Wachs", während die Hamburger 137S verboten,„in Zukunft soll kein Knecht aus seines Herrn Hause gehen barschinklich, und mit bloßem Haupte den Rinstein kehren. Wer das bricht, der soll das besseren mit 6 Pf. dem Werke". Die Freiberger Schneider verlangen noch 1708,„und gehe keiner mit unbedecktem Haupte über das dritte Haus", desgleichen die Arnstadter Schuster im 16. Jahrhundert, „wer über das dritte Haus ohne Schuhe, Kragen und Mantel geht, soll büßen 1 Groschen". Die Württemberger Zimmerleute dursten lSSV nicht ohne Rock und ohne Halsbinde aus den Zimmerplatz hin und zurück gehen. Den Färbern des gleichen Landes Umr unter anderem vorgeschrieben, stets nur schwarze, nie weiße Strümpfe zu tragen. Ebenso sollte der Geselle immer ein Wahrzeichen seines besonderen Handivertes mit sich führen. Die Freiberger Seiler bestimmen darüber 1735,„so mit Gunst, hätts auch weiter Handwcrtsgewohn- heit allhier, so darf auch keiner ans die weite Werkstatt gehen, er babe denn etwas em der Hand, das dem Handiverk gemäß sei". Daher trug denn der Schmicdcgcsell des Sonntags beim Kirch- gange oder sonst auf der Straße fein säuberlich einen Hammer, der Tischler ein Winkelmaß, der Böttcher einen Schlägel als Hand» werkswahrzeichen in der Hand. Auf de: Straße selbst sollte der. Geselle so sittsam daher» kommen wie nur irgendein Ratsherr. Die Württeinvcrgcr Zeug» machcr verbieten 1680,„es soll kein Geselle mit dem Degen in den Stein hauen, nicht auf der Straße und dem Markte essen". Da» Essen auf offener Straße muß damals in Gesellenkreisen als sehr unanständig gegolten haben, denn auch die Arnstadter Schuster büßen solches mit I Groschen. Wie aus der Straße, sollte der Geselle sich auch im Haus« seines Meisters ordentlich halten. V�lche Kleinigkeiten' dabei zu beachten waren, beweisen die Freiberger Schuhkncchte, die 1431 vorschreiben,„welches Gesellen Badehemdlein im Bette gefunden wird, der soll einen halben Groschen zur Straf verfallen sein". Vor allem war ruhiges, gesittetes Verhalten der Mcisterfamilie gegenüber Vorschrift. Daher verlangen die Freiberger Tuchmacher 1496,„item auch soll kein Geselle sich ungemütlich in seines Misters Hause oder in eines anderen Mannes Hause halten". und die Gürtler der gleichen Stadt bedrobtcn 1563 jeden mit einer Strafe von 2 Wochenlöhnen, der nicht ruhig und still, sondern mit Schreien. Juchzen und Fluchen ins Meisterhaus ging. Seinem Mitgesellen gegenüber hatte sich der Geselle unter allen Umständen, zuuinl bei dem Zusammenarbeiten in der Werk- statt, verträglich, behilflich und gefällig zu erweisen. So schreibt d>e Straßburger Steinmetzordnung vom Jahre 1563 jedem Ge- sellcn vor,„ein jeglicher Geselle solle die anderen Gesellen alle sum Hilfe) bitten und keiner soll es überhören, sie sollen alle helfen,„helfet mir auf, daß euch Gott helfe". Wenn sie geholfen haben, so soll der, dem die Hilfe geworden, seinen Hut abtun uni» soll ihnen danken und sprechen:„Gott danke dem Meister und Pallier und den ehrbaren Gesellen". Jeder Klatsch und jedes Verklatschen war verboten. Die eben ae?!>znnte Etcinmetzordnung bestrafte denjenigen Gesellen,„ivelcher Geselle Mär trägt oder Wascherei treibt zwischen dem Meister und anderen, den soll mau büßen mit einem halben Wochcnlohn". Schon dem Lehrling lvar Kollegialität gegen die Gesellen zur Pflicht gemacht. Denn betrug sich ein solcher in seiner Lehrzeit gegen die Gesellen unangemessen, so muß er dies sein Verhalten später als Geselle büßen. So wird bei den Hamburger Zimmer�- gesellen ein solcher Junggeselle von einem auswärtigen Gesellen «nge klagt, daß er sich in seinen Lehrjahren nicht gut betragen hätte, -sondern mit Hilfe seines Vaters einen Gesellen hätte arretieren lassen, weil dieser dem Burschen, der seinen Hut nicht gezogen, eine Ohrfeige gegeben. Auf Grund dieser Klage wurde denn auch der Junggeselle für sein vormaliges Vergehen vom Gesellenaus- -schusse zu ö Mi. Banco verurteilt. Gegenseitiges Beschimpfen und Beleidigen wird in allen Ge- sellenordnungcn der damaligen Zeit streng verpönt. Die Straß- burger Steinmetzen schreiben z. B. 1563,„welcher Geselle übel spricht oder einen anderen Lügen heißt in Schimpf oder in Ernst oder ruppige Worte findet in der Werkstatt, der soll geben zwölf Pfennig zu Buße....Welcher Geselle des anderen spottet, stochert, oder ihn namet mit Hindcrkosen, der soll 15 Pfennig geben zu Buße". Die Freiberger Schlosser setzen 1555 fest,„wenn ein Ge- {clle den anderen vor einen Bauer oder Unflat schelten tut, der oll ohne alle Gnade und Behelf 2 Wochen Lohn zur Strafe fällig sein". Und wer einen Mitgesellen einen Schelmen schalt, mußte ohne alle Ausflucht einen Guldengroschen zur Straf erlegen. Die Beutler der gleichen Stadt verlangen 1563,„kein Geselle solle den anderen Lügen strafen, noch ihn verfuchsschwantzen(d. h. verklat- sehen), noch der Wahrheit entgegen verklagen". Besonders zahlreich waren die Gesellenvorschriften im Her- tbergsleben, und es mußte sich jemand auf der Herberge sehr in acht nehmen, wenn er nicht fortwährend den Geldbeutel zur Büß- Zahlung zur Hand nehmen wollte. Beim Betreten dieser mutzte zunächst Mantel und Degen ab- �gelegt und dem Herbergsvater in Verwahrung gegeben werden, wenn der Geselle nicht wie bei den Arnstadter Schustern eine Buße von 6 Pf. für jeden Fall aufgebrummt haben wollte. Auch im vollen Wichs mußten die Gesellen aufziehen, wie denn das eben genannte Handwerk denjenigen, der keine Schuhe und Strümpfe auf der Herberge anhatte, mit 1 Groschen Buße belegte. Beim Trinken an der Gcsellcntafel ging es überaus zeremoniös zu. Wer z. B. beim Trünke dem Altgesellen Vorgriff, zahlte 6 Pf., wer den gemeinsamen Bierkrug sich selbst zum Trinken nahm und sich ihn nicht zureichen ließ, ebensoviel. Ueberging einer der Ge- seilen den anderen bei offener Lade beim Trinken, war 1 Groschen fällig. Die Freiberger Gerber gebieten 1555,„es soll keiner keine Kanne vor die Tür tragen, auch keiner keinen vertadelten oder -unehrlichen Mann au» der Kanne schenken, bei Straf eines Groschen", die GürtVer der gleichen Stadt 1563,„und wo einer unter der Schenke auf den Tisch schlägt, der ist in der Gesellen Straf". Das Trinken selbst wieder hatte bei den verschiedenen Hand- werken seinen eigenen Komment. Die Freiberger Schlosser ver- langen 1576. daß die Kanne nur mit der rechten Hand zugereicht und während des Trinkens weder Hand noch Arm aufgestützt wird. Bei der ganzen Aktion müssen die drei unteren Rockknöpfe ge- schlössen sein. Die Schneider der gleichen Stadt fordern, daß ge- trunken wird,„ohne Zucken, ohne Rucken, ohne Bartwischen", die Schuster verbieten 1431 das Stehendtrinken, ebenso ein solches mit über der Achsel gehängten Mantel. Bierverschütten war ein großes Vergehen und die Arnstadter Schuster büßen ein solches mit 1 Groschen. Uebrigens muß das Verschüttete sofort Uieggcwischt oder irgendwie den Blicken der Zechenden entzogen werden. Daher verlangen die Freiberger Schneider, daß der Urheber des Unglückes das Verschüttete sofort mit dem Fuße bedeckt, die Gerber 1555 ein solches mit dem Hut. Auch beim Essen wird auf Ordnung, Anstand und vor allem auf Bescheidenheit gesehen. Daher schreiben die Freiberger Schuster 1431 ihren Mitgesellen vor,„auch soll kein Gesell in der Schiissel ungcncußig umbrasseln und vor anderen zugreifen", des- gleichen die Böttcher 1511,„item kein Geselle soll raffen und nehmen aus der Schüssel, soviel sich zwei dormit mochten be- tragen". ie. Kleines femlleton. Medizinisches. Falsche Influenza. Die Influenza hat sich in einer Zeit von wenig mehr als zwei Jahrzehnten bei der Menschheit in einen ungeheuren Respekt zu setzen verstanden, und alle Welt pflegt jetzt über Influenza zu klagen, wenn irgendein nicht sicher auf eine andere Ursache deutbares Unwohlsein eingetreten ist. Der Bazillus der eigentlichen Influenza hat wahrscheinlich nur mit einer verhältnismäßig kleinen Zahl der Leiden etwas zu tun. Nachdem die Krankheit in den Jahren 188g und 1336 mit einer unerhörten Gewalt die ganze zivilisierte Welt fast gleichzeitig er- griffen hatte, hat es in gewissen Abständen immer wieder In- fhienzaepideinien gegeben, die namentlich die Städte heimsuchten. Ein ganz sicherer Nachweis, daß es sich bei einer Erkrankung unzweifelhaft um Jrfl'i'.enza handelt, kann freilich nur durch Be- obachtung des Bazillus erbracht werden, der zuerst von Pfeiffer in den Ausscheidungen der Nase und Luftröhre entdeckt wurde. Den-» noch läßt sich auch eine Gruppe von Merkmalen unterscheiden, deren Auftreten auf Influenza schließen läßt. Das sind nament- lich Schnupfen, Halsschmerzen u nd Luftröhrenkatarrh in Gemein- schaft mit einer Herabsetzung deZ körperlichen und geistigen All- gemeinbefindens. Ob aber die durch ein solches Gesamtbild ge- kennzeichnete Krankheit stets als echte Influenza zu bezeichnen und auf ihren Bazillus zurückzuführen ist, mutz nach neuen For- schungen angezweifelt werden. Andererseits wird der Begriff der Influenza dadurch verwirrt, daß der Bazillus noch bei zahlreichen anderen Krankheiten als Eindringling in die Luftwege zu finden ist, beispielsweise bei Keuchhusten, Masern und auch bei Lungen- schwindsucht. Dadurch wird die Feststellung einer Influenza. epidemie sehr erschwert. Einmal sind zu einer Zeit und an einem Ort, wo von einer eigentlichen Epidemie nicht gesprochen werden konnte, in einem Drittel beliebig ausgewählter Fälle von akuten und chronischen Luftröhrenkatarrhen Jnfluenzabazillen nachgewiesen worden, und andererseits wurden bei einer Epidemie, die als typische In- fluenza betrachtet wurde, nur bei 6 Proz. der daraufhin unter- suchten Kranken diese Bazillen gefunden. Jedenfalls kann nach den Forschungen der letzten Jahre kein Zweifel mehr darüber be- stehen, daß bei den mit dem Namen Influenza belegten Krank- heiten noch zahlreiche andere Keime im Spiele sind. Am häufig- sten werden von solchen die Pneumokokken, Streptokokken und Diplokokken ermittelt. Gerade dadurch wird es klar, daß man mit der Erforschung der sogenannten Jnfluenzaepidemien überhaupt noch in den Anfängen steht. Um damit vorwärts zu kommen, wird noch eine große Zahl von Untersuchungen über die Bakteriologie der Schleimhäute und vielleicht auch des Blutes bei Kranken mit vermeintlicher Influenza erforderlich sein. Zuweilen sind dadurch schon überraschende Aufklärungen gegeben worden. Es ist beispiels- weise an die Epidemie unter den Berliner �Ändern vom vorigen Jahre zu erinnern, die nach den Arbeiten von Müller und Selig- mann nicht auf den Jnfluenzabazillus, sondern auf einen Strepto- kokkus zurückzuführen war, der dann noch den besonderen Namen Grippenstrcptokokkus erhalten hat. Auch in Amerika sind unlängst mehrere Epidemien ähnlicher Art nachgewiesen worden, so in Boston, wo der verantwortliche Streptokokkus durch die Milch ver- breitet wurde und zu fieberhaften Entzündungen der Luftwege An- laß gab. Bei einer der jüngsten Vergangenheit angehörenden Epidemie in Chicago ist nun gleichfalls ein Strevtokokkus beob- achtet worden, der in vielen Eigenschaften dem in Berlin ent- deckten Krankheitserreger gleicht. Der Jnfluenzabazillus hat mit diesen Epidemien also überhaupt nichts zu tun. Technisches. Zur Geschichte des Eisenbetons. Noch nie hat ein Baumaterial in so kurzer Zeit allgemeine Anerkennung und Ver- Wendung gefunden wie der E i s e n b e t o n, der seit seiner ersten technischen Verwertung im Jahre 1867 in seiner Brauchbarkeit für die verschiedensten Industrien einen ungeahnten Fortschritt zu ver- zeichnen hat. ES ist merkwürdig, daß diese Kombination von Zement und Eisen so späten Datums ist. während man die An- Wendung des Eisens seit der vorgeschichtlichen Zeit und die des Zements schon bei den Römern kannte. Schon diese verstanden eS, aus dem bei Vajä und Neapel gefundenen vulkanischen Tuffgcstcin unter Hintufügung von gelöschten, Kalk eine» wasserwiderstands- .fähigen Mörtel herzustellen, aus dem man in großem Maßstäbe Kloaken und Kanalisationsröhren verfertigte. Sie kannten, wie im Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik, Heft 6, dargelegt wird, den Zement so- wohl in Form von Schüttungeu wie von gehärteten Blöcken. So sollen aus diesem Material unter dem ivnhnsinnigen Caligula großartige Hafenbauten entstanden sein. Bei der Er- oberung von Gerntanien fanden die Römer in der Eifel, im Moseltal, bei Nördlingen sowie an einigen anderen Orten, ein Steinmaterial, die Trasse vor, das sich gleichfalls zu Zement der- arbeiten ließ, kamen aber doch noch nicht auf die Kombination einer solchen Masse mit Eisen. Das Eisen ist das einzige aller sogenannten unedlen Metalle. das, mit Zement zusammengebracht, nicht oxydiert, d. h. rostet. Ja, der beim Anrühren des Zements sich abspaltende alkalische Kalk ist sogar imstande, rostiges Eisen zu entrosten. Was die Erfindung des Eisenbetons selbst betrifft, so erwäbnt dieses Material der Ingenieur Franyois Coignet um die Mitte des vorigen Jahr- Hunderts zum ersten Male, nachdem aus gewöhnlichem Zement, dessen Verwendung im Mittelalter verloren gegangen war, die umfangreichen Hafenbauten in Algier von dem Ingenieur Poirel hergcstellt'worden waren. Sogar 1816 existierte bereits eine Vetonbrücke in Frankreich über die Dordogne. Der erste, der Eisenbeton technisch verwertete und auch ein Patent daraus bekam� war der Gärtner Joseph Monier(1828— 1906): er stellte aus Eisenbeton Kübel für gärtnerische Zwecke her. Heute wird der Eisenbeton, dessen Druck- und Zugfestigkeit ganz bedeutend ist, im Hochbau zur Herstellung von Schorusteinen und Wassertürmen, zum Bau von Fabriken, Waren- Häusern. Speichern und Bankhäusern benutzt; aus ihn, entstehen AlisstelluiigSgebäude, Luftschiffhallen, Kais und Ufermauern, Leucht- türnie, Talsperren und Molen so gut wie Treppen, Tröge, Bade- wannen, Grabmonumente. Eisenbahnschwellen und in Amerika sogar Schwungräder. Die Erfolge, die die Eisenbetonindustrie im Verlaufe der relativ kurzen Zeit von 56—66 Jahren erntete, lassen erwarten, daß mit dem bisher Erreichten die Verwendungsmöglichkeiten des Eisenbetons noch nicht ihr Ende gefunden haben. Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärlsBuchdruckereiu.Verlagsanstc'.ltPaulSingersiCo.,BcriinLVV.