Hlnterhaltungsblatt des'Dorwärts Nr. 77. Sonnabend den 20. Aprib 1912 4] Suitana* tNachdruck vervolen.) Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Auf halbem Wege dahin sah er zwei verschleierte Arabe- rinnen auf einem schmalen Pfad daherwandeln, welcher mit demjenigen, dem er selbst folgte, weiter oben zusammenlief. Wie ungeheuer schwierig es auch ist. Araberinnen zu er- kennen— so ähnlich sind sie unter den gleichartigen Dra- perien— so war etwas Gewisses in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, das Marcel sagte, daß es dieselben beiden Frauen seien, denen er mit Nur begegnet war. Er sollte bald Gewißheit haben. In dem Augenblick, da sie den Punkt erreichten, an wel- chem die beiden Wege sich trafen, einige Schritte vor ihm, wandte die Zuletztgehende sich heimlich nach ihm, lüftete ihren Schleier mit einer Bewegung voll Kühnheit und Anmut, so daß Hals und Antlitz frei wurden, und heftete einige Augen- blicke zwei große dunkle, feuchtglänzende Pupillen mit einem kühnen, offenen, und dennoch unergründlichen Blicke auf Marcel. Der furchtsame junge Mann war ein Novize in den Turnieren der Liebe. Er kannte deren Waffen nicht, ebenso wenig zur Verteidigung wie zum Angriff. Er erblaßte überrumpelt und machtlos; er rang nach Luft und hatte nichts anders als eine aus den Wolken gefallene Verwunderung— einen starren entseelten Blick als Antwort auf diese tollkühne Auslieferung des jungen Weibes. Sein erster Gedanke war, ob jemand den Skandal be- merkt habe, der der Unbesonnenen teuer zu stehen kommen und auch auf ihn selbst einen Argwohn werfen konnte. Es beruhigte chn, daß eine Gruppe Pfefferbäume sie im entscheidenden Augenblicke vor aller Blicke geschützt hatte. Er beschloß, der Unbekannten zu folgen, jedoch in größt- möglichster Entfernung, um der Aufmerksamkeit zu entgehen und die mutige Jslamstochter nicht zu kompromittieren. So viel Takt verdiente belohnt zu werden. Bei der Kirchhoftüre jedoch sah Marcel die beiden sich im Strome all der Frauen verlieren, die nun nach verrich- teter Andacht den Heimweg antraten. Er verdoppelte seine Schritte. Vor dem Platze ergingen sich Hunderte verschleierter Frauengestalten. Hier bedurfte es Augen, die die Sterne der Milchstraße voneinander zu unterscheiden imstande waren, um die Ent- schwundenen wieder aufzufinden. 2. Fast eine halbe Stunde lang stürmte Marcel, der sich allmählich selbst zu flammender Leidenschaft erhitzt hatte, die schmale Gasse Sidi el Bechir auf und ab, die von Bab ei Aua zu der die ganze innere Stadt umschließenden breiten Allee führt. Sein suchender Blick glitt in dem dichten Menschenstrom von Antlitz zu Antlitz. Aber kein Kopf drehte sich nach ihm; niemand gab sich durch ein noch so geringes Zeichen zu er- kennen. Endlich gab er daS hoffnungslose Suchen auf. Wer sagte ihm, daß sie nicht in eine Seitengasse gebogen waren? Aller Wahrscheinlichkeit nach waren sie schon zu Hause. Er verlangsamte seine Schritte und richtete den Blick in sein Inneres. In den drei Jahren, seit er in Tunis wohnte, hatte er es nicht erlebt, das Gesicht einer unbescholtenen Araberin zu sehen. Kein Wunder daher, daß er unwillkürlich an eine Kurtisane dachte. Aber auch nur einen Augenblick. Die Kühne war sehr jung, kaum viel über dreizehn Jahre. Nun denn, dies sagte nichts; es gab Kurtisanen unter zwölf, hatte Nur ihm gesagt. Aber ihre Brauen waren nicht mit Kohle bemalt, lagen nicht barbarisch und brutal wie ein Paar aus- gespannter Adlerschwingen über ihren Augen. Das kleine Händchen, das den Schleier lüftete, war nicht von Henna gelbbraun gefärbt; sie hatte sicherlich keinen Mann, für den sie ihren Körper schmückte. Und es gab noch ein Zeichen, das nicht trog: ihr Blick war kühn wie nur der eines Kindes ist und hatte den Ausdruck des vollkommen keuschen Weibes. Das Antlitz und dessen einzelne Züge hatte er entweder vergessen oder gar nicht aufgefaßt. Er entsann sich einer Farbe wie das Fleisch einer saftigen Muskatmelone sie hat, uns erinnerte sich der Seele dieses Blickes, der mit der ft'arbst einer Halluzination vor ihm stehen geblieben war. Sie hatte nicht kokett gelächelt. Sie hatte sich nicht mit der neckischen, leichtfertigen Laune eines Mädchens entschleiert, das in den kurzen Stunden, da es der strengen Haremszucht entronnen ist, übermütig wird. Nein, ihr Blick hatte sein Herz betroffen, fast wie ein Schrei— als wollte sie sagen:„Endlich kann ich Dein Auge erreichen! Du, der heimlich jahrelang für mich geglüht hat, Du, dessen Gefühle ich im stillen erwiderte; sieh, hier bin ich! Nimm mich! Ich bin Dein mit Leib und Seele!" Er wußte mit Sicherheit, daß er sie nie mit seinen Augen gesehen hatte, aber dies sprach ihr Blick. Und sie war kaum vierzehn Jahre. Kaum vierzehn Jahre,— aber ein reifes Weib. Auf dem kleinen Platze zwischen dem Friedhof und Baö el Aua gab es noch ein lebhaftes Kommen und Gehen von Frauen. Die ganze Welt von Krämern, Charlatans und Bettlern, die am besten in aufgewühltem Wasser gedeihen, hatte sich hier ein Stelldichein gegeben. Ein junger Märchenerzähler, ausgerüstet mit einem lärmenden Tamburin, unterhielt eine andächtige Zuhörerschar mit den sehr kindlichen Erzählungen von Djuhas Eulenspiegel- streichen. Während jeder Pause in dem gleichmäßig plärren- den Vortrage schlug er das Taniburin auf eine eigene Art, die weit und breit verkündete, daß es Märchen zu hören gebe. Obwohl Marcel alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihr, die so unerwartet sein Herz mit Unruhe erfüllt, auf- gegeben hatte, brachte er es doch nicht über sich, vorbeizugehen, ohne den lauschenden Haufen zu mustern. Da keiner ihm ein Gran von Aufmerksamkeit schenkte, ging er weiter. Eine viel zahlreichere Schar sammelte sich in einem großen Oval um einen Schlangenbändiger. An dem einen Ende dieses lebenden Zirkus hockten drei blinde beduinische Spiclleute in erdfarbigen Lumpen auf dem Boden und lieferten mit zwei bebenden verliebten Rohrflöten und einer kriegerischen Trommel die Musik zu dem kommen- den Schauspiel. Vorläufig machte der Zauberer sich interessant, indem er sich ein Dutzend Stricknadeln aus der Nase zog. Es war ein langer knochiger Aissaula von Berberblut, der nicht anders aussah, als ob er sich tatsächlich von Strick- nadeln nährte, während die Wildheit des gierigen Wolfs- gesichtes die Möglichkeit nicht auszuschließen schien, daß er seine Stricknadeln im nächsten Augenblick dazu gebrauchen könnte, seinen hochgeehrten Zuschauerinnen die Augen auszu- stechen. Er zeichnete sich vor allen anderen ihrer Vernunft sich erfreuenden Kinder des Propheten dadurch aus, daß er weder Sjesjia noch Turban trug. Dies verschönte ihn übri- gens nicht. Sein übermäßig langer Schädel war dermaßen rasiert, daß man ihn für skalpiert halten konnte. Nur oben auf dem Wirbel war ein Schweif von langen straffen Haaren verschont geblieben, uni den Engeln des Gerichts einen Hand- griff zu geben, wenn sie ihn am jüngsten Tage in den Himmel hinausziehen wollten. Während sich Marcel dem Kreise anschloß, ging der Zau- bercr— immer auf den Zehenspitzen � mit langen elastischen Hahnenschritten zu drei zugedeckten Kürbisflaschen hin, deren obere Oeffnung von einem verschnür�ren Fellbezug verschlossen war. Kaum hatte er seinen Stab in eine dieser Flaschen hinabgestoßen, als eine Schlange ihren flaschen schup- pigen Kopf zeigte und gereizt die gespaltene Zunge spielen ließ. Mit einem hastigen Griff zog er das lange Scheusal aus seinem Versteck hervor und warf es auf die Erde, wo es sich augenblicklich auf dem Schwänze aufrichtete, den Hals flach spreizte und den kleinen intclligk.sten Kopf nach allen Seiten drehte, um sich zu orientieren. Immer mehr und mehr Frauen kamen hinzu. Viele von ihnen kamen nur an diesem einen Tage aus dem Hause und bcnützten den Besuch bei den entschlasenen Verwandten, um alle möglichen kleinen Zerstreuungen mitzunehmen. A>?arcel heftete auf jede neuhinzutretende vornehnie Araberin seinen glühenden Blick. Ten Frauen aus dem Volke brauchte er keine Aufmerksamkeit zu schenken; sie waren alle kenntlich an dem schwarzen Wolltuche, das dicht um den Kopf gewickelt war und das ganze Gesicht verbarg. Nun trank der Zauberer unter leisem Beifallsgemurmel zind beklommenen Seufzern Wasser aus einem Eimer. Die Schlange erwartete ihn aufrecht sitzend, aber es war jeden- falls klüger, die Kollekte einzuhein'en, ehe er sein großes Kunststück aufführte und die Zu'/ hau w sich fortstahlen. So stelzte er auf den Zehenu-�en umher und sammelte die Münzen in das Tamburin. Marcel, der in der hintersten Reihe stand, mußte sich weit vorbeugen, um ihm einen Frank zu opfern. Gegen seinen Willen streifte sein Arm eine vor ihm stehende Frauengestalt. Sie leistete Widerstand; er meinte zu bemerken, daß sie sich gegen ihn zurücklehnte, und als er auf Arabisch eine Ent- jchnldigung murmelte, antwortete sie leise und blickte durch den Schleier auf. Es rieselte heiß durch alle seine Nerven. Wie unsichtbar sie auch unter dem Schleier war— hier war kein Zweifel möglich: sie war es. Er sing die kurzen Bemerkungen' auf, die sie mit ihrer Begleiterin wechselte. „Wir müssen gehen, mein Kind." „Bloß einen Äugenblick, Mutter!" „Dein Vater würde mich töten, wenn er uns hier sähe." „Er sieht uns nicht." Ter Zauberer hatte die Kollekte beendet und näherte sich der Schlange, die, sich selbstbewußt krümmend, ihren ge- jchmeidigen Körper zur Verteidigung bereit von einer Seite znr anderen wand. Die schmachtenden Flötentöne seufzten und stöhnten eine Ewigkeitsmelodie, trostloser und unendlicher als die Wüsten der Sahara. Je nachdem ihre blinden Urheber sich aufbliesen und rot wie Puter wurden oder gefühlvoll zurücksanken, konnte diese Melodie betteln und bitten odr sich zärtlich einschmei- cheln. Jedenfalls war sie bloß bestimmt, an die besseren Ge- fühle der Schlange zu appellieren, wogegen die Tromniel, die nun in einer neuen Taktart lärmte, ihr den unerbittlichen Donner der Gerechtigkeit in Aussicht zu stellen schien, wenn sie sich nicht gutwillig fügte. Einstweilen erhitzte der Zauberer sich zu einer schäumen- den Wut, die vollkommen echt schien. Er biß sich die Finger blutig und zerriß seine Wangen mit den Nägeln; er zerrte an seinem Seligkeitsschwanze und gebärdet? sich überhaupt, als sei dies Ungetüm im Staube der leibhaftige Teufel und er selbst der Erzengel, der ihn zu entleiben habe. � Anfänglich versuchte er es, das Reptil durch eine drohende Aufzählung all der ihm zur Seite stehenden starken Mächte zu lähmen. Er beschwor es bei allen mächtigen Marabus, namentlich aber bei seinem eigenen Schutzheiligen Sidi den Aissa, der Steine in Brot verwandelte. Bei jedeni Heiligen, den er nannte, küßten seine Zuschauer ihre rechte Hand und führten sie ehrfürchtig an die Stirne, während sie nach Art der Chorknaben einen heiligen Refrain murmelten. (Fortsetzung folgt.) fricdncb von Sallct. Von diesem deutschen Lyriker, dessen hundertster Geburtstag auf den 20. April fällt, Iiarf gesagt werden, daß er wirklich ein Poet war und daß er sehr zu Unrecht, wenn nicht ganz und gar vergessen, doch ungebührlich übersehen wurde; obgleich von ein- zelncn seiner Tichtertaten auch noch verschiedene Jahrzehnte nach seinem allzu frühen Tobe lebendige Nachwirkungen ausgegangen sind. Erst im vorigen Jahre konnten wir uns mit seiner gcijt- reichen Novelle„Kontraste und Paradoxe" beschästigen, die der Verlag Hans von Weber in München mit reizenden Jllustra- tionen neuerdings herausgegeben hat. Dies Werkchen ist auch insofern merkwürdig, weil Sallct in und mit ihm die Erkenntnis osscnbarte, daß alle Flucht in die heiteren Gefilde wesenloser Ideale nichts als ein Zeugnis geistiger Schwäche und Feigheit sei und nur der geschichtliche Boden der Menschheit für die Gestaltung der Idee als notwendiger Sclmuplatz angesehen werden müffe. Diese Erkenntnis bildet fortan den eigentlichen Mittelpunkt der ge- samten Wirksamkeit des Dichters während der letzten Spanne feines Lebens. Eine Betrachtung seines Konterfeis zeigt ein feines, von lang- lockigem Haupthaar umwalltes Profil. Unwillkürlich werden wir an Chamisso erinnert. Und es bieten sich zwischen den beiden nicht bstch äußerliche Vergleichspunkte. Gleich Chamisso entstammte auch h... von Sallet einer infolge der Protestantenverfolgungen aus Frankreich nach Deutschland entflohenen Hugenottcnfauülie. Sein Bater, preußischer Jngenieur-Hauptmann, starb in Nei sse, als der dort geborene Knabe zwei Jahre alt war. Nach dem ersten Schulunterricht in Breslau kam er in das Potsdamer Kadetten- korps; von da nach Berlin, wo sich seine militärische Erziehung vollendete. Erst 17 Jahre alt ging er als Unterleutnant in den Garnisondienst nach Mainz. Die Nähe Frankreichs, die von dort herüberwehenden Stürme der Volksbefreiung bei Ausbruch der Julirevolution erzeugten in dem jungen ideal- romantisch ver» anlagten Offizier republikanische Anschauungen. Es wurde ihm zu eng im Wasfenrock; und das Gefühl der Unfreiheit steigerte sich, ähnlich wie bei Heinrich von Kleist, über den seinem künstlerisch gearteten Naturell aufgezwungenen Stand bis zur Verbitterung. Was Wunder, daß der dichterische Trieb und das brennende Streben, sich selbst über die notwendigen und erzwungenen Ver- hältnijse Klarheit zu verschaffen, in Gedichten� und Aufsätzen ex- plädierte! Namentlich die Aufsätze waren oft satirischen Inhalts; und als Sollet sich nicht versagen mochte, eine Satire, worin dem Unmut über die Leerheit und Trostlosigkeit des militärischen Be- rufs Ausdruck verliehen war, zu veröffentlichen, da wurde er in eine äußerst strenge Untersuchung gezogen, deren Ergebnis zuletzt, durch den obersten Kriegsh-'rrn bedeutend ermäßigt, auf zwei- monatige Festungsstrafe lautete. Auf der Festung in Jülich, wohin Sollet im April des Jahres 1832 abging, faßte er den Entschluß, durch ernste wissenschaftliche Studien sein poetisches Talent aus- zubildcn und auf bedeutende Gegenstände hinzulenken. Deshalb bereitete er sich in Trier, nachdem er seine Strafe überstanden hatte, zunächst für den Besuch der Kriegsschule vor. Hier begann für ihn eine frische, jugendliche, hoffnungsreiche Dichterpcriode, die infolge seines täglichen Umgangs mit Eduard D u l l e r. dem hier damals redaktionell und schriftstellerisch tätigen Volks- und Freiheitsmann, kräftigste Förderung erhielt. Duller wirkte durch aufmunterndes Urteil, treuen Rat, Verösfcnt- lichung von Gedichten, Veranlassung zu kritischen Aussätzen, nicht wenig anregend und ermutigend auf den jüngeren Freund ein. In traulicher Stube oder auf einsamen Spaziergängen wurden die Hauptgcgensätze des Lebens in religiösen und gesellschaftlichen Dogmen und Traditionen gründlich verfolgt, richtige Anschauungen festgestellt, im sprühenden Jugendmute Pläne und Hoffnungen ausgetauscht. Um seine wissenschaftliche Ausbildung weiter zu fördern, begab Sollet sich zu Ende des Jahres 1834 nach Berlin. Hier, aus der Kriegsschule, trieb er vornehmlich Gcschichtsstudien und bcsreun- dete sich auch mit der Hegclschen Philosophie. Die anhaltende Be- schäftigung mit trockner Gelehrsamkeit übte zunächst auf die poetische Produktivität einen hemmenden Einfluß aus. Alles er- schien dem Dichter grau und düster. Und da er schließlich die mili- tärischen SpezialVorlesungen meistens„schwänzte", so wurde er noch vor Ablauf des Kursus zu seinem Regiment nach Trier zurückversetzt. Abermals war eS hier Duller, der ihn auf die vernachlässigten Pfade der Poesie zurückbrachte. Hatte er früher die Hoffnung aus- gesprochen, ausschließlich das Drama zu kultivieren, so erkannte er jetzt seine Mission als Lyriker. Zunächst bricht in der Produktion jener Periode der Verztveislungskampf zwischen Idee und Wirk- lichkeit durch. Hauptsächlich in einem allegorischen Märchen „Schön Jrla", das innerhalb zehn Tagen entstand, und worin Sollet die ringende Idee zum Siege führt, indem er sie aus der irdischen Welt wechselnder Gestaltungen sich durch die Gewalt der Sehnjucht in die Region der reinen Geistigkeit erhebt. Sollet steht da noch vollständig im Banne der Romantiker. Er ist es auch in- sofern, als er sofort ins Gegenteil umspringt. Sein um die gleiche Zeit geschriebenes komisch-heroisches Epos„Die wahnsinnige Flasche" kann nämlich als eine Travestie jenes Erhebungskampfcs gelten. Auf entgegengesetztem Wege führt hier der Dichter seinen Helden bis zur allerletzten Tiefe der Entäußerung von geistigen Beziehungen hinab. Aber es kündigt sich da zugleich doch ein Ge- sundungsprozeß an, der in der Novelle„Kontraste und Paradoxe" greifbar wird. Der erkennbare Umschtvung in der Gedankenwelt des Dichters wurde auch für sei» ferneres Leben entscheidend. Mit Konsequenz forderte er 1833 seinen Abschied vom Militär und nahm in Breslau seinen ständigen Aufenthalt. Hier schuf er im Geiste religiöser Befreiung sein„Laien-Evangelium", ein Werk, auf das er sein ganzes Sinnen und alle seine Kräfte richtete; sowie die streitbare Schrift:„Die Atheisten und Gottlosen unserer Zeit". Was Sollet als Publizist und Philosoph in den Atheisten nach all- gemeinen Grundzügen feststellte und streng entwickelte, führte er gleichzeitig, ans niannigfaltiqe einzelne Fälle der Gegenwart be- zogen, in seinen politischen Gedichten mit schlagendem Witz und feuriger Begeisterung aus. Immer mächtiger sehen wir ihn nun von den sozialen und politischen Zeitverhältnissen, insotveit sie den Thronwechsel in Preußen mit den dadurch veraulaßten Be- weguugen betreffen, angezogen werden. Diese seine Satiren und Kampfgesänge sichern Sollet das Recht zu, einer der bedeutendsten, weil zielbewußtesten Dichter des Bormärz zu heißen. Er schritt aus der friedlichen Ruhe einer geradezu kindlichen Natürlichkeit auf den Kampfplatz der Idee und des Lebens und rang sich mit Kraft und Klarheit bis zum Frieden eines pantheistischen Bewußtseins durch. Und weil er diese rein menschliche EntWickelung in sich vielleicht unter allen Dichtergeistern seiner Zeit am bündigstei» dargestellt hat, gebührt ihm ein besonderer Platz.„Ich reformiere," schreibt er einmal an Duller—.und zertrümmcre die Lüge ve-n Gedanken auD." Ja. er hat sich, in Beziehung auf seine Mission als religiös-sozialer Streiter, einen.Znkunfts- Artilleristen" genannt. Und fürwahr: in den Befreiungs- kämpfen der Menschheit werden seine von seltener Schärfe, Klar- heit und dichterischer Schönheit durchpulsten Gesänge unvecloren bleiben. Sallct erlag einer Brustkrankheit am 21. Februar 1843. Seine„Gesammelten Werke" find in ö Bänden erschienen. Die „Gedichte", das„Laien- Evangelium" und die Novelle„Kontraste und Paradoxe" auch in Einzelausgaben von Reclams Universal- bibliothek._ e. k. Die futunften. (Ausstellung: Tiergartenstr. 34a)'. Die Kommenden, die Maler der Zukunft, so nennen sich diese jungen Italiener. Wer die heutige Kunst Italiens kennt, wird von vornherein mißtrauisch sein. 1910 gab es in Brüssel eine internationale Kunstausstellung; neben den Spaniern waren die Italiener die schlimmsten. Was sie zu zeigen hatten, war ver- trottete Akademie, sützer Kitsch und ein wilder, dazu bengalisch beleuch- teter Naturalismus. So damals, und nun soll heute aus Italien die Zukunft aufsteigen; das scheint wenig glaubhaft. Immerhin, man geht in Erwartung, das Wunder zu schauen. Was diese Futuristen wollen und wovon sie in Manifesten grausige Worte machen, das wäre schließlich einerlei, wenn sie nur etwas Rechtes könnten. Aber, das darf mit voller Sicherheit gesagt sein: Nicht einer von ihnen überragt das Durchschnittsmaß. Das sieht man deutlich an einigen Arbeiten, die weniger durch das Programm als durch den Menschen bestimmt wurden. So hat zum Beispiel B o c c i o n i, dessen Werke zumeist nur durch einen Kommentar verstanden wer- den können, ein Bild gemalt:«Die erwachende Stadt". Das ist eine ganz gewöhnliche Allegorie, wie sie tausendfach gemalt worden sind und von jedermann gemalt werden könnte: vor den Häusern des Hintergrundes steigen zwei Riesenpferde empor, sie sind feurig und schnauben. Nicht viel anders steht es um Severinis „Schwarzen Kater". Der Künstler will das Gesühl der krank- haften Beklemmung nach dem Lesen von Poes gleichnamiger No- Celle darstellen. Das ist eine illustrative Absicht, gegen die gar nichts einzuwenden wäre, die irgendein klassischer Japaner oder Bcardsley oder Balloton vielleicht sehr gut gelöst hätten. Severini vermochte es nicht; sein Bild läßt uns völlig kalt. Du liebe Zeit, wie haben da Goya oder Daumier und Vau Gogh die„krankhafte Beklemmung", den Schauer des Wahnsinns und das Grauen des Todes, unendlich wahrhaftiger und bezwingender gemalt. Ferner: ein anderes Bild dieses«Äverini, eine große Leinwand:«Tanz in Monico". Eine durcheinander gewürfelte Bundheit, die ganz spatzig wirkt, etwa so wie aus Buntpapier zusammengeklebt. Eine halbwegs raffinierte Spielerei, nur völlig vergriffen im Format, viel zu groß für einen Witz und darum stillos und töricht. Man sieht: das alles ist recht harmlos. Wo steckt eigentlich das Zukünftige? Antwort: in dem Pro- gramm. Die Futuristen haben Manifeste erlassen; diese Schrift- sähe müssen zuerst gelesen sein, ehe die Bilder betrachtet werden können. Hier einige Proben:„Sind unsere Bilder futuristisch, so sind sie es einzig und allein, weil sie als Ergebnis ethischer, ästhetischer, politischer und sozialer Begrifse selbst vollkommen futuristisch find. Wir wollen den Krieg preisen, diese einzige Hygiene der Welt, den Militarismus, den Patriotismus, die zerstörende Geste der Anarchisten, die schönen Gedanken, die töten und die Verachtung des Weibes... Wie die Literatur bisher die nachdenkliche Unbeweg- lichkeit, die Ekstase, den Schlummer gepriesen hat, so wollen wir die aggressive Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den gymnasti- schen Schritt, den gefahrvollen Sprung, die Ohrfeige und den Faustschlag preisen.... Nachdem wir zum Beispiel aus einem Bilde die rechte Schulter und das rechte Ohr eines Mannes ge- geben haben, halten wir es einfach für überflüssig und unnütz, auch die linke Schulter und das linke Ohr dieser Person zu geben. Wir zeichnen nicht die Töne, sondern die vibrierenden Zwischen- räume." Ein toller italienischer Salat; Vernunft und Unsinn durcheinander gehackt. Dazu sind nun die wahrhaft futuristischen Bilder Verhängnis- volle Illustrationen. Hier einige Titel dieser Bilder nebst den Er- läuterungen des Kataloges:„Das Bad"; die sinnliche Erfrischung. die ein Bad im Mittelmecr gewährt.—«Tie rüttelnde Droschke"; der zweifache Eindruck, den eine alte Droschke durch das plötzliche Rütteln hervorruft, bei den Insasse» und bei den Vorüber- gehenden.—„Die Bewegung des Mondes"; der Eindruck des sich bewegenden Lichtes, die der sehr sensitive Künstler empfindet, wäh- rcnd das nicht denkende Publikum cS bewegungslos glaubt.— „Die Frau und der Absinth"; die verschiedenen plastischen Anblicke einer Frau in mannigfacher Bewegung.—„Zug in voller Fahrt"; Synthese der Lichtrcflexe, die ein Expreßzug mit 60 Meilen stünd- lichcr Geschwindigkeit hervorruft.—„Ein Drei-Köpfe"; Studie der Durchsichtigkeit des Körpers, wenn Licht darauf fällt. Solcher Art sollen die Bilder sein. Das Gemeinsame ist, daß nicht das Gegenständliche, sondern die Empfindung, der Eindruck, gemalt Wird, nicht der badende Knabe, sondern die Erfrischung, nicht die rüttelnde Droschke, sondern die Gehirnbcwegungen des Insassen utch der Vorübergehenden. Bedarf es eines Nachweises, daß solcherlei Erkenntnis theoretisch und auch physiologisch eine Uli, Möglichkeit ist. Eine Enpfindung, losgelöst vom Körperlichen, ver- mögen wir uns nicht vorzustellen; wie sollten wir sie dann gestalten können. Ebensowenig kann man eine Bewegung malen, ohne den Gegenstand an den, oder durch den sie geschieht. Wer das be- streitet, gehört nicht zu unserer Welt; wer es versucht, ohne die Absicht der Groteske, wird unfreiwillig zum Narren. Es ist Narr-- heit, wenn Boccioni, der kitschig genug die beiden Ricsenpferde malte, ein Bild fabriziert, das er Abschied nennt, und das dieses darstellen soll:„Inmitten der Verwirrung des Abschicdnchmens treten in mächtigen Linien, im Rhythmus, in musikalischer Har- monie die konkreten und abstrakten Eindrücke klar hervor, besonders durch die Wellenlinien, die wie Akkorde die Figuren mit den Gegen» ständen verbinden. Die in den Vordergrund gerückten Gegenstände» wie die Nummer an der Lokomotive, deren Vorderansicht im oberen Teil des Bildes gezeigt wird, ihr vom Wind zerrissenes Vorderteil im Mittelpunkt des Bildes, das Symbol des Abschiednchmens, sind ein bezeichnender Hauptzug der Szene, die sich unvergeßlich dem Gehirn einprägt." Selbst wenn die Futuristen leibhaftige Genies wären, so könn- tcn sie solcherlei nicht fertig bringen. Daß sie es ernstlich wollen, genügt, um aufzudecken, was für Dilettanten sie sind. Diese Fulu- risten, so kompliziert sie ausschauen, sind in Wirklichkeit nichts anderes, als die tauben Seifenblasen der Dekadenz, der Nachtspuk der Cafehäuser und ein sensationelles Litcratengeschwätz. Robert Breuer« feuere Literatur über Glchtrizität. In seinem Vortrag über die„Stellung der neueren Physik �ur mechanischen Naturanschauung" weist der bekannte Berliner Physiker M. Planck auf die bemerkenswerte Tatsache hin, daß maw früher bei Erklärung elektrischer Erscheinungen mechanische! Modelle zu Hilfe nahm, während man heute umgekehrt komplizierte! mechanische Vorgänge durch eleitro-magnetische Analogien anschau-, lich zu machen versucht. In dieser Umwälzung des naturwisseu-- schaftlichen Denkens- spiegelt sich unter anderen, die grunWegends Rolle, die die Elektrizität im modernen Leben spielt. Und trotzdem, steht heule die breite Masse des Volkes solchen alltäglichen Erschei» nungen, wie sie das elektrische Licht, die Telegraphie. Telcphonie, sogar die elektrische Klingel bieten, meistenteils verständnislos gegenüber. Schuld daran trägt nur unsere berühmte Schule, den,» auch die kompliziertesten elektrischen Maschinen! und Apparate lasse,» sich in ihrer Wirkungsweise leicht begreifen, sobald mm, wenigo grundlegende Begriffe der Elektrizitätslehre genau kennt. Die populäre Literatur, die diese Lücke der Volksbildung ausgusülle» versucht, hat eine dankbare Aufgabe zu löse». Von ihren Neuerscheinungen verdienen vor allem drei Ver- öffentlichungen der Franckhschcn Verlagshandlung l„Kos,noS"-Vcr- lag) genannt zu werden, da hier ein Versuch vorliegt, eine inner- lich abgeschlossene Darstellung des gesamten Gebietes zw geben. Zwei Bändchen stehen noch aus; unter dem gemeinsamen Titel „Der elektrische Stro m" werden sie zusammen mit de,» zwei erschienenen eine populäre Elektrotechnik bilden. Das fünfto Bändchen:„Was ist Elektrizität?" will in Ergänzung dazu eine theoretische Auseinandersetzung über das Wesen der Elektri- zität, und zwar vom Standpunkte der Eleitronentheorie bringen. Dieses letztere Werk ist von Hanns Günther nach dem eng» lischen Original von Charles Gibson frei bearbeitet. Was am Werke zuerst interessiert, ist die Art seiner Dar- stellung, und die ist seltsam genug: man hat hier ein Elektron von sich, das über seines Lebens Lust und Leid des weite» und breite,» erzählt. Die Elektronen lieben und hassen, freuen sich und trauern, und machen, bald von diesem, bald von jenem Gefühl ergriffen, die lange Geschichte der Entdeckungen mit. Wir haben uns redlich bemüht, dieser Art der Darstellung ihre besten Seiten abzu-, gewinnen und müssen am Ende gestehen, daß sie uns doch recht, bedenklich vorkommt. Nicht aus ästhetischen Gründen, obgleich di« Tatsache, daß hier kein reales Wesen und sei es eine Brotkrume. sondern ein Gedankenbild als Person tätig ist, der Erzählung ihi.e natürliche Ungezwungenheit und Spannung nimmt. Sondern w,r: halten es für grundsätzlich unzulässig. Hypothetisches und Tatjäch, liches derart zu vermengen, wie es hier geschieht und bei diesen Tarstellungsart geschehen muß. Wie fest begründet auch heute die Elektronentheorie sein mag, sie ist und bleibt nur ein Versuch, dio Wirklichkeit gedanklich zu erfassen, was übrigens der Verfassen selbst betont. Die Neigung, unsere O-ilssvorstelluugen für die Wirk- lichkeit selbst zu halten, hat in der Wissenschaft schon Unheil genug angerichtet, und die populäre Literatur muß sich besonders hüten. dieser Gedankenträgheit irgendwie Vorschub zu leisten. Wie sorglos» es in dieser Hinsicht in dem zur Besprechung stehenden Werke zu- geht, dafür nur ein drastisches Beispiel: Im Bestreben, durchaus anschaulich zu sein, hat man mit einer Zeichnung die Darstellung der bei der Reibung von Schwefel und Wolle stattfindenden clek» irischen Vorgänge gegeben. Schwefel und Wolle sehen wie An- Häufungen von Billardkugeln(Atomen) aus; von einem Haufen wandern auf den anderen kleinere Kügelchcn(d. i. Elektronen) über. Als schemalische Darstellung möchte man sich das noch gefallen lassen, aber die Zeichnung kurzweg für eine„Vergrößerung", wenn auch„riesige", auszugeben, geht doch wirklich nicht a«, - 808— Sie�t man von diesen unseres Erachtens allerdings recht ge- wichtigen prinzipiellen Bedenken ab, so präsentiert sich das Werk- chen als eine geschickt« Zusammenfassung unseres heutigen WissenS Uber die innere Natur der Elektrizität. Der geschichtliche Rahmen, Ser die Darstellung umspannt, läht alle Teile der Elektrizitätslehre lsowie der Nachbarbezirke des Magnetismus und der 5)ptik gleich» mäßig zu ihrem Rechte kommen. Für einen kritisch denkenden Leser, der die Schale von dem Kern zu trennen weiß, wird diese leichtfaßliche Darstellung der Elektronentheorie gewiß nicht unwill- kommen sein. Kann dieses Werk nur unter gewissem Vorbehalte empfohlen «werden, so verdienen zwei weitere Neuerscheinunijen:„Elemente und Elektrochemie" und„Telegraph ie und Tele- lp h o n i e", die beide aus der Feder von Hanns Günther stammen und denen noch zwei Bändchen über„Dynamomaschinen und Elektro- motoren" und über„Beleuchtung und Heizung" alsbald folgen lwerden, desto uneingeschränkteres Lob. Jedes für sich abgeschlossene Bändchen gibt in guter, wohldurchdachter Auswahl das Tatsächliche und Theoretische so anziehend wieder, daß manche Partien sich wie ein Roman lesen. Man blättere zum Beispiel die an wirklich dra- matischen Spannungen reiche Geschichte der Kabeltelegraphie durch! Das erste Bändchen umfaßt die Lcbre von den elektrischen Elemen- ten, primären und sekundären(Akkumulatoren). Die Behandlung der chemischen Fragen ist dabei so anschaulich, daß ihr jeder halb- Wegs aufmerksame Leser ohne Mühe wird folgen können. Galvano- Plastik sowie andere chemische Wirkungen des elektrischen Stromes werden da mitbehandelt. Mit dem zweiten Bändchen gelangen wir auf das Gebiet solcher wichtiger Mittel der modernen Kultur, wie es Telegraph und Tele- Phon heutzutage sind. In zwei einleitenden Kapiteln wird die Lehre vom Magnetismus behandelt, dann folgt ein kurzer geschicht- Zicher Ueberblick über da? Werden der Telcgraphie, in den sechs übrigen Kapiteln werden die wichtigsten Apparate der Telegraphie und Telephonie besprochen. Die durch gute Zeichnungen unter- islützte Darstellung bleibt überall allgemein verständlich und klar und wird durch eingeflochkene historische Ausblicke belebt. Es «läßt sich wirklich keine bessere Anleitung zum Studium der Tele- graphie und Telephonie fijx tcchnisch-intercssierte Arbeiter denken. Wir sehen der Erscheinung weiterer Bändchen der Serie, von denen der vierte u. a. die Darstellung der drahtlosen Telegraphie geben wird, mit besten Hoffnungen entgegen. Der Preis von 1 M. für den Band ist in Anbetracht der guten Ausstattung mäßig zu nennen. Das kleine Werk von Prof. Fr. Adami„Die Elektri- zität". Teil I, das in Reclams Serie:„Bücher der Naturwissen schaft" erschienen ist, sollte hier eigentlich nicht besprochen werden, da es als Anfang einer spstematischen Darstellung keineswegs ein Ganzes für sich bildet. Wir fühlen uns indes verpflichtet, schon jetzt darauf hinzuweisen, daß das Werk so viel tatsächliche Unrichtigkeiten enthält, daß von seiner Benutzung alS Führer dringend abzuraten ist. Um nicht beweislos zu behaupten, ein Beispiel statt vieler. Der Verfasser belehrt uns(Seite 18— 19), daß bei Reibung von zwei Stücken rohen Bernsteins aneinander beide Stücke negativ elektrisch geladen werden. In Wahrheit aber kann das eine Stück so gut wie das andere positiv oder negativ geladen werden; auf alle Fälle jedoch sind gleichzeitig auftretende Elektrizitätsarten verschieden. Von einer Durchbrechung dieses wichtigen Grund- gesetzes ist uns bis jetzt noch nichts bekannt geworden. Auch auf den Seiten 43— 44 haben wir einen ebenso unbegreiflichen Fehler ent- ideckt. Die meisten Leser werden sicherlich keine Lust haben, nach den Fehlern des Buches zu spähen und werden also gut tun. das Werkchen, wie gut eö auch gemeint war. vorderhand unbenutzt zu lassen,___ V. Th. Schach. Unter Leitung von S. Als Pin. Ferber. 2+(T-P-Ostl). Echachnachrichten. Der Sieger von San Sebastian A. Rubinstein hat Dr. Em. Lasker, der seit seinem Siege über den verstorbenen Weltmeister W. Steinitz den Rekord der Schach- Weltmeisterschaft in Matchen unbesiegt(nur gegen C. Schlechter Remis) inne hat, zu einem Wettkampfe um die Weltmeisterschaft herausgefordert. Dr. E. Lasker antwortete, er könne nur dann hierüber entscheiden, wann die Verhandlungen über eine frühere Herausforderung durch den Kubaner Capablanca als endgültig gescheitert zu betrachten sein werde». Dr. Lasker wendete sich neulich an den Präsidenten des Franklin-Schachklubs in Philadelphia Walter Penn Shipley, der in jenen Verhandlungen die Wahl zum Schiedsrichter angenommen hatte, mit der Bitte, endgültig zu entscheiden. Die Differenzen zwischen Lasker und Capablanca bestanden im wesentlichen darin, daß ersterer als älterer Herr, um eventuellen Ermüdungen vorzubeugen, höchstens 6 Stunden pro Tag Spielzeit, in zwei Intervallen a L'/a Stunde" geteilt, akzeptieren wollte, während sein bedeutend jüngerer und physisch kräftigerer Gegner eine ununterbrochene Spielzeit von 6 Stunden pro Tag forderte und, sich dabei auf den Umstand berief, Dr. Lasker habe seine Weltmeisterschaft unter denselben Bedingungen zu ver- teidigen, unter denen er sie gegen Steinitz erworben hotte. Capablanca hat nur formell und oberflächlich recht. Die Weltmeister- schaft soll doch dem zufallen, der besserer Kenner des Schachs ist, nicht aber dem physisch Ueberlegenen I... Auch ganz forma- listisch genommen, hat Lasker recht, wenn man nur gründlich auf die Sache eingeht. Die Bedingungen mit Steinitz bestanden nämlich prinzipiell darin, daß Lasker als damaliger„Aspirant' in schachtechnischer Beziehung den Bedingungen des damaligen Besitzers des Weltmeistertitels einfach sich zu fügen hatte, soweit sie plausibel erscheinen. Und S Stunden pro Tag in zwei Intervallen a ll'/z ist eben eine genügend plausible Bedingung für eine so anstrengende geistige Tätigkeil l Zweispringcrsptel im Nachzug. Am 6. April 1912 in München gespielt R. Spielmann. C. Bardcleben. 1. s2�o4 e7— e5 2. Sgl— f3 Sb8— c6 8. Lfl— c4 SgS— fö Diese Eröffnung hat höchstens den Wert, dem Evansgambit: 3..... Lc51 4, b4 auszuweichen. DieS ist aber unlogisch, da sowohl angenommenes Evansgambit(4...... LXbll) als abgelehntes(4...... Lb6) eher für Schwarz günstig ist 4. Sf3— g5 d7— d5 5. e4Xd5 Sc6-d4 Eine zweisclhaste Neuerung. Bester 5..... Sc6— a5 1(5..... SXd5; 6. 3X17. KX8: 7. DfSf-c. mit starkem Angriff); 6. 62—33 I ic. 6. c2— c3..... Stärker, wenn auch dem Gegner den Angriff überlassend, ist 6. 65— 661 6...... b7— b5? 7. c3Xd4..... Stärker 7. Lfl I Statt des Texl- zugcS sollte Schwarz eben 6..... 364—55 gespielt haben. 7...... b5Xo4 8. d4Xe5..... Weit stärker war 1)61—«21 8...... Dd8Xd5! 9. 0— 0..... Sosort SgS— f3 war sicherlich besser. 9...... Lc8— b7 1 10. SgS— f3 816-67 11. 62—64?..... Richtig war 11. So3 1, Dc6(11.... 1)63 12. Sei nebst 64); 12. 64 je. 11...... 04X63 12. Sbl— c3 Dd5— c6? Weshalb nicht einfach Dc4 1 nebst «v. SvS und T68 ic.? 13. Tfl— el..... 13. DXd3?, Laß sc. 13...... 0-0-0 14. 1)61X63 867—05 15. Dd3-f5t voß-d? 16. Df5Xd7t Td8Xd7 17. So3-b5?..... Das Nichtige bestand in 17.«6 l nebst Ss5. Nun steht Schwarz bester. 17...... 805-63 18. Tel— 61..... 18. Te2?, Laß!C. 18...... Lf8-c5 Bester 18..... LXS; 19. gXf3, aß; 20. Sc3, SXeS w. 19. Lei— e3 Lc5Xe3 20. f2Xe3 a7— a6 21. Sb5-d6t 07X66 22. TdlXdS 66-65? 23. Tal— elf Kc8— 68 24. Tel— 61 Kd8-e7 25. e3— e4? Th8— 68 26. Sf3— 64 g7— g6 27. 864— b3 d5Xe4 28. Td3Xd7t T68X67 29. TdlXd7t Ko7Xd7 30. Sb3— cöf?..... Besser 364 1 30...... Kd7— c6 31. Sc5Xb7?..... Weiß tariert da? Baucrn-Endsplel falich. Es sollte für ihn eher verloren gehen. 81...... Kc6Xb7 32. e5— e6 l..... Sonst Kb7— cß— 65Xe5(bezw. Kd4). 32...... 57X0« 33. Kgl— 12 Kb7— c6 34. Kf2— e3 Kc6— 66 35. b2— b3?..... h2— h4 1 war da? Richtige. 35...... Kd6— c5? gß— gSl gewann. 86. s2— a3 I Ko5— 65 37. g2— g3?..... Ii2— h4 1 war geboten. 87...... K65-e5? Mit gß— gö I war daS Spiel ge» Wonnen. 38. b2— h4 1 39. g3— g4 40. h4— h5 41. g4Xb5 42. b3-b4 43. a3— a4 44. b4— b5 Kg5— 65 Kd6— o5 g6Xh5 h6— h6 Ke5— 65 Kd6— c4 Remis. ES folgte: 44...... ab5; 45. abS, KXbS; 46. KXe4, Keß; 47. Ke5, Kd7; 48. Kfß, Kdß: 49. Kgß,«5; 49. KXb6, e4; 50. Kg7, e3; 81. h6 mit Rcmisschluß. Berantwortl. Redakteur: Albert Wackis, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingertCo.,Berlin 8VV.