Anterhallungsölatl des Horwärts Nr. 73. Dienstag, öen 23. April. 1912 e] Suitana. Machdru« vcrsoten.1 Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Die Schlange nahm den ganzen Wortschwall mit Ruhe auf und wiegte sich weiter wie ein Schilfrohr. Aber schon im nächsten Augenblick hatte der katzengeschmei- dige Zauberer sie gepackt und in den Kies geschleudert. Mit einer blitzschnellen Bewegung, die sein Geheimnis war, strich er ihr über den Nacken. Sie lag wie tot. Triumphierend ergriff er sie beim Schwanz und hielt sie von sich ab wie einen steifen unbeweglichen Gegenstand, wie einen kunstfertig geschnitzten, bunten, schuppigen Stab, dessen Knauf mit zwei kalten, funkelnd schwarzen Diamanten geschmückt war. Er wies direkt auf zwei Augen, die ebenso unbeweglich wie zwei leuchtende Edelsteine unter dem Schleier funkelten. Aber es war nicht die Angst vor der Schlange, die diese Augen blitzen machte. Während die ganze Versammlung von den Beschwörungen des Derwisch hypnotisiert stand, war Marcel in eine Welt entschwunden, in der er sich fremd fühlte, berauscht von einem Entschlüsse, der ihn vor Angst schwindeln machte, und als der Kampf begann, wagte er, was er wagen mußte. Er lehnte sich vornüber, was keiner auffallend fand, da er in der hintersten Reihe stand und nur mit Schwierigkeit den Produktionen folgen konnte, und stahl seine Hände unter die Arme der Unbekannten, umfing sie mit bebender Zärtlich- keit und zog ihre Schultern an seine Brust. Er fühlte ihr Herz hämmern, aber sie stieß keinen Laut aus und fuhr nicht zusammen. Selbst die Mutter bemerkte es nicht, als sie, wie um ihren Halk zu ordnen, leise die rechte Hand erhob und seine Linke, die unter Schleiern und Draperien versteckt war, an ihr Herz preßte. Der Zauberer warf seinen schuppigen Stab von sich und dieser wurde wieder zur ringelnden Schlange, die ihren dun- kelen Schlupfwinkel aufsuchte. Marcel zog die Hände zurück und entfernte sich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen: er fühlte seine Wangen glühen wie Feuer. Ein livrierter Araber, der ihn beobachtet zu haben schien, stellte sich ihm halb in den Weg, einen drohenden Blick auf ihn heftend, den er nicht beachtete. Hinter ihm löste der Kreis sich auf, und die beiden Frauen verschwanden wieder im Gewimmel. Ein arabischer Herrschaftswagen hatte lange vor der Friedhofstür gehalten. Marcel sah nicht, wer einstieg: be- merkte aber, daß der erzürnte Livrierte neben dem Kutscher Platz nahm, ehe der Wagen durch Bab el Aua dahinrollte. Er ging heim, ohne einen weiteren Versuch zu unter- nehmen, der Unbekannten zu folgen. Es war eine Stimme in seiner Brust, die ihm sagte: diese Frau wird m i ch suchen: denn sie weiß, daß ich s i e nicht finden kann. Es war nicht mehr derselbe Marcel, der am frühen Morgen von daheim fortgegangen war. Die ganze Welt um ihn her schien ihm verändert. Er fühlte sich nicht wie der Prinz in einem beginnenden morgenländischen Märchen. Rurs kindliche Worte sangen ihm im Ohr und dünkten ihm tief wie Brunnen. Er fragte sich- selbst, ob nicht ein neuer Ernst heute in sein Leben eingedrungen sei und die geheimnisvollen Linien seines Mannesschicksals gezogen habe, 3. Unmittelbar nach dem Sonntagsfrühstück ging Marcel hinauf in das große kühle Atelier im obersten Stockwerk der Villa und ließ sich in einem bequemen Streckstuhl aus Korb- geflecht nieder. Es waren keine anderen Gäste unten als der Leiter der amerikanischen Mission, Pastor Green: aber gerade dieser blonde Nazarenerkopf mit den affektierten Schmachtlocken war ihm widerwärtig wie kaum ein anderer. Selbstbewußt und allwissend in seiner Konversation hatte er Frankreich und allem französischen Wesen von jeher einen verhüllten Giftstachel zugekehrt. Heute hatte das Gespräch sich bloß um den franzosisch erzogenen jungen Arzt Si Taleb el Vidi gedreht, von dessen Intelligenz unk Fortschrittlichkeit enthusiastische Franzosen sich viel versprachen, während seine vorzüglichen Verbindungen mit dem Hauptlager der arabischen Patrioten, der theologi- schett Welt, ihren Bestrebungen einer Verschmelzung der beiden so weit verschiedenen Völker, die besten Aussichten eröffneten. Sein Vater war nämlich einer der berühmtesten Professoren der Zituna, der ehrwürdige und grundgelehrte Sjek Ahmed el Bidi, der, nach einem im Volksmunde kursierenden Ge- rüchte, jeden einzelnen Band der großen Moscheebibliothek gelesen hatte und den Koran auswendig in gerader und um- gekehrter Reihenfolge rezitieren konnte. Nun hatte es sich aber komischerweise ereignet, daß eben' dieser seines Freidenkterums wegen verschriene Si Taleb auf Pilgerfahrt nach Mekka gezogen war, um sich von all der Besudelung, die ein Verkehr mit den christlichen Hunden nun einmal mit sich brachte, gründlich zu reinigen, und die Heim- reise über El Kuds und Stambul genommen hatte, wo er eine zwölfjährige milchweiße Cirkesserin für sich selbst und eine dito für seinen alternden Vater gekauft hatte, der bereits von fünf Frauen geschieden war, weil sie— aus purer Langeweile wegen seiner übergroßen Gelehrsamkeit, wie es hieß— leichtsinnig geworden waren. Bei seiner Heimkehr fand Si Taleb jedoch das größte Licht Magrebs erloschen: sein Vater war gestorben, vielleicht aus Sehnsucht nach seiner Braut. Es war nicht mehr als dreißig Jahre her, seit jeder Tunese, mit ein wenig Selbstachtung wenigstens, eine seiner Frauen aus Stambul heimführte. Aber das französische Regiment hatte die arabische Aristokratie arm gemacht. Diese üppigen Frauen mit der reinen Perlmutterhaut waren eine seltene Ware geworden. Darum gab es manch schlaflose Nächte und Pcrlmutterträume in all den vornehmen Häusern, wenn man, von dem Abendgebet in der Moschee heimgekehrt. einen Räucherduft von Lobpreisungen der jungen Huri mit sich nahm, die Witwe geworden, noch che sie Hochzeit gefeiert hatte. Selbst die ältesten Turbane saßen nachts wach und ersannen Verse, in denen sie ihre Schönheit priesen. Die, wohlgemerkt, niemand gesehen hatte. Si Taleb wagte es aus Rücksicht auf seine französischen Freunde nicht, zwei Frauen zu nehmen. Si Taleb. der Apostel des Franzosentums unter den Arabern, bot fast seine Mutter feil. So hatten Pastor Greens Worte die Situation zuge- spitzt, während Marcel blutrot, aber stumm diese schaden- frohe Verhöhnung seines Vaterlandes mit angehört hatte. Seine Mutter aber hatte die Wangen verzogen, so herz- lich es ihr nur gegeben war. Richtig lachen, mit den Augen lachen konnte sie ja nun einmal nicht.— Marcel zündete eine Zigarette an und begann auf und ab zu gehen, um seine Gedanken zu zerstreuen: wozu sich immer imd immer wieder von denselben Dingen quälen lassen! Hier oben pflegte er das Gleichgewicht seiner Seele wie- derzufinden. Seine Mutter mied das Atelier, für ihn war es das Heim. Stillschweinend war es sein Arbeitszimmer geworden, der einzige Raum in der großen Villa, in der er sich wahrhaft wohl fühlte. Der gnsehnliche Raum besaß nur ein einziges, dafür aber ungeheuer großes, hochsitzendes Fenster, das gegen Norden ging, so daß er stehend den unvergleichlichen Belvedere-Park und Akklimatisationsgarten überblicken konnte.� Saß er bei seiner Arbeit oder versank er in Träume, so störte ihn keine Aussicht, denn er sah nur den Himmel. An der hintersten Wand führte eine breite Flügeltüre hinaus zu einer beschützten, blumengeschmücktcn Terrasse, die gegen Süden lag. Die Villa war ja für einen Brustkranken erbaut worden. In den kühlen Wintermonaten lag der Vater hier draußen und ge- noß die Sonne, und wenn er nicht arbeitete, so wurden die Flügeltüren weit geöffnet, um das Atelier durch die ein- strömende Sonne zu durchwärmen. Als Marcel von dem Räume Besitz nahm, hatte er seinen kolossalen Arbeitstisch in vollem Mahagoni dicht unter das Fenster rücken lassen: sonst blieb alles unverändert wie v* Daters Zeiten. In einer Ecke stand noch sein letztes unvoll» endetcs Bild auf der florumwundenen Staffelei. Ten Boden deckte ein jahrhundertealter Teppich aus Keruan. An den Wänden hingen kostbare Seidenvorhänge aus Jspahan. fast verdeckt von den hinterlassenen Skizzen und Gemälden, die den Raum von der Decke bis zum Boden füllten. Das spärliche Mobiliar stand wie zufällig da und schien für seine Gegenwart um Entschulöigmrg zu bitten. Dort stand eine wurmstichige Truhe, mit Nägeln deschlagen, deren Silber- köpfe endlose, in phantastischen Arabesken verschlungene Schnüre bildeten. Einige eingelegte Mondlandschaften an einem großen, schwarzpolierten Holzschrank, dessen zahllose Geheimfächer und Schubladen aus den heimlichsten Träumen eines Schulknaben geboren schienen, verrieten die sammelnde Hand eines geduldigen und ungeheuer pedantischen Chinesen. Niedere Tischchen mit Perlmutterkrusta verdankten ihr Da- sein der regen syrischen Möbelkunst, die die Harems längs der mittelländischen Küsten überschwemmt. Selbst die Wüste war repräsentiert durch mehrere mehr schreckcinjagende als praktisch gefährliche Tuareg-Waffen. Aus Tunis selbst stamm- tcn nur die schönen silberdainaszierten Metallvasen, in deren Aushämmerung'die eingeborenen Juden noch Meister sind, während die Araber selbst, ihre ursprünglichen Lehrer, diese Kunst vergessen haben. Der Aufenthalt in diesem Räume tat Marcel nicht nur wohl, weil jedes Ding darin von dem Kunstsinn eines Men- fchcn, sei es nun eines balbbarbarischen oder eines hochkulti- Vierten, geprägt war. Er schien seit des Vaters Tode etwas von der kultischen Heiligkeit eines Tempels in sich zu bergen. Und dabei war er gleichsam eine verkörperlichte Ausstrahlung seines eigenen Inneren. Guy Barriere war sein einziger Jreund auf Erden gewesen. Bei ihm fand er die feine Ver- ständnisinnigkeit und Zärtlichkeit, die die Mutter entweder nicht kannte oder nicht zu äußern wußte. Vater und Sobn nannten sie selten, klagten nie über sie. aber erst wenn sie abwesend war, konnten sie ihr ganzes Wesen in glücklicher Un- befangenheit voreinander entfalten. Jeder Winkel hierdrinnen hatte seine Erinnerungen. Die meisten dieser Bilder hatte Marcel werden sehen: er kannte ihre Entstehungsgeschichte von der Freude der ersten Inspiration über das Motiv ange- fangen durch all die Erschlaffung, die Enttäuschung, die Kämpfe, sie so hervorzubringen, wie sie zuerst gefühlt und gedacht waren. Sie waren jeder für sich ein kleiner Aus- schnitt seines eigenen Lebens. iForlsePuug folgt.) Gewissen. Von I. Potapenko. I ES gibt merkwürdige Krcuikheitcn: sie haben längst, vielleirbt in Oer Kindheit begonnen, aber niemand wntzle davon. I» der Jugend gab es hie und da einen Stich in der linken Seite, man schenkt? dem keine AnfinerksamkeN. Späler enumckell sich ein systematischer Schmerz. Der Arzt untersucht, alles ist in Srdiiiing. und er er- klärt:„es ist nicht», ein Schmerz auf nervöser Grnndlag«...' Und mit vierzig Jahren stellt sich plötzlich eine ernste, unheilbare Krankheit ein. NelidSiy hatte gar keine Krankheit, er hatte nie einen Stich in der Seite verspürt und ivar� kerngesund. Es war eitoaS ganz anderes: als er ein ganz kleiner Lyzealichüler war. empfand er von Zeit zu Zeit ein nnbeioußtes Gefühl von Verlegenheit. Er war weder ein Graf, noch ein Fürst, aber seine Vorfahren hatten irgend welche unvergeßlichen Verdienste: was für Verdienste, das wußte weder er, noch seine Mutter oder sonst jemand. Sein Vater war Diplomal gewesen, er starb in irgend einer großen Stadt, als Nelidsky noch ganz klein war. Vielleicht halte er irgend welche Heldentaten in der Diplomatie verübt; da in der Diplomatie aber sich nur Eingeweihte auskenne», so hatte niemand etwas davon gehört. Die Nelidsky besoßen ein schönes Gut im Tambower Gouvernement und versiiaten über Mittel. Räch dem Tode des Baters kehrten sie nach Rußland zurück und lebten lange auf ihrem Gute, Ivo Waldemar heranwuchs und sich geistig stärkte, das heißt, sich mit Hilfe eines Hauslehrers für das Lyzeum vorbereitete. Hier hatte er einen SpieUameraden Wastia, den Sohn des Guts- Verwalters, der. da er niederer Abkunft war, mit dem jungen Herrn nur im Garten, in, Walde, überhaupt nur in der freien Natur spielen durfte. Manchmal gestattete inail ihm, die Terrasse, aus der man Tee trank, zu betreten, aber in das Hans selbst, wo überall die Porträts der Ahnen hingen und jeder Einrichtungsgegenstand mit irgendeiner Eriniiernng verbunden war. wurde er nicht eingelassen. Dieser Umstand war vielleicht der erste Stich, den Waldemar unbewußt an der unbestimmten Stelle seines Organismus, wo sich das Gewissen besuchet, verspürte. Das war um so unangenehmer, al» sich Wastia, von dem Verbot angefeuert, ungemein in dos Inner des herrschaftlichen Hauses sehnte; es schien ihm, als wären dort echte Wunder aufgestapelt; denn wozu würde man sie sonst vor seinen Blicken hüten? Und Waldemar war verlegen, ganz nrisach verlegen vor Wasfla, und er wußte selbst nicht recht warum; er hatte immer das Gefühl, als halte er eine Semmel, die für Maffia bestimmt war, unabsicht- lich aufgegessen und Wassia ohne Semmel zurückgelassen. Aber dieses Gefühl der aufgegessenen Semmel wurde noch stärker, als beide Knaben in die Schule eintraten. Wassia wurde nach Tambow geschickt, bei irgendeiner Tante einquaniert und in die erste Gynniasialklasse eingeschrieben. Das geschah ganz ruhig, ohne jedes Aufsehen. Waldemar wurde für das Lyzeum bestimmt. wo seine älteren Brüder studiert hallen, und dazu war eine Reihe ungemein komplizierter Vorgänge nötig: viele Gegenstände aus der Einrichuing, ohne die Waldemars Mutier nicht leben konnte, wurden eingepackt und nach Petersburg geschickt; dann mußte der Verwalter, Wajsi«S Vater, im ganzen Kreise herumfahren und einen Käufer für das Getreide suchen; außerdem mußte, da die Mittel für das Leben in Petersburg nicht ausreichten, eine Hypothek aus einen große» Waid ausgenommeli werden. Waldemar beobachtete alles und wurde verlegen. Auf der Diirevreiie besuchte er Wassia in Tambow. und als er in Peters- bürg die reinen großen Zimmer mit Wassias Kämmerlein ver- glich, schien es ihm, als würde er an der für Wassia bestimmten Seil»ml ersticken. Er gewöhnte sich rasch an die Lyzealordnung, verstand es aber nicht, sich der dort herrschenden Stimmung anzupassen. Er war ein guter Kamerad, weich, gewisienhafl, kollegial; man konnte ihn zu allem überreden, da er keinen starken Willen hatte. Aber er tat vieles gegen seine eigene Ueberzengung, und fühlte sich nicht wohl und verlegen dabei. Zum Beispiel bemühte er sich, nach Lyzealbrauch, die Gym- nasianeii auf der Straß« verächtlich, von oben herab, anzuschauen, da die Gyiiinasiasten von den Lyzealschülern als minderwertig be- handelt wnrdeu; er konnte auch, besonders wenn einer seiner Käme- radeu dabei ivar, so ein minderwertiges Geichöps aus der Straße stoßen; aber er fühlte sich nicht wohl dabei, und ein unbelvußtes Gefühl der Unzufriedenheit mit sich selbst nagte an seiner Seele. Vier Jahre naw dem Eintritt ins Lyzeum(im Sommer fuhr er sonst»iil der Mutter immer ins Ausland, da sie leidend war und verschiedene Kurorte besuchen mußte) verbraibte er den Sommer auf dem Gute. Hier traf er wieder mir Wassia zusammen, und dieses Zusammentreffen verursachte ihm viele schwere Augenblicke. Um diese Zeit war er der Obhut der Mutter ziemlich entwachsen. Es war ihm bereits klar geworden, daß sie ihn vergötterte, Haupt- sächlich aber, daß ihr Wille noch schwächer als der seine war, und daß er mit ihr alles machen konnte, was er wollte. ES stellte sich plötzlich heraus, daß Wasfia sehr viel gelernt hatte. Außer den Gymnafialfächer», die er vorzüglich beherrschte, da er als erster Schüler in die sünfle Klasse aiifgeftiegen war, wußte er noch sehr viel anderes, da er während der vier Jahre viele Büchev gelesen hatte. Beide waren fünfzehnjährig und sahen bereits wie erwachsene junge Leute aus. ES konnte keine Rede davon sei», daß Waldemar, ihn, einen Menschen mit so großen Vorzügen, seilten Jugendfreund, wie einen Minderwertigen behandelte. Er sah, daß Wassia ihm nicht nur ebenbürtig war, sondern ihn sogar übertrat. Aber die Mutter protestierte und stellte Hindernisse in den Weg. Sie sagte, daß er an den bohen diploniaiischen Beruf seines Vaters denken und sich auf der Höhe halten müsse, auf die ihn das Geschlecht der Nelidsky gestellt hätte. Sie sagte auch, daß sie an Wasfia die natürliche Begabung und den Fleiß achte und daß ihm diese Oualiiäten in seinen Kreisen zu einer bevorzugten Stellung ver- helfen, daß fie ihm aber durchaus nicht die Türe» zu einem anderen, höheren Kreis öffnen würden. Aber Waldemar war nicht damit einverstanden. Das heißt, theoretisch war er eigentlich einverstanden damit; im Geiste teilte er alle Borurteile seiner Mutter, aber eine innere Verlegenheit quälte ihn. Wassia mit all seinen Borzügen stand über ihm und es war unmöglich, ihn mit Verachtung zu bedandeln. Und Waldemar kränkte seine Mutter: Er bestand daraus, daß Wassia wie ein Gleich- berechtigter zu ihm ins Haus kommen und an seinem Tisch esiert durfte. Das war die erste jugendliche GewisseuSäußerung, die ihm später im Lebe» so viel schaden sollte. II. Als er in die letzte Lyzealklaffe kam, war seine geistige Eni- Wickelung ziemlich weil vorgeschritten. Hatte die Gesellschaft WassiaS so aus ihn gewirkt oder kam es von selbst, aber seit dieser Zeit be» faßte er sich viel mit Büchern. Seine Kollegen fanden solches über» flüssig und zogen es vor, das Ballett und Tanzunterhallungen zu besuchen und bis zum Morgen im chambre soparee zu sitzen. Dafür blieb Waldemar in den Lehrgegenständen zurück; aber seine Kollegen wußten mcht mehr als er, inachteii sich aber nichts daraus. .Wie werden wir in die Prüfiiilgen gehen?" fragte Waldemar mt- setzt..Wir werden schändlich durchfallen." „Was, durchfallen?" lachten die Kollegen.«Wir sind ja nicht auf der Universität. Wo bat man je gehört, daß man in unserem Lyzeum durchfallen konnte?" �ber mir müssen uns doch vorbereiten, meine Herren,,. es ist eine Schande, so wenig zu wissen!" erwiderte Waldemar. »Mag sich vorbereiten, wer Willi" antwortete man ihm spöttisch. Die unglückselige Gewissenhaftigkeit gestaltete ihm nicht, so leicht- finnig an die Sache M gehen. Er verschaffte sich die nötigen Notizen und studierte nach Möglichkeit. Und nun ist die Prüfung gekommen. Er hört, wie seine Kameraden fich in den Antwotten verwickeln und schämt sich für sie, obwohl keiner von ihnen ihm nahe steht. Als die Reihe an ihn kommt, leben die Professoren auf, ihre Gesichter drücken Erstaunen aus:.Wie." scheinen ihre Augen zu sagen:«dieier kann etwas? Er kann zwar nicht viel, aber man steht immerhin, dafi er sich mit dem Lehrstoff besaht hat!" Er hat einen kolossalen Erfolg, bekonimt die höchste Note und wird mit einer Auszeichnung aus dem Lyzeum entlassen. Er ist der einzige Mensch im ganzen Lyzeum, der die hohe Meinung über seine Fähigkeiten nicht teilt; diese höchste Note und die Auszeichnungen machen ihn innerlich sehr verlegen. Er weih, dah Woffia zugleich mit ihm seine Prüfungen an der Umversität ablegt; er hat gesehen, wie Waffia Tag und Nacht studierte, und weih. dah Wassias Kopf von der Wissenschaft erfüllt ist. Waisia studiert Naturwissenschaften und bereitet sich zur Professur vor. Er ver- götlert die Physiologie und hat schon ziemlich viel geleistet. Die letzte Zeit hat er kaum das Laboratorium Verlasien und sieht wie ein Schatten aus. Das Resultat bei ihm ist das gleiche wie bei Waldemar: die höchste Note und die Auszeichnung. Waldemar schämt sich. Waisia in die Augen zu schauen. Nach der Prüfung begab sich Waldemar mit seiner Mutter ins Ausland. Sie konnte sich an ihrem Sohn nicht satt sehen. Ihr Sohn hat seine Studie» mit einer Auszeichnung beendet I Es ist klar, er hat in hohem Matze den Verstand und die Talente seiner Borfahrcn geerbt! „ES steht Dir eine glänzende Karriere bevor. Du mutzt Dich vorbereiten. Gewitz, Dn würdest auch so eine gute Karriere machen. denn die Verdienste Deines VaterS sind nicht vergessen und das Geschlecht der NelidSky besitzt alle Rechte und Vorzüge. Aber Du hast noch autzerdem das Lyzeum mit Auszeichnung absolviert und das gibt Dir das Recht, als Erster unter den Ersten zu sein.— Schade, dah Du wegen der Unvorsichtigkeit, die Du gegen meinen Willen begangen hast, nicht sofort Deinen Dienst begnmen kannst..." (Schlutz folgt.) �igeunerjagäen. Vor einigen Wochen wurden in der Rhön von Militär unt> Gendarmerie Zigeunerjagden veranstaltet; ein Förster war von einenr Zigeuner getötet worden; er hatte auch noch andere Mord- taten verübt. Alljährlich erfolgen in Teutschland rund 300 Verurteilungen wegen Mord und Totschlag. Das Verbrechen aber. das ein Zigeuner verübt, regt den alten, nie ausgestorbenen ängst- lichen Aberglauben gegen den ganzen Stamm der Zigeuner aus. Im Reichstag wie in den Einzellandtagen wurden neue Matz- nahmen gegen die Zigeuner gefordert und von den Regierungen in Aussicht gestellt. Besonders dringlich forderte das Zentrum zu energischem Vorgehen gegen die Zigeuner aus, Mitglieder der Kirche, die in die gan.ze Welt Missionare sendet, um Heiden zum Chriftcutum zu bekehr-cn. Es ist fast ein halbes Jahrtausend vergangen, seitdem Zigeuner zum erstenmal auf deutschem Boden erschienen. Und seitdem stnd diese fremden Gäste unablässig verfolgt und gehetzt, gemartert und gehängt worden und doch haben sie ihre Freiheit und ihr Wesen sich bewahrt. Ter Stvick und die Peitsche versagte bei ihnen ebenso wie die gewalttätigen Erziehungsversuche, die am Ende des 18. Jahrhunderts namentlich in Spanien und den österreichischen Landen unternommen wurden. Und immer noch schweifen mitten durch unsere sehhaste Zivilisation ruhelos die dunkelhäutigen Hör- den, die immer nur Objekte der Polizei und der— Poeten gewesen sind: in ihrem bunten und grellen Lumpenclend erhalten sie ein Stück Vagantcnromantik lebendig, die immer wieder in uns Kulturphilistern eine geheimnisvoll fragende Sehnsucht erweckt, ob denn unsere Zivilisation das rechte Menschcnglück fei. Zigeuner sind niemals und nirgends geduldet worden. Schon 1A92 wunden sie aus Spanien ver! rieben. In Frankreich wurde 15(51 den Obrigkeiten befohlen, alle Zigeuner mit Feuer und Schwert auszurotten. Die Schweiz jagte sie(510 aus dem Land und verbot ihre Rückkehr— bei Strafe des Galgens. Nicht anders erging es ihnen in England, Dänemark, Schweden, in den Niederlanden und namentlich in Deutschland. Erging in Holland 1545 das Gesetz, jeden im Lande ertappten Zigouner bis aufs Blut zu geiseln. seine Nase auf beiden Seiten aufzurritzen. Bart und Haupthaar zu scheren, so verfiel in Preußen bis ins 19. Jahrhundert hinein jeder Zigeuner dem Galgen, der innerhalb der preußischen Grenzen sich blicken ließ. Wir hören von Zigeunerinnen, die sich lebendig begraben ließen, um von der endlosen Hetze Ruhe zu finden. Von einem Zigeuner wird berichtet, daß er aus einer westfälischen Stadt auS- gewiesen wurde, nachdem man ihn gestäupt; man bedeutete ihm, daß er bei seiner Rückkehr gehenkt werden würde. In einem zweiten und dritten Ort traf ihn das gleiche Schicksal der Stäu- pung und Ausweisung. Da ging er in den ersten Ont zurück und bat, daß man ihn du eck» den verheißenen Strick erlöse. Zu den grauenvollsten Justizverbrcchen der Geschichte gehört die Massenhinrichtung von Zigeunern in Ungarn im Jahre 1782, die man der Menschensresserei beschuldigt halte. Tos Pcster Jntelligenzblatt vom 4.«cptembcr 1782 enthielt diesen Bericht.: „Von einer in der Hondenser Gespannschast entdeckten, und schon 25 Jahre zusammcngerottelcn Räuberbande, davon 173 ge» fönglich eingezogen, meldet ein Schreiben von Ezab folgendes: Wir sind hier stets in der größten Furcht. Tag und Rächt bleiben unsere Häuser verschlossen; denn eine Zigeunerbande, zu welcher sich verschiedene Bergräubcr gesellt, ist eingezogen worden. Kaum würde ich es glauben, daß Europa solche Ungeheuer von Menscheir gebühren könnte, wenn nicht ihr eigen Geständnis am Tage läge. Seit etlichen Jahren bekennen sie. daß sie über 28 Personen ge- tötet, und teils gekocht, oder am Rauch gedörret, verzehrt zu haben. Den 22. v. M. wurden daher zu Kementze von diesen Menschen- sressern I gcviertheilt, 2 von unten auf gerädert. 8 aufgehängt uni> 4 Weiber geköpft. Ten 24. zu Baach 1 geviercheilt, 12 aufgehängt. In Czab den 26. 7 Weiber geköpft, 2 von unten auf gerädert uni> 4 gehängt. Mit diesen zu Czab wurde ihr Bischof, der immer großen Appetit nach Mcnschcnfleisch gehabt, dicweil er 2 Weiber gegessen zu haben eingesteht, zum Viertheilen ausgeführt, doch wegen Confrontaiion von 41 noch nicht Verurteilter wieder zurück- gebracht, wird aber näcksitens 31 seiner Pfarrtinder, welche schon! sententionirt sind. Gesellschaft leisten." Ein hamburgisches Blatt wußte zu erzählen, daß sie. nach ihrer eigenen Aussage, einst zu ihrer Hochzeit zwei Menschen geschlachtet und init ihren Gästen in Freuden und Jubel verzehrt haben. Die Gebeine hätten sie verbrannt, diese gäben, wie sie sagten, die beste» Kohlen. Die weiteren 150 Zigeuner, die gefangen waren, eut°- rannen dem entsetzlichen Mord. Joseph II. ließ sie in aller Stille frei, nachdem sich herausgestellt, daß die angeblich- geschlachteten und gefressenen Menschen noch lebten. Man hatte die unglücklichen Zigeuner durch die Tortur zu dem Bekenntnis gezwungen, daß sie Personen, die man vermißte, gemordet hätten. Nun sollte» sie an» geben, wo die Gemordeten zu finden wären. Da sie niemanden umgebracht hatten, konnten sie den Ort natürlich nicht zeigen; und als man sie wiederum folterte, antwortete endlich einer mit griin» migem Hohn:„Haben sie gefressen." In der Tat zeigt das erhal» tene Gerichtsurteil, daß sich die Verurteilung lediglich auf die er» folterten Aussagen stützt, ohne jeden anderen Beweis» ohne die Herbeischaffung eines einzigen corptw delicti f Fast noch schlimmer als diese Verfolgungen ivaren die Der- suche, das Volk zu zähmen. Unter Maria Theresia nahm man ihnen gewaltsam ihre Kinder, an denen sie mit zärtlichster Liebe hängen, und gab sie Bauern zur Erziehung. Alles im Ildamen der Sitlenverbesserung, in Wahrheit, um Arbeitskräfte zu gewinnen? Nedrigcns verstand man es. selbst aus der Bettelarmut der Zigeuner noch Steuern heranszupressen. Die Ziqeunerbetze wird heute nach wie bor betrieben. Die ewige» Hilferufe kommen vorn platten Lande, wo man teils die geheimen Zauberkünste der Zigeuner ehrfürchtig und gläubig be- nutzt, teils sich ausschweifender Angst vor ihren Missetaten hingibt. Die Fülle der Polizeiverordnungen ist unabsehbar und wächst ständig. Alle Zigeuner stehen unter Polizeiaufsicht. Ausländischen Zigeunern ist in Bayern der Eintritt in das Staatsgebiet auf jede» Fall zu verwehren. Auch deutsche Zigeuner, die sich nicht gehörig legitimieren können, werden ausgewiesen und über die Grenze zurückgetrieben. Die Jnternierung in Arbeiishäusern wirb namentlich zur Sprengung von Banden den Behörden anemp- fohlen. Die Ausstellung von Wandcrgewerbcscheinen wird auf alle Weise erschwert. Die Zigeuner kennen so vom Staate nichts anderes wie den Büttel, die Gewalt, die Rechtlosigkeit. Der frühere Münchener Polizeirat D i l l ni a n n hat i» München eine Zigeunerzentrale eingersthiet und im Jahre 1905 ein Zigeunerbuch herausgegeben, in dem in mehr wie 3000 Num» mcrn einzeln und familicnioeise wandernd« Zigouner für Fahn- dungszwecke inventarisiert sind. Dies Verzeichnis �ist zwar nicht in dem lebendig anschaulichen, farbig kräftigen Stil der alten „Jaunerlisten" abgefaßt, aber auch in seiner dürren Altensprache, die durch eine größere Anzahl von Photographien illustriert ist. spiegeln sich die typischen Lebensschicksale dieser unjtäten Kulw» fremden. Da liest man z. B. unter der Nummer 2154: „Roche, auch Nosch. Georg Adam, fälsch!. Röschl u. Roscher, Spitzname:„Schui". kath., Zigeuner, Pferde- und Parfümerie- Händler, Heimat u. Staatsangehörigt. uncrmittelt. a eb. auf der Durchreise der Eltern 28. 10. 1858 in Mundraching, B.°U. Landsberg. Sohn des Optikers Johann Bapt. Roche, angebl. von Oberhagersthal....... hat sich am 22. 4. 1303 in Burgberg. O.-A. Hcidenheim, Württ., verheir. mit Magdalena Dräßler. welche sich fälsch. Anna Magdalena Christ nennt(kath.. geb. auf der Durchreise der Mutter 24.2. 1857 in MooS, B.-A. Vits- Hosen, ill. Tochter der led. Händlerin Kreszenz Dräßler von Burg- bcrg, O.-A. Heidenheim), besitzt angebl. die uachbezeichn. Kinder: Joseph(kath...... geb. au f der Durchreise der Mutter 28. 1. 1886 im Wohnwagen derselben zu Forstern, B.-A. Erding als ill. Sohn der ledigen Pferdchändlerstockjter Magdalena Christ von Burgberg), Olga(kath.... geb. auf der Durchreise ...) KreSzenS... Anna(... geb. auf der Durch» reise..: in einem Stalle) usw. usw. Tann heißt es: ist wegen Diebstahks. Vergehen gezc» die öffentliche Ordnung, Unfugs, Nichtabhaftung der Kinder vom Betteln, seine Ehefrau wegen Dieb- stahls im Rückfall. Hehlerei, Betteln und Richtabhaltung von Kindern vom Betteln, die Tochter Kreszenz wegen Diebstahls beim Umwechseln von Geld, Widerstands uild falscher Ramensangabe, die Tochter Olga wegen Uebcrtret�ng des Hausiersteuergesetzes be- straft." Das ist die Wirklichkeit der in den Bars, wo Zigeuner- Kapellen fideln, auf ver Bühne, in Oper, Roman und Lyrik, auf Jahrmärkten und m den malerischen Lagern im Waldeck um- schwärmten freien Zigeunerromantik. (KaAMuct vcrbolen.Z Das Leuchtgas. Wir alle haben uns in der Jugend köstlich über den Streich der Schildbürger amüsiert, die mit Töpfen, Säcken, ja sogar einer Mausefalle auszogen, um das Licht einzufangcn. Und doch hatten die armen Schildbürger im Kerne recht, nur mit der Art der praktischen Ausführung haperte es. Denken doch heute ernst zu nehmende Erfinder daran, in geeigneten Akkumulatoren das Sonnenlicht, das uns in so reicher Fülle zu Gebote steht, aufzu- speichern, um es am Abend wieder erstrahlen zu lassen. Doch fängt man das Licht nicht direkt auf, sondern wandelt es erst in eine andere Energieform, am besten in eine chemische, um. Von einigen Spielereien(Fluoresienz und Phosphoressenz) abgesehen, hat die Menschheit es aber in dieser Hinsicht noch nicht weit über die Schildbürgcrstücke hinausgebracht. Hier ist uns selbst die Kleinste Pflanze al« Lichtakkumulator weit überlegen. Sie nutzt das Sonnenlicht dazu aus, um in ihrem winzigen Laboratorium, den Blättern, die aus der Luft ausgeatmete Kohlensäure in Kohlenstoff und Sauerstoff zu zerlegen. Letzteren atmet sie wieder aus, während ihr der Kohlenstoff als Baustein für die herrlichsten Kunstwerke, wie Stengel, Blätter, Blüten usw., dient. In dieser Weise hat die Pflanzenwelt schon seit vielen Jahrtausenden die Energie des Lichtes aufgespeichert. Wurden etwa größere Vegetationen infolge geologischer Prozesse vergraben, so kamen diese Lichtakkumulatoren als Steinkohle, Braunkohle, Petroleum und Erdgas auf unsere Tage, wo sie der Mensch nach vielen Jahr- Millionen aus ihrem Banne wieder löst, um durch Rückvcrwand- tlung des Kohlenstoffes in Kohlensäure Wärme und Licht zu er- zeugen. Während Petroleum und Erdgas nach eventueller Reinigung sofort für Beleuchtungszwecke geeignet sind, muß die Steinkohle zu diesem Zwecke zuerst in Gasform übergeführt wer- den. Dies geschieht in den Gasfabriken und den Kokereien unserer Zechenanlagen. Ursprünglich nutzte man nur die bei der trockenen Destillation entstehende Gasmenge, das Leuchtgas schlechthin, in dieser Weise aus, während der gleichsam als Nebenprodukt ab- fallende Koks zu Heizzwecken gebraucht wurde. Heute hat man aber auch gelernt, den Koks zu sogenanntem„Wasscrgas" zu ver- gasen. Die Steinkohle besteht nicht, wie in weiten Kreisen ange- nommcn wird, nur aus reinem Kohlenstoff, sondern aus Ver- bindungen des letzteren vor allem mit Wasserstoff und Sauerstoff. Bei der trockenen Destillation, das ist die Erhitzung der Kohle in geschlossenen Gefäßen, den sogenannten Retorten, spaltet sich ein Teil der Verbindungen in Gasform ab, während der Rest als ziemlich reiner Kohlenstoff in Gestalt des Koks zurückbleibt. Das so erhaltene Gas ist aber zur Beleuchtung noch nicht geeignet. Zu- nächst enthält es Teerdämpfe, die sich bei der Abkühlung des Gases auf normale Temperatur in dickflüssiger Form wieder ab- scheiden. Dadurch ist die Art ihrer Entfernung aus dem Leucht- gas von selbst gegeben. Ein Teil des Teers wird direkt nach dem Austritt des Destillationsproduktes in einer besonderen Vorlage aufgefangen, die man auch Hydraulik nennt, weil das sich dort an- sammelnde flüssige Teer im Verein mit dem sich gleichzeitig aus- scheidenden Wassergehalt der Kohle einen Flüssigkeitsabschluß der Retorte bildet und so das Zurücksteigen von Gasen in die Retorten während der Nachschickung verhindert. Um den Rest der Teer- dämpfe niederzuschlagen, leitet man das Gas nach dem Verlassen der Hydraulik in Kühler oder Kondensatoren. In ihnen wird die bei Austritt des Gases aus der Hydraulik noch 80 bis 100 Grad betragende Temperatur mittels Luft und Wasserkühlung auf >10 bis 15 Grad Celsius herabgesetzt, so daß sich die dabei konden- sierten Produkte, nämlich Teer und Wasser, in Behältern am Boden absetzen. Aber nach der Kühlung bleibt noch ein Teil des Teers in Form von feinen Tröpfchen zurück, die leicht die Gas- leitungen und Brenner verstopfen könnten. Zu ihrer Entfernung läßt man das Gas nunmehr durch sogenannte Teerscheider strömen. Diese bestehen aus einer Glocke, die mit ihrem unteren Rande in die sich ansammelnden Teermassen eintaucht und so hydraulisch ab- geschlossen ist. Die Wände der Glocke bestehen aus 2 bis 4 konzentrischen durchlochten Blechen, und zwar sind die Oeffnungen so angeordnet, daß sie geschlossenen Teilen der nächsten Wand gegen- überstehen. So wird das durchströmende Gas fein verteilt und durch den öfteren Anprall an die Wände gezwungen, die sonst schwer niedersinkenden Tröpfchen an dem Blech abzusetzen, von wo sie zu Boden rinnen. Aber auch nach der Entfernung der kondensierbaren Bestandteile des Teers und Wassers enthält das Leuchtgas noch schädliche, ja giftige Substanzen in Gasform, nämlich Ammoniak, Cyanwasser- fwff und Schwefelwasserstoff. Der größte Teil des Ammoniaks wird dadurch entfernt, daß man es Mit Wasser in Berührung bringt, da es die Eigenschaft hat, sich in demselben in großen Mengen aufzulösen. Nach diesem Reinigungsprozetz ist das Leucht- gas, das an sich auch noch ein kompliziertes Gemenge von etwa 48 Proz. Wasserstoff, 32 Proz. Methan(Grubengas), 8 Proz. Kohlenoxhd, ferner Aethylen, Benzol, Naphtalin, Kohlensäure usw. darstellt, verwendungsfähig. Es gelangt nun in große Sammelbehälter, die Gasometer, um von dort je nach Bedarf den Konsumenten zugeführt zu werden. Die Gasanstalten und vor allem die Kokereien ziehen außer aus dem Leuchtgas noch aus der Verarbeitung der Neben- Produkte Gewinn. Das wichtigste Nebenprodukt ist der Teer, aus dem die moderne Chemie die wunderbarsten Dinge(Farben, Medikamente, Genußmittel usw.) hervorzaubert. Das Ammoniak wird auf wertvollen Stickstoffdünger, der Cyanwasserstoff auf Blutlaugensalz und Berliner Blau verarbeitet, während der Schwefel als solcher aus der Reinigungsmasse wiedergewonnen wird. Der Koks wurde früher als Brennmaterial abgesetzt. Heute verwandelt man ihn stellenweise in Wassergas, das dann das Leuchtgas vertritt. Es geschieht dies durch einen einfachen Prozeß, indem man Wasserdampf über den glühenden Koks leitet. Dabei zersetzt sich der Wasserdampf(HsO) in Wasserstoff(H) und Sauerstoff(O). Der Sauerstoff geht mit dem Koks eine unvoll- ständige Verbrennung ein und verwandelt ihn in Kohlenoxyd (CO). Das Wasscrgas besteht also aus gleichen Teilen Wasserstoff und Kohlenoxyd. Nach Reinigung ist es sofort als Heizgas verwendbar. Das Wassergas erzeugt beim Verbrennen eine heiße, aber völlig un- leuchtende Flamme. Für Leuchtzwecke muß es entweder durch Beimischung leuchtender Gase, das sogenannte Karburieren, ge- eignet gemacht werden, oder es müssen die heute überall gebräuch- lichen Glühstrümpfe angewendet werden. Und wenn uns dann am Abend in den Städten und Fabriken ein Meer von Licht umflutet, so haben wir eine augenscheinliche Bestätigung der Dichterworte: Was im Strahl der Sonn' erwuchs zu grüner Pracht Und verschüttet ward ins starre Grab der Erde, Wird heraufgeholt aus tausendjähr'gcr Nacht, Daß es wieder uns zu Licht und Wärme werde. kleines femUetou. Geologisches. Der letzte Aetnaausbruch. Professor Ricco, der Leiter des Observatoriums in Catania am Fuße des Aetna, hat jetzt im Bulletin der italienischen Gesellschaft für Erdbebenforschung einen Bericht über die wissenschaftlichen Beobachtungen veröffentlicht, die bei dem letzten Ausbruch des großen Vulkans im vorigen September ausgeführt worden sind. Danach hatte die Eruption schon am 27. Mai begonnen, denn an diesem Tage scheint sich auf der nord- östlichen Flanke des MittelkraterS etwa 100 Meter unterhalb des Randes ein neuer Schlot gebildet zu haben. Er wurde zunächst nickt besonders beachtet, weil er nur Dampf, ober keine festen Stoffe auswarf. Dann wurde im August zuerst ein Rumpeln im Mittel- krater und in dem neuen Scklot gehört, und aus beiden drangen nun auch Steine. Dieser Zustand dauerte bis zur Nacht auf den 10. September, in der ein sehr starkes Erdbeben eintrat und eine große Radialspalte von 8 Kilometer Länge gebildet wurde, die von dem neuen Schlot in nordöstlicher Richtung verlief. In der Be- obachtungswarte von Catania. die 30 Kilometer von dem Krater entfernt ist, geriet der Erdbebenmesser in eine fast unaufhörliche Bewegung, die sechs Stunden anhielt. Gleichzettig mit dem stärksten Stoß öffnete sich wieder ein neuer Schlot in einem Abstand von vier Kilometer vom Mittelkrater, aus dem Dampf, Asche Steine und Bomben hervordrangen. Im Verlauf des 10. September bildeten sich noch 3 Schlote, und am folgenden Tage waren bereits 16 in Tätigkeit, von denen zwei auch Lava ausströmten. Am 12. September vermehrte sich die Zahl der neuen Schlote noch mehr, und zwar folgten sie hauptsächlich der neuen großen Spalte. Diese parasitischen Krater, wegen der der Aetna berühmt ist, lagen meist in Gruppen von 4— 0 zusammen. Im Südosten des Monte Nero befand sich sogar eine Reihe von 30 Schloten, von denen der tiefste einen mächtigen Lavastrom auSsandte. Im ganzen wurden sieben Gruppen solcher AusbruchSlcgel unterschieden. Am 1ö. und 16. Dezember kamen aus dem Mittclkrater und dem im Mai gebildeten Schlot nur noch große Rauchmassen. Mehrere der Eruptionskegelaruppen aber waren noch in heftiger Tätigkeit und hatten strecken- weise loses AuSwurfsmaterial bis zu 10 und 30 Meter hock aufgeschichtet. Aus einer floß die Lava immer noch mit der außerordentlichen Geschwindigkeit von drei Metern in der Sekunde aus. Als beendet konnte der Ausbruch erst am 23. Sep- tember gelten. Am 1. Oktober wurden die Eruptionsstellen aufs neue besichtigt und erhebliche Umgestaltungen beobachtet. Die eine Gruppe der Schlote hatte sich in vier große Krater vereinigt, während eine andere aus nicht weniger als 42 einzelnen 5kegeln bestand. Noch andere waren unter den Lavaströmen verschwunden. Uebcr der Eisenbahnlinie, die um den Aetna herumführt, lag die Lava strecken- weise 30 Meter hoch.___ Berantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerörCo., Berlin L W,