AnlerhaltungsSlatt des Horwkrts Nr. 80. Donnerstag� den 25. April. 1912 7] Suitana. tNachdruck verbolen.) Ein arabisches Frauenschicksal von Emi! Rasmussen. Frau Barriöres Augen waren dem Licht zugewendet.. Die Pupillen waren winzig klein, der breite Jrisring von einer katzengrauen kalten Farbe mit gelblichen Pünktchen, die wie in Feldstein eingesprengter Glimmer schillerten. Bei den letzten Worten Marcels wurden die Pupillen lebendig und wuchsen. Die Iris schob sich bis hinaus zu der gelbgrauen Hornhaut— ein schmaler Ring, der zugleich einen Stich ins Grüne erhielt. „Vorgestern war Paris Deine ganze Zukunft, Dein ganzes Leben. Heute ist es, als hätte es nie existiert. In zwei Tagen hast Du umgesattelt. „Ja, Mutter— wie Du." „Aber was willst Du denn hier in Tunis tun? „Ja, was dachtest Du selbst eigentlich vorgestern, was ich hier tun sollte? „Vorläufig während des Trauerjahres wollte ich Dich bei mir behalten, dann—" „Nun, dann?" „Dann kommt Rat." „Du denkst doch sonst mehr als ein Jahr in die Zukunft voraus." Es kam etwas Unsicheres in Frau Barridres sonst so ruhige Haltung, und einen Augenblick wich ihr Blick dem Marcels aus, aber sie wußte ihre Verlegenheit rasch durch einen kleinen verdrieslichen Ausdruck zu maskieren. „Ich fragte Dich jetzt um Deine Pläne." „Ich habe Lust, das Arabische weiter zu betreiben." „Das Arabische!" wiederholte sie mit aufrichtiger Ueber- raschung.„Und was willst Du damit erreichen, wenn ich fragen darf?" „Ich werde ja nie so gestellt sein, daß ich an mein Aus- kommen denken muß." „Das versteht sich, aber dennoch—" „Nun, dann ist ja die eine Wissenschaft gerade so gut wie die andere. Frankreich hat schon sechs Millionen Untertanen, die arabisch sprechen, und keiner weiß, wie bald es ebenso viele dazu bekommen kann. Es wird von immer größerer politisch praktischer Bedeutung, so tief wie möglich in das Wesen dieser Völker einzudringen, und der Weg geht allein durch die Sprache. Frankreich muß immer neue Lehrstühle in Arabisch errichten, so daß es sicherlich eine gute Karriere wird, selbst wenn meine Mittel es mir nicht erlauben würden, als Privat- gelehrter zu leben. Arabisch ist schließlich das einzige Stu- dium, das ich hier betreiben kann: aber andererseits kann ich auch, wenigstens in den ersten Jahren, diese Sprache hier besser studieren als in den meisten anderen Orten. Hier gibt es tüchtige französische Lehrer, und an der Djama ez-Zituna unierrichten die alten, grundgelehrten Sjeks, deren Gelehr- famkeit mich in rein sprachlicher Hinsicht weit fördern kann." Frau Barridre nickte mit verkniffenen, abgewandten Augen halb geistesabwesend vor sich hin. Ihre Gedanken waren schon ihre eigenen Wege gegangen. Sah sie schon Gottes Finger in Marcels geändertem Entschluß. Sie sollte ihn bei sich behalten, und welche Stütze würde er nicht just durch das Studiuni des Arabischen und der Araber ihrer Tätigkeit werden! Wie viele Verbindungen für sich und hierdurch auch für sie würde er nicht Gelegenheit haben anzuknüpfen! „Nun ja, mein Sohn," sagte sie, plötzlich aufstehend, „vielleicht ist dieser Gedanke kein so ganz verfehlter. Wir wollen es jedenfalls überlegen. Aber nun muß ich zur Sitzung. Du solltest auch ein wenig ausgehen: Du bist den ganzen Tag im Zimmer gesessen." „Ich wollte bloß zuerst einen Brief schreiben." Als Frau Barridre gegangen war, blieb Marcel einen Augenblick mitten im Räume stehen, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, und sah zur Decke empor. Wie unendlich gleichgültig waren ihm doch die Araber samt ihrer Sprache und ihrer ganzen Literatur! Aber was in des Herrn Namen sollte er tunk Er hatte seine Zukunft in den Armen gehalten. Und diese Zukunft saß verschleiert hier in dem weißen Tunis. Er hatte nur fülle zu sitzen und zu warten. Unterdessen konnte er ja arabisch lernen— oder chinesisch! — oder gleichviel was.--- Er begann, einen Brief an einen Kameraden in Rom zu schreiben, riß ihn aber in Stücke, nachdem er ihn durchlesen hatte, und ließ sich wieder in seinem Korbstuhl nieder, um in berauschende Träume zu versinken. Vor Freitag würde er sie kaum wiedersehen. Aber Frei- tag würde sie wieder auf dem Friedhof fein. Ohne allen Zweifel! Wo keine Verabredung getroffen werden konnte, mußte die Losung lauten: gleiche Zeit und gleicher Ort. Und sie würde ihm einen Brief zuzustecken wissen. Sein Blick glitt schläfrig von Bild zu Bild einer gegen- über aufgehängten Gruppe Studienköpfe. Plötzlich fuhr er auf, als habe er eine Entdeckung ge- macht. Während er ganz unbewußt die Bilder verglichen, war eS ihm plötzlich aufgefallen, daß ihnen allen ein Ausdruck ge- meinsam war, den der Vater offenbar vergebens auf eine ihn befriedigende Art auszulösen versucht hatte. Die einzelnen Formen waren so wechselnd voneinander abweichend, daß er unmöglich dasselbe Modell für alle Skizzlln verwendet haben' konnte. Andererseits war der Ausdruck so gleichartig, daß er kaum verschiedenen Modellen entliehen schien. Es waren Stu- dien von Frauen, die bloß in ihm selbst lebten, offenbar Vor- studien zu einer größeren Komposition. Hierin lag etwas, was Marcel betroffen machte: er selbst kannte diese Art Gemeinschaft mit leblosen Gespenstern, denen seine Phantasie eine Art Schattenlcben gab. Er hatte seit Jahr und Tag zu wissen geglaubt, was Liebe sei. Er hatte süße Liebesgedichte geträumt. Sie strichen wie balsamische Lüfte durch sein Gemüt. Er hatte in Romanen von Liebe gelesen, am liebsten in solchen, die beim ersten Kuß abbrachen oder nicht einmal so weit gelangten, sondern in schmelzender Sehnsucht verklangen. Und er hatte felbst Frauen erdichtet, um die alle seine Träume Wochen-, ja monatelang kreisten. Aber suchte er ein Abbild unter denen, die er um sich sah, so empfand er nur Enttäuschung. Er konnte Züge, die er sah, Wohl schön finden, aber sie ließen ihn kalt. Wo die Kameraden die Köpfe zusammensteckten, um über körperliche Liebe zu flüstern, da entfernte er sich scheu in ungcheucheltem Widerwillen. Und nun, da er zwei Augen erblickt, ein Antlitz, eine Seele, von der er nie geträumt, jetzt erschienen alle Träume,. in denen er noch vor einem Monat geschwelgt hatte, wie blut- und körperlose Gebilde. Auf dem Lyzeum nannte man ihn mit einer Mischung von Spott und Bewunderung einen Idealisten. In diesem Augenblick dämmerte es ihm auf, daß es zwei Arten von Idealismus im Leben und in der Kunst gäbe. Es gibt einen Idealismus von untenher, der mit Stoff, mit Ton- mit Fleisch und Blut arbeitet. Er ist wohl nie derjenige, der das letzte Wort zu sprechen hat. Aber wo er gelebt hat, hat er befruchtet und Leben gegeben, hat auf jene fernen blauen Berge gedeutet, wo das letzte Wort zu finden ist. Und es gibt einen Idealismus, der Statuen formt und Schlösser aus Ma- terial baut, das lufttgcr ist als Blumendust und Vogelsang. Er findet keine Nahrung, befruchtet nicht, gibt niemals Lebeip Er führt andere in einen Nebel, der alle Abgründe verhüllt. Und er verzehrt sich selbst. Verbrennt in seiner eigenem Qual. In der Kunst wie in der Liebe. Ein zweitägiges neues Leben hatte ihn hellsichtig gemacht. Er hatte plötzlich eine Geschichte mit Vergangenheit und Gegenwart. Er hatte zwei Existenzformen zu vergleichen: er konnte denken, und zwar aus persönlicher Erfahrung heraus denken. Nun erkannte er, daß die anmaßenden blassen Träume- reien nur ein Rausch waren, der seine Zeit und Kraft stahl, ohne den Willen in Schwung zu setzen: Nachtträume, die den Schlafenden mit Frieden erfüllen, aber, ist er erst mit schlaffen Nerven erwacht, vor dem Tagesauge barock- und blutlos er» -scheinet Unfruchtbar in der Kniist wie im Leben. Wer ist je durch Nachtträume zum Künstler geworden? Marcel mußte über Nurs Worte lächeln, daß das Weib den Tod im Auge habe. Er hatte nun an sich selbst erfahren, daß Wiedergeburt dem Blick eines lebenden Weibes entströmt. Auch diese Tage waren wie ein Anunterbrochener Rausch ge- Wesen, aber von ganz anderer Art. Es war wie der Rausch der Natur zur Lenzzeit, wenn alle Keime aus dem Schlafe er- wachen und ihre Kräfte aufs äußerste anspannen müssen, wohl wissend, daß der Sieg kommt, daß der Knospentraum sich zur Wirklichkeit entfalten wird im Lichte der Sonne. Seit langem war er sich bewußt gewesen, anders zu sein als die Kameraden, die sich niit gutem Appetit von ihrem fünf- zehnten Jahre an an Weiber weggeworfen hatten: ihm war alle Körperlichkeit in erotischen Träumereien widerwärtig ge- Wesen. Die Idealität, die sie äußerten, glich der der Araber, deren Liebeslyrik einzig und allein die Kurtisane preist. Sie hatten immer dieselben Phrasen, die er ausschließlich komisch fand. Besonders wenn sie ihm von dieser oder jener Abendkönigin erzählten, die einer tiefen und heiligen Anbetung wert sei, die„gar nicht so sei, wie diese Sorte zu sein pflegt". Ob er die„Kamelicndame" nicht kenne? Gerade so sei sie. Wie hatte er nicht innerlich in hochmütigen! Besserwissen renommiert! Und dennoch war diese Form der Träumerei omd Idealisierung eine getreue Nachbildung des größten und Phantasievollsten aller Künstler, der Natur selbst, die niemals nackte Ideen in die Welt wirft, weil sie der Mittel entbehrt, sie in Fleisch und Blut zu kleiden, sondern die Wesen nimmt, wie sie sind, mit ihren Vollkommenheiten und Unvollkommen- Heiken und sie durch eine ungeheure Phantasiearbeit, eine Ver- schwendung an Zeit und Kraft, auf eine höhere, edlere Stufe erhebt. (Fortsetzung folgt.) Die Entäeckung Pompejis. Von Dr. Karl Gold mann, Berlin. Wenn in tausend oder zweitausend Jahren die Archäologen Lcr Zukunft das begrabene Messina befreien werden, wird kein Dichter die Worte ausrufen, die am 13. März 1787 Goethe im Angesicht der Ruinen Pompejis fand:„Es ist viel Unheil in die Welt gekommen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres." Man wird— im Jahre 3000 oder 3500— zwar auch unter dem Schutt der sizilianischen Stadt die Wohnstätten von Menschen finden in demselben Zustand, wie sie lange Zeit vorher die Katastrophe über- rascht hat, aber die ganze Kultur dieser Welt wird den späten Entdeckern den erschütternden und tiefen Eindruck nicht machen können, dem die Menschheit des 18. Jahrhundert sich hingab, als die Nachrichten von der Wicderauffindung einer ganzen antiken Stadt und die ersten Beschreibungen davon durch ganz Europa gingen. Damals, um die Mitte des 18. Jahrhunderts, ahnten die nea- politanischen Archäologen, die die ersten Mauern blohlegten, nicht, daß der Boden, auf und in dem sie arbeiteten, schier unerschöpflich sein werde. Mehr als ein und einhalb Jahrhundert alt�ist jetzt die Geschichte der Ausgrabung von Pompeji, und noch imnier er- «blicken ungeahnte Schätze das Tageslicht. In dieser Woche fand man Schlag auf Schlag wohlerhaltene buntbemalte Fassaden, man befreite leuchtende Fresken von jahrtausendalter Asche; die auf leichten Stützen ruhenden Balkons, aus denen kurz vor der Schreckensnacht die Familien die Abendkühle genossen, wurden bloßgelegt, man fand eine ganze Bar mit vielen verschiedenartigen Flaschen und Töpfen. Aber nicht nur vom Leben der Wohlhaben- den entdeckte man tausend neue Spuren: man grub auch neuer- dingS Proletarierwohnungen aus und kann sich jetzt sehr deutlich vorstellen, daß diese Bevölkerungsschicht im alten Pompeji unter Ähnlichen Bedingungen gehaust hat wie im heutigen Neapel. Immer wieder, seit 150 Jahren, hat die uralte kampanische Stadt die Welt von neuem in Erstaunen versetzt. Das höchste Erstaunen und das tiefste Entzücken ist aber ganz gewiß denen zuteil geworden, für die das Erscheinen all der bemalten Mauern, der Marmor- nnö Bronzestatuen, der Bäder und Gärten und Häuser mit ihrem ganzen Gerät daS Wiederauftauchcn einer kaum erträumten Welt bedeutete. Wir, die wir täglich von Ausgrabungen w Griechenland, Dalmaticn, Italien, ja selbst in so entlegene» Weltgcgenden, wie Babylonien oder Pcrsien lesen, wir lvären schließ- lich gar nicht mehr sonderlich überrascht von der Nachricht, in Nippur oder Babylonien habe man die in Tontafeln eingeritzten Entwürfe zu eineni Lustschiff gefunden, aber um die Mitte des 18. Jahrhunderts war man geradezu erschüttert, als man durch die pompejanischen Funde die Kultur einer fast zweitausend Jahre lang begrabenen Stadt sich vorstellen konnte und erkannte, daß dies Leben so überraschend viel Züge mit dem neuzeitlich europäischen gemein gehabt hatte,— mit Ausnahme davon, daß es freier und gelassener und felbstverständlicher gewesen war. Im Jahre 1748, unter der Herrschaft Karls von Bourbon, des späteren Karls III. von Spanien, gruben Bauern zwischen Meer und Vesuv ihren Weinberg um. Sie stießen dabei auf altes Ge- mäuer. das sie natürlich niederlegten, daneben aber auch aus eine Anzahj von Statuen, Ringen, Siegeln und anderen Kostbarkeiten. Dieser Zufall bedeutete die Wiederauffindung Pompejis. Die Stadt war bis zu jenem Zeitpunkt so vergessen, daß man nicht einmal ihre Lage kannte. Johannes Overbeck und August Mau, did die um- faffendste Monographie über Pompeji geschrieben haben, finden diese Tatsache um so seltsamer, als die verschüttete Stadt doch eigentlich genügend Spuren hinterlassen hatte, so z. B. die krater- förmige Vertiefung des Amphitheaters. Merkwürdigerweise blieb die Stadt auch von den verschiedenen Fremdhcrrschcrn, die sich Unteritalien unterwarfen, unbeachtet, obwohl doch gerade sie eifrig nach allen Schätzen suchten. Aber weder Longobarden noch Schwaben haben kanipanischen Boden angetastet. Erst zu Anfang des 10. Jahrhunderts, als Humanismus die alte Welt wieder zu beleben suchte, tauchte der Name Pompeji in der Literatur wieder aus. Um das Jahr 1600 hat ein ähnlicher Zufall, der 150 Jahre später die Entdeckung herbeiführte, sie verhindert. Der nicht un- bedeutende neapolitanische Architekt Domenico Jontana baute da- mals einen unterirdischen Kanal, um das Wasser des Sarno nach Torrc Annunziata abzuleiten: dieser Kanal führt mitten durch Pompeji. Aber man hat eben damals keine besonderen Kostbar- leiten, sondern nur Gemäuer und einige Inschriften entdeckt und diesen Funden keine besondere Beachtung geschenkt. 1080 grub man ans pompejanischem Gebiet zwei Inschriften aus, die sogar den Namen der Stadt verzeichneten: man bezog ihn nicht auf sie, sondern auf den großen Pompejus und dachte gar nicht daran, weiterzuqraben. Im Jahre 1711 wurde dann durch Funde auf einer Zisterne Herkulanum entdeckt; über den Kostbarkeiten, die in der Nähe von Resina ini Laufe der nächsten Jahrzehnte dem Boden entstiegen, vergaß man die kärglicheren, die auf dem benachbarten Gebiet iiumer wieder gemacht wurden— bis zu dem erwähnten Glückstag. Jetzt begann man Pompeji zu suchen. Erst wurde das Amphi- theater teilweise aufgedeckt— seine Spuren waren ja am kennt- lichsten gewesen. Dann grub man am entgegengesetzten Ende und fand die„Villa des Cicero" mit den kleinen Fresken von Tänze- rinnen und Kentauren. Dies war 1750. Der Hof, der sich erst leb- hast für die neuen Ausgrabungen interessiert hatte, wurde in- zwischen wieder einmal teilnahmslos, und so ruhten die Grabun- gen, die ohnehin nur noch schleppend fortgeführt worden waren, vier Jahre lang. 1754 wurden sie wieder aufgenommen, und so- fort entdeckte man zahllose Wandgemälde. Ein Tagebuch der Aus- grabungen wurde angelegt; es verzeichnet die Geschichte fast jedes Ausgrabungstages, was man aber darin nicht findet, ist die Tat- sacke, daß die Nachlässigkeit, Verschleppung und der Schlendrian im ersten Jahrzehnt unendlich viel verdarb. Die Art, wie ohne bc- stimmt festgelegten Plan bald vier, bald dort gegraben wurde, war Raubbau, man fahndete hauptsächlich auf Kostbarkeiten; fand man keine, so schüttete man die Ruinen wieder zu. Immer wieder liest man in den Tagebüchern, es sei dies und jenes Gebäude ausgc- graben worden,„ohne bemerkenswerte Funde". Als man nach hun- dert Jahren an denselben Stellen nochmal grub, stieß mau auf die interessantesten Dinge. Während heutzutage die aufgefundenen Wandgemälde in den Häusern, für die sie bestimmt waren, gelassen und aufs sorgfätigstc konserviert, auch mit Glas überdeckt werden, sägte man sie damals von den Wänden und schaffte sie ins Museum nack Portici, von wo sie nach Neapel kamen; dort, im>Iusec» nsrionsle, füllen sie jetzt ein Flucht von Sälen. Im Jahre 1750 bestand die Arbeiterschaft, die mit der Aus-- grabung betraut war, aus vier Mann und einem Korporal. Kaiser Joseph II. von Oesterreich, der Bruder der Königin Marie Karolina von Neapel, besuchte 1700 das auferstebendc Pom- peji; ihm, der ja ein recht energischer und tatkräftiger Mensch war, kam die Methode der Ausgrabung ganz unglaublich vor. In Gegen- wart seiner Schwester und des Schlvagers erlaubte er sich, darüber auf? kräftigste seine Meinung auszusprechen. Er merkte recht gut, daß man die Arbeiter für ein paar Tage vermehrt hatte, und daß ihm zu Ehren einige Zimmer ausgegraben wurde», die längst schon zu diesem Zweck reserviert waren.„Wann hat man diese Dinge hineingelegt?", soll er gefragt haben, als die braven Arbeiter unter Freudengeschrei im Innern besondere Kostbarkeiten fanden. Als er schließlich von dem Direktor La Bega erfuhr, daß zurzeit hier 30 Arbeiter beschäftigt seien, fragte er den König, wie er denn er- lauben könne, daß eine solche Arbeit so nachlässig betrieben werde. „Die- sei ein Werk," meinte er,„an daS man 3000 Menschen stellen sollte, und ihm scheine, daß weder in Europa noch in Asien, noch in Afrika oder Amerika etwas Aehnliches fei." Nur acht Arbeiter hatte im Jahre 1700 Winckclmann vorgefunden;„diese sollen eine ganze Stadt vom Schutt reinigen und ans Licht bringen", bemerkte er ironisch. Im übrigen ist er mit der Technik des Nachgrabcns durchaus einverstanden.„Nicht leicht eine Handbreit kann über- gangen werden. Man folgt dem Hauptgange in gerader Linie, und aus demselben geht man auf beiden Seiten heraus, und wenn ein Raum ins Gevierte von sechs Palmen ausgegraben und durchsacht ist. wird gegenüber ein Raum von gleicher Größe ausgegraben, und das Erdreich aus diesem wird in den Raum gegenüber geführt. teils um die Kosten zu sparen, teils um das Erdreich durch An- füllung zu unterstützen; und so verfährt man wechselsweise." Den ersten richtigen Plan verdankte man um diese Zeit einem Deutschen, dem Schweizer Offizier Karl Weber, dem„die Unter- aufsicht und das Befahren der unterirdischen Orte und Grüfte" übertragen worden war.„Diesem verständigem Mann," schreibt Winckelmann.„hat man alle guten Anstalten, die nachher gemacht find, zu verdanken." Weber hat auch das Theater aufgedeckt und zum erstenmal die(heute durchaus befolgte) Anregung gegeben, ein Gebäude nicht auszuplündern, sondern zu erhalten, mit all seinem Inventar. Die Fremden könnten dadurch eine treffendere Anschauung von der Antike bekommen als durch hundert Museen. Auch Stendhal, der die Stadt 1817 besuchte, bekam sie.„Von Pom- peji will> ich schweigen," schreibt er, fast stumm vor Entzücken,„es ist das Erstaunlichste, Fesselndste, Unterhaltendste, was ich je sah. Nur so lernt man das Altertum kennen. Wer gewohnt ist, nur das klar Bewiesene zu glauben, lernt hier auf der Stelle mehr als ein Gelehrter. Welch lebhafte Freude, das Altertum mit eigenen Augen zu schauen." Ganz richtig hat Winckelmann, der von Neapel aus oft nach Pompeji kam. prophezeit, daß bei dem beliebten Tempo der Aus- grabungen für die Nachkommen im nächsten Geschlecht noch genug zu graben bleibe. Noch heute macht man, wie die letzten Wochen bewiesen, die erstaunlichsten Funde, und heute noch ist nicht die Hälfte des alten Pompeji von der verderbenbringenden und er- haltenden Asche des Vesuv und dem Schutt der Jahrhunderte befteit. Eine neue Aera der Ausgrabungen und überhaupt eine neue Methode hat erst 1861 begonnen, als Fiorelli an ihre Spitze berufen wurde. Er brachte dem glücklich vom Bourbonenrcgiment befreiten Staat die Ansicht bei. die Wiedererweckung Pompejis sei eine natio- nalc Aufgabe. Jetzt endlich wurde systematisch gegraben. Man grub nicht mehr in vertikalen, sondern in horizontalen Schichten; dadurch vermeidet man, daß die obersten Partien zusammenstürzen und dadurch gelang es vor kurzem, eine ganze Straße mit ihren Balkons zu erhalten. Kino und Ubeater. Die„Kino-Gefahr" beginnt, weite Kreise der Oeffentlichkcit zu interessieren. Es sind nickit nur die Theaterleute, die über die neue schwere Konkurrenz der„Kientöppe" jammern; auch nicht bloß be- sorgte Pädagogen, die fiir die Moral der Jugend fürchten; auch Künstler und Gelehrte, alle möglichen Instanzen des öffentlichen Lebens nehmen zu dem Problem Stellung. Zum Zeichen dessen reckt sich auch der Berliner Goelheverein wieder einmal aus seinem Schlummer empor und will in öffentlicher Protestversammlung gegen den Siegeszug der Kinematograpbentheater seine Stimme erheben. Jeder weiß ja. welche Bedeutung die Kinos heute besitzen. Es gibt kaum noch einen Ort. in dem keine„Lichtspielbühne" beheimatet ist. Und in den großen Städten möchte man wirklich mitunter sagen: Sie schießen wie Pilze aus der Erde. Man schiebt die Erfolge des Kinematogrophen häufig einzig uujj allein darauf, daß seine Darstellungen dem SensationSbediirfnis der Masse entgegenkommen, durch grausige Szenen die Nerven kitzeln, durch blutrünstige Bilder eine stumpfe, ungebildete Phantasie aufpeitschen. Und zioeifelloS ist es in Tausenden von Fällen die Aussicht,„spannende Dramen" mit Nanb und Ueberfall, Mord und Torschlag, vorgesetzt zu erhalten, die Tausende in die Kinohäuser treibt. Aber es gibt doch auch noch andere Gründe für die Beliebt- heit der Kinematographenbübne. So reizt besonders die Ab- wechsclung, die das Kinema-Programm zu bieten pflegt. Dem Grausigen folgt das Beruhigende auf den, Fuße, der Tragödie etwas Komödienhaftes. Es ist für alle Empfindungen vorgesorgr. Man kann auch nicht leugnen: die Kinos sind bequem und billig— wenigstens bequemer und billiger, als es die Theater zu fein pflegen. Man kann kommen und gehen, wie es einem beliebt, man'st an keine Anfangszeit gebunden. Die Preise sind erschwing- lich. Um einen Platz zu bekommen, braucht man sich nicht lange an der Kasse zu drängeln, noch viel weniger sich ein Billett im Vor- verkauf zu besorgen und ein hoheS Aufgeld zu entrichten. Welchen Platz man auch nimmt, man kann von jedem aus die Darstellungen auf der Leinwand beobachten; die Bilder flimmern zwar etwas stark, wenn man für billiges Geld mit einein Plag in einer der ersten Reihen fürlieb nehmen muß; aber das Auge gewöhnt ft<5> daran. * Der Kinematograph und sein SiegeSzug sind schließlich nur das Symptom einer ollgemeinen Entwickelung. Uebcrall erobert sich das Bild— da« unbewegte wie das bewegliche— seinen Play als geistiges Berkehrsmitlet der Meirichen und macht dem Verkehr durch Wort und Schrift ernsthafte Konkurrenz. Die Fortsckiritte der Technik ermöglichen eine ganz andere AuSnuyniig der bildhaften Darstellung. Und wohin wir sehen, das Bild bürgert sich ein. Die Ansichtskarte ersetzt lange Briese,— Anpreisungen mit vielen Worten„ziehen" nicht mehr,— ein Bild wirkt besser und wird immer häufiger als Reklame benutzt; die aktuelle Illustration erobert fich selbst alte Familienblätter von der Art der„Gartenlaube" und macht sie zu einer„Woche" im kleinen, die ja schon kaum noch etwas anderes als ein großer Biwerbogen ist. Selbst auf dem„richtigen" Theater nimmt die Dekorationskunst immer mehr die Aufmerksamkeit in An-- spruch, und wer sie am rasfiniertesten zu gebrauchen wußte— Rein- Hardt—. wurde oer bedeutendste Theaterleiter unserer Zeit. Man kann nicht leugnen, daß die bildliche Darstellung in mancher Beziehung nun auch den geistigen Verkehr tatsächlich fördert und bereichert. Sie hat mancherlei vor der bloßen Wortdarstellung voraus. Das Bild gibt Gesichter, Landschaften, Vorgänge exakter. anschaulicher wieder als eine lange Kette von Sätzen. Vor allen Dingen macht es die geistige Ausnahme leichter und bequemer. Das hat gewiß die Ausbreitung der Bilddarstelluug gefördert, ja, herbei- geführt, und muß als Fortschritt anerkannt werden. Insofern, als er das schildernde Wort ersetzt, ist auch der Kinematograph ein Forlschritt. Darin liegt seine kulturelle Be- deulung. Als Lehrer hat er noch eine große Zukunft: indem er Prozesse aus dem Leben der Natur und aus der wirtschaftlichen Produktion lebendig, anschaulich vor alleWAngen führt,— gerade auch solche, die ihrem ganzen Wesen nach sonst der großen Mehr-- heil, die nicht mit den Hilfsmitteln wissenschaftlicher BeobachtungS- inftrumente ausgerüstet ist, die keine Reise» machen und keine Fabrik- anlagen betreten kann, unbekannt bleiben würden. Häufig wird die kinematographische Vorstellung der begleitenden Worterläuterung nicht eulratcn können; aber es steht dem ja auch nichts im Wege, daß Wort und Bild zusammenwirken. EinAnfangistindieserRichlung ja gemacht. Aber die große Masse der Licbtbildbühnen behandelt— wenn sie schon derartige Vorstellungen bringt— diese doch viel zu sehr als Neben- fache, und läßt genügende Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit in der Aufnahme der Vorgänge wie in ihrer Erläuterung bei der Wiedergabe vermissen. Man braucht aber die Aufgabe der Kinematographie nicht auf eine solche„Lehrtätigkeit" zu beschränken. Sie mag auch der Unter- Haltung dienen, so lauge diese Unterhaltung sich nicht als Kunst ausgibt und dann— nach dem ganze» Wesen der kinematogrophischen Darstellung— versagen muß. Es gibt spezielle Gebiete, auf denen das bewegte Lichtbild alle Konkurrenz schlagen muß: Besser als die in üblicher Art stilisierte» Zeitungsberichte zaubert es Volks- belustigungen. Feste, Reisen, Spiele und vieles andere vor das Auge. Auch hier handelt eS sich nur um einen Ersatz von Wort und Schrift. Und obendrein kann der Kinematograph besser als jeder Zauberer durch seine Kunststückchen aus dem Reich des Unmöglichen und Phantastischen verblüffende Wirkungen hervorrufen, die zumal dann z» begrüßen sein werden, wenn sie erheiternd und belustigend sind. Die Möglichkeit, ganz verschiedene Anfnahmereihen mit- einander zu vereinigen, daS letzte zuerst zu bringe», durcki allerlei Kniffe unglaubliche Situationen hervorzuzaubern—, das ist etwas dem Kiiiemaiographcn Eigentümliches; und deshalb ist seine Pflege — innerhalb der gegebenen Grenzen— nicht von der Hand zu weisen. � „Kunst" wird man das alles indessen nicht nennen können, son- dern nur Belehrung und Unterhallung. Das bewegliche Lichtbild wird eine gewöhnliche Schilderung ersetzen, ja übertrumpfe» können, aber nicht eine dichterische Darstellung. Die Wahl der Worte, ihre Äncinaiidcrfügung. die Stellung und die Verbindung der Sätze, der Rhythmus, die „Satzmelodie"— das alles als W?se» dichterischer Darstellung ist etwas derartig Eigenartiges, Reizvolles, Summuiigen, Erregungen der Seele Hervorrufendes, daß kein Bild, und sei es noch so nalür- lich, es ersetzen kann. Deshalb wirkt es so unendlich banal, ja ab» stoßend, wenn uns die Leinwand eines modernen„ÄinoS" in anderthalbstündiger Wiedergabe Szenen aus dem Werke eincS unserer großen Dichter wiederzugeben versucht. Ebensowenig wie die Bilddarstelliuig das dichterische Wort er- setzen kann, wird sie imstande sein, die Kunst lebendiger Dar- st e l l u n g eines inneren Erlebnisses vollwertig wiederzugeben. Ist eS schon dem Schauspieler von Fleisch und Blut nicht leicht, die Regungen des Seelenlebens, Haß und Liebe, Majestät und Leidenschaft, packend, überzeugend,„wahr" zum Ausdruck zu bringen. — so muß das Abbild dieses Spiels, durch die photographische Auf- nähme platt gedrückt, durch das Filmtempo und das Flimmern per- zerrt und verzogen, mit seinem Zuviel an äußerlichem Spiel, das nötig ist und noch besondere Aufmerksamkeit erregt infolge des FeblenS der Worte und Rufe, geradezu widerlich-gcmacht und un» wahrhaftig wirken. Die Tendenz, das Dramatische noch mit dem Granciihaften zu verquicken, um einen billigen Nervenkitzel zu erffelc», muß vollends dazu beitragen, dem Heuligen Kinodrama das Urteil zu sprechen. So haben denn also Kino unsi Kunst gar nichts miteinander gemein? In einer Beziehung kann das bewegliche Lichtbild vielleicht doch der Vermittler künstlerischer Eindrücke sein: Wo es Vorgänge aus dem Leben der Natur widerspiegelt, die in sich etwas Malcrisch-KünstlerischeS, vielleicht auch etwas Nbythmisch- Künstlerisches geigen. Eine dahinstürmende Herde wilder Tiere, der Kampf zweier Bestie» in feiner ungehemmten Wildheit und Natürlich-- keit, ein aufziehendes Gewitter über weiter Heide,— das alles kam» Eindrücke vermitteln, die künstlerisch sind, die wie ein edles Gedicht, wie eine großartige Naturerscheinung selbst packen und erheben. * Ein Verbot der heute üblichen Kiiiodarstellnngen oder eine Be- Hinderung, die dem beinahe gleichkäme, hätte seine großen Bedenke»». Von allein anderen abgesehen: die Frage wäre, ob das wirklich einen Fortschritt bringen würde; oder ob nicht das Sensation?- bedürfnis und die auf falsche Wege geratene Phantasie der Massen zu anderen Befriedigungsmitteln ihre Zuflucht nehmen würden, die von Kunst noch weiter entfernt und für die geistige und seelische Ge- sundheit noch gefährlicher wären. Die Ucberwindung der heutigen Uebelstände im Kinematographen- Wesen ist vielmehr in erster Linie eine Erziehungsfrage— oder sollte es wenigstens sein. Die Gesellschaften für Volksbildung und Volksknltur, alle die, welche da Protest erheben gegen die.Kino-Gefahr", die sollten mit- helfen, daß das Kino sich mehr und mehr den Gebieten zuwendet, die ihm nach seinem Wesen zugewiesen sind.— und daß das Publikum seinen Weg zu jenen„Lichlbühnen" nimmt, die sich in diesem Sinne bemühen. Man sollte den Kincmatographenbefitzern mit Rat und Tat in der Schaffung geeigneter Films und ihrer Ver- Wertung zu Seite gehen; vielleicht wäre es nicht unangemeffen, solche Kinobefitzer, die�fich willfährig zeigen, auch materiell zu siib- dentionieren,— oder gar selbst Kinematographen einzurichten, die allen Anforderungen entsprechen, und damit Vorstellungen zu geben. die durch eine besondere Billigkeit— aber auch durch geschickte Reklame, durch Abwechselung des Programms— dem Publikum entgegenkommen. Vielleicht würden sich auch Kommunen, die sich zu der Äuffaffnng durchgerungen haben, daß die künstlerische wie jede andere Erziehung eine eminent bedeutsame Aufgabe der Gemein- schast ist, zu ähnlichen Schritten entschließen können. Daß nebenher das Publikum durch Schule und Schriften aufgeklärt werden muß über das Wesen wahrer Kunst, bedarf kaum noch besonderer Er- wähnung. Besser als die Belehrung durch Schule und Druck wirkt aber immer die durch praktische Erfahrung. Dieses„Erleben' des wirklich Künstlerischen vermittelt nichts bester als ein gutes Theater selbst. Man kann unsere heutigen Bühnen nicht davon freisprechen, daß sie selbst mit schuld daran sind, wenn ihnen der Konkurrent„Kien- topp' jetzt allmähliib über den Kopf wächst. Sie haben ihre Auf- gäbe, die Kunst wirklich ins Volk zu tragen und das Volk zur Kunst zu erziehen, gar zu sehr vernachlässigt. Sie wurden mehr und mehr aus Volksthcatern Bühnen für die oberen Zehntausend und hielten schon durch ihre Eintrittspreise die Mäste fern. Statt den schlechten Instinkten ein Paroli zn bieten, gaben sie obendrein dem Sensations- bedürfnis und der Mode des großen Publikums auch ihrerseits nur allzu sehr nach, und laszive französische Schwanke und Sherlock- Holmes-Romane machten sich auf den besten Bühnen breit— wo sie ja auch heute noch vielfach ihr Heim finden. Die Leute, die das befördert haben, besitzen eigentlich recht wenig Grund, über die Ge- schmacksverwilderung durch das Kino und über die„Kinogefahr' zu jammern und zu klagen. Jetzt ist es natürlich besonders schwer, das Publikum wiederzugewinnen, nachdkm weite Kreise einmal eine so falsche Vorstellung von Kunst gewonnen haben. Solange unsere Bühnen viel mehr Profit- als Kunstinstitute sind, wird es überhaupt schwer sein, durch sie die Masse von der ' Pseudo-Kinokunst abzubringen und der wahren Bühnenkunst wieder zuzuführen. Auch das Theater, das„literarisch" sein will, muß als GeschästSunternchmung bei der heutigen Lage der Dinge— Reklame, Druck der Konkurrenz, unsichere Komunktur usw.— Preise berechnen, die das„Volk" vom Besuche abschrecken. Die„kapitalistische' Kunst ist gewistermaßen in eine Sackgaste geraten: In dem stetig wachsenden Einfluß des Luxus, in der Sucht, die Konkurrenz zu übertreffen.— hat sie es dem einfache» Manne immer schwieriger gemacht, sich ihr zu nähern. Nun, da er einen billigen, freilich auch minderwertigen Ersatz gefunden hat und deshalb meint, auf das Theater ganz verzichten zu können, schre'en die Herren Kunst- Kapitalisten Zeter und Mordio über die Gefahr, die ihnen, bezw. „ihrer" Kunst drohe.— Um dieser Herren willen braucht man die EntWickelung nicht zu beklagen,— wenn nur das Volk nicht selbst den Schaden hätte von dieser Verdrängung wahrer Kunst durch das minderwertige Kino-Surrogat I Um des Volkes willen muß ernstlich versucht werden, dem Profitintereste zum Trotz an die Stelle unserer Geschäftsbühnen oder wenigstens neben sie wieder wahre Volksbühnen zu setzen und das Kino in seine Grenzen zu verweisen. In erster Linie müßten zu diesem Zwecke die guten Theater so billig und bequem sein, daß sie in diesem Punkte nicht die Kon- kurrenz der Kinos zu scheuen brauchten. Kleine Eintrittspreise— Ausschaltung aller Plätze, von denen auS nicht gut zu hören und zu sehen ist, bequemer Billettverkauf ohne Sondergebühr bei bor- berigem Bezug der Eintrittskarten, möglichst günstige Zeit für die Vorstellungen,— am besten vielleicht keine feste, ein für alle- mal bestimmte Stunde, sondern ein von Tag zu Tag oder Woche zu Woche wechselnder Beginn, das waren so die äußeren Voraus- setzungen. Selbstverständlich außerdem wirklich gute Kunst lind wirklich gutes Spiel! Keine Rücksichtnahme auf SensationSbcdürfnisse der Masse— aber vielleicht ein wenig Rücksicht auf die Freude an der Abwechselung, die im Volke lebt.— Wenn die alten Griechen ihrer Tragödie ein lustiges Satyrspiel folgen lassen konnten, könnten vielleicht auch unsere ernsten Darstellungen— nach einer an- gemessenen Pause, versteht sich!— ein heileres Nachspiel vertragen. Das alles berücksichtigt, ließe sich vielleicht, schneller und umfang- reicher als man denkt, die Menge dem Theater zurück- oder neu« gewinnen, und durch das Theater dem Verständnis wahrer Kunst. Soweit die Theater von heute— die Geschäftstheater— daS nicht können und wollen, müsten die die Führung übernehmen, die das Volk lieben und die Kunst zu schätzen wisten.— Auch hier ist ein Anfang gegeben. In Berlin mühen sich die Freie Volksbühne und die Neue freie Volksbühne in diesem Sinne, an anderen Orten ähnliche Vereine. Aber die Mttel, die dort zur Verfügung stehen, genügen noch nicht. In ganz anderem Maße muß die Oeffentlichkeit interessiert, muß Arbeit geleistet werden. Unbillig wäre eS gewiß nicht, wenn auch Staat und Kommune sich schon jetzt der Sachen annähmen und zum mindesten mit den Vereinen Hand in Hand arbeiteten. Wenn die„Kino-Gefahr' in diesem Sinne anregend und an- feuernd wirkte, hätte auch sie ihr Gutes. In diesem Punkte sollte man suchen, sie auszunutzen. Vielleicht gelingt es. S. Nestriepk«. kleines Feuilleton. Hauswirtschaft. Spinal Und Mangold. Unter allen Blattgemüsen nimmt der Spinat, die hervorragendste Stellung ein, nicht nur wegen seines Wohlgeschmacks, sondern auch wegen der besonderen gesundheitfördernden Eigenschaften, die man ihm mit Recht zu- schreibt. Häufiger Genutz von Spinat ist ganz besonders denen zu empfehlen, die an Blutarmut leiden. Der Spinat enthält näm» lich Eisen und ist also geeignet, das an Eisen arm gewordene Blut damit anzureichern. Außerdem enthält er kleine Mengen von Phosphorsäure sowie, andere pflanzliche Säuren, die anregend auf den Stofswechsel wirken. Aus seiner Heimat Persien kam der Spinat zu Anfang unserer Zeitrechnung nach Indien und China, später durch die Araber nach Spanien und Italien und im 15. Jahrhundert über Frankreich nach Deutschland. Die landesübliche Zubereitung des Spinats ist nichts weniger als einwandfrei. Gewöhnlich kocht man ihn in vielem gesalzenen Wasser ab, entzieh�, ihm dadurch die wichtigen Nährsalze und einen guten Teil seines aromatischen Geschmacks, um ihm nachher durch Zusatz von Zwiebel, Sardelle oder gar Hering, manchmal auch durch Zucker, ganz unnötigerweise einen fremden Geschmack zu verleihen. Die einzig rationelle Bereitung des Spinats, wobei nichts von seinen wertvollen Bestandteilen verloren geht, besteht darin, daß man ihn nach dem Verlesen und Waschen nur einige Male mit dem Wiegemesser durchschneidet, ein Stückchen Palmin oder Butter in einen Kochtopf gibt und den Spinat hierin auf kleinem Feuer weich dünsten läßt. Dann rührt man ihn durch ein Sieb oder hackt ihn mit dem Wiegemesser fein, nach dem man den Saft hat ablaufen lassen. Spinat braucht reichlich Fett, in dem man etwas Mehl schwitzen läßt. Dies löscht man mit dem Spinatsaft und Milch nach Bedarf ab, salzt, fügt Schnittlauch sowie den Spinat hinzu, läßt alles gar kochen und würzt mit ganz wenig Muskat- nuß und einigen Tropfen Maggi beim Anrichten. Der Zusatz von Milch mildert den Herben Geschmack des Spinats. Man kann ihn auch mit allerlei wild wachsenden Frühlingskräutern mischen, z. B. mit Melde, Sauerampfer, Löwenzahn, Brunnenkresse, auch mit Kerbel und Petersilie. Reicht man ihn mit pflaumenweichen oder Spiegeleiern, so empfiehlt es sich, Bratkartoffeln dazu zu geben. Spinatreste lassen sich zu folgenden sehr wohlschmeckenden Gerichten verarbeiten. . Eierkuchen mit Spinat. Nach bekannter Art ge- backene Eierkuchen werden mit heiß gemachter Spinatmafle, der man etwas Kerbel zusetzen kann, gefüllt, aufgerollt und zu Tisch gegeben. Spinat mit Nudeln. Breite Gemüsenudcln werden in Salzwasser gar gekocht, abgegossen, mit dem Spinat und dem nötigen Fett zusammen erhitzt und mit gekochten, abgeschälten Eiern angerichtet. Spinatsuppe. Bouillonwürfel werden in kochendem Wasser aufgelöst, übrig gebliebene Kartoffeln reibt man fein und läßt alles mit Spinat zusammen durchkochen. Beim Anrichten gibt man ein Stückchen Butter hinein. Eine Abart des Spinats ist der Mangold. Er ist in Mittel- und Norddeutschland wenig bekannt, während man im Süden ein gutes Gemüse daraus bereitet. Wer ein Stück Gartenland zur Verfügung hat, versuche es einmal mit dem An- bau von Mangold. Die am besten schmeckende Sorte hat den Namen Lukullus. Mangold hat vor Spinat den Vorteil einer weniger umständlichen und zeitraubenden Vorbereitung. Die großen Blätter werden von den Stielen gestreift und dann weiter wie Spinat behandelt. Die Stiele geben eine zweite Gemüse» schüssel. Man schneidet sie in längliche Stücks und kocht sie in einer seimigen Sauce weich, die man aus Schwitzmehl, leichter Brühe und Milch bereitet hat. Nach Belieben kann man das Ge» müse mit einem zerquirlten Eigelb abziehen._ m. kt. Veranttvortl. Redakteur: Albert W-chS, Berlin.— Druck u.Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstait Paul S>agerölCo., Berlin SVV.