Unterhaltungsölatt des vorwärts Nr. 81. Freitag, den 26. April. 1912 lNachdruck perbslen.! 8] Suitana, Gin arabisches Frauenschicksal von Emil Ras müssen. Er war nicht weiter gelangt als zu dem Standpunkt, den Unterschied zwischen sich und den Kameraden als eine Frage der guten Erziehung zu betrachten, was er ja gewissermaßen auch war. Heute aber, als er plötzlich den Vater durch dessen Kunst und durch sich selbst zu verstehen meinte, fand er umgekehrt die Erklärung feines eigenen Wesens in dem des Vaters. Warf er mit diesen eben geöffneten Augen den Blick auf die gesammelten Schöppingen des Verstorbenen, wie wurden sie nicht lebendig, wie verrieten sie ihm nicht die tiefsten Ge- heimnisse eines Herzens, die Summe einer Lebenserfahrung! Es gab zwei parallele Linien in Guy Barridres Lebens- werk. Da waren die„sonderbaren" Bilder, sozusagen alle Figurenbilder, von dem großen stilisierten Porträt der Mutter augefangen, das über dem Flügel hing. Sie wurden von einem sehr kleinen Kreis bewundert und zu den Wolken erhoben, während das große Publikum gleichgültig blieb, die Brücke nicht sah, die von ihnen zu den Menschen führte, denen sie in der Welt begegnet waren. Desto populärer war er durch die Landschaften geworden, jenen silbergrauen melancholischen Bildern aus der Campagna und den pontinischen Sümpfen und die letzten heftig glühenden afrikanischen Bilder, die allen wie eine Ueberraschung kamen. Aber in den„sonderbaren" Bildern war der eigentliche Guy Barridre zu suchen: das wußte Marcel durch ihn selbst. Wohlan: alle diese Frauen schienen in Gestalt und Antlitz inspiriert von Wesen, die nur geschaffen waren, den Kristall- Himmel zu bevölkern. Gaben diese Bilder Zeugnis von einem Menschenherzen. dann erzählten sie von einem Märtyrer des Ideals, von einem Manne, dessen Leben ein ununterbrochener Todeskampf— eine Tragödie gewesen. Das Weib lebte nicht auf Erden, das seinen Durst nach dem Weibe stillen konnte. Seine Frauengestalten aus den letzten Fahren, in denen die Brustkrankheit, wie es so häufig geschieht, Hitzende Ge- würze in fein Blut gegossen zu haben schien, trugen um Augen und Mundwinkel den Ausdruck einer fast grauenerregenden Sinnlichkeit. Aber hatte er nicht seine eigene unlöschbare Leidenschaft in ihre Züge gemalt, und waren sie nicht die letzten unheimlichen Aeußernngen eines Mannes, der sich in Sehnsucht nach dem Weibe, lvic es auf Erden nicht zu finden ist, verzehrt hat? War er nicht ähnlich jenem gottesfürchtigen Araber auf dem mit Wein beladeiren Kamele, den mitten in der Wasser- losen Wüste brennender Durst überfällt, aber der lieber ver- dürstet, als daß er das göttliche Gebot des Korans bricht und seinen heiligen Abscheu vor dem gegorenen Trünke über- windet? Wenn die Ehe der Eltern eine unglückliche gewesen, war es vielleicht nicht, wie er bisher geglaubt, oder wenigsten? nicht allein der Mutter Schuld. Vielleicht hatte der Sohn in sich selbst den Schlüssel zu dem tiefsten Geheimnis seines Vaters gefunden: die Herrschaft eines Ideals, das kein irdisches Weib erreichen konnte. Oder— ein eisiger Schauer durchjagte ihn bei diesem Gedanken— war das Verhältnis etiva das Umgekehrte ge- Wesen? War das, was er für die Ursache hielt, die Wirkung? Er hatte bisher manche Stunde über des Vaters Bilder verträumt. Sie hatten ihm bis zu dieser Stunde den besten Teil seines Erbes bedeutet, hatten gleichsam das geistige Testament des Vaters enthalten. Welche Umwälzung an einem einzigen Tage! Er betrachtete sich nicht mehr als geistiger Erbe des Vaters. Die kühne Umarmung, die ihn so ganz verwandelt hatte, sie war der Mutter Anteil an ihm. Sie hatte ihn von den blassen blutlosen Träumen hinweg- gelockt. Hatte ihn schon— wenn auch auf ganz andere Art, als sie dachte— von des Vaters Religion bekehrt, Und plötzlich war die Bekehrung gekommen, ungestüm und mit einer Fülle übersinnlicher Kraft. Genau so wie die Me- thodisten es fordern. Er war in höherem Grade, als er es wußte, seiner Mutter Sohn; die Wirklichkeit hatte ihn gefangen genommen, Es ging schon gegen Abend. Mit schwerem Kopf und brennenden Wangen erhob er sich und schlug die Flügeltüren auf. Blendend strömte ihm die feurige Röte des afrikanischen Sonnenuntergangs entgegen. Bu Kornajin und Djebel Resas türmten sich am Horizonte blau gegen den blutigen Himmel. Er trat hinaus auf die leuchtende Terrasse, von der er die ganze Gegend bis zu der jenseits des Bahirasees aufragenden Domkirche Karthagos überblickte. Hinter dem naheliegenden Tunis sah er den Friedhof von Sidi bei Hassen, gekrönt von dem gelbbraunen türkischen Fort und der schneeweißen Zäuia, Vom Villagarten herauf stieg aus dem Dickicht blühender Sträucher ein balsamischer orangeähnlicher Duft von Euony- mus und Myoporum. Die weißen Blütentrauben der Rubinie zitterten in der Abendbrise. Die blühenden Akazien flammten wie Gold. Die Phönixpalme mitten im Garten wiegte schläfrig ihre meterlangen Blätter, die die über Stamm kletternden hellroten Rosen fast schon erreicht hatten. Bald aber verschlang das Drama des Sonnenuntergangs alle diese Eindrücke. tDenn kein anderer Sonnenuntergang, nicht einmal der Siziliens, gibt eine Vorstellung von der Leidenschaft, mit welcher der Tag jenseits des Mittelmeeres erstirbt. Es ist, als seien die Rollen vertauscht. Als sei das Luft» meer selbst ein heftig leuchtendes Fluidnm: als erhellte die Erde in ihrem überschwenglichen Farben glänz die errötende Sonne. Für Marcels verliebte Blicke wurde wie für die alten Sonnenmythen der Abschied der Erde von dem Tagcsgestirn zu einem Schauspiel, einem Licbesdrama. Den ganzen Tag war der Sonnenball bei seiner Ge- liebten, der Erde, gewesen, die gefühllos unter seinen Lieb- kosungen dalag, weiß vor Sehnsucht. Nun nähert sich die flüchtige Stunde, wo sie einander dort draußen an dem fernen Horizont begegnen sollen, begegnen, um sogleich wieder zu scheiden. Da flammt sie auf in einer Leidenschaft, die weit ungestümer ist als die seinige. Der lange Abschiedskuß ist heftig wie eine Feuersbrunst. Aber er raubt den Brand der Wangen. Kaum ist er fort, als sie ohnmächtig in sich zurück- sinkt. Rasch, rasch hüllt sie sich in ihr nachtdunkles Trauer- gewand. 4. Hamza El Askari, Sultanas und Rurs Vater, wohnte in der Gasse Nhödj el Bascha des oberen vornehmen, von dem Lärm und regen Gcschästslebeir der Sukker unberührten Teiles der inneren Stadt. Si Hamzas Patio, das noch auS der guten arabischen Zeit stammte, gehörte zu den schönsten Säulenböfcn der Stadt. Trat man plötzlich aus dem dunklen Korridor des Vorder- Hauses, der, um neugierige Blicke aufzuhalten, in einem rechten Winkel gebrochen war, so empfing man einen über alle Be- griffe festlichen und einladenden Eindruck: von oben'blauer Himmel, Licht und Sonnenschein, von unten 5�iihle— Kühle von den Arkaden, von all dem tveißen Marmor und der glän- zenden blauen Fayence, von Wasser, das man rieseln hörte. man wußte nicht wo, und zu alledem ein Blumenduft, der einem entgegenwogte lvic ans einem Treibhaus exotischer Pflanzen. Die Wölbungen der Arkaden ruhten gegen den Hof zu auf vergilbten Marmorsäulen, die ein Malerauge erfreuen, das Haar der Archäologen aber bleichen machen konnten. Offenbar waren sie von Karthagos Rninenhügcl geholt, aber ein jonischer Säulenschaft trug oft ein korinthisches Kapital oder umgekehrt, und vielleicht, um sich für erlittene Belästi- gungen zu entschädigen, hatten die arabischen Steinhauer dem Ganzen aus eigener Phantasie nachgeholfen. Neber den Ka- pitälen wölbten sich geschwungene Hnscisenbögen in regel- mäßigem Wechsel von Schwarz und Weiß. Das obere Stockiverk ivar mit eingelegten schwarzen Pei- Sjfttunßeft in geometrischen Figuren ausgelegt, die Fenster- »sfnungen von dünnen', in zarten Mustern ausgehauenen Steinplatten bedeckt, so daß das Licht nur durch die unzähligen durchbrochenen Löchlein eindrang, die ihrerseits wiederum teilweise von eingefügten Glasstücken in verschiedenen starken Farben geschlossen waren, um dem Halbdunkel Stimmung und Mystik zu verleihen'. Ein zackiges Gesims schloß die Mauer oben ab. Es diente als Brustwehr des flachen Hausdaches, das die Frauen als Aufenthalt benutzen durften und von dem die Männer aus demselben Grunde verbannt waren. Blaue Fayencetafeln, deren Arabesken zusammenhängende große Muster bildeten, bekleideten die Wände der Arkaden. Aus allen Räumen führten Türen in den Garten, die ebenso wie die vergitterten Fenster, welche fast bis zur Erde reichten, von ausgehauenen Marmorplatten umrahmt waren. Auf jeder der beiden Langseiten war eine Nische vertieft mit kleinen plätschernden Marmorspringbrunuen, und die Becken- Mvölbe bestanden aus weißem Stuck, in welchem geduldige Hände die eigentümliche Kunst der Araber, die Arabesken- schnitzerei, geübt hatten. Der Hof selbst war mit weißen Marmorfliefen belegt. In der Mitte senkte er sich zu einem Bassin mit spiegelhellem Wasser, das die Wurzel einer schlanken Zypresse badete, deren dichtes dunkles Laub undurchdringlich verfilzt und verwebt war mit der hochroten Blütenfülle einer phantasievollen Schlingrose. In einer Ecke des Hofes, wo drei Säulen sich vertraulich Jcht aneinanderschmiegten, kletterte eine Bougainvilliers die Mauer entlang, alles verhüllend unter einem Vorhang von grellem Gr6d6line. Vor den Fenstern und um die einzelnen Säulen standen Gruppen blühender Topspflanzen auf zier- lichen Stativen. Von den Deckengewölben herab hingen bunte Glaslaternen und kleine vergoldete Bauer mit bunten Finken und Kanarienvögeln, während oben in den vier Ecken des Dachgesimses blutrote Geranien, in Tonvasen stehend, mitten Hinaufschossen in das starke schöne Kobalt des afrikanischen Himmels, (Fortsetzung folgt. 1 Sin Vater. Von Anton Tschechow. »Also aufrichtig gestanden, ich bin betrunken— entschuldige I Ich kam unterwegs an einer Bierhalle vorbei und da trank ich der Hitze wegen zwei Gläschen. Die Hitze, Bruder T Der alte Musatow zog einen Lappen aus der Tasche und trocknete damit sein rasiertes, mageres Gesicht. .Ich komme nur auf einen Augenblick zu Dir, Bernhardchen," fuhr er fort, ohne den Sohn anzusehen,»wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit. Entschuldige, wenn ich Dich gestört habe— hast Du dielleicht bis Dienslag zehn Rubel, mein Seelchen? Verstehst Du, gestern mutzte ich Miete bezahlen, und Geld, weiht Du..." Der junge Musatow ging schweigend hinaus, und man hörte ihn hinter der Tür mit der Wirtin des Landhauses und den Kollegen flüstern, welche das Landhaus mit ihm gemeinschaftlich gemietet hatten. Nach drei Minuten kehrte er zurück und übergab dem Vater schweigend einen Zehnrubelschein. Dieser steckte das Papier, ohne aufzublicken, nachlässig in die Tasche und sagte: »Merci I— Nun wie geht's Dir? Wir haben unS schon lange mcht gesehen." „Ja. recht lange nicht. Seit Ostern." „Wohl fünfmal wollte ich zu Dir kommen, aber immer hatte ich keine Zeit; bald war dies, bald das... schrecklich I... Uebrigens— ich lüge. Das alles ist gelogen. Glaube mir nicht. Bernhardchen I Ich sagte, Dienstag würde ich Dir die zehn Rubel abgeben— glaube auch das nicht I Nicht eines meiner Worte glaube I Gar nichts habe ich zu tun, es ist einfach Faulheit, Trunkenheit und ein Gefühl der Scham, mich in dieser Kleidung aus der Stratze zu zeigen... Ent- schuldige. Bernhardchen, ich habe Dir etwa dreimal' ein kleines Mädchen nach Geld geschickt und einen kläglichen Brief dazu geschrieben. Auch dem Brief glaube nicht: ich log. Ich schäme mich, Dich zu berauben, mein Seelchen. Ich iveitz, datz Du selbst knapp das Auskommen hast und oft auch borgen mutzt, aber ich kann nicht anders. Man sollte mich für Geld zeigen— solch ein unverschämter Kerl bin ich! Nimm nicht übel, nimm es mir nicht übel. Bernhardchen. Ich sage Dir die volle Wahrheit, weil ich immer Gewissensbisse bekomme, wenn ich in Dein engelgleiches Gesicht sehe..." Einige Minuten vergingen in Schweigen. Der GreiS seufzte tief auf und sagte: „Möchtest Du mich nicht mit einem Gläschen Bier traktieren?" Der Sohn ging schweigend hinaus und man hörte ihn wieder hinter der Tür flüstern. Als man bald darauf Bier brachte, wurde der Greis beim Anblick der Gläser lebhafter und schlug plötzlich einen anderen Ton an. „Vor einiger Zeit, Bruderherz, war ich zum Rennen,' erzählte er, und machte erschreckte Augen.„Wir warer. unserer Znei und wir setzten am Totalisator drei Rubel auf„Schustrak". Gesegnet sei dieser„Schustrak"! Für die drei Rubel bekam jeder von uns zwei-- unddreihig. Ich kann ohne Nennen nicht leben, Bruder. Es ist ein adliges Vergnügen. Mein„Weibchen" steckt mir dann immer ein paar Scheine zu, und ich gehe. Ich liebe es nun einmall' Bernhard, ein blonder, junger Mann mit melancholischem, un-- beweglichem Gesichtsausdruck, ging leise aus einem Winkel in den anderen und hörte schweigend zu. Als der Greis seine Erzählung unterbrach, un, zu husten, ging er auf ihn zu und sagte: „Ich habe mir unlängst ein Paar Stiefel gekauft. Papachen. aber sie sind mir zu eng. Möchtest Du sie mir nicht abnehmen? Ich lasie sie Dir billig....' „Einverstanden!" willigte der Alte ein und schnitt eine Grimasse. „Aber nur zu demselben Preise, damit Du keinen Verlust...' „Gut. Du kannst mir das Geld bei Gelegenheit geben.' Der Sohn kroch unter das Bett und langte ein Paar neue Stiefel hervor. Der Vater zog seine ungeschickten, plumpen, dunkel- braunen, augenscheinlich nicht ihm gehörenden Stiefel aus und be» gann das neue Schuhwerk anzupassen." „Wie angegossen I" sagte er.„Also gut. ich will sie meinetwegen behalten. Dienstag, wenn ich Pension bekomme, schicke ich danach.... Uebrigens ich lüge," fuhr er fort, jindem er plötzlich in den füheren weinerlichen Ton zurückfiel.„Ich log vom Totalisator, und ich lüge auch jetzt von der Pension. Aber Du hältst mich zum Narren, Bernhardchen... Ich merke Deine grotzherzige Politik sehr gut. Oh, ich verstehe Dich aus- und inwendig I Die Stiefel sind Dir zu eng, weil Deine Seele weit ist. Ach, Bernhard, Bernhard, ich merke und verstehe alles I" „Ihr seid nach einer anderen Wohnung gezogen?" unterbrach ihn sein Sohn, um das Gespräch auf etwas anderes zu bringen. „Ja, Bruder, gezogen... Jeden Monat ziehen wir. Mit ihrem Charakter kann mein„Weibchen" nicht lange auf einer Stelle sitzen, ohne sich mit allen zu zanken...." „Ich besuchte Euch in der alten Wohnung, um Dich zu mir aufs Land einzuladen. Bei Deiner Gesundheit könnte Dir reine Landluft wohl nichts schaden." „Nein," winkte der Alte mit der Hand,„das„Weibchen" lätzt'S nicht zu und ich selbst will auch nicht. Wohl hundertmal habt Ihr schon versucht, mich aus dem Sumpf herauszuziehen, aber es hat zu nichts geführt. Gib es aus! Am besten, Ihr latzt mich in der Bude krepieren. Siehst Du, jetzt sitze ich hier bei Dir, schaue in Dein engelgleiches Geficht und dabei zieht es mich doch nach Hause in meinen Sumpf. Das ist schon so mein Schicksal. Einen Mist- käfer mutz man nicht auf Rosen setzen.... Uebrigens, Brüderchen, es ist höchste Zeit für mich, es wird schon dunkel." „Warte einen Augenblick, ich begleite Dich. Ich mutz heute noch nach der Stadt." Beide zogen ihre Paletots an und gingen. Als sie bald darauf in einer Droschke satzen, war es schon dunkel und in den Fenstern schimmerte Licht. „Bestohlen habe ich Dich, Bernhardchen", murmelte der Vater. „Arme, arme Kinder I Es mutz entsetzlich sein, solch' einen Vater zu haben I Benihard, mein Engel, ich kann nicht lügen, wenn ich Dein Gesicht sehe. Sei nicht böse... WaS ich für ein unver- schämter Kerl bin I Großer Gott! Heute habe ich D i ch bestohlen, Dir Verlegenheit bereitet durch meinen betrunkenen Zustand, morgen bestehle ich Deinen Bruder und bereite auch ihm Verlegenheit. Aber gester» hättest Du mich blos sehen sollen! Gestern kanien Nachbarn und allerlei Lumpenpack zu meinem„Weibchen" und— ich leugne es nickt. Bernhardchen— ich betrank mich und begann— denk' Dir diese Gemeinheit!— auf meine Kinderchen zu schimpfen. Beklagte mich, Ihr kümmertet Euch gar nicht um Euren Vater. Ich wollte, siehst Du, die betrunkenen Frauen rühren, mich auf den unglücklichen Vater hinausspiclen. Das ist schon mal so meine Art: wenn ich mein Laster verbergen will, wälze ich die ganze Schuld auf die unschuldigen Kinder. Ich kann Dir nichts vorlügen. Dir nichts verheimlichen, Bernhardchcn. Wenn ich Dein engelgleichcS Gesicht sehe, dann..." „Genug, Papachen! Wir wollen doch von etwas anderem spreche»!" „Heilige Mutter GotteS, was für Kinder ich habe!" fuhr der Alte fort, ohne auf den Sohn zu hören.„Solche Kinder sollte nicht ein Lump wie ich haben, sondern ein anständiger Mensch mit Seele und Charakter! Ich bin nicht würdig.. ," Der Alte nahm seine kleine Schirmmütze ab und bekreuzigte sich einigemale. „Dank sei Dir, o Herr!" seufzte er und blickte zur Seite, als wenn er das Heiligenbild suchte.„Herrliche, seltene Kinder! Drei Söhne habe rch. und einer wie der andere: nüchtern, ordentlich. arbeitsam... Und wie klug! Kutscher, was für kluge Köpfe I' Ein Gregor hat soviel Verstand, datz eS für zehn reicht I Er versteht französisch, deutsch, und reden kann er— was sind alle Advokaten dagegen!... Du, Bernhardchen, bist in meinen Augen ein Mär- ihrer. Ich ruiniere Dich. Du gibst mir unaufhörlich, obwohl Du weitzt, datz Dein Geld zum Teufel geht. Unlängst schickte ich Dir einen Klagebrief und schilderte Dir meine Krankheit— das war natürlich wieder gelogen. Aber Du gibst mir, weil Du mich durch eine Absage zu beleidigen fürchtest. AlleS daS weih ich und fühle ich.... Gregor ist auch ein Märtyrer. Donnerstag, Brüderchen, ging ich zu ihm in den Sitzungssaal, betrunken, zerlunipt, beschmutzt. Ich roch nach Schnaps wie'ne Destille. Ich gehe geradewegs zu ihm— krieche zu ihm mit faulen Redensarten, und dabei stehen seine Kollegen, Vorgesetzten und Bittsteller um ihn herum. Für sein ganzes Leben habe ich ihn blamiert. Aber wenn er doch nur eine Idee aus der Fassung gekommen wäre I Er wurde wohl etwas bleich, dann aber lächelte er und trat auf mich zu, als wenn es sich so gehörte. Hat mich sogar seinen Kollegen vorgestellt. Nachher begleitete er mich nach Hause, und wenn er mir doch auch nur mit einem Wort einen Vorwurf gemacht hätte I. Nehmen wir jetzt Deinen Bruder Alexander. Auch er ist ein Märtyrer I Er hat doch, wie Du weiszt, die Tochter des Obersten Kirjakow geheiratet, hat eine große Mttgift bekommen— was braucht er sich da viel um mich zu kümmern? Aber nein, Bruder, den ersten Besuch gleich nach der Hochzeit machte er uns. er und seine junge Frau, wahrhastigen Gottl" (Schluß folgt.) Die Biszeit in INforddeutfcbland. Von Dr. K. O l b r i ch t. Der weitaus größte Teil des norddeutschen Flachlandes wird bedeckt von den lockeren, sandigen und tonigcn Ablagerungen des Eiszeitalters, die der Geologe noch vor einem halben Jahrhundert als die Absätze eines großen Meeres deutete, während wir jetzt genau wissen, daß sie den Wirkungen riesiger Jnlandeisdecken ihre Ent- stehung verdanken. Den wichtigsten Fortschritt hatte die Untersuchung derjenigen Ablagerungen, die sich noch heute vor unseren Augen im verglet- scherten Hochgebirge bilden, im Gefolge. Hier erkannte man. daß die Gletscher die Täler gewaltig aushobelten und den abgetragenen Gesteinsschutt als Grundmoräne mit sich zu Tal führten. Schmelzen die Gletscher ab, so bleiben diese Grundmoränen als tonige, mit großen Gesteinen durchsetzte Lehmmassen liegen und gleichen einem mit Rosinen durchspickten Kuchenteig. Dazu kommt auch die Wir- kung der Schmelzwasserbäche. Diese schütten vor dem Gletscher mächtige geschichtete Bildungen auf, die uns in den Gebirgen, wo die Flüsse groß« Transportkraft haben und nur die gröberen Be- standteile absetzen, als Schotter, in dem norddeutschen Flachlande hingegen als geschichtete Sande entgegentreten. Oft sehen wir im Hochgebirge, daß die vorrückenden Gletscher an ihrem Rande den lockeren Untergrund zu großen langgestreckten Moränenwällen auf- pressen. Auch in Norddeutschland zeigen uns Endmoränenwälle zahlreiche Randlagen der ehemaligen Gletscher an. Die gewaltigen Sande, Schotter und Grundmoränen, die der Gletscher an seinem Rande anhäuft, bilden sein Aufschüttungsgebiet. Weiter oberhalb wirkt er abtragend. In diesen von den ehemaligen Gletschern abgetragenen Gebieten ändert sich das Landschaftsbild. Die aufgeschütteten Ablagerungen überdecken nicht mehr die Formen der Landschaft. Die Täler sind vom Gletscher auspoliert und oft von langgestreckten Seen erfüllt. In die trogförmigen Haupttäler mit ihren abpolierten Felsen, die meist zu glatten Rundstöcken ab- Leschlifsen sind, münden die weniger stark vertieften Nebentäler mit mehr oder weniger großem Steilabfall. Ueber diesen stürzen in den Tälern, die der Gletscher erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit verlassen hat, die Flüsse als Wasserfälle. Haben die Gletscher die Täler schon längere Zeit verlassen, so fehlen die Wasserfälle und an ihre Stelle treten die wilden schluchtartigen Klammen. Dieses Abtragungsgebict finden wir auch beim nordeuropäischen Vereisungsgebiet wieder, und zwar im größten Teile Skandinaviens und Finnlands. Ueberall sehen wir hier abgeschliffene, vegetations- arme Rundhöcker, Täler mit Wasserfällen und langgestreckte Seen, die uns noch deutlich den Weg anzeigen, den die zu einem gewal- tigen Inlandeis zusammengewachsenen Gletscher genommen haben, ähnlich den Spuren eines riesigen Pfluges. Den gewaltigen Gesteinsschutt, den dieses Inlandeis von den eben genannten Gebieten abhobelte, lagerte es in Norddeutschland ab. Hier fehlen daher die abgeschliffenen Felsen, und eine ältere G/ebirgslandschaft, deren inselartige Reste noch bei Lüneburg, 'Helgoland und Rüdersdorf in Form von alten Gesteinen auftauchen, ift verhüllt von einer oft mehr als 100 Meter mächtigen Reihenfolge von eiszeitlichen Ablagerungen, die uns besonders in Gestalt mäch- tiger geschichteter Sande entgegentreten und deren Grundmoränen lins.die überall verbreiteten»Findlingssteine" liefern. Diese eiszeitliche Ablagerungen bilden aber keine einheitliche Decke. Zwischen sie schalten sich an zahlreichen Stellen Torflager, Tone, Kalke und die weitbekannten Kieselgurlager mit zahlreichen eingeschlossenen Resten einer Lebewelt, wie sie auch heute noch in unserer Heimat vorkommt. Taraus erkennen wir, daß die Gletscher nicht bloß ein einziges- mal ihre Vorrückung antraten, sondern daß wir mehrere„Eis- zeiten" unterscheiden müssen. Zwischen diese schoben sich Zeiten, in denen die Gletscher weithin abschmolzen und die deutsche Land- scbaft unserer heutigen sehr ähnlich war. Wieder waren es Beob- achtungen noch heute vor unseren Augen sich abspielender Erschei- nungen, die unsere Kenntnis vom Wesen dieser„Jnterglazial- oder Zwischeneiszeiten" stark erweiterten. In den Steppen und Wüsten schützt keine Pflanzendecke den Boden. Wdlkenbruchartige Regen spülen große Gesteinsmengen ab und verschütten mit ihnen die Täler. Die Glut der Sonnenstrahlen zersprengt die Gesteine, die sich mit einer eisenschüssigen, oft glänzenden Verwitterungskruste bedecken. Der Wind weht oft große Staubwolken vor sich her und schleift die Gesteine zu glänzenden Dreikantern ab. Der weggewehte Staub fällt an anderen Stellen nieder und bildet mächtige un» geschichtete Ablagerungen feinpulveriger Schichten, die mani als 'Löß bezeichnet. Geraten diese unter den Einfluß eines regenreiche- ren Klimas, so verlehmen sie, und zwar wird die berlehmte Ober« fläche um so tiefgehender, je länger die regenreiche Zeit andauerte. Aehnliche Verwitterungserscheinungen beobachten wir noch heute bei uns. Di Grundmoränen verlehmen und verlieren ihren Kalkgehalt. Aber die Verwitterungsrinden. die sich unter dem heute bei uns herrschenden Klima bilden, weisen meist graue bis gelbgraue Farben aus; erst weiter im Süden finden wir rötliche Verwitterungsrinden. 'deren Farben in den Tropen sich zu dem Karminrot des Laterits .steigern. Hier haben wir zwei neue wichtige Hilfsmittel sür die Er- klärung der damaligen Vorgänge. Tie Mächtigkeit der verwitterten Schichten erlaubt es uns, Rückschlüsse auf die Länge ihrer Bildungs- peit zu ziehen; ihre Farbe und die Beschaffenheit der Geschiebe wiederum geben uns manche Andeutungen über die klimatischen 'Zustände, die zur Zeit der Entstehung der Verwitterungsrinden herrschten. Dazu kommen endlich die Löße als Bildungen sehr trockener Zeiten. A Durch Hinzuziehung dieser Gesichtspunkte ist die Glazialgeologie in letzter Zeit wesentlich vertieft worden; namentlich aber die Lehre von den Zwischeneiszeiten wurde hierdurch statt einer bloßen Hypothese zu einer Gewißheit. Bald lernte man in Norddcutschland— namentlich aber in Mittel- und Süddeutschland— nicht nur zahlreiche verschieden alte, durch mächtige, lehmige Verwitterungsrinden— Laimenzonen— getrennte Löße unterscheiden, sondern man fand auch, daß sich große tiefgründige Verwitterungsrinden mehrfach zwischen frischere Ab- lagerungen schieben. Man erkannte, daß diese älteren VerWitte- rungsrindcn meist eisenschüssig sind und gelbrote Farben aufweisen, daß die Geschiebe der älteren Moränen stark zersetzt sind, daß unter den Lößen häufig Dreikanter, Windschliffe und zersprengte Geschiebe vorkommen. Namentlich ist die Patina der Feuersteine wichtig, die 'in manchen älteren Verwitterungsrinden tiefrote Farbtöne aufweist. Immer klarer stellt es sich somit heraus, daß in den Zwischen- eiszeiten die Gletscher nicht nur bis auf ihren heutigen Umfang 'zusammenschrumpften, sondern zeitweise vielleicht ganz aus unseren Hochgebirgen verschwanden, so daß unsere Heimat stellenweife ein Bild bot, das den Steppen sehr ähnelt. Man mutz demnach an- 'nehmen, daß der trockene Steppengürtel, der die großen afrikanisch- asiatischen Wüsten als Nordsaum heute begleitet, mehrmals weiter nach Norden vorgeschoben war. Durch jüngere Vereisungen wurden die älteren Löße an vielen Stellen zerstört, so daß sie sich nur im Süden des norddeutschen Vereisungsgebictes finden. Wie sich im einzelnen der Verlaus des Eiszeitalters in Nord» deutschland abgespielt hat, wissen wir noch nicht genau. Immerhin sind wir imstande, schon einige Leitlinien zu ziehen. Voraus- geschickt sei, daß die Gletscher sich bei uns nicht frei entfalten konnten, da sie sich am Nordrande der Mittelgebirge stauten und dadurch ver- hindert wurden, weiter nach Süden vorzurücken. Hätte dieser stauende Wall nicht bestanden, so würde das nordeuropäische Inland» 'eis sich vielleicht bis zur Donau bei Passau ausgedehnt, haben. Im Gebiete der Mittelgebirge wurde das Eis also künstlich am Vordringen gehindert. Freier hingegen dehnte es sich im Westen bis Holland, im Osten bis Rußland und Galizicn aus, sc» daß diese Gebiete für die Eiszeitforschung besonders wichtig werden. Auf ältere, durch Zweischeneiszeiten getrennte Bereisungen, deren Reste uns leider nur lückenhaft bekannt sind und daher eine genauere Einteilung nicht zulassen, folgt die Hauptvercisung. In ihr überfluteten die Gletscher einen großen Teil Hollands und der Rheinprovinz und erstreckten sich im Osten weit hinein in die oft- europäischen Flachländer. In der nun folgenden Zwischeneiszeit verwittern die Ablagerungen der vorhergegangenen Eiszeit sehr stark, und in großen, lange andauernden Trockenzeiten entstehen die mächtigen Ablagerungen des älteren Lößes mit ihren großen Löß- kindeln. Es folgt eine neue Vereisung, die in« Westen bis an die Ems, im Süden bis in die Gegend von Jena reichte. Auch ihre Ablagerungen verwittern in der folgenden Zwischcneiszcit sehr stark. Es entstehen die jüngeren Löße mit ihren kleineren Lößkindeln, sowie die Süßwasserkalk- und Kieselgurlager der Heide und die berühmten Kalktuffschichten von Weimar-Tauoach. In dieser Zwischcneiszeit überflutete die Nordsee wahrscheinlich auch große Teile des nord- westdeutschen Flachlandes. Es folgt eine jüngere Vereisung, die im Westen die Wdser noch überschritt, im Süden bis in die Umgebung von Leipzig vordrang, aber im Osten die Trebnitzer Berge nicht mehr erreichte. Ihre Ab- lagerungen, die weniger verwittert und daher schon äußerlich leicht zu erkennen sind, bilden im Randgürtcl slachwellige, oft tischebene Landschaftsformen. Weiter nach dem Vereisungszentrum zu stellen sich welligere Formen unterbrochen durch zahlreiche langgestreckte Seen ein. In der Umgebung dieser Seen, die sich in der Bewcgungs- richtung der ehemaligen Gletscher anordnen, liegen die glazialen Ablagerungen nicht mehr flach, sondern sind stark aufgestaut und gefaltet. Am Rande der abschmelzenden Gletscher dieser Vereisung entstehen die bekannten Urstromtäler. Es folgt eine neue Zwischeneiszeit, in deren irockensten Zeiten die jüngsten Lofze der Lüncburger Heide und die Feinsande des Fläming entstehen. Wahrscheinlich dehnten sich nach dieser wärmeren Zeit die Gletscher noch einmal bis nach Norddeutschland aus und reichten bis zur baltischen Endmoräne, in deren Hinterlande ebenfalls ein seenrciches Gebiet mit auffallend frischen, wenig durch die äußeren Kräfte abgcböschten Landschaftsformen liegt. In der folgenden Zeit erreichten die Gletscher zwar Norddeutsch- land nicht mehr, jedoch stellt es sich immer klarer heraus, daß in ihr auch mehrere Klimafchwankungen stattfanden, die sich in unserer Heimat besonders in mehreren Echuttkegeln, der durch Wanderungen ibedingten eigentümlichen Verbreitung der Pflanzenwelt und dem lAufbau der Moore äußern. Die Klimawcllen des Eiszeitalters nehmen an Stärke also von einem bestimmten Maximum(Haupteiszeit) an ab. immer kleiner üst das Gebiet, das die Gletscher der jüngeren Vereisungen bedecken, immer unbedeutender wird in den dazwischen liegenden Zeiten auch die Ausdehnung der Steppen. Die wichtigen sich daraus ergebenden Folgerungen wollen wir noch kurz unter weiteren Gesichtspunkten betrachten. Durch die weitergehende Forschung stellt es sich bald heraus, daß im Eiszeitalter auch Nordamerika und Patagonien mit größeren Jnlandeisdecken sich überzogen, daß Island völlig vereist war. und daß in allen Hochgebirgen sich die Schneegrenze stark-senkte. Be- sonders wichtig hierbei ist die Feststellung, daß die eiszeitliche Schnee- grenze sich überall aus einer gleichmäßigen Senkung der heutigen erklärt, daß also die Lage der Erdpole während des ganzen Eiszeit- alters dieselbe geblieben ist. Ferner stellt sich allmählich die über- raschcnde Erscheinung heraus, daß in den Zwischeneiszeiten zwar die polwärts gelegenen Gebiete der großen subtropischen Wüsten ein regenreicheres Klima besaßen, daß aber ihre mittleren Gürtel derartige Regenzeiten nicht kennen, sondern durch das ganze Eis- zeitalter hindurch ihren wüstenhasten Charakter bewahrten. Eine Andeutung, daß im Eiszeitalter die Lage der Wende- kreise sich etwas verschob, die Erdpole dagegen in ihrer Lage ver- harrten. Auch an den poltvärts gelegenen Rändern der Tropenzone mehren sich die Anzeichen für die eiszeitlichen Klimaschwankungen-, und vielleicht stellen es spätere For>chungen fest, daß der eigentümliche Gürtel der Jnselberge. die besonders im Sudan so charak- tcristisch sind, mit den eiszeitlichen Klimaschwankungen zusammen- hängt. Klarer und klarer erkennen wir auch, daß im Eiszeitalter die Klimafchwankungen gleichzeitig über die ganze Erde hin stattsan- den, so daß es möglich ist, die Ablagerungen der verschiedensten Gebiete miteinander in Beziehung zu setzen. Welche Ausblicke er- geben sich hier für die Vorgeschichte, deren Funde über die ganze Erde hin verteilt sindk Jetzt ist es verständlich. Ivarum mehrere Forscfter es versuchen, die Namen, die Penck den alpinen Vereisungen(Günz, Windel, Riß. Würm, Bühl) gegeben hat, auch aus andere Gebiete zu über- tragen, um dadurch eine einheitliche Benennung zu erzielen. Ost ist behauptet worden, wir gingen einer neuen Vereisung entgegen. Die Anschauung kann aus Grund der neuesten Forschung nicht aufrecht gehalten werden. Sicher werden wir noch Zeiten er- leben, in denen die Gletscher weiter in die Täler dringen, aber -diese Vorstöße werden sich aus einen kleinen Umfang beschränken, da wir im AuSklingen der eiszeitlichen Klimaschwankungen stehen. Was dann kommt, vermag der Geologe nicht zu sagen, wohl aber zu ahnen. Unaufhaltsam dringt in Europa das Meer vor und tvird sicher im Laufe langer Zeiten die Gebiete wieder überfluten, in denen es auch die tertiären Sedimente ablagerte. Vielleicht schwindet dann auch das kontinentale Klima der Gegenwart und macht wieder einem milderen Platz, ähnlich dem der Tertiärzeit. Etwas weiteres ergibt sich endlich aus der neuesten Forschung. Die eiszeitlichen Klimafchwankungen sind offenbar nicht kosmisch bedingt gewesen, sondern hängen mit bestimmten periodisch wieder- kehrenden Zeiten tektonischer Unruhe(Erdbebep, Vulkane. Gebirgs- faltungen! eng zusammen. Hoffentlich gelingt eS in Zukunft auch, die inneren Zusammenhänge zu ergründen, um damit dem Wust abenteuerlicher Hypothesen entgegenzutreten, die meist von unbe- rufcner Seite aufgestellt werden. kleines f euilleton* Geographisches. Die Inselwelt des Aegäischen Meere». Die alten Kulturstätten an der Küste Kleinasiens und im Norden des Aegäischen MeercS, die vielgepriesene» und erinnerungsreichen Inseln Jmbros und LemnoS, LesboS und EhioS, Samos und Modus sind entweder schon in jüngster Zeit durch den Besuch der italienischen Motte beglückt worden, oder sie haben ihn für die allernächste Zukunft wohl noch zu erwarten. Die Inseln, in deren langen Ketten Europa und Asien sich die Hände zu reichen scheinen, sind seit Jahr- taufenden fester Besitz des hellenischen Volkes. Nur in halbverschollenen Sagen halle sich die Tradition Erhalten, daß die Griechen hier die Erben älterer Barbarenrasien gewesen seien. Da wurden vor einigen Jahren aus der Insel LemnoS zwei Inschrift- steine entdeckt, die kurze Texte in einer unbekannten vorhellcnischen verantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Sprache trugen. Zur allgemeinen Ueberraschung stellte sich bald heraus, daß das Ur-Lemnische in auffälliger Weise dem EtruSkischen. der Sprache der ältesten Bewohner ToskaneS ähnelt; es scheint demnach fast, als hätte einstmals Italien die gleiche Bevölkerung besesien, wie sie die Inseln des Aegäischen Meeres hatten. Die Natur hat den Hellenen die Besiedelung dieser Inseln sehr erleichtert; von ihrem Mutterlande an reiht sich in kurzen Abständen Insel an Insel bis zu den Gestaden Asiens. Die Auswanderer brauchten nur diesen Brücken zu folgen, um ohne größere Schwierig- leiten und ernstere Hindernisse das Aeaäische Meer zu überqueren. Von der Mannigfaltigkeit des Lebens auf der Inselwelt im Altertum kann man sich heute kaum einen Begriff mache«; jedes kleine Eiland bildete einen eigenen Staat, hatte seinen eigenen Dialekt und schrieb sein eigenes Alphabet. Die meisten der Inseln blühten aber als stolze Veilchen im Verborgenen und wenn der auf seine Vaterstadt alte Athener feiner Geringschätzung winzigen Staatswesen gegenüber Ausdruck verleihen wollte, so nannte er wohl eine der Zwerginseln des Aegäischen MeereS. Den größeren der Inseln war eS indessen möglich, ihre Eigenart im Gesamtbild der antiken Kultur siegreich zur Geltung zu bringen. In erster Linie gilt dies von L e s b o s. Schon im 6. Jahrhundert v. Ehr. war die Insel der Sitz einer reichen Industrie und eines blühenden Handels. Infolge ihrer überschnellen wirtschaftlichen Entwickeluug wurde sie von heftigen sozialen Kämpfen erschüttert, die damit endeten, daß. wieso oft in der griechischen Welt, ein Miniaturdespot namens MyrfiloS da? Regiment an sich riß. Und als eS dann feinen Gegnern wieder gelang, den Diktator zu stürzen, dichtet« Alkäus sein berühmtes Triumphlied:„Nun ist's Zeit zum Rausch und zum Tanz; denn Myrsilos ist tot I" AlkäuS und seine Zeitgenossin S a p p h o haben den lesbischen Dialekt zu einer Literaturiprache veredelt und den Ruhm ihrer Heimatinsel bis auf unsere Tage wachgebaltcn. Ebenso berühmt wie LeSboS ist das weiter nördlich gelegene Jnselchen T e n e d o s durch die Sage vom Untergang Trojas, in die das Eiland am Eingang der Dardanellen hineinverwoben ist. tier lag die Griechenflotte auf der Lauer und wartete, bis die rojaner das verhängnisvolle hölzerne Pferd in ihre Stadt gezogen hatten. C h i o S dagegen hat den Lesbiern an Reichtum und Macht nicht nachgestanden; die Insel hat sogar ihren Wohlstand bis in die Neuzeit zu behaupten gewußt. Hier war eines der wichtigsten Zentren des griechischen Befreiung-?- kämpfe? gegen die Türken; aber die Bevölkerung von ChioS mußte ihr hellenisches Empfinden grausam büßen. Im Jahre 1822 haben die Türke« die Insel zurückerobert uud in schrecklicher Weise ver- heert; der zeitgenössische französische Maler Delacroix hat das„Ge- metzel von ChioS" in einem farbenprächtigen Gemälde der Rachwelt überliefert. Nach Süden zu reiht sich an ChioS Sam oS an, das als die Insel deS Polhkrates seinen Weg durch die Welt- und Literaturgeschichte genommen hat. Im fünften vorchristlichen Jahrhundert hat einmal die athenische Flotte SamoS erobert; ihr Kommandant(war damals kein Geringerer als der Dichter Sophokles, der seiner Vaterstadt sozusagen als Adniiral und Finanzminister gedient und in seinen Mußestunden den„König Oedipus" geschrieben hat. Im späteren Altertum hat Samos einen der größten Denker der Griechen geboren, nämlich Ariftarh, den Kopernikus des Altertums. Er hat mit seinem Nachweis, daß die Erde sich um die Sonne dreht, freilich den Zorn der klassischen Orthodoxie erregt, nicht minder wie später Galilei. Der fromme Philosoph KleamheS klagte ihn an. daß er den„Herd der Welt" verrückt habe. Heute sind die Samioten bescheidener geworden; sie lassen den� Herd' der Welt in Ruhe und bringen von Zeit zu Zeit ihren Fürsten um, wie kürzlich den KopassiS. Technisches. Der Preis der Flugzeuge. Die Frage, welche Summe man für die Anschaffung einer Flugmaschine anlegen müßte, wird im allgemeinen mit der Angabc von rund 20000 M. beantwortet. Diese Auskunft ist aber sehr oberflächlich, und ein Mitarbeiter der „Deutschen Lnstsahrer-Zeitschrist' unterwirft sie einer eingehenden Kritik. Wie bei einem photographischen Apparat oder einem anderen optischen Instrument der Wert der Linse fast ausschließlich die Kosten bestimmt, so ist es beim Flugzeug mit dem Motor. Der Preis des MotorS wiederum richtet sich selbstverständ- lich nach seiner Leistungsfähigkeit. Die Stärke schwankt bis« her zwischen 20 und 140 Pferdekräften,»nd da der Preis fiir jede Pferdestärke um 70 bis 160 M. steigt, und zwar in um so größerem Verhältnis, je stärker der Motor überhaupt wird, ergeben sich daran? gewaltige Unterschiede. Um über diese ein Urteil zu gewinnen, hält man sich vorläng am besten an die Angaben, die in Frankreich zu gewinnen sind. DaS billigste Flugzeug, da« in Frankreich jetzt geliefert wird, ist die sog. Demoiselle, eine Erfindung von Santos Dumont, die nur 4800 M. kostet. Die Maschine für den Privatgcbrauch steigt dann im Preise notwendig, wenn sie fiir mehrere Personen als Be- förderungsntittel dienen soll. Allerdings macht auch die Ausstattung. die zuweilen schon recht luxuriös ist, einen wesentlichen Einfluß geltend. Nach der zusammengestellten Liste ist der höchste Preis für ein Flugzeug zu Privatzweckeu 40 000 M.. wobei auf eine Beförde- rung von 8 Personen gerechnet wird. Die Militärflugzeuge sind im Durchschnitt teurer, nämlich zwischen 18 400 M. und 82 600 M. Eine Ausnahme macht nur ein französisches Flugzeug, das ganz aus Stahl gebaut ist und den außerordentlichen Preis von 216 000 M. erreicht hat._ vorwärtKBuchdruckerei u.Veriagsanstalt Paul SingersbiO-, Berlin SW.