Anterhattungsblatt des Horivärts Nr. 83� Dienstag, den 30. April 1S12 CNaAdru« cetSottn.) 10] Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. _..Aber Sultanchen I Funkeln Deine Augen nicht von Tränen? Mit Lächeln soll man seinem Bräutigam be- gegnenl" „Ich kenne ihn ja nicht." seufzte sie. „Dein Vater wird meiner Sultana einen guten Herrn finden." Sie küßte ihre Tochter und führte sie zurück in den Säulenhof. Mabruka kam ihnen mit gerunzelter Stirn und gravi- tätischen Schritten entgegen, den Zorn ihres Herrn launig nachäffend. Aber nur ein bleiches Lächeln lohnte heute abend ihre Talente: keine der Damen war in Stimmung. Sie merkte es sofort und brach ab. „Wie schön Du bist, Sultana! So sah Deine Mutter in jener Nacht aus, als Si Hamza sie raubte." „War ich ebenso schlank?" „Du warst ebenso schlank und ebenso schön, als er Dich vor meines Vaters Gurbi vom Pferde hob. Bleich warst Du von der Nachtkälte. Aber als wir ein großes Feuer an- zündeten, stieg Dir das Blut in die Wangen. Ich sehe es noch heute." Mabruka lachte. „Jetzt träumt Si Hamza von anderen Augen, sagte Lalla Djerida, und etwas Wildes kam in ihren Blick. Ein ernstes Schweigen entstand. Alle drei machten sich daran, die Blumen zu begießen. Die Sonne war fort Zugleich erglommen die ersten Sterne und die Dämmerung fiel ein. Ebenso jäh war der Uebergang von der Tageswärme zur Nachtkühle. Mutter und Tochter zogen sich in den Saal zurück und setzten sich in Si Hamzas Abwesenheit, sich einem Gefühl der Sicherheit überlassend, nebeneinander auf den Divan. Sie konnten für zwei Schwestern gelten. Nur erkannte man sogleich Lalla Djeridas Abstammung. Mitten in der Stirne war mit blauen Punkten ein umgekehrter Anker ein- gegraben, dessen Haken hinab zu den Augen wiesen. Auch das Kinn und die Wangen waren mit Halbmonden und Sternen tätowiert, wie es bloß bei den Beduinenweibern Brauch ist. „Weißt Du, Mutter, wem Vater mich zu geben im Sinne hat?" „Sidi Hamza hat seit einer Woche, seit ich mich weigerte, zu Madame Barridre zu gehen, nicht mit mir gesprochen. „Warum bist Du böse auf Madame Barriöre?" „Brauche ich Madame Barriäre? Sie empfängt Deinen Vater und andere Männer bei sich. Ziemt sich das für eine anständige Frau?" „Aber sie ist ja alt. Ueber vierzig." „Gleichviel. Das sind Dinge, die Du nicht verstehst. Sie sucht die Araber nur, um sie zu Verleugnern zu machen, und sie spottet des Koran. Sie und alle die anderen Rumis wollen uns nur unseren Glauben und unseren Reichtum nehmeu. Sie machen uns unglücklich. Sieh nur Sidi Hamza, der sein Glück zu machen glaubte, indem er vor den Fran- zosen scherwenzelte. Was hat er dabei gewonnen? Sie haben sein Geld genommen und ihm ihre Laster gegeben. Bald wird er ein armer Mann sein. Tagsüber sitzt er in den Cafäs der Rumis und des Nachts verliert er sein Gold in ihrem Kasino. Sie sind Hunde, die wir im Meere ertränken sollten, und ich hasse sie alle. Eher sollen die Beine unter mir verwelken, ehe ich zu Madame Barriere gehe. Und niemals wird sie etwas anderem unter meinem Dache begegnen als meiner kalten Höflichkeit. „Aber wenn es Vaters Wille ist? Wenn Vater ernstlich böse wird?" „Es liegt etwas anderes hinter Deines VaterS Zorn. Geradeso war er vor drei Jahren, als er mich verstieß und mich später seiner alten Mutter zuliebe, die immer gut gegen mich gewesen, wieder zurückzunehmen. Damals war es eine ehrlose Andalusierin, die er in einem schändlichen Hause der El Moktargasse getroffen und die ihn verhext hatte. Jetzt bleibt er wieder nachts daheim, liegt wach und stößt tief« Seufzer aus. Und tagsüber raucht er Kif und rollt sich oüf seinem Diwan zusammen wie eine kranke Katze. Er tobt, wen«» man ihn stört, und spricht ihn jemand an, so hört er entweder nicht oder schnauzt einen statt der Antwort bissig an. GlaufP mir, es spuken ihm Weiber im Kopfe und darum lauert er nur darauf, mich wieder zu verstoßen: denn ich bin stark durch meinen Kontrakt: zwei Ehefrauen hat er nicht das Recht zu nehmen. Er hat seinen Namen darunter gesetzt, alle sein« Nächte bei mir zu schlafen." „Vater wird Dich nie entbehren können. Selbst wenn er Dich verstieße, würde er Dich wieder holen lassen." Lalla Djerida blickte ihre Tochter mit einem selbstbe» wußten Lächeln an. als wollte sie sagen: Du sprichst weisere Worte als Du selbst weißt. „Dein Vater sagte mir einmal vor vielm Jahren deS Nachts, halb im Schlafe:„Wenn ich an unsere Flucht in jener kalten Frühlingsnacht denke, da wir wie Feuer über die Steppe hinjagten, den Tod auf den Fersen, und Du vor mir aus meinem Sattel saßest, die Arme um meinen Hals geklammert, weich und doch zugleich stark und geschmeidig wie eine Klinge, in Deiner dünnen Mlahfa durcheist von der Kälte und dennoch so warm— dann erwacht jener ganze Rausch von neuem, und ich kann Deiner Lieb» niemals satt werden." Dieser Worte sollst Du gedenken, sprach ich zu mir selbst. Darum geschah es, daß ich Dich heute in meine Mlahfa kleidete. Ich wollte die starken Erinnerungen wecken. Und hast Du gesehen, wie er meine Mlahfa wiedererkannte?" Sultanas Augen glühten. Diese Flucht über die Steppen — obwohl es der Eltern Hochzeitsritt war— goß Feuer in ihre lebendige Kinderphantasie: denn das Kind war schon Weib. „Du sollst sehen, Mütterchen. Vater verstößt Dich nicht." Sie verstummen für einen Augenblick beunruhigt. Draußen im Hofe schollen Pantoffeln, aber es waren Rurs hastige Schritte: er benutzte Si Hamzas Abwesenheit zu einem kleinen Plauderstündchen mit Mutter und Schwester. Sultana sprang sogleich empor, um sich in der Mutter Tracht zu zeigen. Diese bestand nur aus zwei langen Bahnen blauen Zeuges, deren eine den Rücken deckte, während die andere die Vorderseite des Körpers verhüllte. Kein Saum, keine Naht vereinigte sie. Zwei enorme Silberspangcn.— an Ringen befestigte Nadeln— hielten das Gewand an den Schlüsselbeinen zusammen. Eine rote Schärpe, die über der linken Hüfte durch einen Ring geschlungen war. knüpfte eS um den Leib fest. Längs der Seiten, vom Arm bis hinab zum Knie, war es offen, so daß es nur bei stiller Luft und wenn der Körper in Ruhe war, die Gestalt zu verbergen vermochte. Ein Turban war um das Haar gebunden und hielt den langen roten Schleier fest, der über den Nacken hinabwogte. Die großen Silberohrringe waren an kleinen Zöpfchen befestigt und reichten bis zur Schulter hinab. Um den Hals hing eine Silberkette mit Fatmehänden und unzähligen anderen Amuletten. Hohle Knöchelringe klirrten bei jeder Bewegung der Füße. Das Gewand hob Sultanas schlanken, schwanken Wuchs hervor und die barbarischen Schmuckstücke verliehen ihre- Schönheit Kolorit: sie war ganz und gar ihrer Mutter Typus: die Gazelle aus den großen Steppen und den großen Zelten. Für Nur war sie Luft— so erfüllt war er von semer Neuigkeit...... �.. „Hört nur. was Marcel mir erzahlt hat! Er traf Freitag draußen auf Sidi bel Hassen eine junge Araberin, die ihm ihr Antlitz entschleierte!" „Er lügt," sagte Lalla Djerida augenblicklich.„Er ver» leumdet die Araberinnen." Sultana fühlte das Blut in ihren Wangen. Sie wandte sich um, wie um ihre Schärpe zu lösen und fester zu knüpfen. „Marcel lügt nicht und greift nie die Araber an." wandte Nur ein. „Er hat eine Kurtisane gesehen." beharrte seine Mutter. „Er sagte, sie sei sehr jung und ihr Antlitz w frisch Wesen wie eine betaute Traube und habe weder Schminke noch Kohhel gekannt.". „War sie schön?" fragte Sultana, tief gebückt und Mi» ihren Knöchelringen beschäftigt. „Er sagte"— Nurc Stimme wurde vlotzlich feierlich und er sprach französisch, das er sogleich der Mutter übersetzte— „er sagte: sie sei schön gewesen wie der Sonnenaufgang, von Karthago gesehen." „Er hat eine Djinn') gesehen!" triumphierte Sultana, sich aufrichtend, wieder völlig Herrin ihrer Miene. Nur mutzte lachen. „Glaubst Du an Djinnen?" fragte er fürchterlich über- legen, aber offenbar in feinem Unglauben nicht ganz sicher. Die beiden Frauen waren gleichermatzen entsetzt über den frechen Verleugner. „Nun hört nur mal," sagte Nur.„Ich traf eines Tages einen alten Neger und sagte zu ihm: Gibt es Djinnen? Ja, jagte er, es gibt Djinnen. Hast Du sie gesehen? fragte ich. Komm morgen zu mir, so will ich Dir zeigen, datz es Djinnen gibt! Ich ging nächsten Tag hinaus, es war weit draußen in einem Winkelgätzchen hinter Halfauln. Richtig, der Schwarze war daheim. Er zündete ein Kohlenbecken an und murmelte eine ganze Litanei darüber. Plötzlich warf er sich auf die Nase uud blieb liegen. Ich lieh ihn liegen. Als er sich endlich erhob, sagte er: Glaubst Du jetzt an Djinnen?— Nein!— Siehst Du das blutende Loch hier an meiner Stirne? — Ja!— Dos haben die Djinnen geschlagen!— Danke! sagte ich, und seither habe ich nicht mehr an Djinnen geglaubt. „Es sind nur die Franzosen, die Dir solchen Unglauben einimvfen. Ich sagte es ja!" „Nein, Mutter, es sind die Neger!" -„Es kommt von Marcel." „Marcel ist viel zu wolZlerzogcn, um von Religion zu sprechen— mit mir."• Lalla Djerida mutzte sich ein wenig erholen, ehe sie ge- nügend angesammelt war, um sich auf eine Dokumentation einzulassen. Sultana war indessen wieder ganz ruhig geworden. Ihr sreitägiges Abenteuer war ja über der neuen Wendung, die sie dem Gespräche geschickt zu geben gewußt, glücklich vergessen. „Wenn sogar die Neger, deren Seele schwarz ist wie die Nacht, an Djinnen glauben, muß ich dann erleben, datz mein eigener Sohn sie verleugnet! Und nun höre, was ich selbst als Kind von einem Neger gehört habe, der selbst denjenigen gekannt hat. dem es passierte. Es war also ein junger Mann, der mit seiner alten Mutter lebte. Aber seine Mutter wurde nicht müde ihm zu sagen: mein Sohn, sieh, ich bin alt und kann bald dein Haus nicht mehr versehen. Suche dir ein Weib, das für dich arbeiten und Tag und Nacht deine Freude sein kann.— Wie du befiehlst, liebe Mutter, sagte der Sohn und tat, als suche er ein Weib, suchte aber keines, weil eine Djinn ihre Launen und Begierden aus ihn geworfen und ihm verwehrte, sich zu beweiben. Jeden Abend, wenn die Mutter schlief, kam sie und legte sich zu ihm. Des Morgens, wenn er erwachte, war sie fort, aber unter dem Kopfkissen fand er eincir Taler. Als die Djinn nun hörte, datz die Mutter ihrer Heiratspläne nicht müde wurde, sprach sie zu dem jungen Manne: Wahrlich, wenn deine Mutter dich nicht in Frieden läßt, so mutz sie sterben. Die Mutter aber blieb bei ihrem Sinn, wie alle Weiber, und eines Tages kam sie zu dem Sohne und sprach: ich habe dir ein junges Weib gefunden, das für dich arbeiten und dir Tag und Nacht zur Freude sein kann. Ich sah sie heute im Bade und ihre Glieder sind wie Alabaster- säulen, sie hat die Augen der Gazelle und Augenbrauen wie Adlerschwingen. Ihre Lippen sind wie die Rosen in Tunis. — Gut. sagte der Sohn, ich will deine Worte erwägen, o Mutter, aber bedenke, was die Djinn gesagt hat! Auch in dieser Nacht kam die Djinn und fragte ihn nach allem aus und sagte: Wahrlich, morgen wird deine Mutter sterben. Aber als er den nächsten Tag erwachte, fand er seine Mutter er- drosselt im Bette, und er heiratete nie mehr. Glaubst du nun, datz es Djinnen gibt?" (Fortsetzung folgt.) Die beiße rjiindüi* Von Hans H y a n. Der Zuchihnusinspcttor Tschiburn hatte,'.vic das seine Gewöhn- hcU war, den Äbcndspazicrgang angetreten. Wie er dem Wächter an der kleinen Pforte neben dem Haupttor das Losungswort zu- brummte, sah er genau so finster drein, wie am Morgen beim Straf- Unter Di innen verstehen die Mohammeü-aner übernatürliche\ gute und böse Wesen, ein 2'u:tcloing zwischen Mensch und Engel.' appcll, wenn er den Gefangenen die härtesten Strafen für ihre Reist nur in seiner Einbildung bestehenden Verfehlungen zudiktierte. Aber die Pforte sprang auf und in das Abendlicht, das mit seiner rosigen Flut in den hochummauerten Anstaltshos hereindrang, fuhr zuerst mit gewaltigen Sprüngen die Riesendogge hinaus, die den Inspektor zu allen Zeiten bewachte... Das war der Hund, der den Strafgefangenen Adamszyk beinahe zerrissen hatte. Der Pole, ein riesiger Flößer, war bei seinem Eintritt zu den Zigarrenmachern gekommen. Und die gewaltigen Fäuste, die die schwere Floßftange, wie wenn's ein Stäbchen wäre, in den Fluß- grund stießen, erlahmten und sanken mutlos herab von dem weißen Kienholztische, auf dem der kurzgeschnittene Tabak, die leichtgerolltcn Rapper und die hauchdünnen Deckblätter sich zu Zigarren formen sollten. Nach zwei Monalen, in denen er sein Pensum nicht erfüllt hatte, bekam er Kostentziehung und man brachte ihn damit zur Ver- zweislung; sein enormer Appetit verlangte ja mehr, als bei tausend anderen Leuten, nach Sättigung! Wie er aber dann, am Schlutztag des dritten Monats wieder aus demselben Grunde vorkam zun» Strafappell, da sprang Herr Tschiburn auf, hochrot im glattrasierten Gesicht, mit seinen harten Augen den Polen fassend, wie mit Krallen. „Was? Der?!... Son Kerl!!.. Dann setzte er sich rasch wieder, stieß den Atem heraus, starrie aufs Papier und murrte: »... Prügel... fünfundzwanzig... weg!" Der Pole begriff das gar nicht sogleich... Erst wie man ihm am nächsten Tage die gewirkte, dünne Hose, statt der brcttähnlichcn, englisch lederrken anzuziehen befahl, ward er stutzig... Und vier Aufseher hatten zu tun, daß sie ihn auf den Bock brachten. Und er bekam von dem wütendgemachten Rotkops in der blauen Uniform, den die Gesangenen mit bitterem Scherz den„Zahlmeister" nannten, volles Gewicht. Geprügelt wurde beinahe jeden Tag in diesem Hause. Aber so ein gräßliches Geheul, wie an dem Sonnabend erinnerte sich nicht! einmal der zweiundachtzigjährige Gattenmördcr mitangehört zu haben, der seit vierzig Jahren in dieser Hölle briet; und den fem Alter, seine Blödheit und seine Hinfälligkeit nicht vor Schlägen hatten schützen können, bis er in stundenlanger Ohnmacht den Bc- weis erbrachte— nach auch so einer, an seinem alten, zermürbten Leibe vollbrachten Schandtat— daß er die Fähigkeit, verprügelt zu werden, nicht mehr besaß... Und wie der letzte Tag deS vierten Monats, den Stanislaus Adamszyk hier verbrachte, sich erfüllt hatte, kam der Pole wieder vor, wegen nicht fertigge>tcllten Arbeitspensums. Herr Tschiburn sah gar nicht auf: .. Prügel... fünfundzwanzig... weg!" „Wa... was denn?" wollte der Inspektor ausfahren, indem hatte ihn der Pole schon! Und hätte der sich nicht gegen den Teufel von Hund wehren müssen, so würde der Inspektor wohl kaum noch einen Strafappcll abgehajten haben. So lag der Pole gleich am Boden und schützte sich mit zerfleischten Armen den Hals, den die Bestie ihm mit Gewalt durchbeißen wollte... Endlich rief Tschiburn den Hund zurück. ~ Adamszyk lebte. Und sowie man die schweren Rißwunden zu- sammengeflickt hatte, wurde er wieder in den Bock geschnallt, vou dem man ihn besinnungslos herabheben muhte... Damals verhängten die Strafanstaltsdircktorcn noch Prügel. wie und wann's ihnen angemessen däuchte. Und weil der Direktor seit Jahren an einem Krebsleidcn litt und fast nie im Hause war. hing das Wobl und vor allem das Weh der Gefangenen vom Herrn Inspektor Tschiburn ab. Die Felder dieser ebenen Gegend waren schon grün. Im blauen Dust des Aprilabends verschwamm der Horizont, den Feuerlichtcr krönten... Das Land war still und einsam, bis ein Trupp Außen- arbeitcr des Zuchthauses, im harten Tritt ihrer benagelten Schuhs sich näherte. Die Dogge, weißgrau leuchtend im Abenddämmer, schoß blaffend auf die in Erdsarbe gekleidete» Gestalten los... Der Inspektor, vor dem sie ehrfürchtig ihre Mützen zogen, den der blau uniformierte Aufseher respektvoll begrüßte— der Jnspeltov sah sie gar nicht... Sein düsteres, unter struppig schwarzen Brauen starrendes Aug' änderte seines Blickes Richtung nicht; es hing fern an den Dornheckcn und Büschen des Landweges, den er allabendlich entlang ging, als spüre dort sein immerwachcs Miß» trauen schon wieder nach verbotenen und strafwürdigen Dingen. Sobald er aber den Züchtlingstrupp ein Stück hinter sich hatte. drehte der Inspektor sich um... Vielleicht sprach da einer mit dem andern?... Die Aufseher waren oft solche weichlichen, nachgiebigen Wichte, die den Zweck der Strase gänzlich verkannten!... Der Inspektor beobachtete jede Bewegung der Leute, deren Farben und Linien im Dunst verflatterten bei der raschen Bewc- gung, die den Haufen mehr und mehr zusammenballte und immer kleiner werden ließ... Oh! daß er Ohren gehabt hätte, die bis dahin reichten!... und Augen, die alles sähen?... weiter wünschte sich Tschiburn nichts!... Nur keine Milde!... Keine Nachsicht mit Leuten, die jedes Mitgefühl verscherzt hatten und die selbst im Zuchthaus durch tausend Niedrigkeiten ihren unwürdigen Charakcr zu erkennen gaben!... „Aber zum heiligen...!" Der Inspektor leg!« rasch seine große, hartfingrigc Hand auf den vom schwarzen Schnurrbart über- wachscncn Mund: nicht fluchen!!... Das wäre Sünde!.... Wenn man bestellt ist zum Erzieher und Züchtiger solcher got!- vergessenen Menschen, dann ist für das eigene Leben ein makel- loser Wandel das lzochste Gebots..* Und er legse den gekrümmten Zeigefinger der Linken an den Mund, einen gellenden Pfiff hervor- bringend, der den Hund zurückrufen sollte, seinen„Greif", der weit im grünen Saatfelde mit einem Köter spielte, dessen Größe der seinen beinahe gleichkam. „Aha!" sagte der Inspektor, als die sonst so gehorsame Togge den Pfiff nicht achtete, zu sich selber,„er wird da eine Hündin haben, das Rabenvieh!.. Und er drehte sich in der Runde, um den Herrn des anderen Tieres zu erspähen... Nun pfiff Herr Tschiburn von neuem, gellender, durchdringender noch, wie vorher— ohne Erfolg... Die Tiere, denen der Frühling das Blut schäumen machte, trieben sich in prachtvollen Sätzen über das grünende Erdreich; und im leidenschaftlichen Spiel entfernten sie sich immer mehr von der Stelle, wo der Zuchthausinspektor stand. Dem ballte zwiefacher Grimm die Faust und ließ den blauen Aderstrang auf der breiten mederen Stirn heraustreten, der in den Räumen des Zuchthauses stets Hiebe für ein unglückseliges Menschenkind bedeutete... Die freche Szene, die der Hund, das einzige Geschöpf seiner matten Zuneigung, ihm da vorspielte, dieses schamlose Gehetze war dem Manne widerlich, der das Ge- schlechtliche um so mehr Hatzte, als es sich ihm stets nur in der rohesten, zotigsten Form aufdrängte... Seit dem Tode seines Weibes, das wie eine verblaßte, unschöne Photographie in seinem Erinnern lag, war der schwache Trieb der Sinne in ihm ganz verdorrt... Jetzt reizte irgend etwas im tierischen Bilde sein erstorbenes Gefühl und füllte sein Blut mit einer zornigen Flamme an!... Dann fehlte ihm der Hund, der zu seinen Fützen liegen oder ihn nahe umschwärmen mutzte... Die Dogge bedeutete für den Mann Mut und Sicherheit. Er priff andauernd... Tie'Tiere rasten in hohen Fluchten über den Acker, den Dornhecken zu... Nun mutzte er doch dahin!... Er ging erst, dann lief er und kam außer Atem— er wollte seinen Hund wieder haben!... So!... nun war er weg!... in den Gebüschen verschwunden! ... Da!... Da!... Der Inspektor blieb, wie plötzlich er- starrt, in vorgebeugter Haltung, Auge und Ohr zum äußersten drängend, stehen... Ein Ausheulen?... riochmal... vielleicht biß das eklige Luder seinen Greif ab!... Der Inspektor rannte immer schneller... Der schöne, wertvolle Hund, der sein Schutz war, lag ihm am Herzen! Jetzt war er an dem Wege, in dessen Busch und Heckcnzaun sich schon die Dunkelheit hing, während droben das schwermuts- volle Blau noch leuchtete und im Untergang die silbergrünen Schleier der verschwundenen Sonne wallten... Beim ersten Wegbusch stand und spähte der Inspektor, dann rannte er stracks weiter... Auf einmal stolperte er, fiel über etwas, wollte sich mit in die Luft krallenden Händen hochrafscn und schlug hart auf den lehmig-braunen Boden nieder... ..... Hach!... Ihr!... laßt... mich... hach!.... uuuuuHH..." Er verstummte. Wie seinem, von der heißen Hündin vcr- führten Wächter drosselte ihm jetzt die Drnhtschlinge den Hals ... Aber sein hartes, gewalttätiges Bewußtsein ging nicht unter in dem würgenden Schmerz... Halb von Sinnen, sah und hörte und fühlte er doch, was ihm geschah, mit gräßlicher Deut- lichkeit. Erst sah er den Kadaver seines erstochenen, blutüberströmten HiindcS. als ein Kerl mit geschwärztem Geficht ihn an den Beinen ins Dickicht zerrte— der andere, der die sein Leben bedrohende Schlinge hielt, ging neben her, wie ein Henker. Und dann fühlte der Inspektor, dem das Blut vom Gesicht rann, dem die Hände auf dem Rücken geknebelt wurden, der für jede Belvegung der Abwehr einen Fußtritt auf den harten Schädel erleiden mutzte, wie man ihm die Kleider herunterriß... Die Kerle reckten seine Arme, daß die Gelenke knackten und banden sie an eine Krüppelkiefer; die Beine, deren Haut zerriß, an einen Dornbusch. Er bekam Schläge! Schläge, wie er sie selbst tausend- und tausendweise hatte austeilen lassen!... Ein Weib zählte. Aber wie Tschiburn beim fünften zu schreien ansing, setzte sie sich auf seinen Kopf und er- stickte mit ihren Röcken seinen lauten Jammer. Ter Zuchthausinspcktor, der so manchesmal dabeigestanden hatte und der den grausigen Lärm, den die gepeinigten Züchtlinge machten, voller Genugtuung, kalt, gefühllos, ohne ein Mitleids- sünkchcn in seinem steinernen Herzen, sich hatte ins Ohr dringen lassen— der Inspektor empfand jetzt, wie jeder Schlag der scharfen Ruten seinen Blitzwcg von dem schnierzzerfressenen Gesäß bis in den Hirnnerv nahm, wie jeder Hieb eine neue Wunde ritz, die wie der Hölle Feuer schmerzte und brannte... Er erstickte fast, aber in den zerwühlten Sand, in den quetschenden Stoff der Frauenröcke hinein, bat er wimmernd um Gnade, bis sein Hirn. von den zackigen Blitzen des Wehs umzuckt, sich vcrsinstcrte und sein Empfinden erlosch. Man fand ihn am nächsten Tage... Er gcnaß auch von seinen fiebernden Wunden... Aber er weigerte sich standhaft, eine Beschreibung derer zu geben, die seine Peiniger waren, wie- wohl es schien, daß er sie erkannt hatte... Und als seine Finger, die ihr Zittern nicht wieder verloren, die Feder halten konnten. schrieb er sein Abschiedsgesuch. Es wurde gewährt und doch i mutzte er noch aus seinem Amte heraus ins NarrcnhauS gebracht' werben, iveil er eines Tages brüllend durch die Zu'chthauskorridore raste, brüllend: „Gnadet.,, Gnade?,,, Um Kotteswillen?«-, KM Magen!..."__ Hus dem Leben des Kuckucke. Von C. S ch e n k I i n g. In der Mitte des April, wenn die Erlenbüsche anfangen grün zu werden, stellt sich in unseren Wäldern, namentlich wenn fie nicht von zu großer Ausdehnung und lustig stnd, von Wiesen umgeben und von einem Bächlein durchflössen werden, der allbekannte Frühlingsherold, der Kuckuck, wieder ein. Der Abc-Schüye begrüßt seine Ankunft mit frohen Liedchen, der Landmann auf seinem Acker freut sich, den angenehmen Ruf wieder zu hören, und der sorgende Forstwirt findet in dem Zurückgekehrten einen Hilfsarbeiter im Kampfe gegen die Schädlinge seiner Pflege- befohlenen. Alle kennen ihn. und doch kennen ihn die»leisten nichr. Denn so oft man auch seinen Ruf vernimmt, so schwer läßt stch der schlaue Bogel in seinem Tun und Treiben beobachten. Der gemeine Kuckuck, Euculus canorus, erreicht etwa die Größe einer Taube, ist aber von schlankerem Bau. Die Färbung seines Gefieders— auf dem Rücken bläulichgrau, an der Kehle heller, an der Unterseite weißlich mit queren, braunen Wellenlinien— hat ihn in vergangenen Zeiten auch zu einem verwunschenen Bäcker- bezw. Müllergesellen gemacht, der armen Leuten vom Teig oder Mehl ge- stöhlen und daher ein mehlbestaublcs Gefieder tragen muß. Die Heimat des Kuckucks ist die alte Welt. In Deutschland fällt seine Ankunft gegen Mitte April, sein Wegzug von Anfang August bis Milte September. Er hält sich am liebsten im Walde in den Kronen alter Bäume auf, fehlt aber auch in waldlosen Gegenden nicht, so zum Beispiel auf den Nordseeinseln. Jedes Pärchen hält sein ziemlich großes Revier von Einmischungen anderer Individuen seiner Art frei. Ehe noch die Morgendämmerung den Anbruch eines neuen Tages verkündet, weckt der„Kuckucksrnf" der in den frühesten Morgenstunden zuweilen bis hundertmal er- schallt, die Schläfer des Waldes. Kaum hebt sich der Sonnenball über den Horizont, so beginnt seine Arbeit. In gewandtem, fallen- artigem Fluge, den langen Stoß»achschleppend, fliegt er von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch, um den unersättlichen Magen zu befriedigen. Seine Hauptnahrung bilden Raupen, namentlich die Bärenraupen de? Prozefsions-, Eiibeii-, Kiefern-, Birken-, Ringel- und Schwammspinners wie die der Nonne, welche er frcßgierig auf- sucht und deren Haare zuweilen an der Innenwand des Magen? einen mausepelzartigen Uebcrzug bilden. Professor Altum fand im Schlund, in der Speiseröhre und im Magen eines Kuckucks einmal 97 Prozessionsspinnerraupen und in dem eines anderen Exemplars 18 fast erwachsene Raupen des KiefcrnspinnerS. Ein anderer Be- obachter zählte als Mageninhalt eines dritten Kuckucks 89 Raupen, darunter etwa sieben Zentimeter lange von Lassiocampa. Baron v. Freitag erhielt einen jungen Kuckuck, der am ersten Tage 39 große grüne Heuschrecken, 13 junge Eidechsen von der Länge eines Keinen FingerS, 55 Mehlwürmer, W Grillen, 9 Kreuzspinnen. 13 Puppen des Kohlweißlings und eine Unmenge von Amcisenciern vertilgte. Treten in einer Gegend schädliche Raupen in Menge auf. dann finden sich auch die Kuckucke zahlreicher ein, so beobachtete E. v. Homeyer bei starkem Auftreten der Nonnenraupe in einem Wäldchen gegen 199 Kuckucke. Als die Schädlinge vernichtet waren, verschwanden auch die Vögel wieder. Man nimmt an, daß ein Kuckuck in der Minute 19 Raupen zu verschlingen mag. Rechnet man in der Minute auf jeden Vogel auch nur 2 Raupen, so macht dies aus 199 Vögel täglich— den Tag im Juli zu 16 Stunden gerechnet— 192 999 Raupen, und in 15 TagennLW,