Nnttthaltungsblatt des'Dorivärts Nr. S1. Sonnabend� den 11. Mai 1912 (Nachdruck verdoteu.) t"! Sultana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. „Ich suche Nur," fuhr Marcel fort, dessen Stimme vor Erregung bebte. „Ich auch," erklärte Abdallah eifrig und begann zu rufen. Es lag übrigens keine irgendwie verständliche Ursache vor, über Nurs gegenwärtigen Aufenthalt im unklaren zu fein. AuS seinem großen unbeleuchteten Gemach im inneren Hofe drang lautes Sprechen und Lachen und verriet, wo die Gesellschaft sich aufhielt und daß sie sich nicht eben lang- weilte. Eine der Damen sang zur Begleitung der Derbuka und unter wiederholten Lachausbrüchen ein Lied— offenbar war es nicht mehr Spaniens Eroberung, die sie besang— und die kleinen schwarzen Kobolde waren, wie man hören konnte, ihrer Possenstreiche noch nicht müde geworden. Auf Abdallahs Ruf schoß Nur aus dem Dunkel hervor, Plötzlich von Gewissensbissen befallen, als er die Stimme Marcels hörte, dessen Unterhaltung der Alte ihm so be- fonders ans Herz gelegt hatte. Er begleitete Marcel weit hinaus durch die Stadt, um ihn vergessen zu lassen, welch schlechter Wirt er gewesen, durch ein Labyrinth schmaler stummer Gassen zwischen weißen Hausmauern, die so gut wie fensterlos waren. Jede Tür war offen und von einer Lampe erleuchtet. Drinnen saßen Frauen in allen Hautfarben. Nur kannte sie alle beim Vor- namen und wechselte mit jeder ein paar Worte. „Wir hätten eine anderen Weg gehen können," meinte Marcel mißmutig. „Ja, aber dieser ist der kürzeste." Das war nicht eben die nackte Wahrheit, aber Nur legte Wert darauf, sich in dem einzigen wachen Viertel der Stadt in Gesellschaft eine? vornehmen jungen Franzosen zu zeigen. Nach einer langen Pause fragte Marcel: „Sind Beduinenweiber in Deines Vaters Haus?" .„Warum fragst Du danach, Marcel?" „Es kam mir vor. als hätte ich eine flüchtig gesehen." „Das ist Mabruka gewesen, die im Hause Dienst- leistungen verrichtet. War sie nicht groß und schlank und trug sie nicht große Ohrringe?" Bei Bab el Hrada nahm Nur Abschied, um eiligst zu seinen Gästen und Damen heimzukehren. Marcel ging die Hälfte des Weges nach Karthago, ehe er sich entschließen konnte, heimzugehen und sich niederzu- legen. Einsam unter dem leuchtenden Sternenhimmel durch- lebte er den Abend nochmals in seiner Phantasie. Der ungestüme Kuß, den er empfangen, war der erste, den er je von einem Weibe erhalten hatte. Dieser Kuß hatte ihn abgestoßen. Er wollte ihn ver- gcssen. Aber er vermochte ihn nicht aus den Gedanken zu bringen. Ach, wäre doch sie es gewesen, die sich nicht mehr sehen ließ! 8. Die Sonne war kaum untergegangen, als Si Hamza dem ganzen Hause Ruhe gebot: er wollte seine Gattin zum ersten Male besuchen. Er fühlte sich glücklich wie der Großmogul selbst. Seinem Willen war Genüge geschehen. Er hatte den Sieg davongetragen über sein eifersüch tiges Eheweib, von dem der Kadi in gerechter Weisheit ihn befreit hatte. Er hatte über den Juden Bembaron triumphiert, indem ev sich ohne dessen Hilfe die zehntausend Frank verschaffte. An dem dem Feste folgenden Tage hatte er Frau Barridre einen Besuch abgestattet. Er hatte sie von dem großen Einfluß unterhalten, den auf die arabische Be- völkerung ausübte, und Frau Bamöre, auf die vor allem seine leibliche Größe wirkte, hatte ihm gern geglaubt. Zu« letzt bat er um das Darlehen mit' einer gewissen imponieren« den Ruhe, die zu verstehen gab, daß er ihr seinerseits un- schätzbare Dienste anzubieten hätte. Sie bat sich Bedenkzeit aus, aber nach einer langen Unterredung mit Pastor Green und einer flüchtigen Untersuchung von Hamzas Vermögens« Verhältnissen fand sie sich genügend sichergestellt und willigt« ein. Der Mission zuliebe wollte sie sich einen so mächtigen Mann zu Dank verpflichten. Schon sah sie ihn in einer ver» lockenden Fata Morgana als ein großer Christoffer der Jetzt« zeit an der Spitze einer unüberiehbaren Schar bekehrte« Turbans auf dem Wege zu dem alleinseligmachenden Metho- dismus. Erst als alles geordnet war, erzählte sie die Sache Marcel: dieser antwortete nur in einem stillen Verständnis- vollen Lächeln, welches sie verfolgte und mehrere Tage nervös machte. Während all die schmachtenden Freier Verwirrung er« griff ob des schier unerhörten, stets steigenden Preises, den man für die Schöne forderte, hotte Hamza mit einer könig« lichen Armbewegung das Geld auf den Tisch gelegt, und de« funkelnde Rubin, den alle besitzen wollten, war in seinen» Turban gefallen. Den vorigen Abend hatte die junge Cirkesserin mit! Pomp und Pracht ihren Einzug in seinem Hause gehalten, aber die strenge Tradition gestattete ihm nur, seine Gattin zu begrüßen und seine Augen einen kurzen Moment mit ihrer blendenden Schönheit zu füllen. Die Nacht verbrachte er in einer arabischen Badeanstalt die er für sich und seine neidischen Freunde gemietet hatte. Den ganzen Tag mußte Zleira in ihrem Brautputz auf einem Throne sitzen, um den Frauen des ganzen Viertels, bekannten und unbekannten, Gelegenheit zu geben, ihre Schönheit zu bewundern. Endlich aber war die Sonne so gnädig gewesen, unter» zugehen. Mabruka kam aus der Brautkammer und meldete Hamza, Zleira sei im Bette. Zleira erwartete ihn!--- Zleira war sein! Sultana war eben von ihrer Tante heimgekommen, wo sie zwei Tage mit der Mutter gewohnt hatte, denn es ziemte sich nicht, daß ein junges Mädchen bei einer Hochzeit zu- gegen war. Sie war blaß und mager geworden. Seit Rurs Gesell« schaft war kein Schlaf in ihre Augen gekommen. Alles Unglück der Welt hatte sich gegen sie verschworen, und jedes einzelne traf betäubend wie ein Keulenschlag vor den Kopf. Aerger als alles aber war die Enttäuschung über Marcel. Sie hatte darauf gebaut, daß ein Wink, ein Wort voni ihr genügen würde, ihn alles aufgeben zu lassen, um mit ihr zu fliehen, gleichviel wohin, nur fort von dem Elternhause, fort von diesem Vater, den sie haßte. Sie hatte sich als Beduinerin gekleidet, um die Fluch? zu erleichtern in dieser Tracht konnte sie auch nachts überall umherwandern, ohne Aufsehen zu erregen. �. Sie hatte ihm ihren Mund gereicht und war verschmäht worden. Er, der sie in einer offenen Äersammlugg an sein« Brust gezogen, sie hierdurch den größten Gefahren ausgesetzt hatte, er stieß sie nun verächtlich von sich! Daß Marcel sie nicht erkannt haben konnte, war ein Gedanke, der ihr gar nicht kam. Ihre Verliebtheit schlug jäh in das Gegenterl über. Marcel war ebenso feige, wie er dünn, ebenso verderbt, wie er bleich war. Er hatte mit ihr gespielt, hatte bloß die süße Spannung eines Augenblicks genießen, ihre Sehnsucht wecken. ihr Verheißungen machen wollen— um sie dann zu verraten und feige seiner Vrantwortung zu entfliehen. Diese Gefühle erhielten Nahrung, als sie— doch ohne ihren Herzenskummer zu verraten— aufs neue Gelegenheit hatte, mit ihrer Mutter zu sprechen. Als es an den Tag kam, daß einzig und allein Madame Barridre Hamza verholfen hatte. Zleira heimzuführen, um deretwilleg Djerida v«» stoßen wurde. bssegneten die beiden Frauen sich in einem schaN- mendeN Haß gegen die) böse, heimtückische Weib und ihren Sohn, den sie als mitschuldig betrachteten. Sie schoben ihnen alle möglichen Hintergedanken un� Nebenabsichten unter— alle anderen alK die wirklichen— und Djerida schwur Rache. Snltana empfand fast Furcht vor ihrer Mutter, die die bleiche Wut des Hasses in eine zornige rachgierige Djinn per- wandelt zu haben schien. Sie weilte lange Stunden draußen in der Stadt und verhandelte niit vierlei wunderlichen Men- scheu. Als sie heimkam, sprach sie dunkle Worte über das Unglück, das sie über Zleira bringen wolle. Durch sie wolle sie ihren geschiedenen Gatten treffen. Er sollte reichlich Zeit finde», das Getane z» bereuen. Auch Suitana haßte im voraus jenes fremde Weib, das ihre Mutter verdrängt hatte und das sie vorläufig nicht ein- mal hatte sehen wollen. Aber was geschehen war, war ge- sckzehen und folglich Allahs Wille. Sie glaubte nicht an die Wirkungen von Tjeridas 'Kriegserklärung. (Forisehung folgt.> Hm Lancfewdlc» Von S. I u s ch k e>v i tz. (Schluß.) Er sprach langsam, monoton. Augenscheinlich war er schrecklich milde und hielt sich kaum aus den Beinen. Aber mit jedem Wort schien et munterer zu werden. Ernnuigt durch die freundlichen Worte des Inspektors, erzählte er mit zitternder Stimme, was bei ihm passiert war. „Wie nnbarmherzig ist doch manchmal das Schicksall" begann er in nachdenklichem Ton.„Das einzige, was mir das Leben lieb macht, sind meine Kinder, aber ich habe soviel Leid erduldet, während mein Töchterchen starb, daß ich jetzt Gott für ihren Tod danke.... Oh, Herr Inspektor, wenn Sie gesehen hätten, wie sie sich gequält hat, wie sie sich mit den Händchen an mich angeklammert hat, damit ich ihr helfe!... Aber sie ist gestorben, niid ich weiß nicht, was ich weiter tun soll, was ich weiter tun soll, oh Gott!... Meine Arbeit bei Schmerel ernährt nnS schon so nicht, jetzt soll ich das Mädchen beerdigen, aber im Hause, ich schwöre es Ihnen, ist keine Kopeke.... Die Leiche riecht so entsetzlich, daß man nicht im Zimmer bleiben kann— Wir sitzen auf dem Hof. Nichts da, sie zu beerdigen.... Die zweite ist auch schon krank geworden. Woher Medizin nehmen? Sieben Tage muh man anf der Erde fitzen— wer loird in der Zeit verdienen? Ich sage Ihnen die Wahrheit: ich bin so verzweifelt, das; ich mich eben in den Brunnen stürzen wollte." Wir hörten zu und schwiegen. Leibotschka legte die Hände aus die Hüften und blickte zur Erde, die m dein hellen Mondlicht gelb aussah. Plötzlich erhob sich der Oekonom. schlug dem Apotheker aus die Schulter, zog zehn Rubel aus der Tasche und sagte: „Hier sipd zehn Rubel, Leibotschka. Von Dir allein hängt es ab, bah sie sich verdoppeln." „Herr Oekonom!" kam es in freudigein Schreck aus der Brust des Unglücklichen. „Bon Dir allein hängt es ab." wiederholte der andere.„Du bist, wie ich weiß, keine Memme, und nm dieses Geld nach der TotenkamNicr gehen, wo Michel es hinlegen wird, ist für Dich ein Kinderspiel-.. Aa, willst Du?" „Ein famoser Einsall!� ben, eckte vergnügt der Apotheker.„Du kannst Dich begraben lassen. Michel itiik Deinen Witten! Du aber, Labolschka, danke Gott auf den Knien für Dein Glück I Auch ich will Dir helfen, darum lege ich drei Rubel zu." Lachend begann er seine Taschen zu durchwühlen, während der Inspektor bemerkte: „Es ist zwar nicht sonderlich human, ober da der Gang nach der Totenkanimer für Dich doch nur eine Kleinigkeit ist, so schließe ich niich den Herren an und gebe, um die Summe abzurunden, meinerseits noch sieben Rubel." Osch fuhr auf. Zwanzig Rubel I Für einen Rubel hatte ich in der Totenkainmer genächtigt! Leibotschka zitterte vor Ausregung. „Zwanzig Rubel!" flüsterte er, bald die Hand gegen den Ockouom ausstreckend, bald sie wieder zurückziehend.„Ich Nu- glücklicher!" Ter bloße Gedanke, in die Totenkainmer zn gehen, ist ihm so schrecklich, daß ein kalter Schauer seinen Körper schüttelt und eine tödliche Angst seine Brust znsammenschnürt. Aber gehen, trotz semer Furcht gehen. ES ist ja ein märchenhafter Reichtum, wie er ihn in seineni ganzen langen Leben noch»ich» einmal in Händen gehabt hat. Das bedeutet ja: ein anständig.'« Begräbnis für das tote, Medizin für das kranke Kind, sieben Tage ruhig aus der Erde sitzen, sich einige Tage von warmen Speisen nähren, der Familie etwas Warme? für den Winter tarnen dürfen! „Vielleicht möchten Sie fo.. bittet er zaghaft,„Geben Sie mir fünf Rubel und lassen Sie mich gehen. Ich fürchte mich so... l Entschuldigen Sie gnädigst. Herr Oekonom, aber ich bin eine Memme. Ich fürchte mich sogar, imt dem toten Kinde tu einem Zimmer zn bleiben. Ich blicke nicht dahin, wo es liegt... Was wollen Sie mit meiner Furcht? Helfen Sie einem Menschen, damit er Sie segne I.... Nein, geben Sie lieber nichts. Ich würde mich ja später vor Gram aufhängen, daß ich die anderen fünfzehn Rubel verloren habe.. Geben Sie mir zehn Rubel und lassen Sie mich gehen. Ich habe ja ein totes Kind und nichts, wovon es begraben. Wozu mich quälen? Geben Sie zehn Rubel und jagen Sie mich zum Teufel! Nehmen Sie den Stock und schlagen Sie mich, damit ich gehe... Ich stürbe ja vor Furcht!" Er schwieg eine Minute, als ob er sich auf etwas besinne. „Nein, geben Sie nicht!" kam es mühsam aus seiner Brust. „Ich werde gehen— laß' Michel das Geld hinlegen. Ich werde mich überwinden." Er hielt inne, begann wieder zu reden, stockte von neuem und war schrecklich bedauernswert mit feinen stoßweisen Gesten. Der Oekonom hörte gar nicht zu, sondern flüsterte mir ein paar Worte ins Ohr, und die Sache war in Ordnung. Als ich aus der Toten- kammer zurückkam, wo ich den mir erteilten Befehl ausgeführt hatte, gebürdete Leibotschka sich wie ein Verrückter. Er zitterte am ganzen Körper und murmelte etwas Unznsannnenhängendes, als wenn er mit eineni unbekannten Feind stritte. „DU kannst gehen, Leibotschka", sagte ich, ihn an der Schulter rüttelnd,„Dein Geld ivartet dort auf Dich. ES liegt auf dem Fenster gleich rechts, wenn Du hineinkommst." Er starrte mich mit einem wilden, durchbohrenden Blick an, als wollte er sein Schicksal in meinen Augen lesen. .Geh', geh' I" wiederholte ich, das Gesicht abwendend. Ich fübrte ihn durch die Hintertür der Apotheke und zeigte ihm den Weg nach dem großen, stockfinsteren Krankenhausgarten. „Michel! Lieber Michel! hörte ich seine zitternde Stimme, und' z!vei kalte Hände legten sich ans Meine Schultern. „Geh', geh' I antwortete ich rauh, indem ich mich von ihm los- machte. Er seufzte und ging. Eine Minute später waren wir alle im Garten und verfolgten jeden seiner Schritte. „Eine böse Sache, die wir da angestiftet haben"... murmelte der Inspektor, der plötzlich die Luft an diesem Zeikvertteib verloren hatte.„Der arme Teufel wird verrückt werden... Das ist nicht human..." „Ach, Unsinn!" sagte der Oekonom.„Sie find bisweilen wirk- lich langweilig mit Ihren Bemerkungen. Was soll denn dabei nicht human sein?!" Von seltsamen Gefühlen beherrscht, blieben wir stehen. Was tun wir da? Warum quäleu wir diesen unglücklichen Menschen? Mer Leibotschka nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Nn-> sprach, so daß wir uns nicht anf solche Gedanken konzentriere» konnten. Er stand irgendwo im dunkeln imd murmelte hastig: „Höre, Israel.. „Der Aermste I" brummte der Jmpeltor von neuem.„Es ist wirklich nicht human." „Seien Sie doch endlich still!" zischte ihm der Oekonom mit heiserer Stimme ins Ohr. Die schritte LeibotfchkaS erklangen schon aus einer anderen Richtung und seltsam berührte in der Dmikelheit diese sich c>it-> fernende zitternde Stimme. „Mein Gotkl" erklang plötzlich ein Sköhnen und wieder hörte» wir seine hastigen Schritte in der Allee. In der Mitte des Gartens machte er von neuem Halt. Wir standen nicht weit von ihm hinter einein Fliederstrauch und be- ohachteten. Was machte er da? Was ging in seinem Herzen vor? Woran dachte er? Von einem sanften Winde bewegt, begannen die Bäume leise zu rauschen, als wenn in ihren Wipfeln sonderbare, fremdartige Vögel erwacht wären. Der Kies knirschte traurig unter den Füßen. Die trockenen Blätter fingen an sich im Winde zu drehen nnd wirbelten durch die Lust. „Mein Gott!... Lieber Gott!" klang wieder seine Stimme zu uns, und seine Schritte tönte» laut durch die Stille der Nacht. Wir folgten ihm eilig, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. schwiegen und gaben acht. Jetzt war der Garten zu Ende. Dahinter lag ein düsterer, un- bebaut« Play, der vom Garte» durch einen niedrige», baufällige» Zaun mit einem Pförtchcn darin getrennt war; und weiter in der Tiefe die tanrige Totenkammer. Wir konnte» kaum Kur Seite treten— so schnell kehrte Leibotschk» um. Es vergingen einige bang« Augenblicke. Was macht er? Aber da zeigte er sich schon von neuem am Ptörtchen. Da steht er m,d zupft ungewiß an seinem Bart. Plötzlich macht er eine Bewegung und tritt auf dm freien Play. Wir stehen schon am Pförtchen und beobachten ihn. Mit leisen, unhörbaren Schritten, sich nach allen Seiten umblickend. bald vor«, bald rückwärtsgehend, nähert er sich schließlich dem vir- häiignisvollen Orte. Vor der Totenkammer hält er wieder an, und plötzlich hören wir. wie er die Tür mit voller Kraft öffnet. Aber gleich darauf ertönt em wahnsinniger, nicht menschlicher Schrei. Leibotschka prallt von der Tür zurück lind bleibt, die Arme aus- breitend, wie angewurzelt stehm.... Aus der Totmkammer tritt ein Mensch.... Noch einmal hören wir den schrecklichen Schrei. dann wankt SeiButschla, tränkt und fällt... Als wir hinzukamen, war er schon tot. Nachdem er seine Erzählung beendigt hatte, versank der alte Michel in Nachdenken. Im Zimmer, in dem wir saßen, war es still. Einer von uns hustete, und der Bann war gebrochen. „Wie kam denn der Mensch, den er gesehen hatte, in die Toten- kammer?" fragte einer. Michel runzelte die Stirn, zog eine altmodische Schnupftabaks- dose aus der Tasche, klopfte mit zwei Fmgern QU� �en Deckel und öffnete ihn. Dann nahm er ein Prieschen, zog es tief, tief zuerst in ein Nasenloch, dann ins andere und wiederholte mechanisch: „Wie er dahin kam?... Wie er dahin kam?" Wir schwiegen.— Der Mörder war unter uns. Alle die Bäume in die Dicke wacbfen/) Wenn im Frühlina das junge Grün der Bäume unser Auge erfreut und uns den Winter vergessen lägt, dann erkennt auch der Laie, daß vorwiegend die Vegetation und nicht die Tierwelt unserer Landschaft ihr charakteristisches Gepräge gibt und uns den Wechsel der Jahreszeiten so stark empfinden läßt. Das liegt daran, daß wir den Unterschied zwischen den höheren Tieren und Pflanzen in der gemäßigten Zone ganz unmittelbar wahrnehmen, wenn es auch nicht jedem bewußt wird. Wenn ein Tier zur Welt kommt, ist seine äußere Form im wesentlichen für sein Leben gegeben, und wenn das Tier„erwachsen" ist, ändert es auch seine Größe nicbt mehr. Ein gut genährter Diops kann zwar auch nicht unbeträchtlich in die Dicke wachsen, aber seine üppigen Fettpolster sind— streng ge- r.ommen— eine Krankheitserscheinung, die nicht zum normalen Entwickelungsgang des Tieres gehört. Ganz anders bei unseren ausdauernden Gewächsen, unseren Wald- und Obstbäumen. In zedrm Jähre ändert sich ihre Gestalt, fie wachsen in die Dicke und Länge, und ein Zustand des Ausgewachsenseins tritt niemals ein, solange noch eine Spur von Leben in ihnen ist. In jedem neuen Jähre entwickeln sich neue Knospen, aus denen Blüten- und Laub- zweige werden, solange bis«in Sturm, eine Krankheit oder das Alier den Baum dahinrafft. Während nun die Knospe zum Zweige auSwächst, bollzieht sich im Innern des Stammes, ganz unmerklich für unser Auge, der Ansatz eines neuen„Jahresringes". Jedermann ist es wohl be- kannt, daß man das Alter eines Baumes aus der Zahl seiner Jahresringe bestimmen kann, denn nur«inen einzigen Ring setzt der Baum in einer Wachstumsperiode an. Diese Jahresringe, die die verschiedenen Bestandteile des Holzes enthalten, geben unfern Batf- und Möbelhölzern ihre eigenartige„Maserung". Jeder Lackie- rer, der ein billiges Kiefernmöbel„eichenmasert", ahmt die Struk- tur des teureren Eichenholzes nach, meistens wohl ohne zu wissen, was diese„Maserung" bedeutet und wie sie zustande kommt. Je nach der Richtung, in der ein Baumstamm zerschnitten wird, wechselt die Zeichnung; ein Querschnitt sieht anders aus als ein Längsschnitt und der Fachmann kann es einem Brett ganz genau ansehen, in welcher Richtung der Schnitt geführt ist. Das weiß jeder ersahreue Möbeltischler, aber wodurch die Zeichnung hervorgerusen wird, lernt wohl kaum ein Lehrling auf der Schule, kein Gehilfe auf der Fach- schule. ES ist nickt ganz leicht, ohne Anschnuuugsmäterial, ohne Mikro- skop und ohne Abbiloungen fich diese Tinge klar zu machen. Leider kann man auch nicht auf populäre Literatur hinweisen, denn diese beschäftigt sich meistens mit naturwissenschaftlichen Fragen, die in der Regel für„interessanter" gehalten werden, mit Spekulationen aller Art, theoretischen Erörterungen, biologischen Schilderungen usw.. als mit der Darstellung wissen scbaftlicker ForschungSergebniffe, die für die praktischen Berufe von Wichtigkeit sind oder sein sollten. Je mehr das Haiidwert im alte» Sinne durch den kapitalistischen Wirtscbastsbetrieb zugrunde geht, je geringer infolgedessen die künstlerisch« Freude an der Fertigstellung eines ganzen Stückes wird, desto dringender wird das Perlangen nach einem Ersatz dieser Freude am Schaffen, wenn die Arbeit nicht zu einer reinen ma- fchinenmäßigen und stiimpfiinnigen Sklaverei werden soll. Viel- leicht kann»ns da auch die Wistenschaft etwas helfen und das Jnter- csfe am Material isawrufen. Der Metallarbeiter sollte etwas von der Metallurgie und Mineralogie, der Maurer von der Meteorologie und Chemie, der Holzarbeiter von Botanik usw. verstehen, aber «S wird wohl noch mancher Stein auf den anderen gesetzt werden, noch manch« Späne werden von der Hobelbank fallen, bevor die Naturwissenschaften in ihrer Anwelioung auf das Handwert ein Lehrgegenstand der Fach- und Fortbildungsschulen werden. Tie Eewerkschafte» würden sich daher ein großes Verdienst erwerben, trenn sie in ihren Fachzcitungen in dieser Richtung ausklärend und belehrend wirken wollten.(Geschieht schon. Die Red.) *) Wir haben dies Thema auf Wunsch von zahlreichen Genosse» bearbeiten lassen, die im Holzgewerbe tätig sind. Ter Nachdruck ist für Partei- und Gewerkschaftsblätter durch uns zu beziehen. Die Red. Kehren wir nach dieser kleinen Abschweifung wieder zw unseren: Bäumen zurück und versuchen wir, uns die Entstehung des' Jahres- ringes und des TickenwackMtums klar zu machen: Wenn wir eins Knospe am Baum vorsichtig entblättern, so bemerken wir, daß die Blätter immer kleiner und winziger werden, bis wir schließlich zu einem ganz kleinen Höcker vordringen, der bei manchen Pflanzet» noch mit bloßem Auge, bei andere» nur mit der Lupe oder denr Mkroskop beobachtet werden kann. Dieser kleine Höcker, an denr die jüngsten Mattanlagen als kleine Vorwölbungen erscheinen, ist: der lebenslängliche Jungbrunnen der Pflanze, er wächst ständig weiter, und sein Gewebe befindet sich dauernd im embryonalen Zustande. Durch Eigenwachstum an seiner Spitze schiebt sich diese« V e g e t a t i o n s p u n k t— so nennt man den Höcker— nirme« weiter vorwärts, während er an seiner Basis Matter»nd Zweigs mit neuen Vegetationspunkten hervorbringt. Durchschneiden wir einen solchen Begetätionspunkt und legen den Schnitt unter daA Mikroskop, so sehen wir nichts weiter als ein seininaschigeS Netz regelmässig gebauter Zellen. Man kann es ihnen nicht ansehen, das? aus ihnen einmal ein dicker Ast mit Jahresringen werden soll: erst} wenn wir nach Entfaltung des Zweiges einen Schnitt etwas unter- halb der jüngsten Mätker betrachken, können wir erkennen, daß sieh die Gleichförmigkeit des Gewebes verändert hat. Wir bemerken dann einen Kreis von„G e sä ß b ü n de ln", die mit bloßem Augs höchstens als kleine etwas- dunklere Punkte zu erkennen sind. Unter dem Mikroskop lassen sich an einenk solchen Gefäßbündel zwei Teile unterscheiden, ein äußerer, aus dem die spätere Rinde sich entwickelt� und ein innerer, aus dein das Holz entsteht. Mitten zwischen diesen« beiden Teilen des Gefäßbündels liegt eine dünnwandige Zellschicht,, das„K a m b i u m" genannt, das für die weitere Entwickelnng vor» der allergrößten Bedeutung ist, wie wir nachher sehen werden.— Führen wir einen Schnitt durch den Sproß ein wenig tiefer als vor- her, so erkennen wir, daß sich die Kambiumschicht auch zwischen dew einzelnen Gefäßbündeln forkgesetzt hat, so daß also das Kambium einen vollständigen Ring bildet und den Querschnitt dadurch in zwei Teile, einen inneren und einen äußeren Abschnitt zerlegt. Dieser Zustand wird noch deutlicher, wenn wir einen Schnitt durch einen etwa halbjährigen Zweig anfertigen. Wir sehen dann, daß die Ge- fäßbündel sich nicht mehr von dem-übrigen Gewebe abheben, denn die Kanibiumzellen, die zwischen den ursprünglichen Gefäßbündeln liegen, haben inzwischen neu« Zellen abgeschnürt, und zwar nach innen Holzelemente und nach außen Rindenelemente. Für den innerhalb des Kambiums liegenden„Holzkörper" sind am cha- rakteristischsten die„Gefäße", mehr oder weniger lange Röhren, die dazu dienen, das� durch die Wurzeln aufgenomi-«pne Wasser mit den darin gelösten Salzen zu befördern. Auf dem Ouerschniit eines Baumes sind diese Gefäße oft schon mit bloßem Auge als kleine Löcher kenntlich, z. B. beim Eichenholz. Außer diesen Gefäßen sin- den wir im Holz dünnwandige rundliche Zellen und langgestreckte Fasern, die der Festigung des Gewebes dienen. Außerhalb des Kambiums liegen die Elemente der Rinde, die S i c b r ö h r e n oder Siebgefäße, die wie die Holzfasern als mechanische Elemente aufzufassen sind. Außer diese» Bestandteilen finden sich hin und wieder noch anders gebaute Zellen, auf die wir hier nicht näher ein- gehen wollen. Es mag hier genügen, darauf hinzuweisen, daß die Maserung des Holzes im wesentlichen davon abhängt, in welchem Verhältnis die einzelnen Elemenlc zueinander veehandcn sind, wie sie im Raum verteilt sind und wie sie sich in der Größe voneinander unterscheiden. Wie der Baumeister aus den gleichen Ziegelsteinen einen golhischcn oder romanischen Bau aufführen kann, so kann auch die Natur mit dem gleichen Material die verschiedensten Bau- werke ausführen. Die anatomische Struktur ist dabei derartig regel- mäßig und dauernd die gleich«, daß man in der Lage ist, eine Pflanze auch ohne Blüten lediglich nach ihrem anatomischen Bau zu be- stimmen. Das Kambium liegt zwischen Holz und Rinde während des ganzen Lebens eines Baumes, und aus den Kambialzellen, die sich in ständiger Teilung befinden, bilden sich stets innen Holz-, nach außen Rindenelemente, und zwar während der ganzen Wachstums- Periode. Im Winter ruht das Wachstum und damit auch die Neu» bildung aus dem Kambium und dem Begetätionspunkt. Die Jahresringe entstehen nun dadurch, daß im Frühjahr, nach Einsetzen der neuen Wachstumsperiode. die Gefäße und die übrigen Zellelcmente weitmaschiger sind, also einen größeren Durchmesser zeigen als die später gebildeten, die enger gebaut und meistens dickwandiger sind. Man kann sich davon wieder am besten über» zeugen, wenn man sich die Kanten eines Eichentisches ansieht und auf die Größe der kleinen Löcher, der Gefäß«, acktet. Würde das ganze Jahr hindurch oder während der ganze» Wachskumspcriode die Größe der Zellen die gleiche sein, so würde man von einem Jahresring absolut nichts bemerken, und man wäre nicht in der Lage, so ohne große Schwierigkeit das Alter eines Baumes zu be- stimme». Ein Jahresring entsteht also einfach dadurch, daß im Frühjahr plötzlich große Zellen entwickelt werden, die sich unmittel» bar an die cnginaschigen Gewebe des vorigen Jahres anschließen. Für die Maserung des Holzes sind außer den angeführten Elementen noch die sogenannten„M a r t st r a h l e u" von Bedeutung. Tie Acfäßbündcl reichen meistens nicht ganz bis zum Zentrum des Stammes, sonder» im Innern des Baumes finden wir das Mark, das wie das ursprüngliche..Grundgewebe" aus gleichmäßigen dünn- ivandigen Zellen bestelst. Von diesem Mark aus ziehen sich bis zur Rinde strahlenförmig schmale Streifen hin. die bei jungen Sprosset» die Rej:e des Grundgewebes darstellen. Das Kambium bildet