Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 94. Donnerstag den 16. Mai 1912 MachdruS verboten.» 211 Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. 9. In der nächsten Woche ward das Brautbad für Sultana bereitet. St Hamza war gezwungen worden, sich für ihre Hochzeit zu interessieren. Er saß da wie ein vom Thron gestoßener Monarch, ver- barg sich vor aller Welt und hing seinem Kummer nach, wenn er sich nicht seinen Betäubungsmitteln ergab. Nebukadnezar, der auf den Feldern umhergeirrt und von Gras gelebt hatte wie ein Ochse, war ein glücklicher Mann im Vergleich mit ihm... Mekrub Robbil— so stand es geschrieben als Wille des Allmächtigen— war nun sein einziger Trost. Wohl kam der Schlingel Amor ben Ahmed noch jeden Dag und ließ ihn in den Becher spucken— und in die Büchse — und gab ihm Hoffnung am Leben zu bleiben-- aber welch erbärmliches Leben war dies! Wofür hatte ei im Grunde noch zu leben! Er war ein eiserner Balken gewesen, aber ein gußeiserner, und nun war er geknickt. Mochte alles von nun an kommen, wie es wollte! Er legte die Zügel in Allahs Hände. Aber es gab eine andere, die die Zügel nicht dort ruhen lassen konnte: das war Risja Selluf. Abdallah drängte: er wollte heiraten, und zwar sogleich, um mit seinem Weibe nach Zäuia heimzukehren. Sollte nicht das ganze Geschäft zu Wasser werden, mußte sie nun das Kommando übernehmen. Sie kannte ihre Araber zur Ge- nüge, ihren feurig flammenden Mut und ihre rasche Ent- mutigung, wenn sie in der Klemme saßen. Handelte aber dann jemand für sie, so konnte ihnen nichts lieber sein. So kam denn Risja täglich mehrmals und lieh Hamza von ihrer üppigen Lebenskraft. Sie nahm seine Cousine, Lalla Uarda, ins Haus, um doch einen normalen Menschen zu haben, mit dem sie sprechen konnte. Sie verhandelte auch mit dem Notar wegen des Ehe- kontrakts, in welchem die Kaufsumme Sultana zu freier Ver- fügung gestellt wurde und in welchem sich diese bedang, die einzige Gattin zu bleiben und jährlich zwei Wochen in ihrem Vaterhause zubringen zu dürfen. Das Haus wurde täglich von jüdischen Krämern über- laufen, die verlockende Angebote auf Pantoffeln, Kleider und alle Art Ausstattung machten: Risja wies sie ohne Ausnahme ab und lieferte alles selbst. Dazwischen fand sie Zeit, nach dem spannenden Geheimnis zu schnüffeln, das sie in Zkciras Schicksalen witterte. Aber alle waren stumm wie Mauern und ließen sie dieser Frage gegen- über gänzlich unaufgeklärt. Der Ring war zu dicht ge- schlössen. Es gab auch nicht die geringste Ritze, durch die man seine Nase keilen konnte. Als Sultana gegen Abend in dem maurischen Frauen- bade anlangte, das ganz und gar für das kleine Fest der Brautfeier gemietet worden, fand sie all die eingeladenen ver- - heirateten Freundinnen des Hauses und viele von deren Dienerinnen auf den Fußbodcnmatten eines großen Saales ' sitzen, der mit springenden Löwen, Dromedaren und anderen mehr oder tveniger phantastischen Tieren in grellen roten und griinen Farben naiv ausgeschmückt war. Sie selbst befand sich in Begleitung Mabrukas und der Tante sowie einer Henncna, eines maurischen Weibes, dessen edle Aufgabe darin bestand, den Körper der Braut zu verschönern. Alle waren enttäuscht von Sultanas Aussehen. Ihre ver- wachten Augen waren von breiten schwarzblaucn Ringen ein- gefaßt, und die blutlose Haut des Antlitzes war fahlgelb ge- worden. Dafür war eine seelenvolle Tiefe, fast etwas Durch- jgeistigtes in ihren Blick gekommen. Man erörterte laut und ohne©dhonung— geschweige denn Zartgefühl alle diese Phänomene. „An diesem Antlitz ist die Liebe vorbeigegangen," äußerte sich die Aelteste der Gesellschaft mit einer irritierend hohen Vogelstimme, im übrigen aber nicht ohne Raison.«Ein Ge- ficht verschönt sich und strahlt beim Nahen der Liebe, und welkt, wenn sie geht!" Nun entstand ein Spektakel in dem Saale wie in einer Pfauenvoliöre. Rundlich und fleischig, wie die meisten von ihnen waren, rollten sie wie Boote im Kielwasser umher, wiegten sich und wackelten nach vorne und nach den Seiten wie Kinder, die iicch nicht gehen können und schrien, daß das Blut ihnen zu Kopfe stieg, um ihr bißchen Meinung vernehmbar zu machen, Im allgemeinen waren sie ja derse.'ben Ansicht wie die alte Haremserfahrene, aber wie konnte dies auf Sultana passen, die ja ihren Freier noch nicht einmal gesehen hatte? Man einigte sich endlich, daß es die erregte Erwartung der Liebe sei, die die junge Braut so angegriffen hatte. Und wie komisch alle diese Frauen es fanden, daß man sich darüber aufregen und bleich grämen konnte! Wenn man bedachte----! Aber natürlich! Sie hatten das ja auch ein- mal gekannt. Damals! Diese Betrachtungen wurden wiederum die Einleitung zu einer langen Reihe mehr eingehender als geschmackvoller Neckereien. Sultana errötete nicht, denn sie kannte längst durch Ma- bruka alle Mysterien der Liebe, und sio erfüllten sie weder mit Furcht noch mit Scham, da sie ja Allahs Wille und eine gute Gabe waren für die Menschenkinder— aber sie fühlte die verhaßten Tränen hinter den brennenden Augen und mußte hart kämpfen, um sie zurückzuzwingen, damit niemand ihre Schwäche sehe. Sie war bitter enttäuscht, ihre Mckter nicht zu sehen, die Risja ja versprochen hatte, zum, Bade zu kommen. Sie fühlte sich gerade heute so ganz preisgegeben und vereinsamt. Während die Damen sich.mit allerhand gewürztem und parfümiertem Backwerk und Marmelade bewirten ließen, cnt- kleidete Sultana sich in einem kleinen Räume. Die erste Verschönerung hatte die Hennena schon daheim ins Werk ge- setzt, indem sie die kastanienbraunen Flechten der Braut in mit gestoßenen Nelken und pulverisierter Holzkohle gemischtem Antimon schwarz gefärbt hatte. . Als sie, bloß mit einer Fota um die Lenden, wieder durch den Saal kam, flackerte die Diskussion noch heftiger als zu- vor auf. Einige priesen ihren Palmenwuchs, aber die meisten waren Risjas Ansicht und fanden Behagen an größerer Fülle. Nur über eines waren alle einig: ihre Brust war unVergleich- lich schön. � Eine Badcrin von Negerblut folgte ihr in den mehr als bescheiden ausgestatteten Heißluftraum, der bloß durch eine gualmende Ganglampe erhellt war. Sie streckte sich auf eine Holzbank, aber, durch Schlaflosigkeit«ud heftige Gemütserregungen geschlvächt, war sie kaum zehn Minuten hier d'innen, als es ihr zu schwindeln begann. Die Badcrin mußte eiligst Wasser über ihren 5topf schütten und sie hinaus- führen, um einer Ohnmacht vorzubeugen. Noch schweißbedeckt und erhitzt, wurde sie auf eine Marmor-- tafel gestreckt, und die Negerin knetete nun ihre Glieder, nach ihrer eigenen Naturmcthode, ungefähr wie man Teig knetet. Hierauf unterzog sie sie einer Behandlung, die den Zweck zu haben schien, alle Gelenke ihres SMochensystems zu brechen. Sie zog ihre Arme kreuzweise gegeneinander vorne auf die Brust und legte sich selbst als totes Gewicht darauf, wohl in der Hoffnung, die Innenseiten ihrer Schultern zu gegen- seitiger Berührung zu bringen. Die Knie zog sie ihr unter das Kinn hinauf und legte sich wieder mit ihrem ganzen Gewicht über die Schienbeine. Der peinlichste Teil der Massäge — denn dies war nämlich Massage stand noch bevor. Nach- dem Sultana platt auf den Magen gelegt worden, stieg die Schvarze auf sie und begann langsam und bedächtig auf ihrem Rücken hin und her zu promenieren. Trotz alledem war Sultana noch am Leben, und die Hennena, die nun hinzukam, koynte ihr Werk beginnen. Sie hate einen Sack mit Tfel mitgebracht, einer Art marokkanischen Pseifentons, der mit dustenden Blüten ge- knetet und mit Organgenwasser geschlemmt war. Mit diesem schmierte sie den ganzen Körper ein und begann nun mit einem ungeheuren Handschuh aus Bockfell, den sie immer wieder in heißes Wasser tauchte, die Haut zu reiben. Wie nun der Ton abgespült wurde, schälte sich unter dem Hin- und Herschrubben des Hantschuhs die Haut in ganzen Schich- ten, die zu langen Rollen in Griffeldicke wurden. Die Haut aber, die zurückblieb, war so dünn und fein wie Seidenpapier. Ihr Antlitz wurde sorgfältig mit Zitronensaft behandelt, um die Farben wieder zurückzurufen. Noch etwas sehr Wichtiges und Zeitraubendes blieb zu tun. Wieder wurde Sultans eingeschmiert, diesmal mit einer Mischung von SchwefÄ und Kalk, und die Hennena machte sich nun daran, sie von allem Körperhaarwuchs zu befreien. Denn eine mohammedanische Ehefrau mutz unbehaart sein wie ein neugeborenes Kind. Dies erfordert der ausgeprägte arabische Reinlichkeitssinn. Nachdem sie unter der kalten Dusche von den vielerlei Chemikalien reingespült worden war. graute es ihr vor einer neuerlichen Besichtigung von seiten der neugierigen Damen, die ihren Körper taxierten, wie man ein Pferd bewertet. Sie vergab jedoch alles, als ihre Mutter ihr entgegen- stürzte und sie unter einem Schauer von Küssen und Tränen an ihre Brust drückte. Während die Damen in der Mutter Gegenwart Suitanas Schönheit priesen— denn das Bad hatte ihr das Blut in die Wangen getrieben und die Pupillen vergröbert—, zogen die beiden sich in den Ankleideraum zurück, um Sultana ein wenig Zeit zur Erholung zu geben. Es wurde ein ergreifender Herzenserguß zwischen Mutter und Tochter, während nebenan die eingeladenen Damen lachten und schnatterten. Sie beide standen ja an einem entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens, voll banger Ahnungen der Ereignisie, die die Zukunft im Schatze tragen mochte. (Fortsetzung folgt.) HUeö fiir'a Vaterland. Von August Strindberg. Im bürgerlichen Leben fordert man ja vom Individuum ein ehrenhaftes und aufrichtiges Betragen, anderenfalls tritt das Straf- gefetz in Wirksamkeit. Aber wenn Nationen und Staaten Streit- fragen zu erledigen haben, da ist alles an falschen Vorspiegelungen. gebrochenen Gelübden und unwahren Behauptungen zulässig, und das geht so weit, daß die Staatskunst zu lauter Winkelzügen ge» worden ist, und Diplomat sein soviel bedeutet, wie hinterlistig und heimtückisch sein. Wir haben neulich den russisch-japanischen Krieg erlebt, und als er ausbrach, wollte man die Ursache wissen, ehe man die Rich- tung seiner Sympathie bestimmte. Nach vielem Wenn und Aber kamen beide kriegführenden Parteien dahin, das menschenfreundliche Motiv: Koreas Integrität in den Vordergrund zu schieben. Das war ja ein schöner Zweck, den kleinen Mann zu verteidigen. Aber der Zar vergaß sein Reskript und seine Haager Konferenz, und die Japaner nahmen Port Arthur, das 18(30 von den Chinesen angelegt, 1894 von den Japanern erobert und durch die Russen von den Chinesen 1898 gepachtet worden war. Aber als die Streitenden in den Krieg zogen, da wurde ge- jungen und deklamiert von der Verteidigung des Vaterlandes. Wir Alten haben den französisch-deutschen Krieg miterlebt. Hier war die Kriegsursache etwas mehr verwickelt. Napoleon III. konnte natürlich" nicht gerade heraus sagen, daß er eifersüchtig war auf Preußen nach Sadowa, sondern mußte einen Vorwand finden, und dazu wurde die Hohcnzollernkandidatur, oder Spaniens Thron- angebot an einen preußischen Prinzen genommen. Der Prinz ver- zichtete aber, und nun mußte ja eigentlich die ZkriegSursache aus der Welt geschafft sein. Aber wie das Ganze nur Vorwand war, sollte ein neuer Vorwand gesunden werden, und daö wurde ein fo nichtswürdiger wie der, daß dem französischen Gesandten d,e Audienz beim König von Preußen verweigert worden war. Aber nun wurden alle Rücksichten beiseite geworfen, all« Masken fallen gelassen. Bismarck rediisierte die Emser Depesche nach seinem Kopf und veröffentlichte in den„Times" ein geheime? Dokument des überraschenden Inhalts, daß Napoleon(1867) nach Sadowa Preußens Suprematie anerkennen wollte, wenn Frankreich ungestört Luxem- bürg und Belgien an sich reißen durfte. Alle Ränke" wurden bloß. gelegt: persönlicher Neid, versetzte Eitelkeiten, unbefriedigter Ehr- geiz zeigten sich auf der Bühne, obwohl man doch eine Vorstellung von„Alles fürs Vaterland" engckündigt hatte. Aber wir Alten haben auch die Tragikomödie des Krimkrieges erlebt. Nachdem man 60 Jahre lang an die Kricgsursache:„die Mißhandlung der Christen" in der Türkei, Rußlands AuSdehnungS- bestreben i» Europa(Donaumündung), geglaubt hatte, bekommt man nun zu lesen, daß die Alliierten: England, Frankreich und Sardinien, zu dem menschenfreundlichen Zweck auftraten, die Integrität der Türkei aufrechtzuerhalten. Das ist ja schön. So schön, daß keiner daran glauben will. Die.zivilifierteste" Nation Europas, Frankreich, und die religiöseste, England, verteidigen die Rechte und Freiheiten des Erbfeindes: des Türken. Tolstoi, der ja mit war in dem Getümmel bei Sebastopol, hat das Ganze auch als einen unbegreiflichen Mischmasch geschildert. Wenn man d«r- gleichen erlebt, und mehr noch, wie Dänemarks Amputierung» Griechenlands und Rußlands Kämpfe mit der Türkei, dann wird man mißtrauisch gegen die Vaterlandsfrrunde, die da meinen, daß die Erziehung der Menschheit in Kasernen und Kriegsheeren voll- zogen werden kann. Ehedem schickte man die schlechtesten Leute in den Krieg, Abenteurer und ihresgleichen, im Notfall leerte man die Gefängnisse, aber man bewahrte die beste Jugend des Landes davor» sich an Roheit und Unmenschlichkeit zu gewöhnen. Als in den 70er Jahren die Gesellschaft.Freunde der Wehr- Pflichtigen" ihre Tätigkeit entfaltete, wurde uns vorgeredet, daß die Offiziere nun die Nation in den Kasernen erziehen sollten, da die militärische Ausbildung als unzureichend anzusehen sei. DieS war aber nicht der Fall, denn in den Elementarlehranstalten(An- fangsschulen für die Kinder der Wohlhabenden) wurde daS Infant.. iesxerzieren in den 60er Jahren eingeführt, und die frei- willigen Schützenvereine stellten 40 000 Mann auf, während die Armee der Eingestellten nur 37 000 Mann zählte. Nun da das Exerzieren allgemein gemacht ist in allen Schulen, und da wir über 160 000 Schützen haben und dazu ungezählte Pfadfinder(Boy scouts), besitzen wir ja schon eig Volk in Waffen. Die Wehrpflicht und die Kaserne erscheinen darum nur noch als ein Ueberbleibsel vergangener Zeit, als ein Vorwand. Die Erziehung der Kaserne, die keimen wir; sie ist die schlimmste von allen. In dem Menschenstall kann nicht Reinlichkeit herrschen. denn man wohnt zu eng beisammen. Gefühllosigkeit gegen die eigenen Leiden lernen, führt den Uebelstand mit sich, daß man gefühllos für anderer Leiden wird, und das nennt man erst Unbarmherzigkeit, später Grausamkeit. Lernt man Ungerechtigkeit schweigend ertragen, so wird man selbst ungerecht, und blind gehorchen, schafft Sklaven oder Tyrannen. Aufwarten und reinmachen lernen, ist die Hauptsache in der Kaserne; der Infanterist wird zum Kalfaktor ausgebildet. Vater- landsliebe braucht man nicht zu lernen; sie beruht auf dem an- ! geborenen, berechtigten Selbsterhaltungstrieb, und wenn es gilt» o zieht jeder Mann in? Feld. Die unempfindlichen Methoden der Schule find hinreichend, die Verweichlichung zu beseitigen. Aber die Kaserne ist die Hochschule. wo Verwilderung gelernt wird, die beruslichen Fähigkeiten ver- gessen werden, und alle sozialen Laster blühen und gedeihen. Am Anfang des neuen Jahrhunderts wurden 80 Millionen Kronen im Jahre für die Armee bewilligt(in Schweden). Das macht in 12 Jahren fast eine Milliarde, und nun, da wir 1912 schreiben, wird mehr in Anschlag gebracht. Die.Jndelta", von den Landbesitzern zu stellende Truppen� bildeten nach der 1901 beseitigten Heeresordnung mit den Angewor- benen den Hauptstamm der Armee. ßorcbardts Vorgängen i. Die Ueberschrift führt irre. Es handelt fich nicht um Leute, die die Ordnung des Hauses nicht gestört und gleichwohl von Polizei- fänsten hinausgeschleift wurden. Auch nicht um Abgeordnete, die als wirkliche Unruhestifter beseitigt wurden. Sondern wir wollen an grobe Störungen der Verhandlungen des preußischen Abgeordneten- bauicS erinnern, an vorsätzliche und hartnäckige Widerstände gegen die Präsidialgewalt-- Fälle, die doch ganz � ganz anders ausgingen. In diesem Sinne ist BorchardtS Vorgänger— der preußische Kriegsminister Roon. Ein halbes Jahrhundert zurück. Konfliktszeit. Im preußischen Abgeordnetenhaus find die Junker auf ein ohnmächtiges Grüppchen zusammengeschmolzen. Die Liberalen aller Spielarten be- herrschen das HauS, auch das Präsidium. Es ist am 11. Mai 1863. Der Kriegöminister wird hart an- gegriffen. Der Liberale v. S y b e l(derselbe, der später über- byzantinische GesckichtSbände klitterte und die ihm v. Bismarck kunstvoll sausgelei'enen geheimen Urkunden zur großen Belustigung des Spenders als Offenbarungen lauterer Wahrheit anbetete)— Professor v. S y b e l aber hatte den Patriotismus RoonS bezweifelt. Der Kriegsminister wies SybelS«eußerung als eine„unberechtigte Anmaßung" zurück. Der Vizepräsident v. Bockum-DolffS unterbrach den Minister, der sich diese Unterbrechungen herrisch verbat. Die Szene ging so fort: Der V i zep rä s i d e n t mit heftigem Schellen: Ich habe zu sprechen und unterbreche den Minister. Kriegs minister: Ich muß um Verzeihung bitten, ich habe das Wort und werde es nicht fortgeben.(Glocke des Präfidenten.) Ich habe das Wort, das steht mir nach der Verfassung zu, und keine Schelle und kein Winken und keine Unter- brechung----(Glocke des Präfidenten. Ruf: Zur Ordnung I und große Unruhe.) — 3 Präsident: Wenn ich den Herrn Kriegsminister zu unter- brechen habe, so hat er zu schweigen(viele Stimmen rechts: Ohl Oh I Lebhaftes Bravo lmls), und zu dem Ende bediene ich mich der Glocke, und wenn der Herr Minister dem nicht Folge geben sollte, so verlange ich jetzt, mir meinen Hut zu bringen. KriegSminister: Jch habe gar nichts dagegen, wenn der Herr Präsident seinen Hut sich bringen lafien will, ich muft aber bemerken...(Große Unruhe und laute Hurufe von links.) Meine Herren, 360 Stimmen find lauter als erne. Ich verlange mein konstitutionelles Recht. Ich kann sprechen nach der Verfafiung. wenn ich will, und es hat niemand das Recht, mich 311 unterbrechen. Präsident(unter wiederholtem Zeichen mrt der Glocke): Ich unterbreche den Herrn Kriegsminister. Wenn der Präsident spricht, so hat hier jeder zu schweigen, und jeder, der hier im Hause ist, sei eS hier unten, sei eS auf den Tribünen, er hat dem Präfidenten Folge zu geben, und wenn hier wirklich etwas vor- gekommen wäre, was gegen die Ordnung des HauseS verstoßen hätte, so würde es meine Sache gewesen sein, das zu rügen. Ich habe das nicht getan, denn der Herr Borredner hat sich in seinem Recht befunden.(Bravo I links. Zischen rechts.) Jetzt erteile ich dem Herrn Kriegsministcr das Wort. . K r i e g s m i n i st e r: Ich muh bemerken, daß ich wiederholt protestiere gegen das Recht, welches der Herr Präsident sich der königlichen Regierung gegenüber nimmt. Ich meine, die Be- fugnis deS Herrn Präfidenten geht, wie schon bei einer früheren Gelegenheit gesagt worden ist. biS an diesen Tisch und nicht weiter I (Heftiger Widerspruch links und Zischen rechts.— Große lln- ruhe.— Der Vizepräsident von Bockum-Dolffs bedeckt sein Haupt und alle Mitglieder erheben sich, links unter lebhaftem Bravo!) Präsident von Bockum-DolsfS: Das heißt, die Sitzung ist für eine Stunde vertagt. ." Der auffäsfige Kriegsminister wurde nicht von Polizisten aus dem Hause geschleift. Vielmehr das Haus wurde hinaus- geschleift. Der Kriegsminister hatte die Szene provoziert. Man suchte einen Anlaß, um den Landtag nach Hause zu schicken. Und man wollte da? Parlament beseitigen, um— nach preußischer Art— in RechtSkormen das Gesetz zu verhöhnen. Die Preßfreiheit sollte gesetzwidrig aufgehoben werden. Die preußische Verfassung gestattet— während der Nichttagung— königliche Notverordnungen mit gesetzlicher Kraft. Folglich ließ man eben das Abgeordneten- hauS— nicht tagen. Das Staatsministerium Bismarcks erklärte, daß die Minister nicht unter der Ordnung des Hauses ständen. Wilhelm I. erließ am 20. Mai eine allerhöchste Botschaft, in der eS.der Würde Unserer Regierung nicht für entsprechend erachtet" wurde, daß.Unsere Minister als Vertreter der Krone den Verhandlungen des Hauses, unter LerzichUeistuna auf die rechtlich zustehende und verfasiungS- mäßig verbriefte selbständige Stellung gegenüber dem Hause der Abgeordneten und dem Präsidium desselben, beiwohnen." Am 27. Mai wurde der Landtag aufgelöst. Am 1. Juli erschien die P r e ß 0 r d 0 n n a n z, in der das Ministerium die Befugnis er- hält— entgegen Verfassung und Preßgrsetz— mißliebige Preßerzeugnisse zu verbieten:.Indem den verwerflichen Ausschreitungen einer zügellosen Presse Einhalt getan wird, wird die Preßfreiheit selbst auf den Boden der Sittlichkeit und der Selbstachtung zurück- geführt werden, auf welchem allein sie gedeihen und sich dauernd befestigen kann." Ein preußischer Minister lehnt sich gegen den Präfidenten auf— der Landtag wird aufgelöst— die Presse gewaltsam und gesetzwidrig unterdrückt. Das ist die wirklich preußische Auffassung von wirklichem Parlamentarismus. Aber dieser Fall erhält sein überbietendes Gegenstück. Nachdem die schrankenlose Schimpffteiheit der Minister fest- gestellt, wird den Abgeordneten die— Immunität ihrer parlamentarischen Reden entzogen; wird auch versucht, die Präsidial- gewalt zu vernichten._ Die CHabrrcbdiiUcbfccit und ihre Berechnung 1654 war eS, da wandte sich ein ftanzöfischer Kavalier de M e r6, der— wie eS auch heutige Kavaliere tun— dem Glücks- spiel mit Leidenschaft huldigte, an seinen Freund, den berühmten Mathematiker und Philosophen Blaise PaScal und bat ihn, doch berechnen zu wollen, wie der Spieleinsatz zu teilen ist, wenn zwei Spieler bei beliebigem Stand« eines Spieles übereinkommen. es abzubrechen. Derartige sich auf das Glücksspiel und die Wahr- scheinsichkeit deS Gewinnes oder deS Verlustes beziehende Probleme traten bereits bei den italienischen Mathematikern des 15. und 16. Jahrhunderts auf. Aber nur bei Pascal und seinem Freunde F e r m a t gewannen sie eine systematische Durcharbeitung, die dann eine Grundlage bildete für einen neuen Zweig der theoretischen Mathematik, die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Diese Rechnungsart hat heute eine Bedeutung, die sich der gute de Meie wohl nie träumen ließ. Statistik und Versicherungswissen- schast mit ihren zahlreichen Verzweigungen stehen und fallen mit 5— den Sätzen der W.-R. Die Methodik der experimentellen Wisien- schaften oerdankt der W.-R. ihre Theorie der Fehler; die Mechanik und theoretische Physik bauen darauf manche ihrer weit- tragendsten Theorien, und neuerdings findet die W.-R. ein weites Anwendungsgebiet in den noch gor nicht in ihrer ganzen Wichtigkeit abzuschätzenden Untersuchungen über die Gesetze der Strahlung und der Energieverteilung. Und'doch— trotz dieser glänzenden Stellung— gibt es wohl kaum einen anderen Zweig der Mathematik, der in seinen Grund- lagen anscheinend unsicherer wäre und an den.gesunden Menschen- verstand" beleidigendere Forderungen stellte als gerade die W.-R. Schon der Name allein. W.-R, erweckt die schlimmsten Zweifel. Die Wahrscheinlichkeit ist doch inr Gegensätze zu der Gewißheit das, was wir nicht sicher kennen, und das Unbekannte soll sich berechnen lafien I Wie eS im einzelnen trotzdem geschieht, kann der mathematisch interessierte Laie— mit elementarsten Vorkennwifien ausgestattet— in dem soeben erschienenen Werkchen: Otto Meißner, Wahr- scheinlichkeitsrechnung(Leipzig, B. G. Teubner. Preis 86 Pf.), nachsehen und nachprüfen. In Nachfolgendem wollen wir weniger den Inhalt des Werkes in seinen Einzelheiten wiedergeben— das wäre un- möglich—, als vielmehr durch Analyse einige pafiend gewählte Beispiele zeigen, daß die Sätze der W.-R., weit entfernt davon. einen bloß mathematischen Sinn zu haben, über die Natur der wifienschaftlichen Forschung überhaupt helle« Licht verbreiten. Nehmen wir gleich das klassische Problem der W.-R., daS sogenannte.Würfel-Problem". Wir würfeln mit einem Würfel; wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine be- stimmte Zahl, sagen wir 6, erscheint? Die einfachste Ueberlegung, die wohl von allen Würfelspielern, sei eS auch unbewußt, vollzogen wird, ist die: eine von den sechs Zahlen erscheint gewiß. Da jedoch kein Grund vorliegt, der das Ericheinen der einen Zahl vor den anderen begünstigt, so läßt sich auf die eine ebenso gut wetten wie auf jede andere. Die Wahrscheinlichkeit für jeden der sechs Fälle ist gleich groß. Die Mathematik kleidet diese Ueberlegung in zahlen- mäßige Form, indem sie sagt, daß die Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine bestimmte Seite des Würfels bei dem einmaligen Würfeln er- scheint, gleich ein Sechstel ist. Was bedeutet nun dieser Satz für die WirNichkeit? Wollen wir damit etwa sagen, daß bei sechsmaligem Würfeln alle sechs Seiten nacheinander unbedingt erscheinen inüfien? Eine solche Behauptung würden wohl alle Spieler belächeln. Wohl aber läßt sich bei einer genügend großen Anzahl von Fällen dieser mathematische Satz in die Erfahrung übersetzen. Würfeln wir etwa 6000 Mal— und derartige Proben wurden tatsächlich verschiedentlich vor- genommen—, so kommt jede von den sechs Seiten beinahe KXX) (es können 690 oder 1010 sein) Mal vor. Was für eine Zauber« kraft wohnt also in jenem Satze, da er uns gestattet, derart in die Zukunft zu schauen? Um diese Frage dreht sich schließlich jede statisttiche Berechnung. Die erschöpfende Antwort daraus ist jedoch nicht so einfach, wie es den Anschein haben mag. Indes kann uns die Praxis deS Würfel- spiele? einige Winke für die Beantwortung geben. Der Spieker verlangt einen.guten" Würfel, d. h. einen Würfel von regelmäßiger geometrischer Gestalt und auS homogenem Material, das gleichmäßig nach allen Seiten hin verteilt ist. Er sorgt für eine möglichst ebene horizontale Fläche, auf die der Würfel fällt, er der- langt, daß aus dem Becher und nicht aus der Hand gewürfelt wird. kurz, er sucht alle G r u n d b e d i n g u n g e n des Spieles möglichst unveränderlich zu machen. Innerhalb dieser fest umgrenzten und vorbestimmten Bedingungen haben nun den freien Spielraum alle jene unzähligen Kräfte und Einflüsse, die das Ergebnis des Würfelns jedesmal so und nicht ander« gestalten. Diese Kräfte kennen wir im einzelnen nicht, wohl aber wissen wir, daß sie so vielfältig durcheinander gemischt sind,— man denke nur an die unfaßbar vielen Möglichkeiten für die Lagerung des Würfels im Becher I*— daß für jedes einzelne der sechs Resultate jede mögliche Kombination dieser Kräfte gleich gut in Frage kommt. Wir nennen dann diese Fälle gleich möglich. In der Bestimmung der gleich möglichen Fälle, in der eingehenden Analyse jenes eigentümlichen Gemisches von Wissen und Nichtwissen, das wir soeben an dem Beispiel des Würfelspieles kennen gelernt haben, besteht eine der schwierigsten Ausgaben der wissenschaftlichen Forschung, bei der der.gesunde Menschenverstand" sich des öfteren die ärgsten Blöße» gibt. Der nächste Schritt besteht nun darin, die Anzahl der sogenannten.günstigen Fälle' zu bestimmen. In dem oben besprochenen Beispiel mit einem Würfel war die Anzahl der möglichen Fälle 6, davon nur der eine dem Erscheinen der im voraus bestimmten Zahl günstig. Aendern wir, um mit den Begriffen des möglichen und günstigen Falles uns vertrauter zu machen, die Bedingungen des Problem« und stellen nunmehr folgende Frage: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß bei zwei- m a l i g e m Würfeln mit einem Würfe- die im voraus bestimmte Zahl— nehmen wir wiederum 6— zweimal erscheint? Die Anzahl der möglichen Fälle im ersten Wurf beträgt 6; jeder davon kann mit jedem der 6 möglichen Fälle deS zweiten Wurfes eine Kombination auS 2 Zahlen bilden. Die Anzahl der möglichen Fälle bei den 2 Würfen ist also 6 X V--- 86. Davon ist nur der eine Fall günstig, die gesuchte Wahlscheinlichkeit ist'/gg. Man kann demnach die mathematische Wahrscheinlichkeit eine? Ereignisses alS eine« Bruch definieren, deficit Nenner die Zahl sämtlicher unter gegebenen Um- ständen möglichen Fälle angibt und dessen Zähler die Zahl günstiger Fälle bezeichnet. Dieser Bruch ist immer echt, d. h. kleiner als 1; wird er gleich!. so bedeutet daS, daß die Zahl der günstigen Fälle gleich der der möglichen ist, d. h. die Wahrscheinlich- keit wird zur Gewißheit. Ist kein einziger Fall günstig, so wird der Bruch gleich V. d. h. daS Ereignis ist unmöglich. Das im vorstehenden in kurzen Zügen skizzierte logische Rüstzeug der W.-R. erfordert in seiner Anwendung auf die konkreten Probleme so viel Geistesschärfe, daß auch hervorragende Forscher nicht immer imstande waren, Fehlschlüfie zu vi rmeiden. Hier ein paar historische Beispiele. Es wird eine Münze zweimal hintereinander auf den Tisch ge- warfen: wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie wenigstens einmal.Wappen'(oder Kopf: K) zeigt(die andere Seite heißt .Schrift", S)? D'A l e m b e r t, der große Mathematiker, einer der Schöpfer der berühmten.Enzyklopädie", analysierte die Aufgabe folgendermaßen: Die Münze kann schon bei dem ersten Wurf Kopf zeigen, dann ist der zweite nick t mehr nötig. Zeigt sie bei dem ersten Wurf Schrift, so muß das zweitemal geworfen werden und hier kann es wiederum K oder S vorkommen. Es find also drei Fälle möglich: K, SK, SS. Davon find zwei günstig, die Wahr- lcheinlichkeit ist also— D'Alcmbert ließ sich bis an sein Lebens- ende nicht überzeugen, daß in dieser Ueberlegung ein logischer Irrtum steckt. Rücken wir diesem Problem mU Hilfe der oben entwickelten Begriffe zu Leibe, so ergibt sich, daß die von D'Alembert konstruierten drei Fälle keiueSwegs.gleich möglich' sind. Der erste Fall ist unter der Bedingung einmaligen Werfens zustande gekommen, während in dem 2. und 3. die Ergebnisse je zweier Würfe entholten sind/ Es muß eben, um die Gleichwertigkeit der Fälle herzustellen, auch nach dem ersten K nochmals geworfen werden, da kann eS wiederum K oder S geben. Die gleichmöglich m Fälle sind also: KK, KS, SK, SS und die Wahrscheinlichkeit ist gleich«/« und nicht 2/,. Ein für die menschliche Natur überaus charakteristischer Fehler wird weiter bei der Berechnung der Wahrscheinlichkeit für die Wiederholung eines Ereignifies gemacht. So wird wohl jeder Laie, ohne sich lange zu besinnen, behaupten, daß eS viel weniger wahrscheinlich ist, mit einem Würfel zweimal nacheinander sechs zu würfeln, als z. B. beim ersten Wurf 3 und bei dem zweiten 4 zu bekommen. Und dennoch ist die Wahrscheinlichkeit in beiden Fällen genau dieselbe und zwar Va«. wie wir das oben berechnet haben. Der Grund des Fehlers liegt darin, daß der erste Fall nur viel außergewöhnlicher vorkommt als der zweite und deshalb von uns sofort bemerkt wird. Diese psychologische Selbsttäuschung steigert sich bei den berufsmäßigen Glücksspielern zu einem Wahne, was mauchen geschickten Gaunern die Möglichkeit gibt, mit den .Prophezeiungen für daS Roulett, spiel' und ähnlichem Zeug hervor- zutreten. Es sei übrigens bemerkt, daß derselbe D'Alembert und einige Mathematiker nach ihm behauptet haben, daß eS nicht nur sehr unwahrscheinlich, sondern physikalisch unmöglich sei, beim Auswerfen einer Münze lOOOmal hintereinander Kopf z» bekommen. Der Leser, der an dieser Stelle den kürzlich veröffentlichten gedankenreichen Ar- tikel von E. Mach über.DaS Paradoxe und das Wunderbare' mit Ausmerksamkeit gelesen hat, wird den psychologischen Grund dieses Fehlers leicht feststellen können. Im Vorbeigehen wollen wir noch auf die treffliche Kritik hinweisen, mit der Fr. Alb. Lange in seiner Geschichte des Materialismus die auf ähnlichen psychologischen Täu- schungen beruhenden Taschenspielerkunststück« deS.Philosophen' Ed. v. Hartmann zerzaust(Bd. IL, S. 353 ff. der Ausgabe in der Reclamschcn Univ.-Bibliothek). Da eS nunmehr notwendig ist, aus räumlichen Gründen zum Schluß zu eilen, so wollen wir doch mit einigen Worten aus das Buch von Meißner eingehen. Im Vergleich mit den an dieser Stelle in dem Artikel„Ziffer und Zahl' besprochene» beiden ersten Erscheinungen der.MathematischenBibliothek' hat uns dieses Werkchen vielweniger be- friedigt. Esscheint.daßdieArbeitsehrejlig gemacht wordeli ist; wenigstens ist die Sprache viel weniger sorgsältig/ als es in Schriften solcher Art unbedingt notwendig ist. Durch diese Nachlässigkeit der Sprache ist wohl auch der große Fehler in der Theorie der Wiederholungen verursacht worden(Seite 9 oben). Der Leser, der die Grundlagen der W.-R. begriffen hat, wird diesen Fehler selbst leicht berichtigen können, indes ist eine solche Nachlässigkeit zumal in dem für Laien bestimmten Werke streng zu rügen. Auch die geschichtlichen und bihliographischen Angaben sind erstaunlich tinzuverlässig. Man wird vielleicht dem Verfasser als Mathematiker verzeihen können, daß er den Heimatdichter I. P. Hebel mit dem Draamatiker Fr. Chr. Hebbel verwechselt(S. 15); man wird es auch noch hingehen lassen, wenn er den G. Th. F e ch n e r als Schöpfer der eMeri- mentellew Psychologie anspricht; man wird jedoch staunen müssen, wenn er, was auf S. 16 geschiebt. Fermat an Stelle von Pascal zum Fremide des Kavaliers de Merö stempelt. I» sachlicher Hinsicht hätten wir eine viel tiefere Begründung der elementaren Wahrscheinlichkeitssätze gewünscht; es scheint eben. daß der Verfasser die Grenze zuischen Popularität und Oberfläch- lichkeit nicht innezuhalten versuchte. Da es uns jedoch an anderen populären Werken aus dem Gebiete der W.-R. bis jetzt so gut wie vollständig gefehlt hat. so mag das Büchlein von Meißner in Er- maugelung eines besseren zur vorsichtigen Benutzung hiermit emp- fohlen werden. V. Ttr. Kleines f euilleton. Merkwürdige See-RettungSaPparate. Räch jeder großen TchiffS- katastrophe Pflegen wunderliche Erfinder aufzutauchen, die einer um den anderen das allein wirklich wirksame und allein wirklich sichere RettungSmittel bei Seegefahr entdeckt haben»vollen. Natürlich handelt es sich in neun von zehn Fällen um„Erfindungen", die in der Praxis kläglich versagen würden oder jedenfalls nie eines prak- tischen Versuches für wert befunden werden. So ist die Zahl der Erfinder, die Schiffe unfinkbar machen wollen, Legion. Als die „Drummond Castle' sank und alle Pafiagiere und Seeleute bis auf zwei in die Tiefe riß, tauchte ein französischer Ingenieur mit einem etwa? abenteuerlichen Plane auf. Er wollte in den Tiefen des Schiffsraumes längs aller Deckwände eine Anzahl wafier« und lustdichter großer Säcke anbringen, die etwas Kalzium- karbid enthalten sollten. Wenn daS Schiff scheitert oder gerammt wird und da? Wafier in den Schiffsraum dringt, entwickeln sich Gase, die die lustdichten Säcke sofort zu großen Ballons anschwellen lassen. Nach den komplizierten Berechnungen deS Ingenieurs würden diese Ballons imstande sein, daS Schiff unter allen Umständen über Wasser zu halten, selbst dann, wenn der ganze Schiffsraum durchflutet wird. Aber die Probe auf daS Exempel hat einstweilen noch kein Reeder unternehmen wollen. Die meisten sonderbaren Er- findungen erstrecken sich aber auf die Rettungsgürtel. Vor einigen Jahren erfand ein Engländer namens Robert Whitby einen Rettungsring, der mit einer Nachtlampe ausgerüstet war, so daß er auch in der Nacht von vorüberkommenden Schiffen aus wahrgenommen werden konnte. Dieser Rettungsring mit der Signallaterne sollte imstande sein, vier bis sechs Personen auf un- beschränkte Zeitdauer über Waffer zu halten. Ein anderer RettungS- gürtel, der vor einigen Jahren der englischen Admiralität vorgelegt wurde, enthielt eine Reihe wafierdichter Abteilungen, in denen Nahrung, Wasser und SchnapS für drei Tage enthalten war. Aber den Gipfel erklomm doch der seltsame Kauz, der einen Retwngs- apparat mit einer Laterne und einem kleinen Bllcherfach erfand, da« mit der Schiffbrüchige sich durch Lektüre vor Verzweiflung und Wahn- sinn bewahren könne. Sinnreicher war eine Rettungsweste, die vor einiger Zeit erprobt, aber dann nie eingeführt wurde. Die Weste be- stand auS lustdichten Kautschukkissen, die leicht zusammen- geknöpft werden konnten. Diese Rettungsweste, wog nur dreieinhalb Pfund; im Augenblick der Gefahr konnte sie im Verlauf von 39 Sekunden angelegt und voll Luft gepumpt werden. Sie besaß wafierdichte Taschen, die genügend Biskuit und Wafier enthielten, um einen Menschen fünf Tage zu ernähren. Kurz nach dem Unter- gang der.Drummond Castle' wurde ein anderer seltsamer Rettungs- apparat zum Patent angemeldet; die Vorrichtung wog nur 42 Gramm und konnte bequem in der Westentasche getragen werden. Sie bestand auS einer Patrone und einer kleinen wider- standsfähigen Ballonhülle. Bei Berührung mit dem Wafier«xplo- vierten Chemikalien, die Ballonhülle nahm die sich entwickelnden Gase auf, und an diesem Lustschiff konnte man sich über Wasser halten. Mineralogisches. Ein Meteor st ein auS Aegyten. Die Meteorite, fälschlich oft einfach Meteore genannt, bestehen in den weitaus meisten Fällen aus fast reinem Eisen und sind daher keine Steine in dem gewöhnlichen Sinn dieser Bezeichnung. Dennoch fehlt eS auch an solchen nicht, die dann für die wissenschaftliche Untersuchung noch wertvoller sind. Ein echter Meteorstein ist im vorigen Jahr in Unterägypten gefunden worden, und hat eine genaue Untersuchung seiner mineralogischen und chemischen Zusammensetzung erfahren. Er war beim Niedergang zerplatzt und hatte seine Stücke über eine Fläche von etwa 4V2 Kilometer Durchmesser ausgestreut. Daraus war zu entnehmen, daß die Explosion, die das himmlische Geschoß auseinanderriß, in ziemlich großer Höhe über dein Erdboden erfolgt war. Ungefähr 40 Stücke des Steins konnten gesammelt werden, die aber ohne Zweifel nicht die gesamte Masse darstellten. Sie wogen zusammen etwa 10 Kilogramm. DaS größte hatte ein Gewicht von 1813 Gramm, daS kleinste mir voir 20 Gramm. Namentlich an den kleinen Bruchstücken waren Spuren der Schmelzung durch die große Hitze, die ein Meteorstein bei der Reise durch das irdische Luftmeer erleidet, wahrzunehmen. AuS dem Umstand, daß bei manchen die ganze Oberfläche angeschmolzen war. bei anderen nur ein Teil, wird der Schluß gezogen, daß mehrere Explosionen deS Steins nacheinander stattgefunden hatten. Der be- rühmte englische Astronom Lockyer hat eins der Stücke mit dem Spektroskop untersucht und nach einem Bericht an die.Rature' fol- gende Grundstoffe darin gefunden: Chrom, Natrium. Kalzium, Magnesium, Silizium, Mangan, Eisen. Vanadium, Titan und eine ehr geringe Meng« von Kalium. Nach der chemischen Analyse be- tand der Stein zur Hälfte aus Kieselsäure, ferner zu 20 Proz. aus Eisenoxyd, 15 Kalk, 22 Magnesia, nicht ganz 2 Proz. Tonerde und Chromsäure. Die übrigen Elemente traten dagegen zurück. Auf- allend ist das Fehlen von Nickel und Schwefel. '--- j» Berantwortl. Redakteur: Albert MachS, Berlin.— Krück u. Verlag:.VgrWärtSBuchdru�erei».Berlag»qnstaltPatjlSrngerzlCo.,Berlin6V/.