Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 101. Mittwoch, den 28. Mai. 1912 �Nacddcuik perbslen.Z � Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. iKam Abdallah von der Zäuia heim, so brachte er den Tageseinkauf mit und saß in der Küche und sah zu, wie Ma- bruka und Sultana das Mahl bereiteten. Zweimal des Tages kamen vier alte Tempeldiener aus der Zäuia, um in Abdallahs Hause ihre Kuskusmahlzeit ein- zunehmen. Selbst wenn Abdallah in seinen handgeschriebenen Kom- mentaren des Korans las— was eine seiner liebsten Be- schäftigungen war—, so hatte er Sultana bei sich und ver- schmähte es nicht, sie über die hohen Dinge zu belehren, die seine Gedanken füllten. Oft geschah es hierbei, daß er in einen geradezu ekstatischen Zustand versank, in welchem alles um ihn her verschwand. Oder er saß stundenlang da und starrte vor sich hin, als sei er bei Allah und pflegte Rats mit ihm iiber die Zukunft der Welt. Dann haftete auch Sultan as Blick unbeweglich an ihm wie an einem Götzenbilde. Seit dem Tage des Einzugs empfand sie eine grenzenlose Ehr- furcht vor ihrem Manne. In der bloßen Hingabe unter seilten Willen war der Beigeschmack eines scheuen mid sentimentalen Kultus, welcher ihre Seele mit einer unbekannten Süße, einer Schwärmerei füllte, deren innerstes Wesen ihr selbst ein undurchdringliches Mysterium war. Was in anderen Religionen die krankhaft exaltierte Nonne fühlt, wenn sie die Hostie zwischen die Lippen nimmt, das empfand Sultana in gewissen Augenblicken ihrem Manne gegenüber. Aber wie hätte ein vierzehnjähriges Kind sich über so seltene und kom- plizierte Enipsindungen Rechenschaft geben können! Nur des Abends war Sultana häusig auf Mabruka allein Angewiesen. Bei den Zusammenkünften der Brüderschaft in der !Zäuia, die sich unter Gebeten und liturgischen Tänzen bis weit in die Nacht erstreckten, war Abdallah unentbehrlich. An anderen Abenden empfing er Sckiaren von Freunden und Brüdern, von Zureisenden, die seine Gastfreundschaft suchten, oder Bedürftigen, die lim Rat oder Almosen baten. Denn sein großes Vermögen und die reichen Einkiinfte, die aus seiner Zäuia flössen, erlegten ihm große Verpflichtungen auf: er hatte ihnen allen ein Vater zu seil. Von diesem Strom von Menschen sah Sultana nichts. Sie gelangten nicht weiter als zur Driba, dem großen Saal des Vorder- Hauses, von dem aus in das Heiligtum des Hauses, den Hof und die darin mündenden Gemächer kein Zugang führte. Das Haus selbst hatte Sultana enttäuscht. Obwohl Abdallah viel reicher war als ihr Vater, war sie besseres gewöhnt. ES gab in diesem Hause nur einen Hof, und der Säulen- gang fehlte, obwohl er hier, wo die Sonne weit heftiger brannte als in Tunis, gute Dienste getan hätte. Die Stuben waren niedriger, und statt der reichgeschmückten Balken, die die schmalen länglichen Seitengemächer ihres Baterhauses trugen, begnügte man sich hier mit rohen, unverarbeiteten Palmenstämmen. Im Hofe vermißte sie die traulich plaudernden Spring- brunnen. den verfeinerten Sinn für Blumenpracht und archi- tcktonischen Schmuck. Mitten im Hofe reckte eine herrliche Phönirpalme mit rosenumwundeuem Stamm ihr Haupt hoch iiber das Haus— eine andere Zierde gab es nicht. So war auch die spartanische Ausgestaltung der Ge- mächer Ausdruck eines strengen notdürftigen Bauernge- schinacks, der von eine»» Hause nichts Besseres fordert als Herberge für die Nacht und keinen bequemeren Sitz kennt als die bloße Erde. Die wenigen schwerfälligen Möbel, die weit verstreut standen, waren leicht zu transportieren, und die Fayence der Wände vertrug Wasser, so daß man sie— sowohl zum Schutz gegen Ungeziefer und Insekten wie gegen die Hitze der Sommermonate— mit Eimern kalten Wassers uberspülen konnte. Alles in diesem Hause wies darauf hin, daß es der Sitz einer besonderen Art von Aristokratie war, der einfachsten und do'ch der höchsten von allen. Hier wohnte— das sah man � kein Geschlecht von altem Blute, dessen Macht und Kultur ursprünglich auf Erde, das heißt auf Geld gegründet ge- wesen: ebensowenig ein Träger hoher Würden, wie die Tradition sie in jeder Religion schafft und anerkennt. Nein, der dies Haus baute, war ein Mann des Volkes, ein Beduine wie die anderen, aber von eben diesem Volke bezeichnet als einer von Allahs nahen Freunden. Was war solch ein niederer Bauer im Vergleich zu einem Card von altem Namen. Und dennoch! Was bedeutete selbst der Bey gegen- über den?, der in dem um Allahs Thron geschlossenen festen Ringe stand? So streng wie in des Vaters Tagen wak es allerdings nicht mehr. Abdallah hatte gemildert und verschönt: er war ja von anderer Generation. Welcher Bettelmönch schrie wohl je seine Armut so laut aus, daß seine Nachkommen nicht Paläste bauten! Wenn Sultana ihrem Manne nicht Gesellschaft leistete, gab das Haus ihr genug zu tun. Und noch mehr die Zäuia. Es war mit den vier festen Pensionären nicht abgetai?. Alle, die in Abdallah einen Vater sahen, wußten, daß im Verborgenen eine Mutter für sie wirke, seine kleine kind- liche Gattin, die sie nie zu sehen bekamen, deren leicht vibrierendes Herz sie aber auf vielerlei Art fühlten, so oft sie dessen bedurften. Es wurde in Abdallahs Hause für viele Münder gekocht. und viel Zeug wurde genäht und fortgetragen. Mabruka kannte den Weg zu manch ariner Stube oder verrauchter Gurbi. wo Kranke logen und schmachteten. Sie kam zurück mit leerem Halfakorbe, aber den Kopf voll von allerhand Schicksalen, die Sultanas Phantasie be- schäftigtcn. In dem geschlossenen Hofe, in dem die junge Herrin saß, war Mabruka das Auge, durch das sie die Welt beobachtete. Und wiewohl eingesperrt wie ii? einem Ge- fängnis, wußte sie bald mehr von Gafsa als alle diejenigen. die da draußen frei umhcrwandclten. Sie merkte bald, daß es kein Nein in Abdallahs Munde gab, wo es zu helfen gab. Ein solcher Reichtum berauschte sie und gab den beiden Gatten zugleich gemeinsamen Stoff zur Erörterung, inenschliche, irdische Interessen, die sie er- wärmten und einander ganz nahe brachten. Und wie selig war es nicht zu geben! Sie fühlte, wie eigenes Glück aus ihrer Tätigkeit sproß. Es erlaubte ihr so vieles zu vergessen, was ja doch nur in Tränen endete. Und es entflainmte ihre kindliche Energie, so daß sie nach neuen Aufgaben auszuspähen begann, noch ehe sie sie riefen. In all diesen praktischen Dingen gab der'nehr geistig veranlagte Abdallah seiner Frau ganz freie Hand. Vierzehn Jahre alt, hielt sie Menschenwohl und-wehe in ihren kleinen Händel?...... Aber das erzog lind adelte: reifte?»?d'.»crgrößerte ihren Gesichtskreis. Niemals hatte Menschenwohlfahrt in Gafsa sicherer utid in weicheren Händen geruht. Sie hatte unter manch anderen Sorgen einen Herzens- kummer. Sie entbehrte ihre Katze, die sie der langen See- reise nicht hatte aussetzen wollen. Abdallah brachte ihr Turteltauben lind Stiegkitze ii? per- goldeten Bauern. Aber was half dies! Die konnte sie ja llicht in ihren Armen halten und an ihre Brust drücken und an ihre Wange schmiegen. Sic konnte sie nicht mit in ihr Bett nehmen. Sie saßen nur da und piepten uird wollten hinaus und machten ihr das Herz schwer. Da kam aber Abdallah eines Morgens von der Zäuia Hein? init einer Gazellenkib. die ein durchreisender Nomade ihm als Geschenk mitgebracht hatte. Die Gazelle hatte Augen wie Nur und einen so weichen Mund! Sie durste im Hofe umherspazieren lvie ein Freund der Familie. Alle die Geheimnisse, die nicht einmal Mabruka hören durste, hörte sie so teilnehmend an. Es war rme Gazelle von Herz lind Gesinnung lind ungeheuer weltklug. Tie Katze, das große Herzeleid, war in acht Tagen treulos ver- cefien. Sultans fühlte es. Wh sie von jetzt an nie mehr ganz verzweifeln könnte. Nicht folange sie die Gazelle hatte. Auf dem flachen Dache stand das einzige Haustier, näm- lich eine Ziege, die von Sultana selbst gemolken wurde. Ach, wie heiß mußte das arme Tier es mitunter haben, fürchtcr- lich heiß! Wenn das Thermometer auf 45 Grad im Schatten stand, war es auf einer fonnenbeschienenen Terrasse um Kühle schlecht bestellt.. Abdallah tröstete Suitana damit, daß es für dieses Tier nur eine Lustreise wäre, wenn man es selbst zur Hölle'chickte. Sie sah denn auch, daß es seine fette Milch selbst an Tagen gab. wo sie. wie sich ausrechnen ließ, im'?uter fast gekocht haben mußte. Schon war Sultana auf festem Wege, in dem neuen Erd- reich Wurzeln zu schlagen. Sie sog Freude aus zahlreichen Quellen und sah ein, daß die düsteren Zukunftsahnunzen der Grundlage entbehrten. Wäre sie ein isoliertes Wesen ohne Familie und ohne Erinnerungen gewesen oder hätte sie vollständig und alles vergessen können, was der Vergangenheit angehörte, ihr Glück wäre vollkommen gewesen. 14. Eine Nacht zu Beginn des Juli wurde an die Pforte ge- hämmert, daß das ganze Haus dröhnte. Abdallah und Sul- tana fuhren aus dem Schlafe auf. Um der drückenden Hitze in der Schlafkammer zu entgehen, hatten sie ihre Matratzen in den Hof gezogen und schliefen unter offenen! Himmel. Tie Pforte wurde geöffnet. Ein Weib sprang vom Pferde und stürmte herein. Sultana sank mit einem Freudenschrei in ihre Arme. Wie hatte sie sich nach zwei Worten von daheim gesehnt! Alles schien sie vergessen zu haben: niemand antwortete aus ihre Briefe. Sie machte sich die ärgsten Vorstellungen, was zu Hause geschehen sein mochte. Nun lag sie in ihrer Mutter Armen. Lalla Djerida war aus Bcni-Zid.herübergecitten, be- gleitet von drei Männern ihres Stainmes. Während Abdallah die drei Begleiter zur Zäuia führte, die für viele Reisende Herberge hatte, sprangen die Worte von Djeridas Lippen wie Hagel auf ein Glasdach. Sie erzählte, wie sie kurz nach Sultanas Hochzeit, als die Dinge eine gefährliche Wendung zu nehmen begannen. zu ihrem Stamm geflüchtet war. Wie Nur vorausgesehen hatte, verlangte Hamza die Un- gültigkeitserklärupg seiner Ehe mit Zleira und die Rück- zahlung der Kanfsummc. Aber wie gleichfalls erwartet, er- widerte Si Taleb, der für die Braut gehandelt hatte, daß das Mädchen gesund gewesen, als man sie zu dein Bräutigam brachte. Die Sache mußte untersucht werden. Zuerst sandte der Kadi eine Kommission, bestehend aus zwei alten Weibern und einer Hebamme. Sie befanden Zleira übelriechend, aber gesund. Hamza erklärte, er würde jeder von ihnen ein Auge ausschlagen. Tann wurde ein Arzt geschickt, der die Erklärung abgab, Hamza müsse von Sinnen fein. Seine Frau sei ge- sund und frisch wie ein Pfirsich. Damit war die Sache bis zu dem kritischen Punkte ge- diehen, an dem sie für alle Verschworenen gefährlich zu werden drohte. Der Zauberer Amor fühlte wohl schon den Strick um den Hals jucken, aber er kannte seine Macht und nicht minder fein Opfer und faßte in Ruhe seinen Beschluß. Er ging zum letzten Male zu Hamza und sagte:„Der »Wurmfresser" ist tot und die„Bindung" ist geglückt. Dein Leben ist fsir diesmal gerettet— sofern Du die Geister nicht abermals reizest, indem Du Zleira in Dein Haus nimmst oder das ruchlose französische Geld zurückforderst. Denn dann müßtest Tu unfehlbar zur Stunde sterben, und alle meine Kunst wäre vergebens." Hamza säumte nicht, zum Kadi zu gehen. Ob nun Zleira krank oder gesund war, sie war ihm eine Pestilenz, und er wollte weder sie noch ihr Geld mehr in lseinem Hause sehen. Damit fiel die Sache von selbst zusammen, und der Kadi ifällte den Ehescheidungsspruch. Während all dieser Zeit aber hatte Zleira Nur, der ihr so brav geholfen hatte, lieben gelernt und er sie. lFortsetzung folgt.) )Ziif der jfagd nach der Poesie. Von Svend Leopold. In der Schristftellerwelt herrschte große Freude. Der reichste Großkaufmann der Stadt hatte an seinem Jubiläum?- tage ein Legat gestiftet, das jährlich demjenigen Dichter zucrteilt werden sollte, der in der poetischsten Weise„einen schönen, erhabenen Gegenstand oder Menschen zu schildern vermöchte". So kurz und bündig lautete die Bestimmung des Legats. Nun entstand ein gewaltiger Spektakel auf dem Parnaß, da alle sich den Wünschen des Großkaufmanns gegenüber fo entgegenkommend wie möglich zu zeigen gedachten. Man zerbrach sich unverzüglich den Kopf darüber, wie man einen schönen, erhabenen Gegenstand oder eine ebenso beschaffene Persönlichkeit finden könnte, die nicht gerade identisch mit dem eignen kleinen Ich war. Einer der Dichter ging auf der Stelle nach Hause und vertiefte sich in die Klassiker. Er war ein fleißiger Mann, der mit Nutzen zu lesen und AuS- züge aus dem Gelesenen zu machen verstand. Die Lorgnette ganz vorn aus der spitzen Nase, bohrte er sich blitzschnell durch die ganze klassische Literatur hindurch: und je mehr er bohrte, desto tiefer kam er zwischen die alten Sandschichten und Staubansammlungen hinab. Nun mußte er doch bald bei den Quellen angMmgt sein, bei irgend einer' verborgenen Wasserader, die als neue poetische kleine Oase zu verwenden war. Und er bohrte und bohrte. Aber kein Tropfen quoll hervor aus den klassischen Sandgruben. Da bekam er schließlich so viel Mitleid mit sich selbst, daß er beschloß, ein Buch über seine eigene Person zn schreiben. Er war ja jetzt so mit ehr- würdigem Staub bedeckt, daß er sich fast schon wie ein Klassiker ausnahm. Und er schrieb daS Buch, in Versen obendrein. Und wurde es auch nicht gerade eine Oase, so doch etwas, das einer Luftspiegelung über einem Meer von Sand glich. Das Ganze stand etwas gar zu sehr auf dem Kopf, aber schön und erhaben war es doch, denn die Spiegelung hielt sich an die besten Muster und be» rühmtesten Vorbilder.--- Dann war da ein anderer Dichter. Der sagte: „Ich muß reisen, ich muß reisen I Wenn man heutzutage der Poesie habhaft werden will, muß man weit, weit weg." Und dann eilte er dritter Klasse nach Genua und fuhr als Deck- Passagier auf einem Dampfer nach Borneo. „Borneo... daraus verfallen die anderen Idioten zu Hause nicht so leicht," sagte er sich und schob die karierte Reisemütze flott in den Nacken. „Ich werd' ihren löcherigen Zähnen ein paar urftische Kokosnüsse zu knacken geben, daß ihre morschen Kiefern krachen sollen I Ich will ihnen frisches Dschungelgebüsch ins Gesicht halten und will diesem Großkaufmann schöne und erhabene Gegenstände aus der anderen Welt zeigen, daß er vor Verblüffung starr ist." AlS er nach Borneo kam, kaufte er sich eine Büchse»md zehn Eingeborene. Also ausgerüstet, bahnte er sich ohne Zandern einen Weg in das nächste Dschungelgehölz. Hier traf er einen Pavian. Ueber ihn schrieb er ein Buch. DaS schickte er dem Groß- kausmaun mit einem gnädigen, äußerst herablassenden Schreiben... Aber dann war da noch ein dritter Dichter, der plötzlich auf eine sublime Idee kam. „Ich will eine Reise um die Erde machen", beschloß er. Mein Kollege glaubt, naiv wie er ist, die Poesie habe ihren Wohnsitz auf Borneo. So etwas könnte mir nie einfallen. Eine Reise um die ganze Erde, das ist Poesie, moderne, der Zeit entsprechende Poesie l Ich werde dadurch außerdem selber zn einem schönen, erhabenen Gegenstand für die Bewunderung meiner Landsleute; und mein Buch soll nur von mir selber und meinen neuen überraschenden Eindrücken handeln, die ich aus dem ganzen Erdball sammeln werde. Weiter kann ein Mensch es nicht treiben." Und dann reiste er um die Erde herum, ohne bei dem Gejage und der atemlosen Heye irgend etwas zu sehen. Auf der Fahrt über den Großen und Stillen Ozean war er seekrank, in Sibirien bekam er einen Eisenbahnschock, aber um die Erde herum reiste er, und sein Buch wurde an den Großkaufmann abgeschickt.--- Ein vierter Poet, der zugleich Kritiker war, nahm die große henkellose Familienteekanne der Talentlosigkeit und schüttete einen tüchtigen Guß Wasser auf die alten, ausgebrühten Teeblätter. Und er schrieb ein Buch über seine eigene Familie, und dieses Buch hatte alle die Fehler und Gebrechen, die sein Autor sonst bei den anderen Poeten rügte und verhöhnte. „Wenn ich die Dunimheiten mache, so ist daS etwas anderes." sagte er zu sich,„außerdem schreibe ich nur für einen Menschen, den Großkaufmann: und ich bin überzeugt, daß er mir das Legat vor allen anderen zuerkennen wird." Aber da war noch ein fünfter Dichter. Der war krank und arm. Er konnte sich weder die Klassiker kaufen noch nach Borneo reisen, um Paviane zu studieren, noch konnte er eine Reise um die Welt machen oder einen dünnen Familientce in der alten Kanne ohne Henkel aufbrühen. Darum ging er vor die lärmende Großstadt hinaus und setzte sich auf einen Grabcnrand, der ganz blau war von feinen, nickenden Glockenblumen. Er setzte sich mitten zwischen alle die Blumen und schaute flBet die grünen Felder hin. üBer die fernen Wälder und die alten WeidenBäume an der hundertjährigen Landstraße. UeBer seinem Haupte wölbte sich blau und wolkenlos der Himmel, aber drüben über der Stadt lag der Schornsteinrauch, schwarz und undurchdringlich wie eine Mütze der Finsternis. Diese Finsternis war der Himmel seiner Jugend. Er neigte den Kops und kam sich so klein und mutlos bor, und er wünschte sich den Tod. Aber da pflückte er, in Gedanken, eine der blauen Glocken- bliimen, und sein Herz war auf einmal so seltsam befreit und erleichtert; und es war, als flüstere ihm eine Stimme ins Ohr: .Sei nicht traurig I Verlier den Mut nicht I Kopf hoch, du bist ja einer von denen, die nicht auf Reisen zu gehen brauchen,»un die Poesie zu suchen. Aergere dich nicht darüber, daß du nicht nach Borneo oder um die Erde reisen kannst. Das. weißt du doch: die Poesie ist überall da zu Hause, wo ein Herz, voll und kindlich, an der kleinsten Blume am Straßenrande Freude findet. Die Poesie ist in deinem eigenen Herzen, im Innerste» der Seele, wo der Geist leuchtet, in dessen Tiefe ein göttlicher Funken ruht. Schreib aus der Tiefe deines Herzens heraus I Dann wirst du erreichen, ivas du er- reichen sollst.... Wenn du auch nicht daS Geld des Großkausmanns bekommst." Da nahm der junge Mann sich zusamnien und ging nachdenklich nach Hause. Und er schrieb ein Gedicht über daS, was die blaue Blume seinem Herzen erzählt hatte. Und dieses Gedicht schickte er dem Groß- kaufmann ein. Aber da war endlich ein sechster Dichter. Der sagte sich: .Der verfluchte Großkaufmann hat mir da eine garstige Auf- gäbe gestellt I Wie in aller Welt soll ich daS anfangen?-- Einen schönen, erhabenen Gegenstand oder Menschen?-- Ah, jetzt weiß ich, was ich tun Willi Ich will ein Buch über den Großkauf- maun selber schreiben: und das soll ein Buch werden, daS seine Wirkung nicht verfehlt I" Und er ging nach Hause und schrieb ein Buch über den Groß- kaufmann. Es hatte fünfhundert Seiten und war reich illustriert. Er bekam das Legat und war seelenvergnügt. (Deutsch von Hermann Kiy.) Kewegiingsfornien des JVIceres. Als eine sehr große Waschschüssel möchten wir daS Meer an- sehen und ihm die gleichen Bedingungen der Bewegungsmöglichkeiten zuschreiben. Unaufhörlich, jedem Anstoß der Winde folgend, bewegt sich die Oberfläche, lange noch nachschwingend in der Dünung. Diese Brandungswellen, die in starrköpfiger Ausdauer Schlag auf Schlag die Ouaimaucr heranklettern, sind es nicht ewig die gleichen Wassermassen, die zurückrollen und sich ewig um sich selbst drehen? Diese hohen Wellen der Ozeane, sind sie nur ein Spiel der Ober- fläche und bleiben die Tiefen unberührt von diesem Lärm der Außen- weit, wie es die Tiefseesage behauptet, wie es unseren sichtlichen Eindrücken entsprechen würde? Schon unsere Waschschüssel belehrt unk eines anderen. Selbst im kleinen Wossertropfen sehen wir die kleinen Staubteilchen unaufhörliche Wirbel und Bewegungen auS- führen, in der Schüssel sehen wir ebenfalls durch die mitgerissenen Staubteilchen auch bei langem Stillstand des Wassers eine Wände- rung der Wasserteilchen, die zu schwachen Strömungen werden und nie enden. Im Meer stürmen solche Strömungen mit solcher Ge- walt und Schnelle zwischen den ruhigen Wassermassen hin, daß diese wie die Ufermauern eines FlusieS erscheinen. Die Karten der Meeres- strömungen belehren uns, daß das gesamte Weltmeer in einem reichen, ausgebildeten System von Strömungen seinen Blutkreislauf besitzt, der es in allen Teilen in ständiger Belebung, Bewegung erhält. Ihm schließen sich andere Bewegungserscheinungen der Meereswasser an, die nicht durch Wind und Sturm, die durch ferne Weltkörper ver- anlaßt werden, die Gezeiten. Die Ursachen der regelmäßigen Meeresströmungen werden wir zu erkennen streben, sowie ihre Wirkung auf die Zustände der Erde; wir werden die stillen Kräfte der Tiefe ringen sehen und erfahren, daß es auch dort unten keinen Frieden, keine Kirchhofsruhe gibt. Endlich versuchen wir etwas von dem Wesen der flüchtigsten Meeres- erscheinnng, der Welle, festzuhalten. Die Tatsache regelmäßiger Ströme im Meere und ihr Zu- sammcnhang mit bestimniten Luftbewegungen sind den Schiffern des Mittelmeeres bereits in den bekannten„ältesten Zeiten" bekannt ge- Wesen und von ihnen auch zweckmäßig benutzt worden. Die Aus- breitung des Menschen über die Erde hängt mit diesen Strömungen, die den Schiffer zu unfreiwilligen Neulandentdeckungen durch Abtrieb und Mitreißen brachten, eng zusammen. Unsere Schiffahrt be- rücksichtigt in der Einhaltung ihrer Kurse auf den Liyien sorgsam die Einwirkung der zu streifenden, oder zu benutzenden Strömungen. Die Richtungen dieser Strömungen und damit die Reisen der Wasser- teile sind dem Menschen illustriert durch das Finden von Treibholz z. B. sibirischer Herkunft an amerikanischen Küsten, durch da? An- ichwemmen fernster Pflanzensantc», z. B. indischer Herkunft an der Ostküste Grönlands. Nicht nur der Mensch wurde durch diese Mccresbewegungen zur Ausbreitung über die Erde gestihrt, auch die Tierwelt kann so zu merk- würdiger Verbreitung auf Inseln und Länder kommen. Man kennt nicht nur ein Treiben stürzender Urwaldbäume, die von ihren Ströme» dem Meer zugeführt wurden und dann ihre langen Fahrten in de» Meeren fortsetzen, häufiger lösen sich infolge der Nagearbeit deS Meeres, Unterspülung, auch größere Waldkomplexe ab und treiben mit ihrem gesamten Inventar von Insekten, Schmarotzern und Affen. Vögeln und Schlangen, durch das Wurzelgcäst zusammengehalten, auf dem Meere, bis sie irgendwo an einer Insel in geschützter Lage hängen bleiben, worauf die angeschleppte Flora und Fauna von der Insel Besitz ergreifen mag, wenn keine stärkeren Einwohner vor- Händen sind. In»eueren Zeiten sucht man durch Auswerfen von verschlossenen Flaschen die Strömungen in ihrem Verlaufe, ihren Geschwindigkeiten zu verfolgen und ihre Natur zU ergründen. Die herkömmliche Ansicht, daß die Ausgleichsströmungen der Luft als Urheber auch der Meeresströmungen zu betrachten seien. Man hat bei 100 Beobachtungen von einem Feuerschiff aus in 3ö Fällen eine Ucbereinstimmung zwischen Wind- und Strömungs- richlung beobachtet. Man kennt aber ein HinauStreiben eines Schiffes aus dem Hafen, obgleich Wind und Wasser landeinwärts gerichtet find und man beobachtet Eisberge, die der Windrichtung entgegen treiben. Das Wasser ist 774 mal so schwer als die Luft. Die Ein- Wirkung dieser Stoßkraft vereinzelter Winde kann daher nicht aus- reichen, diese mit großer Energie dahindrängenden Massen in derart regelmäßigem Gang zu erhalten, zumal wir durch Temperatur- Messungen, durch chemische Analyse der Wasserteile auf ihre Zu- sammensetzimg, auf Reichtum an Salz oder Diatomeen erkannt haben, daß diese Ströme ii» Meer Tiefen bis 600 Meter erreichen. Wir wissen aber, daß dieser Luftdruckausgleich, den wir als „Wind" spüren, genau so exakt an bestimmte Verhältnisse der Erde gebunden ist und nicht weniger als zufällig oder willkürlich wirkt. Wir finden auch, entsprechend den periodischen Veränderungen dieser Luftdruckverhältnisse und der Jahreszeiten eine Abfolge der Strömungsrichtungen im Meere, die keinen Zweifel über die gemein- same Wurzel beider Naturvorgänge läßt. In der Aequatorialzone ist der Druck der auf der Luft lastenden Atmosphäre geringer, nach den Polen zu nimmt er zu; daher strömen die Luftteile von den Polen gegen den Acquator. Da der Luftdruck aber wiederum in bedeutender Höhe sich umgekehrt ver- hält und gegen polwärts abnimmt, so strömt die Lust, die in der Aequatorialzone hochsteigt, dorthin ab, um wieder zum Aequator geführt zu werden. So müssen wir uns auch den Ersatz der ständig abschmelzenden und gegen den Aequator zu geführten Eisberge und Schmelzwasser denken. Diese Lnftdruckausgleiche. verursacht durch die größere oder geringere Sonnenerwärmung der Erdteile, müssen also so regelmäßig vor sich gehen, wie die Drehung der Erde um die Sonne selbst. Wir sehen also in den großen Meeresströmungen das Kielwasser der darüber hinsegelnden beständigen Winde. Die Passate treiben die kalten Ströme gegen den Aequator. die Monsune die warmen Ströme polwärts.„Warm" und„kalt" dürfen wir freilich nicht anders fassen, denn als Gegenbezeichnung zur vorherrschenden Temperatur.' Eine Strömung wird in der Polarzone als„warm" empfunden, auch wenn sie nur wenige Grade über Null, also für uns ziemlich kalt erschiene. Wir finden demgemäß in sämtlichen großen Wassergebieten, in den großen Ozeanen vollständig ausgebildet, aber noch in ab- geschlossenen Meeren gut merklich, diese Stromkreise als„Ausgleichs- Mechanismus", wie ihn die Winde für den Lustdruck der Atmosphäre darstellen. DaS Wasser eines der warmen Ströme unterscheidet sich merklich von dem kalten oder indifferenten. Seine blaue Färbung scheidet es sichtlich von dem grnnfarbigen der kalten Strömungen. Es ist salzrcich und schwerer als das kalte und reicher an kleine» Lebewesen, Diatomeen usw. Wenn wir uns fragen, warum diese Strömungen gerade einen Kreis bilden, warum sie nicht regellos gegcneinanderflutcn, so müssen wir auf die Drehung der Erde verweisen, die eine Ablenkung der Ströme bedingt, ferner müssen wir uns analog den Erscheinungen des Lustdruckausgleichs eil« Hineinstürzen in freiwerdende Becken vor- stellen, ein.Herabgleiten". Diese Strömungen, die derart den Ausgleich der Temperatur- unterschiede zwischen heiße und kalte Zone innerhalb der Gewässer vermitteln, schaffen die„gemäßigte Zone", der Golfstrom wirkt noch in seinen Ausläufern als ein Kälteschirm für Westeuropa. Diese großen„AuSgleichSströme" sind aber nur die großen An- reger der Meeresbewegung. Jeder von ihnen beeinflußt und ver- ursacht weitere Bewegungen. So können z.B. die Strömungen, die mehrere hundert Meter Tiefe haben, nicht den Küsten näher kommen, wo eine Unterschwell« mit geringerer Wasserbedeckung in das Meer hinausragt. In diesem Kustenwasser beobachtet man dann einen Gegenstrom. Wenn ein Wind Wasser in eine Bucht drängt,„staut", so muß diese? am Boden wieder zurückfließen. Darauf beruht jene oben angeführte Erscheinung eines bei landwärts gerichtetem Wind seewärts getriebenen Schiffes. Sein Kiel und sein Leib ruhen im zurücktreibenden Unterwasfer, das bei Nachlassen de? die Oberfläche landwärts drängenden Windes stärker werden kann und das Swiff mit hinauszieht. Ebenso steckt ein Eisberg, der meist mit vier Fünftel seiner Gesamtgröße im Meere bleibt, vielleicht in einer starken anderen Strömung und folgt ihr, obgleich an der Oberfläche ein entgegengesetzter Wind Iveht, ohne den Eisberg zu hennnen. Wir keiineu Aehnliches im Luftraum. Wir haben in so Meter Höhe einen heftigen Ostwind und doch ziehen die Zirrn'wolken in 2000 Meter Höhe westlich. Ueber diesem Weststrom mag abermals ein östlich gerichteter Luftstrom folgen. Gleiche Beobachtungen kennen wir aus dem Meere. Sulzreiche-Z, warmes Wasser ist dichter und schwerer als kaltes. Es wird im Zusammenkommen mit leichterem Wasser unterzutauchen, zu versinken bestrebt sein. So findet da? versenkte Thcrniometer in verschiedenen Tiefen an einer Stelle sich widersprechende Temperaturgrade, und wir sehen hierin die Erklärung für unaufhörliche Bewegungen der Wasser imd zweifellos eine Verstärkung der durch die Winde erzengten Energie der Meeresströmungen. Der Floridcstrom, der allerdings au-Z der Ver- engung einer Bucht kommt, bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 130—210 Kilometer täglich vorwärts, sie verringert sich aber schnell, wo der offene Ozean die volle Ausbreitung erlaubt. Dann kann die Bewegung unmerklich werden, wenn nicht die Färbung des Wassers lind der Abtrieb vom Kurse für die Strömung zeugen. Wo warmes Wasier versinkt, strömt kaltes hinzu und taucht auf, wenn ein Wind das warme Obersiächenwasser wegtreibt. Die Bewegungen der Wasserteile gehen also durch da? Meer' in seiner ganzen Tiefe. Die rätselhaften Kabelscheuerungen. die mit der angenommenen Bewegungslosigkeit so schwer vereinbar waren, selbst die Eristenz mancher Tiefseeorganismen wird erst verständlich, wenn wir uns die untertauchenden Strömungen durch die Tiefen durchflutend vor« stelle». Der Einfluß, den die Anziehung von Sonne und Mond auf die Meeresoberfläche in den Ebbe- und Fluterscheinnngen au den Küsten verursacht, muß gegen diese größeren Bewegungen zunicktreten, ob- gleich die Flutwellen wie Ströme wirken und die großen Strömungen beeinflussen mögen. Wenden wir un? nun noch dem Produkt dieser beiden großen Meeresbeweger, der Welle, zu. Die Welle ist cS, die der Wind ans dem leichten Gelräusel herausbläst, wie man auS dem Seifenschaum die große bunte Seifenblase crbält.„Denn jeder kleine Wellenhügel bietet dem Wind eine Angriffsfläche, die das Wasser nicht bot. Da- her steigert der Wind die Wellen immer höher, je länger er weht". lRatzel, Die Erde, II, 201).„Und daher kommt es auch, daß die Wellen inimer höher werden, je größer die Fläche ist, über die er hinweht und daß in den großen Meeren die großen Wellen wandeln". «Ratzel, ebenda). Im Indischen Ozean hat man die bisher höchsten Wellen von 11 Meter Höhe festgestellt, toährend die höchsten Wellen der Nordsee nicht 4 Meter, die de? MittclmeereS nicht 4,5 Meter übersteigen. An Länge kennt man Wellen von mehr als 130 Meter (Südatlantischer Ozean); westlich von Kapstadt hat Roß solche von 580 Meter beobachtet, deren Geschwindigkeit fast das Vierfache eines Postdampfers war(77 Seemeilen in der Stunde). Wie tief die Welleubetvegung»och unter Wasser wirkt. ist kaum bestimmt anzugeben, man setzt die Grenze direkter Wellen- Wirkung gegen die Tiefe auf 150 Meter. Die Schlangenlinien, in denen ailfsteigende Luftblasen aus der Tiefe auftauchen, sind Be- weise der Wellenwirkung. Hagel und Schnee beruhigen die wütendsten Meereswellen, wie Oel und wie beginnende Eisbildung. Letztere veranlaßt die Bildung einer gallertartigen Oberfläche, die wie Oel durch ihre abweichende Schwingungsneigung auf den Seegang hcnimend wirkt. Bemerkens- wert ist, daß Oel nur bei regelniäßigcm Wellengang hemmend, be- ruhigend wirkt, nicht aber bei„durcheinanderlaufenden Wellen". Die Brandungswelle wird dadurch veranlaßt, daß die vom Wind heran- getriebene Welle durch das Auflaufen auf den zu flachen Strand ihr Fundan, ent verliert und vorwärtsgedrängt, im Bestreben, dem Ltüstenhindernis auszuweichen, sich überschlägt. Das ablaufende Waffer reißt Sand und Steine herab, die neue Brandungswelle trägt leichteres Material hinzu und daher„hören wir dem dumpfen, tiefen To» des Ueberstürzens das Zischen und Reiben der rollenden Kiesel und Sandkörner am Grunde folgen".(Ratzel, 203.) Da? sind nur einige Fragmente aus dem nie vollständig geschriebenen Gesamtwerk der Natur, dessen Band„Das Weltmeer nud seine Probleme" verhältnismäßig nicht über Vorwort und vor- aussichtliche Inhaltsangabe gediehen erscheint. G. Kleines feuilleton. Naturwissenschaftliches. Ueber den Farbenwechsel der Fische. ES dürfte wenigen bekannt sein, daß es außer dem afrikanischen Chamäleon, daS durch seinen Farbenwcchscl sprichwörtlich geworden ist, noch eine große Anzahl anderer Tiere gibt, die— wenn auch in kleinerem _ dieselbe Fähigkeit besitzen. Zu ihnen gehören, wie Dr. V. Franz im„Zoologischen Beobachter"(1012 Rr. 3) ausführt, auch einige unserer- Heimatfische, vor allem Plattfische: Schollen, Butten und Zungen. Die Färbung dieser Fische ist, wie durch Aquariumbersuche leicht festgestellt werden kann, eine Schutzfärbung und paßt sich in erstaunlichem Maße der Farbe des Meeresgrundes an. Auf dem steinigen Untergründe nimmt der Steinbutt ein der Umgebimg täuschend ähnliches Aussehen an; die Schollen, die auf gesprenkeltem Grunde hausen, zeigen außer helleren und dunkleren braunen Flecken auch leuchtend weiße Punkte und Striche; in der westlichen Ostsee, wo der Grund des Meeres größtenteils dicht mit dunkel« Beranttvortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: braunen McereSalgen(Seetang) bewachsen ist, sind die Schollen stets viel dunkler als an den meisten Stellen der Nordsee. Bei Helgoland mit seinem ziegelroten Grunde und zeitweise ziegelrotem Meerwaffer leben auch Dorsche von dieser Farbe, die von dem ge- wöhnlichen bräunlichen Tone, der den Dorschen sonst eigen ist, sehr absticht. Alle diese Färbungen sind— und das ist daS Bemerkenswerte— keineswegs fest fixiert, sondern ändern sich mit der Färbung der Umgebung. Dabei ist durch Beobachtungen und physiologische Er- perimente festgestellt worden, daß die Geschwindigkeit des Farben- lvechscls der Fische um so größer ist, je wechselnder die Färbung der Umgebung, und daß sie sich bei gleichmäßigerer Umgebung bedeutend vermindert. Der„Helgoländer Dorsch", in ein Aquarium von ge- wöhnlich gefärbtem Untergründe gesetzt, blaßt z. B. schon im Laufe einiger Wochen bis zu normaler Färbung ab; dagegen verliert die olivenbraune Scholle aus der Ostsee ihre dunklere Färbung nicht so leicht, eben weil sie durch längeres Verweilen auf dunklem Unter- gründe das Vermögen der schnellen Farbändcrnng eingebüßt hat. Eine recht interessante Erscheinung, die mit dem Farbenwechsel der Fische in engem Zusammenhange steht, ist der sog. silberne Glanz, der sich in der Haut vieler Fische namentlich an den Seiten und dem Bauche findet. Man hat diese? Glitzern der Fische als Schutzfärbung zunächst dahin zu deuten versucht, daß es die silber- glitzernde Waffcroberfläche nachahme, oder daß der Fisch, von unten gesehen, gegen das helle Himmslslicht nicht absteche. Beide Deutungen sind indes hinfällig auS dem schwerlviegenden Grunde. daß nach den Gesetzen der Optik die nach aufwärt? blickenden Fische den Silberglanz ihrer Kollegen gar nicht Ivahrnehmcn können. Die Frage wurde durch die Veriuche von Dr. Ward in London gelöst, der an einem Aquarium unter der Wasseroberfläche eine BcobachtungS- kannner anbrachte, in der er die Fische in ihrer natürlichen Um- gcbung sehen konnte, ohne von ihnen gesehen zu iverden. Da zeigte sich, daß ihre sonst silberglänzenden Bäuche und Körperseiten kaum erkennbar waren, da sie einfach als Spiegel wirkten und die Umgebung in allen Farbentönungen getreulich nachahmten. Diese Schutzanpaffung des Silbcrglanzes wurde nur ab und zu dann ge- stört, wenn ein Fischlcin nahe der Oberfläche von seiner normalen Körperhaltung abivich und irgendeine Schwenkung ausführte. Dann entstand ein' deutlicher Lichtrcflex, und diese Reflexe sind eS wahrscheinlich, die de» Raubfischen die Anwesenheit von ihrer Beute ver- raten. Trotzdem ist der Silberglanz der Fische eine Schutzeinrich- tung. die unter geschickiester Ausnutzung der Belichtiiiigsverhältuiffe im Wasser zustande kommt und die für kleine Fischchen in un- zähligen Fällen da? einzige RettrmgSmittcl bildet gegen ihre größeren Verfolger. S!stro»outisches. Ein neuer Sternkatalog. Ein Beweis dafür, wieviel Fleiß und Förderung der Himmelskunde auch außerhalb der zünfti- gen Gelehrsamkeit zuteil wird, ist jetzt wieder einmal durch daS Erscheinen eines wichtigen Wherkes geliefert worden, das einen Katalog von 9842 Sternen darstellt, d. h. sämtlichen Gestirnen, die für daö bloße Auge deutlich sichtbar sind. Der Urheber dieser müh- samrn Acröfscntlichung ist ein Amateur, der Engländer Backhousc, der dafür in Fachkreisen eine ganz besondere Anerkennung geerntet hat. Ter neue Sternkatalog ist nämlich in gewisser Hinsicht einzig. artig, da er die Sterne lediglich näch ihrer Größe ordnet. Dazu war es nötig, die Angaben über Helligkeitsmeffungen aus einer großen Zahl von Quellen zu sammeln. An die Genauigkeit solcher Bestimmungen werden jetzt noch um so höhere Anforderungen ge- stellt, da die Zahl der veränderlichen Sterne in die Tausende ge- wachsen ist. Der erste, der überhaupt eine Anordnung nach der Größe der Sterne versuchte, war der alte Ptolemüus, der in seinem Alniagcst schon die noch heute übliche Gewohnheit schuf, die hellsten Sterne als solche der ersten Größenklasse zu bezeichnen und dann die übrigen bis zu denen, die für das Aug? eben noch wahrnehm- bar sind, in weitere fünf Klassen einzuteilen. Im Laufe der Eni- Wickelung ist man dann mit Hilfe der Fernrohre und der Photo- graphie bis zu 17 Klaffen vorgedrungen, die aber hier nicht in Be- tracht kommen. Der berühmte William Herschel hat gleichfalls ein- zclne Studien über die Rangordnung der Sterne nach ihrer Hellig- kcit veröffentlicht, aber eine neue Grundlage wurde erst durch die allbekannte„Bonner Durchmusterung" des Astronomen Argelander geschaffen. Sein Sternkatalog umfaßte alle mit dem bloßen Auge fichtbaren Sterne des mitteleuropäischen Himmels, und zwar unter- schied er innerhalb jeder Größenklasse noch drei Stufen. Wenige Jahre später folgte der westfälische Astronom Eduard Heis i» Münster mit einem„Neuen Himmelsatlas". dann 1878 der Brüsse. lcr Astronom Houzeau, der schon fast 0000 Sterne beider Himmels- halbkugeln unterschied, die er bei einem längeren Aufenthalt mit unbewaffnetem Auge selbst beobachtet hatte. Er teilte sie bis auf halbe Größenklassen ein. Einen sehr wichtigen Beitrag erhielt die Kenntnis der Sternen- Welt dann durch Messungen, die sich ausschließlich auf die südliche Himmelshalbkugel bezogen, von Dr. B. Gould.. Der neue Katalog besitzt aber vor alle» seinen Vorgängern große Bor- züge, da er alle Messungen, namentlich auch solche mit neuen Hilss. Mitteln der Lichtbestimmung berücksichtigt hat, um ein einheitliche? System zu schaffen. Die Zahl von 9842 sichtbaren Sternen ist größer, als sie bisher angenommen wurde, denn nach früheren An- gaben schwankte sie zwischen 5000 und 7000._ vorwärtsBuchdruckerei».Verlagsanstalt PauK&inger&Co., Berlin SW.