Nnterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 103. Freitag den 31. Mai. 1912 �Nachdruck verbalen.» 801 Suitana* Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Die Stadt entschlummerte, gleichwie ein Fieberkranker Einschläft. Nur der erhellten Zäuia entstieg eine leise Unruhe. In einem Hofe nicht weit von Abdallahs Haus wurde eins arabische Laute gestimmt. Und nun sang er. „Hörst Du, meine Sultana, da singt er wieder," scholl Mabrukas leise Stimme vom Hofe herauf. „Ich höre es." Sie wußte es ja im voraus, daß er singen würde. Er tat es in diesem letzten Monat immer, wenn Abdallah in der Zäuia oder sonst außer Hause war: Meine Seele ist wie ein sturmcrregtes Meer nach jenem Blick der tiefschwarzen Augen, Mein Herz ist tiefbetrübt in seiner Pein. Deines Mundes Süße gleicht der der fast reifen Dattel. Mir erging es wie ihm, der einen Panther heimtrug: Das Tier zermalmte ihm die Knochen mit seinen Zähnen. Liebesklagen wie immer! Er war sich seines Schicksals bewußt, wurde aber doch nicht müde, zu singen. Und Sultana hörte ihn gern. Mabruka hatte ausgeforscht, wer der Sänger sei. Es war der junge Zaied ben Bu-Kris, der bei jener zu Ehren Sultanas veranstalteten Fantasia verunglückte. Sein bleiches Antlitz war so rein und edel: der Blick seiner Augen so schmerzerfüllt. Man hätte seine Stirn küssen mögen, um ihn heiter zu stimmen. Er hatte in der weichen Melancholie der Augen etwas von derselben Kraft wie ein anderer Mann, den sie kannte. Er hatte Augen wie Marcel. Nun schwieg er und stimmte seine Laute in einer neuen Tonart. Auf der erleuchteten Jnnenmauer der Zäuia glitten ge- spenstergleiche Schatten hin und her. Der junge Zaied Hub von neuem zu singen an. „Sag mir, Sultana, warum er just singt, wenn Ab- dallah fort ist?" neckte Mabruka vom Hofe herauf. „Pst, laß uns horchen!" Dieses zweite Lied war kühner. Er sang von dem Wachtelkönig, dem schwachen Vöglein, das nach Glück dürstet, das es selbst nicht erreichen kann. Da fetzt es sich auf den Rücken des Adlers, und der trägt es auf starken Schwingen über breite Meere zu dem Lande, wo die Sonne wohnt. „Ach. wer doch vierzehn Jahre wäre!" seufzte es von unten so aus tiefstem Herzen, daß Sultana lächeln mußte. Nun war der Sänger so klug, zu verstumnien. Er sang nie mehr als ein Lied oder zwei, als fürchtete er, Argwohn zu erregen. Aber er hatte Mabruka in Stimmung versetzt. Sie holte sich ihre heisere Tontrommel, ihre liebe Der- buka und ließ es sich nicht nehmen, selbst etwas zum Besten zu geben, da niemand anderer es tun wollte; Da kam der Freund zu mir auf meine Kammer. Ich zündete die Lampe an und goß Qel darauf. Sein Haupt verbarg er mit Sackleinwand. Ich konnte nicht sehen, weß Kind er war. Da kam er zu meiner Hütte— gab mir acht Taler. Moschus hatte er in der Tasche. Rosen- und Jasminduft gab er mir. Da kam er zu mir in meine Küche, der dunkle, mit den pechschwarzen Augen. Wir sind quitt. Er biß mich in die Lippe und die Schulter. Da kam er zu mir auf unser Dach. Wir hatten die Dachtüre geöffnet und waren aufgestanden Wir waren zwei Berauschte. Ganz verwirrt ließ er mich zurück. Da kam er zu mir in mein Haus mit seinem breiten Säbel und zwei kleinen Pistolen, Ei» kleiner Dolch lag gezogen in seiner Hagd,, Sultana lauschte dem Liede nicht. Sie kannte alle die alten Lieder Mabrukas nur zu wohl. Sie folgte dem phantastischen Spiel der Schatten aus der beleuchteten Mauer der Zäuia. Es wurde ein Fest dadrinnen abgeholt??» und die Brüder tanzten vor Abd el Kaders Angesicht. Sie legte sich ganz zurück und faltete die Hände unter dem Nacken. Wenn sie dann die Augen aufschlug, daß die Sterne sich in ihnen spiegeln konnten, kamen die Träume herabgeschwebt wie lichte Djinnen, die sich an ihr Ohr setzten und erzählten. Den ganzen Tag war Marcel in ihren Gedanken' ge- Wesen. Des Morgens hatte Abdallah gesagt:„Heute abend will ich ein Fest in der Zäuia geben, damit Abd el Kader Dich segne und uns ein Kind schenke." „Ein Kind?" hatte sie gefragt und ihre großen Augen auf ihn geheftet. „Ja, Du verstehst, daß ich einen Sohn haben muß." Damit klopfte er ihre Wange und ging. Anderes wurde nicht gesprochen, aber als er draußen war, brach Sultana in Tränen aus. Sie hatte begonnen, in Abdallahs Hause Frieden und Glück zu finden. Sie hatte nicht an Kinder gedacht. Sie meinte bloß, ihrem Manne in allem zur Freude zu sein. Was konnte er entbehren? Sie erriet ja seine Wünsche, ehe sie ausgesprochen waren. Kein Tag verging, wo sie nicht den Glücksglanz in seinen Augen sah. Nun mußte er einen Sohn haben? Das kam wie ein versteckter Vorwurf, wie ein Dolch in einem Rosenstrauß und tat dar, daß er nicht zufrieden sei. Er konnte ja Feste in der Zäuia geben, wenn er wollte, aber warum sie verletzen, die nichts anderes auf Erden wollte als seinen Willen? Es warf eine anstvolle Unruhe in seine Seele und machte all ihr Glück zerplatzen wie eine Schaumblase. Marcel brach in ihre Gedanken ein, und zum ersten Male, seit sie verheiratet war, vertrieb sie ihn nicht. Und wie sie dalag und in die Sterne starrte, fühlte sie es mit Beben, wie Zaied mit seinem Liede Marcel in ihrem Herzen leibhaftig erstehen gemacht hatte. Zum ersten Male steckte ein pfeilschneller Gedanke sein Haupt hervor: Wie, wenn er nicht gewußt, wer es gewesen, der an jenem Festabend die Arme um seinen Hals geschlungen und ihn geküßt hatte? Und in demselben Augenblicke sah sie ihn vor sich mit einem anderen Weibe in den Armen. Sie erhob sich mit einem Ruck und strich sich über div Augen. Sie wagte es nicht, diese Gedanken zu Ende zu denken. Sie fühlte sich wie eine Verbrecherin und jagte sie in die Flucht. Aber ihr Mund stand offen vor Schmerz. Unten auf der weißen Mauer der Zäuia sah sie einen Schatten umherhuschen wie ein ungeheurer zappelnder Kobold, der abwechselnd wuchs und cinschruinpfte. Es war Abdallah, der vor Allahs Augesicht tanzte, vor Abd el Kader tanzte, auf daß er ihm von seinem Himmel herab einen Sohn sende. Sultana stutzte beim Anblick dieser Gespenstergestalt und ging hinab in das Haus. Es war vorbei— vorbei mit ihrem Glück. 16. In den Verlauf des Oktober fiel Ramadan mit seinen dreißigtägigen Fasten, die von Sonnenaufgang bis Sonnen- Untergang währen. Diese Kasteiungen griffen Sultana stark an. �> Regen war noch nicht gefallen und die Hitze sank nicht merklich. In den Stunden nach Mittag erreichte sie bei Scirocco noch fast vierzig Grad im Schatten. Und man durfte auch nicht einen Tropfen Wasser an die Lippen führen. Selbst das Rauchen einer Zigarette würde �ch Abdallahs strengev Auffassung die ganze Buße wirkungslos gemacht haben. Am meisten litt der Schlaf darunter: denn richtig be- sehen, ging das Fasten nur darauf aus, die Nacht zum Tage zu machen. Man speiste nachts mit doppeltem Appetit, bei Tage aber konnte man nicht schlafen, Vulkanc» fdj Abdallah Jöötiget als sonst. Denn die Ifetnadcmnächte wax«n eine Art Karnevalszeit mit viel Ge- Eiligkeit und allerhand Zerstreuungen. Jeden Abend, wenn der erste Hunger gestillt war, emp- fing Abdallah eine Schar von Gästen in der Driba, die bis lveü in die Nacht hinein sitzen blieben. Sultana saß unterdessen schlaff und schläfrig bei Ma- Lruka in einem Zustand, der weder Schlaf noch Wachen war. Einige Abende sandte Abdallah Tänzerinnen von Uled Kalls zu Sultana, um sie zu erheitern. Sie ließ sich von ihnen bunte Erlebnisse erzählen; es war wie ein frischer Wind- stoß aus der Welt da draußen. Es gab ihr neue Kräfte und zerstreute ihren Geist für mehrere Tage. Aber eines Nachts ließ er Sultana in die Zäuia laden zu einem Feste, das das zweite Opfer sein sollte, welches man Abd el Kader brachte, auf daß er den großen Wunsch des Hauses erfüllen sollte. Da kamen arme und kranke Frauen mit einer Schar von Kindern, die alle mit einer reichlichen Schüssel Kuskus und duftendem maurischen Kaffee bewirtet wurden: viele dieser Frauen kannte sie aus früherer Zeit, da sie sie mit- unter, teils als Bittstellerinnen, teils als Dankende, aufge- sucht hatten. Dagegen sah sie zum ersten Male Frauen aus den vor- nehmeren Harems der Stadt. Sie hatte sich bisher noch nie vom Hause entfernt, weder eine Damenvisite abgestattet noch empfangen. Alle waren ihr daher ftemd: ebenso fremd waren ihr auch teilweise ihre Gebräuche und Gewohnheiten, so daß sie wenig Lust empfand, ihre Bekanntschaft zu machen. Und jede einzelne unterhielt sie von dem Kinde, das ge- boren werden sollte. Alle sprachen ihr Trost und Hoffnung zu. Viele hatten gute Ratschläge zu geben, die laut hin und her erörtert wurden. Sie waren zum Feste geladen für ein Kind, das erst geboren werden sollte, und keine von ihnen konnte ahnen, welche Qual es für Sultana tear, sie darüber sprechen zu hören. Dafür hatte sie die Beruhigung, von Abdallah in der nächsten Zeit nichts von der Sache zu hören. Er war so ganz erfüllt von großen Dingen, daß fein Wesen kaum zu erkennen war und dieser häusliche Kummer für eine Weile vor seinen Augen in nichts zu verschrumt/en schien. Die Hälfte des Ramadan war vergangen, als Gaffa den Besuch eines merkwürdigen Mannes erhielt, der in der Zäuia wohnte und allabendlich Abdallahs Gast war. Hadj Omar Azezla war ein Taleb, ein Gelehrter, dessen Wiege in Marokkos südlichen Bergen gestanden hatte. Sein Aussehen häte ihm keine Freunde verschaffen können. Er war von Mittelgrkße und ungewöhnlich mager. Sein unregelmäßiges Gesicht war so braun wie in Walnuß- fast gegerbt und die rechte Wange von der Narbe eines schlechtgenähten Schnittes vom Mundwinkel bis zum Ohr gespalten. Seine Zähne aber waren wie zwei Perlenschnüre, und er hatte zwei Fieberaugen, die stark sein mußten im Bösen wie im Guten. l Fortsetzung folgt.) Bilder aus dem 8eemannsleben. Bon Hans Harmening. Bouillon mit Mark Schildkrötensupp« Kaviar Malosiol mit Butter und Röstbrot Krebssalat mit Spargelkvpfen Zander au sour— Kalbskopf a la vinaigrette Hamburger Küken mit Spinat— Rauckbrust mit Schoten Filet mignon m. Trüffelpiiree— Tournados Bearnaise m. franz. Bohnen Omelette surprise Baumkuchen nit Sahne Hawai-AnanaZ-Kompott— S-dwedensrüchte m. flüssiger, süßer Sahne Ungezuckertes Kompott Echweizerkäse— Roqnefort— Creme double— Käsegebäck Frische Früchte in Eis gekühlt Mokka. ... Mister Fred Johnson, der amerikanische Tabakkönig und Präsident der.General American Tobacco Company", überfliegt mit gleichgültiger Miene die in der ersten Kajüte d'eS Schnell- dampferS„Pciiiz Withelm" ausgelegte Speisekarte. Beide Hände in den Hosentaschen, die Zigarette schics in den herabgezogenen Mundwinkeln, mustert er mit kritischen Blicken die gedeckte Tafel, das schneeweiße Damasituch, auf dem die silbernen Eßbestecke blitzen. die geschliffenen Kristallgläser, die mit herrlich duftenden Blumen gefüllten Vasen.— Dann wendet er sich mtt einem halb spöttischen, halb mitleidigen Lächeln dein Ausgang zu, der auf das Promenaden- deck führt. Er murmelt etwas, wie Plunder oder Armut. Draußen lehnt er sich gelangweilt an das Geländer. Er hat kein Auge für all die Schönheit, die ihn umgibt. Er fühlt nicht die weiche Meeresbrise, die sein Gesicht umkost und er sreut sich nicht der silbernen Wellen, die auf der Oberfläche des Ozeans tanzen. Achtlos gleitet sein Blick über die Frauengestalten, die in duftige Gewänder gekleidet auf den Ruhestühlen liegen. Er sreut sich nicht der kleinen Mädels, die mit flatternden Röckchen und schlanken Beinen auf dem glatten Deck ein kindliches Menuett ausprobieren und ihre blonden Locken im Seewind schüttelir. Mister Johnsons Gedanken find weit fort. In Wallstreet, an der New Yorker Börse. Mechanisch zieht er seinen goldenen Taschen- chronometer.— Gleich ein Uhr.— Die Unterhandlungen mit der Brazil Tabacco Company müßten schon längst beendet sein. Wenn sie zu einem befriedigenden Schluß gekommen find, dann steht seiner unumschränkten Herrschast auf dem TabatSmarkt nichts mehr im Wege, und das bedeutet für ihn eine jährliche Mehreinnahm« von ungefähr 800 000 Dollar. - Den Blick zu Boden gesenkt, steigt er langsam die Stufen zum obengelegenen Bootsdeck hinauf, wo sich die Station für drahtlose Telegraphie befindet. Der Marconibeamte spaziert wie gewöhnlich vor seinem Häuschen auf und ab, die Hörmuscheln am Ohr.—.Well, Mister, noch nichts?"—„No, Mister Johnson", antwortet der Telegraphist, bleibt aber gleich darauf stehen und scheint gespannt zu horchen. Deutlich vernimmt er die ihm so wohlbekannten fingenden Töne in der Atmosphäre; er nickt dem Amerikaner kurz zu und verschwindet in seiner Kabine, um den Apparat zur Rachrichtenaufnahme klarzu- stellen. Der andere wandert währenddem unruhig auf dem Deck hin und her. Wenige Augenblicke später öffnet sich die Tür der Telefunken- station und der Beamte überreicht Johnson einen kleinen, weißen Zettel.—.Brazil Tobacco Company im Trust, good luck Miller." —„All right", murmelt der Tabakskönig, knüllt das bedeutungsvolle Papierchen zusammen, als wäre es ein abgefahrenes Trambahn- billett und laßt es achtlos über Bord fallen. Auf dem Promenadendeck läßt er sich seufzend in einen Faulenzer fallen.—«Einen Whisky-Soda", ruft er den, Decksteward zu, der sofort absaust, um gleich darauf mit dem Gewünschten wieder zu erscheinen.— Mit langen, durstigen Zügen trinkt Fred Johnson. dann lehnt er sich zufrieden lächelnd zurück.— Achthunderttausend Dollar— eigentlich ein bißchen wenig, kalkuliert er; na— in einigen Jahren würde überhaupt keine Brazil Tobacco Company mehr existteren.-- Dann schließt er die Augen, um sich seinen Träume- reien zu überlassen. Vor dem Niedergang zum Heizraum sitzen die Feuerleute und Kohlentrimmer. Andächtig genießen sie noch die wenigen Minuten der Ruhe, bis die Schiffsglocke acht Glasen schlägt und sie wieder in den Kesselraum ruft, vor die Feuer mit ihren höllischen Gluten. Das gewirkte Schweißtuch lose um den Hals geknotet, die bloßen Füße, die bei allen mehr oder weniger auffallende Brandwunden zeigen, in schweren, plumpen Holzpantoffeln, bocken sie eng zusammengedrängt auf dem Schutz- blech der Dampfheizung, die sich den Gang entlang zieht.— Blasse, magere Gestalten, denen der schwere Dienst das Mark und die Lebenskraft aus dem Körper gesogen hat. Die Gesichtsfarbe der Aermsten ist blaßblau, wie bei Leichen, die Adern an den Schläfen dick hervortretend, die Augen glanzlos und starr. Mit einem seltsamen Gemisch von Interesse und Gleichgültigkeit beobachten sie das Treiben der Köche, die in der Kambüde der ersten Kajüte mit Braten, Suppen und Puddings herumhantieren.— Ein Steward kommt den Gang entlang gelaufen. In der einen Hand balanciert er eine silberne Schüssel mit Fruchteis, während er mit der anderen gierig von der Speise nimmt und sich steut, daß seine Passagiere alle seekrank find und nichts von all den vielen Herrlich» leiten genießen können. „Du, Hein l Lat mi mal probeeren', bittet der eine der Heizer. — Aber das glattrasierte Dummejungengeficht des Lakaien guckt den Proletarier so von oben herab a», antwortet gar nicht, sondern geht mit dem Tablett an den Ausguß, wo er kaltblütig die köstliche Speise in den Kübel schüttet.—„Pißpottschwenier dreckiger," grollt der Heizer und wischt sich resigniert mit seinem armseligen, per- waschenen Schweißtuch den Mund. Ping, ping— Ping, ping— klirrt der blecherne Ton der Glocke aus dem Maschinenraum.— Acht Glasen I— Die Heizer und Trimmer erheben sich, sie recken ihre dürren, aber sehnigen Glieder und klettern langsam die ölbeschmierten eisernen Leitern zum Ma- schinenraum hinab.— Ein seltsamer Ausdruck liegt auf den Gesichtern der Leute, ein Ausdruck, der zu sogen scheint: Ich ergebe mich in mein Schicksal.— Schicksal?— Nun, ja--- • Jens Jensen war Promcnadcndeckmatrose geworden. Er steute sich nicht wenig über das Glück, denn nun konnte er jetzt den�ganzen Tag in sauberer Kleidung gehen, brauchte sich nicht mit Farbe, Fett und Teer einzuschmutzen und dann bekam er auch monailich einen ganzen Taler mehr Heuer. Er war gerade eifrig beschäftigt. die BootSgalgcn mit einem leichten Anstrich weißer" Lackfarbe zu verschönern, wobei er den Pinsel sehr vorsichtig handhabte, damit ja kein FarbkleckS auf fein schönes, blaues Matrosenhemd fiel. Er hatte ja genügend Zeit, kein Boots- mann trieb ihn zu schnellerer Arbeit an, und die Schiffsroutine ver- langte von ihm in seinem jetzigen Posten keine besonderen Arbeits- leistungen, außerdem war der erste Offizier ein.semer Kerl', und kein.Sklaven treib er"', wie die meisten Schnelldampserosfiziere. Wenn es auch gegen Jens' grade SeemannSnatur ging, zur seemännischen Staffage auf dem Promenadendeck eines Passagier- schiffe« zu dienen, so freute er sich doch der angenehmen Ab- wechselung nach den langen Jahren, in denen er sich hungernd und darbend aus alten Segelschiffen rumgetrieben hatte. Hier gab es doch wenigstens was zu sehen.— Jens Jensen fühlte sich sehr wohl in seiner vornehmen und eleganten Umgebung, und es machte ihm immer ein ganz besonderes Vergnügen, wenn so eine hübsche Dame ihn mal nach diesem oder jenem fragte und er ihr dann alles erklären konnte. Was das für eine Flagge sei, oder wie das und das Leuchtfeuer hiehe.— Er erkannte noch nicht die Gefahr, die ihm drohte: die Gefahr, unerfüllbare Wünsche im Herzen groß- zuziehen.--- Während JenS mit sorgfältigen Pinselfirichen die fehlerhaften Stellen an den Rettungsbooten übermalt, wandern seine Augen un- ruhig nach dem jungen Weib, das in einem Deckstuhl, das bleiche Antlitz matt in die Kissen zurückgelehnt, mit todestraurigen Augen auf das Meer blickt. Jens Jensen kennt die Dame und ihre Geschichte. Sein Freund, der Promenadendecksteward hatte ihm gestern davon erzählt. Es war MrS. Daist) Adams, die junge Gattin des reichen KaffeehändlerS, der seine Geliebte unter dem Decknamen einer französischen Marquise an Bord mitführte.— Der junge Seemann vergißt seine Arbeit, seine blauen Augen hängen mit einem heißen Leuchten an dem lieblichen Geschöpf. Jetzt wendet die Frau ihr Gesicht dem Matrosen zu und ihre großen Kinderaugen mit dem fragenden Ausdruck fangen den mitleidigen und leidenschaftlichen Blick des jungen Menschen aut.— Erschreckt fährt Jens Jensen zusammen und pinselt mit ängstlicher Hast weiter. — Sein Herz ist schwer und ein heiße? Verlangen, de» süßen Frauenleib nur«inen einzigen kurzen Augenblick in seinen stallen Armen halten zu können, flammt in ihm auf.— Dein Wunsch soll in Erfüllung gehen, JenS; aber nicht so, wie Du es Dir denkst.— Ein Rettungsboot treibt auf der grauen, langrollenden Dünung. DaS Schicksal meldet sich nicht an. Es ist manchmal zu grausam dazu und manchmal zu mitleidig.— Durch die schummerige Morgen- dämmerung leuchtet eine rote Feuersäule am Horizont. Der.Prinz Wilhelm".— Mit Mühe und Not haben die Menichen sich in die Boote gerettet, um dem grauenhaften Tode des Verbrenncns zu entgehen. Frauen und Kinder, teils in Balltoiletten, teils in Nacht- kleidern, Männer in Arbeitskitteln und eleganten Gesellschasts- anzögen füllen eng zusammengedrängt das Boot und starren mit entsetzten Blicken aufs Meer. Ein schwarzberußter Heizer gibt einem Gentleman, der im durchweichten Frackanzug ermattet am Boden liegt, zu trinken.— Am Steuer sitzt Jens Jensen. In den Armen hält er ein junges Weib. Ein blanwollencs Matrosen- Hemd schiitzt ihren Körper vor der erstarrenden Kälte.--- Zwei Stunden später, als die Svnne aufgehl, naht die Rettung. Die.Brilannia" hat die Hilferufe vernommen. Weiße dicke Rauch- Wolken entsttömen ihren Schornsteinen und die Wogen schäumen vor ihrem Bug, als fie mit voller Fahrt herandampst. Jauchzend jubeln die Menschen auf; der jünge Seemann am Steuer aber beugt sich zu der jungen Frau und küßt leise und andächtig ihre schwarzen Locken.— Sein Traum ist ausgeträumt.--- Die Ausstellung der Berliner Sezeffion. Von Robert Breuer. II. Es ist immer ein Irrtum, wenn man glaubt, daß eine neue Technik eine neue Kunst bedeute. An diesem Irrtum trägt der Neo-JmpreffionismuS, soweit er eben technisches System und nicht Anschauung und Empfindung ist. An diesem Irrtum leiden auch die K u b i st e n. Was fie von der bisherigen Malerei scheidet, ist nichts anderes als ein neues technisches Verfahren, außerdem eine neu Art des perspektivischen Sehens. Aber die Perspektive ist schließlich auch nichts als ein technisches Hilfsmittel; erst wenn sie sozusagen verschwindet, hilft sie die Anschauung erweitern. Auf jenen ersten Bildern des vierzehnten Jahrhunderts, auf denen die Tiefe des Raumes durch eine starr und linear eingezeichnete Per- spektive erreicht wurde, fehlt die Schönheit des räumlichen Lebens, die etwa Rembrandt gibt: bei ihm wurde die perspektivische Tiefe aus einem System zu einer Empfindung. Wenn es den Kubisten gelänge, ihre theoretische Absicht, das.Körperliche als eine Zu- sammensetzung aus Körpern oder als ein Gewirk aus. Flächen {genau weiß ich es nicht) sinnlich faßbar zu machen, so hätten sie es gar nicht notwendig, um Anerkennung zu kämpfen. Mag sein, daß der Kubismus richtig ist; recht hat er erst, wenn er Tempera- ment und Blut wird.-- Bis dahin brauchen wir uns seinetwegen nickt zu beunruhigen. Die wenigen Bilder des P i ca s so. die auf dieser Ausstellung hängen, sind nicht viel mehr als das Experi- ment eineS Menschett mit angeborenem Geschmack. Picasso und wir. seine Zuschauer, werden aufeinander warten müssen. Wir haben auch auf die Neo-Jmprefiionisten gewartet, und bei einiger» ist es nicht vergeblich gewesen. So bei Eurt Herrmann, vor» dem wir diesmal einige Erlebnisse von schöner Farbigkeit, deko- rative Stilleben von nervöser Rhythmik, zu sehen bekommen. So bei Rysselberghe. In ihm lebt französische Kultur in einer müden, zugleich familiären Variante. Er gibt die Psychologie der großen Dame in einem Milieu braver Mütterlichkeit. Die Farbe liegt über dev Leinwand wie eine blühende Patina, ohne daß das Bild etwas Emailhaftes bekäme. Er liebt Grün, Grün-blau, Rot- violett und Weinrot; er wirkt ins zierlichen Flocken und Funker» solcher Palette etwas Textiles, zugleich etwas Metallisches. Da- gegen muß die neue Art des Jan Toorop notwendig als eine peinliche Beunruhigung empfunden werden. Dieser Holländer hat früher prachtvoll gezeichnet, mit beinahe farattschem Eifer, ganz u» der Art der Alten. Jetzt macht er ein Mittelding zwischen Poin- tillismus und Kubimus. Er setzt, um Licht und Sonne zu schaffen, beinahe handgroße Würfel von schärfstem Gelb neben hellstes Grün und bekommt dadurch keinen anderen Eindruck als den einer schlimm vergröberten Lithographie. Man spürt den alten Graphi- kcr, der durch ein verkehrtes Prinzip entrenkt wurde. Es gelten eben in der Kunst die Theorieen und Absichten nichts und aber- mals nichts; alles entscheidet sich an der Kraft und an dev Klar» heit. Wem es daran mangelt, der bringt es nie über ein Schema und ein Rezept. Das ist auch das Schicksal von E. R. W e i ß und vielen anderen, die gleich ihm die neue Monumentalität wollen. Weiß hat einen Akt gemalt, er heißt ihn Adam und möchte, daß er die Größe eines menschlichen Symbols babe. Es kommt diese monumentale Abficht aber nicht über den Effekt eines Plakates; genau so wie die Land- schaften dieses Kunstlers nicht an der Theaterdekoration vorüber- kommen. Genau so geht es mit Rößner; Lex macht aus Degas und Eorreggio eine Tapete. Er scheint aber auch seine Absichten von vornherin auf eine Tapisserie eingestellt zu haben, ein Symptom. für den kunstgewerblichen Einschlag, der dev neuen Monumental- kunst den Ausstieg so schwer macht. Der Kampf zwischen dem Dekorierten und dem Dekorativen, zwischen dem Ornament und dem Rhythmus kam noch nicht zum Austrag. Das können wir gleich wieder bei dem großen Bild des Kurt Tuch nachprüfen. Diese badenden Frauen möchten Gefäße und Gleitlinicn für musikalische Ströme sein; wir respektieren solches Streben, wir sehen aber trotzdem, daß der rechte Arm der Linken unorganisch, wie eine Oese wirkt, daß die Beine der rechts Sitzenden systemlos baumeln, und daß das Wasser wie Ei? spiegelt. Es ist ebenso schlimm wie gut: wer das Monumentale will, muß sich(wenn auch in aller Milde) den Michelangelo als Maßstab gefallen lassen. Daumier vertrug diesen Maßstab und auch van Gogh kann an ihm ge- messen werden. Ich weiß ganz genau, daß man es für eine Dummheit, vielleicht auch für eine Frechheit achten kann, wenn ich jetzt sage, daß das Bild der Arlesienne, das ich schon neulich wie ein verzehrendes Feuer über Kalckreuth kommen ließ, ein titanisches Werk ist. Ein Werk, das den Menschen einiges Recht gibt, sich an den Göttern zu messen, um gerade so eine höchste Art des Gottesdienstes zu be- gehen, Wias der gallische Rembrandt mit diesem Bildnis leistete, ist überwältigend. Diese Frau, die da in alltäglicher Schlichtheit vor uns sitzt, ein ungezähltes Gescböpf der Masse, wird zu einem Denkmal der Menschheit. Völlig überwunden wurde die hetzende Nervosität, die den Bildern des van Gogh so oft als eine Last der Zeit anhaftet; diese Frau wuchs riesenhaft aus einer einzigen unendlichen Empfindung. Sie wurde gemalt— was will das allein heißen, in Zeiten, die hundertmal das Malen mit dem Tüfteln und Grübeln verwechseln. Und gemalt wurde auch das Stilleben, das daneben hängt; Mohn und Kornblumen in irgendeiner alten Alabastcrvase. Die schwüle Rlelancholie des Sommers strömt uns entgegen; die sinnliche Empfindung weitet sich zum Weltgefühl. Der Geist Goethes ist über diesen Blumen und Dehmels heiße Sehnsucht. Van Gogh hat uns viel zu geben; wir dürfen zu- frieden sein, daß sich so mancher Junge einiges von ihm schenker» ließ. Zu diesen gehört Franz Heckendorf. Er kam anfangs wohl von Liebermann, Hai sich dann aber selber revolutioniert. Jetzt malt er gern an der Peripherie der Großstadt den stoßenden Atem des gelagerten Kolosses. Er bringt es dabei aber noch nicht allzuweit über einen Grad unwirklicher Wildheit; dock scheinen Tendenzen zur Bändigung in diesem Jünger zr ruhen. Ein Jünger des Propheten ist auch Theo von Brockh�sen. Wre er das Geäst nutzt, um die Struktur des Luftraumes auszuspüren, das erinnert an die Leidenschaft, mit der van Gogh das Skelett der Erde erfühlte. Brockhuscn weiß, daß auch die Malerei ein Gehirn braucht. Wie das gemeint ist, sieht man an dem„Biergarten": die Senkrechte regiert. Die Bäume, die Tische, die Stuhle, selbst daS Haus, das eigentlich die Hintcrgnmdfläche abgibt, wirken solch Pathos der Vertikale. Das ist eine mathematische Entklärung des Raumes, ohne daß darüber die Naivität des Anfckaucns verloren ging. Am schönsten zeigt sich solche Wechselwirkung in der weit- horiwntigen Landschaft. Da seben wir die Sonne über die Felder laufen und spüren zugleich, wie sehr der Instinkt des Malers solcher Bewegung Motov ist. Ganz ähnlich steht es um Waldemar R ö s l e r; auch er wurde überwältigt von den keiweltden und. quellenden Kräften, die durch die Aecker und Wiesen kreisen, die in den Grashalmen und in den Stämmen der Bäume aufsteigen. Auch Rösler sieht die Landschaft als Lebendiges; es blieb nicht der kleinste Rest vom Stilleben, alles at.'ret, pulst, bewegt sich. ES ist eine wehende Unruhe in dieser Ratur, etwas Dampfendes, fast etwas Schreiendes; und doch steht das Bild als eine Welt grosi und streng gefügt. Auch Rösler lebt von der Leidenschaft des van Gogh, er lebt sie neu. Das ist wahrhaftig keine Verkleinerung dieses Künstlers; es ist nur eine Deutung für die Notwendigkeit seines Wuchses und für die Dauer seines, aus der Entwickelung geborenen Daseins. Man mutz sich darüber klar sein: viele von denen, die uns heute interessieren, ja fast ergreifen, werden versinken. Aber bleiben wird der Auftrieb dieser Jugend, von dem wir noch nicht einmal sagen können, wohin er eigentlich strebt. Das ist auch gleich- gültig; das wird die kommende Generation wissen. Wir haben uns damit zu begnügen, die Tatsache der Bewegung zum Neuen festzustellen. Und darum, weil diese Sezessionsausstellung solche Tatsächlichkeit klar erkennen lätzt, müssen wir ihr besonders dank- bar sein. Einige dieser Jungen wollen wir uns jetzt noch an- schauen; wir dürfen oabei nicht vergessen, datz Jugend soviel ist wie Rastlosigkeit, Abscheu vor dem System, jäheS Aufbegehren. Max Pech st ein zeigt in drei Bildern, die um einige Jahre auseinander liegen, eine energische Entwicklung vom dämonischen Naturalismus zur dekorativen Ekstase. Max Oppenheimer, der mit Virtuosität ein und ein halbes Dutzend Köpfe auf einer mittelgrotzen Leinwand unterbringt, wirbt mit dem barocken Tempe- rament des spanischen Greco um eine Architektonisiernng des Bild- raumes. Julius Pascin ist den Absichten nach irdischer als diese beiden; aber er ist in sich vollendeter. Dumme Leute werfen ihm bor, daß er gemeine Motive male; als ob die Ter Borch und die Vermeer nicht ständig galante Szenen aus dem Bordelleben gemalt hätten. Pascin gibt die kranke Schönheit zerlebter Körper, die bösartige Dekadenz de? Geschlechtstieres; er gibt die erotische Groteske mit der Zärtlichkeit des Rokoko und der Kalligraphie des Japanismus. Eine hoffnungsvolle Begabung(obgleich nicht mehr ganz jungj ist Oswald Galle; sein„Schläfer" ist von Marees beeinflußt, aber selbständig empfunden. Juliet Brown zeigt eine Landschaft, die an Hodler denken llätzt; die grüne Epidermis deckt die Bewegung der Erde, so kommt eine freie Größe in das kleine Format. Eine bewußte� mathematische Konstruktion wendet Rudolf Möller an die Darstellung einer Beweinung. Das System der sich scheidenden Dreiecke ist freilich sehr deutlich, und es verblüfft, solch lionardeSke Erinnerung in grellen Farben vorge- tragen zu sehen. Die jungen Franzosen, die man uns diesmal zeigt, und über die sich etliche Philister so sehr erregten, sind bemah« harmlos. Der Blumengarten von Bat tat ist duftig und locker gemalt, das Strandbild von M a r q u e t gibt Notizen farbiger Pikanterie, die Landschaft von Fr i e ß lehrt, wie gewandt die Pariser die Größe des Cezanne liebenswürdig zu machen wissen. Noch wesentlich harmloser sind die Dänen. Selbst der eigenartigste von ihnen, Willumsen, der spanische Szenerien in etwas erregter, leicht karikierender Art farbig zeichnet, ist kaum mehr als amüsant. Von Knud Kyhn, der nordische Wasservögel belauschte, kann man sagen, daß er besser als Liljefors ist. Und G i e r s i n g, der zuweilen. so in den zitrongclben, schwarz konturierten Akten, daran denken läßt, daß Kopenhagen eine Filiale von Paris, ist noch zu ungleich, um irgendwie eine große Hoffnung zu sein. Dagegen scheint Max N e u m a n n, ein Königsberger, eine Zukunft zu haben. Das Bild eines Schiffbruches, das direkt von Delarroix kommt, zeigt in seiner aus Grün-blau entwickelten Farbigkeit ein« starke Tendenz zum Dramatischen. Eugene Zack macht uns wundern; seine ar- kadische Landsckiaft ist eine Kreuzung von Boecklin und Puviö. Datz so etwas aus Paris kommt, erinnert an das Vergnügen, das die Franzosen jetzt an Wagner haben. Noch merkwürdiger fast ist es, wenn wir sehen, daß Klaus Richter mit einer Kreuzigung, einer Madonna und einem Selbstbildnis sich etwa zwischen italienische Frührenaissänce und den Höllen-Breughel stellt. DaS scheint seltsam und ist eigentlich nur charakteristisch: die Jungen wollen zurück zur Größe im Einfachen. Daß sie dabei an die Primitiven geraten, ist nicht«»eniger verwunderlich als die Freude an dem Grotesken von der Art der Wasserspeier, die als teuflische Untiere in den Türmen der gotischen Dome nisten. Uebcrhaupt: ein gotisches Element scheint in unserer Jugend aufzuerstehen, eine eckige, gereckte Askese, eine Lust am anatomischen Ornament, dazu ein fast überzeugender Ausdruck des Horchens in das eigne Sein. Für solche Art find die Akte des Kar l i Sohn ein gutes Beispiel; besser aber sieht man noch dos. was hier gemeint ist, an einigen Plastiken. Vor ollem an der„Knieenden" von L e h m b r u ck. Dieser langgezogene, auf ein Minimum von Tiefe gebrachte Leib erinnert zwingend an die berühmte S-Linie, an jene Gleisführung der Ekstase, die zu dem Charakter der gotischen Figur gehört. Was Lehmbruck sucht, ist eine Spiritualisicrung des Körpers; eine innere Beflügcliing des tastenden Materials. Wie das Mädchen den rechten Arm anhebt und den Kopf neist, wie es das linke Knie vorsetzt und den rechten Unterschenkel, der Erde beinahe parallel, weit von sich streckt, das gibt einen äußersten Eindruck des Zerbrechlichen: ein gläsernes Gefäß für Mysterien. Gotik lebt auch in den Zügen des gewaltigen Männerhauptes. das der Belgier Minne geschaffen hat. iin den knittrigen Falten dieses zermürbten Antlitzes, in dem 1 Gefurch dieser gespannten Adern. Und daß auch B a r l a ch S Holz. Plastiken den Figuren der goldenen Pforten verwandt sind, wußten wir seit langem. Er hat diesmal einen Wüstenprediger zurecht« geschnitten. Der kleine Kerl steht wie ein brennender Zelot; irgend eine knorrige Wurzel scheint zum Gespenst geworden. Die Ellbogen sind an den Körper gezogen, die Unterarme fast senkrecht gehoben. und die geballten Fäuste drohen wie schlagbereite Keulen. Als sollte ein dreifaches„Wehe" in die Schädel der Ungläubigen ge- hämmert werden. Die breiten Füße sind weit gewandert. Der ge- drungene Rücken bebt unter der Wut der Worte, die aus dem schief gestellten Mund stoßen. Ein ironisches Besinnen in den Schauern des Fanatismus: man erinnert sich, daß in den Miniaturen der Evangelien oft genug solcher Humor der Heiligen sputt. Und nun gar die„Vision". Unten ein Schlafender und darüber die gewaltige Erscheinung Eines, der im Sturm dahinfährt. Das ist gotische Naivität, neuerwacht in der Sehnsucht eines Zertretenen, der sich reckt. Und wenn wir nun sehen, wie dieses Sichrecken und Rekeln als Motiv dauernd wiederkehrt, da müssen wir notwendig die Einheit in den Plastiken dieser verschiedenen Künstler erkennen. Haller» den man einen Neu-Römer genannt hat, zeigt ein Mädchen, das sich aus dem Schlaf zum Wachen regt. Das kleine, zarte Figürchen beginnt zu atmen. G e r st e l sieht eine Sechzehnjährige; und wiederum spüren wir, wie das Blut die Augen auffchlägt. Auch A l b i k e r S moussierendes Mädchen hat einen Körper, der das Schwergesetz überwinden möchte. Und schließlich Kolbes „Tanzende"; in dieser schönen lebensgroßen Plasttk begegnet uns abermals die zärtliche, lyrische Monumentalität, die sinnlich« Askese der Gotik. Man fühlt die Ströme rhythmischen Lebens durch die wagerecht gestreckten, seligen Arme der Tänzerin wellen; es ist ent- zückend, wie das rechte innere Handgelenk sich herausdrängt, wie der Halsmuskol sich strafft, wie an den Schlüsselbeinen entlang die Energien sich elastisch regen. Vielleicht wandte Kolbe an diese Tanz«nde ein wenig zuviel der Virtuosität; um so ruhiger steht ein Neger, ein ragender Strich. Diese Figur hat etwas Entmateriali- sierteS, sie scheint nur Gelenk und Gerüst, scheint fleischlose Stabili» tat und unbewegte Beweglichkeit: Gotik. kleines Feuilleton. Völkerkunde. Homöopathie bei den Naturvölkern. Die Homöo- pathie kann auf einen sehr alten Ursprung zurücksehen, scheint also wohl mit tief eingewurzelten Vorstellungen des Menschen zusammenzuhängen. Nicht nur bei Völkern deS Altertums, sondern auch bei vielen heute lebenden Naturvölkern lassen sich Sitten nachweisen, die auf der Anschauung beruhen, daß die Betätigung eines Organs oder einer bestimmten Eigenschaft des Menschen durch die Nahrungsaufnahme in bestimmter Weise beeinflußt werden kann Im Grunde genommen kommt das auf dasselbe hinaus wie die Homöopathie oder wenigstens die sogenannte Organotherapie. In einer norwegischen Sage muß ein Königssohn der durch seine Furchtsamkeit unangenehm auffiel, ein Wolfsherz verzehren, um dadurch die Kühnheit der Wolfsnatur zu erwerben. Andererseits ist bei den DajakS von Börnes den jungen Männern verboten, Fleisch von erlegtem Wild zu essen da sonst ihre kriegerische Tüchtigkeit leiden würde. Nur Frauen und Greise, an deren Mut weniger gelogen ist, dürfen einen Wildbraten verspeisen. Bei den Indianer- stammen in Amerika und auch bei den Eingeborenen mancher West« indischen Inseln bildet der Hund eine besondere Nahrung für die Krieger, da er als ein tapferes Tier gilt. Noch weiter gehen manche Leute in Indien und auch in Korea, die zu dem gleichen Zweck daS Fleisch deS Tigers für eine erlesene Stärkung halten. Bei den Chinesen gilt die Galle als Sitz des MutcS, und daher wird diS Gallenflüssigkeit getrunken. Wenn von manchen Vertretern der Völkerkunde auch die Menschen- fresserei im allgemeinen auf die Vorstellung zurückgeführt wird, daß die Kannibalen dadurch den Mut und die Weisheit deS erschlagenen FeindeS zu erwerben hoffen, so kann dieser Wahn jedenfalls nur eine Begleiterscheinung sein, da die Menschenfresserei in ihren Uranfängen aller Wahrscheinlichkeit nach nur durch Nahrungsmangel bedingt gewesen ist und sich dann bei den niederen Stufen der menschlichen Entwicklung fortgeerbt hat. Einige Stämme in Süd» aftika, die sonst die Menschenfresserei aufgegeben oder nie betrieben haben, huldigen ihr in einer gewissermaßen verschämten Form. Die BasutoS verzehren von einem Feind, der sich besonders tapfer ge« wehrt hat. wenigstens das Herz. Andere Völker haben den Brauch, die wichtigsten Teile deS Körpers zu Asche zu verbrennen und diese den jungen Männern bei der frier« lichcn Aufnahme in die Zahl der Erwachsenen unter einen Kuchen zu mischen. Der Glaube an eine Uebertragung tüchtiger Eigen« schaften heftet sich noch bei Völkern anderer Gebiet« hauptsächlich an daS Herz, demnächst an die Leber, die z. B. von den Kannibalen Australiens bevorzugt wird. Auf den Philippinen, wo sich manche recht bedenkliche Sitten studieren lassen, gibt es noch jetzt Stämme, die das Blut der erlegten Feinde trinken oder andere ähnliche Bräuche haben, die dem zwilisterten Menschen noch scheußlicher er« scheinen würden. Perantwortl. Redaktepr: Albert Wach?» Berlin.— Druck y. Verlag: VsrSärtsBuchdcuckere!U.PerIagsaustllltPagtSlngeräEiz.,Berliu2W.