NnterhaltungsMatt des vorwärts Nr. III. Mittwochs den 12. Juni. 1912 IStaQbtüS pervou».! 881 Suitana* Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Nun war es für die Franzosen nicht schwer, zu kon- irollieren, daß er ganz und gar einflußlos war und keine andere Autorität besaß als die seines herkulischen Körpers. jGerade sein eifriger Verkehr mit der kleinen französischen Kolonie, der er ein festes Thema für reich variierte Anekdoten lieferte, hatte zur Folge, daß man ihn bald in- und aus- wendig kennen lernte und sich klar wurde, welch zweifelhaften Wert er als Bindeglied zwischen französischen und arabischen Elementen repräsentierte. Auch die Eingeborenen behielten ihn nämlich im Auge, und er nahm in ihren Kreisen eine ebenso geachtete und beliebte Stellung ein wie der Zöllner iy der Bibel. Er konnte auf die Dauer nicht umhin, die wachsende Kälte zu empfinden, mit der man ihm begegnete. Man ließ ihn recht deutlich verstehen, daß keine Rede davon sein könne, ihn jemals als Card einzusetzen. Ja, selbst für die unschätz- baren Dienste, die Nur seines Erachtens der französischen Sache würde leisten können, schien man nicht den entsprechend klaren Blick zu haben, wenn man auch nicht völlig ausschloß, daß bei Gelegenheit in einer untergeordneten Stellung für Nur Verwendung sein könnte— wenn er genügende Geduld zum Warten hätte. Unter diesen veränderten Umständen wurde Hamza für Djeridas alte Anschauungen empfänglicher. Vielleicht war doch ein wenig Wahrheit in der Ueber- zeugung, die sie schon seit vielen Jahren äußerte: daß die Franzosen sein Ruin und Unglück geworden seien. Nun war auch Nur, zu einem arabischen Nationalisten bekehrt, von Gafsa heimgekommen. Abdallahs Popularität hatte einen unauslöschlichen Ein- druck auf ihn gemacht, und andererseits war er sich bewußt geworden, daß aus der Freundschaft mit den Fanzosen aller- lei peinliche MißHelligkeiten entstehen konnten. Er hatte sich mit gutem Gedächtnis all die Kraftstellen, die ihm im Munde des Schwagers besonders aufgefallen waren, angeeignet, und begann nun diese Goldkörncr mit würdevoller Miene auszustreuen, wenn er in der inneren Stadt umherschlenderte. Bald merkte er, daß dieser Ton anschlug und man ihm von vielen Seiten, wo er bisher nur mit kühler Vorsicht empfangen worden war, freundlich entgegenkam. Das spornte ihn an und entflammte seinen nationalen Eifer.— Eine gute arabische Eigenschaft hatte er indessen schon unter der Berührung mit den Europäern eingebüßt: seine Diskretion und Verschwiegenheit. Hatte er sich dagegen ein gewisses Maß von Wahrheitsliebe eingetauscht, so schien' dies fast nur von Uebel zu sein; denn er war geschwätzig geworden und wußte seine eigenen Gedanken und die anderer nicht mehr zu verhehlen, selbst wo es für die Sache, der zu dienen er für gut befand, von Bedeutung war. Er fühlte sich nicht mehr so recht vertraut mit der arabischen Anschauungsweise, welche Lüge und Verstellung als Tugenden und kostbare Waffen eines bezwungenen Volkes zu schätzen weiß. Hätte Abdallah näher gewohnt, so wäre Nur ihm wohl gar gefährlich geworden, denn er wurde nicht müde, sich mit diesem Verwandten aufzuputzen und ihn als mächtigen Konspirator, als künftigen Führer in dem großen heiligen Kriege zu schildern, der eines Tages die Welt„vom Atlantischen Ozean bis zum Ganges" in Brand setzen würde. Rurs plötzliche Frontveränderung hatte indessen keinen Einfluß auf sein Verhältnis zu Marcel. Er konnte nun ein- mal seine häufigen Besuche in dem großen traulichen Atelier- zimmer nicht entbehren, wo in allen schwierigen Fällen Rat und Auskunft zu holen war, und legte Wert darauf, hie und da zu einer europäischen Mittagstafel zugezogen zu werden. Ueberdies hatte Marcel eine wirklich ritterliche Eigenschaft: er vergaß stets, was man von ihm geliehen hatte. Und auf diesem Gebiete gab NurS eigenes Gedächtnis dem Marcels an Schwäche nichts nach. Lange Zeit verbarg er sorgfältig seine veränderte Mei>! nung über die Franzosen, aber eines Tages siegte sein Ver» langen, sich geltend zu machen, und seine Zunge ging mit ihm durch. Er stellte seine Gesichtspunkte jedoch in einer recht gedämpften Form dar und hob besonders stark hervor, daß er persönlich keine Abneigung gegen jene Franzosen hege, die er kennen gelernt, speziell nicht gegen seinen erprobten Freund Marcel. Die lächelnde Nachsicht, mit welcher Marcel diesen Aus- einandersetzungen lauschte, kränkte ihn ein wenig— da nahm man ihn daheim und in den maurischen Cafss ganz anders ernst! Wie sammelnd dieser Sinnesumschlag auch in der Familie wirkte, so war Sultana doch unzufrieden damit; denn sie selbst wollte nichts von Feindschaft mit der Nation wissen, der Marcel angehörte. Den Eltern sagte sie nichts, aber Nur gegenüber hielt sie daran fest, es sei nicht recht, Menschen zu verleumden, die einem wohl wollten und deren Dienste man empfing. Er wisse ja doch gut, welche Bewandtnis es mit Frau Barriäres Geld habe, das den Eltern so viel Unheil verursacht, ihm selbst aber nur Segen brachte. Sutana hatte eben ihre eigene kleine Meinung über die nationale Frage, die schon seit so vielen Jahren um ihre Ohren summte: die Franzosen saßen nun einmal im Lande fest, und sie wußte, wie zahlreich und wie reich sie waren. Von ihrer Freundschaft hatten die Araber alles zu erwarten, von ihrer Feindschaft alles zu fürchten. Und so würde es, so demütigend es auch war, eben bleiben, bis ihr eigenes Volk die Franzosen an Kultur erreicht hätte. Als Frau Barriäres Schuldner sah, Hamza sich genötigt, mit ihr eine Ausnahme zu machen. Er kam ihr mit aus- gesuchter Freundlichkeit entgegen und war im Gegensatz zu Nur ein Meister in der Verstellung. Ja/er trieb es so weit, ihre Missionssitzungen„mit wachsendem Nutzen und From- men" zu besuchen. Sogar Djerida, die sich nun auf allen Seiten sicher fühlte, ließ sich herbei. Interesse für die Mission zu heucheln. Wenn Frau Barriere auf einen ihrer langen Besuche kam. saßen alle drei beisammen und sangen Psalmen. Das kleidete Hamza so gut und sie hatten hinterher viel Spaß damit. Suitana hatte, so lange sie in Tunis war— und Wochen zuvor— nur den einzigen Gedanken, Marcel zu sehen und um jeden Preis in seine Nähe zu kommen. Hier ersah sie eine Möglichkeit. Sie schlug in scherzender Form vor, eine von Frau Barriöres und Pastor Greens Sitzungen zu besuchen. Nur wollte nicht teilnehmen, obwohl er große Lust hatte, da es mit der neuen Haltung, die er angenommen hatte, nicht übereinstimmte, und Hamza lag in einem Chira-Rausche, aber die drei Frauen entschlossen sich zu gehen. Der Sitzungssaal lag in Suk el Grana, mitten im Juden- viertel, und wimmelte bei ihrer Ankunft von lärmender israelitischer Jugend. Es waren sicherlich die wenigsten er- schienen, um die Verkündigung des Wortes zu hören, und dies war auch nicht der Zweck. Diese Sitzungen waren eben für jene bestimmt, die nicht suchen wollen und die hier dennoch finden sollten, selbst gegen ihren Willen. Darum wurde es plötzlich dunkel im Saale, und gleich- zeitig entstand andächtiges Schweigen. Es wurde zu Beginn eine Reihe von Lichtbildern vorgeführt, die, dem Publikum zu Schreck und Warnung, die„bösen Wege" und die Hölle dar- stellten, in welche diese schließlich mündeten. Sowohl Sultana wie auch Mabruka, die zum ersten Male in ihrem Leben Lichtbilder sahen, waren tief ergriffen, und Sultana betete während der ganzen Vorführung in aller Stille ihre täglichen Gebete, um nicht irgend einer Art Ver- suchung anheimzufallen. Als die Lichter wieder angezündet wurden, begann sie sich in der Versammlung umzusehen, ob Marcel nicht da sei. Sie spähte vergebens. Dagegen stand Pastor Green auf und hielt eine Rede über d�n Weg, der am raschesten zum Himmel führe. Er sagte— was er jedoch wohl nicht allzu buchstäblich meinte— daß man durch den Islam dahin ge- langen könne, aber das sei wie von Tunis nach Frankreich zu reisen und den Weg über China zu nehmen, oder von Tum8 flaclj Karthago durch die Wüste zu ziehen. Auch durch das Judentum könne man den Himmel erreichen. Aus diplo- matischen Gründen schilderte er diese beiden Religionen als gleich große Umwege und hütete sich, einer von ihnen den Vorzug zu geben. Der rascheste Weg— und den, den ein vernünftiger Mensch also wählen müsse— sei jedoch der Methodismus, was er ihnen sogleich schwarz auf weiß vor- führen werde. Die Lichter erloschen, und man sah ein lebendes Bild einer amerikanischen Weckungssitzung, in der die Erlösung mit einer Flinkheit vor sich ging, die auch die Verstocktesten überzeugen mußte. Die jungen Israeliten waren äugen- scheinlich ganz verblüfft. Nachdem die Stimmung solchermaßen vorbereitet war, erhob sich Frau Barridre, schwarzgekleidet und bleich. Im Vergleich zu dem Priester wirfte sie fast streng. Das Haar war weißer als zuvor, aber das Gesicht schien förmlich verjüngt. Sie sprach ruhig und klar, wandte sich mehr an die Logik als an die Gefühle der Versammlung, die sie wohl durch die Bilder als hinlänglich beeinflußt erachtete. Verständig genug beschränkte sie sich auf ein einziges Motiv und faßte sich ganz kurz. Der Grundgedanke war die Ueberlegenheit des Christen- kums sowohl über das Judentum wie über den Islam. Die anderen Religionen, und besonders der Jslani wende sich haß- erfüllt gegen alle anderen Glaubensbekenntnisse, und der Katholizismus— dies war ein Seitenhieb— sei nicht viel besser. Das wahre Christentum, der Methodismus, suche da- gegen seine Feinde auf und strecke ihnen freundlich die Hand entgegen. Er suche Gutes selbst denen zu tun, die voll Bos- heit und Verleumdung seien. Aber der, dessen Herz die größte Liebe ersülle, beweise dadurch, daß er die wahre Religion besitze. Es wurde ein Psalm gesungen, worauf die Versammlung, die während der Reden merklich ermattet war, sich abermals in ein lärmendes Biographentheaterpublikum verwandelte, das kichernd die Ausgänge suchte. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck»«rdoien.l Der Zod. Von Martin Andersen Nexö. Die seltsame Woge, die auf dem Erdenrund durch die unteren Volksschichten geht und die große Umwertung in Gang bringt, hat auch ihren Wieg in die Bornhokmer Gegend genommen und den kleinen Mann veranlaßt, den Kops ans Tageslicht zu stecken. Man merkt das an vielen alltäglichen Kleinigkeiten, und besonders tief ist es im Verhältnis des Armen zum Tode zu spüren. Der Tod ist nicht mehr Allbeherrscher, jetzt kündet sich auch etwas anderes an; die Interessen des kleinen Mannes haben sich vom Tode auf das Leben übertragen. Die Götter mögen wissen, woher der arme Hannes den Mut dazu genommen hat, Forderungen an das Dasein anzumelden? Von oben her hat man ihn nicht dazu angeregt, sein bloßer Appetit gilt immer noch als Raub. Dem Aeußeren nach ist er das gleiche schlcchtgckleidete Arbeitstier wie früher, mit den steifen Gliedern und mit der zahllosen, unersättlichen Kinderzahl. Aber es ist etwas Starkes in sein Leben gekommen, wodurch die Branntweinflasche in den meisten Fällen überflüssig geworden ist. Der kleine Mann hat Interessen an diesem Leben, als besäße er Aktien darauf; er spricht über Politik und operiert— Gott steh uns bei!— mit Plänen, sein Dasein zu verbessern. Nun, das tut auch not! Aber daß gerade er auf solche Gedanken kommt, er, der Elendeste von allen, der durch Jahrhunderte mit Schmalzschnitten, Branntwein und Erzählungen vom Tode großgefüttert worden ist! Es ist ja eine Frechheit, ein Größenwahn sondergleichen, daß der arme Hannes das Dunkel von sich abstreift und die Weltordnung än- dein will! Ich bin erstaunt darüber, wie leicht das Neue mit seiner un- crbittlichcn Forderung einer helleren Lebensmöglichkeit die Leute meiner eigenen Generation erobert hat. Die Losung liegt diesen von der Welt abgesonderten Erd- und Steinarbeitern sozusagen auf der Lippe; wenn sie sie einmal gehört haben, dann kennen sie sie zur Genüge. Und woher haben sie ihre Begriffe vom Licht? Ueber unserer ganzen Kindheit brütete noch das Dunkel; der Tod war der allgewaltige Regent. Der Schatten des„grauen Mannes" lag über der Erde, er war der starke Hintergrund aller Dinge; zu ihm mußte man seine Zuflucht nehmen, wenn man über den Alltag hinaus wollte. Die vier nackten Wände des Lebens konnten es da- mals nicht aufnehmen mit den schwarzen Brettern eines SargeS. Eine so magere, selbstverständliche Lösung der Tod auch war, er mußte immer herhalten. Durch die Erfahrung belehrt, hatte der arme Mann durch die Zeiten hindurch seine Zukunftsaussichten att dieser einen Stelle gesammelt, von wo sie ihm niemand fortnehmen mochte. Hier hatte das Abenteuer sein Reich. Ein merkwürdiger Tod blieb länger im Gedächtnis haften als alles andere; und un- zählig sind die Geschichten, deren ich mich aus meiner Kindheit ent, sinne, wie der und jener ums Leben kam. Auf dem Grunde jedes Gesprächsstoffs lag der Tod; und bei den Festgelage», wenn man aufgeräumt und des Alltags über- drüsfig war, sprang die Unterhaltung unmittelbar auf dieses un- erschöpfliche Thema über, das man dann nicht mehr verließ. Da war der Tod mit Saft und Kraft, der die Leute, am liebsten die stärksten von ihnen, hinterrücks überfiel und mitten in ihrer schönsten Jugend zu Boden warf. Oder der sanfte Tod, der den Menschen im Spiel dahinraffte, wenn er auf der Wiese Blumen pflückte. Meist aber war es der Tod in neuer, launischer Gestalt. So hatte der eine von uns in seiner Jugend auf einem Hof gedient, wo die Kinder einander im Spiel in eine Kiste einsperrten; doch als einmal eins von den Kindern darin saß, wurde zuge- schloffen, und das arme Wesen erstickte.--- Ein Bauer ist bei der Erntearbeit beschäftigt, er erhitzt sich und trinkt aus einem Bach; es sticht ihm etwas in die Nase, vielleicht die Kraft des Wassers, und er stirbt daran.--- Dem stärksten Burschen kann es passieren, daß er seine Zunge verschluckt... und weg ist er. Und bei einem anderen dauert es wohl vierzig Jahre, bis der Tod ihn fortnimmt. Es fängt in der großen Zehe an und der Mann verfault langsam; erst wenn das Herz erreicht ist, kann er ins Nichts entwischen.---- Einer sitzt drüben in Amerika und schreibt an seinen Herzensschatz, sie solle doch auch hinüberkommcn; und gerade bei ihrer Ankunft stirbt er. Andere aber lange über die Zeit, der Tod verschließt die Augen, sie kommen oft an seinem Rachen vorüber, er sieht sie nicht— oder will sie nicht sehen. Eine eigentümliche Vertraulichkeit kennzeichnete das Verhältnis des armen Mannes zum Tode; er brachte ihm nicht wenig Humor entgegen, veranstaltete zuweilen geradezu ein Fest mit ihm. Irgend- wo muß der Tod ja sein Opfer finden! Und der mürrische alte Pförtner, der vom Morgen der Zeiten an in grauer Unbestechlichkeit hoch und niedrig aus dem Dasein herausläßt, ging zur Abwechselung einmal auf das Spiel ein. Die Leute kamen und wälzten sich vor seinen Füßen— wie spielende Hunde. Dann gab er ihnen mit seinen etwas harten Händen einen Klaps, haschte nach ihnen und ließ sie mit halber Gesundheit wieder laufen. Sie schrien vor Schmerz, aber im nächsten Augenblick waren sie wieder obenauf; ein herrlicher Spaß war es doch gewesen! Jetzt entsinnt sich hier am Strande niemand mehr, wie Gedion und der Tod miteinander spielten; und vor dreißig Jahren war das doch die beste aller Geschichten. So ganz und gar hat das Neue vom Volke Besitz ergriffen. Gedion gehörte zu denjenigen, denen keine bestimmte Todesart zugewiesen worden war; so etwas gibt dem Menschen immer eine schiefe Stellung zu allen Dingen. Seit Gedion das Licht erblickt hatte, wußte jeder, daß es anderS um ihn stand als um den großen Haufen. Etwas Handgreifliches, woran man sich hätte halten können, war nicht vorhanden. Er stammte von einer barfüßigen Fischer- dirn und einem jungen Seemann, der ertrank, bevor der Junge zur Welt kam, und der ihm einen Ooltuchanzug und eine Schiffs- kiste hinterließ. Die Mutter gab ihm die Brust und gesalzenen Hering; und seinen Namen bekam er nach einer Galjonsigur mit daran hängendem Namensschild, die gerade in jenen Tagen ans Land getrieben wurde. Zum Ueberdruß waren außer seinem Vater auch fein Großvater und zwei Brüder seines Vaters auf dem Meere umgekommen— und auch ein paar von den Brüdern seiner Mutter. Niemand im Dorf hatte seine Papiere besser in Ordnung als Gedion. Aber ihm wurde nicht erlaubt, wie die anderen aus dem Dasein zu schlüpfen. Er schrie wie jedes andere Würmchen und fraß und gab die Dinge wieder unverdrossen von sich; aber die Leute nahmen ihn dennoch aufs Korn und sahen allerhand, wo anscheinend gar nichts zu sehen war. Die Mutter war verzweifelt und kämpfte tapfer für ihren Jungen; sie zeigte ihn nackend vor. hielt ihn an dem einen Fuße fest, ließ ihn in der Luft-zappeln und tauchte ihn in kaltes Wasser:„Seht, ist er nicht drall und rot! Und geht ihm die Haut nicht ab von der eigenen Flüssigkeit!" Und im Wasser schrumpften seine Geschlechtsteile zusammen. Ein tüchtigeres Kind war in dem Fischerdorf nie geboren worden. Aber die Leute ließen und ließen sich nicht überzeugen.„Er ist nicht dazu geschaffen, eines natürlichen Todes zu sterben," sagten sie kurz und bündig und nickten. Das Meer selbst widersprach ihnen. Schon von seinem vierten Jahr an trieb Gedion sich mit den jungen Burschen auf dem Wasser herum. Wenn das Meer im Sommer wie ein faulenzendes Mutter» tier dalag und seine Kätzlein am Strande hinrollen ließ, dann hätte niemand behaupten können, daß Gedion ein Fremder inmitten des Schwarms sei; er schnurrte vor Wohlbehagen, so klein er war, unter dem liebkosenden Lecken der Wellen. Aber die Alten hielten starr an ihrer Ansicht fest. Und als die Kinderkrankheiten sich einstellten, sagten sie zu Gedions Mutter, sie solle sich Rat holen.„Sonst krepiert er Dir," meinten sie. Das Mädchen wollte vor Scham in die Erde versinken. Da kamen die Leute und wollten.ihrem prächtigen Jungen einen Platz außerhalb der menschlichen Gesellschaft anweisen, es sollten ihm Pflaster aufgelegt werden wie einem beliebigen Landkinde, während die anderen vom Meere geschützt wurden und nichts zu fürchten hatten! Gedion krepierte allerdings nicht an den Kinderkrankheiten, aber sie griffen ihn härter an als die übrigen Kinder des Fischer- dorfs, obwohl tüchtig an ihm herum gedocktcrt wurde. Das schien die Ansicht der Leute einigermaßen zu bestätigen, und es wirkte auf das ganze Dasein des Burschen zurück. Die Fischer nahmen ihn nicht gern mit auf die See; er bot ihnen keine Garantie, sein Schick- sal war zu unsicher. Wie es sich in Wirklichkeit mit ihm verhielt, konnte niemand sagen; aber mochte es nun sein, wie es wollte— dem Meere gehörte er nicht an. Irgend etwas bewirkte, daß er im Wachstum zurückblieb, der Ueberschuß an Kraft war früher verbraucht. Er hatte die Neigung, jedes Uebelbefinden Gewvlt über sich gewinnen zu lassen. In seinem zwölften Jahre hatten ihn Typhus, Diphtheritis und Scharlach- fieber in ihren Krallen gehabt; und jede Krankheit hatte ihm etwas genommen und dafür ein Stück von sich in ihm zurückgelassen. Nun war er ganz mager, und die Haut spannte sich hart über den Knochen. Uebermut kannte er nicht, statt dessen war ihm eine zähe Halsstarrigkeit eigen, die von hinten herum an die Dinge heran- ging urib sich der Meinung der anderen quer in den Weg legte. Mit dem Meere bekam er nichts zu tun, er war auch nicht mehr behende genug dazu; aber er konnte gut und gleichmäßig arbeiten, und den Sommer über kam er auf ein Gehöft. Während des Sommers, als er zum Pfarrer in den Unterricht ging, diente er bei einem Bauer hinterm Moor. Da wurde er von einem Pferd an der Schläfe ge- troffen, und man brachte ihn in leblosem Zustande nach Hause ins Dorf. „Nun ist es doch so mit ihm gekommen," sagten die Leute und atmeten befreit auf. Aber da schlug der Jurige die Augen auf und starrte sie verwirrt an, als käme er aus einer anderen Welt her. Es war deutlich, daß seine Augen von jenseits herüberschauten, und niemand mochte von nun an seinem Blick begegnen. Lange Zeit spielte der Tod mit ihm, wie die Katze mit der Maus. Dann stand er endlich wieder auf seinen Beinen da, und eine Narbe und ein wenig Gehirnerweichung waren die einzigen Folgen der Begebenheit. Die Leute schüttelten den Kopf und wichen Gedion aus, wenn sie ihn sahen. Man hatte keine Erklärung für ihn; aber so wie er war, befestigte er immer mehr die vorgefaßte Meinung der Menschen und gah dem Unsichtbaren einen Rückhalt. Ihm einen Rat zu geben, lohnte sich nicht; man konnte ja mit höheren Mächten zusammen- prallen. Wenn er unbedingt zur See wollte, so mochte er sich in Gottes Namen Seemannskleider anschaffen; die Vorsehung würde ihn schon zu erreichen wissen. Und Gedion wollte nun einmal auf See. Er war dazu ge- boren: der Gesang des Meeres war der erste Laut, den sein zartes Ohr aufgefangen und wiedererkannt hatte, da draußen lagen die meisten seiner Vorfahren. Sein Kinderblut wurde von den Wellen gewiegt, schon in seinem zarten Weinen war die Melodie des Meeres. Er war ein Kind des Strandes, und dunkel und tief er- klangen in dem Kleinen die Töne des Sangs, der die Erde umspült. Doch er wollte zwar auf See, wagte es aber dennoch nicht. Darum ging er zu einem Schiffszimmermann in die Lehre, um wenigstens in der Nähe zu bleiben. Das Handwerk gefiel ihm. Bei der Arbeit konnte er aufs Meer hinausschauen; und einmal, einmal würde er doch hinaus- kommen! Die Stimme von da draußen, die allen Kindern der Küste so vertraut ist, rief ja in einen» fort. Aber Gedion ließ sich Zeit; erst wollte er das Handwerk richtig erlernen— und dann als Zimmermann in die Welt hinaussegeln. Besonders scharfsinnig war er nicht, aber bei der Arbeit verriet er Ausdauer und guten Willen— bis er eines TageS vom Balken hinabstürzte und aus den Stein auf dem Boden des Betings aufschlug. „Diesmal wird es sein Tod sein," sagte der Doktor. Aber die Leute aus dem Dorf sahen einander an und dachten sich ihr Teil. „Zwei Krücken werden es jedenfalls," meinte der Doktor einen Monat später. Aber weder der Tod noch Krücken waren das Resultat. Viel- mehr eine lahme Hüfte, ein krummes Bein und eine schiefe Schulter— eine Gestalt, an der alles bis zum vollkommenen Krüppeltum verdreht und verrenkt war. Von nun an verkörperte Gedion das Unheimlichste und Span- nendste, was die Leute kannten: den Menschen, der nicht zu sterben vermochte. Die märchenhafte Geschichte, wie er mit dem Tode Haschen spielte, ließ sich immer wieder von neuem erzählen, so daß allen Anwesenden ein kalter Schauder über den Rücken lief. Dar- über, daß Gedion aus dem Kreise der anderen Menschen ausge- schlössen war, machte sich niemand Gewiffensbisse. Gedion war zum Apis erkoren und durfte nicht mit den anderen Gras fressen; so oft er sich der Herde zu nähern versuchte, wurde er zu seinem einsamen Stande zurückgetrieben. Mit der Schiffszimmerei war es aus. Und doch konnte er sich auf seinen gebrochenen Beinen ganz flink von der Stelle bewegen, und die Obrigkeit gab ihm das bescheidene Amt eines Strand- Wächters. Auch mit der Ausficht, das Meer zu befahren, war eS unwiderruflich vorbei; und jetzt, wo er selber gar keinen Einfluß mehr in dieser Frage hatte, wurde sie das tragisiche Element seines Lebens. Die Leute wichen ihm aus und beschäftigten sich unaufhörlich mit ihm. Schließlich konnte er diesen Doppelzustand nicht mehr er- tragen und wahm seine Zuflucht zur Flasche. Niemand nahm es ihm übel, daß er trank. Mit Gedion ging man ja nicht ins Gericht— bei ihm war in allem Gottes üner- forschlicher Ratschluß zu spüren. Dem Meere gehört er nicht an. und dem festen Lande wohl auch nicht! Aber wer klug war, ließ das alles aus sich beruhen und nahm ihn als Vorbedeutung hin; es brachte Glück, die Netze in den Untiefen auszuwerfen, die er in seinem Rausche bezeichnete. Alles in allem legte er in recht un- heimlicher Weise Zeugnis von dem Walten des Schicksals ab! Er flößte den Menschen Grauen ein, und in all seiner Verkrüppelung war er trotzdem ein Unterpfand für die reichen Möglichkeiten des Daseins. Gleichförmig und ohne Ruhepunkt verstrich für Gedion eins Reihe von Jahren— Tag um Tag, wie das Dasein sich für den- jcnigen gestalten muß, der dazu verurteilt ist. ewig zu leben. Ein Menschenalter nach dem anderen sah ihn seinen milden und nie, mals endenden Branntweinspitz an dem Strandstück umherschleppen. das seiner Aufsicht unterstand. Mit der Zeit war täglich ein ganzes Liter notwendig, um den Rausch zu unterhalten, und jeder gewöhn- liche Mensch tväre dem Trunk erlegen. Aber Gedion konnte ja nicht sterben. In mehr als einer Nacht schlief er seinen Rausch am Strande bei fünfzehn Grad aus, ohne daß er den geringsten Schaden erlitt. Wie lange er so noch hätte weiterleben können, kann man nicht! gut wissen— vielleicht bis zum Jüngsten Gericht. Wenn er nicht eines Tages Halt gemacht und sich von dem Fluche befreit hätte. Eines natürlichen Todes konnte er ja nun einmal nicht sterben, da er nie aufs Meer fuhr; aber er kam diesem Ziele verwirrend nahe. An jenem Tage trug er einen Generalrausch zur Stadt und legte sich unterwegs am Strande nieder, um zu schlafen, das Gesicht in seinen Südwester gedrückt. Da spülte eine lange Welle heran, füllte den Südwester, und Gedion ertrank. So erschlich er sich trotz alledem seinen Tod. Die Ortsnamen im Deutlcben. Berg, Bach, Tal, Fluß u. a. gehören naturgemäß zu den häufigsten Namenbestandteilen. Stendal liegt im Steintal. Berg» kegel werden Stauf genannt, daher Donaustauf, Hohenstaufen und andere. Nicht weniger als«in Drittel aller Ortsnamen wächst aus Fluß namen hervor. Von bekannten und leicht erkennbaren Bei» spielen sehen wir ab. um einige wenig bekannte anzuführen. Wien heißt im Nibelungenlied: stat ze Wiene, nach der Wien. So liegt auch Stadtilm an der Ilm, Darmstadt an der Darm sjetzt kana» lisiert), Düsseldorf an der Düffel. Aschaffenburg an der Aschaff, Schleswig an der Sckilei, Goslar an der Gose sLar ist die Wohnung). Die holländischen Städte auf-dam legen Zeugnis ab von der Be» deutung der Dammbauten, die Amstel, die Rotte und die Zaan er» geben so Amsterdam, Rotterdam, Zaandam. Auch Meißen heißt nach der Meitze, Elbing nach einer ursprünglichen zweiten Elbe, Tilsit nach der Tilse, Moskau nach der Moskwa. Chieago nach der Chicago. Chemnitz swendisch) bedeutet Steinbach. Eine große Menge von Flußorten endigt auf eine Silbe mit a. Hier liegt überall das lateinische szugleich all- gemein indogermanische aqua sWasser) zugrunde. Biberwasser bedeuten demnach Bebra, Bibra, Biberach. Fulda(kolcka— Erdboden) ist Landwasser. Gieße ist ein altes Wort für Fluß, daher Gietzen. Koblenz stammt vom lateinischen oonLuentes sdie zu» sammenfließenden, nämlich Mosel und Rhein). Die Mündung steckt in Neckargemünd, Travemünde. Gmunden usw. Ein Rostock gibt es auch in Böhmen, wo sich gleichfalls ein Fluß„erweitert" swendisch roz-tok--- zerfließen, auseinandergehen). Aachen bedeutet „zu den Wassern", wie Baden zu den Bädern. Beziehungen mit „Insel" und den entsprechenden Wörlern der anderen Sprachen finden wir z. B. bei Algeciras: arabisch gezire= Insel. Auch Werder, Wörth usw. find gleichbedeutend mit Insel, desgleichen Holm, wie in Bornholm und Stockholm. Drückt sich auch der Aerger über ungünstige Bodenverhältnisse nicht immer so deutlich aus wie in den Ortsnamen Wärstubesser» Aergernitz, Neuärgerniß. Sorge, Elend usw., so sagen doch Be- nennungen wie Sandacker, Sandberg, Sandwich s— Sandheim), Blankenese,(einst ein kahler Sandberg, blanke Rase), Lehmkuhlen, Glienicke(— Tonerde), Bruch(Sumpf), Syrakus snach einem Sumpfe genannt), Möckern(wendisch rnofainn= Sumpfland), Lausitz(desgleichen) auch schon genug. Das alle Wort für Fels ist Stein, daher sind Königstein usw. hochgelegene Plätze, auch Kammin in Pommern(Steinburg) gehört hierher, es heißt nach den gewaltigen Steinriffen. Die Namen mit „Salz", Hall" usw. gehen meist auf die Kelten zurück, die allein in alter Zeit die rationelle Salzgewinnung verstanden und schon in vorgeschichtlicher Zeit die Salzwerke im Salzkammergut und Hollstatt und dann auch die von Ariern und Halle anlegten. Die Halloren sind Salzbereiter. Auch Stadtsulza(Sülze--- Sole) heißt nach den Solquellen. Dürrenberg verdankt seinen Namen indirekt der Saline, nämlich der vegetationsfeindlichen Wirkung des Salzes. Kösen(Küche) heißt nach dem Sudhaus, wo das Salz aus der Sole bereitet wurde. Die Römer nannten Rom schlechtwegs urbs(die Stadt). Aehnlich ging es auch anderwärts. Stambul aus Jstambul führt — 444- auf das griechische„eis tan polin"(in die Stadt) zurück. Daher auch Nanieu wie Hof, Thale, Porto, Le Havre(beide— Hafen) Medina(Stadt) heißen aus arabischer Zeit noch vier Städte in Spanien. Alle alten deutschen Ortsnamen sind„erstarrt KasuS", sie stehen im Dativ, im dritten Fall: Mtenburg, Weißen fels, Blankenburg, Rothenburg. Es ist damit ähnlich gegangen wie mit Weihnachten, Pfingsten, Mitternacht, d. h. es handelt sich um Bruch stücke von Sätzen aus dem Verkehrsleben. Erst später entwickeln sich zu Unterscheidungszwecken Namen mit näheren Bezeichnungen. Neu-- und Alt- sind die nächstliegmden, wie in Naumburg, Naugard Stargard(stary wendisch— alt). Dann kommen„Gr und„Klein-". Schmal— slein ist in Schmalkalden enthalten, Luxemburg ist Lützelburg. Mecklenburg kommt von michel— groß, Die Schönheit der Städte wird in Namen wie Jaffa, Belleville, Bellevue, Schönau, Belvedere, Schönhausen usw. zugrunde gelegt, Es gibt auch ein Heiterer Blick und mehrere Siehdichum, deren niederdeutsche Form im Familiennamen Südekum vorliegt. Die Farbe verrät sich in Belgrad(Serbien) und Belgard(Pommern), beide bedeuten Weißenburg, ebenso Winchester. Rothenburg ist das> selbe wie Alhambra(deren Mauern und Türme aus roten Ziegeb steinen bestehen). Rode, Rade, Reute, Ried und ähnliche Silben in Rütli, Friedrichroda, Werningerode, Apenrade, Bayreuth, Niederrod usw. besagen, daß hier erst der Wald gerodet werden mutzte, um Ansiedlungen zu schaffen. Andererseits verrät sich der Wald nicht nur in den Ortsnamen mit Wald-, Holz- usw., sondern auch in Iserlohn, Osterloh, Waterloo(Loh— Wald). Auch Branden bürg ist nicht mit„-bürg" zusammengesetzt, sondern mit.-bor' (wendisch— Kiefer), daher Brennabor. Ebensowohl Ratzeburg, Radeburg(— Ratibor). Grabow, Grabau usw. heißen nach der Hainbuche(slawisch— grab), wie Prießnitz, Treuenbrietzen usw. nach der Birke(slawisch— bresa), Buckingham(Buchheim) und Buchholz nach der Buche, Eibenstock, Jberg usw. nach der Eibe, dem früher sehr verbreiteten gemeinen Taxus. Ulm ist die Ulmenstadt, Zittau die Roggeustadt(tschechisch mto— Roggen). Der Bühl(Hügel) steckt in Radebeul wie in Dinkelsbühl, wo der Dinkel oder Spelz kultiviert wird. Wie Heringsdorf den Heringen, verdankt Frohsdorf, gleich Poggendorf, den Fröschen seinen Namen. Jmmenstadt, Schlangenbad, Herzberge(—Hirschberge), Auerbach, Urach, Wiesensteig(vom Wisent), Uhlenhorst. Geyer im Erzgebirge, Wolfenbüttel sind weitere Dokumente der Tierwelt in Deutschland. Am häufigsten war aber der Bär, der in Bern- bürg, Bernkastel, dem Sankt Bernhard usw. fortlebt. Dagegen ver- danken Bezeichnungen wie Löwen, Lölvenberg, Lauenstein(Leven- stein), Lemberg ihre Namen wohl nur den Wappentieren der Gründer. Die Zahl der nach Fürstlichkeiten benannten Orte ist Legionen. HermSdorf ist HermannSdorf, Kunersdorf heißt nach Konrad usw. Kleinpaul gibt auch noch eine Blütenlese von Phansasie- n am en, unter denen sich viel tolles Zeug findet, sowie eine Ueber« ficht über die häufigsten Dubletten, d. h. die mehrfach vorkommenden Namen. Zu unterscheiden sind Fälle wie Altenburg und Oldenburg, Namen, deren Häufigkeit auf der Wiederkehr der gleichen Ver- hälwisse beruht, von den einsachen Nachahmungen, die besonders in Amerika grassieren. Dort gibt es einige zwanzig Athens sowie mehrere Roms, eS gibt aber auch Ortsnamen wie Homer, Hannibal und Bismarck(vierzehn Städte heißen nach ihm.) Ueber die ganze Erde verstreute finden sich schließlich biblische Namen, vor allem Jerusalem, Jericho usw. Wenngleich Kleinpaul nicht in der Lage ist, selber die entwickelungsgeschichtlichen Konsequenzen zu ziehen— was ja auch nicht im Rahmen seines Buches liegt— so bietet er doch wirklich wertvolle Vorarbeiten für die künslige Forschung. Die ökonomische Kulturgeschichte wird diese Vorarbeiten nicht selten als wichtige Stützen und Bestätigungen gebrauchen können, und schon unser kurzer Ucberblick über den riesigen Stoff, den Kleinpaul bietet, be- weist klärlich, daß auch die Geschichte der Ortsnamen einen Spiegel der ökonomischen Entwickelung und damit der Klaffenbewegungen zu geben vermag. Da Kleinpaul außerdem seine ErkläWngen sehr präzis und nichts weniger als trocken vornimmt, ist»M Studium des billlgens Bündchens ebenso gewinn- wie genutzbringend. R. F. schlecht nicht gewesen fein, sonst würden wir sie wohl nicht w seder Phase der Geschichte, von den Schwesternehen der ägyptischen Pharaonen an, als mächtigen sozialen Faktor austreten sehen. Wie lasien sich nun diese beiden widersprechenden Tatsachen mit- einander vereinigen?—- Der einzelne Mensch ist das Ergebnis einer unendlich großen Ahnenreihe. In der vierten Generation aufwärt» befitzt er 16 Ahnen, in der 8. 256, in der 16. schon 32 768 und in der 28. 1848 576. DaS heißt, er würde sie besitzen, wenn 28 Generationen hindurch nie zwei Blutsverwandte in die Ehe ge- treten wären. Bettachten wir den Stammbaum Wilhelm? EL die neun Generationen hinauf, die er umfaßt, so finden wir nicht die rechnerisch geforderten 612, sondern tatsächlich nur 162 Ahnen. Ein ähnlicher Ahnenverlust findet sich bei allen Dynastien und Adels- geschlechtern. Je kleiner die Ahnenzahl ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß eine Eigentümlichkeit des Ahnen, wie der Rostocker Kliniker Prof. Marttus jüngst in einem an- regenden Vorttage auseinandergesetzt hat, bei dem Deszendenten verstärkt und vervielfältigt aufttitt. Bei Ehen zwischen fernen Verwandten zeigt der Nachwuchs dann, daß die charakte- ristischen Anlagen jenes entfernten gemeinsamen Ahnen gedoppelt zur Wirkung kommen, indem sie ihm zweimal in der vererbbaren Substanz— dem Keimplasma— von väterlicher wie von mütter- licher Seite zugeführt werden. Es liegt auf der Hand, daß das Ergebnis ein wünschenswertes oder ein höchst unerwünschtes sein kann, je nachdem besondere Leistungsfähigkeit oder besondere Leistungsunfähigkeit im einzelnen Falle vererbt wird. Der Höherzüchtung des Typus steht ein Ent- arten gegenüber. Der Tierzüchter hat es bekanntlich in der Hand, durch Zucht die Leistung zu erhöhen; der Mensch, mit dem wegen seiner langen Lebensdauer und späten Fruchtbarkeit Experimente nicht zu machen sind, ist einer künstlichen Auslese nicht zugänglich. So wird er oft zum willenlosen Objett des Naturgeschehens. Altertumskunde. kleines Feuilleton. Vom Menschen. Die Folgen der Verwandtenehen. Der Ausspruch de? verstorbenen Physiologen Dubois-Reymond:„Hüten Sie sich vor ihren schönen Cousinen' ist längst zu einem geflügelten Wort geworden. Die Tatsache, die er trifft, daß durch Heiraten von Blutsverwandten die Deszendenten besonders häufig von gewisse» Krankheiten wie Taubstummheit. Zuckerkrankheit. Gicht befallen werden, ist ebenfalls ganz allgemein bekannt. Begünstigt nun dte Verwnndtenehe an sich den Ausbruch dieser Krankheiten? Ist es etwa nötig, dem Bl-it neue fremde Kräfte zuzuführen, um es auf der Höhe seiner S�tzfunktionen zu erhalte»? Dem widersprechen eigentlich die Erfahrungen, die dorr gemackr wurden, wo systemarische Inzucht getrieben wurde, um die Vorinachtstellnng der Familie zu wahren. Die Erfolge dieser aristokralischcn Beschränkung müssen so om ägyptischen Pompeji. Während der letzten Tage des Oktober? im Jahre 138 n. Chr. fuhr die Staatsbarke des Welt- beherrschers Hadrian den Nil hinauf; sie führte den Sarg des Bh- thinierö AnttnouS, des kaiserlichen Lieblingssklaven und„schönsten der Männer', der sich in den Fluten des heiligen SttomeS ertränkt hatte. Unerhörte Ehren plante der Herrscher zu Ehren seines toten Lieblings und so gründete er zu seinem Gedenken eine ganze Stadt, die er nach griechischem Muster anlegte und mit Hellenen be« völkerte. In ihrer Mitte erhob sich das Grabmal des zum Gott gewordenen Sklaven, mit seinen Obelisken und Sphinxen der ge- waltigen Bauwerke würdig, die dereinst zur Ehre der alten Pharaonen errichtet worden waren. A n t i n o ö, die neue Gründung, blühte durch mehrere Jahrhunderte.... Dieses Zentrum spätanttker Kultur. das, unter dem trockenen Wüstensande vergraben, fast unversehrt geblieben ist, hat nun in wichtigsten Teilen der französische Archäo- löge Gayet in siebzehn Jahren mühevoller Arbeit ausgegraben. Jean-Paul Lafitte, der dieser Wiederauferweckung einer hock« interesiamen Vergangenheit in der.Nature' einen umfassenden Auf- ätz widmet, nennt Antinoö das„ägyptische Pompeji", spricht dieser Stadt aber noch eine größere Bedeutung für die Altertumskunde zu, als dem italienischen Ort. Die Kunst Pompejis ist die einer Provinz- ftadt und steht völlig unter griechischem Einfluß, während die Welt, die ich in Antinos offenbart, einen grandiosen geschichtlichen Hintergrund hat und unS ein ganz einzigartiges Denkmal bietet von dem Glanz der sterbenden Anttke. In Antinoö stehen wir an einem der wich- tigsten Zeitpunkte der Menschengeschichte. Noch lebt die Traditton des ältesten Kulturreiches überall fort; die Herrschaft der Pharaonen ist zwar der der Römer gewichen; ober Aegyptens Vermächtnis an die kommenden Reiche treibt hier auf heimischem Boden die wunder- vollsten Blüten. Und mit dieser ägyptischen Kultur verbindet sich nun die Grazie des sterbenden Griechentums, umgeformt und ge- wandelt durch den erschlaffenden Römergeist. Die Sntinous« Verehrung entwickelt sich zunächst unter der Form deS altägyptischen Ostris-Kultes, GayetS Ausgräbungen haben hier Momentbilder von glühender Mystik und üppig prunkender Leidenschaft heraufbeschworen in den Mumien der Priester und Priesterinnen, die ihre Gesänge zu Ehren des abgeschiedenen Gottes ertönen ließen, die die Geschichte. seiner Leiden und seiner Auf- erstehung in feierlichen Tänzen oder in Marionettenspielen auf winzigen Bühnen darstellten. Wie eine dumpf drohende Melodie aber klingt in den Rausch dieser letzten religiösen Orgien der Antike der Hymnengesang deS siegenden Christentunis hinein. Alexandrien ist nahe, w» die Kirchenväter ihre Lehre predigen; seit 315 ist die ganze Bevölkerung von Antinos christlich. Unter Diokletian ist die frühere Hochburg des Heidentums ein Schauplatz der Martyrien; sie wird nach dem Sieg der Kirche unter Konstantin der Mittelpunkt frommer Pilgerfahrten. All dies lebt in den Funden, die Gayet gelungen sind. Aber der wichtigste Teil von Antinoö schlummert noch unter der schützenden Sanddccke; die Bauten sind zum größten Teil noch nicht freigelegt, noch harrt die Krone des ganzen, das Grabdenkmal des Antinous, der Auf- deckung. Dann müssen die beiden großen Triumphsttaßen, die in der Welt nicht ihresgleichen hatten, freigelegt werden, damit die stolzen Tore und Hallen mit ihrem Wald von Säulen wieder im Tageslicht leuchten. iverantwortt. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Verlag; vorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaulSingerchCo.,BerlinLW.