Anterhaltungsblatt des Nr. 112. Donnerstag den 13. Juni 1912 (Nachdruck vervoten.1 89] Suitana* Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Sultana wollte nicht gehen, ehe sie Frau Barriere ge° sprachen hatte. Auch Pastor Green näherte sich apostolisch lächelnd, um die Damen zu begrüßen. Er witterte schon eine Bekehrung. Sultana erzählte, daß sie auf Besuch in Gaffa sei und einige Wochen bleibe. Sie rechnete darauf, daß Frau Barridre diese Nachricht an Marcel weiterbefördern werde. Das ganze Haus nahm lebhaften Anteil an Abdallahs Kummer über seine kinderlose Ehe: die Eltern sahen ja vor- aus, daß dies früher oder später mit einer Berstoßung enden müsse. Und wer würde dann die Unfruchtbare heiraten? Lalla Djerida hatte nicht viel Zutrauen zu Si Sadok, den Sultana besucht hatte. Das war ja bloß ein unwissender Bauernheiliger, ja vielleicht noch obendrein ein rechter Schwindler. Nein, da hatte man ja Sidi Fathallah in nächster Nähe von Tunis. Er war sogar jetzt noch, lange nach seinem Tode, ein anerkannter Spezialist in diesem Fache. Diejenigen, denen nicht einmal er helfen konnte, mochten sich jede andere Mühe sparen. Für sie war alles ausl Allahs Ungnade lastete auf ihnen! Es wurde also beschlossen, zu Sidi Fathallah zu wandern. Sultana bestimmte, daß es an einem Freitag sein solle. An frühem Morgen waren sie auf und fuhren im Wagen auf der Straße, die sich zwischen dem Salzsee El Vahira und dem Kirchhof Sidi bel Hassen hinzieht, gegen Hammam Lif. Nach einer halbstündigen Fahrt stiegen sie aus und wandten sich an einen Araber, der an der(Straße ein kleines dürftiges niaurisches CafB für Kameltreiber und ähnliche Leute unterhielt. Bei ihm opferten Sidi Fathallah einen Hahn, worauf die kleine Tochter des Wirtes sie an die Stelle führte, wo die Zeremonie vor sich gehen sollte. Auf halber Höhe des Felsens hielten sie vor einer schmalen�blankpolierten Abdachung von einigen Metern Länge inne. Sie sah aus wie eine Schleifbahn und war nicht weniger glatt. So zahlreich waren die unfruchtbaren Frauen, die hier Hilfe suchten, daß sie den Felsen blankgescheuert hatten wie einen Spiegel. Mabruka hielt sich scheu an einer Seite: denn welche Folgen konnte es nicht haben, wenn man auf diese gcfähr- liche Rutschbahn geriete! Sultana dagegen legte sich nach Borschrift auf den Magen und rutschte hinab, während sie gleichzeitig Sidi Fathallah eine Bitte zuflüsterte, chie Kur, der sie sich nur den Eltern zuliebe unterwarf, wirkungslos zu machen. Auf dem Rückwege ließen sie den Wagen vor Sidi bel Hassen halten, wo Sultana ihrer Großmutter Grab besuchen wollte. Vor allem aber rechnete sie darauf, Marcel zu treffen, und diesmal wurde sie nicht enttäuscht. Schon als Nur nach seiner Rückkehr von Gossa Marcel er- zählte, daß es seine Schwester Sultana gewesen, die er auf dem Friedhof getroffen und im Korridort„gesehen" hatte, war dieser sich augenblicklich klar geworden, daß dies als ein vorsichtiger und klug erdachter Gruß jenes Weibes aufzufassen sei, das nach wie vor eine solch starke und seltsame Macht auf sein Herz übte. Dieser Gruß durchbebte ihn durch den Aus- druck von Sympathie, den er dareinlegte, fast wie eine körper- liche Berührung. Indessen bemerkte er, daß ein Beigeschmack von Enttäuschung zurückblieb. Es nahm dem Mysterium etwas von seiner Süße, daß es die Schwester Nurs gewesen, der er begegnet war. Es setzte seiner Phantasie Schranken, ohne ihm neues Wissen zu verschaffen oder ihm die Geliebte näher zu bringen. Es gab ihm die Gewißheit, daß sie ihm unwiderruflich verloren sei, aber zu seiner großen Verwunde- rnng fühlte er, daß nicht dies ihm am meisten zu Herzen ging, vielleicht weil er sich schön mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, sie, vor ihrer eigenen Kühnheit bange, wieder in die geheimnisvolle Dunkelheit des Harems zurückflüchten zu sehen. Als die Mutter heimkam und erzählte, daß Nurs Schwester der Sitzung beigewohnt und nachher mit ihr gesprochen habe, erkannte er sie wiederum an der diplomatischen Klugheit, mit der sie es verstand, ihm, ohne sich zu verraten, ihre Grüße zu senden. Nun wußte er, sie würde ihn suchen: irgend etwas würde geschehen. � Er geriet in eine Spannung, die ihn halb unzurechnungs- fähig machte und ihn weder Tag noch Nacht Ruhe finden ließ. Er trieb sich draußen in der Stadt umher und speiste in Restaurants, um sich der Mutter gegenüber nicht zu ver- raten. Freitags ging er zu früher Morgenstunde wie zu einem verabredeten Stelldichein nach Sidi bel Hassen. Als die drei Frauen anlangten, ging er dicht vor der Friedhofpforte auf und ab, aufmerksam alle zuströmenden Frauengestalten musternd. Während Sultana Vorbeistrich, fragte sie ihre Mutter so laut, daß er es hören mußte: „Ist dies nicht Marcel Barriöre?" Diese Worte zuckten wie ein Feuer durch sein Gebein. Alle seine Nerven brannten. Nun erkannte er auch den Gang und die aufrechte Haltung. Er hielt sicb entfernt und beschränkte sich darauf, sie im Auge zu behalten. Einen Kriegsplan hatte er nicht und wagte nichts zu unternehmen aus Furcht, sie zu kompromittieren. Es mußte ihre Sache bleiben, zu handeln. Sie setzten seine Geduld auf die Probe, indem sie den Gipfel des Hügels erstiegen, um die Zäuia aufzusuchen. Er setzte sich zwischen den Blumen nieder und wartete: denn dort oben, wo er nichts zu tun hatte, hätte er bloß Auf- mcrksamkeit und vielleicht sogar Argwohn erregt. Endlich, endlich sah er sie auf dem Wege herabkommen. Ohne bestimmten Plan, ohne im Grunde selbst zu wissen warum, ging er hinüber zu der Stelle, wo sie ihm zum ersten Male ihr Antlitz gezeigt hatte. Er ging ganz längsam etwa fünf Minuten, ohne den Mut zu finden, sich umzukehren. Endlich hörte er Frauenstimmen sich nähern. Es sauste ihm vor den Ohren vor Spannung. Ob es nur auch die richtigen Drei waren, die ihm auf dem engen Pfade folgten? Er hielt es nicht länger aus, sondern blieb stehen, um ein Ende zu machen, und bl'ckte gerade vor sich hin, als hätte irgend etwas seine Aufmerksamkeit erregt. Nun strich die erste vorbei, indem sie seitwärts in das Gras auswich. Eine zweite folgte knapp hinter ihr. Die dritte streifte ihn dicht, und er fühlte ihre Hand in seiner Tasche. Ihm war zu Mute, als müßte er auf der Stelle in Tränen ausbrechen. Regungslos folgte er dem Rhythmus ihres Ganges und ahnte die Linien ihres schlanken, schwanken Körpers— bis sie zwischen Pfefserbäumen und Akazien verschwand. Er sah sich nach ein wenig Schatten um. Nicht weit von ihm stand einsam eine wilde Feige. Er setzte sich an ihre Wurzel und las mit zitternden Händen Sultanas Brief. 24. Schon zweimal war Marcel an Si Hamzas Haus vorbei- gegangen. Es war unzugänglich und versperrt wie ein Gefängnrs, tot wie alle die anderen Häuser, die mit ihren weißen gleich- gültigen Mauern dastanden, ohne durch ein Fenster den Wunsch nach einer Verbindung mit der Welt zu erkennen zu geben. In der schmalen Gasse»vor es drückend still wie in einem Gefängnishofe. r• i Wie leicht auch Marcel aufzutreten versuchte, so meinte er seine Schritte dröhnen zu hören, so daß er das ganze Stadtviertel aus dem Sckilafe zu wecken fürchtete. Sein schlechtes Gewissen ließ ihn in der nächtlichen Stille beunruhigende Laute vernehmen. Es war wie zwischen Gräbern zu wandeln. Hier war etwas von der Stimmung, die er aus den nächtlichen Wanderungen mit seinen römischen Kameraden über die Via Appia kannte. Mit klopfendem Herzen blieb er stehen und lauschte, faßte neuen Mut und ging zum dritten Male an dem Hause vorbei. Da hörte er es wie ein leises Zischeln. Lautlos öffnete sich ein Türspalt, und er wagte näher- zutreten. „Jdja, ia Marcel!" flüsterte es. Eine in eine Mlahfa gehüllte Frauengestalt nahm ihn bei der Hand und bat ihn. die Stiefel abzunehmen. Ihre lautlosen Schritte verrieten, daß sie selbst barfuß war und weder klirrende Geschmeide noch Knöchelringe trug. Er hatte darauf gerechnet, in der Driba zu bleiben, wo es nicht weit zur Türe war, falls Si Hamza den schlechten Einfall hatte, sie zu überraschen. Aber das Weib, das, wie er bald erkannte, Mabruka sein mußte, führte ihn die Treppe hinauf in das unbenutzte Gemach im ersten Stockwerke. Er konnte nicht die Hand vor den Augen sehen, solgte jedoch blind seiner Begleiterin, bis sie in dem großen Salon standen. Hier ließ sie ihn los und schien sich zu entfernen. Ein neues Flüstern hieß ihn willkommen, und ehe er noch Zeit fand, sich auf das Wie und Was zu besinnen, hatte eine andere weibliche Gestalt ihn unter einer Fanfare von Schmeichelnamen und kleinen beißenden Küssen in die Arme geschlossen. Als er endlich glaubte, zu Worte zu kommen, verschloß sie ihm den Mund mit ihren Lippen in einer Hin- gäbe, die ihn zu ersticken drohte und kein Ende nehmen zu wollen schien. „Sind wir hier sicher?" waren die ersten Worte, die er hervorbrachte. Sultana lachte, an seine Brust geschmiegt, ausgelassen vor Glück, verwandelt, unkenntlich. Es war so unbändig, lustig, wie Marcel dastand, vor Schreck zitternd. „Wer sollte uns hören? Ueberdies steht Mabruka unten und horcht. Sollte Vaier wirklich kommen, so pfeift sie zuerst. Dann führe ich Dich zu einer Treppe, die auf die Terrasse geht. Vor dort springst Du auf das Nachbarhaus hinalv läufst über die nächsten drei Häuser hin, hüpfst auf die Straße hinab und machst Dich aus dem Staube. Aber ich rate Dir, lieber im Zickzack laufen, wenn Vater schießt!" Während sie diese letzten Worte hinzufügte, lachte sie spitzbübisch. Sie hatte den verwegen lustigen Ton aus ihrer Kindheit wiedergefunden. (Fortsetzung folgt.) Geistiger DieMtaKl. Im Jahrgang 1856 des„Kladderadatsch" findet flch ein„Toten- gespräch" zwischen dem eben in der Unlerwelt gelandeten Heinrich Heine und einigen dort schon länger bebcimateten erlauchten Geistern, die gerne etwas von der Oberwelt erführen. Unter anderen kommr Thusnelda, die Cheruslersürstin, und läßt sich von Börne vorstellen, und es entwickelt sich dann folgendes Gespräch:„Thusnelda: Sagen Sie einmal, mein Bester, was ist denn das für eine borribke Affäre mit der Komödie, die man aus meinem Sohn gemacht, und in der man uns so formidabel kompromittiert hat?— Heine: Sie meinen den„Fechter von Ravenna", meine Gnädige? Wie man behauptet, ist der echte Verfasser dieses Schauspiels ein Mann, der zu den wenigen lebenden Schriftstellern gebört, die auf den Namen eines deutschen Dichters Anspruch machen können. Nur Neid, Miß- gunst und bayerisches Bier können sein edles Talent verdächtigen.— Thusnelda: Der Schulmeister ist also der Plagiator?— Heine: Darüber herrscht in gewissen Kreisen kein Zweifel mehr.— Lessing: O du hohes, herrliches Gewölbe des unendlichen Himmels! Was ist aus der deutschen Literatur geworden?"--- Der Fall des„Fechters von Ravenna", auf den das obige Gespräch anspielt, wirbelte zu jener Zeit, also um 1855, sehr viel Staub auf. Der Dichter, Friedrich Halm, hatte das Werk dem Burglheater anonym eingereicht, und es war auch an- genommen worden. Auch die Aufführung erfolgte ohne Autor- ncnnung, und man riet hin und her nach dem Verfasser. Grill- parzer, der doch wohl etwas davon verstand, äußerte:„Das Stück konnten nur zwei Dichter gemacht haben: Halm oder ich; da ich nun weiß, daß es nicht von mir ist. muß es von Halm sein I Aber Halm leugnet hartnäckig." In Wirklichkeit ist das Werk vollkommen Halms geistiges Eigentum. Eines Tages aber macht ein bayerischer Schulmeister, Bacherl, der dem Burgtheater ein Stück,„Die Cherusker in Rom", eingesandt, Ansprüche an Halms Werk, das mit seiner durchaus unzulänglichen Arbeit wohl zufällige, im Stoffe bedingte Aehnlichkeiten aufwies. Journalisten sekundierten ihm, und für das Publikum war Bacherl der Dichter, als welcher er bei der Münchener Aufführung des„Fechter" auch gefeiert wurde. Halm haben die nun nicht mehr zum Schweigen zu bringenden Plagiatvorwürfe arg zugesetzt. Lustig ist, daß gerade Lesfing in obigem Totengespräch ausruft, „was ist aus der deutschen Literatur geworden", denn gerade gegen ihn ist vor einigen Jahrzehnten von irgend einen: herostratischen Gesellen, einem gewisseir Allbrecht, der in einem zehnbändigen Werke, das aber durch den Tod deS Urhebers an der Vollendung gehindert wurde, seine Behauptungen erhärten wollte, der Vorwurf gemacht worden, er habe sich in schamlosester Weise an fremdem geistigen» Eigentum vergriffen. So sollten„Der junge Gelehrte" aus 107. „Minna von Barnhelm' aus 319,„Miß Sara Sampton" aus 436, „Emilia Galotti" aus 499,„Nathan" aus 349 aneinander gehefteten Fetzen bestehen. Und Albrecht stellt die Parallelen aus Lessing und den angeblich Bestohlenen gegenüber. Solche Art des augenscheinlich Naren wiffenschaftlich korrekten Beweises hat etwas Bestrickendes, und wenn schon Hindeutungen auf Remniszenzen und Anklänge in der Be- sprechung eines Dichterwerks bei den Laien oft genug einen falschen Eindruck hervorzurufen geeignet find, so ist das Publikum den Plagiatvorwürfen, namentlich wenn sie mit auscheinenden Beweisen gedeckt sind, gegenüber vollkommen wehrlos. Die Tatsache sieht fest: Uebernahme geistigen Eigentums hat immer staltgefunden, und selbst die Größten haben sich nicht gescheut, das Gute zu nehmen, wo sie es fanden. Ihr Werk wurde ihre Recht- fertigung. Sie nahmen vielleicht von einem armen Schlucker einen Satz, eine Seite, eine Szene, die ihnen gut geformt schien und die sie gerade brauchen konnten und verpflanzten sie in ihr Werk, wo sie nun ewig blüht, während sie dort, an ihrem Urspruugsort, dunkler Vergessenheit anheimgefallen wäre. Es kam ihnen nicht daraus an, daß jedes Wort des Werks original geprägt sei, wenn nur der Geist, der das Ganze belebt, original und von keinem entlehnt war. In einer Abwehr der Allbrechtschen Arbeit heißt es mit Recht:„Wenn Allbrecht hunderte Gedankensetzen und Entlehnungen auch erforscht haben mag, für den Hauptpunkt ist er uns doch immer den Nachweis schuldig geblieben, woher Lesfing seinen Geist, seine Dichtkunst, seine blendende Stilistik „gestohlen" hat. Für diesen Formprozeß schien der literarische Nach- richler in Hamburg kein Verständnis zu haben, und doch liegt gerade hierin das Entscheidende des von ihm aufgeworfenen Streit- und Rcchtsfalles." Goethe, der selber eingesteht, daß er das Gute ge- nommen, wo es sich ihm bereit bot, entscheidet in dieser Angelegen- heit:„Der Dichter darf überall zugreifen, wo er Material zu seinen Werken findet, und selbst ganze Säulen mit ausgemeißelten Kapitälen darf er sich zueignen, wenn nur der Tempel herrlich ist, den er damit stützt." Frühere Zeiten kannten überhaupt nicht den Begriff des geistigen Eigentums in der rigorosen Auffassung, die wir damit verbinden. Das geistige Gut des Schriftstellers war sehr wenig geschützt. Motive wurden keck übernommen, wie die Wanderungen der mittel- alterlichen Novellenthemen zeigen von Boccaccio bis hinein in die deutschen Schwänke. Wie wenig für Shakespeare oder Moliöre ein Schutz der Urheberrechte existierte, weiß man aus der Literatur- geschichte. Alles lag bereit und jeder nahm fein Teil. Was lag an dem minderwertigen, fremden Bettelgut, wenn man selbst ein Besseres darüber ausbauen konnte. Die Steine, die zurecht gehauen sind, braucht man nicht neu zu behauen! eS kommt nicht auf den einzelnen Stein, sondern auf die Architektur des Ganzen an. Erst die Entwicklung der Schriftstellerei zu einem den wirt- schaftlichen Erwerbsbedingungen unterworfenen Beruf, ich möchte sagen: die Industrialisierung der literarischen Tätigkeit läßt nach stärkerem Schutz des geistigen Eigentums verlangen. Mit diesen neuen Zuständen tritt aber auch erst der eigentliche geistige Diebstahl in Aktion; denn die Aneignung im obigen Sinne ist kein Dieb- stahl. Heute wird selbst der Größte wohl vorsichtiger sein in der direkten Uebernahme von Fremdem; aber diese Uebernahme hat ihre vollkommene Rechtfertigung in der neuen, als geistige Konzeption doch durchaus selbständige Leistung eines Eigenen, eines Schöpfers. Der verwerfliche geistige Diebstahl charakterisiert sich durch die bewußte Absicht der Täuschung zwecks Erringung eines Vor- teils, sei eS ehrgeizige Lustbeftiedigung, sei es materieller Ge« winn. Fremdes wird einfach mechanisch übernommen, oder auch nachgeahmt, um es als Eigenes ausgeben und sich auf diese Art einen Nutzen verschaffen zu können. Je häßlicher nun die Formen des literarischen Wirtschaftskampfes in seiner gesteigerten Spannung werden, um so häßlicher werden auch die Formen des Plagiats. Betriebskräftige literarische Großindustrielle beuten die Arbeiten Schwächerer aus. Man braucht nur nach Frankreich hinüberzusehen, wo die arrivierten Herren der Bühne sich� ihre negres halten, ihre Schreibgesellen, die die Bühnenstücke auf den Namen ihrer Brotgeber zusammenkleistern. Oder der zu eigener Leistung Unfähige vergreift sich an fremder. Irgend jemand nimmt zum Beispiel ein bereits früher erschienenes Werk, das aber niemand kennt, verändert den Titel und schickt es an ein Journal. Das Werk, ein Roman, wird, wie es einmal geschah, gedruckt. Da meldet sich der wahre Urheber und das Blatt muß den Abdruck einstellen. Ein sogenannter Gelehrter schreibt ganze Essaybücher. Eines Tages kommt ein Literarhistoriker dahinter, daß diese Arbeiten aus älteren Werken jflatt abgeschrieben sind. Privatdozent Enders in Bonn hat einmal im„Lilerar. Echo" einen derartigen Fall nachgewiesen. Auch die schöne Kunst, Bücher oder Artikel aus Zitaten zu machen, ist nichts anderes als Plagiat. Auch daS bewußte Nichtkenntlichmachen von Zitaten rückt nicht weit davon ab. Häufig ist das Plündern von Uebersetzungen; gewöhnlich verrät fich der Dieb durch Uebernohme von llebersetzungsfehlern seines Vordermanns. Ost findet man in zwei Aufsätzen verschiedener Autoren Aehnlichkeit in wichtigen Konstruktionen..Natürlich" find die Arbeiten selbständig entstanden. Aber vielleicht ist in beiden ein gemeinsames Zitat, das nicht ganz genau wiedergegeben ist, und der Dieb sitzt im Eisen. So mag es tausend Möglichkeiten geben, durch die der Plagiator zu stemdem Gut kommt, um seine eigene Blösze damit zu decken. Was ihm den Mut gibt, ist der Gedanke, daß bei der beutigen literarischen Ueberproduktion der weitaus größte Teil des Geschriebenen und Gedruckten lautlos der Vergefienheit anHeim- fällt, und daß dieserart eine Entdeckung fast undenkbar ist. Auch haben die Zeit und ihre Menschen ein viel zu kurzes Gedächtnis. Sie merken nichts; und wenn fie etwas merken, vergefien fie's bald. Man kann wohl sagen: in der Plagiatstage entscheidet, ob die Aneignung im höheren, ideellen Interesse des Werkes oder um eines subjektiven Vorteils willen geschieht; ob es fich nur um eine Ein« fügung eines stemden Steines in ein im übrigen durchaus originelles Werk handelt, oder um die steche Zueignung einer stemden Kon- zeption, die durch die Uebernahme nicht zum Eigenen im schöpferischen Geist des Uebernehmendcn wird, sondern in ihrem ursprünglichen Gehalt durchaus unverändert bleibt. Im ersteren Falle sind nur die Maßstäbe der Kunst, die Leistungsmaßstäbe anwendbar. Die Vergehen der Schreibbeflissenen aber unterstehen dem bürgerlichen Urteil, und fie sind um so verachtungswürdiger, wenn man bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten der freischaffende Schriftsteller heute überhaupt zu kämpfen hat. Sticht alle Fälle von Verwandtschaft in literarischen Werken sind nun auf bewußte Aneignung, geschweige denn auf gefinnungSloien Diebstahl zurückzuführen. ES gibt auch eine ganze Anzahl von Fällen, in denen die Uebernahme unbewußt oder die Verwandt- schast von anderwärts her bedingt ist. Der krasseste Fall dieser Art von.Plagiat" ist die Krytomnese: das heißt eine Wortreihe prägt fich dem Gedächtnis ein, bleibt dort latent und wird eines Tages durch irgend einen Anlaß ans Licht gerufen. Der erste Ursprung ist vergeffen, und die Wortfolge wird als eigen gehörig reproduziert. Am leichtesten geschieht dies wohl mit Versen infolge der Einpräg- samkeit der Reimklänge. Verwandt ist diesem Vorgang die Reminiszenz. Nicht die Worte werden unvergeßlich ausgenommen, sondern die Stimmung, der seelische Gehalt, die Luft des Werkes wirkt weiter und wird zum Anstoß für ein neues Gebilde, das in Rhythmus und Färbung die Herkunst durchklingen läßt. Verwirrung stiften oft auch die Zettelkästen; man hat einen interessanten Satz notiert, aber nicht als Zitat gekennzeichnet. Eines TageS sucht man Material; die Notiz gerät einem zwischen die Finger; sie kommt gerade zurecht und man ist erstaunt.— daß man das schon einmal gedacht. Den Irrtum merkt man gewöhnlich zu spät. Als Goethe seine Gedickte sichtete, wußte er bei einigen Gedichten nicht, ob fie ihm oder irgend einem seiner Jugendfreunde gehörten. Auch da« ist eine Möglichkeit unbewußter Aneignung.— Andere Fälle von Ver- wandtschaft oder gar Gleichheit haben sodann Zufallscharakter. Z. B. können unter dem Reimzwang bei verschiedenen Autoren ähn- liche Gebilde hervortreten. Auch führt Gleichheit der Motive leicht zu Gleichheit der Behandlung. Der ganze Plagiatstreit um Sckön- herrS.Glaube und Heimat" läßt sich meines Erachtens von hier aus erledigen: das Motiv dichtet sich gleichsam selber. P. H. IVaturwUTcnrcbaftllchc Gcberflcbt. (vom Licht und Leben.) Man hat behauptet, daß letzten GrundeS alles Leben unserer Erde auf den Strahlen der Sonne, die durch den Weltenraum zu uns herüberdringen, beruht. Nicht mit Unrecht, denn untersuchen wir einmal die Frage, woher alle Nahrung, die wir oder irgend ein Tier zum Leben brauchen, stammt, so werden wir finden, daß wir sie der Arbeit d Pflanzenwelt verdanken. Zwar gibt es Tiere, die nur von animalischer Kost leben, aber dann sind wenigstens ihre Beutetiere oder die Beuletiere dieser letzteren auf pflanzliche Kost angewiesen; denn nur die Pflanzen und zwar nur die grünen Pflanzen vermögen ihren Bedarf an Nährstoffen unmittelbar aus der anorganischen Natur, aus der fie umgebenden Luft zu be- ziehen und daraus die Kohlehydrate und die höheren eiweißartigen Verbindungen auszubauen; die Tiere dagegen sind zu ihrer Ernährung aus bereits vorgebildete organische Verbindungen angewiesen. Man bezeichnet diesen Ernährungsvorgang der Pflanzen, der im wesentlichen darin besteht, daß die in der Luft enthaltene Kohlensäure aufgenommen, zerlegt und unter Abspaltung des Sauer- stoffes zu Kohlehydraten aufgebaut wird, als Assimilation. Nun kann sich aber der Assimilationsprozeß nur im Licht, nur unter der chemischen Einwirkung des Sonnenlichtes in den Blattgrünkörnern vollziehen, so daß unter diesem Gesichtspunkt die Sonne wirtlich die wahre Quelle unserer Nahrung ist. Doch nicht nur in dieser grundlegenden Beziehung, sondern auch in vielen speziellen Lebcnsäußerungen zeigt sich der tiefgreifende Ein- fluß des LicklcS auf Leben, Enrwickelung. Wachstum und Gestalt der Pflanzen. Wenn man beispielsweise Pflanzen im Zimmer zieht, be- merkt man bald, wie sich die Zweige und Blätter dem Fenster, dem Lichte zukehren und sich so stellen, daß die Blattoberflächen möglichst stark vom Licht getroffen werden. Diese Bewegungen, die den ganzen äußeren Habitus der Pflanze verändem können, werden also durch den Lichtreiz hervorgerufen. Welcpen Einfluß ferner das Lichk auf daS Pflanzenwachstum aus- übt. kann man sehr schön beobachten, wenn man Pflanzen unter Lichtabschluß, etwa im Keller, austreiben läßt. Jeder kennt die langen, dünnen, bleichen Triebe der Kartoffeln, die dem schwachen» durch das Kellerfenster eindringenden Lichte entgegenstreben. DaS auffallendste Merkmal an diesen.etiolierten" Keimen besteht in den» Fehlen des Blattgrüns. Darauf ist auch die eigentümliche bleiche Färbung zurückzuführen. Außer durch die unförmige Verlängerung der Stengel zeichnen sich solche»Ke.llerpflanzen" auch noch dadurch auS, daß ihre Blätter ausfallend klein bleiben. Worauf mögen wohl diese Abweichungen im Wachstum beruhen? Mau könnte an- nehmen, daß. da die Ässimilationslätigkeit ruht, daS Kleinbleiben der Blätter durch Nahrungsmangel bedingt wird. Wie verträgt sich aber mit dieser Erklärung das gesteigerte Wachstum der Stcngelglieder. Daß die Pflanzen im Dunkeln keine neuen NahrungS- Vorräte zu bilden vermögen, ist zwar richtig, aber daS in den pflanzlichen Geweben, namentlich in_ einer Kartoffelknolle aufgespeicherte Reservematerial, würde längere Zeit zu einem normalen Wachstum genügen. Der Grund muß daher anderswo zu suchen sein. Es handelt sich hier offenbar um eine Anpassungserscheinuug und zwar um eine sehr zweckmäßige, die viele Keime vor dem Untergang bewahrt. Nehmen wir z. B. den unter natürlichen Verhältnissen sicherlich häufig vorkommenden Fall an, eine auskeimende Pflanze würde von Erde, Steingeröll oder herabfallendem Laub verschüttet, so ist es für ihre Existenz am wichtigsten, sich trotz aller Hindernisse so schnell als möglich zum Lichte emporzuarbeiten. Die Entfaltung ihrer Assimilationsorgane, der Blätter, wurde dagegen, so lange sich die Pflanze im Dunkeln befindet, nichts nützen, ja die ausgebreiteten Blätter würden sogar das Vordringen durch die Erde hemmen. So sehen wir denn, wie alles verfügbare Baumaterial für das längere Wachstum der Stengel verwendet wird. Wie Julius Sachs hervorhebt, neigen nament- lich die Stengelorgane solcher Pflanzen zu übermäßig langem Wachs» tum im Dunkeln, die auck normalerweise ihre erste Anlage im Dunkeln erfahren. Ein treffendes Beispiel ist wieder unsere Kar- toffel, deren Triebe, wie wir hörten, im Dunkeln außerordentlich lang werden können, während sich die Knospen im Licht überhaupt kaum zu entwickeln vermögen. Man kann es sogar im Gegensatz zu der gewöhnlichen Meinung als allgemeine Regel aufstellen, daß das Licht hemmend auf daS Pflanzenwachstum einwirkt. Wenn wir eine Pflanze untersuchen, finden wir fast regelmäßig, daß die Schattenbläller unifangreicher sind, als die den grellen Sonnenstrahlen ausgesetzten. Um wieder ein Beispiel nach Sachs anzuführen, so werden die Blätter von Crocub vernus im Dunkeln etiva 30 Zentimeter lang, bei Beleuchtung jedoch nur etwa 10 Zentimeter. Wir finden dem- entsprechend auch, daß das stärkste Wachstum in der Nacht, und zwar gegen ihr Ende, das schwächste bei Tage bei Sonnenuntergang statt» findet. Daß sich die Folgen des Lichtreizes am inteusivsteii immer erst gegen Ende der Tag- und Nacklperiode geltend machen, hängt damit zusammen, daß die neuen Bedingungen erst eine Zeitlang an» halten müssen, um ihre Wirksamkeit zu äußern. Wie das Wachstum der Pflanze so ist auch ihre Form vielfach von dem Licht abhängig. Wir haben ja anfangs schon von den eigentümlichen Wachstumsbewegungen im Zimmer gehaltener, einseitig beleuchteter Pflanzen gesprochen. DaS gleiche kann man auch im Freien beobachten. Das eigen» tümliche Blattmosaik, das namentlich bei efeu- oder wein» überrankten Mauern zustande kommt(die Stengel der fich in der Tiefe entwickelnden Blätter strecken sich so lange, bis die Blatt» spreite zum Licht emporgehoben ist), gehört ebenfalls hierher. EineS der auffallendsten Beispiele solcher Formbeeinflu'snng bietet nament» lich der gemeine Feigenkaklus(Opuntia ficus inc ca), eine Cbarakter- pflanze der Minelmeerländer. Im normalen Zustande sind die Stengelglieder des Feigenkaklus außerordentlich stark abgeflacht, so daß sie von Laien meistens für die Blätter des Kaktus gehalten werden. Der Zweck dieser blatlartigen Verbreitung besteht in einer Vergrößerung der assimilierenden Oberfläche. Die Blätter der Opuntien hingegen sind rückgcbildet und zu Dornen umgewandelt. Zieht man nun diese Kakleen einige Zeit im Keller oder in eiuem verdunkelten Zimmer, so wachsen die Stengel zylindrisch, wie fie ur» sprünglich angelegt worden, weiter. Von einer Adflnchung ist nichts mehr an ihnen zu bemerken. Bei manchen Orchideenarten wieder führen die Wurzeln Blattgrün und übernehmen die Ausgabe von Blättern. So lange nun die Wurzeln in den Moospolstern der Baumzweige, aus denen die betreffenden Orchideen schmarotzen, ver-- borgen wachsen, sind sie ebenfalls von rundem Querschnitt, erst beim Heraustreten an das Licht, bei Beginn ihrer AssimilationStätigkeit flachen sie fich blatlartig ab. Einen noch besseren Beweis für die Abhängigkeit der Form» gestallung von dem Lichte ergibt ein einfacher Versuch mit eiuem kleinen Lebermoose(Marcbaiitia), das in vielen Gegenden in reicher Zahl auf feuchten Sandplätzen, Steinen oder auch aus Blumentöpfen gedeiht. Das Pflänzchen besitzt einen ziemlich umfangreichen ab« geplatteten Vorkeim iProtballium), dessen Oberseite sich in seine» Struktur auffällig von der Unterseite unterscheidet. Trotzdem ist eS bei den sogenannten Brutkörnern, ja selbst bei den jungen Keimen noch unbestimmt, welcher Teil sich zur Ober- und welcher zur Unter- feite des Thallus entwickeln wird. Setzt man die jungen Keimlinge jedoch zwei bis drei Tage dem Tageslicht aus, dann ist zwar an ihm noch keine Abflachung oder Differenzierung bemerk- bar, trotzdem ist es unu-iderrufllich bestimmt, dag sich die belichtete Seite zur Oberseite umwandelt. Der derhältuis- mästig kurze Beleuchtungsreiz hat genügt, um die Entwickclung ein für allemal festzulegen. Doch man braucht wirklich nicht nach Bei« spielen zu suchen: jeder Baum, jeder Strauch gibt uns Zeugnis von dem Einfluß des Lichts. Wir haben vorhin auf die Gröstendifferenz zwischen Schatten- und Sonnenblumen hingewiesen. Gleichzeitig weisen die Blätter aber auch in ihrer Struktur, wie Stahl und Haberland gezeigt haben, tiefgreifende Unterschiede auf. Bei den Sonnenblätteim besteht die Oberhaut aus größeren Zellen init stärkeren Austenwandungen, was sich schon äußerlich durch derbere Konsistenz bemerkbar macht. Dann zeichnen sie sich aber auch durch ein intensiveres Grün aus. Wie die mikroskopische Untersuchung zeigt, beruht das darauf, daß statt einer Lage blatlgrünfnhrender Zellen, wie wir das bei den Schattenblättern finden, sich bei den Sonnenblältern zwei oder gar drei derartige Zellschichten aus- gebildet haben. Und so ließen sich eine ganze Anzahl weitere Unterschiede anführen. Alle diese Abweichungen er- weisen sich bei genauerer Betrachtung wieder als äußerst zweck- mästige Anpassungen. Während nämlich im Schatten bereits die ein- fache Lage von Blattgrünzellen alles zur Assimilation brauchbare Licht aufnimmt, würde bei den Sonnenblättern bei nur gleicher Dicke der Absorptionsschicht ein größerer Teil werlvoller Energie nutzlos verloren gehen. Die Verstärkung der Oberhaut wiederum arbeitet einer übermäßigen Verdunstung des Waffergehaltcs der Blätter im Sonnenlichte entgegen. Einrichtungen zur Verhinderung einer gefahrbringenden Verdunstung sind ja bei Sonnenpflanzen überhaupt sehr verbreitet; ich erinnere nur an den dichten seidigen Haarüberzug aus den Blättern der meisten Alpenpflanzen Daß wirklich das Licht bei der Entwicklung dieses Haarüberzuges eine wichtige Rolle spielt, zeigen Beobachtungen an verschiedenen Meeres- algen, z. B. Fukusarten, die vielfach dem hellen Lichte ausgesetzt sind und dann ebenfalls einen solchen Haarpelz zur Ausbildung bringen. Dieser ist allerdings hier nicht als Schutz gegen Ver- dunstung, sondern vielmehr gegen die direkten. schädigenden Folgen einer zu intensiven Bestrahlung aufzufassen; im Schatten gehalten, bildet sich dieser Haarpelz rasch wieder zurück. Zum Schluß endlich noch ein anderes Beispiel. Wenn man in einen Blumentopf Hanf- oder Rapssarnen sät und die Pflänzchen, bevor sie noch die Erde durchbrochen haben, Ijerausnimmr, sieht man, daß das Vordcrendc des jungen Triebes nach unten gekrümmt ist. Erst in dem Augenblick, wenn die Erde durchbrochen wird, richtet sich der Spitzenteil auf und die Keim- blätter entfalten sich. Der Nutzen dieser Einrichtung besteht darin, daß die zarten Blattteile geschützt bleiben und der Widerstand bei dem Durchbrechen der Erde verringert wird. Wie Pringsheim in seinem kürzlich erschienenen interessanten Werke über die Reiz- bewegungen der Pflanzen schreibt,„würde ein vorzeitiges Gerade- strecken des gekrümmten Stengels und die Ausbreitung der Platt- organe den Widerstand so sehr vergrößern, daß der Keimling oder der junge Trieb in der Erde stecken bleiben würde'. Daß diese Auf- sassung zutreffend ist und daß auch in diesem Falle wieder das Licht die bewirkende Ursache für das Aufgeben der Keimlings- läge nach erfolgter Durchbrechung der Erde ist. bc- wies Pringsheim durch einen einfachen Versuch, den jeder leicht nachmachen kann. Er liest nämlich Samen von Jpomoea in Erde hinter einer Glasscheibe keimen, die dabei ein klein wenig ge- neigt war, damit die hervortretende Keimstengel sich ihr durch ihren positiven Geotropismus jSchwerkraftwirkungs anschmiegten und fichtbar blieben.„Wurde dann ein Teil der Keimlinge durch die Glasscheibe hindurch dem Tageslichte ausgesetzt, ein anderer Teil aber durch schwarzes Papier verdunkelt, so resultierte nach einiger Zeit folgendes: Die verdunkelten Pflänzchen zeigten schöne Nutation «Krümmung) und durchbrachen die lockere Erde ganz leicht.' die be- lichteten aber suchten die Cotyledonen(Keimblätter) auszubreiten und den Stengel aufzurichten; beides gelang ihnen nicht. Der ver- größerte Widerstand bewirkte, daß der wachsende Keimsiengel sich vielfach gewunden hin- und herbog. anstatt senkrecht aufwärts zu stoßen.' Wenn ich jetzt noch bemerke, daß auch viele Bewegungen der Pflanze, das Oeffnen und Schließen der Blüten, die Schlaf- bewegungen der Blätter vielfach vom Lichte bedingt werden, so ist damit dessen Einfluß auf die Lebensweise der Pflanzen hinreichend gekennzeichnet. Wie außerordentlich manche Gewächse selbst auf geringfügige Lichtschwankungen reagieren, zeigt unter anderem der bekannte Sauerklee(Oxalss acetosella), der bereits bei vorüber- gehender Bewölkung des Himmels seine Blüten schließt und den Blattstengel wie bei der Schlasbewegung nach abwärts krünimt. Klcirns f emllcton. Slstrononiisches. Die Leuchtkraft der Sonne schildert Prof. Marcuse in seiner soeben erschienenen„Himmelsknnde'(in der Sammlung Wissen- fchast und Bildung, Verlag von Quelle u Meyer, Leipzig) in folgen- der anschaulicher Weise: Es ist von besonderem Interesse, sich über die Kraftwirkungen dieses riesigen Zentralkörpers unseres Planetensystems womöglich eine zahlenmäßige Vorstellung zu machen. Zunächst das Sonnen- licht. AuS photometrischen Messungen folgt, daß ein von der Sonne bei ganz klarem Himmel beschienenes Blatt Papier ebenso hell be- leuchtet wird, als wenn eine irdische Lichtquelle von etwa 300000 Normalkerzenstärke in einem Meter Entfernung vom Papier aufgestellt ist. � Die kräftigste Bogenlampe der elektrischen Technik liefert un- gefähr 10 000 Kerzenstärken. Diese Lampe müßte bis aus 20 Zentimeter einem weißen Stück Papier nahe gebracht werden, um dieses gleich hell zu beleuchten, wie das Sonnenlichr es tut. Die Lichtquelle am Himmel befindet sich aber nicht in 2/10 Meter Entfernung vom Papier, sondern in ISO OOO Millionen Meter. Man findet daher unter Be- rllcksichtigung des photometrischen Gesetzes hon der Abnahme der Lichtintcnsität proportional dem Quadrat der Entfernung, daß die Leuchtkraft der Sonnenoberfläche die ungeheure Energiemenge von 27 000 Millionen Meterkerzen darstellt. Bedenkt man ferner, daß unsere Atmosphäre über die Hälfte des Sonnenlichtes absorbiert, so findet man für die Sonne eine Energiemenge von 54 000 Millionen Kerzen, von der nian sich kaum eine Vorstellung machen kann. Noch gewaltiger ist aber die Arbeit, die von den dunklen Wärmeswahlen der Sonne auf der Erde geleistet wird. Eine schwarze, einen Quadratmeter große Fläche, eine Sekunde lang den Wärmestrahlen der Sonne ausgesetzt, erhöht ihre ursprüngliche Wärmemenge um 8/10 Kalorien. Eine Kalorie ist bekanntlich die Wärmemenge, welche notwendig ist, um 1 Kilogramm Wasser von 0 Grad auf 1 Grad zu erwärmen. Rechnet man diese Leistung in Kraft um, so folgt hier eine Arbeit von etwa 1,7 Pferdekräften (eine Pferdekraft ist die Kraft, die 75 Kilogramm in einer Sekunde 1 Meter bocbhebt). Die Hälfte der Wärmestrahlen wird noch von der Atmosphäre verschluckt. ES leistet also die Sonnenwärme ans 1 Quadratmeter in einer Sekunde die Arbeit von 3,4 Pferdestärken. Nun ist die Entfernung der Sonne aber nicht 1, sondern 150000 Millionen Meter von der Erde. Berechnet man hiernach die wirk« liche Arbeit der Sonnenwärme 1 Meter von der Sonnenoberfläche entfernt, so findet man pro Quadratmeter und Sekunde die Zahl von 157 000 Pferdestärken. Die ganze Sonnenoberfläche ist aber 53 Millionen Quadratmeter groß, daher ergibt sich � für die Arbeit, die die Sonnenstrahlen leisten, die ungeheuere Zahl von einer Quadrillion Pferdestärken. DaS ist eine Zahl, von der man sich keine richtige Vorstellung machen kann. Aber wenn man die Kraft- mengen dem Verständnis näher bringen will, so kann man diese Arbeit aus unsere Atmosphäre spezialisieren und z. B. ausrechnen, welche Wärmearbeit aus der Erdoberfläche von der Sonne geleistet wird. Die Erde kann als eine große Kraftmaschine angesehen werden, die am Acquator erwärmt und an den Polen abgekühlt wird. Nua lehrt die Meteorologie, daß jährlich etwa 700 Billionen Kubikmeter Wasser in den Aequatorgegenden durch die Tätigkeit der Sonne ver- dampfen und»ach den Polen transportiert werden. Wenn man diese Wassermenge über ein Areal von der Größe Europas verteilt, so käme ein Meer mit einer Tiefe von öS Metern heraus. Dos ist eine ungeheure Arbeit, die die Sonne jährlich allein auf der Erde vollbringt oder, wenn man die Dimensionen unseres Platteten ver- gleicht mit dem Räume, den die anderen Planeten einnehmen, im 3000 Millionsten Teile des Sonnensystems. Technisches. Wasserstoffgas. Die höchsten Hitzegrade, welche wir außer dem elektrischen Lichtbogen kennen, werden mittels der Knallgas- flamme erzeugt. Dieses Knallgas wird durch Zusammenleiten von Sanerstoffgas und Waiicrstoffgas erzeugt und entwickelt beim Ver- brennen eine so große Hitze, daß ein vor ihr aufgestelltes Stück Kalk zur Weißglut kommt und intensiv leuchtet. In dieser Weise hat man, ehe man noch eine Ahnung von dem elektrischen Pogenlicht in seiner heutigen Vollkommenheit hatte, ähnliche Effekte erzielt, wie mit dem Bogenlicht. Indessen war der Betrieb sehr teuer und keinesfalls ungefährlich, da diese beiden Gase, wenn sie miteinander vermischt werden, äußerst explosiv sind. Die moderne Melall- bearbeiiungsindustrie verwendet viel Wasserstoffgas zum Schmieden und Schweißen von Metallen, im sogenannten Sauerstoffgebläse, dem selbst die schwersten Panzerplatten nicht standzuhalten vennögen. Auch in der Luftschiffahrt spielt das Gas eine große Rolle, da es das speziftsch leichteste GaS ist, das wir kennen. Verwendbar für alle diese Zwecke ist aber daS Wasserstoffgas erst geworden, nachdem es gelungen ist. es in größeren Massen billig herzustellen. Während man früher lediglich den einen Weg hatte, durch Zersetzung von Metallen mittels Säuren, zumeist Zinkabsällen und Schwefelsäure, dieses Gas zu erzeugen, wird es heule meist durch elekirolytische Zersetzung von Wasser gewonnen. Chemisch reines Wasser besteht nämlich aus Wasserstoff und Sauerstoff, im Verhältnis von 2: l, und das Wasier zerlegt sich bei Durchleiten eines starken elektrischen Stromes in diese beiden Gase, die getrennt aufgefangen werden können. Aber nicht nur die Möglichkeit der ver- hälruismäßig billigen Erzeugung hat der Industrie dieses GaS zu- gänglich gemacht, sondern vielmehr erst die Erfahrungen, die man in der Komprimierimg, in der Verflüssigung der Gase gemacht hat. Und gerade das Wasserstoffgas stellt die höchsten Anforderungen, da es erst bei— 234 2 C. und 20 Armospären Druck flüssig wird, während eine Verflüssigung von Kohlensäure noch bei-ft 31� C., dann aber allerdings erst bei 74 Atmosphären Druck gelingt. Lerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: LorwarlsBuchöruckere: u.VerIagsanstiiltPaulSingcr>dEo.,BerllnLVs.-